Klei­ne Bei­trä­ge zur Her­zens­bil­dung (1)

Ein In­ter­view mit Leo­pold Fe­der­mair, ge­führt von Ma­sa­hi­ko Tsu­chi­ya ‑1. Teil

Ma­sa­hi­ko Tsu­chi­ya: Du bist Au­tor, Über­set­zer und Kri­ti­ker. Wie un­ter­schei­dest du dich von­ein­an­der und wel­che Be­zie­hun­gen habt ihr zu­ein­an­der? Kannst du zu ant­wor­ten ver­su­chen, ob­wohl dir die Un­ter­schie­de viel­leicht nicht be­wusst sind?

Leo­pold Fe­der­mair: Bei der Lek­tü­re von so­ge­nann­ten in­ter­kul­tu­rel­len Schrift­stel­lern, die die Spra­che ge­wech­selt ha­ben und in­fol­ge­des­sen in ei­ner Fremd­spra­che schrei­ben, ha­be ich be­merkt, daß ei­ni­ge von ih­nen die sprach­li­chen Feh­ler, zu de­nen sie nei­gen, ab­sicht­lich pro­duk­tiv ma­chen. Die Fremd­spra­chig­keit wirkt auf ih­ren Stil. Das schicke ich vor­aus, weil ich dei­ne For­mu­lie­rung «Wie un­ter­schei­dest du dich von­ein­an­der?« äu­ßerst an­re­gend fin­de. Ich bin ich, aber ich bin auch ein an­de­rer, oder meh­re­re an­de­re. Ich be­stehe aus die­sen an­de­ren. Rim­bauds Satz »Je est un aut­re« ist heu­te schon ziem­lich ab­ge­dro­schen. Ich bin nicht ein an­de­rer, son­dern meh­re­re. Der Rei­he nach und gleich­zei­tig. Das ge­fähr­det nicht un­be­dingt die Ein­heit der Per­son (kann aber vor­kom­men, die­se Ge­fähr­dung).

Die drei Ak­ti­vi­tä­ten, die du nennst, wa­ren für mich nie streng ge­trennt. Al­le drei sind ver­schie­de­ne Be­rei­che von Li­te­ra­tur. Was ich ein­mal so­gar als Ti­tel für ei­nen klei­nen Auf­satz schrieb, muß ich im­mer wie­der be­kräf­ti­gen: DER ÜBERSETZER IST EIN AUTOR. Ei­ni­ge hal­ten das oh­ne­hin für ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Ich sto­ße aber im­mer wie­der, auch jetzt vor kur­zem wie­der, auf Leu­te im Li­te­ra­tur­be­trieb, die das über­haupt nicht so se­hen. Man­che Ver­lags­leu­te hal­ten die Über­set­zer für Kü­chen­ge­hil­fen in ih­rem gro­ßen Be­trieb. Ent­spre­chend be­han­deln und be­zah­len sie sie.

In Be­zug auf Li­te­ra­tur­kri­tik war ich im­mer der An­sicht, daß ei­ne gu­te Kri­tik ei­ne klei­ne li­te­ra­ri­sche Form rea­li­siert. Als Kri­ti­ker muß ich häu­fig nach­er­zäh­len, Stim­mun­gen und Ein­drücke wie­der­ge­ben, Aus­ge­sag­tes ver­dich­ten. Ich ha­be nur be­grenz­ten Raum zur Ver­fü­gung, muß aufs We­sent­li­che zie­len, darf nicht zu sehr schwei­fen. Sub­jek­ti­ve Ein­drücke ver­sucht der Kri­ti­ker so zu ver­mit­teln, daß sie ei­ne All­ge­mein­heit in­ter­es­sie­ren oder auch über­zeu­gen. Das ist ei­ne li­te­ra­ri­sche Ak­ti­vi­tät, je­den­falls so, wie ich sie be­trei­be. Bei ei­nem Au­tor wie Jor­ge Lu­is Bor­ges ak­zep­tiert man selbst­ver­ständ­lich, daß in sei­nen ge­sam­mel­ten Wer­ken auch ein Band mit Kri­ti­ken ent­hal­ten ist, und ei­ner mit Vor­wor­ten.

Die, die am streng­sten tren­nen wol­len, sind mei­stens Aka­de­mi­ker, Uni­ver­si­täts­leu­te. In Eu­ro­pa ge­nau­so wie in Ja­pan. In den USA hat man an den Unis auch Platz für Schrift­stel­ler, und sie müs­sen sich in die­ser Ei­gen­schaft nicht ver­leug­nen.

Ich glau­be, daß ich als Au­tor ei­ne ähn­li­che Po­si­ti­on ha­be wie Laf­ca­dio Hearn vor über hun­dert Jah­ren. Auch Hearn war üb­ri­gens Über­set­zer (aus dem Fran­zö­si­schen). Und er hat für Zei­tun­gen ge­ar­bei­tet. Er leb­te in ganz ver­schie­de­nen Län­dern, war im­mer neu­gie­rig und hat­te die­sen eth­no­lo­gi­schen Blick. Er wur­de nie voll an­er­kannt, blieb im­mer Au­ßen­sei­ter. In Öster­reich ha­ben wir ei­nen Au­tor, der sich von vorn­her­ein als Universal­genie »po­si­tio­nier­te«, wie man heu­te sagt. Das konn­te und woll­te ich nie, auch des­halb, weil ich nicht glau­be, daß es noch Uni­ver­sal­ge­nies ge­ben kann. Des­halb ha­be ich das Kon­zept ei­ner »trans­ver­sa­len Äs­the­tik« ent­wickelt, in Op­po­si­ti­on zur glo­ba­li­sier­ten, glo­ba­li­sie­ren­den Kul­tur. In­ter­es­sant ist für mich nur, kon­kre­te Punk­te, Or­te, Wer­ke, Men­schen mit­ein­an­der zu ver­bin­den. All­ge­mei­ne Sche­ma­ta fin­de ich nicht in­ter­es­sant. Das Pro­blem für Leu­te wie Hearn und mich ist, daß man uns im­mer aufs Neue in Schub­la­den steckt: der Jour­na­list, der Be­schrei­bungs­künst­ler, der Sach­ver­stän­di­ge der neu­en fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phie, der Über­set­zer, der Ja­pano­phi­le, der Pro­fes­sor usw. Nein! Wir sind vie­les und wis­sen das Vie­le un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Wir sind ein plu­ra­les Sub­jekt.

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Esther Kinsky/Martin Chal­mers: Ka­ra­dag Ok­to­ber 13

Esther Kinsky/Martin Chalmers: Karadag Oktober 13
Esther Kinsky/Martin Chal­mers:
Ka­ra­dag Ok­to­ber 13
»Ka­ra­dag Ok­to­ber 13« lau­tet der Ti­tel ei­nes Reise­erzählungsbands von Esther Kin­sky und Mar­tin Chal­mers, und ob­wohl die Rei­se, die zu die­sen »Auf­zeich­nun­gen von der kal­ten Krim« führ­ten, erst zwei Jah­re zu­rück­liegt, wirkt das Buch fast schon hi­sto­risch. Zum ei­nen ge­hört die Krim seit Früh­jahr 2014 nicht mehr zum Ho­heits­ge­biet der Ukrai­ne. Und zum an­de­ren ist mit Mar­tin Chal­mers ei­ner der Mit­rei­sen­den und Mit­au­toren des Bu­ches im Ok­to­ber 2014, ein Jahr nach der Rei­se mit Esther Kin­sky, ver­stor­ben. Da Chal­mers sei­ne No­ti­zen für das Buch nicht mehr ausformu­lieren konn­te, hat Esther Kin­sky, wie sie in ei­nem kur­zen Nach­wort er­klärt, die skiz­zen­haf­ten Auf­zeich­nun­gen ent­spre­chend be­las­sen.

Da­bei hat­te Esther Kin­sky ih­re Rei­se­im­pres­sio­nen – un­be­rührt der po­li­ti­schen Ak­tua­li­tä­ten – schon im Au­gust 2014 in Nor­bert Wehrs »Schreib­heft« (Aus­ga­be Nr. 83) un­ter dem Ti­tel »Kur­ort­ne Ok­to­ber 13« pu­bli­ziert. Für das vor­lie­gen­de Buch hat sie ih­re Tex­te ent­spre­chend um­ge­ar­bei­tet und er­gänzt. Aus dem »ich« wur­de ein »wir«. Und sie kom­men­tiert ge­le­gent­lich das Zu­sam­men­sein mit Chal­mers (»M.«) und des­sen Re­ak­tio­nen. Ty­po­gra­phisch in ei­ner an­de­ren Schrift ab­ge­setzt er­zählt Chal­mers das Ge­sche­hen eben­falls, so dass der Le­ser von den glei­chen Er­leb­nis­sen manch­mal leicht di­ver­gie­ren­de Ein­drücke er­hält. Kin­sky ist die prä­zi­se­re Be­ob­ach­te­rin, wäh­rend Chal­mers et­was häu­fi­ger hi­sto­ri­sche Al­le­go­rien wie den Krim­krieg in sei­ne Be­ob­ach­tun­gen ein­flie­ßen lässt. Zum Ab­schluss ei­nes je­den Ka­pi­tels (bis auf Ka­pi­tel 11) fol­gen dann noch in kur­si­ver Schrift Aus­schnit­te aus »The Rus­si­an Shores of the Black Sea«, den Rei­se­er­zäh­lun­gen von Lau­rence Oli­phant (1829–1888), der im Herbst 1852 die Krim be­sucht hat­te. Kin­sky hat die­se Stel­len ins Deut­sche über­setzt.

Bei­de, Kin­sky und Chal­mers, neh­men zu­wei­len di­rekt Be­zug auf Oli­phants Buch. Kin­skys Be­wer­tun­gen sind durch­aus am­bi­va­lent. So at­te­stiert sie Oli­phant, das Buch mit »sar­ka­sti­scher Ver­ach­tung« und »her­ab­las­send« ge­schrie­ben zu ha­ben. Der Bri­te ver­ach­te­te die be­reits da­mals auf der Krim do­mi­nie­ren­den Rus­sen, wäh­rend er die Ta­ta­ren als den Rus­sen weit über­le­gen dar­stell­te. Tat­säch­lich wirkt Oli­phants Text heut­zu­ta­ge an ei­ni­gen Stel­len jour­na­li­stisch-über­heb­lich.

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Kas­per­le­thea­ter

Ent­ge­gen al­len Be­teue­run­gen ist die auf Form und Spra­che ach­ten­de, ar­gu­men­ta­tiv-ver­glei­chen­de Li­te­ra­tur­kri­tik im Zei­tungs­feuil­le­ton längst auf dem Rück­zug. Statt­des­sen wird ei­nem bio­gra­phi­sti­schen Li­te­ra­tur­jour­na­lis­mus ge­hul­digt, haupt­säch­lich be­stehend aus In­ter­views, »Home Sto­ries« und an­de­ren, oft ge­nug au­ßer­li­te­ra­ri­schen Re­fe­ren­zen. Die Tri­via­li­sie­rung der Li­te­ra­tur­kri­tik im Fern­se­hen schrei­tet al­ler­dings noch stär­ker vor­an. An der Neu­auf­la­ge des »Li­te­ra­ri­schen Quar­tetts« ist das gut sicht­bar. Nach drei Sen­dun­gen kann man sich da­hin­ge­hend ein Ur­teil bil­den, dass das zar­te Hoff­nungs-Pflänz­chen mit dem Na­men »Das Gan­ze ist mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le«, wel­ches man in An­be­tracht der drei stän­di­gen Dis­ku­tan­ten im Som­mer noch heg­te, an aku­ter Lieb­lo­sig­keit ein­ge­gan­gen ist.

Kur­zer Blick zu­rück

Na­tür­lich war die Hy­po­thek des Reich-Ra­nicki-Quar­tetts sehr hoch. Sie wird nicht klei­ner da­durch, dass man den Ti­tel bei­be­hielt (die Ver­su­chung, ei­nen »Kult« wie­der­zu­be­le­ben, war wohl zu groß). Ver­ges­sen oder ver­drängt wur­de auch, dass sich mit der Dau­er der Rei­he die Dis­kus­sio­nen un­ter Reich-Ra­nicki im­mer mehr in Rich­tung En­ter­tain­ment ent­wickel­ten. Nach fünf Sen­dun­gen stieg Jür­gen Bu­sche aus, der das Ge­fühl sei­ner in­tel­lek­tu­el­len Über­le­gen­heit nicht mehr ver­leug­nen woll­te und lie­ber Re­den­schrei­ber für Ri­chard von Weiz­säcker wur­de. Die ge­stan­de­ne Li­te­ra­tur­kri­ti­ke­rin Kla­ra Ober­mül­ler hielt nur zwei Sen­dun­gen aus. Von da an ent­wickel­ten sich in der Stamm­be­set­zung Reich-Ra­nicki, Ka­ra­sek und Löff­ler mit der Zeit meist leicht vor­her­seh­ba­re In­ter­ak­tio­nen, die es für die vier­te Per­son schwer mach­te, sich ein­zu­fü­gen, zu­mal Reich-Ra­nicki als Mo­de­ra­tor das letz­te Wort häu­fig für sich re­kla­mier­te.

Am En­de soll­te den Zu­se­her nur in­ter­es­sie­ren, ob das Buch was »taugt«, wie sich der Mo­de­ra­tor aus­drück­te, und man dann zum näch­sten »Fall« wei­ter­ge­hen kön­ne. Als Löff­ler ein­mal das Wort »Fall« sanft kri­ti­sie­rend wie­der­hol­te, sah man Un­ver­ständ­nis ob sol­chen Fein­ge­fühls. Da­mit war man lan­ge vor Face­book-Dau­men und Ama­zon-Stern­chen Trend­set­ter: Reich-Ra­nicks »Ge­fällt mir« galt in Small­talks und auf Par­tys als Gottes­urteil. Mehr woll­te man nicht wis­sen; war­um es ge­fällt (oder auch nicht), war für den klas­si­schen Zwei-Buch-im-Jahr-Le­ser ent­behr­lich. Am En­de stol­per­te dann Sig­rid Löff­ler über die Wucht der Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on. Als sie bei der Lob­hu­de­lei auf Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi Alt­her­ren­lü­stern­heit dia­gno­sti­zier­te und auf li­te­ra­ri­sche Kri­te­ri­en poch­te, wur­de sie ad ho­mi­nem an­ge­grif­fen. Da­mit war die Sen­dung ih­rer letz­ten li­te­ra­risch-po­ten­ten Fi­gur ver­lu­stig ge­gan­gen; Iris Ra­disch als Nach­fol­ge­rin blieb sich da­hin­ge­hend treu, in Ar­ti­keln und Re­zen­sio­nen zu pol­tern. In der Fern­seh­sen­dung nahm sie sich zu­rück.

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Nor­bert W. Schlin­kert: Stadt, Angst, Schwei­gen

Norbert W. Schlinkert: Stadt, Angst, Schweigen
Nor­bert W. Schlin­kert:
Stadt, Angst, Schwei­gen
Es ist Frei­tag­abend in Ber­lin. Ein Mann er­war­tet bis Sams­tag­mit­tag (»Sonn­abend«) ei­nen An­ruf von sei­nem HNO-Arzt (na­mens Kof­ler), ei­ner Ka­pa­zi­tät. Es geht dar­um, ob er Kehl­kopf­krebs hat oder nicht. Der er­war­te­te An­ruf geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er ist schlaf­los, be­kommt Hun­ger, streift durch die Stadt, be­sucht je­doch kein Lo­kal, son­dern stat­tet sei­ner Fi­ma und sei­nem Arzt ei­nen nächt­li­chen Be­such ab, er­kun­det die Fas­sa­de der Woh­nung nebst La­bor und das na­tür­lich al­les un­be­merkt. Er sieht ihn so­gar am frü­hen Mor­gen wie er mit sei­ner Sprech­stun­den­hil­fe im La­bor ar­bei­tet. Hung­rig, dur­stig, mit Bla­sen an den Fü­ßen tau­melt er mit letz­ter Kraft nach Hau­se:

»Er er­reich­te den Ku’­damm, ich müss­te links ge­hen, will ich zum Pots­da­mer Platz, ich ge­he ei­nen gro­ßen Bo­gen, dach­te er, an­de­rer­seits, was soll ich aus­ge­rech­net am Pots­da­mer Platz, es gibt kei­nen Grund, aus­ge­rech­net zum Pots­da­mer Platz zu ge­hen, al­so ge­he ich ge­ra­de­aus, hät­te ich di­rekt in mei­ne Woh­nung ge­wollt, so hät­te ich an­ders zu ge­hen ge­habt, ja ich hät­te ge­nau ge­nom­men mei­ne Woh­nung nicht ein­mal wirk­lich ver­las­sen, al­so nur kurz ver­las­sen müs­sen, über die Stra­ße na­tür­lich schon, zum Im­biss, den ich vom Er­ker­fen­ster aus se­hen kann, ich hät­te hin­über­ge­hen kön­nen in Haus­schuhen, von dort ist mei­ne Woh­nung zu se­hen, ich kann mei­ne Woh­nung se­hen, wenn ich dort im Im­biss et­was zu Es­sen be­stel­le, in Haus­schu­hen und in mei­ner Haus­jop­pe dort ste­hend, das kratzt in Ber­lin kei­ne Sau, dach­te er […], ich bin ein Idi­ot, dach­te er, war­um sit­ze ich nicht in mei­ner Woh­nung und er­war­te ru­hig den An­ruf, den ich er­war­te, das fra­ge ich mich!«

Es ist mitt­ler­wei­le Sonn­abend früh. Ge­ra­de er­reicht er sei­ne Woh­nung. Und da gibt es ei­nen An­ruf. Das ist das Set­ting von »Stadt, Angst, Schwei­gen«. 126 Sei­ten. Ei­ne Lek­tü­re für ei­nen Abend.

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Ri­chard Ford: Frank

Richard Ford: Frank
Ri­chard Ford: Frank

In sei­nen bis­her er­schie­ne­nen drei Frank-Bas­com­be-Ro­ma­nen »Sport­re­por­ter« (1986/dt. 1989), »Unab­hängigkeitstag« (1995) und »Die La­ge des Lan­des« (2006/2007) er­zähl­te Ri­chard Ford nicht nur die per­sön­li­chen Er­eig­nis­se sei­ner (fik­ti­ven) Haupt­fi­gur, die in drei Jahr­zehn­ten in ei­nem fast ty­pi­sche ame­ri­ka­nisch an­mu­ten­den Prag­ma­tis­mus so un­ter­schied­li­che Be­ru­fe wie Schrift­stel­ler, Sport­re­por­ter und schließ­lich Im­mo­bi­li­en­mak­ler aus­üb­te, son­dern ver­mit­tel­te im­mer auch ein ent­spre­chen­des zeit­hi­sto­ri­sches Bild des po­li­ti­schen und so­zia­len Zu­stan­des der USA. Frank Bas­com­be muss­te per­sön­li­che Schick­sals­schlä­ge über­win­den (sein Sohn starb als 10jähriger an dem Reye-Syn­drom, was sei­ne Ehe nicht über­stand und die Schei­dung zur Fol­ge hat­te) und dann schien er es No­vem­ber 2000, mit Mit­te 50, als »Die La­ge des Lan­des« spielt, end­lich »ge­schafft« zu ha­ben. In den Clin­ton-Jah­ren ge­lang es ihm durch Cle­ver­ness, Hart­näckig­keit und Glück in die obe­re Mit­tel­schicht auf­zu­rücken. Er war neu ver­hei­ra­tet, das Ver­hält­nis zu sei­nen Kin­dern nor­ma­li­sier­te sich, die Ge­schäf­te lie­fen her­vor­ra­gend. Aber dann kam der Pro­sta­ta-Krebs. Un­er­war­tet auch, als wie aus dem Nichts der ehe­ma­li­ge Lieb­ha­ber sei­ner neu­en Frau auf­tauch­te. Und als wä­re dies noch nicht ge­nug, wur­de er auch noch in ei­ne Schie­sse­rei ver­wickelt. Der Ro­man spielt im In­ter­re­gnum des Jah­res 2000 – es war im­mer noch nicht klar, ob nun Al Go­re oder Ge­or­ge W. Bush der neue Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka wür­de. In­tui­tiv spürt Frank, dass die Zei­chen auf Ver­än­de­rung stan­den. Viel­leicht platzt bald die Im­mo­bi­li­en­bla­se. Wie geht es mit ihm ge­sund­heit­lich wei­ter? »Die La­ge des Lan­des« war ein gro­sses, epi­sches Werk vol­ler Me­lan­cho­lie, aber auch Sinn für die Schön­heit des Le­bens, ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on der­bem, aber doch gut­mü­ti­gem Witz und ei­ner fi­li­gra­nen wie lehr­rei­chen Ver­schmel­zung von Fa­mi­li­en- und Zeit­ge­schich­te, wie es sel­ten zu le­sen ist.

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Bil­der­streit

Auf­ge­schreckt durch die Kla­ge des Mann­hei­mer Mu­se­ums ge­gen Wi­ki­me­dia Foun­da­ti­on und Wi­ki­me­dia Deutsch­land we­gen der an­geb­lich wi­der­recht­li­chen Ver­wen­dung von Fo­tos ge­mein­frei­er Bil­dern auf ih­ren Sei­ten ha­be ich be­schlos­sen, al­le Bei­trä­ge, in de­nen ich Bil­der von Kunst­wer­ken ver­wen­det ha­be, die ich ent­we­der sel­ber ab­fo­to­gra­fiert hat­te oder de­ren Her­kunft un­klar ist, zu­nächst ein­mal aus dem An­ge­bot des ...

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Ul­rich Grei­ner: Das Le­ben und die Din­ge

Ulrich Greiner: Das Leben und die Dinge
Ul­rich Grei­ner: Das Le­ben und die Din­ge
»I am a ra­ther el­der­ly man.« So lau­tet der er­ste Satz von Her­man Mel­vil­les »Bart­le­by, the Scri­ve­ner«; deutsch: »Bart­le­by, der Schrei­ber«. Im kur­zen Vor­wort zu sei­ner Au­to­bio­gra­phie ha­dert Ul­rich Grei­ner mit den ver­schiedenen Über­set­zun­gen die­ses Sat­zes. Kei­ne da­von, ob »äl­te­rer Mann«, »be­jahr­ter Mann« oder »Mann in recht vor­ge­rück­tem Al­ter«, schei­nen ihm ge­glückt. Wie Grei­ner »el­der­ly« über­set­zen wür­de, sagt er nicht. Aber wenn man sein Buch ge­le­sen hat, dann ahnt man es viel­leicht.

Un­ge­wöhn­lich die­ses kur­ze Vor­wort in der Er-Form. Es ist der Ver­such, noch ein­mal ei­ne klei­ne Di­stanz her­zu­stel­len zu dem, was dann un­wei­ger­lich »Ich« ge­nannt wer­den wird. Der Mann, der sei­ne schwar­zen An­zü­ge nur noch zu Trau­er­fei­ern be­nutzt. Die so­ge­nann­ten »Ein­schlä­ge«, die nä­her­kom­men. Die Er­in­ne­run­gen, die im­mer mehr ver­blas­sen und vor dem end­gül­ti­gen Ver­schwin­den er­ret­tet wer­den sol­len.

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Lau­ter Über­ra­schun­gen

»Al­les Lü­ge oder was?« lau­te­te der fe­sche Ti­tel der ARD-Do­ku­men­ta­ti­on, die zei­gen soll­te, »wenn Nach­rich­ten zur Waf­fe wer­den«. Klaus Sche­rer blieb da­für nicht im Lan­de bei den Re­dak­tio­nen, un­ter­such­te nicht zum Bei­spiel de­ren Be­richt­erstat­tung zum Irak­krieg 1990/91 (die Brut­ka­sten­lü­ge kam erst ganz zum Schluss für we­ni­ge Se­kun­den) oder den Ju­go­sla­wi­en­krie­gen von Mit­te bis En­de der 1990er Jah­re, be­frag­te nicht die von vie­len als ein­sei­tig wahr­ge­nom­me­ne Russ­lan­d/Ukrai­ne-Be­richt­erstat­tung oder nahm Stel­lung zum be­rühmt ge­wor­de­nen Fo­to vom Char­lie-Heb­do-Trau­er­marsch der Re­gie­ren­den. Letz­te­res dien­te nur da­zu ei­ne jü­disch-or­tho­do­xe Zei­tung in Is­ra­el an­zu­kla­gen, die aus re­li­giö­sen Mo­ti­ven An­ge­la Mer­kel auf dem Fo­to weg­re­ou­chiert hat­te.

Selbst­kri­tik? In ho­möo­pa­thi­schen Do­sen. Lä­cher­lich wie Kai Gniff­ke ein feh­len­der Kon­junk­tiv vor­ge­hal­ten wur­de und die­ser den Feh­ler ein biss­chen zer­knirscht ein­ge­stand. An­son­sten ist aber klar: Fäl­schen tun im­mer die an­de­ren.

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