Ri­chard Ford: Die La­ge des Lan­des

Richard Ford: Die Lage des Landes

Ri­chard Ford:
Die La­ge des Lan­des

Frank Bas­com­be ist 55 Jah­re alt und wir be­fin­den uns im In­ter­re­gnum des Jah­res 2000, als Clin­ton fast nicht mehr, Go­re wohl doch nicht und Bush auch noch nicht ganz si­cher Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ist. Wir fol­gen ihm drei Ta­ge im No­vem­ber bis Thanks­gi­ving (am En­de gibt es ei­ne klei­ne Aus­nah­me, als ein klei­ner Zeit­sprung er­folgt).
Bas­com­be hat als Im­mo­bi­li­en­mak­ler an der Ost­kü­ste von den fet­ten Jah­ren der Clin­ton-Wirt­schafts­po­li­tik enorm pro­fi­tiert. Ein biss­chen stört ihn die­ser Hype schon, der selbst für her­un­ter­ge­kom­me­ne Häu­ser sechs­stel­li­ge Dol­lar­sum­men er­zielt (Ame­ri­ka ist ein Land, das sich in ei­nem ei­ge­nen Treu­hand­kon­to ver­lo­ren hat.). Und ein biss­chen ver­schanzt sich Bas­com­be auch hin­ter ei­ner Mas­ke (Rein­las­sen, aber nicht ganz ein­las­sen). Er ist De­mo­krat und sei­ne Be­fürch­tun­gen vor ei­ner Re­gent­schaft Bushs ist gross. Bas­com­be ist der obe­ren Mit­tel­schicht zu­zu­ord­nen und teilt sei­ne Kun­den, Freun­de, Pas­san­ten – kurz: fast al­le Leu­te, mit de­nen er zu tun hat, in Re­pu­bli­ka­ner oder De­mo­kra­ten ein; ganz schlimm sein ur­teil über die­je­ni­gen, die er ver­däch­tigt, Nader ge­wählt zu ha­ben (de­nen wirft er – be­rech­tig­ter­wei­se – vor, in­di­rekt Bush un­ter­stützt zu ha­ben).

Aber die Per­ma­nenz­pha­se, je­nes woh­li­ge Ge­fühl, wel­ches Sta­tus und Dau­er (al­so pa­the­tisch for­mu­liert: Ein­klang mit sich und der Welt; Zu­frie­den­heit) sug­ge­riert, en­det ur­plötz­lich: Bas­com­be hat die ty­pi­sche ame­ri­ka­ni­sche-Ge­gen­warts­li­te­ra­tur-Krank­heit der männ­li­chen Mit­tel­schicht­ame­ri­ka­ner »in den be­sten Jah­ren«: Pro­sta­ta­krebs. Und das di­rekt nach­dem sei­ne zwei­te Frau ihn mit ih­rem seit drei­ssig Jah­ren ver­miss­ten er­sten Ehe­mann ver­las­sen hat­te. Im Ge­gen­satz bei­spiels­wei­se zu Phil­ipp Roth dient Ri­chard Ford die­se Krank­heit glück­li­cher­wei­se nicht als Grund für al­ler­lei pein­li­che via­graes­ke Oral­sex- und Alt­her­ren­phan­ta­si­en und/oder de­pres­si­ves La­men­tie­ren. Ob­wohl die Be­hand­lung mit­tels Seed-Im­plan­ta­ti­on (die sei­ne Toch­ter aus dem In­ter­net als be­ste Mög­lich­keit her­aus­ge­fun­den hat; Ärz­te kom­men nicht so gut weg – mit Aus­nah­me sei­nes Zahn­arz­tes), das stän­di­ge, lä­sti­ge Pin­keln und das Ge­fühl, mit die­sen »Schrot­ku­geln« her­um­zu­lau­fen, schon ein run­ning-gag ist.

Und Bas­com­be (im­mer­hin ein Sart­re-Ken­ner und – so sei­ne Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung – ein Es­sen­zia­list) kommt ans Den­ken; ihn treibt jetzt et­was um: Die Fra­ge nach der in­ne­ren Sub­stanz sei­nes Le­bens:

Doch an­ge­sichts mei­ner Le­bens­wei­se – im­mer auf dem of­fe­nen Meer, in Er­war­tung des feh­len­den Vier­tels – hät­te ich, so wur­de mir klar, ster­ben kön­nen, und nie­mand hät­te ir­gend­ei­ne be­son­de­re Er­in­ne­rung mit mir ver­bun­den. ‘Ach, der Typ. Frank. äh. Ge­nau. Hmmm…’ Das war ich. […] Es war ja nicht so, dass ich mei­ne In­itia­len für im­mer und ewig in die Ei­chen­rin­de der Ge­schich­te ein­bren­nen woll­te. Es soll­te nur zu­min­dest die Chan­ce be­stehen, dass nach mei­nem Ab­le­ben ir­gend­wer (mei­ne Kin­der? Mei­ne Ex­frau?) mei­nen Na­men nann­te, und je­mand an­ders sag­te dann: ‘Rich­tig. Die­ser Bas­com­be, Mann, der war im­mer ding.’ Oder: ‘Der al­te Frank, der hat im­mer ger­ne ding. Oder, schlimm­ster Fall: ‘Him­mel, die­ser Bas­com­be, bin ich froh, dass jetzt end­lich Schluss ist mit sei­nem gräss­li­chen ding.’ Und je­des ding wä­re ein mensch­li­cher Zug von mir, den ich kann­te und an­de­re auch, und er wür­de mir gut­ge­schrie­ben, auch wenn er we­der hel­den­haft noch be­son­ders grund­le­gend wä­re.

Es ist ein gro­sses Ver­dienst von Ri­chard Ford, dass er Bas­com­bes ge­le­gent­lich auf­kom­men­de Me­lan­cho­lie we­der her­un­ter­wit­zelt noch in lar­mo­yan­tes Säu­fer­ge­schwa­fel ab­glei­ten lässt noch als pro­fa­ne »Mid­life-cri­sis« aus­brei­tet. Bas­com­bes Tou­ren (Ich-Er­zäh­lun­gen; weit­ge­hend im Prä­sens) sind vol­ler tref­fen­der Be­mer­kun­gen, ge­lun­ge­ner Cha­rak­te­ri­sti­ka und hu­mo­ri­ger Aper­çus. Er ist selbst­iro­nisch oh­ne Selbst­mit­leid, ge­le­gent­lich sar­ka­stisch und glück­li­cher­wei­se oft ge­nug po­li­tisch nicht kor­rekt. Der Ro­man hat Stel­len von tol­ler Ko­mik und auch gro­ssem Ernst. Es gibt wun­der­ba­re und manch­mal so­gar poe­ti­sche Bil­der. Und ganz »ne­ben­bei« zei­gen uns Bas­com­bes Be­schrei­bun­gen die USA, wie sie uns ‑zig Ar­ti­kel und Kor­re­spon­den­ten­be­rich­te nie­mals zei­gen kön­nen. Da ist kei­ne Sei­te zu­viel. Ein gro­sses Lob an Frank Hei­bert für die si­cher­lich nicht im­mer ein­fa­che Über­set­zung, denn das, was so schein­bar leicht (aber eben nicht seicht) da­her­kommt, ist oft ge­nug das Schwer­ste.

Ford zeigt uns die fast schon ver­ges­se­nen USA der Clin­ton-Ära, die auch für die West­eu­ro­pä­er al­les in al­lem so an­ge­nehm war, aber der Ver­su­chung, mit dem Wis­sen von heu­te die­se Zeit zu ver­klä­ren, wi­der­steht er glück­li­cher­wei­se. Manch­mal hat man das Ge­fühl, Bas­com­be steht so­zu­sa­gen stell­ver­tre­tend für sein Land – dann wä­re bei­spiels­wei­se sein Krebs ei­ne Al­le­go­rie auf die Wahl, Bas­com­bes Äu­sse­run­gen zu den Jah­ren und Va­ri­an­ten des Sich-Ab­fin­dens wä­re ei­ne Pro­gno­se auf die in je­der Hin­sicht ka­ta­stro­pha­len Bush-Jah­re und die mar­tia­li­sche Sze­ne am En­de des Bu­ches (wel­che nicht ver­ra­ten wer­den soll) ei­ne Sym­bo­lik für den noch be­vor­ste­hen­den 11. Sep­tem­ber. Aber da geht wohl der In­ter­pre­ta­ti­ons­gaul mit dem Le­ser durch.

Ziem­lich am An­fang der drei Ta­ge geht Frank auf ei­ne Be­er­di­gung ei­nes gu­ten Freun­des. Die Schil­de­run­gen sind vol­ler Si­tua­ti­ons­ko­mik – aber nie­mals nur ei­ne Spur lä­cher­lich. Er hört von dem Grab­spruch sei­nes Freun­des und är­gert sich, nicht sel­ber dar­auf ge­kom­men zu sein: Fröh­lich er­trug er die Nar­ren. Und ganz am Schluss des Bu­ches, wenn sich dann ein klein we­nig kit­schig al­les wie­der zu­recht­ge­fügt hat und Bas­com­be mit sich, sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern wie­der ins Rei­ne ge­kom­men ist, dann kommt er ans (vor­läu­fi­ge) En­de sei­nes Phi­lo­so­phie­rens über sich und sein ding. Es geht wohl nicht an­ders – denn es gibt ir­gend­wie die Not­wen­dig­keit zu le­ben.

Und man möch­te wei­ter­le­sen, was sonst noch pas­siert, aber da ist schon Schluss.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sieht so aus, als kä­me man um Ford nicht her­um. Die­se Re­zen­si­on macht auf je­den­falls an. Dan­ke da­für.
    Ich lie­be Phil­ip Roths Pro­stata­be­schwer­den! Auch sei­ne Alt­her­ren Phan­ta­si­en le­se ich gern, da sie doch ziem­lich scho­nungs­los die Ei­tel­kei­ten, Ge­bre­chen und Ma­kel der al­ten Her­ren in sei­nen Bü­chern of­fen le­gen. Dank Roth hat­te ich das er­ste Ge­spräch über Por­no­gra­phie mit mei­nem Va­ter. Ich hat­te ihm, mit vie­len Warn­hin­wei­sen ver­se­hen, das Buch »Sab­bath Thea­ter« ge­lie­hen zu­sam­men mit dem »mensch­li­chen Ma­kel«. Er hat es schließ­lich be­gei­stert ge­le­sen und wir ka­men über­ein, dass, wenn man in das Buch hin­ein ge­fun­den hat, die Be­schrei­bung von Sab­baths Phan­ta­si­en zum Ver­ständ­nis der Per­son not­wen­dig und au­then­tisch sind. Uns be­schäf­tig­te na­tür­lich die Fra­ge Por­no­gra­phie oder Kunst, oh­ne na­tür­lich kon­tro­vers zu wer­den, denn über die Mei­ster­schaft von Roth wa­ren wir uns ei­nig.

    Und jetzt al­so Ford...

  2. Ja, sie macht an, Ih­re Re­zen­si­on! Nach­dem ich be­reits den ‘Sport­re­por­ter’ als ei­ne
    er­zäh­le­ri­sche ‘Of­fen­ba­rung’ emp­fun­den ha­be, wer­de ich das Buch in je­dem Fall le­sen.
    Ich bin sehr ge­spannt...

  3. #1 ne­ro­ne – Tja, Roth...
    ist das »Lieb­lings­kind« auch der deut­schen Li­te­ra­tur­kri­tik. Ich ha­be das – ehr­lich ge­sagt – nie ver­stan­den. Das, was ich von ihm ge­le­sen ha­be, war ab­schreckend; teil­wei­se gräss­lich tri­vi­al. Die »Scho­nungs­lo­sig­keit«, die von der Kri­tik bei­spiels­wei­se an »Mein Le­ben als Sohn« so her­vor­ge­ho­ben wur­de, fand ich nur ba­nal. Ich mag es nicht, wenn Fi­gu­ren von ih­ren Au­toren de­nun­ziert wer­den.

    Die an­de­ren Bü­cher, die ich von ihm ge­le­sen ha­be (»Ame­ri­ka­ni­sches Idyll«, »Der mensch­li­che Ma­kel« und ein, zwei an­de­re noch, die ich ver­ges­sen ha­be) ha­ben mich in ih­rer Auf­ge­setzt­heit ent­setz­lich ge­lang­weilt. Wie ein Au­tor der­art prä­miert wer­den kann, er­staunt mich. Ver­mut­lich be­kommt er noch den No­bel­preis.

  4. Ich kann mich den an­de­ren Kom­men­ta­to­ren nur an­schlie­ßen. Ih­re Be­spre­chung macht rich­tig Lust auf das Buch. Muss mir der näch­ste Be­su­cher un­be­dingt mit­brin­gen.
    Be­züg­lich Roth: „Port­noys Be­schwer­den“ ha­be ich ge­ra­de­zu ver­schlun­gen. Al­le an­de­ren Roth-Bü­cher da­nach lie­ßen mich völ­lig un­be­ein­druckt und mei­stens emp­fand ich sie so­gar re­gel­recht lang­wei­lig. Der En­thu­si­as­mus der Kri­ti­ken hat sich mir nie er­schlos­sen.

  5. Wenn man brav war, hat man ja den »Sport­re­por­ter« und »Un­ab­hän­gig­keits­tag«, die bei­den Vor­läu­fer zur »La­ge des Lan­des« schon ge­le­sen, al­so den Ge­nuß ins­ge­samt et­was län­ger er­le­ben kön­nen.

  6. Und ich dach­te ich hät­te ei­ne schlim­me Krank­heit, dass ich Roth kon­stru­iert und ge­wollt fin­de. Dan­ke für das Be­kennt­nis. Der ewi­ge Ver­gleich von Roth mit Up­di­ke, bringt mich je­des Jahr vor der No­bel­preis­ver­lei­hung um den Ver­stand.

    Kommt es mir ei­gent­lich nur so vor oder do­mi­niert die ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur mitt­ler­wei­le auch die eu­ro­päi­sche Büh­ne? Schlei­chend.