Nor­bert W. Schlin­kert: Stadt, Angst, Schwei­gen

Norbert W. Schlinkert: Stadt, Angst, Schweigen

Nor­bert W. Schlin­kert:
Stadt, Angst, Schwei­gen

Es ist Frei­tag­abend in Ber­lin. Ein Mann er­war­tet bis Sams­tag­mit­tag (»Sonn­abend«) ei­nen An­ruf von sei­nem HNO-Arzt (na­mens Ko­f­ler), ei­ner Ka­pa­zi­tät. Es geht dar­um, ob er Kehl­kopf­krebs hat oder nicht. Der er­war­te­te An­ruf geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er ist schlaf­los, be­kommt Hun­ger, streift durch die Stadt, be­sucht je­doch kein Lo­kal, son­dern stat­tet sei­ner Fi­ma und sei­nem Arzt ei­nen nächt­li­chen Be­such ab, er­kun­det die Fas­sa­de der Woh­nung nebst La­bor und das na­tür­lich al­les un­be­merkt. Er sieht ihn so­gar am frü­hen Mor­gen wie er mit sei­ner Sprech­stun­den­hil­fe im La­bor ar­bei­tet. Hung­rig, dur­stig, mit Bla­sen an den Fü­ßen tau­melt er mit letz­ter Kraft nach Hau­se:

»Er er­reich­te den Ku’damm, ich müss­te links ge­hen, will ich zum Pots­da­mer Platz, ich ge­he ei­nen gro­ßen Bo­gen, dach­te er, an­de­rer­seits, was soll ich aus­ge­rech­net am Pots­da­mer Platz, es gibt kei­nen Grund, aus­ge­rech­net zum Pots­da­mer Platz zu ge­hen, al­so ge­he ich ge­ra­de­aus, hät­te ich di­rekt in mei­ne Woh­nung ge­wollt, so hät­te ich an­ders zu ge­hen ge­habt, ja ich hät­te ge­nau ge­nom­men mei­ne Woh­nung nicht ein­mal wirk­lich ver­las­sen, al­so nur kurz ver­las­sen müs­sen, über die Stra­ße na­tür­lich schon, zum Im­biss, den ich vom Er­ker­fen­ster aus se­hen kann, ich hät­te hin­über­ge­hen kön­nen in Haus­schuhen, von dort ist mei­ne Woh­nung zu se­hen, ich kann mei­ne Woh­nung se­hen, wenn ich dort im Im­biss et­was zu Es­sen be­stel­le, in Haus­schu­hen und in mei­ner Haus­jop­pe dort ste­hend, das kratzt in Ber­lin kei­ne Sau, dach­te er […], ich bin ein Idi­ot, dach­te er, war­um sit­ze ich nicht in mei­ner Woh­nung und er­war­te ru­hig den An­ruf, den ich er­war­te, das fra­ge ich mich!«

Es ist mitt­ler­wei­le Sonn­abend früh. Ge­ra­de er­reicht er sei­ne Woh­nung. Und da gibt es ei­nen An­ruf. Das ist das Set­ting von »Stadt, Angst, Schwei­gen«. 126 Sei­ten. Ei­ne Lek­tü­re für ei­nen Abend.

Ei­ne Lek­tü­re, die ei­nem dann viel­leicht nicht so schnell Ru­he fin­den lässt. Ne­ben dem ver­blüf­fen­den Schluss (der hier na­tür­lich nicht ver­ra­ten wird), ist es zu­nächst die Form, die Nor­bert W. Schlin­kert für sei­ne Er­zäh­lung, die von ihm (und dem Ver­lag) als »He­ra­kli­ti­scher Fließ­text« ru­bri­ziert wird, die ei­ner­seits ver­stört, an­de­rer­seits amü­siert. Schlin­kert macht näm­lich von der er­sten Sei­te an kei­nen Hehl dar­aus, An­lei­hen im Duk­tus von Tho­mas Bern­hard zu neh­men.

Vor­der­grün­dig wird dies so­fort an­hand der ex­trem häu­fig auf­tau­chen­den For­mu­lie­rung »den­ke ich, dach­te er« deut­lich. Der Er­zäh­ler ist je­mand, der die Denk­pro­zes­se ei­nes in­ne­ren Mo­no­logs ei­ner na­men­los blei­ben­den Ich-Er­zäh­ler-Fi­gur en dé­tail und kom­mentarlos wie­der­gibt. So­fort denkt man an Bern­hards Ro­man »Das Kalk­werk«, in dem ein nicht sel­ber in die Er­eig­nis­se in­vol­vier­ter Er­zäh­ler die Grün­de für den Mord ei­nes ge­wis­sen Kon­rad an sei­ner Frau mit­tels der Aus­sa­gen vor al­lem zwei­er Be­kann­ter – Wie­ser und Fro – re­kon­stru­iert. Die­se Aus­sa­gen wer­den durch in­ein­an­der ver­schach­tel­te For­mu­lie­run­gen aus­ge­brei­tet, wie et­wa »wie er sag­te, sagt Fro« oder »soll Kon­rad […] zu Fro ge­sagt ha­ben, sagt Fro«. Das »den­ke ich, dach­te er« nimmt auch An­lei­hen an das »dach­te ich« bei­spiels­wei­se aus Bern­hards »Holzfällen«-Roman. Schlin­kerts in­fla­tio­när ver­wen­de­te Dop­pel-In­quit-For­mel soll den Le­ser viel­leicht an die Subjek­tivität der ge­schil­der­ten Er­eig­nis­se er­in­nern, oh­ne ei­ne zu schnel­le Iden­ti­fi­ka­ti­on (oder Ab­nei­gung) mit der Fi­gur zu er­zeu­gen.

Der bis zum Schluss na­men­los blei­ben­de, auf das Re­sul­tat sei­ner Un­ter­su­chung War­ten­de, in­fol­ge sei­ner Kehl­kop­fer­kran­kung nicht mehr Spre­chen­de, wird wäh­rend sei­ner Über­legungen im­mer Ver­zag­ter. Da wird aus­führ­lich auf das be­ruf­li­che Um­feld ein­ge­gan­gen. Er ist in ei­ner lei­ten­den, aber nicht der höch­sten Po­si­ti­on an­ge­stellt. Am Wo­chen­en­de fährt er nor­ma­ler­wei­se nach Hau­se, in das Haus sei­ner El­tern im öst­li­chen Ru­he­ge­biet. Sein Chef trägt den Na­men Kranz­ler und hat ei­nen Ma­kel, der der­art ex­zes­siv be­schrie­ben wird, dass ei­nem wäh­rend der Lek­tü­re min­de­stens zwei Mal spei­übel wird: Er ver­strömt ei­nen ex­trem un­an­ge­neh­men Kör­per­ge­ruch. Für Kranz­ler hat­te er ei­ne As­si­sten­tin mit dem Na­men Sem­per ein­ge­stellt (pas­sen­der­wei­se wird sie aus Sach­sen kom­men ver­or­tet; die­se Form des Sprach­wit­zes wirkt et­was an­ge­strengt). Sem­per ar­bei­tet sich nicht nur schnell die Ma­te­rie ein und stellt da­mit die Fä­hig­kei­ten der bis­he­ri­gen Se­kre­tä­rin Krä­mer in den Schat­ten, sie ist auch noch au­ßer­or­dent­lich at­trak­tiv. Er fühlt er sich se­xu­ell zu ihr hin­ge­zo­gen. Wenn sie sich in den Fei­er­abend fahr­rad­fah­rend verab­schiedet, be­sucht er mit pu­ber­tä­rer Lust an der Heim­lich­keit un­mit­tel­bar dar­auf die Da­men­toi­let­te (!) und ma­stur­biert ins Wasch­becken (da­bei sei­ne Ho­den an die­sem Wasch­becken küh­lend) oder, sel­te­ner, in den Spül­ka­sten des WC, wo­bei er sich vor­stellt, wie an­de­re dann die Toi­let­te mit dem Was­ser mit sei­nem dort hin­ter­las­se­nen Eja­ku­lat ab­spü­len.

Ge­fal­len oder Nicht-Ge­fal­len des Ro­mans, par­don: des he­ra­kli­ti­schen Fließ­tex­tes, soll­ten bzw. dür­fen bei der li­te­ra­ri­schen Be­ur­tei­lung kei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Ähn­li­ches müss­te üb­ri­gens auch für die spä­te Bern­hard-Pro­sa gel­ten. Sie wur­de je­doch sei­ner­zeit in den Feuil­le­tons zu­meist los­ge­löst von li­te­ra­tur­kri­ti­schen Kri­te­ri­en be­wer­tet (fast aus­schließlich af­fir­ma­tiv). Am En­de ging es fast nur noch dar­um, ob Bern­hard ei­ne ge­wis­se Er­war­tungs­hal­tung (die meist au­ßer­li­te­ra­ri­scher Na­tur war) er­füll­te. Ein biss­chen Öster­reich-Be­schimp­fung, ei­ne nur müh­sam ver­schlüs­sel­te öf­fent­li­che Per­son, die lä­cher­lich ge­macht wur­de, ein we­nig pseu­do­phi­lo­so­phi­sches Bram­ar­ba­sie­ren. Das li­te­ra­ri­sche war ne­ben­säch­lich ge­wor­den. Aus der neu­en (li­te­ra­ri­schen) Form des Bernhard’schen Schrei­bens wur­de über die Jah­re nur noch ein Jar­gon.

An »Stadt, Angst, Schwei­gen« kön­nen sol­che Er­war­tungs­hal­tun­gen nicht her­an­ge­tra­gen wer­den. Da­her er­scheint die Nä­he zum Bern­hard-Duk­tus so ge­fähr­lich. Zum ei­nen kann der Text all­zu schnell als epi­go­nal ab­ge­han­delt wer­den. Zum an­de­ren ist nun der Le­ser (und auch der Re­zen­sent) ge­neigt noch wei­te­re Par­al­le­len zu su­chen. Et­wa die Wohn­situation der Haupt­fi­gur am Wo­chen­en­de, in der Ab­ge­schie­den­heit, mit Kon­takt nur zu ei­nem Nach­barn. Es er­in­nert an den ein­sa­men, von na­he­zu al­len so­zia­len Kon­tak­ten ab­ge­schnit­te­nen Kauz, der sehr häu­fig bei Bern­hard vor­kommt Wie selbst­ver­ständ­lich kommt bei Schlin­kert auch das Wort »na­tur­ge­mäß« vor. Und ge­gen Schluss be­schäf­tigt er sich auch noch mit dem Zu­sam­men­hang zwi­schen Den­ken und Fort­be­we­gung, was in Bern­hards Er­zäh­lung »Ge­hen« ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt; ei­nen Text, über die Schlin­kert li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ge­ar­bei­tet hat.

Wie soll man mit den un­ab­weis­ba­ren Bern­hard-Al­le­go­ri­en um­ge­hen? Sich hin­ge­ben und die li­te­ra­tur­hi­sto­ri­sche Bril­le wäh­rend der Lek­tü­re viel­leicht ab­set­zen? Und wer von Tho­mas Bern­hard noch nie et­was ge­hört hat, wird durch­aus Ge­fal­len fin­den an die­sem Text. Tat­säch­lich sind die Denk-, Ver­schwö­rungs- und Wahr­neh­mungsel­lip­sen des Prot­ago­ni­sten auf sei­nem nächt­li­chen Um­her­ir­ren durch Ber­lin fein aus­ge­ar­bei­tet. Schlin­kert ge­lingt es, die Fi­gur in ih­rer Ver­schro­ben­heit we­der lä­cher­lich dar­zu­stel­len noch als phi­lo­so­phi­schen Welt­erklä­rer auf­zu­wer­ten. Hier gibt es al­so Un­ter­schie­de zum gro­ßen Vor­bild. Zeit­ge­schicht­lich und to­po­gra­fisch ist es kein »Bern­hard-Buch«. Von »Stadt« be­kommt man sehr viel mit (Ber­lin), das »Schwei­gen« be­zieht sich auf die Au­ßen­wir­kung der Fi­gur. Was ein biss­chen zu kurz kommt, ist die »Angst« der Fi­gur, die nicht stark ge­nug her­aus­ge­ar­bei­tet wird. Aber kurz­fri­stig kann ei­nem Nobert W. Schlin­kerts Ro­man durch­aus ein biss­chen das Gru­seln leh­ren.