Blog­ger sind kei­ne Mar­ke­ting­pup­pen

Und wie­der flammt die Dis­kus­si­on um ei­ne Pro­fes­sio­na­li­sie­rung (die im­mer auch ei­ne Mo­ne­ta­ri­sie­rung sein soll) von Buch­blog­gern auf. Im März ent­deck­te Kar­la Paul in ei­ner »Key-No­te« die »Nai­vi­tät des Feuil­le­tons samt de­rer Re­dak­teu­re« in Be­zug auf Li­te­ra­tur­blog­ger und emp­fahl die­sen, end­lich aus der »Flausch­zo­ne« aus­zu­tre­ten und sich ent­sprechend zu ver­mark­ten. »Der Kauf ist nur ei­nen Klick ent­fernt und die Le­ser ver­trauen Euch längst weit mehr als je­dem Jour­na­li­sten«, so lau­tet denn die Pa­ro­le und am En­de wur­de der schwam­mi­ge Ap­pell vor­ge­bracht »Voll­pro­fis für die lei­den­schaft­li­che Hin­ga­be« an Li­te­ra­tur zu sein.

Wie die­se Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ge­nau aus­se­hen soll, blieb im Dun­keln; Vi­sio­nä­re küm­mern sich ja eher sel­ten dar­um, wer den Müll run­ter­bringt. Pauls Käm­mer­lings-Schel­te ist aber nicht nur sug­ge­stiv, son­dern ab­ge­schmackt. Sie läuft dar­auf hin­aus, das Feuil­le­ton durch die Blog­ger­sze­ne er­set­zen zu wol­len. Die Be­deu­tung des Feuil­le­tons sin­ke oh­ne­hin, so Paul. Der Be­fund ist zwar rich­tig, aber die Grün­de hier­für lie­gen nicht dar­in, dass es Blogs gibt, son­dern das in­ner­halb der Kul­tur­sei­ten der klas­si­schen Me­di­en die Kri­te­ri­en zu Gun­sten ei­nes eher tri­via­le­ren Li­te­ra­tur­ver­ständ­nis­ses auf­ge­weicht wur­den. Pauls Ar­gu­men­ta­ti­on hinkt auch da­hin­ge­hend, weil sie (auch rich­ti­ger­wei­se) fest­stellt, dass Blog­ger nicht in Struk­tu­ren des Feuil­le­tons ar­bei­ten. In­so­fern wä­re ja ei­ne di­rek­te Kon­kur­renz (auch in punk­to fi­nan­zi­el­ler Mit­tel) gar nicht vor­han­den.

Wei­ter­le­sen ...

Mar­tin von Arndt: Rat­ten­li­ni­en

Martin von Arndt: Rattenlinien
Mar­tin von Arndt: Rat­ten­li­ni­en

Dr. An­dre­as Eck­art, Sohn ita­lie­nisch-deut­scher El­tern, Ner­ven­arzt, Sol­dat für das Deut­sche Kai­ser­reich und in den 1920er Jah­ren Kri­mi­nal­kom­mis­sar in Ber­lin, sitzt im Herbst 1946 in ei­nem Haus der Nä­he von Washing­ton und müht sich mit ei­ner ur­alten Schreib­ma­schi­ne in Über­set­zun­gen von Bü­chern vom Deut­schen ins Eng­li­sche, die nie­man­den in­ter­es­sie­ren. Der Le­ser kennt Eck­art aus Mar­tin von Arndts Ro­man »Ta­ge der Ne­me­sis« als er 1921 in die Fall­stricke tür­kisch-ar­me­ni­scher Ge­heim­dien­ste und deut­scher Au­ßen­po­li­tik ge­riet. In­zwi­schen sind 25 Jah­re ver­gan­gen. Er lebt bei Liam, ei­nem rei­chen und hemds­är­me­li­gen ehe­ma­li­gen ame­ri­ka­ni­schen Bot­schafts­an­ge­hö­ri­gen, der ihn in letz­ter Mi­nu­te aus den Klau­en der Ge­sta­po in die Staa­ten schleu­sen konn­te. Eck­art, Mo­ra­list und Pa­zi­fist, wur­de einst »Na­zif­res­ser« ge­nannt, trat für die jun­ge deut­sche De­mo­kra­tie ein, galt da­mit nach 1933 als po­li­tisch un­zu­ver­läs­sig und wur­de schließ­lich ent­las­sen. Die Haupt­schuld hier­an trägt sein ehe­ma­li­ger As­si­stent Ger­hard Wag­ner, der zum über­zeug­ten Na­zi und SS-Mann wird und sich an sei­nem ehe­ma­li­gen Chef rä­chen will. Eck­art wird zu­nächst drang­sa­liert, spä­ter ge­fol­tert, soll Ge­sin­nungs­freun­de ver­ra­ten, die in­zwi­schen im Un­ter­grund sind, so un­ter an­de­rem auch sei­nen ehe­ma­li­gen As­si­sten­ten Ro­sen­berg. Ge­ra­de noch recht­zei­tig ge­lingt die Flucht in die USA.

Mit sanf­tem Druck lässt sich Eck­art im Herbst 1946 von sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Freun­den und Be­kann­ten zur Teil­nah­me an der Ope­ra­ti­on »Rat­ten­li­ni­en« des US-Ge­heim­dien­stes CIC in Eu­ro­pa über­re­den. Hoch­ran­gi­ge Na­zis und SS-Of­fi­zie­re ver­su­chen über die Al­pen bis nach Ita­li­en zu flie­hen um von dort aus per Schiff nach Süd­ame­ri­ka (Ar­gen­ti­ni­en, Chi­le) zu kom­men. Sie er­hal­ten Hil­fe von Sym­pa­thi­san­ten aus Deutsch­land, Öster­reich (vor al­lem auch Süd­ti­rol), dem Ro­ten Kreuz (wel­ches mit ver­blüf­fen­der Nai­vi­tät ausge­stattet scheint) und dem Va­ti­kan. Eck­art und US-Spe­cial-Agent Dan Va­nuz­zi, Sohn ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer, bil­den zu­sam­men mit zwei Hel­fern ein »Greif­kom­man­do« und sol­len den SS-Ober­sturm­bann­füh­rer Ger­hard Wag­ner, der ak­tiv an Ju­den­er­schie­ssun­gen be­tei­ligt war, auf­spü­ren da­mit er vor Ge­richt ge­stellt wer­den kann. Da­bei spricht die Phy­sis ge­gen Eck­art – er hat sich zwar von sei­ner Mor­phi­um­sucht be­freit (er kehr­te aus dem Er­sten Welt­krieg als Kriegs­zit­te­rer zu­rück), wur­de je­doch zum Links­hän­der (war­um, er­fährt man spä­ter), ist nicht be­son­ders trai­niert, hat Ma­gen­pro­ble­me und ist 60 Jah­re alt. Aber er kennt Wag­ner und des­sen Men­ta­li­tät, spricht ita­lie­nisch und deutsch und der Ap­pell, et­was Gu­tes zu tun, ver­fängt schließ­lich. Da­bei gibt es zwei Pro­ble­me: Die Ver­wal­tung in wei­ten Tei­len Süd­ti­rols ob­liegt bei den Fran­zo­sen, so dass ame­ri­ka­ni­sche Ak­ti­vi­tä­ten nicht ger­ne ge­se­hen sind. Und wenn die Ge­such­ten erst ein­mal in Ita­li­en an­ge­kom­men sind, en­det der of­fi­zi­el­le Ein­fluss der Ame­ri­ka­ner voll­ends, weil Ita­li­en ein sou­ve­rä­nes Land ist.

Wei­ter­le­sen ...

1000. Tat­ort

Heu­te wird in der ARD der 1000. Tat­ort aus­ge­strahlt und der Hype ist dem­entspre­chend. Die Wie­der­ho­lungs­ge­wit­ter in den di­ver­sen ARD-Sen­dern neh­men noch ein­mal grö­sse­re Di­men­sio­nen an. Im Ni­schen­ka­nal »One« (viel­leicht hat man bei der Na­mens­ge­bung das »h« ver­ges­sen – für »ohne« Zu­schau­er?) ka­men gleich meh­re­re hin­ter­ein­an­der. Beim An­se­hen wird deut­lich, dass die ein­zel­nen Tat­ort-Fol­gen längst auch Epo­chen- und Zeit­spie­gel ge­wor­den sind. Ei­ne Er­kennt­nis, die fast schon ba­nal ist. Die ARD re­agier­te 1970 mit der Rei­he auf die Rein­ecker-Kri­mis (»Der Kom­mis­sar« und, ab 1974, »Der­rick«) im ZDF, die frei­tags, pünkt­lich zu Be­ginn des Wo­chen­en­des, um 20.15 Uhr aus­ge­strahlt wur­den. Tat­ort-Kri­mis lie­fen jetzt am En­de, sonn­tags um 20.15 Uhr (zu­nächst noch eher un­re­gel­mä­ßig). So­zu­sa­gen zum Aus­klang.

Die Rei­he soll­te die Re­gio­na­li­sie­rung der ARD ab­bil­den. Die Kom­mis­sa­re wech­sel­ten mit dem Ort, wo­bei auch die ver­meint­li­che Pro­vinz ge­le­gent­lich zum Zu­ge kam. Lo­kal­ko­lo­rit war Trumpf (das ni­vel­liert sich seit Jah­ren; die Schau­plät­ze sind bis auf Dia­lekt­fär­bun­gen und Ac­ces­soires aus­tausch­bar ge­wor­den). Sehr früh wur­den die Kom­mis­sa­re zu »Ty­pen« (heu­te wür­de man »Mar­ken« sa­gen). Sie be­ka­men Ecken und Kan­ten; es men­schel­te. Spä­te­stens mit Rü­pel-Schi­man­ski wur­de man auch über das meist de­sa­strö­se Pri­vat­le­ben der Er­mitt­ler und ih­ren ste­ti­gen Kampf für das Gu­te mit den Vor­ge­setz­ten kon­fron­tiert. Kon­zen­trier­te man sich an­fangs noch auf die Lö­sung des je­wei­li­gen Falls (wo­bei es fast im­mer Tö­tungs­de­lik­te wa­ren, die es auf­zu­klä­ren galt), gab es spä­ter auch Dreh­bü­cher, in de­nen so­zia­le und po­li­ti­sche Aspek­te the­ma­ti­siert wur­den. In­zwi­schen sind die mei­sten Tat­or­te »Whod­u­nits«, d. h. der Zu­schau­er kennt den Tä­ter nicht.

Wei­ter­le­sen ...

Blick ins No­bel-Ar­chiv

Die teil­wei­se hef­ti­gen Dis­kus­sio­nen um die jüng­ste Ver­ga­be des Li­te­ra­tur­no­bel­prei­ses an Bob Dy­lan zei­gen, dass der Preis im­mer noch ei­ne ge­wis­se Strahl­kraft hat. An­son­sten wür­den sich die Emo­tio­nen nicht der­art hoch­schau­keln. We­nig Be­ach­tung fin­det da­bei, dass die Schwe­dische Aka­de­mie je­des Jahr ein klei­nes biss­chen ihr Ar­chiv öff­net. Mit dem je nach Tem­pe­ra­ment wohl­tu­en­den oder ob­so­let-hin­hal­ten­den Ab­stand von 50 Jah­ren wer­den die No­mi­nie­run­gen zu den No­bel­prei­sen ver­öf­fent­licht. Das Fin­den auf der Web­sei­te ist et­was kom­pli­ziert. Hat man sich aber erst ein­mal ein­ge­groovt, wird man mit in­ter­es­san­ten Er­kennt­nis­sen be­lohnt.

Der­zeit gibt es Zu­griff auf die No­mi­nie­rungs­li­sten zu den No­bel­prei­sen von 1901 bis 1965. Die Su­che kann leicht so­wohl über den Na­men als auch über das Ver­ga­be­jahr durch­geführt wer­den. Ins­ge­samt wa­ren bis da­hin 3005 No­mi­nie­run­gen für den Literaturnobel­preis ein­ge­gan­gen. 1901 la­gen 37 No­mi­nie­run­gen vor, 1965 wa­ren es be­reits 90. (Die Zahl ist in­zwi­schen deut­lich hö­her.) Ein Blick auf die Li­sten zeigt, dass ne­ben Ein­zel­vor­schlä­gen auch Sam­mel­no­mi­nie­run­gen meh­re­rer Per­sön­lich­kei­ten für ei­nen Kan­di­da­ten gab, die al­ler­dings nur ein­mal ge­zählt wur­den. Stu­diert man die Li­sten ge­nau, so gab es kei­ne Ga­ran­tie für den »Un­ter­le­ge­nen« bei ei­ner der näch­sten Preis­ver­ga­ben be­rück­sich­tigt zu wer­den.

Wei­ter­le­sen ...

Fi­ston Mwanza Mu­ji­la: Tram 83

Fiston Mwanza Mujila: Tram 83
Fi­ston Mwanza Mu­ji­la: Tram 83

Ir­gend­wo in Afri­ka, in ei­nem Land, das sich Demo­kratische Re­pu­blik Kon­go nennt (und vor­her Zai­re nann­te), viel­leicht in ei­ner Stadt in der Pro­vinz Ka­tan­ga, die hier »Stadt­land« heisst, ei­ner Stadt oder ei­nem Ge­biet, das sich von »Hin­ter­land« ab­ge­spal­ten hat, denn in Stadt­land gibt es Stei­ne und die­se Stei­ne be­inhal­ten Er­ze und vor al­lem Kup­fer und das ver­spricht Reich­tum, aber die­ses Ver­spre­chen gilt nicht für je­den und am En­de kommt es nur noch dar­auf an, ob man auf der orga­nisierten oder des­or­ga­ni­sier­ten Sei­te der Bananen­republik lebt. Dort gibt es das »Tram 83«: Ka­schem­me, Bar, Im­biss, Jazz­club, Büh­ne, Tanz­pa­last, Bor­dell, Drogen­höhle, Geld­wasch­an­la­ge, 24 Stun­den ge­öff­net, ei­ne Mi­schung aus Berg­hain, Cot­ton Club, So­dom und Go­mor­rha, Hie­ro­ny­mus Boschs »Sie­ben Tod­sün­den« und dem »Welt­ge­richt«, Kir­che und Mo­schee, ein Ort, der fas­zi­niert und ab­stösst, Treff­punkt für Gru­ben­ar­bei­ter, Stu­den­ten, »Tou­ri­sten«, Dea­ler, Li­te­ra­ten und Ver­le­ger, Frau­en, die nach »Kü­ken«, »Sin­gle-Ma­mas« und »Ex-Sin­gle-Ma­mas« und, vor al­lem, nach Form und Grö­ße ih­rer Brü­ste un­ter­teilt wer­den, Geschäfts­männer, Zu­häl­ter, Gläu­bi­ge und Athe­isten, Kor­rup­te und Mo­ra­li­sten. Zu Be­ginn fällt ei­nem noch ei­ne Gold­grä­ber­ro­man­tik aus den USA ein, aber das wird ei­nem hier schnell aus­ge­trie­ben, denn hier herr­schen Sex und Geld und ein Frau­en­über­schuss, da Bürger­kriege noch nicht lan­ge zu­rück­lie­gen.

Zu Be­ginn kommt Lu­ci­en ins »Tram 83«, ein Schön­geist mit No­tiz­buch, der ein Büh­nen-Epos nach Pa­ris ab­lie­fern soll. Er trifft sei­nen Freund Re­qui­em, ge­nannt »Ne­gus«, ei­nem auf den er­sten Blick Klein­kri­mi­nel­lem, der im­mer un­sym­pa­thi­scher wird, sich als Kriegs­verbrecher (ein Pleo­nas­mus?), Ban­den­füh­rer, Plün­de­rer, Ver­ge­wal­ti­ger, Er­pres­ser und Schmugg­ler ent­puppt, der Fil­me mit Jean Ga­bin und Li­no Ven­tura mag. Ir­gend­wann gibt es noch den Schwei­zer Ver­le­ger Fer­di­nand, der Ge­fal­len an Lu­ci­ens Tex­ten fin­det, aber schließ­lich von Re­qui­em mit Bil­dern von ihm und der (min­der­jäh­ri­gen) Prosti­tuierten er­presst wird. »Was sagt die Uhr« ist der Stan­dard­satz, den man stel­len­wei­se auf fast je­der Sei­te des Buchs fin­det. »Was sagt die Uhr« fragt die Meu­te für die Mu­ße ein Ver­bre­chen ist. Al­les ist vul­gä­res Busi­ness (vor al­lem der Sex), selbst die Kell­ne­rin­nen drang­sa­lie­ren die Gä­ste zum Trink­geld und für die Pro­sti­tu­ier­ten gilt die (Schach-)Regel: »be­rührt-ge­führt«.

Wei­ter­le­sen ...

Em­ma Bras­lavsky: Le­ben ist kei­ne Art mit ei­nem Tier um­zu­ge­hen

Emma Braslavsky: Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen
Em­ma Bras­lavsky:
Le­ben ist kei­ne Art mit ei­nem Tier um­zu­ge­hen

Der Deutsch-Ar­gen­ti­ni­er (oder Ar­gen­ti­ni­en-Deut­sche) Jivan Haff­ner Fernán­dez ist Bun­ker­ar­chi­tekt, An­fang 40 und lebt in Ber­lin. Er ist ver­hei­ra­tet mit der 39jähigen Jo Le­wan­dow­s­ki Fri­d­man. Jivan braucht Geld, die Ge­schäf­te ge­hen schlecht und er hat im­mense Spiel­schul­den, denn sein Hob­by ist On­line-Po­ker. Auch Jos Ak­ti­vi­tä­ten zeich­nen sich da­durch aus, dass sie Geld ko­sten und we­nig bis nichts ein­brin­gen. Sie ist ei­ne »Bes­se­re-Welt-Ak­ti­vi­stin«; ver­mut­lich zu­nächst auf Ba­sis des­sen, was man Eh­ren­amt nennt. Im Lau­fe des Ro­mans »Le­ben ist kei­ne Art mit ei­nem Tier um­zu­ge­hen« durch­läuft Jo das Ca­sting al­ler wich­ti­gen, mul­ti­na­tio­na­len Weltrettungs­organisationen, die auf die­sem Pla­ne­ten nicht mehr so ganz ein­fluss­los sind.

Denn Em­ma Bras­lavskys Buch spielt in ei­ner Zu­kunft, die von al­len po­li­ti­schen und so­zia­len Un­ru­hen ge­rei­nigt scheint. Es muss um das Jahr 2050 sein, in Lu­b­lin ist ge­ra­de der zehn­mil­li­ard­ste Mensch ge­bo­ren wor­den. Die Ver­ein­ten Na­tio­nen ha­ben mehr oder we­ni­ger die Durchsetzungs­macht über­nom­men, ob­wohl die Na­tio­nal­staa­ten wei­ter exi­stie­ren. Auf dem Markt der Idea­li­sten kon­kur­rie­ren kei­ne Kir­chen mehr mit- oder ge­gen­ein­an­der, son­dern welt­weit vor al­lem zwei Or­ga­ni­sa­tio­nen: »Bet­ter­Pla­net« und »Life from Ze­ro«. Die­se lie­fern sich ei­nen er­bit­ter­ten Kampf um Mit­glie­der und vor al­lem Geld­ge­ber. Zu Be­ginn möch­te Jo Pres­se­spre­che­rin der mul­ti­na­tio­na­len Tier­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on »Ani­mal for Rights« wer­den (»der Mensch ist laut Sat­zung der Or­ga­ni­sa­ti­on ‘ein bö­ses Tier‘«) und trifft sich hier­zu mit den bei­den Grün­dern in ei­nem – selbst­re­dend – ve­ga­nen Re­stau­rant. Auch Jivan stößt da­zu; er hat­te sich et­was ver­spä­tet, weil er zum ei­nen noch ei­nen Dö­ner bei sei­nem Freund Ediz ge­ges­sen hat­te und zum an­dern sei­ne al­te Le­der­ta­sche noch ver­stecken muss­te, um kei­nen Arg­wohn bei den Tier­recht­lern zu er­re­gen.

Die Heu­che­lei­en ge­lin­gen Jivan präch­tig. Zwi­schen »Reis­milch-Sal­bei-Küm­mel-Brü­he« und »auf Pal­men­blät­tern ge­grill­tes Pilz­as­sort­ment« un­ter­brei­tet Jivan den tat­säch­lich ernst­haft dis­ku­tier­ten Vor­schlag, wo­nach Men­schen und Tie­re künst­li­che Ein­hör­ner tra­gen soll­ten (da­her das Co­ver). Es ist ge­konnt und ver­gnüg­lich, wie Bras­lavsky die­ses Sze­na­rio in ei­ner Mi­schung aus Lo­ri­ot und Joa­chim Zel­ter in­sze­niert und der Le­ser be­kommt ei­nen Vor­ge­schmack auf Jos Ehr­geiz und Vi­ta­li­tät, auch noch den größ­ten Un­sinn in ih­re Welt­ret­tungs­plä­ne min­de­stens ins Kal­kül zu zie­hen.

Wei­ter­le­sen ...

Pos­sen­spie­le

»Ich bin psy­chisch sta­bil«, sagt die Schrift­stel­le­rin Mi­chel­le Stein­beck in ei­nem In­ter­view mit dem Schwei­zer »Ta­ges­an­zei­ger«. Ein merk­wür­di­ges State­ment, aber es ist fast schon er­zwun­gen, da die Hil­de Ben­ja­min der deut­schen Li­te­ra­tur­kri­tik, El­ke Hei­den­reich, wie­der ein­mal ei­nen ih­rer Aus­set­zer hat­te und im letz­ten »Li­te­ra­tur­club« der Au­torin ei­ne »ernst­haf­te Stö­rung« at­te­stier­te – und dies ein­zig al­lei­ne, weil ihr, Hei­den­reich, das Buch von Stein­beck (»Mein Va­ter war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fisch«) nicht ge­fällt.

Hei­den­reich ent­wicke­le sich zu ei­ner Hy­po­thek für den »Li­te­ra­tur­club« stell­te dann auch Gui­do Kal­be­rer im »Ta­ges­an­zei­ger« fest. Die Li­ste der Hei­den­reich-Es­ka­pa­den sind längst Le­gi­on. Aus Grün­den, die nicht nach­voll­zieh­bar sind, steht und stand die Re­dak­ti­on zu ihr. Als sie mit Ste­fan Zwei­fel an­ein­an­der­ge­riet, weil sie ein fal­sches Zi­tat ver­wen­de­te, muss­te nicht sie ge­hen, son­dern Zwei­fel. Die Gran­dez­za, mit der sie neu­lich die­sen Vor­gang ver­dreh­te, muss man erst ein­mal nach­ma­chen.

All­ge­mein wur­de das State­ment von Stein­beck als be­son­nen und rich­tig be­zeich­net. Die Un­ge­heu­er­lich­keit die­ses Vor­gangs an sich ist da­bei ir­gend­wie un­ter die Rä­der ge­kommen: Müs­sen dem­nächst Schrift­stel­le­rIn­nen auf Mut­ma­ssun­gen von so­ge­nann­ten Kri­ti­kern mit ärzt­li­chen At­te­sten re­agie­ren? Wei­ter ge­spon­nen: Muss ein Kri­mi­nal­ro­man-Au­tor dem­nächst pro­phy­lak­tisch ein po­li­zei­li­ches Füh­rungs­zeug­nis vor­le­gen, das er/sie nicht sel­ber ge­mor­det hat?

Wei­ter­le­sen ...

Ma­thi­as Énard: Kom­pass

Mathias Enard: Kompass
Ma­thi­as Enard: Kom­pass

Schon 2010, in sei­nem opu­len­ten wie fa­mo­sen Werk »Zo­ne« hat­te sich Ma­thi­as Énard ei­ner Re­gi­on ver­schrieben, dem Mit­tel­meer, mach­te es zum my­thi­scher Raum, durch­maß ihn von Tan­ger bis Ga­za und al­les was von oder nach der »Zo­ne« kommt und das, was sich in »ihr« ab­ge­spielt hat­te, wur­de ob­ses­siv an­ge­saugt und er­zäh­le­risch ver­ar­bei­tet. Énard brauch­te hier­für ei­ne zwie­lich­ti­ge Fi­gur, ei­nen Kriegs­ver­bre­cher und Spi­on, der die Welt als ei­ne Ab­fol­ge von Hass und Ge­walt de­fi­nier­te und Ge­schichts­li­ni­en und Er­eig­nis­se von 218 vor Chri­stus bis zu den Mas­sa­kern der di­ver­sen Ju­go­sla­wi­en-Krie­ge der 1990er Jah­re her­an­zog und mit­ein­an­der ver­band, ge­treu dem Mo­tiv der Haupt­fi­gur, die »Ge­schich­te ist ei­ne Er­zäh­lung von rei­ßen­den Tie­ren, ein Buch, in dem auf je­der Sei­te Wöl­fe vor­kom­men« und so ist auch die­ses Buch, atem­los, ex­pres­siv, nicht ganz oh­ne Punkt und Kom­ma, son­dern nur oh­ne Punkt; die 600 Sei­ten be­stehen aus viel­leicht zwei Dut­zend ab­ge­schlos­se­nen Sät­zen, al­les steht hin­ter- und ne­ben­ein­an­der, ein Sog, der fes­sel­te, ab­stieß und an­zog und das al­les gleich­zei­tig.

Und nun al­so »Kom­pass« und die Zo­ne ist dies­mal nicht das Mit­tel­meer son­dern der Ori­ent; es gibt al­so Schnitt­men­gen aber nur geo­gra­phi­sche, aber es ist al­les an­ders. In »Zo­ne« wird die Höl­le er­zählt, per­so­nal aus Sicht ei­ner Per­son, wäh­rend ei­ner mehr­stündigen Zug­fahrt. In »Kom­pass« ist es ein ir­di­sches Pa­ra­dies, evo­ziert von ei­nem Ich-Er­zäh­ler, dem öster­rei­chi­schen Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Franz Rit­ter, der schlaf­los in ei­ner Nacht in Wien sein Le­ben re­ka­pi­tu­liert, nicht nur aber auch weil er ei­ne töd­li­che Dia­gno­se sei­nes Arz­tes er­hal­ten hat. Er­staun­lich, wie we­nig man am En­de über Rit­ter als Per­son weiß. Aka­de­misch ist er ein Schü­ler von Jean Du­ring und nach ei­ge­ner Aus­sa­ge glück­lich, dem 20. Jahr­hun­dert »wi­der­stan­den« zu ha­ben (was sich dann be­wahr­hei­tet). Al­les an­de­re Per­sön­li­che bleibt dif­fus, selbst sein Al­ter muss man schät­zen (sei­ne Mut­ter ist 75), aber auf die Per­son Rit­ter kommt es ei­gent­lich gar nicht an, ob­wohl das Buch auch ei­ne Lie­bes­ge­schich­te ist (üb­ri­gens kei­nes­falls die Ge­schich­te ei­ner nur ge­schei­ter­ten Lie­be, wie so man­che Re­zen­sen­ten dies hin­ein- oder her­aus­le­sen). Die Lie­be sei­nes Le­bens, der Kom­pass sei­ner Ob­ses­si­on, ist die am En­de Mitt­vier­zi­ger Ori­en­ta­li­stin Sa­rah (es bleibt beim Vor­na­men), ei­ne »no­ma­di­sche Aka­de­mi­ke­rin«, rot­haa­rig, ge­bil­det, wis­sens­dur­stig, the­sen­freu­dig, per­fekt ara­bisch und per­sisch spre­chend, ei­ne »glän­zen­de Kar­rie­re« ma­chend, ein­ge­la­den auf »pre­sti­ge­träch­ti­gen Kol­lo­qui­en« welt­weit – al­les in Al­lem gu­te Vor­aus­set­zun­gen.

Wei­ter­le­sen ...