Klei­ne Geo­gra­phie­stun­de

Vor ei­ni­gen Ta­gen pu­bli­zier­te ein ge­wis­ser Li­ji­an Zhao ei­nen Tweet, in der ei­ne Kar­te mit den Län­dern ge­zeigt wur­de, die, so heißt es dort, ge­meint sei­en, wenn von der »in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft« die Re­de sei. Der sar­ka­sti­sche Ton ist für ei­nen Chi­ne­sen un­ge­wöhn­lich, zu­mal es sich um den stell­ver­tre­ten­den Ge­ne­ral­di­rek­tor der In­for­ma­ti­ons­ab­tei­lung des chi­ne­si­schen Au­ßen­mi­ni­ste­ri­ums han­delt. ...

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Haus oh­ne Dach­stuhl

1991 schmie­de­te der da­ma­li­ge US-Prä­­si­­dent Ge­or­ge Bush ei­ne welt­wei­te Ko­ali­ti­on, mit der er über die UN die Er­mäch­ti­gung er­hielt, das von Sad­dam Hus­s­eins Trup­pen ein­ge­nom­me­ne Ku­wait un­ter Füh­rung der USA zu be­frei­en. Spä­ter wur­de be­kannt, dass es zum Teil Des­in­for­ma­tio­nen gab, um die Be­reit­schaft in den je­wei­li­gen Be­völ­ke­run­gen, Teil die­ser Ko­ali­ti­on zu sein, zu er­hö­hen. ...

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Tim Finch: Frie­dens­ge­sprä­che

Tim Finch: Friedensgespräche
Tim Finch:
Frie­dens­ge­sprä­che

Ed­vard Beh­rends ist ein nor­we­gi­scher Di­plo­mat, 59 Jah­re alt und lei­tet ei­ne Ver­mitt­lung zwi­schen zwei Bür­ger­kriegs­par­tei­en aus dem Na­hen oder Mitt­le­ren Osten (ge­naue­re An­ga­ben gibt es nicht). Als Kon­fe­renz­ort wur­de ein Berg­dorf ir­gend­wo im öster­rei­chi­schem Ti­rol ge­wählt. Nicht nur er, son­dern auch ei­ner der Teil­neh­mer kommt da so­fort auf die »Zauberberg«-Assoziation. Dies ist das Set­ting, mit dem der Ver­lag Tim Finchs »Frie­dens­ge­sprä­che« (über­setzt von Jo­hann Chri­stoph Ma­ass) be­wirbt. Kurz er­in­nert man sich an »Der Wald­spa­zier­gang«, ein Thea­ter­stück von Lee Bles­sing aus den 1980er Jah­ren, in dem die Ge­sprä­che zwi­schen Paul Nit­ze und Ju­lij Kwizin­ski über die Mit­tel­strecken­ra­ke­ten der USA und der UdSSR als dra­ma­ti­sches Kam­mer­spiel ge­spie­gelt wur­den.

Zu­nächst be­ginnt der Ro­man auch mit dem Ver­mitt­lungs­ge­sche­hen. Es gibt ei­ne de­le­ga­ti­ons­über­grei­fen­de Wan­der­grup­pe, in der die stei­fe At­mo­sphä­re der ver­fein­de­ten Par­tei­en et­was auf­ge­lockert wer­den soll. Beh­rends kommt ei­nem und sich sel­ber vor wie ein Rich­ter – er hat zwar ei­nen Ham­mer, ist aber mehr ein Ko­or­di­na­tor von Dis­kus­si­ons­ab­läu­fen, der pein­lich ge­nau dar­auf be­dacht sein muss, nichts zu tun, was ei­ne Sei­te als Be­vor­zu­gung oder Be­nach­tei­li­gung auf­fas­sen könn­te. Die­se Dif­fi­zi­li­tät zeigt sich an ei­ner Sze­ne. Bei­de Par­tei­en zei­gen sich ab­wech­selnd Fo­tos und Vi­de­os der von der je­weils an­de­ren Sei­te ver­üb­ten Gräu­el­ta­ten. Sie wer­den kurz an­ge­deu­tet und sind scheuß­lich. Plötz­lich re­kla­miert ei­ne Par­tei, die Son­nen­blen­de im Raum leicht zu ver­schie­ben. Dies wie­der­um ge­fällt der an­de­ren Par­tei nicht, weil da­durch Ein­zel­hei­ten der ge­ra­de ge­zeig­ten Sze­ne deut­li­cher sicht­bar wer­den könn­ten. Es gibt ein all­ge­mei­nes Hin und Her, schließ­lich der Ab­bruch der Sit­zung. Meh­re­re Ta­ge schmol­len nun die De­le­ga­tio­nen in ih­ren Zim­mern. Beh­rends kommt zu­fäl­lig bei ei­nem Spa­zier­gang mit ei­nem Dr. Noor ins Ge­spräch, der ihm so­gar fast ver­stoh­len ei­nen Ko­ran vor die Tü­re legt. Ei­ne zar­te An­nä­he­rung, die rasch en­det – Noor, der ei­gent­lich kei­ne be­son­ders ex­po­nier­te Po­si­ti­on in sei­ner De­le­ga­ti­on hat­te, wird plötz­lich ab­ge­zo­gen.

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Heimo Schwilk: Mein aben­teu­er­li­ches Herz I

Heimo Schwilk: Mein abenteuerliches Herz I
Heimo Schwilk: Mein
aben­teu­er­li­ches Herz I

»Mein aben­teu­er­li­ches Herz I« – schon im Ti­tel fin­det man die­se Mi­schung aus An­spruch und An­ma­ßung. Es wird beim Auf­schla­gen noch deut­li­cher: Der Au­tor Heimo Schwilk mit Ernst Jün­ger 1988 im Ge­spräch. So muss ein Jün­ger-Bio­graph sei­ne Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen nen­nen und be­gin­nen, denkt man. Die rö­mi­sche Zif­fer lässt zu­dem ei­nen zwei­ten Band er­war­ten. Der er­ste um­fasst Ein­tra­gun­gen vom 3. Fe­bru­ar 1983 bis zum 1. Ja­nu­ar 2000. Die­se wer­den oh­ne je­de Glie­de­rung chro­no­lo­gisch auf­ge­führt – mit Orts­zei­le und Da­tum. So flie­gen die Jah­re da­hin, wenn man nicht im­mer ge­nau auf das Da­tum schaut. Es zeigt sich, dass die Ein­trä­ge meist et­was spä­ter ent­stan­den sind und Er­eig­nis­se ei­ni­ger Ta­ge zu­vor zu­sam­men­fas­sen.

Zu Be­ginn ist Schwilk 31 Jah­re alt und ver­sucht, in Kon­takt mit Ernst Jün­ger zu kom­men. An­dert­halb Jah­re spä­ter – im Buch sind es noch nicht ein­mal 30 Sei­ten – ist es so­weit. Er sitzt in Wilf­lin­gen mit Ernst und Li­se­lot­te Jün­ger zu­sam­men. Ei­ne Bio­gra­phie kann es nicht mehr wer­den (dar­an ar­bei­te­te be­reits der NZZ-Mann Mar­tin Mey­er). Mit Klett-Cot­ta hat­te man sich aber auf ei­ne Bild­bio­gra­phie ver­stän­digt. Meh­re­re Sit­zun­gen und Sich­tun­gen in Wilf­lin­gen. Par­al­lel plan­te Schwilk ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über die Jün­ger-Ta­ge­bü­cher und über­legt, in­wie­fern die­se Sti­li­sie­run­gen ent­hal­ten.

Die Fra­ge stellt sich na­tür­lich auch für die vor­lie­gen­den 634 Sei­ten. Da­mit kei­ne Zwei­fel auf­kom­men, ver­or­tet sich Schwilk schon im (glück­li­cher­wei­se knap­pen) Vor­wort bei den »re­fle­xi­ven Dia­ri­sten« wie Jün­ger und Gi­de. Nichts wer­de be­schö­nigt, so das Ver­spre­chen. Tap­fer­keit ge­gen den Main­stream wird an­ge­kün­digt. Mit dem Un­ter­ti­tel »Aus den Ta­ge­bü­chern…« legt man al­ler­dings den Schluss na­he, dass es durch­aus Strei­chun­gen gibt. Und nach der Lek­tü­re hät­te man sich si­cher­lich vie­le (wei­te­re?) Aus­las­sun­gen ge­wünscht. Et­wa all die pri­va­ten Pro­ble­me und Pro­blem­chen, die Ehe­kon­flik­te, sei­ne Epi­so­den über die Kin­der – kurz: all das, was pri­vat und in­tim blei­ben soll­te, denn ein Jour­na­list ist nicht wie ein Schrift­stel­ler ei­ne öf­fent­li­che Fi­gur (wo­bei man auch hier strei­ten kann, ob bei­spiels­wei­se die Idio­syn­kra­si­en ei­nes Tho­mas Mann im­mer re­le­vant für sein Werk sind). We­ni­ger wä­re mehr ge­we­sen, vor al­lem im Hin­blick auf die Ge­gen­wart. Dis­kre­ti­on ist kei­ne Kern­kom­pe­tenz von Heimo Schwilk.

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Irr­we­ge

Als der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Bush (sr.) 1991 in ei­ner bis heu­te bei­spiel­lo­sen Ko­ali­ti­on mit Un­ter­stüt­zung der UN ei­ne mul­ti­na­tio­na­le Trup­pe schick­te, um das sie­ben Mo­na­te zu­vor von Irak an­nek­tier­te Ku­wait zu be­frei­en, heg­te sich in Deutsch­land Angst und Wi­der­stand. Er be­stand u. a. dar­in wei­ße Bett­la­ken aus dem Fen­ster zu hän­gen. Im Wahn be­fürch­te­te man, ...

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Post­kar­ten

Am in­ter­es­san­te­sten bei den gest­ri­gen Bei­trä­gen, In­ter­views und Stel­lung­nah­men auf al­len mög­li­chen (deut­schen) Fern­seh­ka­nä­len wa­ren die Be­kennt­nis­se de­rer, die ei­ne In­va­si­on der ge­sam­ten Ukrai­ne durch Pu­tin hat­ten kom­men se­hen. Es wa­ren na­tür­lich die­je­ni­gen, die seit Jah­ren da­vor warn­ten und die man am En­de nicht mehr hö­ren konn­te (oder woll­te). Nun ist es zu spät. Zu ...

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Haus Eu­ro­pa

Das einst hym­nisch be­schwo­re­ne »Haus Eu­ro­pa« hat seit ge­stern ei­ne neue, gro­ße Be­schä­di­gung er­fah­ren. Russ­lands Prä­si­dent Pu­tin hat die »Volks­re­pu­bli­ken« Do­nezk und Lu­hansk, die er sel­ber mit Hil­fe will­fäh­ri­ger Se­pa­ra­ti­sten als Pfahl im Ter­ri­to­ri­um der Ukrai­ne 2014 eta­bliert hat­te, jetzt so­zu­sa­gen di­plo­ma­tisch an­er­kannt. Das wi­der­spricht dem seit Jah­ren brach­lie­gen­den so­ge­nann­ten »Min­s­ker-Ab­­kom­­men« zwar, aber egal. So ...

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Ve­ra Vor­ne­weg: Kein Wort zu­rück

Vera Vorneweg: Kein Wort zurück
Ve­ra Vor­ne­weg:
Kein Wort zu­rück

Ich ken­ne Ve­ra Vor­ne­weg seit Som­mer 2018. Ei­nes Ta­ges fand ich ei­ne Aus­ga­be der (in­zwi­schen ein­ge­stell­ten) Li­te­ra­tur­zeit­schrift »Text+Bild« in mei­nem Brief­ka­sten. Ein po­si­ti­ve Fol­ge der Im­pres­sumpflicht. Wir wohn­ten da­mals nur ein paar Stra­ßen­zü­ge aus­ein­an­der und tra­fen uns fort­an zwei, drei Mal im Jahr im »Schweid­nit­zer Eck«, spra­chen über Li­te­ra­tur und Lek­tü­ren, über Pe­ter Hand­ke, Esther Kin­sky, Karl Ove Knaus­gård, Ger­hard Rühm oder Eva-Ma­ria Al­ves, und an­de­re.

Im Herbst 2018 er­hielt Vor­ne­weg ein Sti­pen­di­um des Lan­des Thü­rin­gen und leb­te ei­ni­ge Mo­na­te in der Ort­schaft Kal­ten­lengs­feld. Ih­re Ein­drücke und Ge­dan­ken wäh­rend des Auf­ent­halts hat­te sie von ih­rem No­tiz­buch in den Com­pu­ter über­tra­gen, dann aus­ge­druckt und an be­stimm­ten Stel­len im Ort an­ge­bracht, wie bei­spiels­wei­se an ei­ner Bus­hal­te­stel­le. Li­te­ra­tur wur­de so­mit öf­fent­lich. Vor­ne­weg be­ton­te in den un­ver­meid­li­chen Stel­lung­nah­men den Me­di­en ge­gen­über, dass die­ses Dorf sie zur Schrift­stel­le­rin ge­macht ha­be.

»Ein ganz be­son­de­res Buch« soll­te auf­grund die­ses Auf­ent­halts ent­ste­hen, so hieß es in ei­ner Lo­kal­zei­tung. Man kennt das: Aus­ge­zeich­ne­te sind an­ge­hal­ten, das neue Um­feld in ih­re Tex­te ein­flie­ßen zu las­sen. Da­bei gibt es Tex­te über Groß­stadt­men­schen in Dör­fern und/oder in an­de­ren re­gio­na­len Um­ge­bun­gen zur Ge­nü­ge. Sie dro­hen häu­fig in fal­sche Idyl­lik ab­zu­glei­ten, oder, noch schlim­mer, sich in gön­ner­haf­te Ar­ro­ganz zu ver­zet­teln. Ne­ben­bei stellt sich das Di­lem­ma, dass sich Orts­per­sön­lich­kei­ten un­ge­ach­tet ih­rer Ver­frem­dun­gen im Text wo­mög­lich falsch (oder rich­tig) ge­trof­fen füh­len. Es ist nicht ein­fach.

Bei ei­nem er­neu­ten Be­such in Thü­rin­gen 2019 ge­riet Vor­ne­weg in den Land­tags­wahl­kampf. Sie war em­pört über Aus­sa­gen auf den Pla­ka­ten der AfD, die sie un­mög­lich bei der Ein- oder Durch­fahrt igno­rie­ren konn­te. Aber es schien, als ha­be sie ihr The­ma ge­fun­den. Sie be­rich­te­te mir über das Schrei­ben an ei­ner Er­zäh­lung, die, wie sie sag­te, nur zum Teil mit ih­ren Er­fah­run­gen im Dorf zu tun ha­be, aber ei­ne Not­wen­dig­keit für sie sei.

Der Text sel­ber blieb mir ver­bor­gen. Ich be­grüß­te das, ob­wohl mei­ne Neu­gier mit je­der Er­ör­te­rung stieg. Lei­der gab es Schwie­rig­kei­ten für den Text ei­nen ad­äqua­ten Ver­lag zu fin­den, was sich auf­grund der Co­ro­na-Pan­de­mie noch ver­schärf­te. Zwi­schen­zeit­lich wid­me­te sich Vor­ne­weg der Ge­stal­tung des öf­fent­li­chen Rau­mes mit Li­te­ra­tur in Düs­sel­dorf. Auch hier half ein Sti­pen­di­um. Auf ei­ner Rollade (neue Schreib­wei­se ei­gent­lich »Roll­la­de«) ei­ner ver­las­se­nen Gast­wirt­schaft in Düs­sel­dorf Ober­bilk schrieb sie Ein­drücke auf, die beim Schau­en und Hö­ren von der Stra­ße und der un­mit­tel­ba­ren Um­ge­bung des Hau­ses ent­stan­den. Der Be­sit­zer der Lo­ka­li­tät hat­te ihr die­se Nut­zung ge­stat­tet. Erst wenn das Haus re­no­viert wird, ver­schwin­den auch die Rolläden mit den Tex­ten. Ver­gäng­li­che Kunst. Im­mer­hin: Ih­re Im­pres­sio­nen sind hier auch dar­über hin­aus fest­ge­hal­ten.

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