Blit­zen­de Aus­nah­men

3sat über­trug dies­mal al­les vom Bach­mann­preis 2022. Als Co­ro­­na-Re­­mi­­ni­s­­zenz dien­te die Tei­lung zwi­schen Ju­ry (im Stu­dio) und le­sen­den Au­toren (im Gar­ten; mit Zu­schau­ern). Der Wech­sel zwi­schen Stu­dio und Gar­ten wur­de von zwei Mo­de­ra­to­ren aus­ge­füllt. Cé­ci­le Schort­mann war im Gar­ten und las vor Be­ginn je­der Le­sung die On­line ver­füg­ba­ren Kurz­por­traits der Au­toren vor und sag­te die ...

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Jo­sef Braml: Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

Josef Braml: Die transatlantische Illusion
Jo­sef Braml: Die
trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on

»Die trans­at­lan­ti­sche Il­lu­si­on« von Jo­sef Braml war be­reits vor dem Ein­marsch rus­si­scher Trup­pen in der Ukrai­ne ein Best­sel­ler. Der Ver­lag leg­te An­fang März mit ei­ner zwei­ten, ak­tua­li­sier­ten Auf­la­ge nach, in der das Er­eig­nis vom 24. Fe­bru­ar ein­ge­ar­bei­tet wur­de. Braml wird als Ge­ne­ral­se­kre­tär der »Tri­la­te­ra­len Kom­mis­si­on« vor­ge­stellt, ei­ner so­ge­nann­ten Denk­fa­brik (»Thinktank« – bö­se über­setzt mit »Denk­pan­zer«), der – wie dies mit den mei­sten Or­ga­ni­sa­tio­nen die­ser Art so üb­lich zu sein scheint – ei­ni­ge My­then ob ih­rer Aus­wir­kun­gen und Di­men­sio­nen an­haf­ten.

Ent­ge­gen der Er­war­tung, die man nach dem Vor­wort an den Ti­tel hegt, geht es al­ler­dings nicht nur um Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Der Er­folg des Bu­ches dürf­te sich auch der de­zi­diert kri­ti­schen Sicht auf die USA ver­dan­ken. In fast be­schwö­ren­dem Ton wird aus­ge­führt, dass sich Eu­ro­pa nicht län­ger der »trans­at­lan­ti­schen Il­lu­si­on« hin­ge­ben dür­fe. Die USA, so die The­se, wer­den in na­her Zu­kunft nicht mehr als »Schutz­macht« für »Si­cher­heit und Wohl­stand der Al­ten Welt« zur Ver­fü­gung ste­hen, weil sich der geo­stra­te­gi­sche Fo­kus auf den In­do-pa­zi­fi­schen Raum, ins­be­son­de­re, Chi­na kon­zen­trie­re. Aber eben auch, weil die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sel­ber nicht mehr ei­ne sta­bi­le Macht dar­stel­len.

Als Be­leg hier­für wird der »ame­ri­ka­ni­sche Pa­ti­ent« ei­ner ge­nau­en Un­ter­su­chung un­ter­zo­gen. Nichts wird aus­ge­las­sen. Et­wa die un­zu­läs­si­gen au­ßen­po­li­ti­schen Ein­mi­schun­gen seit den 1950er Jah­ren vor al­lem in Süd­ame­ri­ka (Gua­te­ma­la, Chi­le) und im Na­hen und Mitt­le­ren Osten (von Mossadegh/Iran 1953 bis in die Ge­gen­wart). Als Tief­punkt wird der völ­ker­rechts­wid­ri­ge und mit Lü­gen un­ter­füt­ter­te Irak­krieg 2003 her­aus­ge­stellt. Im­mer­hin wür­den die Af­fä­ren und Miss­grif­fe der Au­ßen­po­li­tik im Nach­hin­ein min­de­stens teil­wei­se öf­fent­lich auf­ge­ar­bei­tet – an­ders als et­wa in Dik­ta­tu­ren.

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Bo­ris Ba­scha­now: Ich war Sta­lins Se­kre­tär

Boris Baschanow: Ich war Stalins Sekretär
Bo­ris Ba­scha­now: Ich war Sta­lins Se­kre­tär

Seit Be­ginn der rus­si­schen In­va­si­on in der Ukrai­ne sind die Twit­ter-Th­reads des Jour­na­li­sten Ka­mil Ga­leev ei­ne viel­fach ge­nutz­te Quel­le. Ga­leev be­treu­te u. a. im Wil­son-Cen­ter ein Pro­jekt über den rus­si­schen Na­tio­na­lis­mus wäh­rend der Pu­tin-Ära. Er ver­fass­te auch Ar­ti­kel für die op­po­si­tio­nel­le Mos­kau­er Zei­tung »No­va­ya Ga­ze­ta«. So­wohl sei­nen Aus­füh­run­gen zur rus­si­schen Ge­schich­te als auch die Ein­las­sun­gen zur ak­tu­el­len po­li­ti­schen, de­mo­gra­phi­schen und öko­no­mi­schen La­ge im Pu­tin-Russ­land sind lu­zi­de. Er zeich­net be­hut­sam hi­sto­ri­sche Ana­lo­gien oh­ne jour­na­li­stisch-ein­fa­che Gleich­heits­zei­chen zu set­zen. Da­bei zeigt er, dass Pu­tins Han­deln in ge­wis­sen Tra­di­tio­nen in der rus­si­schen bzw. so­wje­ti­schen Ge­schich­te steht. Ei­ne all­ge­gen­wär­ti­ge Par­al­le­le scheint Jo­sef Sta­lin zu sein. Sehr früh wies Ga­leev auf das Buch »Ich war Sta­lins Se­kre­tär« von Bo­ris Ba­scha­now hin und emp­fahl es sei­nen Le­sern als Lek­tü­re; un­ter an­de­rem um die rus­si­sche Bü­ro­kra­tie (und de­ren In­ef­fek­ti­vi­tät) zu ver­ste­hen. Aber es geht auch um die Ver­deut­li­chung von Macht­struk­tu­ren in­ner­halb ei­nes au­to­ri­tä­ren Sy­stems aus er­ster Hand. Ver­bun­den ist dies mit dem Des­in­ter­es­se der po­li­ti­schen Ak­teu­re über die Le­bens­si­tua­ti­on der Be­völ­ke­rung – da­mals wie heu­te.

Ba­scha­now, 1900 ge­bo­ren, trat vol­ler Über­zeu­gung 1919 in die Par­tei ein. Durch glück­li­che Um­stän­de und weil man sein Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent schät­ze wur­de er 1923 als Se­kre­tär in das Po­lit­bü­ros be­ru­fen. Er war rasch pri­vi­le­giert; von al­len Se­kre­tä­ren war er der ein­zi­ge, der re­gel­mä­ssig bei den Sit­zun­gen der so­ge­nann­ten »Troi­ka« (Sta­lin, Si­no­wjew und Ka­men­ew) und spä­ter im Po­lit­bü­ro da­bei war.

Ga­leev be­schreibt in sei­nem Twit­ter-Strang vor al­lem Sze­ne, als Ba­scha­now Sta­lins heim­li­che Ab­hör­an­la­ge ent­deckt. Er konn­te bei Fra­gen oh­ne zu Klop­fen in Sta­lins Bü­ro ein­tre­ten und be­kam mit, dass die­ser wäh­rend er war­te­te, ei­nen Te­le­fon­hö­rer in der Hand hat­te, aber nie sprach. Sta­lin be­merk­te nun, dass Ba­scha­now dies mit­be­kom­men hat­te. Es wuss­ten nur sehr we­ni­ge Per­so­nen von die­ser Mög­lich­keit, den kreml­in­ter­nen Te­le­fon­ver­kehr (der vom nor­ma­len Te­le­fon­netz oh­ne­hin ab­ge­kop­pelt war) mit­zu­hö­ren. Sta­lin hat­te ein wich­ti­ges In­stru­ment, um sei­ne Säu­be­run­gen durch­zu­füh­ren. Die­se ge­scha­hen oft­mals nicht so­fort, aber Sta­lin ver­gaß nie; es konn­te Jah­re dau­ern, bis er sich räch­te. Der tsche­chi­sche Kom­mu­nist, der half, die­se Ab­hör­an­la­ge zu in­stal­lie­ren, wur­de al­ler­dings, wie Ba­scha­now be­rich­tet, kurz dar­auf um­ge­bracht.

Die Sze­ne macht neu­gie­rig und ich be­sorg­te mir das Buch, wel­ches in deut­scher Über­set­zung im Ull­stein-Ver­lag 1977 er­schie­nen war, an­ti­qua­risch für knapp 20 Eu­ro. In­zwi­schen kur­sie­ren lei­der auf den ent­spre­chen­den Por­ta­len nur noch sehr ho­he Prei­se (jen­seits 50 Eu­ro).

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Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren
Uwe Tell­kamp: Der Schlaf in den Uh­ren

Für ei­nen kur­zen Mo­ment schien die Welt der deut­schen Li­te­ra­tur in Ord­nung. Es war ein Ok­to­ber­tag im Jahr 2008 und Uwe Tell­kamp war mit dem da­mals noch recht neu kon­zi­pier­ten »Deut­schen Buch­preis« für sei­nen Ro­man »Der Turm« aus­ge­zeich­net wor­den. Die Lo­be über­schlu­gen sich und vie­le Kri­ti­ker wa­ren sich si­cher, end­lich DEN Wen­de­ro­man vor sich zu ha­ben. Auch die eher seich­te Ver­fil­mung vier Jah­re spä­ter, die ei­ni­ge Zeit lang zu den ent­spre­chen­den Ge­denk­da­ten im öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen wie­der­holt wur­de, konn­te den Ruf des Ro­mans nicht we­sent­lich er­schüt­tern.

Am Schluss des Ro­mans war ein Dop­pel­punkt – der Au­gen­blick, als Uh­ren schlu­gen, der 9. No­vem­ber, und Chri­sti­an Hoff­mann, Sohn des Arz­tes Ri­chard Hoff­mann, zur Zeit der Wen­de Wehr­dienst­pflich­ti­ger, nä­her­te sich mit mul­mi­gen Ge­fühl den De­mon­stran­ten. Kommt der Be­fehl, auf sei­ne Lands­leu­te zu schie­ßen? Wie geht es wei­ter? Was ge­schieht mit den Hoff­manns, der Ober­schicht in der DDR?

Die Un­ge­duld wuchs; An­kün­di­gun­gen kün­dig­ten Ver­schie­bun­gen und neue An­kün­di­gun­gen an. 2015 war das Land mit der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se be­schäf­tigt. Uwe Tell­kamp war mit der Po­li­tik der Kanz­le­rin nicht ein­ver­stan­den. Er sag­te dies auch. Im Ge­spräch mit Durs Grün­bein im Jahr 2018. Der Suhr­kamp-Ver­lag di­stan­zier­te sich per Tweet von sei­nem Au­tor, was ein merk­wür­di­ges Ver­ständ­nis zeigt.

Von nun an wur­de die Ver­zö­ge­rung des neu­en Ro­mans von Ge­rüch­ten be­glei­tet. Ge­nießt Tell­kamp noch die Un­ter­stüt­zung des Ver­lags? Es er­schie­nen Aus­schnit­te aus sei­nem Ro­man; Ar­beits­text »La­va«. Tell­kamp galt jetzt als »rechts« – weit­ge­hend be­grün­det auf ei­ner Aus­sa­ge aus der Grün­bein-Dis­kus­si­on und sei­ner Freund­schaft zur Buch­händ­le­rin Su­san­ne Da­gen, die seit ih­rer Pu­bli­ka­ti­ons­rei­he »Exil« und di­ver­sen Ver­an­stal­tun­gen mit dem Ti­tel »Mit Rech­ten le­sen« zur Pa­ria des Dresd­ner Kul­tur­be­triebs – und dar­über hin­aus – wur­de.

2020 riss der Ge­dulds­fa­den des Feuil­le­tons. Man be­frag­te so­ge­nann­te In­tel­lek­tu­el­le, was sie von Tell­kamps neu­em Ro­man hiel­ten. Wohl ge­merkt, der Ro­man exi­stier­te nur in der Werk­statt des Au­tors, viel­leicht teil­wei­se be­reits im Lek­to­rat des Ver­lags. Nie­mand wuss­te Ge­nau­es. Aber das hielt ei­ni­ge nicht da­von ab, fer­ti­ge Ur­tei­le zu prä­sen­tie­ren. Alei­da Ass­mann et­wa, die fest­zu­stel­len glaub­te, dass aus dem einst »Auf­rech­ten« ein »Rech­ter« ge­wor­den sei. Bar je­der Kennt­nis des Ma­nu­skrip­tes gab sie Rat­schlä­ge an den de­si­gnier­ten Ver­lag: »Wenn er [Tell­kamp] tut, was der Ti­tel des neu­en Ro­mans ver­spricht, näm­lich glü­hen­de La­va über das Land zu gie­ßen, dann wird man ihn dar­an nicht hin­dern kön­nen. An­ders als in der DDR herrscht kei­ne Zen­sur mehr, Kunst- und Mei­nungs­frei­heit sind in der De­mo­kra­tie ein Bür­ger­recht. Man muss sich al­ler­dings fra­gen, durch wel­chen Vul­kan, sprich Ver­lag, die­se La­va sich er­gie­ßen soll.« Ihr Fu­ror stei­ger­te sich: »Zu ei­nem Zeit­punkt, wo sich in der Ge­sell­schaft Hass, An­ti­se­mi­tis­mus und Ge­walt mit der Ge­schwin­dig­keit des Co­ro­na­vi­rus aus­brei­ten, muss der Suhr­kamp-Ver­lag kei­nen Brand­be­schleu­ni­ger auf den Markt wer­fen.« Wie kann man sich noch mehr de­mon­tie­ren?

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Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Heike Geißler: Die Woche
Hei­ke Geiß­ler: Die Wo­che

Der Ro­man »Die Wo­che« von Hei­ke Geiß­ler ist die Lang­form ei­nes im Som­mer 2021 beim In­ge­borg-Bach­mann-Preis ge­le­se­nen Tex­tes mit dem glei­chen Na­men. Die Ich-Er­zäh­le­rin (ein­mal nur »H.« ge­nannt) und ih­re Freun­din, Con­stan­ze, han­geln sich durch ein Leip­zig, wel­ches sie be­stimmt se­hen durch die mon­täg­li­chen »Pegida«-Demonstrationen. Ir­gend­wann scheint im­mer Mon­tag zu sein; die an­de­ren Wo­chen­ta­ge ver­schwin­den. Die bei­den, um die 40 und noch in der DDR so­zia­li­siert, sind bei den Ge­gen­de­mon­stran­ten und be­zeich­nen sich im Über­schwang auch schon ein­mal als »pro­le­ta­ri­sche Prin­zes­sin­nen«. Wäh­rend Con­stan­ze dem Be­ruf der »Pro­duk­ti­ons­as­si­sten­tin« nach­zu­ge­hen scheint (oder schien), ist H. Mut­ter von zwei Kin­dern. Ne­ben den De­mos be­sucht man Fit­ness­stu­di­os (da­bei wird ge­ach­tet, dass man bei ei­ner Übung nicht den rech­ten Arm he­ben muss – es könn­te ja ein Hit­ler­gruß sein) und un­ter­nimmt Rei­sen – nach Frei­berg, Pa­ris, Rom oder Zü­rich.

Ge­fühlt be­ginnt je­der zwei­te Satz in dem Buch mit ei­nem agi­ta­to­ri­schen »wir«, was na­tür­lich Dy­na­mik, Kampf­geist und die rich­ti­ge Hal­tung aus­drücken soll. Tat­säch­lich wird ei­nem die­ser zwi­schen Po­lit­sprech der 1980er Jah­re und Pseu­doi­ro­nie chan­gie­ren­de Duk­tus schnell ran­zig. Man­ches ist noch sorg­sam ge­drech­selt wie »Wir wol­len kei­ne Waf­fen ha­ben, aber Waf­fen sein.« Oder »Wir ste­hen am Rand ei­nes Krie­ges« (was in An­be­tracht der ak­tu­el­len La­ge deut­lich macht, welch’ ein Un­sinn das ist). Und ir­gend­wann, wenn man längst auf­ge­ge­ben hat, je­den Schmar­ren in die­sem Buch an­zu­strei­chen, soll man auch noch das ka­putt ma­chen, was ei­nem ka­putt macht und ja, das ist lu­stig ge­meint, aber vor lau­ter Gäh­nen blieb mir das La­chen im Hals stecken. Si­cher, es geht auch ori­gi­nell (»Wir ha­ben die Welt auf­ge­ge­ben, aber das wis­sen wir noch nicht.«) und bis­wei­len auch selbst­kri­tisch zu (»Wir neh­men uns selbst zur Brust«). Da ist Pa­thos (»Wir hal­ten der Welt­po­li­tik und der Lo­kal­po­li­tik un­se­re Träu­me ent­ge­gen.«), Trotz (»Wir hö­ren der Welt nicht mehr zu.«), Ver­zweif­lung (»Wir sind re­kon­va­les­zent.«), Wut (»Wir zie­hen wei­ter. Wir räu­men jetzt auf.«) und deut­sche Frie­dens­be­we­gungs­tra­di­ti­on (»Wir schrei­ben jetzt auf Bett­la­ken«).

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Der Bär und die Domp­teu­re

Der Fall der Mau­er 1989 hat­te am En­de ne­ben dem zu­packen­den Hel­mut Kohl auch noch ei­nen an­de­ren Sie­ger: Die So­zi­al­de­mo­kra­ten – da­mals arg ge­beu­telt – sa­hen sich mit der Ent­span­nungs­po­li­tik der 1970er Jah­re mit Wil­ly Brandt und Egon Bahr (flan­kiert vom da­ma­li­gen FDP-Au­­ßen­­mi­­ni­­ster Wal­ter Scheel) als po­li­ti­scher Lang­zeit­ge­win­ner. Die Po­li­tik Brandt und Bahrs, die als ...

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»Der Frie­den nach dem Kal­ten Krieg ist vor­bei«

Allen/Hodges/Lindley-French: Future War
Al­len/Hod­ge­s/­Lind­ley-French: Fu­ture War

»Fu­ture War«, das Buch drei­er Mi­li­tär­stra­te­gen, erst­mals 2021 pu­bli­ziert und jetzt in deut­scher Über­set­zung vor­lie­gend, be­kommt durch die rus­si­sche In­va­si­on in die Ukrai­ne zu­sätz­li­che Re­le­vanz. Die Lek­tü­re ist be­un­ru­hi­gend, er­nüch­ternd und an­stren­gend, aber auch loh­nend.

Zwei Ta­ge vor der In­va­si­on rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne er­schien das Buch »Fu­ture War – Be­dro­hung und Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas« in deut­scher Spra­che. Ge­schrie­ben wur­de es von den bei­den ehe­ma­li­gen US-Ge­ne­rä­len John R. Al­len und Fre­de­rick Ben Hod­ges so­wie dem bri­ti­schen Mi­li­tär­hi­sto­ri­ker Ju­li­an Lind­ley-French. Die deut­sche Über­set­zung stammt von Bet­ti­na Ve­string (der man aus vie­len Grün­den ein gro­ßes Lob zol­len muss). Der Ver­lag weist zu Recht auf die trau­ri­ge Ak­tua­li­tät des Bu­ches hin, wel­ches, so Klaus Nau­mann, ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral und Ge­ne­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, in glück­li­che­ren Zei­ten ge­schrie­ben wor­den sei. Tat­säch­lich er­schien »Fu­ture War« 2021 in der »Ox­ford Uni­ver­si­ty Press«. Die Lek­tü­re zer­streut den Ein­druck rasch, da­mals sei­en we­sent­lich glück­li­che­re Zei­ten ge­we­sen.

Die Kern­the­sen des Bu­ches sind schnell um­ris­sen: Er­stens er­for­dert die Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas im zu­künf­ti­gen Krieg ein neu­es, um­fas­sen­des Si­cher­heits­kon­zept, in dem in­di­vi­du­el­le Si­cher­heit und na­tio­na­le Ver­tei­di­gung mit­ein­an­der har­mo­nie­ren. Bei­de sind un­ver­zicht­bar für ei­ne neue Art von Ab­schreckung, die sich im kom­ple­xen Mo­sa­ik der Hybrid‑, Cy­ber- und Hy­per-Kriegs­füh­rung be­wäh­ren muss. Zwei­tens ha­ben die neu­en Tech­no­lo­gien zur Fol­ge, dass sich die Füh­rung mo­der­ner Krie­ge – und folg­lich auch die eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­gung – von Grund auf ver­än­dert.

Lei­der sind, so die im­mer wie­der­hol­te Prä­mis­se, die­se Ent­wick­lun­gen durch die Co­vid-19-Pan­de­mie ins­be­son­de­re in Eu­ro­pa, aber auch in den USA, aus dem Fo­kus ge­ra­ten. Die Staa­ten hät­ten, wie es leicht vor­wurfs­voll – vor al­lem in Rich­tung Deutsch­land – heißt, in der Pan­de­mie lie­ber in in­di­vi­du­el­le mensch­li­che Si­cher­heit als in na­tio­na­le Ver­tei­di­gung in­ve­stiert. Da­bei ist die Pan­de­mie nur ein Be­schleu­ni­ger ei­ner eu­ro­päi­schen Brä­sig­keit hin­sicht­lich der Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft zu ver­ste­hen. Die Au­toren spre­chen von ei­nem schwin­del­erre­gen­den Nie­der­gang Eu­ro­pas seit 2010. Es wer­den vier glo­ba­le Me­ga­trends ge­nannt, die Eu­ro­pas Nie­der­gang noch be­schleu­ni­gen könn­ten: Der Kli­ma­wan­del (und die hier­aus ent­ste­hen­de Mas­sen-Mi­gra­ti­on), der de­mo­gra­fi­sche Wan­del (aus­ster­ben­de Ge­sell­schaf­ten), Was­ser- und Res­sour­cen­knapp­heit (bzw. stra­te­gi­sche Ab­hän­gig­kei­ten zu Staa­ten wie Russ­land und Chi­na) und die Ver­schie­bung wirt­schaft­li­cher und mi­li­tä­ri­scher Macht in Rich­tung Asi­en.

Über­be­an­spru­chung der USA

Wäh­rend die USA sich vor al­lem von Chi­nas zu­neh­men­den Ag­gres­sio­nen im süd­pa­zi­fi­schen Meer (ins­be­son­de­re um Tai­wan her­um) zu kon­zen­trie­ren hat und den Blick auf die Kri­sen­si­tua­tio­nen im Mitt­le­ren Osten legt, glau­ben die Eu­ro­pä­er im­mer noch, sich im Zwei­fel auf den, wie es bis­wei­len po­le­misch heißt, ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­zah­ler ver­las­sen zu kön­nen. Da­bei dürf­te bei ei­ner Gleich­zei­tig­keit meh­re­rer Kon­flik­te den USA rasch die Res­sour­cen aus­ge­hen und ih­re Prio­ri­tä­ten nicht mehr in Eu­ro­pa zu fin­den sein.

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Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Marc Degens: Selfie ohne Selbst
Marc De­gens: Sel­fie oh­ne Selbst

Er wol­le mich auf sein neu­es Buch auf­merk­sam ma­chen, so Marc De­gens in ei­ner Mail. Das The­ma könn­te mich in­ter­es­sie­ren und auch Wolf­gang Welt kom­me vor. Und da mich (fast) al­les zu Wolf­gang Welt in­ter­es­siert und man ir­gend­wie wei­ter­ma­chen muss (oder es zu­min­dest glaubt), gab ich ihm mei­ne neue Adres­se (die er auch hät­te im Im­pres­sum nach­schau­en kön­nen, aber egal). Zwei Ta­ge spä­ter war »Sel­fie oh­ne Selbst« da. Aus dem Wasch­zet­tel ent­nahm ich dann, es um die »in­tel­lek­tu­el­le Ge­gen­wart Ber­lins« und die Ta­ge­bü­cher von Mi­cha­el Rutsch­ky geht. Zu bei­dem ha­be ich nun lei­der über­haupt kei­ne Be­zie­hung. We­der in­ter­es­siert mich die Ber­li­ner Sze­ne noch ha­be ich die Ta­ge­bü­cher von Rutsch­ky ge­le­sen. Die Aus­sicht auf Klatsch stimm­te mich al­ler­dings hoff­nungs­froh und man wird tat­säch­lich nicht ent­täuscht.

Zu­nächst er­zählt der Ich-Er­zäh­ler, der Marc De­gens heißt, ehr­furchts­voll von ei­ner Be­geg­nung mit Mi­cha­el Rutsch­ky in Ber­lin, wel­ches wohl das letz­te Tref­fen der bei­den war, denn Rutsch­ky starb 2018. Dann der Sprung zum Dreh- und An­gel­punkt, zu »Ge­gen En­de«, dem drit­ten Band der Ta­ge­bü­cher. Das Buch er­schien 2019 so­zu­sa­gen dop­pelt post­hum, weil auch der Her­aus­ge­ber Kurt Scheel kurz vor Ver­öf­fent­li­chung starb (durch Frei­tod). Marc De­gens ge­hör­te trotz sei­ner ge­le­gent­li­chen Tref­fen nur am Ran­de dem »Rutsch­ky-Kreis« an (An­lei­hen an ei­nen an­de­ren Kreis nicht ganz un­ge­wollt). Aber er ver­ehr­te den Au­tor, vor al­lem als Sti­list.

De­gens er­hält für ei­ne Prä­sen­ta­ti­ons­ver­an­stal­tung in Ber­lin die Fah­nen des Bu­ches vor­ab per pdf, Meh­re­re Au­toren sol­len aus dem Buch et­was vor­tra­gen. Rasch sucht De­gens nach Ein­tra­gun­gen zu sei­ner Per­son. Die Fun­de des­il­lu­sio­nie­ren ihn; Rutsch­kys Aus­füh­run­gen sind un­ge­nau, falsch und ver­let­zend. Er fühlt sich als »dümm­li­chen Dampf­plau­de­rer« dar­ge­stellt. Auch sei­ne »Freun­din­nen und Freun­de« (die­sen Gen­der­quatsch macht De­gens durch­gän­gig mit) wer­den »bloß­ge­stellt«. Soll er über­haupt teil­neh­men (es gibt auch we­der Ho­no­rar noch Spe­sen­er­satz)? Wie re­agiert man auf die­se Grenz­über­schrei­tun­gen Rutsch­kys? (Wie ha­ben die Men­schen ei­gent­lich auf Knaus­gård re­agiert?)

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