Hei­mo Schwilk: Mein aben­teu­er­li­ches Herz I

Heimo Schwilk: Mein abenteuerliches Herz I

Hei­mo Schwilk: Mein
aben­teu­er­li­ches Herz I

»Mein aben­teu­er­li­ches Herz I« – schon im Ti­tel fin­det man die­se Mi­schung aus An­spruch und An­ma­ßung. Es wird beim Auf­schla­gen noch deut­li­cher: Der Au­tor Hei­mo Schwilk mit Ernst Jün­ger 1988 im Ge­spräch. So muss ein Jün­ger-Bio­graph sei­ne Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen nen­nen und be­gin­nen, denkt man. Die rö­mi­sche Zif­fer lässt zu­dem ei­nen zwei­ten Band er­war­ten. Der er­ste um­fasst Ein­tra­gun­gen vom 3. Fe­bru­ar 1983 bis zum 1. Ja­nu­ar 2000. Die­se wer­den oh­ne je­de Glie­de­rung chro­no­lo­gisch auf­ge­führt – mit Orts­zei­le und Da­tum. So flie­gen die Jah­re da­hin, wenn man nicht im­mer ge­nau auf das Da­tum schaut. Es zeigt sich, dass die Ein­trä­ge meist et­was spä­ter ent­stan­den sind und Er­eig­nis­se ei­ni­ger Ta­ge zu­vor zu­sam­men­fas­sen.

Zu Be­ginn ist Schwilk 31 Jah­re alt und ver­sucht, in Kon­takt mit Ernst Jün­ger zu kom­men. An­dert­halb Jah­re spä­ter – im Buch sind es noch nicht ein­mal 30 Sei­ten – ist es so­weit. Er sitzt in Wilf­lin­gen mit Ernst und Li­se­lot­te Jün­ger zu­sam­men. Ei­ne Bio­gra­phie kann es nicht mehr wer­den (dar­an ar­bei­te­te be­reits der NZZ-Mann Mar­tin Mey­er). Mit Klett-Cot­ta hat­te man sich aber auf ei­ne Bild­bio­gra­phie ver­stän­digt. Meh­re­re Sit­zun­gen und Sich­tun­gen in Wilf­lin­gen. Par­al­lel plan­te Schwilk ei­ne Dis­ser­ta­ti­on über die Jün­ger-Ta­ge­bü­cher und über­legt, in­wie­fern die­se Sti­li­sie­run­gen ent­hal­ten.

Die Fra­ge stellt sich na­tür­lich auch für die vor­lie­gen­den 634 Sei­ten. Da­mit kei­ne Zwei­fel auf­kom­men, ver­or­tet sich Schwilk schon im (glück­li­cher­wei­se knap­pen) Vor­wort bei den »re­fle­xi­ven Dia­ri­sten« wie Jün­ger und Gi­de. Nichts wer­de be­schö­nigt, so das Ver­spre­chen. Tap­fer­keit ge­gen den Main­stream wird an­ge­kün­digt. Mit dem Un­ter­ti­tel »Aus den Ta­ge­bü­chern…« legt man al­ler­dings den Schluss na­he, dass es durch­aus Strei­chun­gen gibt. Und nach der Lek­tü­re hät­te man sich si­cher­lich vie­le (wei­te­re?) Aus­las­sun­gen ge­wünscht. Et­wa all die pri­va­ten Pro­ble­me und Pro­blem­chen, die Ehe­kon­flik­te, sei­ne Epi­so­den über die Kin­der – kurz: all das, was pri­vat und in­tim blei­ben soll­te, denn ein Jour­na­list ist nicht wie ein Schrift­stel­ler ei­ne öf­fent­li­che Fi­gur (wo­bei man auch hier strei­ten kann, ob bei­spiels­wei­se die Idio­syn­kra­si­en ei­nes Tho­mas Mann im­mer re­le­vant für sein Werk sind). We­ni­ger wä­re mehr ge­we­sen, vor al­lem im Hin­blick auf die Ge­gen­wart. Dis­kre­ti­on ist kei­ne Kern­kom­pe­tenz von Hei­mo Schwilk.

Lässt man die pri­va­ten Din­ge weg, krei­sen sie Auf­zeich­nun­gen im We­sent­li­chen um vier The­men: Ernst Jün­ger, die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung, sei­ne Be­geg­nun­gen mit Schrift­stel­lern (und In­tel­lek­tu­el­len) und sei­ne Rei­se- bzw. so­ge­nann­ten Front­be­rich­te. Letz­te­res ist vor al­lem ein mehr als 30seitiger Text vom ei­nem drei­wö­chi­gen Auf­ent­halt ab Ja­nu­ar 1991 im so­ge­nann­ten 2. Golf­krieg (die mi­li­tä­ri­sche Be­frei­ung Ku­waits un­ter Fe­der­füh­rung der USA – mit UN-Man­dat üb­ri­gens). Viel­leicht ist es ein we­nig zu ein­fach, dem Re­ser­ve­of­fi­zier Schwilk jün­ger­haf­te Kriegs­ap­pe­tenz zu un­ter­stel­len. Der ab­ge­druck­te Text glüht vor Selbst­sti­li­sie­run­gen als mu­ti­ger Fron­t­re­por­ter, aber wirkt eher un­in­spi­riert. Mit Stolz er­zählt er, wenn er für das ZDF heu­te-jour­nal be­rich­ten darf. Viel­leicht ist das Buch (»Was man uns ver­schwieg«) bes­ser; es wur­de schließ­lich mit ei­nem Preis aus­ge­zeich­net. Ei­ne Le­se­pro­be auf Schwilks Web­sei­te funk­tio­niert al­ler­dings wie al­le sei­ne an­ge­kün­dig­ten Aus­zü­ge dort nicht; lie­fer­bar ist es nur an­ti­qua­risch. Spä­ter wird Schwilk noch ein­mal kurz aus Ma­ze­do­ni­en aus dem Bun­des­wehr-HQ über den Ko­so­vo­kon­flikt be­rich­ten.

Schwilks Be­schäf­ti­gung mit Ernst Jün­gers Le­ben und Werk be­stim­men den An­fang des Ban­des. Die Bild­bio­gra­phie, die in Jün­gers Haus­ver­lag er­schien, wur­de zum Durch­bruch. Von nun an galt er als DER Jün­ger-Ex­eget. Er ge­fällt sich bis­wei­len gön­ner­haft dar­in, an­de­ren Zu­gang zur »Ober­för­ste­rei« (Jün­gers Wohn­haus in Wilf­lin­gen) zu ver­schaf­fen. So un­ter an­de­rem 1988 Hel­muth Kie­sel, der zwan­zig Jah­re spä­ter sel­ber ei­ne Jün­ger-Bio­gra­phie ver­fass­te. Schwilk küm­mert sich nun um al­les, was ir­gend­wie mit den Jün­gers zu tun hat; sei­en es Fest­schrif­ten, Bü­sten, Über­set­zun­gen sei­ner Tex­te oder de­nen des Mei­sters. Bei al­ler Be­schäf­ti­gung mit Jün­ger fällt auf, dass Schwilk in die­sen Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen sehr sel­ten auf sei­ne oder gar auf an­de­re For­schungs­er­geb­nis­se hin­weist. Es bleibt mehr oder we­ni­ger bei ei­ner lo­sen An­ek­do­ten­samm­lung. Man er­fährt et­wa, dass Jün­ger »Columbo«-Filme moch­te und vom Bild­bio­gra­phen ein­mal das Ra­sier­was­ser »Old Spi­ce« ge­schenkt be­kam. Ei­ne Schach­tel »Ka­to­vit« fin­det sich im Nacht­tisch. Er­staun­lich al­ler­dings, wer al­les ein stil­ler Jün­ger-Le­ser ge­we­sen war und ihm sei­ne Auf­war­tung ma­chen woll­te bzw. mach­te, wie bei­spiels­wei­se ein ge­wis­ser Frank Schirr­ma­cher.

Der Le­ser er­fährt wie aus ei­ner an­de­ren Zeit von Buch­mes­se-Fei­ern, üp­pi­gen Vor­trags- und Au­to­ren­ho­no­ra­ren, Busi­ness-Class-Flü­gen und sechs­stel­li­gen (DM-)Vorschüssen. Über je­des Mit­tag- und Abend­essen wird mit Spei­se- und Ge­trän­ke­fol­ge be­rich­tet. Netz­werk­zeit und das oh­ne »So­cial Me­dia«; mei­ster­lich im för­dern und – vot al­lem – ge­för­dert wer­den. Die Kla­via­tur des Kum­pel­sy­stems, auf des­sen Rui­nen die­ser Be­trieb im­mer noch steht, be­herrscht er fa­mos.

Hei­mo Schwilk war an­fangs beim »Rhei­ni­schen Mer­kur« (Tho­mas Kie­lin­ger wird zeit­wei­se so et­was wie sein Men­tor), spä­ter in di­ver­sen Funk­tio­nen bei »Welt« und »Welt am Sonn­tag«. Er se­gel­te zwi­schen Feuil­le­ton (haupt­säch­lich Li­te­ra­tur) und Po­li­tik. Ide­al für ihn, wenn er bei­des ver­bin­den konn­te, et­wa wenn es um die Drang­sa­lie­run­gen der »Kul­tur­schaf­fen­den« (er setzt die­sen Be­griff im­mer in An­füh­rungs­zei­chen) in der DDR geht. Er be­such­te 1987 Lutz Ra­the­now (des­sen Ly­rik und Pro­sa er spä­ter ab­kan­zelt), be­ob­ach­te­te die Aus­wei­sung von Ste­fan Kraw­c­zyk, des­sen harm­lo­se Lied­chen das Sy­stem nicht aus­hal­ten konn­te. Bei der Leip­zi­ger Buch­mes­se 1989 kon­sta­tier­te er ei­ne ver­stärk­te Ag­gres­si­vi­tät der Leip­zi­ger. Die Stars wa­ren Go­lo Mann und Mar­kus Wolf. Schwilk, der Wolf ver­ab­scheut, hol­te sich ei­ne Wid­mung, »von Schwa­be zu Schwa­be«. Über­haupt war (ist?) das Wid­mungs­we­sen in der Bran­che vi­ru­lent. Schwilk sam­melt im­mer­hin auch De­vo­tio­na­li­en von Men­schen, die er nicht mag.

Der Fall der Mau­er kommt für ihn selbst­re­dend nicht über­ra­schend. Aha, denkt man; ein Pro­phet. So­gleich neh­men sei­ne po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen Fahrt auf. In den Vor­be­hal­ten zur Wie­der­ver­ei­ni­gung er­kennt er De­fä­tis­mus, Selbst­hass und Welt­angst. War­um sei­en ei­gent­lich bei der De­mon­stra­ti­on auf dem Alex­an­der­platz kei­ne Be­für­wor­ter der Wie­der­ver­ei­ni­gung da­bei ge­we­sen, son­dern nur Zweif­ler? Ei­ni­gen wirft er Heu­che­lei vor. Im Streit um Chri­sta Wolfs »Was bleibt« hält er, wie er schreibt, »in ei­ner gro­ßen Be­spre­chung da­ge­gen«. Für ihn lie­fert die Au­torin in die­sem Text ei­ne »Selbst­de­mon­ta­ge ei­nes künst­le­ri­schen Egos«. Im wei­te­ren Ver­lauf er­lebt man An­sät­ze da­zu auch beim Ver­fas­ser die­ses Ta­ge­buchs.

Die­ser hat­te (ne­ben Jün­ger, der bis auf die Fest­schrift zum 100. Ge­burts­tag für ei­ni­ge Zeit in den Hin­ter­grund rückt) sein neu­es The­ma ge­fun­den: den Osten Deutsch­lands. Für ei­ne wö­chent­li­che Feuil­le­ton­bei­la­ge (spä­ter wird ein Buch dar­aus) be­such­te er Schrift­stel­ler in ih­ren je­wei­li­gen (ost­deut­schen) Ge­burts- und Hei­mat­or­ten. Wal­ter Kem­pow­ski in Ro­stock, Erich Loest in Leip­zig, Rei­ner Kun­ze in Oels­nitz, Heinz Cz­echow­ski in Dres­den, Wulf Kir­sten in Wei­mar, Jür­gen Hul­ten­reich in Er­furt oder Gün­ter de Bruyn in Ber­lin. Merk­wür­dig, dass der Text über Bo­tho Strauß (mit sechs Jah­ren die DDR mit sei­nen El­tern ver­las­sen hat­te), des­sen »An­schwel­len­der Bocks­ge­sang« Schwilk in­spi­rie­ren wird, sehr dürr aus­fällt. An­son­sten sind die Por­traits meist harm­lo­se li­te­ra­risch-to­po­gra­phi­sche Re­por­ta­gen (sie dürf­ten so oder ähn­lich ver­öf­fent­licht wor­den sein), die bis­wei­len in put­zi­ge Er­in­ne­rungs­phra­sen ab­glei­ten, et­wa wenn je­mand er­klärt, wo er als Kind sei­ne But­ter­milch ge­trun­ken hat.

Ein be­son­de­res Ver­hält­nis soll­te sich zwi­schen ihm und Ul­rich Schacht ent­wickeln, der von nun an Schwilk auf vie­len Rei­sen be­glei­tet. Man teilt die glei­chen po­li­ti­schen An­sich­ten. Die Wie­der­ver­ei­ni­gungs­fei­er er­leb­te er als »welt­of­fen« und fried­lich. Ihn stör­te die »ge­dämpf­te Eu­pho­rie«, hin­ter der er die Furcht vor ei­nem wie­der­erstar­ken­den Deutsch­land ver­nahm, wie es die Mehr­heit des links­li­be­ra­len Feuil­le­ton (al­len vorn Grass) pro­pa­giert hat­te. Hier macht er si­cher­lich ei­nen Punkt.

Elek­tri­siert ist er von Strauß’ »An­schwel­len­dem Bocks­ge­sang«. Der Au­tor be­zeich­net sich dar­in sel­ber als »rechts« (nicht als »rechts­ra­di­kal«) und for­mu­liert sein Un­be­ha­gen an der su­pra­na­tio­na­len Mo­der­ne nach 1989/90. Strauß wand­te sich »ge­gen die To­tal­herr­schaft der Ge­gen­wart, die dem In­di­vi­du­um je­de An­we­sen­heit von un­auf­ge­klär­ter Ver­gan­gen­heit, von ge­schicht­li­chem Ge­wor­den­sein, von my­thi­scher Zeit rau­ben und aus­mer­zen will.« Schwilk und Schacht ge­lang es, um die­sen Text her­um 1994 ei­nen Auf­satz­band mit mehr als zwei Dut­zend Au­toren (dar­un­ter so un­ter­schied­li­che Cha­rak­te­re wie Ernst Nol­te, Klaus Rai­ner Röhl, Ans­gar Graw, Rü­di­ger Sa­fran­ski und der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Til­man Krau­se) her­aus­zu­ge­ben. Die 5000 Ex­em­pla­re der er­sten Auf­la­ge wa­ren rasch aus­ver­kauft. Es gab ei­ne zwei­te Auf­la­ge, wo­bei ein Teil­neh­mer sei­nen Auf­satz zu­rück­zog, an­de­re al­ler­dings auf­ge­nom­men wur­den. Das Buch zir­ku­lier­te in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen; die Erst­auf­la­ge gibt es heu­te nur noch an­ti­qua­risch für drei­stel­li­ge Be­trä­ge.

End­lich hat­ten sich »fast al­le Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve die­ses Lan­des« for­miert, ei­nen »kla­ren Kurs ge­gen die Po­li­ti­cal Cor­rect­ness« for­mu­liert und Ent­wür­fe für ei­ne neue Sicht auf Deutsch­land vor­ge­legt. Das Me­di­en­echo in den Leit­me­di­en war al­ler­dings ver­nich­tend. Ver­mut­lich zu Recht mo­kiert sich Schwilk dar­über, dass die mei­sten die Auf­sät­ze gar nicht ge­le­sen hät­ten. Von nun an gel­ten er und et­li­che der Mit­au­toren als »neue Rech­te«. (Und von nun an gilt »Po­li­ti­cal Cor­rect­ness« in Deutsch­land als rech­ter Kampf­be­griff; man könn­te es al­so Bä­ren­dienst nen­nen, was da mit hei­ßer Na­del ge­strickt wur­de.) Bei al­lem Ver­ständ­nis für die Mo­ti­va­tio­nen von Schwilk und sei­nen Freun­den: Ho­yers­wer­da, Ro­stock-Lich­ten­ha­gen und So­lin­gen als Aus­wüch­se zu­neh­men­den Rechts­ex­tre­mis­mus im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land kom­men bei nicht vor. Konn­te man das tat­säch­lich igno­rie­ren? (Strauß tat es ja nicht.)

Statt­des­sen ent­steht die In­itia­ti­ve »8. Mai 1945«, die die deut­sche Nie­der­la­ge nicht nur als Be­frei­ung an­sieht. Bun­des­ge­nos­sen wer­den u. a. die Rechts­au­ßen in der Uni­on; Dreg­ger und spä­ter Schön­bohm (»gu­ter Mann«). Er grün­det so et­was wie ei­nen Ver­ein, den er mal »Ar­beit für Deutsch­land«, mal »Al­li­anz für Deutsch­land« nennt – bei­de Ma­le »AfD«. Ist das wirk­lich au­then­tisch oder nach­träg­lich ein­ge­fügt, fragt man sich. Als er im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt er­wähnt wird, ver­kün­det er es wie ei­ne Aus­zeich­nung; ei­ne Tro­phäe. Schwilk schmückt sich mit dem Eti­kett der »89er«. Frei­lich gibt es hier ei­ni­ge Hah­nen­kämp­fe, wie man ins­be­son­de­re in An­deu­tun­gen über Rai­ner Zi­tel­mann le­sen kann, der im Buch – freund­lich aus­ge­drückt – war­um auch im­mer nicht gut weg­kommt.

Schwilk ge­rier­te sich zu­se­hends als Po­li­tikrü­pel, wet­ter­te ge­gen Hel­mut Kohl (»Po­lit-Par­ve­nü«), den Eu­ro, die Auf­ga­be der na­tio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät Deutsch­lands zu Gun­sten ei­nes »eu­ro­päi­schen Irr­wegs«. Er traf die Bun­des­prä­si­den­ten Her­zog (»eher un­ap­pe­tit­li­che Fi­gur«) und Rau (»flüs­sig for­mu­lier­te Wer­te-Phra­sen«). Sei­ne Ver­ach­tung des Po­lit­be­triebs war ins­be­son­de­re was die Uni­on an­geht der­art groß, dass er so­gar der Ab­wahl Kohls 1998 noch et­was ab­ge­win­nen konn­te. Es ver­blüfft dann schon, dass er sich 1999 für ein Buch­pro­jekt von Ru­dolf Schar­ping ge­win­nen ließ, in dem die­ser sei­ne in­ner­par­tei­li­chen Zwi­stig­kei­ten in der SPD aus der Po­si­ti­on des Ver­tei­di­gungs­mi­ni­sters aus­tra­gen woll­te. Als er sah, dass Schar­pings Buch ein Flop wür­de, setzt er durch, dass sein Na­me nicht er­wähnt wird. Er ver­ließ das Schiff schon, be­vor es sank. Über das Ho­no­rar er­fährt man dies­mal nichts.

Der Le­ser kann sich zwi­schen­zeit­lich auf rund 30 Sei­ten er­ho­len, wenn von ei­ner Ex­pe­di­ti­on im Som­mer 1995 in die rus­si­sche Ark­tis er­zählt wird. Bei der Rück­kehr wur­de er von der »Welt« ge­rüf­felt; Schwilks po­li­ti­sche Po­si­tio­nen sind nicht sprin­ger­kom­pa­ti­bel. Er ver­leg­te sich dar­auf, »sub­ver­siv« wei­ter ar­bei­ten und sin­niert: »Wer ei­ne Handbreit…abweicht…« Et­was thea­tra­lisch, die­se zeit­wei­li­ge Schwan­ken, ob er mehr »po­li­tisch-han­delnd« oder »in­ner­lich-schöp­fe­risch« tä­tig sein soll. Um sich dann für bei­des zu ent­schei­den. Un­ter den zahl­rei­chen Traum­er­zäh­lun­gen Schwilks gibt es ei­nen, der wo­mög­lich die Si­tua­ti­on recht gut be­schreibt: Er han­delt da­von, dass To­te aus­ge­gra­ben wer­den. Wel­che Sym­bo­lik.

Mit dem Tod Ernst Jün­gers im Fe­bru­ar 1998 und dem An­ge­bot des Pi­per-Ver­lags für ei­ne Bio­gra­phie ver­än­dert sich er­neut der Schwer­punkt der Auf­zeich­nun­gen (und auch sei­nes Le­bens). Man be­kommt ei­nen klei­nen Ein­blick in die um­fang­rei­chen Re­cher­che­ar­bei­ten, die nicht zu­letzt mit Be­su­chen di­ver­ser Prot­ago­ni­sten in ganz Eu­ro­pa ein­her geht. Der de­si­gnier­te Bio­graph als In­for­ma­ti­ons-Staub­sauger. Der Bio­graph ha­be, so Schwilks An­spruch »die Kar­ten auf den Tisch zu le­gen«, auch un­an­ge­neh­mes. Bei­spiels­wei­se Jün­gers »mi­li­tan­te Vi­sio­nen« im »Ar­bei­ter«. Er sieht sie »als la­tent fa­schi­sto­id« an – ei­ne der we­ni­gen Deu­tun­gen über Jün­ger in die­sem Buch. Für ein win­zi­ges De­tail be­such­te er so­gar die ver­ach­te­te Lui­se Rin­ser. Es gibt auch Ge­sprä­che mit Tho­mas Schüh­ly zwecks Ver­fil­mung der »Stahl­ge­wit­ter« – al­ler­dings er­geb­nis­los.

Als Kai Diek­mann im Sep­tem­ber 1998 Chef­re­dak­teur der »Welt am Sonn­tag« wird, be­kommt Schwilk mit dem Ti­tel »Chef­kor­re­spon­dent« ei­ne neu ge­schaf­fe­ne Po­si­ti­on – mit dop­pel­tem Ge­halt schmack­haft ge­macht. Er muss jetzt zehn ex­klu­si­ve Tex­te im Jahr lie­fern und kann an­son­sten ma­chen, was er will. Ab­seits sei­ner Jün­ger-Ar­beit traf er Sa­mu­el Hun­ting­ton, por­trai­tiert den ADAC-Chef, be­such­te in New York den Ar­chi­tek­ten Phil­ip John­son und plausch­te mit dem pol­ni­schen In­tel­lek­tu­el­len An­drzej Szc­zy­pi­or­ski. Bei Mar­tin Wal­ser hat­te er Pech, weil er mit ihm ei­nen Tag vor sei­ner »Skan­dal-Re­de« ge­spro­chen hat­te – und da­mit das Ge­spräch prak­tisch wert­los wur­de. Schließ­lich In­ter­views mit Na­guib Mah­fouz und Hans-Ge­org Ga­da­mer ab­ge­druckt. Die­se bei­den Tex­te las­sen sich nur ge­ring­fü­gig ver­än­dert in den ent­spre­chen­den Me­di­en fin­den; spä­te­stens hier be­treibt er mit dem Le­ser ein du­bio­ses Spiel, in dem er re­dak­tio­nell be­ar­bei­te­te Tex­te als Ta­ge­buch­ein­tra­gun­gen aus­weist.

Ins­ge­samt ist der Band mehr schlecht als recht re­di­giert. Es ist noch zu ver­schmer­zen, dass es au­ßer ei­nem Per­so­nen­ver­zeich­nis am En­de an­son­sten kei­ne An­mer­kun­gen gibt. Aber es scheint auch kei­nen Lek­tor ge­ge­ben zu ha­ben. Das zeigt sich u. a. am Faux­pas, der mit dem Da­tum 23. Ja­nu­ar 1998 über­schrie­ben ist. Schwilk schreibt, der er­krank­te Jün­ger drän­ge dar­auf, »aus dem Kran­ken­haus, wo­hin er An­fang Fe­bru­ar [Her­vor­he­bung von mir] ver­legt wor­den sei, in die Ober­för­ste­rei zu­rück­zu­keh­ren.« Das kann na­tür­lich nicht stim­men, zu­mal der näch­ste Ein­trag erst vom 17. Fe­bru­ar 1998 ist – dem To­des­tag Jün­gers.

An­zu­rech­nen ist Schwilk, dass er auch Zeit­ge­nos­sen auf­sucht und mit ih­nen spricht, de­ren po­li­ti­sche An­sich­ten er ab­lehnt; das ist sel­ten ge­wor­den. Aber er sucht so­lan­ge, bis er ir­gend­wie doch sei­ne Welt­sicht be­stä­tigt sieht. Be­dau­er­lich, dass die Ein­tra­gun­gen sehr häu­fig nur de­skrip­ti­ver Na­tur sind. Sie ver­lan­gen, so­fern es sich um rea­le Er­eig­nis­se han­delt, voll­stes Ver­trau­en vom Le­ser (wel­ches bis­wei­len – s. o. – er­schüt­tert wird), was de­ren Au­then­ti­zi­tät an­geht. Schwilk kennt, was sei­ne The­sen an­geht, kei­ne Re­fle­xio­nen, kei­ne Zwei­fel, gibt sich erst gar nicht die Mü­he ei­ner in­tel­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung mit sich sel­ber. Er kennt nur Ge­wiss­hei­ten. So dampf­walzt er sich durch die Jah­re.

Be­dau­er­lich, wo Schwilk pu­bli­zi­stisch jetzt an­ge­kom­men ist. Par­al­lel zu die­sen Ta­ge­buch-Aus­zü­gen stellt der Ma­nu­scrip­tum-Ver­lag ei­ne neue Bio­gra­phie über Wla­di­mir Pu­tin vor. Der Au­tor be­schreibt ihn im In­ter­view als »Re­al­po­li­ti­ker rein­sten Was­sers«. Scha­de um all das Pa­pier.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Als Kai Diek­mann im Sep­tem­ber 1998 Chef­re­dak­teur der »Welt« wird,“
    Kai Dieck­mann war nie Chef­re­dak­teur der Welt, son­dern der BILDZeitung.1998 wur­de Ma­thi­as Döpf­ner für 2 Jah­re WELT- Chef. Auch bei Re­zen­sio­nen, bei de­nen man das re­zen­sier­te Buch eben­so we­nig mag wie den Au­tor, kann Sorg­falt nicht scha­den.

  2. Es war tat­säch­lich nicht »Welt«, son­dern »Welt am Sonn­tag«. So steht es im Buch. Auch bei Kom­men­ta­ren, bei de­nen man den Re­zen­sen­ten nicht mag, kann Sorg­falt nicht scha­den.

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