Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin Jesus war ein »Schwärmer«, der eine »verunglückte Revolution« anzettelte. Sich als Messias zu bezeichnen, war eine »dreiste Behauptung«. Die Jesus-Geschichten in der Bibel sind »Märchen«, die nur von Ochsen und Eseln – wie im Stall von Bethlehem – geglaubt würden... Wer heute solche Sätze über den Propheten Mohammed und den ...
Leopold Federmairs morgiger Beitrag »Die Grausamkeit der Vernunft« über Karl Gutzkows Buch »Wally, die Zweiflerin« begründet ein neues Ressort auf dieser Webseite. Es heisst »Wiedervorlage«. In loser Folge sollen hier persönliche Eindrücke wiedergegeben werden, die beim Wiederlesen eines Buches oder vielleicht erneutem Anschauen eines Filmes oder eines anderen Kunstwerkes entstanden sind. Wie hat sich das ...
Tilo Jung ist das, was man einen Senkrechtstarter nennen könnte. 2014 bekam er für sein Videoformat »Jung und Naiv« den Grimme Online Award. Und er gilt als eines der wichtigen Gesichter der Online-Plattform »Krautreporter«, also jenen Journalistinnen und Journalisten, die den Onlinejournalismus retten wollten. Im Vergleich zum Angebot habe ich nur einen Bruchteil von »Jung ...
Die Verbrechen des Islamischen Staats werden immer wieder als mittelalterliche Gewalt bezeichnet. Aber ist Gewalt nicht per se mittelalterlich, also archaisch? Das mag nicht zwingend innerhalb »der Moderne« gelten, aber vom Standpunkt einer Demokratie aus erscheint es als zutreffend (diskursorientierte Problemlösung, Gewaltmonopol und deren Trennung). — Gewalt als älteste, als »tierische« Form der Konfliktlösung, eine ...
George Packer: Die AbwicklungIm vergangenen Sommer erschien George Packers »Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika« in deutscher Übersetzung. Das Buch hatte 2013 in den USA den »National Book Award« für Sachbücher gewonnen. Das mediale Echo im deutschsprachigen Raum war einhellig hymnisch. Eingedenk des Fernsehformats der Doku-Fiktion lag ein als »Sachbuch« deklariertes Werk vor, welches jedoch literarisch erzählend geschrieben ist. Und tatsächlich: Alle historischen Bezüge stimmen; selbst Kleinigkeiten halten der Recherche mühelos stand. Die Begeisterung über dieses Buch speist sich daraus, dass es dem Autor offensichtlich gelungen ist, den Spagat zwischen Literatur und politischer Aufklärung zu meistern. Der zweite Grund für den Enthusiasmus dürfte in der »schonungslosen« (FAZ) Schilderung der US-amerikanischen Mittelstandsverelendung liegen, die dem gängigen Narrativ des gescheiterten sogenannten »Neoliberalismus« zu entsprechen vorgibt. In diesem Buch werden die Fakten, wenn überhaupt, subkutan in eine spannende, gelegentlich tendenziöse Erzählung eingebettet. Meist beschränkt man sich auf Behauptungen, die pars pro toto Allgemeingültigkeit suggerieren. Damit ist die Richtung vorgegeben; Nachdenken braucht der Leser kaum noch. Er darf sich ungestört dem soghaften Erzählstrom hingeben.
Was ist »Abwicklung«? Es ist, so Packer, die »Abwicklung der Normen«, das, was man Deregulierung nennt, was zu einem Zurückentwickeln des Mittelschichtversprechens der USA führt. Und mit ihm verschwindet die institutionelle Kultur der Demokratie der Mittelschicht, die einmal so kongenial beschrieben wird: »General Motors, der Gewerkschaftsbund AFL-CIO, der ständige Ausschuss für Arbeitsbeziehungen, der Chef in der Stadt, Bauernverbände, die Bezirksverbände der Parteien, die Ford-Stiftung, der Rotary Club, die Frauenliga, CBS News, der ständige Ausschuss zur wirtschaftlichen Entwicklung, die Sozialversicherung, das Amt für Bodenschätze, das Bau- und Wohnungsamt, das Gesetz zur Schaffung des Autobahnnetzes, der Marshall-Plan, die NATO, der Rat für internationale Beziehungen, das Studienförderungsgesetz für Veteranen, die Armee.« Allgemein nennt man so etwas »Gesellschaftsvertrag«. Das Versprechen: Harte und ehrliche Arbeit bedeutete ökonomischen Wohlstand und adäquate Partizipation an und in der Gesellschaft, so das Ideal. Stattdessen ging die berüchtigte Schere immer weiter auseinander. An Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Peter Thiel oder Sam Walton skizziert Packer die Ausnahmen: Sie wurden zu Milliardären, obwohl die Voraussetzungen auch hier nicht immer gut waren.
Édouard Louis: Das Ende von EddyDer Erstling des jungen Édouard Louis als soziales Lehrstück
Édouard Louis hieß ursprünglich Édouard Bellegueule, und gerufen wurde er »Eddy«. So steht es im autobiographischen Roman, den der Autor 2012 in Paris veröffentlichte, und auch in der Wirklichkeit verhält es sich so. »Schönmaul«, mit diesem Namen ist das Kind gestraft; die entsprechenden Wortspiele werden gleich zu Beginn des Romans zitiert. Édouard Louis, 22, hat sich von den Fesseln seiner Herkunft befreit, indem er dieses Buch schrieb. Die Befreiung hat auch einen finanziellen Hintergrund, denn der junge Autor entstammt einer Schicht, die man als neues Lumpenproletariat bezeichnen könnte, und sein Erstling war in Paris ein Bestseller. Die Vorgeschichte seiner Befreiung kann man in Das Ende von Eddy nachlesen. Schon der Titel weist darauf hin: Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr. Die Niederschrift und Veröffentlichung des Romans ist gleichbedeutend mit seiner Vernichtung.
En finir avec Eddy lautet der Titel im Original. Hinrich Schmidt-Henkel, ein außerordentlich gewandter Übersetzer, der viele sprachliche Register zu ziehen versteht, bildet den von Louis häufig zitierten nordfranzösischen Soziolekt geradezu lustvoll nach – beim Titel scheint er mir aber etwas schmähstad gewesen zu sein (oder hat ihn ein Lektor behindert?). »Schluß mit Bellegueule« würde passen und käme dem Original näher. Die Erzählung selbst hat etwas Gewalttätiges, nach dem Selbstverständnis des Autors handelt es sich um Gegengewalt gegen das gewalttätige System. Die davon Betroffenen und (im Buch) Beschriebenen beziehen die literarische Gewalt aber auf sich selbst: Der will uns vernichten! Mitsamt seinem Eddy will Louis auch die Umgebung zerstören, in der er aufgewachsen ist, also die konkreten Menschen im Dorf Hallencourt. Mach kaputt, was dich kaputt macht. Literatur gegen Verrohung. Verrohung gegen Literatur, gegen die Schwulen, gegen die Weicheier.
Fritz J. Raddatz ist tot. Wirklich? Oder ist es nur Spiel von ihm, die heuchlerischen Nachrufe für ein neues Buch zu sammeln? Man kennt das von Kindern, die sich nicht genügend geliebt fühlen und dann erleben möchten, wie Eltern und Freunde sie auf ihrer Beerdigung beweinen. Die Lektüre der Tagebücher von Raddatz vermittelte mir einen ...
Niels hat einen Bass. René eine Gitarre und Ideen für Texte, die »roh und hart und ehrlich« sind. Beide gründen eine Band: »R@’n’Niels« (René ist R@ = »rat«). Eines Sonntags fahren sie, um sich in Bonn nicht zu blamieren, nach Bad Münstereifel und spielen dort vor dem Heino-Café. Der Erfolg ist überschaubar, aber die Saat keimt. René gelingt es, den sechs Jahre älteren Lloyd zu begeistern. Von nun an haben sie einen Schlagzeuger und Fahrer in Personalunion. Vor allem jedoch einen Probenraum – in einem Turm. Später kommt noch die Punkerin Nino mit ihrem Keyboard hinzu. Aus dem Bandnamen »Funking Sushi« wird schließlich »Fuckin Sushi«. Es geht um »Weltfrieden und Abrentnern«. Die Logik ist verblüffend: Warum nicht nach der Schule mit der Rente beginnen, Musik machen, tagsüber Fernsehen (»Kochsendungen, Zooreportagen, Hallenfußball oder Sommerbiathlon«) und erst dann, so ab 50, mit dem Arbeitsleben beginnen?