Vor einigen Tagen war es wieder soweit: Der österreichische Germanistik-Professor Klaus Kastberger stellte auf Facebook Fotos online, auf denen ein ein Reh zu sehen ist, welches sich seinem Grundstück schüchtern nähert. Von Fall zu Fall sieht man das Reh recht gern und ich dachte, dass dieses Reh von Herrn Kastberger häufiger zu sehen ist als Literaturkritik im deutschen Fernsehen. Was aktuell ja ein Thema ist.
Zugegeben, dass neulich erschienene Buch über Literaturkritik habe ich nicht gelesen und es war wieder Klaus Kastberger, der monierte, dass nicht einmal die Veranstaltung des Bachmann-Preises vorkommt und ich dachte mir, dass bei aller Häme, die dieser Wettbewerb so erfährt, tatsächlich hier noch Momente von Literaturkritik aufpoppen, was natürlich stark an den jeweiligen Juror, die jeweilige Jurorin gebunden ist. Aber sonst?
Der Anlass dieser Gedanken ist jene Causa Denis Scheck gegen Elke Heidenreich bzw. Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy. Frau Heidenreich spielte sich wieder einmal als Statthalterin der Literatur im Fernsehen auf, fordert die Absetzung von Druckfrisch und führt nicht nur Schecks flotte Sprüche zu den Bestsellern von Passmann und Kürthy an, sondern kritisiert auch – und jetzt wird es wirklich lustig – das Scheck noch »nie ein kluges Buch« publiziert habe und ich dachte mir (ich dachte recht viel, scheint mir), dann gibt es ja da durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Euch und das ist ja mindestens mal ein Anfang.
[...weit ausholend] Niemand, der sich für zeitgenössische deutschsprachige Literatur interessiert, kam am in diesem Jahr 70 Jahre alt werdenden Hubert Winkels vorbei. Er schrieb nicht nur für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften Kritiken und Essays (vom Düsseldorfer Stadtmagazin Überblick über Tempo, stern, ZEIT, Süddeutsche Zeitung und Spiegel), sondern war mehr als 25 Jahre im Literaturressort des ...
Erkundung einer zwiespältigen Eigenschaft untertitelt die renommierte österreichische Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl ihre nun in Schriftform vorgelegten Vorlesungen Zum Trotz vom November 2024. Es beginnt mit einem kurzen etymologisch-geschichtlichen Ausflug über den Begriff »Trotz«. Erst im 19. Jahrhundert veränderte sich die Bewertung und Trotz galt als eher negative Eigenschaft, besonders bei Frauen. Der Zwiespalt, der sich zwischen »kindisch« und »Movens des Widerstands« auftut, zeigt zahlreiche Facetten. Bevor die Typologie der Trotz‑, Rappel- oder Querköpfe in der Literatur (mit Seitenblicken aufs richtige Leben) erfolgt, wird die sogenannte »Trotzphase« des Kindes untersucht. Hier erlebt »das Kind den Konflikt zwischen Wollen und Können als Quelle der Frustration.« Vor einhundert Jahren wurde dieses Verhalten negativ beurteilt und mit Autorität bekämpft, inzwischen neigt man dazu, es als wichtige Entwicklung zu sehen, und empfindet neuerdings nur den Terminus als diskriminierend. Er heißt jetzt auf neukorrekt »Autonomiephase«, was Strigl kritisiert. Aber vielleicht hat »Trotz« in anderen Zusammenhängen doch etwas mit »Autonomie« zu tun?
Strigl ernennt Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas zum »Archetyp des Trotzes«. Er ist einer, der »suspekt, rechtschaffen und entsetzlich« handelt, der nicht akzeptiert, dass man ihm die beiden an der Zollstation zum Pfand übergebenen Pferde in einem erbärmlichen Zustand entschädigungslos zurückgeben will. Die Radikalisierung von Kohlhaas entwickelt sich. Die erste Stufe ist der Tod (genauer: die Tötung) seiner Frau durch die Regierungsmacht des Kurfürsts, als sie eine Bittschrift ihres Ehemanns überbringen wollte. Kohlhaas übernimmt nun das »Geschäft der Rache«, rekrutiert Söldner, wird zum Plünderer und Mordbrenner, ohne die unmittelbar Verantwortlichen direkt zu treffen. Glücklicherweise erläutert Strigl die Geschichte über das hinlänglich bekannte erste Viertel der Novelle hinaus und entwickelt die einzelnen Phasen des (juristischen) Falles und der Eskalationen. Ist doch die »weitere Handlung ist…von Hoffnungsschimmern, Beinahe-Lösungen, Umschwüngen, Zufällen, Wiederholungen und Variationen bestimmt.« Das Gespräch mit Martin Luther, der Kohlhaas ins Gewissen redet, lässt Kohlhaas innehalten. Die Angelegenheit scheint nach einigen Verhandlungen kurz vor einem halbwegs versöhnlichen Ende zu stehen, aber Kohlhaas’ Aufenthalt in Dresden wandelt sich zum Hausarrest, schließlich zur Haft. Am Ende »wird der Gerechtigkeit rundum genüge getan«. Der kleine Schönheitsfehler: Kohlhaas wird gehenkt.
Im weiteren Verlauf der Erkundungen Strigls wird Kohlhaas auch unter andere Typen des Trotzes eingeordnet. Je nach Stand der Geschichte bekommt er dann Züge des Rebellen, Terroristen, Desperados, Amokläufers oder Querulanten. Nicht immer glücken dabei die Transformationen auf Phänomene der Gegenwart. So ist es schwierig, Kohlhaas’ »Rebellion…gegen adelige Willkür«, die in Selbstjustiz und Raubzügen mündete, mit Trumps Verhalten nach der verlorenen Wahl 2020 zu vergleichen, und zu konstatieren, Trump habe mit seiner Billigung der Stürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 den bürgerlichen Ungehorsam in Misskredit gebracht. Trump als »trotzigen Politiker« zu bezeichnen ist ein Euphemismus, weil damit die Motive Trumps unterschätzt werden.
Der Kärntner Janko Ferk ist ein Tausendsassa: Richter (im Ruhestand), Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt Franz Kafka, Übersetzer, Initiator eines Lexikons Kärntner slowenischer Literatur, Autor von Sachbüchern Reiseführern, Novellen, Romanen, Essays und Literaturkritiken. Letztere werden in unregelmässigen Abständen in einer Art Sammelband im LIT-Verlag zusammengefasst. Durch den Titel Mit dem Bleistift in der Hand (ein Handke-Zitat) wurde ich auf den dritten, aktuellen Band seiner Rezensionssammlung aufmerksam, der insgesamt 33 Kritiken von 2018 bis 2021 sowie zwei Originalbeiträge enthält.
Ferks Texte erscheinen hauptsächlich in österreichischen Medien, insbesondere sind hier die »Wiener Zeitung«, »Die Presse« und das »Literaturhaus« aus Wien zu nennen, wobei im Nachweis des Buchs leider der Webseiten-Umzug des Literaturhauses nicht berücksichtigt wurde. Die Kritiken haben fast alle »zeitungsgerechtes« Kurzformat, selten sind es mehr als drei Seiten. Erstaunlicherweise findet sich trotzdem noch genügend Platz für die gendergemäße Doppelnennung; mein Favorit: »Nichtkärntnerinnen und Nichtkärntner.« Die Beschäftigung mit dem Rechtsanwalt, Schriftsteller und Dozenten Alfred Johannes Noll fällt ausführlicher aus, wobei es hier auch um fünf Werke geht, die Ferk hymnisch feiert (und zugibt, eines der Bücher nur quergelesen zu haben).
Fünf Texte beschäftigen sich direkt oder indirekt mit Franz Kafka, was nicht ganz verwundert, gilt doch Ferk als »Kafkologe« von Rang. Hier ist er in seinem Element, portraitiert griffig Maria-Luisa Caputo-Mayrs Verdienste um die Kafka-Forschung, spürt den Kafka-Schwestern nach, kritisiert die im Sammelband von Orthmann und Schuller »an den Haaren herbeigezogenen« Aufsätze und bemerkt süffisant, dass in Reiner Stachs Kafka von Tag zu Tag ein Hinweis auf die ähnlich gelagerte Chronik von Chris Bezzel aus dem Jahr 1975 fehlt. Zur juristischen Frage, wem denn nun Kafkas Nachlass gehöre, positioniert sich der Ferk eindeutig (was für einen Juristen bemerkenswert ist).
Am 22. Oktober 2023 verfasste ich einen kleinen Text über den Streit um das Buch Eine Nebensache von Adania Shibli und das Schweigen der Autorin zu den Einwänden. So ganz hat sie dann doch nicht geschwiegen, sondern einen Verbotsantrag beim Landgericht Hamburg gegen die tageszeitung (taz) gestellt, die am 10. Oktober 2023 eine eher ablehnende ...
Ich gestehe, dass ich Adania Shiblis prämiertes Buch Eine Nebensache nicht gelesen habe. Die Konfrontation war mir auch lange Zeit entgangen, bis ich über Facebook von Carsten Otte darauf aufmerksam geworden wurde. Grob gesagt wirft man der Autorin vor, anhand einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1949 über ein vergewaltigtes Beduinenmädchen durch eine israelische Armee- ...
Im letzten Jahr sorgte ein Aufsatz des Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler über den »neuen Midcult« für einiges Aufsehen in der Literaturszene. Kurz darauf folgte zusammen mit Heinz Drügh das Buch »Gegenwartsästhetik«. Es war der Versuch einer Analyse der aktuellen Literatur im Kosmos des Marktes. Hier fügte sich schließlich die Midcult-These ein, die eine Art Purgatorium des ...
3sat übertrug diesmal alles vom Bachmannpreis 2022. Als Corona-Reminiszenz diente die Teilung zwischen Jury (im Studio) und lesenden Autoren (im Garten; mit Zuschauern). Der Wechsel zwischen Studio und Garten wurde von zwei Moderatoren ausgefüllt. Cécile Schortmann war im Garten und las vor Beginn jeder Lesung die Online verfügbaren Kurzportraits der Autoren vor und sagte die ...