Her­mann Kurz­ke: Li­te­ra­tur le­sen wie ein Ken­ner

Hermann Kurzke: Literatur lesen wie ein Kenner
Her­mann Kurz­ke: Li­te­ra­tur le­sen wie ein Ken­ner

Viel­leicht liegt der Feh­ler schon im Ti­tel: »Li­te­ra­tur le­sen wie ein Ken­ner« steht dort. Wer ist der Ken­ner? Der Au­tor die­ses Bu­ches, Her­mann Kurz­ke? Oder han­delt es sich hier um ei­ne Art Fort­bil­dung für Le­ser? Schließ­lich ver­heißt der Un­ter­ti­tel »Ei­ne Hand­rei­chung für pas­sio­nier­te Le­se­rin­nen und Le­ser«. Soll hier ei­ne Pas­si­on ge­weckt wer­den?

Kei­ne Fra­ge: Emp­feh­lun­gen, »Hand­rei­chun­gen« bis hin zu neu be­stück­ten Li­te­ra­tur­ka­nons sind be­liebt. Der po­ten­ti­el­le Le­ser lechzt in dem im­mensen An­ge­bot nach Hil­fe. Was soll man le­sen? Was muss man le­sen? Kurz­kes Buch reiht sich zwar in die Ka­te­go­rie der Hel­fer ein, ist aber gleich­zei­tig an­ders, weil es auch di­dak­tisch auf­ge­baut ist. Das Ziel sei es, »Li­te­ra­tur zu ver­ste­hen«, ei­ne Ori­en­tie­rung zu ge­ben, dies je­doch auch ver­gnüg­lich. We­nig spä­ter er­fährt man, dass Kurz­ke der Ger­ma­ni­stik »ein biss­chen skep­tisch« ge­gen­über steht. Das ist bei ei­nem ge­stan­de­nen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler wie ihm durch­aus be­mer­kens­wert. Das Ver­spre­chen, ei­nem nicht mit hoch­ge­sto­che­nen Vo­ka­beln zu trak­tie­ren, hält er im­mer­hin ein.

Kurz­kes Her­an­ge­hens­wei­se ist ori­gi­nell. Er ord­net sei­ne Aus­wahl in drei Rin­gen. Die »text­ana­ly­ti­sche, li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che und li­te­ra­tur­theo­re­ti­sche Be­griff­lich­keit« wird für al­le drei Gen­res (Ly­rik, Dra­ma und Erzählung/Prosa) im­mer zu­nächst an­hand ei­nes Bei­spiels aus dem Werk von Hein­rich von Kleist so­zu­sa­gen ex­em­pla­risch vor­ge­stellt. Er er­wähnt es nicht, aber es dürf­te dar­um ge­hen, ein Ide­al des je­wei­li­gen Ty­pus vor­zu­stel­len und Kleist hat­te al­le drei Gen­res »be­dient«. Auf dem »zwei­ten Ring« wer­den aus­ge­wähl­te Tex­te aus der »deut­schen Li­te­ra­tur« vor­ge­stellt. Da­bei muss man wis­sen, dass im ge­sam­ten Ver­lauf des Bu­ches nicht zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur un­ter­schie­den wird, was viel­leicht we­ni­ger aus po­li­ti­schen, aber aus li­te­ra­tur­hi­sto­ri­schen Grün­den merk­wür­dig an­mu­tet. Mit dem »drit­ten Ring« sol­len dann auch Bei­spie­le an­de­rer, be­vor­zugt eu­ro­päi­scher Na­tio­nal­li­te­ra­tu­ren vor­ge­stellt wer­den.

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Ma­thi­as Enard: Das Jah­res­ban­kett der To­ten­grä­ber

Da­vid Ma­zon, 1990 ge­bo­ren, ist ein flei­ßi­ger An­thro­po­lo­gie­stu­dent und zieht 2018 zu For­schungs­zwecken für ein Jahr von Pa­ris in den We­sten Frank­reichs, in das Dorf La Pierre-Saint-Chri­­sto­­phe, Dé­part­ment Deux-Sè­­­v­­res. Dort le­ben »nach der letz­ten Volks­zäh­lung 649 Ein­woh­ner« oder »284 Herd­feu­er, wie die Al­ten sa­gen wür­den«. Nach Ni­ort, der »Ver­si­che­rungs­haupt­stadt« Frank­reichs, sind es 15 Ki­lo­me­ter. Da­vid ...

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Ge­or­ges Si­me­non: Bet­ty

Georges Simenon: Betty
Ge­or­ges Si­me­non: Bet­ty

Éli­sa­beth Étam­ble, ge­bo­re­ne Fay­et, ge­nannt Bet­ty, 28 Jah­re, oh­ne Be­ruf, wohn­haft in Pa­ris, fin­det sich plötz­lich im »Trou«, ei­ner Mi­schung aus Knei­pe und Bi­stro, mit »Ausländer[n] oder Fran­zo­sen, die zwi­schen Ver­sailles und Saint-Ger­main woh­nen, ir­gend­wo bei Mar­ly, Lou­ve­ci­en­nes und Bou­gi­val«, Le­bens­künst­lern und bis­wei­len rich­ti­gen »Spin­nern« wie­der. Das Re­stau­rant bie­tet täg­lich ein Ge­richt zum Abend­essen, da­zu wahl­wei­se Chi­an­ti oder Whis­ky. Bet­tys Er­in­ne­run­gen an die letz­ten Ta­ge sind bruch­stück­haft und es geht dem Le­ser wie der Haupt­fi­gur: Man kommt zu­nächst nicht so recht hin­ein in Ge­or­ges Si­me­nons »Bet­ty«.

Dia­lo­ge und Mo­no­lo­ge, die erst spä­ter ver­ständ­lich wer­den, die som­nam­bu­le, wahr­neh­mungs­ge­stör­te Bet­ty, der schein­bar nicht auf­hö­ren­de, pras­seln­de Re­gen so­zu­sa­gen als Be­gleit­mu­sik. Et­li­che Prot­ago­ni­sten des »Trou« woh­nen im »Ho­tel Carl­ton« in Ver­sailles, so auch Lau­re La­van­cher, die Wit­we ei­nes Me­di­zin­pro­fes­sors aus Ly­on oder Ma­rio, dem das »Trou« ge­hört und der Lau­res Lieb­ha­ber ist. Sie küm­mern sich um die kör­per­lich und psy­chisch ge­schwäch­te Bet­ty, die vor ei­ni­gen Ta­gen ih­ren Mann Guy, dem Sohn ei­nes be­kann­ten Ge­ne­rals, nebst den bei­den Töch­tern (4 Jah­re und 19 Mo­na­te) ver­las­sen hat­te.

Die Um­stän­de ent­hül­len sich dem Le­ser (und mit ihm auch Bet­ty sel­ber) erst nach und nach. Bet­ty war in fla­gran­ti mit ei­nem Lieb­ha­ber er­wischt wor­den. Für die Of­fi­ziers­fa­mi­lie, die ge­sell­schaft­lich noch im 19. Jahr­hun­dert zu le­ben scheint, gibt es nur ei­ne Re­ak­ti­on: Ver­ban­nung und der voll­kom­me­ne Ver­zicht Bet­tys auf die Kin­der; frei­lich mit ei­nem groß­zü­gi­gen, fi­nan­zi­el­len An­ge­bot.

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Ul­ri­ke Ed­schmid: Le­vys Te­sta­ment

Ulrike Edschmid: Levys Testament
Ul­ri­ke Ed­schmid:
Le­vys Te­sta­ment

Win­ter 1972. Die Ich-Er­zäh­le­rin aus Ul­ri­ke Ed­schmids Ro­man »Le­vys Te­sta­ment« macht sich zu­sam­men mit ei­ni­gen an­de­ren Stu­den­ten der Ber­li­ner Film­aka­de­mie auf nach Lon­don zu der Grup­pe »Ci­ne­ma Ac­tion«, die un­ter an­de­rem mit Fil­men über den Pa­ri­ser Mai 1968 auf­ge­fal­len war. So­fort ist man in der Lon­do­ner An­ar­chi­sten­sze­ne, bei der »An­gry Bri­ga­de«, die mit ih­ren An­schlä­gen (» ‘Wir grei­fen Be­sitz an, nicht Men­schen‘«) für Fu­ro­re sor­gen. Acht Ak­ti­vi­sten sind seit 1971 im Ge­fäng­nis, man nennt sie die »Sto­ke Ne­wing­ton Eight«. Jetzt ste­hen sie vor Ge­richt. An Kü­chen­ti­schen wer­den So­li­da­ri­ät­s­adres­sen ver­fasst. »Trau­er, Ohn­macht und Pro­test«. Der Pro­zess wird be­sucht. Und hier lernt die Er­zäh­le­rin ih­ren »Eng­län­der« ken­nen.

Sie be­wun­dern die Ver­lo­ren­heit der An­ge­klag­ten aber auch de­ren Elo­quenz, die sich »nicht aus Ideo­lo­gien« speist, son­dern aus den An­lie­gen sel­ber. Sie sind ge­stän­dig, aber nicht reu­mü­tig, er­klä­ren ih­re Mo­ti­va­ti­on. Ih­nen sei klar, dass sie mir ih­ren An­schlä­gen nicht die Welt ver­än­dern könn­ten. Weil da­mals in Groß­bri­tan­ni­en al­ler­dings Ge­walt ge­gen Sa­chen auf der glei­chen (oder so­gar ei­ner hö­he­ren Stu­fe) stand wie Ge­walt ge­gen Per­so­nen, ha­ben vier von ih­nen kei­ne Chan­ce. Sie er­hal­ten zehn Jah­re Ge­fäng­nis. Die an­de­ren kom­men frei.

Die Er­zäh­le­rin und der Eng­län­der wer­den ein Paar. Er ist der Sohn jü­di­scher El­tern. Die Mut­ter No­rah, klag­te zeit ih­res Le­bens um ih­re ver­lo­re­ne Ju­gend, als sie als äl­te­ste Toch­ter für die Ge­schwi­ster sor­gen muss. Sie ver­kauft ir­gend­wann Schu­he. Ih­rem Sohn sagt sie rau­nend, dass er nie da­zu­ge­hö­ren wird. Auch die gu­ten Schul­no­ten und spä­ter der Uni-Ab­schluss wür­den dar­an nichts än­dern. Aber war­um? Der Va­ter, »Gin­ger Joe«, han­del­te mit bil­li­gen Klei­dern. Als er da­mit schei­tert, fährt er Ta­xi. In den 1970ern le­ben sie in ei­ner So­zi­al­bau­woh­nung. Wenn ir­gend­wie mög­lich, be­su­chen Va­ter und Sohn die Heim­spie­le des Fuß­ball­ver­eins Tot­ten­ham Hot­spurs. Der Eng­län­der wird die­sen Ver­ein für im­mer lie­ben. Hin­zu kom­men dann die Rol­ling Stones. Und ein biss­chen Bob Dy­lan. Aber, und das sagt er ihm kurz vor sei­nem Tod, vor al­lem sei­nen Va­ter. Es ist die er­grei­fend­ste Stel­le im Buch.

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Mar­cel Proust: Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber

Marcel Proust: Der geheimnisvolle Briefschreiber
Mar­cel Proust:
Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber

Aus dem Nach­lass des 2018 ver­stor­be­nen Ver­le­gers und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Ber­nard de Fallois fan­den sich neun frü­he Er­zäh­lun­gen von Mar­cel Proust, da­von acht bis­her un­ver­öf­fent­lich­te, die der Suhr­kamp Ver­lag über­setzt von Bern­hard Schwibs nun im Band »Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber« pas­send zum 150. Ge­burts­tag des Schrift­stel­lers in ei­nem präch­ti­gen Band vor­legt. Edi­tiert wur­de der Band von Luc Fraisse, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät in Straß­burg. Es be­ginnt mit ei­ner um­fas­sen­den Ein­füh­rung, in der auch die Um­stän­de der Ent­deckung be­leuch­tet wer­den. Je­dem Text wird zu­sätz­lich noch ein­mal in Kur­siv­schrift der Re­fe­renz­rah­men in­ner­halb des Proust’schen Wer­kes vor­an­ge­stellt und, so­weit mög­lich, die Ge­ne­se des Tex­tes er­läu­tert. Ein­fü­gun­gen, Strei­chun­gen und Kor­rek­tu­ren Prousts sind in den Fuß­no­ten auf­ge­führt.

Ein kon­kre­tes Ent­ste­hungs­da­tum wird nicht ge­nannt, ver­mut­lich, weil die Tex­te nicht ent­spre­chend ge­kenn­zeich­net sind. Sie sol­len par­al­lel zur Er­zäh­lung »Der Gleich­gül­ti­ge« ver­fasst wor­den sein, al­so um 1896 (da war Proust 25 Jah­re alt).Der Grund, war­um Mar­cel Proust die­se Er­zäh­lun­gen un­ter Ver­schluss ge­hal­ten hat­te, liegt bei al­ler Spe­ku­la­ti­on für Fraisse auf der Hand: Das Haupt­the­ma, das hier »ver­han­delt« wer­de, sei Ho­mo­se­xua­li­tät. Der jun­ge Au­tor zog es vor, die für die da­ma­li­ge Zeit »wohl zu skan­dal­träch­ti­gen Tex­te« ge­heim zu hal­ten. Der um­fang­rei­che Re­fe­ren­z­ap­pa­rat er­klärt je­doch, dass For­mu­lie­run­gen und vor al­lem Mo­ti­ve die­ser Tex­te in spä­te­ren Ro­ma­nen, vor al­lem je­doch in der »Re­cher­che« durch­aus Ver­wen­dung fin­den.

Wer sich un­mit­tel­bar auf die fun­keln­de poe­ti­sche Kraft Prousts, die auch in die­sen bis­wei­len frag­men­ta­ri­schen Tex­ten her­vor­leuch­tet, ein­las­sen möch­te, le­se zu­nächst die Tex­te sel­ber oh­ne jeg­li­che Ein­füh­rung und Ein­ord­nun­gen (und igno­rie­re, wenn mög­lich, auch die Fuß­no­ten). Das gilt ins­be­son­de­re für die ti­tel­ge­ben­de Er­zäh­lung »Der ge­heim­nis­vol­le Brief­schrei­ber« (zu­dem hier in den Er­läu­te­run­gen der Spoi­ler er­läu­tert wird, dem Proust un­ter­lau­fen war) und »Er­in­ne­rung ei­nes Haupt­manns«. Letz­te­re wur­de als ein­zi­ge be­reits ein­mal ver­öf­fent­licht, im Jahr 1952. Im Band steht sie re­kon­stru­iert aus dem vor­lie­gen­den Ma­nu­skript von Proust.

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Chri­stoph Rans­mayr: Der Fall­mei­ster

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister
Chri­stoph Rans­mayr:
Der Fall­mei­ster

»Ei­ne kur­ze Ge­schich­te vom Tö­ten« lau­tet der Un­ter­ti­tel von Chri­stoph Rans­mayrs neue­stem Ro­man »Der Fall­mei­ster«. Das Co­ver zeigt ei­nen Eis­vo­gel, der stoß­tau­chend un­ter Was­ser ei­nen Fisch er­beu­tet. Ei­ne für den Ro­man zu­tref­fen­de Sym­bo­lik.

Tat­säch­lich be­ginnt das Buch mit ei­ner ful­mi­nan­ten Be­schrei­bung ei­ner Schleu­sen­fahrt durch den »Gro­ßen Fall«, ei­nem Was­ser­fall auf dem »Wei­ßen Fluß«. Der Schleu­ser, der den Ti­tel »Fall­mei­ster« trägt, ist der Va­ter des Er­zäh­lers. Er be­treibt nicht nur ein Mu­se­um, son­dern über­führt re­gel­mä­ßig mit gro­ßem Ge­schick die Salz­trans­por­te der Graf­schaft Ban­don, in der die Fa­mi­lie lebt, durch den Was­ser­fall. Der Ort ist fik­tiv (gut­wil­li­ge Re­zen­sen­ten for­schen – war­um auch im­mer – nach Ent­spre­chun­gen in der rea­len Welt). Im Ro­man ist Eu­ro­pa (und mit ihm die USA) in Klein­staa­ten, »bös­ar­ti­ge Zwer­gen­rei­che«, zer­fal­len, die re­strik­ti­ve Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze ver­an­las­sen und un­ter­ein­an­der Krie­ge füh­ren.

Die Fa­mi­lie be­steht ne­ben dem Va­ter und dem Ich-Er­zäh­ler (bei­de blei­ben na­men­los) aus Mi­ra, der vier Jah­re äl­te­ren Schwe­ster, die an der Glas­kno­chen­krank­heit lei­det und der Mut­ter Ja­na, ei­ner Ein­wan­de­rin, die der Va­ter für das Mu­se­um als Gra­phi­ke­rin ein­stell­te und dann hei­ra­te­te. Ir­gend­wann ist de­ren Auf­ent­halts­er­laub­nis er­lo­schen und Ja­na muss zu­rück in ih­re Hei­mat fah­ren, zur In­sel Cres, die, wie man spä­ter er­fährt, vom ve­ne­zia­ni­schen Tri­um­vi­rat er­obert wur­de und nun Cher­so heißt. Der Va­ter ist be­rüch­tigt für sei­nen Jäh­zorn bei der klein­sten Ge­le­gen­heit; ge­walt­tä­tig ist er nicht. Die sanft­mü­ti­ge Mut­ter nennt ihn ei­nen »Teu­fel«. Im wei­te­ren Ver­lauf des Ro­mans wird man nicht nur für die­se Cha­rak­te­ri­sie­run­gen Be­le­ge ver­mis­sen.

Die Fa­mi­lie lebt ab­ge­schie­den; nur zu Fe­sten kom­men Städ­ter. Das Kind ent­wickelt ei­ne sa­di­sti­sche Ader, übt sich da­bei, im Flug Hor­nis­sen mit der Sche­re zu zer­schnei­den (ein­mal wird er von sie­ben Hor­nis­sen­sti­chen in ei­ner Art Ra­che­ak­ti­on ge­plagt und fast ge­tö­tet), fängt Fi­sche mit der Hand, die er dann er­sticken lässt und da­bei zu­schaut oder fängt Mäu­se, die er Kat­zen zum Spie­len über­reicht. Dass die Mut­ter um Gna­de für die Tie­re bit­tet, be­rührt ihn nicht. Mit zu­neh­men­dem Al­ter ent­wickelt der Er­zäh­ler ein ero­ti­sches Ver­hält­nis zu sei­ner Schwe­ster Mi­ra. Man er­fährt, dass das In­zest­ver­bot schon lan­ge auf­ge­ho­ben ist. Da­mit wirkt der Akt von Mi­ra und ih­rem Bru­der auf ei­ner ge­heim­nis­vol­len Fluss­in­sel mit dem Na­men »Me­so­po­ta­mi­en« nicht mehr un­ge­wöhn­lich. Von nun an wird die Schwe­ster idea­li­siert, er be­zeich­net sie als »Pha­rao­nin« (sich sel­ber als »Pha­rao« – ei­ne An­deu­tung an den In­zest im vor­christ­li­chen Ägyp­ten).

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Chri­stoph Si­mon: Die Din­ge da­heim

Christoph Simon: Die Dinge daheim
Chri­stoph Si­mon:
Die Din­ge da­heim

Weil ich im­mer noch Si­mons »Spa­zier­gän­ger Zbin­den« für ei­nes der men­schen­freund­lich­sten Bü­cher der letz­ten Jah­re hal­te, war ich na­tur­ge­mäß so­fort in­ter­es­siert, als ich von Si­mons neu­em Buch »Die Din­ge da­heim« hö­re. Es sind nur et­was mehr als 80 Sei­ten mit Zeich­nun­gen und ei­nem kur­zen Nach­wort. Aber es ist ein Buch zum Schwel­gen, zum Amü­sie­ren, zum La­chen.

»›Ich brauch Ta­pe­ten­wech­sel‹ sprach die Bir­ke« – so be­ginnt ein be­rühm­tes Chan­son von Hil­de­gard Knef. Es ist ei­ne Art Lehr­fa­bel über den ewig un­zu­frie­de­nen Men­schen. Ab­seits von Fa­beln und Mär­chen steht die mo­der­ne Li­te­ra­tur An­thro­po­mor­phis­mus, al­so die Ver­mensch­li­chung von Din­gen, skep­tisch ge­gen­über. Da macht auch das in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt auf­kom­men­den neue Gen­re des »Na­tu­re Wri­ting« kei­ne Aus­nah­me. Ge­ne­rell über­lässt man es dem Co­mic und ver­gnüg­te sich ma­xi­mal in Zei­chen­trick- oder Ani­ma­ti­ons­fil­men mit spre­chen­den Tie­ren oder gar Din­gen. Vor vie­len Jah­ren ließ Horst Stern ein­mal ei­nen Bä­ren er­zäh­len. 2008 gibt es ei­nen the­ra­peu­ti­schen, kur­zen Text von Se­lim Öz­do­gan, in der Ge­gen­stän­de plötz­lich spre­chen.

Jetzt re­den bei Chri­stoph Si­mon die Din­ge. Sie er­zäh­len, la­men­tie­ren, schimp­fen, ap­pel­lie­ren, mo­no­lo­gi­sie­ren oder tre­ten in den Dia­log mit an­de­ren Din­gen und manch­mal so­gar mit dem Men­schen (der je­doch schweigt). Sie be­haup­ten sich, sie ir­ren (oh­ne, dass es ih­nen je­mand sagt), sie ver­zwei­feln, sie sind ar­ro­gant oder be­mit­lei­dens­wert.

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Stef­fen Men­sching: In der Bran­dung des Traums

Steffen Mensching: In der Brandung des Traums
Stef­fen Men­sching: In der Bran­dung des Traums

2018 be­ein­druck­te der 1958 ge­bo­re­ne Kul­tur­wis­sen­schaft­ler, Ka­ba­ret­tist, Thea­ter­re­gis­seur und Schrift­stel­ler Stef­fen Men­sching mit dem do­ku­fik­tio­na­len Ro­man »Scher­manns Au­gen«. Ein fik­ti­ver deut­scher KPD-An­hän­ger, der in der So­wjet­uni­on leb­te, ge­rät An­fang der 1940er Jah­re in die sta­li­ni­sti­sche Säu­be­rungs­ma­schi­ne und wird we­gen »kon­ter­re­vo­lu­tio­när-trotz­ki­sti­scher Tä­tig­keit« zu zehn Jah­ren Haft in ei­nem Ar­beits­la­ger ver­ur­teilt. Dort be­geg­net er dem Ge­dächt­nis­künst­ler, Hell­se­her und Hand­schrif­ten­deu­ter Ra­fa­el Scher­mann, ei­ne Per­son, die tat­säch­lich exi­stier­te und in ei­nem La­ger ein­ge­sperrt war. Im Buch wer­den nicht nur der La­ger­kos­mos mit sei­nen bis­wei­len bru­ta­len Kon­se­quen­zen ge­schil­dert. Es wird auch ein Le­bens­bild die­ses voll­kom­men un­po­li­ti­schen Scher­mann er­zählt, der ein­fach nur sei­ne Sa­lon- und Va­rie­té-Vor­füh­run­gen fort­set­zen woll­te und durch Krieg, An­ti­se­mi­tis­mus und Ver­fol­gung al­les ver­lor. Tat­säch­lich ist das Schick­sal von Scher­mann bis heu­te nicht ge­klärt.

Men­sching hat nun et­was ge­macht, was man nach die­sem opu­len­ten und viel­schich­ti­gen Ro­man nicht un­be­dingt er­war­tet hät­te: Er ver­öf­fent­licht ein 100seitiges Buch mit 94 Ge­dich­ten.

Das läng­ste Ge­dicht – ver­mut­lich In­spi­ra­ti­on für das wirk­lich schö­ne Co­ver – heißt »Himm­li­sche Bot­schaft«, steht di­rekt am An­fang und um­fasst fünf Sei­ten. Es ist nicht mehr als ei­ne War­nung an die Au­ßer­ir­di­schen, die die kunst­vol­len Bot­schaf­ten, die man 1977 zu­sam­men mit den Raum­son­den Voya­ger 1 und 2 in den Welt­raum ab­ge­schickt hat, le­sen und ver­ste­hen soll­ten. Fast scheint es so als ha­be der War­ner ei­ne ge­wis­se Sehn­sucht an die dar­ge­stell­te Welt (die ja im Lau­fe der Jahr­zehn­te längst ei­ne ganz an­de­re ge­wor­den ist), aber der Rat­schlag an die Ali­ens ist ein­deu­tig: Falls sie sich auf den Weg ge­macht ha­ben soll­ten sie bes­ser »vor­bei­ra­sen«, so­fern sie »ver­nunft­be­gabt« sind. Nur stellt sich die Fra­ge, wer ih­nen jetzt Men­schings Ge­dicht nach­schickt.

So wird die do­mi­nie­ren­de Ton­la­ge vor­ge­ge­ben. Leicht aber nie seicht, welt­zu­ge­wandt, manch­mal idea­li­stisch, aber nie uto­pisch. Es gibt Ge­dich­te mit hei­te­rer Me­lan­cho­lie wie et­wa über ei­nen Ein­bei­ni­gen:

»Der ein­bei­ni­ge Al­te
im Roll­stuhl
vor dem Ein­gang
der Ger­ia­trie
hält sein Ge­sicht
in die Son­ne
und lä­chelt, froh,
dass er noch
am Le­ben ist.«

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