Durs Grün­bein: Jen­seits der Li­te­ra­tur

Durs Grünbein: Jenseits der Literatur

Durs Grün­bein:
Jen­seits der Li­te­ra­tur

Die so­ge­nann­ten Ox­ford Lec­tures am St. Anne’s Col­le­ge gibt es seit 1993. Es sind Ein­la­dungs­vor­le­sun­gen, in de­nen im wei­te­sten Sinn in­ter­dis­zi­pli­när über Li­te­ra­tur und de­ren Be­deu­tung re­flek­tiert wer­den soll. Fach­leu­te nen­nen das »Kom­pa­ra­ti­stik«. Ge­or­ge Stei­ner und Um­ber­to Eco ge­hör­ten zu den Vor­tra­gen­den wie auch Amos Oz, Ma­rio Var­gas Llosa und Bern­hard Schlink (der auf der Web­sei­te »Ber­nard« heißt). 2019 wur­de die­se Ein­la­dung Durs Grün­bein zu­teil. Die vier Vor­le­sun­gen lie­gen nun als Buch­form vor, was bei den Vor­le­sun­gen an­de­rer Au­toren bis­her eher sel­ten der Fall war.

Der Ti­tel »Jen­seits der Li­te­ra­tur« ist, wenn man am En­de al­les ge­le­sen hat, ein­leuch­tend. Er ist pro­gram­ma­tisch. Der in­ter­dis­zi­pli­nä­re An­satz wird von Grün­bein voll aus­ge­reizt. Zwi­schen­zeit­lich hat man eher das Ge­fühl in ei­nem Ge­schichts­se­mi­nar zu sit­zen. In der er­sten Vor­le­sung er­in­nert sich Grün­bein an die Hit­ler-Brief­mar­ken, die er einst in sei­nem Brief­mar­ken­al­bum sor­tiert hat­te. Es gab sie in vie­len Far­ben, je nach Wert. Be­reits da­mals stell­te sich ei­ne Mi­schung aus Gru­seln und Ehr­furcht ein. Er er­zählt kurz von ei­nem Ma­de­lai­ne-Er­leb­nis, wenn er Brief­mar­ken­al­ben heu­te sieht um dann über die Mar­ke­ting- und Wer­be­stra­te­gien der Na­zis zu re­flek­tie­ren. Dann wird von ei­nem ge­wis­sen Ed­mund Kalb er­zählt, ei­nem öster­rei­chi­schen Ma­ler, er in ei­ner wil­den Mi­schung aus Que­ru­lan­ten- und Idio­ten­tum sei­nen per­sön­li­chen Wi­der­stand lei­ste­te, da­für ins Ge­fäng­nis kam und trotz­dem, wie durch ein Wun­der, über­leb­te. Kalb ist für Grün­bein ein Bart­le­by, der Schrei­ber aus Mel­vil­les No­vel­le (»I would pre­fer not to«).

Der Ma­ler ver­such­te mit sei­ner Fa­mi­lie aut­ark zu le­ben, vom An­bau in sei­nem Gar­ten, ver­edel­te er­folg­reich Bäu­me. Er ge­noss das Ge­fäng­nis, so­lan­ge er sei­ne Ru­he hat­te. Nach dem Krieg än­der­te er sich nicht. Grün­bein liest sei­ne Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen: »Ein­mal auf dem tief­sten Grund der Ir­ri­ta­ti­on, hält er den Ge­dan­ken fest: daß die viel­fäl­ti­gen Ge­füh­le, die ei­nem beim Wahr­neh­men der Welt be­glei­ten, nie im Wor­ten aus­zu­drucken sind – son­dern al­len­falls, hin und wie­der mit et­was Glück, mit Hil­fe von Zeich­nun­gen.« Ge­fühls­er­leb­nis­se sei­en, so Grün­bein Kalb zi­tie­rend, nicht an an­de­re »zu über­tra­gen und auf­zu­be­wah­ren.« Sie sei­en jen­seits der Li­te­ra­tur. Da­mit sind die Ko­or­di­na­ten für die wei­te­ren Tex­te vor­ge­ge­ben.

Es dau­ert bis zum En­de der letz­ten Vor­le­sung bis Grün­bein kon­kret wie­der auf Li­te­ra­tur zu spre­chen kommt: »Fragt man mich heu­te nach ei­ner Poe­tik, wür­de ich ant­wor­ten: Wir be­mü­hen uns um ei­ne Pho­to­syn­the­se der Wor­te und der Bil­der. Die Wor­te ar­bei­ten an der Über­lie­fe­rung, die Bil­der er­rei­chen uns im­mer aus ei­ner klei­nen Zu­kunft, die schnell Ver­gan­gen­heit wird. […] Je­den Tag treibt uns Ge­schich­te, die­se bru­ta­le Über­set­zung der Zeit in ei­ne kol­lek­ti­ve Er­zäh­lung, aus uns selbst her­aus und ver­wirrt un­se­re Ima­gi­na­ti­on. Der Dich­ter ist nur ei­ner von vie­len, sein Pro­blem ist es, die Prä­ten­tio­nen des Dich­ter­tums ab­zu­le­gen.« Der Dich­ter wis­se, so Grün­bein, »[d]aß die Ta­ten und die Ge­dan­ken der Vor­fah­ren sie ein­ho­len wer­den.« Sie sei­en »Spe­zia­li­sten, die mit den To­ten in dau­ern­dem Funk­kon­takt ste­hen.«

Die­se Aus­füh­run­gen er­klä­ren ei­ni­ges. Grün­beins Tex­te han­deln näm­lich von To­ten, han­deln von de­ren Vi­sio­nen, Ver­bre­chen, Ver­zweif­lun­gen. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men sind die Prot­ago­ni­sten, sei­ne Re­fe­ren­zen, al­le ver­stor­ben. Grün­bein ist mit ih­nen wie in ei­ner Sé­an­ce ver­bun­den, ent­wickelt as­so­zia­tiv tat­säch­li­che oder ima­gi­nier­te hi­sto­ri­sche Kon­ti­nui­tä­ten. Und schließ­lich bringt der 1962 in Dres­den ge­bo­re­ne D. G. sei­ne Her­kunft und die Vi­ta sei­ner Ah­nen in ei­nen Be­zug zu Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart.

Die vio­let­te sechs Pfen­nig Brief­mar­ke mit dem Kon­ter­fei Hit­lers: Grün­bein stellt sich vor, wie mit die­sem Bild Mil­lio­nen von Brie­fen in­ner­halb Deutsch­lands aber auch in al­le Welt ver­schickt wor­den wa­ren. Und da war die­ser Ed­mund Kalb, der aus dem Ge­fäng­nis her­aus Brie­fe schrei­bend, die­se Mar­ken zer­schnit­ten oder zu Mu­stern an­ge­ord­net hat­te. Dann ent­deckt das Kind D. G. auf dem Dach­bo­den ei­ne Hoch­zeits­aus­ga­be von »Mein Kampf«. So ent­steht ein Ge­fühl der »fa­ta­len Erb­schaft«. Die Ver­stö­rung wuchs bis­wei­len in Pa­ra­noia, als er in Groß­bri­tan­ni­en ro­te Brief­kä­sten ent­deck­te – rot: die Far­be der Na­zis.

Die zwei­te Vor­le­sung be­schäf­tigt sich mit den Au­to­bah­nen, einst »Pro­jekt« der ita­lie­ni­schen Fu­tu­ri­sten (sanf­te An­deu­tung des so­ge­nann­ten Huf­ei­sens!), in Deutsch­land schließ­lich von den Na­zis voll­endet, ob­wohl die Plä­ne schon län­ger exi­stier­ten. Das Wort »Au­to­bahn« für ei­ne Schnell­stra­ße für mo­to­ri­sier­te Wa­gen, taucht erst­mals 1929 auf. Grün­bein weiß ei­ni­ges, er­läu­tert, dass die Na­zis die Au­to­bah­nen »in die Land­schaft hin­ein­in­sze­niert« hat­ten; es soll­ten Er­ho­lungs­fahr­ten und geo­gra­fi­sche Er­kun­dun­gen sein. Er er­klärt, wie Rast­stät­ten und Städ­te­ver­bin­dun­gen ge­plant und um­ge­setzt wur­den, il­lu­striert die na­tür­lich deut­sche Er­fin­dung des Mit­tel­strei­fens, em­pört sich über die Ein­schrän­kung der Ar­bei­ter­rech­te beim Au­to­bahn­bau und ana­ly­siert, wie Hit­ler als Schöp­fer der Au­to­bah­nen in­sze­niert wur­de. Kitt­ler sei ein Au­to­bahn­be­für­wor­ter ge­we­sen, Hein­rich Mann ha­be sie ge­hasst. Gott­fried Benn hat sie ein­mal be­nutzt. Und für Vik­tor Klem­pe­rer war das Au­to­fah­ren Lab­sal – bis man es ihm ver­bot.

Die Au­to­bahn war ein Zu­kunfts­pro­jekt. Ziel war die Mas­sen­mo­to­ri­sie­rung, der In­di­vi­du­al­ver­kehr. Als man 1942 al­le Bau­maß­nah­men we­gen des Krie­ges ein­stell­te, stock­ten die­se Plä­ne. Erst das Wirt­schafts­wun­der voll­ende­ten die­se Idee. Am En­de glaubt man fast, dass es nur in Deutsch­land (und Ita­li­en) Au­to­bah­nen ge­be. Die Ob­ses­si­on »Au­to­bahn« wirkt auch heu­te noch – auf al­len Sei­ten und auch auf Grün­bein. Dass nach Ausch­witz Zü­ge fuh­ren, bleibt hier un­be­spro­chen.

Ge­le­gent­lich schießt der Au­tor über das Ziel hin­aus, et­wa wenn er er­klärt, dass heu­te noch Pa­ten­te, die da­mals für den Au­to­bahn­bau ge­währt wor­den wa­ren, gül­tig sei­en. Man hät­te ihm er­klä­ren müs­sen, dass Pa­ten­te ih­re Gül­tig­keit nach 20 Jah­ren (in Son­der­fäl­len nach 25 Jah­ren) ver­lie­ren, aber na­tür­lich das einst Pa­ten­tier­te wei­ter an­ge­wen­det wer­den kann. Aber es passt ein­fach bes­ser, zu­mal die Be­ob­ach­tung, dass die Au­to­bah­nen die ein­zi­gen Bau-Ob­jek­te der Na­zis sei­en, die man er­hal­ten ha­be, auf den er­sten Blick wirk­lich et­was gru­se­lig ist (auch sie ist na­tür­lich nicht ganz rich­tig).

Im drit­ten Text the­ma­ti­siert Grün­bein den Luft­krieg; am Ran­de auch Se­balds Auf­satz über »Luft­krieg und Li­te­ra­tur«. Er be­rich­tet, wie er bei der Ein­wei­hung des »Bom­ber-Har­ris-Denk­mals« an­we­send war. Der Luft­krieg sei ei­ne Er­fin­dung der Deut­schen ge­we­sen, so Grün­bein, und er ver­weist auf Gu­er­ni­ca, Co­ven­try, War­schau und Am­ster­dam (nicht auf Bel­grad). Auch das ist nicht ganz kor­rekt. Den Luft­krieg gab es be­reits im Er­sten Welt­krieg; aber kei­ne Sor­ge: die er­sten wa­ren die Deut­schen, die Lüt­tich und Ant­wer­pen mit ei­nem Zep­pe­lin bom­bar­dier­ten. Und Weih­nach­ten Do­ver.

Merk­wür­dig die Spe­ku­la­ti­on, dass es deut­sche Tou­ri­sten­post­kar­ten ge­we­sen sei­en, die den Al­li­ier­ten bei ih­ren Bom­ben­an­grif­fen – be­son­ders Dres­den – nütz­li­che Dien­ste ge­lei­stet hät­ten. Als hät­te es kei­ne Luft­auf­klä­rung und kei­ne Ge­heim­dien­ste ge­ge­ben (ein­mal er­wähnt Grün­bein die Auf­nah­men von Ausch­witz – und die Ta­ten­lo­sig­keit der Al­li­ier­ten).

So sehr Grün­bein Se­bald schätzt (be­son­ders sei­ne An­glo­phi­lie), so merk­wür­dig geht er mit des­sen Schrift zu »Luft­krieg und Li­te­ra­tur« um. Zum ei­nen be­stä­tigt er ihn in sei­ner The­se, die li­te­ra­ri­schen Schil­de­run­gen des Luft­kriegs sei­en so­wohl quan­ti­ta­tiv wie auch qua­li­ta­tiv eher auf nied­ri­gem Ni­veau – was nach For­schun­gen u. a. von Vol­ker Ha­ge im längst nicht mehr der­art so ein­deu­tig be­haup­tet wer­den kann. (Wor­auf Se­bald ver­mut­lich an­spiel­te: Luft­kriegs­pro­sa brach­te im Nach­kriegs­deutsch­land kei­nen Di­stink­ti­ons­ge­winn und es um­gab Au­toren, die dies the­ma­ti­sier­ten, ei­nen Hauch von Re­vi­sio­nis­mus).

Zum an­de­ren wird Se­balds Ur­teil zu Vic­tor Klem­pe­rer kri­ti­siert, der ja be­kannt­lich ge­ra­de durch die Bom­bar­die­rung der fast schon si­che­ren De­por­ta­ti­on ent­flie­hen konn­te. Klem­pe­rers Schil­de­run­gen vom »En­de von Dres­den« sei­en, so Se­bald, »in sprach­li­chen Kon­ven­tio­nen be­fan­gen«: »Nach dem, was wir heu­te wis­sen über den Un­ter­gang Dres­dens, dünkt es uns un­wahr­schein­lich«, so zi­tiert Grün­bein Se­bald, »daß ei­ner, der da­mals von Fun­ken um­sto­ben auf der Brühl­schen Ter­ras­se ge­stan­den und das Pan­ora­ma der bren­nen­den Stadt ge­se­hen hat, da­von­ge­kom­men sein soll mit un­ge­trüb­tem Ver­stand.«

»Aber war­um denn nicht«, so fragt Grün­bein und zi­tiert aus Klem­pe­rers Ta­ge­bü­chern Stel­len, die Se­bald auch ge­kannt ha­ben dürf­te (die Ta­ge­bü­cher Klem­pe­rers wur­den erst­mals 1995 pu­bli­ziert, Se­balds ur­sprüng­li­cher Text ist von 1997). War­um er ihn den­noch als Re­fe­renz an­führt und das Ur­teil, Alex­an­der Klu­ges »Der Luft­an­griff auf Hal­ber­stadt am 8. April 1945« sei das opus ma­gnum der Luft­kriegs­li­te­ra­tur nach 1945 ge­we­sen, über­nimmt, bleibt schlei­er­haft. Als hät­te es, bei­spiels­wei­se, Gert Le­dig nicht ge­ge­ben.

Eben­so merk­wür­dig sei­ne po­li­tisch grun­dier­te Idea­li­sie­rung von Schrift­stel­lern wie Gün­ter Grass und Die­ter Wel­lers­hoff, die mit dem Eti­kett der »Flak­hel­fer« ver­se­hen wer­den. Da­bei weiß man über Grass’ Dienst in ei­ner Wehr­macht­ein­heit der Waf­fen-SS und auch Wel­lers­hoffs NSDAP-Mit­glied­schaft ist längt be­kannt. Die Ver­dien­ste die­ser »skep­ti­schen Ge­nera­ti­on« (Grün­bein) für die neue Bun­des­re­pu­blik sind un­be­streit­bar, aber war­um wird nicht ge­ra­de die­se Am­bi­va­lenz in den Bio­gra­phien, die vom Mit­läu­fer bis zum Wehr­macht­sol­da­ten vor­han­den wa­ren, als sol­che dar­ge­stellt und der Lern­pro­zess der da­mals 17, 18jährigen nicht als Rei­fe­pro­zess dar­ge­stellt? War viel­leicht ge­nau das Mo­vens des Schrei­bens die­ser bei­den und vie­ler an­de­rer Schrift­stel­ler wie Hein­rich Böll oder Her­mann Lenz?

Der vier­te Text be­ginnt mit der Ent­deckung von Mar­tin Hei­deg­gers schma­ler Er­zäh­lung »Der Feld­weg« aus dem Jahr 1953 als ei­nem »öko­lo­gi­schen Ma­ni­fest avant la lett­re« (Kur­siv­schrei­bung im Text), »in sei­ner Mi­schung aus Ro­man­tik und durch­aus mit der Zeit mit­ge­hen­der Sach­lich­keit«. Das sei »et­was, das nur ein Deut­scher so for­mu­lie­ren konn­te«. Die The­se ist kühn, aber nicht un­in­ter­es­sant. Als 1959 ge­bo­re­ner kann ich mich zwar nicht er­in­nern, dass die klei­ne Er­zäh­lung je­mals am Kü­chen­tisch mei­ner El­tern oder Be­kann­ten dis­ku­tiert wur­de, aber hier­für mag es ei­ni­ge Grün­de ge­ben. Bei­spiels­wei­se hat­ten die Leu­te, mit de­nen ich auf­wuchs, schlicht­weg kei­ne Zeit, sich um die­se Fra­gen zu küm­mern. Sie wa­ren in Brechts Müh­le vom Fres­sen, das vor al­lem (vor al­lem der Mo­ral) kom­me, ge­fan­gen. Von Hei­deg­gers »Feld­weg« hör­te ich erst in den 1990ern. Als öko­lo­gi­sches Ma­ni­fest ha­be ich es noch nicht ge­se­hen. In bei­den Fäl­len: Shame on me.

Tat­säch­lich ist be­kannt, dass die Na­tio­nal­so­zia­li­sten un­mit­tel­bar nach ih­rer Macht­über­nah­me ei­nes der streng­sten Na­tur­schutz- und Tier­wohl­ge­set­ze ver­ab­schie­de­ten, die es da­mals gab. Ein paar Jah­re spä­ter ent­mensch­lich­te man Ju­den, Sin­ti und Ro­ma, sprach ih­nen den Sta­tus als Mensch ab und stell­te sie – Grün­bein streift die­se Per­ver­si­on kurz – prak­tisch un­ter die Tie­re. Ir­gend­wie kommt er auf ei­nen ge­wis­sen Fritz Six, ein Schreib­tisch­tä­ter im Reichs­si­cher­heits­haupt­amt und glü­hen­der Be­für­wor­ter der Sho­ah. Vier Jah­re Ge­fäng­nis hat­te er be­kom­men und wur­de in der Bun­des­re­pu­blik schließ­lich Un­ter­neh­mens­be­ra­ter und Mit­ar­bei­ter in ei­nem Por­sche-Un­ter­neh­men. All die­se un­rühm­li­chen Kon­ti­nui­tä­ten brei­tet Grün­bein aus, aber merk­wür­dig bleibt, dass Six’ Epi­so­de als Mit­in­ha­ber und Ge­schäfts­füh­rer ei­nes Ver­lags in den 1950er Jah­ren aus­ge­las­sen wird. Es ist ein Ver­lag, in dem ein Buch von Ru­dolf Aug­stein, dem Spie­gel-Her­aus­ge­ber, er­schien. Die Ver­knüp­fun­gen ma­chen nir­gend­wo Halt. Es wä­re in­ter­es­sant ge­we­sen, die Ver­flech­tun­gen in der deut­schen Pu­bli­zi­stik ähn­lich de­tail­liert zu be­leuch­ten; sie sind zahl­rei­cher als man denkt.

Grün­bein holt viel Rat ein, zi­tiert Han­nah Arendt, Ré Sou­pault, Ador­no und Hork­hei­mer, Um­ber­to Eco, Hein­rich und Tho­mas Mann, Saul Fried­län­der und vie­le mehr. So­gar die Schrift, die 2017 ei­nen Skan­dal aus­lö­ste, Rolf Pe­ter Sie­fer­les »Fi­nis Ger­ma­nia«, kommt vor, wenn auch nur als ab­schrecken­des Bei­spiel neu­rech­ten Den­kens (wo­bei Grün­bein das Skan­da­lon um die Po­pu­la­ri­tät die­ses ei­gent­lich wirk­lich nich­ti­gen Bu­ches nicht rich­tig er­fasst).

Ein Kon­ti­nu­um in den vier Tex­ten von Durs Grün­bein ist die Par­al­le­li­sie­rung der Er­eig­nis­se ge­gen En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik mit de­nen der Ge­gen­wart. Es ist das klas­si­sche Alarm-Nar­ra­tiv, wel­ches da be­dient wird, wenn auch ge­mä­ßigt. Na­tio­na­lis­mus und Au­to­ri­ta­ris­mus sei­en die »Ge­spen­ster« der Ge­gen­wart. Kein Wort zu even­tu­el­len Ur­sa­chen die­ses merk­wür­di­gen Drangs da­nach. So­zia­li­siert in der DDR ver­wen­det Grün­bein den Be­griff »Fa­schis­mus« syn­onym zu »Na­tio­nal­so­zia­lis­mus«. Die welt­an­schau­li­chen Kom­po­nen­ten bzw. Dif­fe­ren­zen bei­spiels­wei­se zum ita­lie­ni­schen Fa­schis­mus ver­schwim­men da­mit, ob­wohl kurz die geo­po­li­ti­schen Dif­fe­ren­zen zwi­schen Hit­ler und Mus­so­li­ni ge­streift wer­den.

Dass mit der AfD im deut­schen po­li­ti­schen Sy­stem ei­ne in Tei­len völ­kisch-na­tio­na­li­sti­sche Par­tei Ein­zug in die Par­la­men­te ge­fun­den hat, ist un­be­streit­bar ei­ne Her­aus­for­de­rung für die de­mo­kra­ti­schen Kräf­te. Aber die Al­le­go­rien zu den 1930er Jah­ren wir­ken, freund­lich ge­sagt, kon­stru­iert. Ge­ra­de­zu un­hi­sto­risch ist es, bei den »Be­dro­hun­gen« der deut­schen De­mo­kra­tie durch »RAF, NSU, Pe­gi­da, die jüng­sten Mord­ak­tio­nen« in ei­nen gro­ßen Topf zu ver­rüh­ren und zu kon­sta­tie­ren, dass da­mit »al­les schein­bar wie­der von vorn be­ginnt«.

Über­haupt schei­nen Grün­beins hi­sto­ri­sche Be­trach­tun­gen zu Deutsch­lands Auf­ar­bei­tung ir­gend­wo in den 1950ern stecken­ge­blie­ben zu sein. Er be­rich­tet zwar über sein schein­bar groß­ar­ti­ges Schul­re­fe­rat als 15jähriger über die Nürn­ber­ger Pro­zes­se und weist auf die zö­ger­li­che Ak­zep­tanz bis hin zur Ab­leh­nung der Flücht­lin­ge nach dem Krieg hin und sieht ein Kon­ti­nu­um in der Ge­gen­wart, in der sich Deutsch­land wie­der ab­schot­te (mit der­zeit 1,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­gen ei­ne selt­sa­me Ab­schot­tung). Aber was ist mit den Ausch­witz-Pro­zes­sen ab 1963? Der 68er Be­we­gung, die zu­min­dest Fra­gen stell­te? Was ist mit der Li­te­ra­tur nach 1945, zu der ihm nur Grass, Klu­ge und Wel­lers­hoff ein­fällt? Un­längst fei­er­te man das Ju­bi­lä­um der deut­schen Aus­strah­lung der US-Se­rie »Ho­lo­caust«, die En­de der 1970er Jah­re ver­mut­lich mehr zur Be­wusst­seins­ma­chung der ver­gan­ge­nen Ver­bre­chen ge­lei­stet hat wie so man­che klu­ger Auf­satz. Ist das schon »jen­seits der Li­te­ra­tur«?

Ei­ner­seits be­klagt Grün­bein – zu Recht – die ho­he Zahl der TV-Do­ku­men­ta­tio­nen im Fern­se­hen, die, un­end­lich wie­der­holt, al­le mög­li­chen Teil­aspek­te des so­ge­nann­ten Drit­ten Reichs in wo­mög­lich all­zu tri­via­ler Form auf­be­rei­ten und wo­mög­lich so­gar bei ei­ni­gen wan­kel­mü­ti­gen See­len am En­de ei­ne kru­de Fas­zi­na­ti­on für das Ab­scheu­li­che er­zeu­gen könn­ten. Aber er macht ähn­li­ches; auch sei­ne Bei­trä­ge könn­ten im Fern­se­hen als »History«-Doku eben­so lau­fen: »Hit­ler und die Brief­mar­ken«, »Hit­lers Au­to­bahn«, »Der Luft­krieg«.

Schön, wenn er auf das Ar­bei­ten mit Ori­gi­nal-Do­ku­men­ten re­kur­riert, die Hap­tik, wie et­wa Ori­gi­nal-Pho­to­gra­phien oder den Ta­ge­bü­chern von An­na Haag, ei­ner »Fe­mi­ni­stin«, von de­nen nur Aus­schnit­te in ei­nem eher klei­nen Ver­lag her­aus­ge­ge­ben wur­den. (Viel­leicht wä­re das was für Suhr­kamp? Es klingt wirk­lich viel­ver­spre­chend und er­hel­lend.) Zu we­nig da­von, zu we­nig Kalb und Haag, zu viel Be­leh­rungs­wil­le.

Was soll nun der Ti­tel aus­drücken? Ei­ne Art Plä­doy­er für ei­nen mul­ti­me­dia­len Um­gang mit Zeit­ge­schich­te, in der die Li­te­ra­tur nur noch ei­nen Teil bei­steu­ert, wäh­rend die Ge­schichts­schrei­bung do­mi­niert? Der Band ist im­mer­hin auf­be­rei­tet mit Pho­to­gra­phien, die bis­wei­len ähn­lich ei­nem Al­bum die (nicht er­leb­te) Zeit wenn nicht her­auf­be­schwö­ren so doch vor­stell­bar ma­chen soll. Es ge­lingt nur teil­wei­se, weil die Bil­der manch­mal klein und da­mit un­deut­lich sind (was bei­spiels­wei­se in ei­nem Aus­schnitt aus An­na Haags col­la­gen­haf­ten Ta­ge­buch­aus­riss be­son­ders scha­de ist).

»Die Ge­schich­te lehrt dau­ernd, aber sie fin­det kei­ne Schü­ler«, so wird am En­de In­ge­borg Bach­mann zi­tiert. »Sie muß­te Er­fah­rung da­mit ha­ben, sie ha­ben war ei­ne Frau«, lau­tet Grün­beins Re­plik dar­auf. Ei­ne selt­sa­me Be­grün­dung. Ins­ge­samt ein selt­sa­mes Buch. Ein selt­sa­mer Ab­schied von der Li­te­ra­tur – und das mit den Mit­teln der Li­te­ra­tur.

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  1. Oje, es scheint, D.G. hat völ­lig die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren. Er leuch­tet in sei­nen Un­ter­la­gen her­um, ein Sprung-auf, Marsch-Marsch, zu die­ser Text­stel­le und jener;womöglich er­hofft er sich von sei­ner Kom­pi­la­ti­on den An­schluss der Wirk­lich­keit, heim ins Reich der Schrift­stücke, die dar­aus her­vor­gin­gen.
    Par­the­no­ge­ne­se! Die Ge­schich­te ist ei­ne Frau, und sie ist schon wie­der schwan­ger, und er­neut weiß kein Mensch, wel­cher Kerl da­hin­ter steckt...
    Noch ein Bild: D.G., wie er im reich be­bü­cher­ten Ar­beits­zim­mer her­um-pan­thert. Nur der Ti­tel kann sei­nem Krei­sen noch ei­nen Sinn ver­lei­hen. Al­les ge­le­sen, al­les ver­stan­den, und doch kei­nen Deut klü­ger als die Zeit­ge­nos­sen. Es wird ein Dich­ter ge­we­sen sein. Be­dau­ern.

  2. Pan­ther = Ril­ke. In­ter­es­sant.

    Man­ches im Buch ist schlicht pein­lich. An­de­res be­den­kens­wert, et­wa wenn er von der Poe­sie als »Pho­to­syn­the­se der Wor­te und Bil­der« spricht. Im­mer­hin.

  3. Ja, Ril­ke. Viel­leicht sind die Stä­be ja die vie­len Bü­cher, die vor­über ge­hen, und die Welt­sehn­sucht nach ei­nem ab­so­lu­ten Ho­ri­zont er­stirbt ir­gend­wann; viel­leicht nicht vom vie­len Le­sen, son­dern na­tür­li­cher­wei­se, weil die Sehn­sucht auch auf ei­ne end­gül­ti­ge »Neu­ig­keit« zu­strebt...
    Al­so, rein pro­sa­isch: ich ver­mu­te, D.G. hat die Ge­gen­wart als letz­te Mög­lich­keit des Seins ent­deckt. Dass in Zu­kunft et­was an­ders wird, kann nur be­deu­ten, dass Un­heil droht. An die­ser Zeit­mau­er (Ernst Jün­ger) ha­ben ei­ni­ge schon ih­re Kla­gen aus­ge­brei­tet, und da­nach klei­ne Wunsch­zet­tel in die Rit­zen ge­scho­ben. Aber das ist nichts als Schall und Rauch. Und wie bald schon al­les an­ders sein wird, und dann wie­der­um nicht zum letz­ten Mal...
    Klar: im Au­gen­blick (hi­sto­risch) ist die Zu­kunft rui­niert. Aber dar­an un­schul­dig, sich hin­zu­stel­len, und La­men­to zu ru­fen, ist wahr­lich ein biss­chen ko­kett. Und dumm! Wie über­haupt die Idee, dass wir Un­ge­lö­stes in die Zu­kunft wei­ter­rei­chen könn­ten, al­so zum Bei­spiel die Fra­ge, war­um »Ma­dame« schon wie­der schwan­ger ist. Ob­wohl sich ja bes­ser nichts ge­än­dert hät­te...
    Nai­vi­tät! Rührt sie nicht von ei­nem Man­gel an Vor­stel­lungs­kraft, eher als ei­nem Zu­viel an bild­haf­ter Welt­be­schrei­bung?!

  4. Klar, die Bü­cher sind Buch­sta­ben, die vor­über­ge­hen. Aber man­ches da­von bleibt. Man­che ha­ben Sinn, oder hel­fen beim Sinn-Ma­chen. Der Sinn bleibt zu­min­dest ei­ne Wei­le – wel­cher der von Grün­bein ist, wird mir aus der Lek­tü­re (der Lek­tü­re) nicht klar. Grün­bein ko­kett, so kommt das in der Re­zen­si­on tat­säch­lich rü­ber.

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