Von Kon­bi­ni zu Konbini

Ei­gent­lich sind es nur zwei. Al­so vier, näm­lich zwei­mal zwei. Zwei Fa­mi­ma, zwei Seh­bün, wie sie im Volks­mund hei­ßen. Wei­ter drü­ben ein drit­tes, Law­son, aber da kom­me ich sel­ten hin. Für mich ist es ei­ne El­lip­se, die ich durch­lau­fe. Mei­ne We­ge ha­ben un­ge­fähr die Form ei­ner El­lip­se, mit ei­nem Se­ven Ele­ven und ei­nem Fa­mi­ly Mart als Brenn­punk­ten und je ei­nem wei­te­ren Se­ven und Fa­mi an den äu­ßer­sten En­den der El­lip­se, die das Tal ist. In Wahr­heit ge­he ich aber oft auf der ge­ra­den Ver­bin­dungs­li­nie die­ser vier Punk­te. Im Win­ter eher auf der Ge­ra­den, im Som­mer auf der el­lip­ti­schen Au­ßen­li­nie, weil es dort am Abend, wenn es ein biß­chen ab­ge­kühlt hat, dun­kel ist und man die Ster­ne fun­keln se­hen und den Fluß rau­schen und die Frö­sche qua­ken hö­ren kann und sich nicht vom Strahl­licht der Kon­bi­nis, dem Blend­licht und dem Mo­to­ren­rau­schen der Au­tos be­drän­gen las­sen muß. Am Fluß­ufer, bei den Bam­bus­hai­nen und den Lo­tus­fel­dern, de­ren rie­si­ge Blät­ter hin und her schwan­ken oder still­ste­hen, ist der Wan­de­rer voll­kom­men al­lein, nie­mand stra­pa­ziert sei­ne Ner­ven, die Blend­lich­ter und Mo­to­ren­ge­räu­sche sind nur Ab­ar­ten des ho­hen Ge­fun­kels und des ewi­gen Rau­schens. Ta­gu­chi: ei­ne El­lip­se und ihr ova­les Feld, das die schla­fen­den Rei­her, die qua­ken­den Frö­sche, den letz­ten Wan­de­rer birgt.

Bild 1 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 1 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Die Kon­bi­nis sind al­le gleich, lan­des­weit. Al­so die zu ei­ner der Fir­men, der Ket­ten sind gleich, au­ßen wie in­nen, mehr oder we­ni­ger gleich, und auch die der ver­schie­de­nen Fir­men un­ter­schei­den sich nicht sehr von­ein­an­der, ob­wohl sie auf ihr spe­zi­el­les De­sign, ih­re kenn­zeich­nen­den Far­ben, Schrift­ty­pen und Lo­gos Wert le­gen. Fa­mi­ma ist blau-weiß-grün, Se­ven rot-weiß-grün-oran­ge, ein biß­chen strei­fi­ger und bun­ter als Fa­mi­ma. Die Fa­mi­ma-Kä­sten sind aus wei­ßen Plat­ten ge­baut, die Se­ven-Kä­sten aus hel­le­ren und dunk­le­ren oran­ge- oder ocker­far­be­nen Back­stei­nen. Vor­ne na­tür­lich Glas­front. Im Som­mer wird der Ka­sten ge­kühlt wie ein Kühl­schrank, im Win­ter warm­ge­hal­ten, au­ßer in der Nä­he der Fen­ster­schei­ben und der Tür, da dringt kal­te Luft ein. Im Se­ven kau­fe ich mei­stens ein Me­lo­nen­brot und ein Ge­tränk mit Yu­zu, Zi­tro­ne und So­da; im Fa­mi­ma Fa­mi­chic­kin und ein sü­ßes Boh­nen­pa­ste­te­bröt­chen; in bei­den gibt es im Win­ter Oden (Kon­ya­ku und Ei­er und Fleisch­spieß­chen lie­gen in damp­fen­den Kes­sel­chen). Vor ei­ni­gen Jah­ren sind vie­le Kon­bi­nis mit ein paar Stüh­len (mei­stens vier) und ei­nem Wand­brett (Tisch wä­re zu­viel ge­sagt) so­wie ei­ner Selbst­be­die­nungs­kaf­fee­ma­schi­ne aus­ge­stat­tet wor­den. Es gibt Zei­ten, da sit­ze ich früh­mor­gens, wenn al­le Ca­fés und Ge­schäf­te ge­schlos­sen ha­ben, mit mei­nem No­tiz­heft oder Note­book dort, ei­nen Papp­be­cher Kaf­fee ne­ben mir. Um halb acht, un­ge­fähr, se­he ich die Ka­ra­wa­nen der Volks­schü­ler vor­bei­zie­hen; vor ei­ni­gen Jah­ren er­kann­te ich im­mer wie­der ein­mal mei­ne Toch­ter in so ei­nem Pulk (aber oft ist sie mir, buch­stäb­lich, ent­gan­gen). Sie hat mich nie ge­se­hen, auch nicht mein Fahr­rad, das ich in der Ecke zwi­schen Kon­bi­ni­wand und Reis­feld­zaun ab­stel­le wie ein Ver­bre­cher, der sich nicht ein­fan­gen las­sen darf.

Ei­ne Zeit­lang ha­be ich im Kon­bi­ni ei­ne Do­se Bier ge­kauft, nicht tags­über, son­dern abends, nach Ein­bruch der Dun­kel­heit, wenn es nicht gar so un­schick­lich wirk­te (gut, man wird auch so von nie­man­dem ge­se­hen, höch­stens von ei­nem Rad­fah­rer, flüch­tig). Bier­wan­de­rung, dach­te der Wan­de­rer und be­trat die Fuß­mat­te, ei­ne di­gi­ta­le Ton­fol­ge aus­lö­send, die dem Ver­käu­fer ei­ne An­kunft be­deu­te­te. Ein Stu­dent, der ein Se­me­ster in Deutsch­land stu­diert hat­te, hat­te mir von sei­ner Ge­wohn­heit er­zählt, vor dem Kon­bi­ni mit ei­nem oder zwei Freun­den zwei oder drei Do­sen Bier zu lee­ren. Ob das nicht un­ge­hö­rig sei? Er lach­te. Ver­bo­ten war es nicht. Sei­ne Er­zäh­lung reiz­te mich, es ihm gleich­zu­tun. Der Leh­rer, der sei­nen Schü­ler, der Va­ter, der sein Kind nach­ahmt, das war im­mer mein Ide­al. Ver­wirk­li­chen läßt es sich recht und schlecht, wenn überhaupt.

Bild 2 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 2 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Ma­chen wir so ei­nen Gang, ei­ne klei­ne Wan­de­rung. Von der Woh­nung und den Wohn­blocks aus ge­se­hen rech­ter Hand, am Wai­sen­haus und dem Kin­der­gar­ten vor­bei, in den mei­ne Toch­ter ein Jahr lang ging, bis wir vom Re­gime die­ser wohl­tä­ti­gen und gut­ver­die­nen­den Dy­na­stie ge­nug hat­ten, nach ei­ner Kur­ve dann ins Tal hin­un­ter auf dem ab­schüs­si­gen schma­len Weg durch ein Kie­fern- und Laub­wäld­chen. Im Som­mer ha­ben die Kin­der, wenn sie von der Schu­le zu­rück­keh­ren, ei­ne täg­li­che Hit­ze­prü­fung zu be­stehen (kei­nes­falls die Ther­mos­fla­sche ver­ges­sen!). Im Tal an­ge­langt über­que­ren wir die Zu­brin­ger­stra­ße zur Uni­ver­si­tät und neh­men den schö­nen, fast ge­hei­men Pfad, der einst wun­der­schön war, mit den Jah­ren je­doch im­mer we­ni­ger. Die Bau­ern­häu­ser ste­hen noch da, ein paar Fel­der ha­ben die Bau­ern ver­kauft, an ih­rer Stel­le glän­zen Fel­der von son­nenever­lieb­ten Plat­ten, schräg zum Him­mel star­rend, al­le gleich. Die Sumpf­wie­sen mit dem Schilf sind vor gar nicht so lan­ger Zeit pla­niert und be­to­niert wor­den, noch ste­hen da kei­ne Fer­tig­häu­ser. Am En­de des Pfads, wo ge­beug­te al­te Leu­te, die nicht so bald auf­ge­ben wer­den, ih­re Ge­mü­se­bee­te be­stel­len, strei­fen wir die klei­ne ama­teur­haf­te Au­to­werk­stät­te ne­ben dem Ein­fa­mi­li­en­haus der hier Woh­nen­den und Wer­ken­den, so­wie den Park­platz al­ter, form­schö­ner, nicht mehr oder noch nicht wie­der funk­ti­ons­tüch­ti­ger Au­tos vor ei­nem Ap­par­te­ment­haus, wo ich nie ver­stan­den ha­be, ob da noch je­mand wohnt oder nicht, oder zeit­wei­lig, oder wie. Nach ei­ner Sei­te geht es hier wie­der steil nach oben, und ich weiß, ja, spü­re, da ist hun­dert­stu­fi­ge Trep­pe, die zu dem kaum be­such­ten Shin­to-Schrein im Wald hin­auf­füh­ren, wo ich vor drei, vier Jah­ren ei­ni­ge mei­ner schön-schmerz­li­chen Tex­te schrieb. 

Wir aber blei­ben un­ten im Tal, die Au­to­stra­ße läßt sich auf ei­ner klei­nen Strecke nicht ver­mei­den, der Blick fällt zu­erst auf das neue chi­ne­si­sche Re­stau­rant, in dem sich oft ta­ge­lang kein Gast se­hen läßt und dann plötz­lich ei­ne zahl­rei­che Grup­pe auf­taucht, jun­ge Leu­te, fei­ern­de Stu­den­ten ver­mut­lich, die den Raum fül­len. Es ist näm­lich nur ei­ner, ein Raum mit Koch­ecke und be­schei­de­ner The­ke, frü­her von ei­ner al­ten Ein­hei­mi­schen ge­führt, ich ha­be das Lo­kal ein ein­zi­ges Mal be­sucht, die Ta­gu­chi-Frau schien über un­se­ren Be­such halb er­schrocken, halb be­lu­stigt und muß­te nach ei­ner Stun­de Bi­er­nach­schub kom­men las­sen. Noch ein Stück wei­ter, wie­der Er­in­ne­run­gen an Ver­schwun­de­nes, auf der ei­nen Stra­ßen­sei­te der Fri­seur­la­den, in den schon lan­ge nie­mand mehr ge­gan­gen war (aber das kommt mir bei den mei­sten Fri­seur­lä­den so vor, die gan­ze Ge­gend oben in Shit­ami ist ge­ra­de­zu fri­seur­ver­seucht), und das Kei­sukeya ge­gen­über, ei­ne net­te Ba­racke, Kei­sukes La­den, den ich eben­falls nur ein­mal auf­ge­sucht ha­be, als mei­ne Toch­ter noch ein Klein­kind war, das Es­sen dort gar nicht schlecht, aber fett, ein Ort für Mo­tor­rad­fah­rer. Doch wie ge­sagt, auch die­ses Re­stau­rant ist ver­schwun­den, der Ab­riß ging schnell und eben­so die Er­rich­tung des schwar­zen Fer­tig­hau­ses. An­ders wird auf klein­fa­mi­lia­ler Ebe­ne so­wie­so nicht mehr ge­baut: bil­lig, zü­gig, prak­tisch. Bald wird man sich Häu­ser bei Ama­zon kaufen.

Bild 3 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 3 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Und dann, end­lich, das er­ste Kon­bi­ni! Ein Fa­mi­ly Mart an der Kreu­zung, ge­gen­über ei­ne La­ger­hal­le, da­vor der schön­ste Gar­ten weit und breit, ei­ne wun­der­ba­re Mi­schung von Zier- und Nutz­pflan­zen, Blu­men und To­ma­ten, Fei­gen­bäum­chen und Zwie­beln, al­les da, ge­hegt und ge­pflegt von ei­nem na­he­bei woh­nen­den Weib­lein, das ab und an, nach Lust und Lau­ne, ei­nem der vor­bei­tra­ben­den Schul­kin­der ei­ne Blu­men­ker­ze schenkt, die sein Haupt über­ragt. Hier, wie schon er­wähnt, sit­ze ich zu be­stimm­ten Zei­ten mor­gens im Ca­fé, Note­book oder No­tiz­heft vor mir, wäh­rend die Schul­kin­der hin­auf­zie­hen nach der an­de­ren Sei­te des Tals, zur Schu­le, die oben auf der Tal­schul­ter liegt, für mei­ne Toch­ter ein Weg von et­wa vier Ki­lo­me­tern, für die sie an­fangs ei­ne Stun­de brauch­te, zu­letzt, nach fünf Jah­ren, we­nig mehr als die Hälf­te. Je­des Jahr kam ich zwei­mal mit ihr da her­un­ter, nach dem gro­ßen Sport­fest, zu dem El­tern und Groß­el­tern ge­la­den wa­ren – ei­ne schreck­li­che, sinn­lo­se, manch­mal ge­fähr­li­che Ver­an­stal­tung in der Früh­som­mer­hit­ze, bei der die Schü­ler stun­den­lang in streng­ster Ord­nung im Staub sit­zen und dar­auf war­ten muß­ten, daß sie end­lich an die Rei­he ka­men. Ich nütz­te die Ge­le­gen­heit für aus­ge­dehn­te Spa­zier­gän­ge und ver­such­te, zu Zeit­punk­ten zu­rück zu sein, wenn Yo­ko ei­nen klei­nen Auf­tritt hat­te. Zur Rück­kehr nach Hau­se fuh­ren aus­nahms­los al­le Schü­ler im Fa­mi­li­en­kraft­wa­gen, nur wir bei­de nicht, und je­des­mal ver­weil­ten wir am Fluß­ufer, bis es zu däm­mern be­gann. Der Fluß ist ein biß­chen schmut­zig, wie al­le Ge­wäs­ser hier, und na­tür­lich »ge­fähr­lich« (den Schil­dern zu­fol­ge), Fa­bri­ken und An­rai­ner, vor al­lem aber Reis­bau­ern ha­ben kei­ne Be­den­ken, ih­ren che­mi­schen Dreck da hin­ein­zu­lei­ten. Trotz­dem zo­gen wir die Schu­he aus und wa­te­ten im Was­ser, in all den Jah­ren ha­be ich sonst kei­nen Men­schen ge­se­hen, der das ge­tan hät­te; wir sa­hen den ge­wor­fe­nen Stöck­chen zu, wie sie müh­sam wei­ter­ka­men, von ei­ner Schil­fin­sel zur näch­sten, und wie sie ir­gend­wann hän­gen­blie­ben; war­fen Kie­sel, sa­hen manch­mal auch Fi­sche, in den mei­sten Jah­ren aber nicht.

Bild 4 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 4 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Der Weg am Fluß ist ei­ner von vie­len, die we­nig be­nutzt wer­den, von Fuß­ge­hern fast nie, so daß ich oft das Ge­fühl ha­be, er ge­hö­re mir al­lein. Am an­de­ren Ufer steigt ein klei­ner Berg­rücken hoch, dicht be­wach­sen von Bam­bus­wäl­dern, dar­über ei­ne von un­ten her nicht sicht­ba­re Hoch­ebe­ne mit ein paar Sied­lun­gen. Manch­mal wan­de­re ich die gan­ze Län­ge die­ses Wegs bis ans En­de des Tals, wo es dann zum (von zwei Kon­bi­nis, Se­ven und Fa­mi­ma, flan­kier­ten) Shink­an­sen-Bahn­hof hin­auf­geht, aber das ist noch weit, und es kommt vor, daß ich mich bei der Brücke dort in das »Snack« set­ze, das nach mei­nem Ein­druck über­haupt nichts An­rü­chi­ges hat, es ist ein Tan­ten­ca­fé, mitt­ler­wei­le zum Oma­ca­fé ge­wor­den, wo sich ein paar Nach­barn und Nach­ba­rin­nen im er­wei­ter­ten Wohn­zim­mer beim Kaf­fee un­ter­hal­ten; oft ist es ge­schlos­sen, lan­ge wird es nicht mehr da sein, über­haupt ster­ben die Tan­ten­ca­fés aus. Manch­mal bie­ge ich aber in der Mit­te mei­nes We­ges, wo das Flüß­chen in ei­nen Fluß fließt, der es dann bis zum Meer (bei Ku­re un­ten) mit­nimmt, nach links ab, oder nach rechts, je nach dem, von wel­cher Sei­te ich kom­me; zu­rück zur Kon­bi­ni­stra­ße, das heißt Au­to­stra­ße, auf die ich un­ge­fähr an der Stel­le sto­ße, wo ei­ne Schul­freun­din mei­ner Toch­ter ein Ele­ven be­trieb. Na­tür­lich nicht das Mäd­chen selbst, son­dern sei­ne El­tern, ge­schäfts­tüch­ti­ge Leu­te, auch im Ca­te­ring­sek­tor ak­tiv; vor ei­ni­gen Jah­ren ha­ben sie das Kon­bi­ni um et­wa zwei­hun­dert Me­ter ver­legt, an ei­ne grö­ße­re Kreu­zung, wo Platz ist für ei­nen weit­flä­chi­gen Park­platz, ei­ne kla­re Ver­bes­se­rung (nach ge­schäft­li­chen Maß­stä­ben). Das al­te Kon­bi­ni war nach der Über­sie­de­lung lang­sam ver­fal­len, es wur­de un­an­sehn­lich und ist es noch, aber kürz­lich schei­nen Bau­ar­bei­ten be­gon­nen zu ha­ben, viel­leicht ent­steht da wie­der mal ein neu­er Fri­seur­sa­lon. Wür­de ich vor­ne an der gro­ßen Kreu­zung, wo es zu der jet­zi­gen Schu­le, der »Mit­tel­schu­le« mei­ner Toch­ter hin­auf­geht, an der rie­si­gen py­ra­mi­da­len Sport­hal­le vor­bei, wie­der zu­rück in Rich­tung Fluß ab­bie­gen, könn­te ich mich em­pö­ren – das Em­pö­ren schenkt mir mit fort­schrei­ten­dem Al­ter ein Lust­ge­fühl, das mir su­spekt ist und das ich zu be­kämp­fen ver­su­che – über die Klär­an­la­ge, die dort, statt zu rei­ni­gen, das Fluß­was­ser ver­schmutzt (nüch­tern be­trach­tet ist der Ge­stank ge­lin­der ge­wor­den, die Fir­ma scheint ih­re Tech­nik ver­bes­sert zu ha­ben). Dort ist auch ei­ne die­ser blö­den ho­hen Um­zäu­nun­gen, oder eher Um­net­zun­gen, wo Golf­nar­ren auf klei­ne wei­ße Bäl­le ein­dre­schen und Ju­gend­li­che mit Base­ball­schlä­gern bis­wei­len das­sel­be tun, so daß man die ein­zel­nen Ge­räu­sche bis hin­auf in das Wäld­chen hö­ren kann, von dem ich gleich noch spre­chen wer­de (es scheint da so et­was wie ei­nen Schall­kor­ri­dor zu ge­ben, denn un­ten auf der Stra­ße kann man die Ge­räu­sche nicht so weit hö­ren), und in wei­te­rer Fol­ge dann nur noch Lo­tus­fel­der, die mein un­schul­di­ges Herz erfreuen.

Bild 5 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 5 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Al­so, wir sind zu­rück am Fluß, am an­de­ren näm­lich, dem brei­te­ren, und müs­sen uns jetzt den Au­tos stel­len, zu­mal die Stadt­ver­wal­ter für Fuß- und Rad­we­ge nicht viel üb­rig ha­ben. Dort ist dann wie­der ein Kon­bi­ni, schon wie­der ein Se­ven und mehr als das an­de­re für Au­to­fah­rer ge­dacht, wes­halb ich es sel­ten be­tre­te, Kaf­fee-Ecke hat es auch kei­ne. Von hier aus kön­nen wir ent­we­der die Über­land­stra­ße wei­ter­ge­hen und un­ser Le­ben am Ver­kehrs­fließ­band ris­kie­ren, oder aber zu­rück auf der Kon­bi­ni­stra­ße, aber nicht bis zum zwei­ten Fa­mi­ma un­se­res Tals, son­dern bald ein­mal hin­auf zum Schrein am Rand des schon er­wähn­ten Wäldchens. 

Ris­kie­ren wir zu­erst ein­mal un­ser Le­ben, der Schrein kann war­ten. Wenn man die Über­land­stra­ße wie­der ver­läßt, wird es schön, aber zu be­stimm­ten Zei­ten eben­falls laut, weil die Schü­ler der sich weit­läu­fig er­strecken­den Land­wirt­schafts­schu­le beim Base­ball und an­de­ren Sport­ar­ten zum Brül­len an­ge­hal­ten sind und auch se­ri­ös (wie ich) aus­se­hen­de Er­wach­se­ne laut grü­ßen sol­len, was sie dann bis zum Un­er­träg­li­chen über­stei­gern (ei­ne der we­ni­gen For­men von Wi­der­spen­stig­keit). Die wel­li­ge Land­schaft wech­selt jetzt zwi­schen Tei­chen und Baum­grup­pen, kaum Fel­der, un­ser Haus­berg drü­ben in Halb­di­stanz, manch­mal riecht es nach Kuh­mist und Heu, denn die Land­wirt­schafts­schu­le be­sitzt auch, in der Ge­gend hier sel­ten, Stäl­le. Als Yo­ko ein Ba­by war, ein trag­ba­res Kind, um den Aus­druck ei­nes al­ten Freun­des, in­zwi­schen schon Groß­va­ter, zu ge­brau­chen, und ich sie tag­täg­lich aus­führ­te, wo­bei sie zu­erst auf ei­ner win­zi­gen Tra­ge vor mei­ner Brust lag (meist schla­fend), spä­ter an ei­nem Gurt hing und sich die Welt und die Tie­re an­schau­te, durch­quer­ten wir gern das zur Schu­le ge­hö­ri­ge, von ei­ni­gen Schleich­we­gen durch­zo­ge­ne Ge­biet, war­fen auch Blicke auf die Kü­he, was die Schü­le­rin­nen, wenn wir ih­nen be­geg­ne­ten (was sel­ten vor­kam, weil sie mei­stens im Un­ter­richt wa­ren), ganz rei­zend fan­den, und wur­den nie von je­man­dem zur Re­de ge­stellt, doch ei­nes Ta­ges war der Schleich­weg, auf dem wir uns den Stäl­len zu nä­hern pfleg­ten, von ei­ner Schran­ke ver­sperrt, mit ei­nem Hin­weis­schild auf – ich weiß nicht mehr, was, je­den­falls hieß es: Kein Durch­gang! Noch spä­ter ha­ben sie zur Stra­ße hin ei­ne an­de­re, mäch­ti­ge­re Sper­re er­rich­tet, ei­ne Mau­er, die nicht ge­gen uns ge­rich­tet war, son­dern ge­gen Fahr­zeu­ge, un­wahr­schein­li­che Pan­zer. Ich glau­be, die bun­kern sich ein; ein sol­ches Ver­hal­ten ha­be ich wäh­rend der letz­ten Jah­re an vie­ler­lei Or­ten be­merkt: ganz so, als stün­de wie­der mal ein Atom­krieg bevor.

Bild 6 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 6 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Steht nicht be­vor, glau­be ich. Al­les fried­lich. Fried­li­cher denn je, fast schon un­heim­lich. Das ein­zig Ge­fähr­li­che, schär­fe ich mei­ner Toch­ter im­mer wie­der ein, sind die Kraft­fahr­zeu­ge be­zie­hungs­wei­se die un­fä­hi­gen, über­ängst­li­chen Lenker.

Wäh­len wir beim Se­ven Ele­ven nun die an­de­re Mög­lich­keit, bie­gen wir nach ei­ner Wei­le in ein un­auf­fäl­li­ges Sträß­chen, an ei­nem klei­nen Reis­feld mit run­der Be­gren­zung vor­bei, die der Kur­ve des We­ges folgt. Die­ses im Früh­ling und Som­mer so ver­trau­ens­wür­di­ge, ja, eh­ren­wer­te Feld liegt un­mit­tel­bar vor der schö­nen wei­ßen, von wel­li­gen Zie­geln ge­krön­ten Mau­er ei­nes Bau­ern­hau­ses, schon am Wald­rand, wo ein stei­ner­nes Tor auf­ragt, das den hei­li­gen Be­zirk be­zeich­net, in den wir so­gleich tre­ten wer­den, ent­we­der über das Sträß­chen von der Sei­te her oder auf ei­ner nicht sehr ho­hen Stein­trep­pe, die am obe­ren En­de, zwei aus­ge­brei­te­ten Ar­men gleich, links und rechts ei­ne Ba­lu­stra­de zeigt. Der Schrein da­hin­ter ist ganz aus Holz, Na­del­bäu­me ra­gen in die Hö­he, der Gott und die An­rai­ner be­hü­ten und pfle­gen hier, we­nig­stens hier, seit Jahr­hun­der­ten die um­ge­ben­de Na­tur. Un­ter dem Dach, auf dem Holz­bo­den, fin­den manch­mal Fei­ern statt, auch sol­che, die mit der Re­li­gi­on nichts zu tun ha­ben – oder doch, viel­leicht ist Ge­sang an sich schon Ver­eh­rung des Gött­li­chen. Bun­te Glüh­bir­nen, ei­ne Mu­sik­an­la­ge, Omas und En­kel­kin­der sin­gen ge­mein­sam Schla­ger, al­te und neue, auch J‑Popsongs. Opas ha­ben Grö­ße­res in Sinn, sie wer­fen sich in Po­se und sin­gen ir­gend­ei­nes die­ser wei­ner­lich-schö­nen Lie­der, En­ka ge­nannt, von ver­geb­li­cher oder zer­bro­che­ner Lie­be und dem schlech­ten Trost des Al­ko­hols, sin­gen von der Ver­geb­lich­keit über­haupt, und sie tun es bes­ser, als der Ori­gi­nal­sän­ger, der es be­rühmt ge­macht hat, selbst es singt (glau­ben die Opas).

Der­lei Ver­an­stal­tun­gen fin­den sel­ten statt, zwei oder drei Mal im Jahr, die Glüh­bir­nen­schlan­gen wer­den ab­ge­nom­men und – wenn ich an mein Her­kunfts­land den­ken darf – Weih­nachts­schmuck ver­staut. Un­ser Kon­bi­ni-Rund­gang neigt sich dem En­de zu. Das letz­te Stück führt uns durch das fin­ster­ste Wäld­chen, das man sich nur vor­stel­len kann. Ei­ne sehr schma­le, sehr stei­le, im­mer­hin asphal­tier­te Stra­ße, die ich letz­ten Som­mer ein paar Mal nachts durch­quer­te, wo­bei ich nach­ge­ra­de ins Fürch­ten ge­kom­men bin. Nicht vor Räu­bern, die sind hier längst aus­ge­rot­tet, aber vor Schlan­gen, auf die ich blind­lings tre­ten könn­te. Hat man das Wäld­chen glück­lich un­be­scha­det ver­las­sen, geht man ei­ni­ge Zeit in ei­nem Hohl­weg, links ei­ne zwei Me­ter ho­he dunk­le, im­mer ein we­nig feuch­te Mau­er, die ei­ne Feld­ter­ras­se ab­schließt, rechts eben­so ho­he Stau­den, Gras, dich­te­stes Ge­wächs. Da die Stra­ße im­mer noch an­steigt, das Feld oben aber waa­ge­recht liegt, stei­gen auch wir lang­sam her­vor, die Mau­er wird nied­ri­ger, wir er­rei­chen die von Tei­chen ge­säum­te Stra­ße, se­hen links das Kran­ken­haus, das ich recht gut von in­nen ken­ne, und bald sind wir bei mir zu Hau­se, wo ihr ein­ge­la­den seid, das mit­ge­brach­te Kon­bi­ni-Es­sen ver­zeh­ren und ei­ne Do­se Asahi zu trinken.

Bild 7 - Von Konbini zu Konbini - © Leopold Federmair

Bild 7 – Von Kon­bi­ni zu Kon­bi­ni – © Leo­pold Federmair

Con­ve­ni­ent food, prak­ti­sches Es­sen, be­quem er­stan­den – das Wort »Kon­bi­ni« ver­weist schließ­lich auf con­ve­ni­ence store, aber die Sa­che selbst hat nicht viel Ame­ri­ka­ni­sches, ob­wohl die An­fän­ge ver­mut­lich US-ame­ri­ka­nisch in­spi­riert sind. Neu­lich ha­be ich so­gar in der Zei­tung ge­le­sen, daß Se­ven Ele­ven ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Fir­ma auf­ge­kauft hat, zu der auch ein Tank­stel­len­netz ge­hört. Viel Platz für Kon­bi­nis, oder nicht? Wie es aus­sieht, wird Ame­ri­ka bald zur ja­pa­ni­schen Auf­fas­sung von con­ve­ni­ence be­kehrt wer­den. Die­ses prak­ti­sche und be­que­me Land mit sei­nen prin­zi­pi­en­fe­sten, aber auch prag­ma­ti­schen, eben­so be­que­men wie ar­beit­sa­men Be­woh­nern wird den Rest der Er­de be­glücken, und mei­ne Wan­de­run­gen wer­den am En­de glo­ba­le ge­we­sen sein.

© Leo­pold Federmair

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