Nach Kaffee und Schokoladeneis mit Sahne bei de Marco (wie immer) weiter durch Eicken, meinem Kindheitsviertel, seit Jahrzehnten verkehrsberuhigt und längst ökonomisch sterbenskrank, so viele Läden, die geschlossen sind, einige seit Jahren, teils trotzig mit ihren zugeklebten Scheiben oder diesem uralten, verrosteten Rollgitter vor dem einstigen Optikergeschäft, dessen Brillen ich heute sehr selten noch als Ersatz für den Ersatz verwende. An der Sparkasse links abgebogen auf die Schwogenstrasse, wo einst M. sein Haus hatte, jener M., der im Frühjahr starb und in der Todesanzeige hatte ich zum ersten Mal seinen Jahrgang gelesen (er war 26 Jahre jünger als mein Vater) und den Spruch von der »liebevollen Fürsorge«, der da verwendet wurde, war derart geheuchelt, dass mir übel wurde; ihm, diesem Fremdgänger und Choleriker wurde im Tod ein Denkmal der familiären Tugend errichtet und da erinnerte ich mich an seine herrische Art, mit der er meinen Vater kommandierte und die Verachtung, die ich meinem Vater dafür zollte, dass er sich derart kommandieren ließ und nur ganz kurz, als ich nach der Schule keine Lehrstelle bekommen hatte und arbeitslos war, »arbeitete« ich für M., analysierte die wöchentlich erscheinenden »Rennkalender«, extrahierte bestimmte Daten von Pferden und Trainern aus diesen Listen, die ich ihm dann aufbereitete und als dieses oder jenes dann ergebnisrelevant war, beschimpfte er mich, warum ich ihm das nicht gesagt hatte, dabei hatte ich es gesagt aber nur einmal und dann auf meine Aufzeichnungen verwiesen und grob fuchtelnd wehrte er ab, das »Geschreibsel« habe er doch nicht gelesen oder sofort wieder vergessen, ich müsse es ihm sagen, mehrmals, immer wieder und in der nächsten Woche sagte ich ihm die Auffälligkeiten und er richtete sich mit seinen Wetten danach, aber nichts traf zu und er schimpfte wieder und dann ich hörte auf, nahm die 50 Mark für die zwei Wochen und von nun an versuchte ich, ihn wie Luft zu behandeln.
Leucht/Wieland (Hrsg): Dichterdarsteller
Seit Roland Barthes in den 1960er Jahren den »Tod des Autors« verkündete, galt es lange Zeit in den Literaturwissenschaften als verpönt, Werk und Vita des Autors in Zusammenhang zu bringen. Erst in den letzten Jahren wurde dieses nahezu wie ein Tabu behandelte Diktum aufgegeben und wieder vermehrt die Frage nach Interdependenzen zwischen dem Leben eines ...



