He­le­na Ad­ler: Die In­fan­tin trägt den Schei­tel links

[...] Über­ra­schend dann: Die Lek­tü­re, die­se dau­er­plap­pern­de, syn­äs­the­ti­sche Ich-Er­­zäh­­le­rin mit ih­ren hy­per­ven­ti­lie­ren­den Wahr­neh­mun­gen strengt an. Fast je­der Satz von He­le­na Ad­ler schnei­det, beißt, trifft. Aber man täu­sche sich nicht: Wo an­de­re mit Re­pe­ti­tio­nen ar­bei­ten, wo die Zorn in blin­de Wut ge­rinnt, ist hier al­les un­ter Kon­trol­le. Und gleich­zei­tig in Auf­ruhr. Eben wa­ren die Ur­groß­el­tern noch ...

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Jac­cot­tets Grignan

Wie froh war ich in der Käl­te, als auf der Stra­ße zwi­schen Val­re­as und Grignan, ei­ner lan­gen Ge­ra­den durch ei­nen kur­zen Win­ter­nach­mit­tag, ein Wa­gen hielt. Ich wur­de mit­ge­nom­men von zwei Land­ar­bei­tern, die nach mei­nem À Grignan? so­gleich wei­ter­spra­chen, wäh­rend ich im Fond auf dem kal­ten, prall ge­spann­ten, wohl von Acker­er­de stau­bi­gen Kunst­stoff nicht recht wuss­te, wie ich mich ge­gen­über, oder ne­ben, der hin und her rol­len­den Zwie­bel ver­hal­ten soll­te, die im­mer wie­der dicht an mich her­an­kam. Viel­leicht wa­ren mei­ne Be­för­de­rer auch eher selb­stän­di­ge Land­wir­te, zu­min­dest was den ei­nen der bei­den an­ging. Sie un­ter­hiel­ten sich eif­rig über et­was das den Markt von Val­re­as be­traf. Auch von Bie­nen­kä­sten war die Re­de.

Hin­ter ei­nem Hö­hen­zug glitt der obe­re Teil ei­nes iso­liert ste­hen­den Turms vor­bei. Nach ei­ner Wei­le er­blick­te ich zwi­schen den Köp­fen die­ser bei­den so ein­deu­tig hie­si­gen Män­ner die Ort­schaft Grignan. We­der Dorf noch Städt­chen, ei­ne stein­haf­ti­ge Ve­du­te (wenn das Wort­spiel mit leib­haf­tig hier et­was Deut­lich­keit hin­zu­fü­gen kann); die Häu­ser dicht an­ein­an­der ge­drängt auf hal­ber Hö­he ei­nes Hü­gels, be­son­ders aber oben ent­lang, wie an­statt ei­nes Walls. Auf­fäl­lig, all die blan­ken Fen­ster, die aus der Hö­he dort ei­nen schö­nen Blick über die Fel­der bie­ten muss­ten. War es die Zwie­bel an mei­ner Sei­te, die mir ei­ne et­was mär­chen­haf­te Sicht­wei­se na­he­leg­te? Es war mir aber wirk­lich so, als be­kä­me je­ne Fen­ster­front in dem ge­ra­de herr­schen­den Licht selbst et­was Ge­sicht­ar­ti­ges, ja sie er­schien ge­ra­de­zu auf­merk­sam. Als wä­re all dies Glas nicht nur ein­ge­fasst, son­dern auch auf et­was ge­fasst — das sich zwi­schen den Bäu­men und Fel­dern dann na­tür­lich doch nie er­eig­ne­te. Es sei denn das Blin­ken ei­ner Axt, auf­ge­schrie­ben vor Jahr­zehn­ten von Jac­cot­tet, und das nun, in ei­ner an­de­ren Stun­de wohl, durch das Auf­blit­zen ei­nes Wa­gens in der Son­ne er­setzt wur­de.

Jac­cot­tet hat­te mir ein oder zwei Wo­chen vor­her in ei­nem Brief ei­ne al­te, noch in Se­pia­tö­nen ge­hal­te­ne An­sichts­kar­te ge­schickt. Die Ort­schaft, wie ich sie da aus dem fah­ren­den Wa­gen her­aus, lin­ker Hand, lin­ker Stützhand, hat­te hoch­wach­sen se­hen durch die Schei­be, war von ei­nem an­de­ren Zeit­ton, ent­sprach aber noch auf er­staun­li­che Wei­se dem al­ten Fo­to. So ge­nau ich das Se­pia­bild ge­mu­stert hat­te, mit all den Fas­sa­den, deut­li­chen Fen­stern und hier und da viel­leicht ei­ner schma­len, von et­was Ve­ge­ta­ti­on an­ge­zeig­ten Ter­ras­se: nir­gends war ein Pfeil oder Kreuz­chen des Schrei­bers aus­zu­ma­chen ge­we­sen. Nur im Brief gab es den Hin­weis, dass sein Haus sich auf eben die­ser Sei­te be­fän­de, und dass ich »ei­nes die­ser Ta­ge« vor­bei­schau­en kön­ne. Das Zei­chen wo­nach ich ge­sucht hat­te, ein Pfeil auf eins der Dä­cher je­ner Ve­du­te, wä­re üb­ri­gens zu nichts nüt­ze ge­we­sen, denn stracks dort­hin hät­te ich nicht an­ders als durch die Luft ge­lan­gen kön­nen — was aus dem schnell auf sie zu fah­ren­den Wa­gen ja fast ein we­nig der Fall war.

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Jub­liäums­tex­te

Am 30. Ju­ni wird der gro­ße Schrift­stel­ler Phil­ip­pe Jac­cot­tet 95 Jah­re alt. Vor fünf Jah­ren ha­be ich für »Glanz und Elend« ei­nen Text ver­fasst, der heu­er leicht an­ge­passt wur­de. Ich ste­he zu je­dem Wort. Hier geht es zum Text »Der Dich­ter als Die­ner des Sicht­ba­ren« Ei­ne Wür­di­gung ei­nes sei­ner Über­set­zer: »Zie­gen am Berg« * * ...

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Der schüch­ter­ne Blick auf die Pen­si­ons­gren­ze

Ein Freund hat­te mir ei­nen Text ge­schickt, den ich über­se­hen hät­te, denn er steckt hin­ter ei­ner so­ge­nann­ten »Be­zahl­schran­ke«. Ich neh­me an, er woll­te mich an­sta­cheln, aber weil er mich ganz gut kennt, leg­te er mir nicht na­he, ei­ne Re­plik zu ver­fas­sen, denn er weiß, dass ich das dann ge­ra­de nicht ma­che. Ich er­in­ner­te mich dun­kel. Am Sonn­tag hat­te der schei­den­de Bach­mann­preis-Ju­ror Hu­bert Win­kels die­sen Text ganz kurz er­wähnt. Es han­delt sich um Ri­chard Käm­mer­lings’ »Zehn Grün­de, war­um Li­te­ra­tur im­mer be­deu­tungs­lo­ser wird«, pu­bli­ziert in der »Welt«.

Zu­nächst ein­mal ist in­ter­es­sant, dass in der Druck­ver­si­on und in der URL die Über­schrift ei­ne leicht an­de­re ist. Dort steht: »Zehn Grün­de, war­um un­se­re Li­te­ra­tur im­mer be­deu­tungs­lo­ser wird.« (Her­vor­he­bung von mir.) Der Un­ter­schied ist nur auf den er­sten Blick mar­gi­nal. Das Pro­no­men »un­se­re« er­hebt ei­nen Be­sitz­an­spruch auf das, was man dort be­han­delt. Gleich­zei­tig nimmt es den Le­ser mit in das ima­gi­nä­re Boot. Es wird ei­ne Ge­mein­schaft be­schwo­ren. Und dann er­hebt es sei­nen Ver­fas­ser (und die Boots­in­sas­sen) als ei­ne Art Rich­ter.

Die »zehn Grün­de« ent­pup­pen sich bei nä­he­rer Lek­tü­re als ei­ne Zu­sam­men­stel­lung hin­läng­lich be­kann­ter Krit­te­lei­en, leicht ge­würzt mit dys­to­pi­schem Un­ter­ton, ei­ner Pri­se Ver­gan­gen­heits­ver­klä­rung und ei­nem kräf­ti­gen Schuss Co­ro­na-Wür­ze.

Der er­ste der Grün­de, war­um »un­se­re« Li­te­ra­tur im­mer be­deu­tungs­lo­ser wird ist, laut Käm­mer­lings, die »Buch­mes­se oh­ne Ver­la­ge«. Die­se wür­den die Frank­fur­ter Buch­mes­se im Herbst »im Stich las­sen«. »Buch­hal­ter­köp­fe« hät­ten die Macht über­nom­men. Dass es im Be­trieb ei­ne gro­ße An­zahl Men­schen gibt, die sich auch ei­ni­ge Mo­na­te nach ei­ner viel­leicht halb­wegs über­stan­de­nen Pan­de­mie nicht zehn Stun­den täg­lich in schlecht­durch­lüf­te­ten Mes­se­hal­len auf­hal­ten wol­len, kommt dem Au­tor nicht in den Sinn.

Es wird noch läp­pi­scher, wenn er dann vom »Schwei­gen der Au­toren« spricht. Nein, er meint nicht die fast un­zähl­ba­ren »Co­ro­na-Ta­ge­bü­cher«, die das Netz in den letz­ten Mo­na­ten über­schwemmt ha­ben. Er meint »Of­fe­ne Brie­fe« von Au­toren, bei­spiels­wei­se ge­gen das Schlie­ßen von Buch­hand­lun­gen, ge­gen Ama­zons Ver­sand­prio­ri­tä­ten­li­nie und die Ab­sa­ge der Leip­zi­ger Buch­mes­se. Nun, wer je­mals in Leip­zig war und nicht nur an Ver­lags­stän­den für ein Stünd­chen sei­ne Schnitt­chen und Wein ge­nos­sen hat, kann nur froh sein, dass die­se Mes­se aus­ge­fal­len ist. Egal, Käm­mer­lings be­schwört Frisch, Pe­ter Weiss und den »jun­gen Wal­ser«, die in ähn­li­cher Si­tua­ti­on si­cher­lich da­mals ei­nen »Marsch auf den Bon­ner Kanz­ler­bun­ga­low an­ge­führt hät­ten.«

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Lud­wig Fels: Mond­be­ben

Ludwig Fels: Mondbeben
Lud­wig Fels: Mond­be­ben

Ein Auf­bruch in ein neu­es Le­ben. He­len und Olav Ost­ran­der, viel­leicht ir­gend­wo in den 30ern oder 40ern. Er, frü­her In­kasso­ein­trei­ber im Mi­lieu, der He­len einst vor ih­rem Ehe­mann be­schütz­te, in dem er die­sen kran­ken­haus­reif schlug. Das war un­ver­hält­nis­mä­ßig und gab an­dert­halb Jah­re Ge­fäng­nis. Aber da schwo­ren sich die bei­den schon Treue, hei­ra­te­ten und als er aus dem Knast kam, muss­te He­len noch mal kurz weg. Sie kam zu­rück mit dem un­ver­hoff­ten Er­be des On­kels. Es muss viel Geld sein. Sie sa­hen im In­ter­net in ei­nem fer­nen, war­men, fik­ti­ven Land (Ka­ri­bik? Afri­ka?) ein Haus auf ei­ner vor­ge­la­ger­ten In­sel. Nein, es ist mehr als ein Haus, ein Traum­haus. Der neue An­fang. »Geld war das Ma­te­ri­al, mit dem sich die Exi­stenz pan­zern ließ, war fast schon ei­ne Dro­ge ge­gen den Tod.«

So be­ginnt »Mond­be­ben« von Lud­wig Fels. Fast ein biss­chen wie die­se Do­ku-So­aps über Aus­wan­de­rer, die ihr Glück in fer­nen Län­dern su­chen. Aber es wird dann doch eher ein Da­vid-Lynch-Film. He­len und Olav sind ein biss­chen wie Lu­la und Sail­or – und doch ganz an­ders. Ihr schnip­pi­scher Dia­log­stil ver­birgt nur ober­fläch­lich die Sehn­sucht, es ge­schafft und den rich­ti­gen ge­fun­den zu ha­ben. Der Rest des Le­bens soll sorg­los wer­den. Und so sind die ge­gen­sei­ti­gen Be­schwö­run­gen des Glücks be­son­ders am An­fang in­fla­tio­när, im­mer wie­der Ver­si­che­run­gen »wie schön dies ge­hei­me Glück war«, näm­lich »zum Ver­rückt­wer­den schön«, denn »bald wür­den die Ster­ne ih­re Lie­der sin­gen«.

Und den­noch schwingt von An­fang an so ein un­heil­vol­les Ge­fühl mit. Sor­ge, dass es nicht so wird. Si­cher, Olav trinkt ein biss­chen zu viel, sei­ne Hän­de zit­tern bis­wei­len. Die Hit­ze ist fast un­er­träg­lich und es ist das Land mit den welt­weit größ­ten Rat­ten. Als er im Ho­tel-Re­sort »Ro­se­milk«, in dem die bei­den bis zum Be­zug des Hau­ses un­ter­ge­bracht sind, der Pro­sti­tu­ier­ten As­sump­ta, die von ei­nem Gast ge­schla­gen wird, hilft, be­kommt der schö­ne Schein er­ste Ris­se. Der Ver­tre­ter der Im­mo­bi­li­en­fir­ma (der Mr Mo­ses heißt – über­haupt: die­se Na­men!), ist Olav un­sym­pa­thisch und er lässt es ihm auch an­mer­ken. He­len ist ru­hi­ger, möch­te ih­ren Frie­den. Omi­nös die In­struk­tio­nen zum Geld­trans­fer; der ih­nen vor­ge­stell­te »No­tar« wirkt halb­sei­den. He­len zahlt trotz­dem. Und das Dra­ma be­ginnt.

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Thor­sten Car­sten­sen (Hg.): Die täg­li­che Schrift

»Nach Eu­ro­pa zu­rück­ge­kehrt, brauch­te ich die täg­li­che Schrift und las vie­les neu.« Den er­sten Satz aus Pe­ter Hand­kes Die Leh­re der Sain­te-Vic­toire hat Thor­sten Car­sten­sen als Grund­la­ge für den Ti­tel sei­nes Sam­mel­ban­des »Die täg­li­che Schrift« über »Pe­ter Hand­ke als Le­ser« ge­nom­men. Der Band er­schien im Herbst 2019 – ei­gent­lich ge­nau zur rich­ti­gen Zeit: Hand­ke hat­te ...

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Mi­chel De­guy zum 90.

Mi­chel De­guy, am 25. Mai 1930 in Pa­ris ge­bo­ren, Dich­ter und Phi­lo­soph, Grün­der der Zeit­schrift Po&sie, ist ei­ner der be­deu­tend­sten fran­zö­si­schen Ly­ri­ker der Ge­gen­wart. Kürz­lich er­hielt er für sein Ge­samt­werk den Prix Gon­court de la poé­sie. Leo­pold Fe­der­mair über­setz­te ei­ne Aus­wahl von Ge­dich­ten, er­schie­nen 2008 un­ter dem Ti­tel Ge­ge­bend bei Fo­lio in Bo­zen. Mi­chel De­guy ...

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Ernst Lo­thar: Das Wun­der des Über­le­bens

Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens
Ernst Lo­thar:
Das Wun­der des Über­le­bens

Als Ernst Lo­thar sei­ne Au­to­bio­gra­phie »Das Wun­der des Über­le­bens« pu­bli­zier­te, war er 70 Jah­re alt. 1890 als Lo­thar Ernst Mül­ler in Brünn ge­bo­ren (der Va­ter war Rechts­an­walt, die Mut­ter »hat­te sich das La­chen früh­zei­tig ab­ge­wöhnt«), sie­del­te die Fa­mi­lie (es gab noch zwei äl­te­re Brü­der, Ro­bert, der früh ver­starb und der 1882 ge­bo­re­ne Hanns, der spä­ter als Hans Mül­ler-Ei­ni­gen als Ly­ri­ker und Dra­ma­ti­ker re­üs­sier­te) 1904 nach Wien. Lo­thar stu­dier­te Ju­ra und Ger­ma­ni­stik und pro­mo­vier­te 1914 zum Dr. jur. Aus sei­nen Rei­se­plä­nen nach En­de des Stu­di­ums wur­de nichts. Der Krieg brach aus. Im­mer­hin: Lo­thar wur­de (war­um auch im­mer) für kriegs­un­fä­hig er­klärt und zu ei­nem Staats­an­walt als Ge­hil­fe nach Wels ver­setzt. Er hei­ra­te­te 1914 und die Töch­ter Aga­the (*1915) und Jo­han­na (*1918, ge­nannt »Han­si«) kom­plet­tier­ten die Fa­mi­lie. Lo­thar hat­te be­reits wäh­rend des Stu­di­ums mit dem Schrei­ben an­ge­fan­gen; erst Ge­dich­te, dann Ro­ma­ne. Aus sei­ner Schrift­stel­ler­tä­tig­keit re­sul­tiert die Än­de­rung des Na­mens.

Wenn man die im Zsol­nay-Ver­lag er­schie­ne­ne Neu­auf­la­ge der »Er­in­ne­run­gen« Ernst Lo­thars (so der Un­ter­ti­tel des Bu­ches) ge­le­sen hat, er­kennt man drei Mo­men­te, die sein Le­ben nicht nur ge­prägt, son­dern exi­sten­ti­ell er­schüt­tert ha­ben. Da ist zu­nächst der Zu­sam­men­bruch der Do­nau­mon­ar­chie Öster­reich-Un­garn 1918. Aus 53 Mil­lio­nen wer­den plötz­lich nur mehr 7 Mil­lio­nen, die sich Öster­rei­cher nen­nen (durf­ten). Die »Macht und Herr­lich­keit oh­ne Bei­spiel« der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa« – so eu­pho­risch wird er im Rück­blick – ist zer­stört. Jetzt kann der Le­ser die Epi­so­de zu Be­ginn, die er­ste Kind­heits­er­in­ne­rung, bes­ser ein­ord­nen. Sie be­steht dar­in, dass Lo­thar ei­ne De­mon­stra­ti­on von Tsche­chen in sei­ner Ge­burts­stadt Brünn re­ka­pi­tu­liert, die für ei­ne Se­zes­si­on von Öster­reich-Un­garn ein­tre­ten. Jetzt ist es ein­ge­tre­ten: Sei­ne Hei­mat be­steht nur mehr als ein Tor­so. Er emp­fin­det es nichts we­ni­ger als ei­ne Ver­stüm­me­lung sei­nes Le­bens.

Als »sein« Land zu­sam­men­bricht, ist man im Buch auf Sei­te 30; noch wei­te­re 330 Sei­ten fol­gen. Und wer die­se Art von »hy­ste­ri­scher Lie­be«, wel­che »die Gren­zen des nor­ma­len Pa­trio­tis­mus« streift (so Da­ni­el Kehl­mann im Nach­wort) vor­ei­lig als Na­tio­na­lis­mus oder gar Chau­vi­nis­mus ab­tut, wird mit der wei­te­ren Lek­tü­re Schwie­rig­kei­ten ha­ben. Lo­thars Idea­li­sie­rung der k.u.k.-Monarchie ist nicht pri­mär po­li­tisch zu ver­ste­hen. Er macht sich kei­ne Mü­he, die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen Öster­reich-Un­garns, die Struk­tu­ren der Min­der­hei­ten in dem Staats­ge­bil­de oder gar die Ur­sa­chen des Krie­ges zu ana­ly­sie­ren. Statt­des­sen sucht er nach dem Krieg Sig­mund Freud auf, um sich er­klä­ren zu las­sen, wie er den Ver­lust sei­ner Hei­mat über­win­den kön­ne. Die Ant­wort Freuds in der Be­schrei­bung die­ses Ge­sprächs ist ei­ner der Hö­he­punk­te des Bu­ches.

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