Re­né Pfi­ster: Ein fal­sches Wort

René Pfister: Ein falsches Wort
Re­né Pfi­ster: Ein fal­sches Wort

Re­né Pfi­ster ist seit fast zwan­zig Jah­ren in un­ter­schied­li­chen Funk­tio­nen beim Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel tä­tig. 2019 geht er für das Ma­ga­zin in die USA. Do­nald Trump war Prä­si­dent und der Wahl­kampf hat­te be­reits be­gon­nen. Er kam mit sei­ner Fa­mi­lie nach Che­vy Cha­se, ei­nem, wie es heißt, li­be­ra­len Stadt­teil Wa­shing­tons. Hier wird die Re­gen­bo­gen­fah­ne ge­hisst und man ge­niert sich für Trump. Aber rasch be­kommt die­ses pa­ra­die­si­sche Bild Ris­se, et­wa wenn ihm je­mand er­zählt, dass sein Sohn in der Schu­le Pro­ble­me be­kommt, weil er nichts da­bei fin­det, dass Wei­ße Dre­ad­locks tra­gen. Pfi­ster er­kennt, dass die Fas­sa­de von Furcht durch­setzt ist. Es ist die Furcht, et­was Fal­sches zu den­ken und zu sa­gen. Denn so­fort droht die so­zia­le Aus­gren­zung – und even­tu­ell Schlim­me­res.

In den letz­ten Jah­ren häu­fen sich in den so frei­heit­lich ge­ben­den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die »Fäl­le«, in de­nen ver­meint­lich un­be­dach­te Aus­sa­gen zu weit­rei­chen­den Fol­gen füh­ren. Pfi­ster bün­delt ei­ni­ge die­ser Er­eig­nis­se in sei­nem Buch »Ein Wort zu­viel«. Es ist, so der An­spruch, ein »Re­port« »wie ei­ne neue lin­ke Ideo­lo­gie aus Ame­ri­ka un­se­re Mei­nungs­frei­heit be­droht«.

Die Ka­pi­tel des Bu­ches sind Re­por­ta­gen, die mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den. Da wird Ian Buru­ma be­sucht, der we­gen des Pro­te­stes über die Ver­öf­fent­li­chung ei­nes Tex­tes von Ji­an Ghome­shi, der zu Un­recht se­xu­el­ler Über­grif­fe an­ge­klagt war, sei­nen Chef­re­dak­teurs­po­sten bei der New York Re­view of Books auf­gab. Der Geo­phy­si­ker Do­ri­an Ab­bot schil­dert sei­ne Aus­la­dung als Red­ner beim MIT, weil er in ei­nem Text Qua­li­tät über »Di­ver­si­tät« stellt. Pfi­ster ana­ly­siert die neue »Cam­pus Cul­tu­re«, bei der Red­ner be­schimpft und ge­stört wer­den, wenn man es nicht ge­schafft hat, sie aus­zu­la­den und ih­re Bei­trä­ge da­mit zu ver­un­mög­li­chen.

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Köl­ner Straße/Markenstraße

All die von der Kreu­zung ab­ge­hen­den Stra­ßen und die vie­len
Mög­lich­kei­ten des Ab­bie­gens, über­all Pfei­le, Schil­der, Men­schen und
Au­tos.

Der in ei­nem T‑Shirt auf ei­nem Pla­stik­stuhl sit­zen­de Mann, sei­ne
Lip­pen schnell und stumm be­we­gend, viel­leicht ein Ge­bet,
viel­leicht ei­nen Gruß spre­chend.

Die Schul­kin­der und ih­re zent­ner­schwe­ren Ruck­säcke; krum­me, nach
hin­ten ge­bo­ge­ne Rücken, Kau­gum­mischmatz­ge­räu­sche; aus Mün­dern
her­vor­tre­ten­de Bla­sen, ro­sa.

Ein auf dem Geh­weg par­ken­der E‑Scooter, ei­ne Mut­ter und ihr Sohn.
Das sich zum Len­ker strecken­de Kind und das lau­te Er­tö­nen der Rol­ler-Hu­pe;
zu­sam­men­zucken­de Kör­per, »Schluss jetzt!«

Die Un­ge­duld der Au­to­fah­rer und ih­re Äu­ße­run­gen dar­über in Form
von Hu­pen und Flu­chen. Her­un­ter­ge­kur­bel­te Fen­ster, Trans­por­ter und
Fahr­rä­der mit An­hän­gern; Kin­der­bring­zeit, über­all Ge­schrei.

Die hin- und her­zucken­den Bil­der des groß­for­ma­tig als Wer­be­flä­che
ge­nutz­ten LED-Bild­schirms, Times Squa­re Ober­bilk, New York
Düs­sel­dorf; kauft, kauft, sonst sind wir ver­lo­ren.

Die sich sta­peln­den Ki­sten der To­ma­ten, Gur­ken und Boh­nen beim
ge­gen­über­lie­gen­den Ge­mü­se­händ­ler und der Va­ter mit sei­nem
La­sten­rad und der ATOM­KRAFT-NEIN-DAN­KE-Flag­ge auf dem
Ge­päck­trä­ger.

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Jo­han­nes V. Jen­sen: Him­mer­lands­ge­schich­ten

Jo­han­nes Vil­helm Jen­sen wur­de 1873 als Sohn ei­nes Tier­arz­tes in Far­sø im jüt­län­di­schen Him­mer­land, Dä­ne­mark, ge­bo­ren. 1894 be­gann er un­ter dem Pseud­onym Ivar Lykke Span­nungs­ro­ma­ne zu schrei­ben, um sein Me­di­zin­stu­di­um zu fi­nan­zie­ren. Die er­sten Ro­ma­ne un­ter sei­nem ei­ge­nen Na­men be­gann er 1896 (spä­ter woll­te er die­se, wie es heißt, eher un­ge­sche­hen ma­chen). Er gab das ...

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Das Re­gime Pu­tin

Be­mer­kun­gen zu sechs Bü­chern

John Sweeney: Der Killer im Kreml
John Sweeney: Der Kil­ler im Kreml

Der Bri­te John Sweeney, jah­re­lan­ger BBC-Re­por­ter und ein er­fah­re­ner Kriegs­be­richt­erstat­ter, ist 64 Jah­re alt. Er hat mehr als 240.000 Fol­lower auf Twit­ter und trägt zu­meist ei­ne oran­ge Müt­ze. Er war im Fe­bru­ar 2022 in der Ukrai­ne, in Kiew (ich blei­be bei die­ser Schreib­wei­se) und er­leb­te den Kriegs­be­ginn haut­nah mit. Sei­ne jah­re­lan­ge Be­schäf­ti­gung mit Wla­di­mir Pu­tin und die Er­fah­run­gen auch in die­sem neu­en Krieg (er fuhr un­ter an­de­rem nach But­cha) hat er nun zu ei­nem mehr als 300seitigen Buch mit dem rei­ße­ri­schen Ti­tel »Der Kil­ler im Kreml« zu­sam­men­ge­fasst. Es wird, so der Un­ter­ti­tel, »Wla­di­mir Pu­tins skru­pel­lo­ser Auf­stieg und sei­ne Vi­si­on vom groß­rus­si­schen Reich«, be­han­delt.

Sweeney kennt Pu­tins Kriegs­füh­rung, war in den 2000er Jah­ren mehr­mals in Tsche­tsche­ni­en, be­rich­te­te von Zi­vi­li­sten, die un­ter Ar­til­le­rie­feu­er flie­hen muss­ten, ob­wohl ih­re Eva­ku­ie­rung an­ge­mel­det war und sich mit wei­ßen Fah­nen be­weg­ten. Er war bei der Ab­schuss­stel­le der MH17 und sah Grau­si­ges. Für ihn ist Pu­tin nie­mand, der sich ver­än­dert hat – sei­ne Bru­ta­li­tät war schon im­mer da. Die Bom­ben­an­schlä­ge auf Wohn­häu­ser in Mos­kau 1999, die Gei­sel­nah­men im Du­brow­ka-Thea­ter 2002 und Be­slan 2004 – al­les Ter­ror­an­schlä­ge, die nach of­fi­zi­el­ler Les­art von tsche­tsche­ni­schen Ter­ro­ri­sten ver­übt wor­den wa­ren, aber, so ei­ni­ge In­di­zi­en Sweeneys, in Wirk­lich­keit »schwar­ze Ope­ra­tio­nen« des rus­si­schen In­lands­ge­heim­dien­stes wa­ren, um die Bru­ta­li­tät im Krieg in Tsche­tsche­ni­en zu recht­fer­ti­gen und Pu­tin als »star­ken Mann« zu zei­gen.

Die The­se, dass die Mos­kau­er An­schlä­ge auf Wohn­häu­ser vom FSB in­sze­niert wor­den sind, wird von der Ge­schich­te um den »ge­schei­ter­ten« An­schlag von Ra­j­san, als Zeu­gen ein­deu­tig rus­sisch-aus­se­hen­de Bom­ben­le­ger iden­ti­fi­zier­ten, ge­nährt. Auch zur Gei­sel­nah­me von 2002 gibt es zahl­rei­che Un­ge­reimt­hei­ten und un­ge­klär­te Fra­gen (die ver­mut­lich der Jour­na­li­stin An­na Po­lit­kows­ka­ya das Le­ben ge­ko­stet ha­ben könn­ten). Sweeneys Ein­las­sun­gen zu Be­slan sind hin­ge­gen eher spe­ku­la­tiv.

Da­mit wird – lei­der – das We­sen die­ses Bu­ches deut­lich. Die­se Bou­le­var­di­sie­rung ist um­so be­dau­er­li­cher, als Sweeney wirk­lich um­fang­rei­che und fak­ten­ba­sier­te In­for­ma­tio­nen über die (Un-)Taten Pu­tins und sei­ner Re­gie­rung chro­no­lo­gisch, al­ler­dings in po­pu­lä­rem Duk­tus vor­legt. Die Li­ste ist lang: An­schlä­ge, merk­wür­di­ge »Selbst­mor­de« von Op­po­si­tio­nel­len, Ver­haf­tun­gen, Mor­de, Ver­gif­tun­gen und Ver­let­zung völ­ker­recht­lich ver­bind­li­cher Gren­zen, völ­ker­mord­ähn­li­ches Vor­ge­hen in Krie­gen und die Ein­lul­lung west­li­cher Staats- und Re­gie­rungs­chefs bis hin zur Un­ter­stüt­zung rechts­na­tio­na­li­sti­scher und lin­ker Par­tei­en in der EU und der Trump-Par­tei­nah­me im US-Wahl­kampf. Das ist al­les nicht neu, aber in der Auf­zäh­lung be­ein­druckend, weil man deut­lich ge­macht be­kommt, wie die­se Vor­ge­hens­wei­sen prak­tisch schon zur Nach­rich­ten­rou­ti­ne ge­wor­den wa­ren, wo­bei die ein­zel­nen Ta­ten kurz­fri­stig für Ent­set­zen sorg­ten, am En­de je­doch wie­der rasch zum All­tag zu­rück­ge­kehrt wur­de. Manch­mal ver­blüfft Sweeney den Le­ser, in dem er schein­bar Un­wich­ti­ges be­rich­tet, wie et­wa die Li­ste der Ver­spä­tun­gen, die aus­län­di­sche Staats- und Re­gie­rungs­chefs auf Pu­tin war­ten muss­ten (man ist über­rascht, wer am läng­sten war­ten muss­te).

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Eight-Six

Im Zug die üb­li­chen Sams­tag­nach­mit­tag-Base­ball­fans in ih­ren ro­ten T‑Shirts, ro­ten Kap­pen, ro­ten Car­di­gans, ro­ten Ta­schen, ro­ten Socken, ro­ten Schlap­fen, al­les rot, nur die Ho­sen nicht, bei den Ho­sen ist grün in Mo­de, das merkt man auch hier. Ah, mein Buch paßt da­zu, die Fahrt­lek­tü­re, ein Ro­man von Phil­ip Roth, na­tür­lich in Rot. Dann Stra­ßen­bahn, Ein­kaufs­stra­ße, Shou­ten­gai, Par­co, das Kauf­haus für jun­ge Leu­te, wo ich frü­her oft ein­kau­fen war, als ich mich noch halb­wegs jung fühl­te, plau­dern mit mei­ner Lieb­lings­ver­käu­fe­rin, die ich neu­lich vor ei­nem Ca­fé ge­trof­fen ha­be, sie ar­bei­tet schon lan­ge nicht mehr in der Bou­tique.

»Und jetzt?«

»Hier in der Ge­gend.«

»Da gibt es doch nichts.«

Sie hat sich schon frü­her für schicke Au­tos in­ter­es­siert, und hier, wo es nichts gibt, gibt es nicht we­ni­ge Zu­lie­fe­rungs­fir­men für Mat­su­da, auf deutsch Maz­da.

Wir lach­ten, gin­gen un­se­rer We­ge. Die Bou­tique im Par­co ist nicht mehr das, was sie war. Die Ge­schäfts­lei­tung der Ket­te, zu der sie ge­hört, woll­ten sie noch mehr ver­jün­gen, jetzt ste­hen dort däm­li­che Jungs mit tou­pier­ten Fri­su­ren als Ver­käu­fer her­um, le­ben­de Schau­fen­ster­pup­pen, we­nig Kun­den. Ich muß oh­ne­hin in den zehn­ten Stock, den letz­ten. Club Quat­tro, hät­te ich im Kel­ler er­war­tet, Goog­le Maps spe­zi­fi­ziert das nicht, ist aber oben über den Dä­chern der Stadt. Was man dann gar nicht merkt, wenn man ein­mal drin ist in der Bu­de. Fen­ster­lo­se Sä­le die­ser Art ha­ben al­le­samt et­was von den al­ten Beat-Kel­lern, Gott hab sie se­lig. Kühl, ge­dämpft, nicht zu groß nicht zu klein, vor­ne Steh­pu­bli­kum, hin­ten Sitz­plät­ze an zwei lan­gen The­ken. An den Sei­ten­wän­den drei ver­grö­ßer­te Fo­tos, die wie Vor­hän­ge wir­ken, rechts die Sze­ne­rie des zer­stör­ten Hi­ro­shi­ma im Au­gust 1945, dar­un­ter ein neu­es Fo­to des­sel­ben Orts, die Dä­cher der Stadt, wie man sie vom Par­co aus sieht, links ein so­fort als sol­ches er­kenn­ba­res Kunst­werk, ei­ne Col­la­ge, die lin­ke Hälf­te des Fo­tos sehr bunt, die rech­te dun­kel, über­wie­gend schwarz we­gen der al­ten Leu­te, die da in Trau­er­klei­dung auf dem Bo­den lie­gen, sich da­bei aber, nach ih­rer Mi­mik zu schlie­ßen, recht gut amü­sie­ren. Auf der lin­ken Hälf­te ste­hen und lie­gen und krab­beln fast nack­te, nur mit Win­deln be­klei­de­te Ba­bys auf der grü­nen Wie­se, ein paar Tie­re sind auch da, ei­ne gro­ße Schild­krö­te, ein Fuchs, ein klei­nes Nas­horn, und in der Mit­te des Gan­zen, schwarz-weiß oder grau-weiß, der Atom­pilz, das Zen­tral­mo­tiv der gan­zen An­ord­nung. Le­ben und Tod? Le­ben und Le­ben. Oder Le­ben und Tod und noch im­mer Le­ben.

Ach ja, das Kon­zert fin­det am 6. Au­gust statt, nicht um 8 Uhr 15, son­dern am Abend. Ab­ge­se­hen von den Vor­hang­fo­tos, die bald im Dun­kel ver­schwin­den wer­den, ist nicht viel da­von zu mer­ken. Der Mo­de­ra­tor sagt pflicht­schul­dig ein paar Wor­te, auch die Jün­ge­ren, auch die Al­ter­na­ti­ven sol­len an die­sem Tag dar­an er­in­nert wer­den und nicht ver­ges­sen, daß es im­mer noch Atom­waf­fen gibt und Krie­ge ge­führt wer­den.

»Wart ihr um acht Uhr schon wach? Habt ihr die An­spra­chen ge­hört? Im Fern­se­hen, ja? Nein? Macht nichts.«

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Hen­ry Kis­sin­ger: Welt­ord­nung / Staats­kunst

Be­reits in Hen­ry Kis­sin­gers 2014 auf deutsch er­schie­ne­nem Buch »Welt­ord­nung« tauch­te der Be­griff der »Staats­kunst« als ein At­tri­but für po­li­tisch ver­ant­wor­tungs­vol­les und weit­sich­ti­ges Agie­ren auf. Die er­sten Prot­ago­ni­sten, die sich laut Kis­sin­ger die­sen Ti­tel ver­die­nen, wa­ren die Me­dia­to­ren des West­fä­li­schen Frie­dens, mit dem 1648 der mör­de­ri­sche und blu­ti­ge Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg in Eu­ro­pa be­en­det wur­de. In ...

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Stef­fen Men­sching: Hau­sers Aus­flug

Steffen Mensching: Hausers Ausflug
Stef­fen Men­sching:
Hau­sers Aus­flug

Nach dem mo­nu­men­ta­len, do­ku-dra­ma­ti­schen Ro­man »Men­schings Au­gen« aus dem Jahr 2018 über den Ge­dächt­nis­künst­ler, Hell­se­her und Psy­cho-Gra­pho­lo­gen Ra­fa­el Scher­mann, der in den 1940er Jah­ren in ei­nem so­wje­ti­schen Gu­lag ge­lan­det war und sein Le­ben ei­nem Ber­li­ner Kom­mu­ni­sten er­zähl­te und, drei Jah­re spä­ter, den leich­ten, welt­zu­ge­wand­ten Ge­dich­ten »In der Bran­dung des Traums«, legt Stef­fen Men­sching mit »Hau­sers Aus­flug« nun ei­ne an­spruchs­vol­le Me­lan­ge aus Sci­ence-Fic­tion-Ro­man und Thril­ler vor.

»Als Da­vid Hau­ser ei­nes Ta­ges er­wach­te, fand er sich in sei­ner AIR­DROP-Kap­sel zum sy­ri­schen Staats­bür­ger Wa­lid Said ver­wan­delt.« So könn­te man – ei­nen be­rühm­ten An­fang Be­ginn die­ses Ro­mans er­zäh­len – was der Au­tor na­tür­lich nicht macht. Die Haupt­fi­gur, Da­vid Hau­ser, 52, seit dem 7. Le­bens­jahr mut­ter­los, lebt nach an­fäng­li­chem Schei­tern als er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer in Ber­lin. Man schreibt das Jahr 2029 und Hau­sers Fir­ma hat ei­ne ef­fek­ti­ve und si­che­re Kap­sel ent­wickelt, die ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber wie­der in ih­re Hei­mat­län­der ver­bringt – per Ab­wurf aus ei­nem Flug­zeug aus 2000 m Hö­he. 10.000 Eu­ro pro Per­son ko­stet dem Auf­trag­ge­ber (es sind in der Re­gel Staa­ten) die­ser »Trans­port«, in­klu­si­ve Kap­sel. Hau­ser ge­hö­ren auch die Flug­zeu­ge, die er in der letz­ten gro­ßen Pan­de­mie (2024/25) von fi­nan­zi­ell not­lei­den­den Flug­ge­sell­schaf­ten auf­ge­kauft hat­te. Sei­ne Flot­te be­steht in­zwi­schen aus über 40 Ma­schi­nen; min­de­stens zwei Ma­schi­nen pro Tag star­ten von Par­chim bei Mün­chen mit »Re­pa­tri­ie­run­gen«. Es gab na­tür­lich »nicht we­ni­ge Men­schen, die ihn ver­ach­te­ten«, aber Hau­ser stört dies we­nig, zu­mal er sich zu­recht­leg­te, dass vie­le Flücht­lin­ge man­gels Per­spek­ti­ve in Eu­ro­pa wie­der zu­rück woll­ten, die Hei­mat­län­der je­doch ei­ne Ein­rei­se ver­wei­ger­ten.

Plötz­lich sitzt er al­so sel­ber in ei­ner sol­chen Kap­sel; er­in­ne­rungs­los, wie dies pas­sie­ren konn­te. Nicht nur sei­ne Pa­tek-Phil­ip­pe-Uhr war ver­schwun­den. Er steck­te zu­dem in an­de­rer, ihm un­be­kann­ter, »säu­er­lich« rie­chen­der, Klei­dung; le­dig­lich der schwar­ze Slip von Cal­vin Klein war ihm ge­blie­ben. Das Lu­xus-Smart­phone war zu Gun­sten ei­nes äl­te­ren Ge­rä­tes aus­ge­tauscht wor­den (Sta­tus: »Low bat­tery«). Der sy­ri­sche Pass, den man ihm mit­ge­ge­ben hat­te, trug sein Fo­to und sein Ge­burts­da­tum; aus­ge­stellt auf den Na­men Waid Said. Hau­ser be­kam den Auf­prall mit und fin­det sich in ei­ner »Mond­land­schaft oh­ne mensch­li­che Spu­ren« wie­der. Im­mer­hin, das »Not­fall­pa­ket«, wel­ches je­der Kap­sel mit­ge­ge­ben wird, ist vor­han­den: 10 Mul­ti­vit­amin­rie­gel, zwei Was­ser­fla­schen, Schmerz­ta­blet­ten, Son­nen­bril­le, Hand­schu­he. In der Klei­dung ei­ne Schach­tel Zi­ga­ret­ten (Hau­ser war Nicht­rau­cher ge­wor­den), ein Feu­er­zeug, Zahn­sei­de und zwei S‑­Bahn-Fahr­kar­ten aus Ber­lin.

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Sehn­sucht nach Nor­ma­li­tät

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin
Saya­ka Mu­ra­ta:
Die La­den­hü­te­rin

Über den Ro­man »Die La­den­hü­te­rin« von Saya­ka Mu­ra­ta

Mit ei­ni­ger Ver­spä­tung – aber wenn es um Li­te­ra­tur geht, ist es be­kannt­lich nie zu spät – ha­be ich Die La­den­hü­te­rin von Saya­ka Mu­ra­ta ge­le­sen. Das Buch ist in Ja­pan 2016 er­schie­nen, Ur­su­la Grä­fes deut­sche Über­set­zung 2018; ich ha­be den klei­nen Ro­man in der 5. Auf­la­ge der Ta­schen­buch­aus­ga­be von 2021 ge­le­sen. Der zeit­li­che Ab­stand zur Erst­pu­bli­ka­ti­on und den Re­ak­tio­nen dar­auf gibt dem Ver­lag die Mög­lich­keit, über den Er­folg zu ju­beln und da­mit Wer­bung zu trei­ben (was ihm durch­aus nicht zu ver­den­ken ist): »Be­ein­druckend leicht und ele­gant«, das Buch ha­be die deut­schen Le­se­rin­nen und Le­ser »im Sturm er­obert« – ob­wohl es gar nicht stür­misch, son­dern so sym­pa­thisch zu­rück­hal­tend wie die Ich-Er­zäh­le­rin und Haupt­fi­gur ist. Aber sei’s drum, wenn Li­te­ra­tur die Men­schen er­obert, soll’s mir recht sein.

Der Ti­tel des Ori­gi­nals ist üb­ri­gens, wört­lich über­setzt, »Kon­bi­ni-Men­schen«, wo­bei im Ja­pa­ni­schen oh­ne Kon­text zu­nächst nicht zu ent­schei­den ist, ob Sin­gu­lar oder Plu­ral, es könn­ten auch Kon­bi­ni-Men­schen sein, ein gan­zer Men­schen­schlag, zu dem ich mich dann auch zäh­len wür­de, weil ich wie fast al­le in Ja­pan Le­ben­den häu­fig ei­nes der zahl­lo­sen Kon­bi­nis – con­ve­ni­ence stores – auf­su­che. Ur­su­la Grä­fe hat den Ti­tel nicht kon­ge­ni­al, son­dern in­ge­ni­ös über­setzt: Die La­den­hü­te­rin, und sie hat das Wort so­gar ein- oder zwei­mal in sei­ner zwei­ten Be­deu­tung in den Text ein­ge­streut: Die Ver­käu­fe­rin im Kon­bi­ni ist ei­ne un­ver­hei­ra­te­te Mitt-Drei­ßi­ge­rin, die an­schei­nend nie­mand hei­ra­ten will und die selbst auch nie auf die Idee ge­kom­men ist, sich dem an­de­ren Ge­schlecht se­xu­ell an­zu­nä­hern. Die Ich-Er­zäh­le­rin, Kei­ko Fu­ru­ku­ra, be­müht sich nach Kräf­ten, nor­mal zu sein, das heißt so wie al­le an­de­ren zu sein, aber sie schafft es nicht, schafft es al­len­falls am Rand der Nor­ma­li­tät als un­ver­hei­ra­te­ter free­ter, der schlecht be­zahl­te Teil­zeit­ar­beit ver­rich­tet und in ei­ner win­zi­gen Woh­nung haust. Zieht man da­zu auch die kurz re­ka­pi­tu­lier­te Vor­ge­schich­te die­ser Frau in Be­tracht, Au­ßen­sei­te­rin seit der Grund­schu­le, fällt die Nä­he zu ei­ner an­de­ren Sym­bol­fi­gur der heu­ti­gen ja­pa­ni­schen Ge­sell­schaft auf, dem hi­ki­ko­m­ori, der sich in sei­nem Zim­mer ver­bar­ri­ka­diert und zur Welt kaum noch Be­zie­hun­gen un­ter­hält.1

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  1. Die österreichisch-tschechisch-japanische Autorin Milena Michiko Flašar hat dieses Thema in ihrem Roman Ich nannte ihn Krawatte aufgegriffen.