[...] Knut Hamsuns Hunger wurde bisher mehrfach ins Deutsche übersetzt. Die Transkription von Marie von Borch wurde in den 1920er Jahren von Julius Sandmeier abgelöst. Seit den 1950er Jahren erscheint Hunger in Deutschland in mehreren Verlagen in der Übersetzung von Julius Sandmeier und Sophie Angermann (die auch andere Werke Hamsuns zusammen übersetzt hatten). Diese Übertragung ...
Nach drei Jahren ist endgültig Schluß mit den Regionalreisen. Niemand findet noch etwas dabei, über Grenzen hinauszugehen, in andere Regionen und Reiche und Reviere hinein. Jeder fährt hin, wo er will.
Aber will ich denn überhaupt? Nicht einmal die nächsten, die engsten Grenzen reizen mich. Im Zimmer reisen, im eigenen Kopf… Was ist dabei? Ende der Regionalreisen, des Regionalismus an sich, Ende der Kraft, der Entdeckungslust. Ende der Schwellenforschung. Den Aufstieg zu dem kleinen amerikafreundlichen Zen-Kloster an einem der Hänge des Arashiyama, weit hinten im Tal des Flusses Oi, würde ich heute nicht mehr schaffen. Wozu auch? Ich kenne das schon, habe alle Erfahrungen gemacht, erlöst will ich nicht mehr werden. Jede Gegenwart ist ein Es-war-einmal.
Die Reaktionen hier waren in den letzten Monaten trotz etlicher »Textlieferungen« mehr als bescheiden. Ein, zwei Kommentatoren, die sich ab und zu einmal die Mühe machten. Und ab und zu russische Bots. Viele derer, die hier früher für Belebung sorgten – sie sind im virtuellen Nirwana verschwunden. Klar, Zeiten ändern sich. Zugangsweisen auch. Recht so. ...
9. November 2020. Deutschland steht vor einem neuen, womöglich »harten« Lockdown und in den USA wurde gerade ein neuer Präsident gewählt. Kurt Siebenstädter ist 51 Jahre alt, lebt in Berlin und moderiert dort eine politische Radiosendung eines öffentlich-rechtlichen Senders am frühen Morgen. Seine Ehefrau Irene ist Lehrerin, 13 Jahre jünger (die Tochter Nora ist ebenso alt). Das ist das Setting in Christoph Peters’ neuem Roman »Der Sandkasten«.
Siebenstädter sieht seine journalistische Pflicht darin, allen Protagonisten die gleichgroße Distanz entgegenzubringen. Er bezeichnet sich als Skeptiker, widerspricht aus Prinzip, weil »erst aus der Kontroverse Erkenntnisgewinn entsteht«. Er ist ein Verfechter eines breiten Meinungsspektrums, und versucht gleichzeitig »Phrasendrescher, aalglatte Verbandssprecher, schmierige Sportfunktionäre mit Hinterhalten, Provokationen aus der Reserve zu locken, ihnen klare, am besten entlarvende Antworten zu brennenden, heiklen oder auch einfach belanglosen Themen zu entlocken« und dies unabhängig von zeitgeistabhängigen Moden. Seine Telefoninterviews sind gefürchtet. Wie ein Chamäleon ist er in der Lage, die andere politische Position als die seines jeweiligen Gesprächspartners anzunehmen und in bohrende, mitunter grenzwertige Fragen zu verwandeln.
Es gab immer Gegenwind, Proteste gegen seinen Stil, von allen Seiten, je nachdem, wer sich angegangen fühlte. Aber mit dem Internet hatte dies noch einmal eine andere Dimension angenommen. Er bemerkt aktuell hinsichtlich der Pandemie-Berichterstattung gewisse redaktionelle Zwänge; es »brodelt«. Sein perfekt gendernder Vorgesetzter (der älter ist als er) warnt ihn: »Da sind diverse Leute, die finden, dass du mit deinen Anmoderationen, aber auch bei den Fragen immer häufiger Grenzen überschreitest, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht überschritten werden sollten.« Und »je nachdem, wer wo was aufgreift, bist du innerhalb von zwei, drei Tagen weg vom Fenster.« Siebenstädter hörte dies kurz zuvor auch aus der politischen Ecke.
Er merkt: »Das Ritual war verbraucht, er war verbraucht«. Er hatte längst »sämtliche Fragen im Zusammenhang mit der amerikanischen Präsidentschaftswahl mit Politikern jedweder Couleur durchgekaut, wie im Übrigen auch jede These hinsichtlich des Coronavirus, es gab keinen Aspekt des Islam, den er nicht mit Dutzenden Gesprächspartnern besprochen hatte, kein Fragepartikel, das er nicht in allen Varianten schon Tausende Male aus seinem eigenen Mund gehört hatte. Ganz gleich, was er sagte, es klang, als äffte er sich selber nach.«
Natürlich ist Siebenstädter in den Berliner Politkosmos eingebunden. Er hat in allen Parteien Politiker, die ihn mit (scheinbaren) Insider-Informationen versorgen – natürlich nicht ohne Hintergedanken. So erhält er von einer Sozialdemokratin die Information, dass der Gesundheitsminister vor seiner Corona-Infektion und vor dem Lockdown ein Spendendinner veranstaltet habe. Dieser Rohstoff müsste recherchiert werden. Aber Siebenstädter ist eher daran interessiert, eine Affäre mit dieser Frau anzufangen, die auch nicht abgeneigt zu sein scheint.
Der 1990 geborene senegalesische Schriftsteller Mohamed Mbougar Sarr hatte zwischen 2014 und 2018 vier Erzählungen bzw. Romane veröffentlicht, bevor 2021 Die geheimste Erinnerung der Menschen im Verlag Éditions Philippe Rey erschienen war. Es bedurfte der Auszeichnung dieses Romans mit dem Prix Goncourt, dem höchsten französischen Literaturpreis, um das Interesse für diesen Autor im deutschsprachigen Raum ...
Nachdem der Penguin Verlag in rascher Folge 2021/22 mit »Das verlorene Paradies« und »Ferne Gestade« zwei länger zurückliegende Romane (1994 bzw. 2001) des Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah in deutscher Sprache publizierte, liegt nun das 2020 in Großbritannien unter dem Titel »Afterlives« erschienene Buch mit dem Titel »Nachleben« vor. Die Übersetzung übernahm diesmal Eva Bonné. Nach Inge Leipold und Thomas Brückner ist dies die dritte Übersetzerin, was natürlich nicht ideal ist. Auf ein Glossar wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf ein Nachwort; ersteres ist bedauerlich. Die übliche wie unsinnige Triggerwarnung ist allerdings geblieben.
Der Roman spannt einen zeitlichen Bogen von den 1880ern bis in die 1950er Jahre. Er spielt zumeist im heutigen Tansania, zu Beginn Deutsch-Ostafrika; am Ende wird der Leser noch in die Adenauer-Bundesrepublik geführt. Die personale Erzählperspektive wechselt im Verlauf des Romans mehrmals. Zunächst ist man beim elfjährigen Khalifa, der gute Privatschulen besuchte um Buchführung, Mathematik und Englisch zu erlernen, was dem Vater, einem indischen Emigranten, einst nicht vergönnt war. Die Ausbildung fruchtete. Khalifa arbeitete zunächst zehn Jahre bei Geldverleihern, bis er dann ein Angebot von einem Kaufmann erhielt und dort als Buchhalter und Faktotum begann. Sein Chef war es auch, der ihn mit Asha verkuppelte, einer Schwester der Mutter des Kaufmanns. Asha wird als »energische und eigensinnige« Frau beschrieben, die 11 Jahre jünger war. Sie heirateten 1907, als der »Maji-Maji«-Aufstand »in den letzten Zügen« lag.
Dieser wurde von den Deutschen niedergeschlagen und »je klarer das Ausmaß des Widerstands gegen die deutsche Herrschaft wurde, desto brutaler und unbarmherziger fiel die Reaktion der Kolonialmacht aus. Als die deutschen Kommandanten erkannten, dass der Revolte mit militärischen Mitteln allein nicht beizukommen war, gingen sie dazu über, die Bevölkerung durch Hunger zu unterwerfen.« Hundertausende starben, aber Khalifa und Asha lebten in einem anderen Teil des Landes; sie erfuhren nur durch Hörensagen davon.
Stattdessen kam ein junger Mann mit dem Namen Ilyas in die (fiktive) Stadt – mit einem Empfehlungsschreiben der deutschen Besatzung, die es ihm ermöglichte, eine gute Stelle in einer Fabrik zu finden. Er freundete sich mit Khalifa an und als Ilyas seine Eltern nach langer Zeit wieder besuchte und nur noch die kleine Afiya, seine Schwester, antraf, nahm er sie mit in die Stadt. Die Jahre vergingen und der Erste Weltkrieg warf seine Schatten voraus. Es drohte ein Krieg zwischen Deutschland und den Briten. Ilyas war germanophil und meldete sich freiwillig zu den Askari, den Hilfstruppen der Deutschen, die aus Einheimischen bestanden und zu großer Brutalität neigten. Khalifa wollte ihn zum Bleiben überzeugen, aber Ilyas ging zur Ausbildung nach Daressalam. Wie damals üblich, rechnete er mit baldiger Rückkehr.
Den Einblick in den deutsch-britischen Krieg in Ostafrika bekommt der Leser durch die Figur Hamza, die nun zur Hauptfigur wird. Auch Hamza (um die Jahrhundertwende geboren) meldete sich freiwillig in die Askari-»Schutztruppe«, und manipulierte sogar sein Alter, um aufgenommen zu werden. Sehr schnell desillusioniert ob des rauen Umgangs dort, hatte er noch Glück im Unglück, weil ihn ein deutscher Oberleutnant als Ordonnanz auswählte. Später kommen wohl noch andere, homoerotische Motive dazu. Hamza bekam Privatunterricht vom Offizier, er lernte lesen, schreiben und die deutsche Sprache. Ziel war es, dass Hamza irgendwann Schiller lesen sollte. Zunächst konnten die Deutschen die Briten noch schlagen, es gab Angriffe, Überrumpelungen und dann wieder Rückzüge. Aber irgendwann war die Schutztruppe am Ende, viele wurden krank. »Sie ernährten sich von dem, was sie in Dörfern und auf Farmen fanden, sie plünderten und sie beschlagnahmten, so viel sie konnten.« Sie »hinterließen ein verwüstetes Land, auf dem Hunderttausende Menschen hungerten und starben, während sie selbst immer weiter in blindem und mörderischem Eifer für eine Sache kämpften, deren Hintergrund sie nicht kannten, die vergeblich war und letztlich auf ihre eigene Unterdrückung hinwirkte.« Aber, so die sarkastische Sentenz, die deutschen Offiziere »sorgten derweil für die Wahrung des europäischen Ansehens.« Hamzas Einheit war irgendwann am Ende; viele Askari desertierten. In blindwütigem Hass verletzte ein eifer- und tobsüchtiger Feldwebel Hamza schwer. Der wurde in eine deutsche Missionsstation gebracht, die den Krieg überstand. Nach vielen Monaten machte sich Hamza immer noch stark beeinträchtigt durch seine Verwundung an der Hüfte auf den Weg in die Stadt, auf der Suche nach dem Haus, in dem er verschleppt worden war, bevor er sich der Askari-Truppe angeschlossen hatte.
Andrea Giovene: Die Autobiographie des Giuliano di San Severo – Ein junger Herr aus Neapel
Es ist natürlich ein verlegerisches Wagnis, diese fünf autobiographischen Bücher der fiktiven Figur Giuliano di Sansevero, erschaffen von Andrea Giovene, bis Ende 2023 erstmalig vollständig in deutscher Übersetzung vorzulegen. Ein Risiko deshalb, weil Duktus und Stil des 1904 geborenen Italieners (1995 verstorben) so gar nicht in die Zeit zu passen scheinen, in der die zeitgenössische Literatur mit Weltschmerz- und/oder Identitätsfragen derart ausgiebig beschäftigt ist.
Dass es dazu kommen wird, ist wohl der Hartnäckigkeit und dem Enthusiasmus des Übersetzers Moshe Kahn zu danken. Die ersten beiden Bände der »Autobiographie des Giuliano di Sansevero« – »Ein junger Herr aus Neapel« (Band 1) und »Die Jahre zwischen Gut und Böse« (Band 2) – liegen jetzt vor. Die drei anderen Bücher sollen im Laufe des Jahres 2023 erscheinen. Zur Einstimmung des Lesers zeigen die Cover kongeniale Gemälde des italienischen Malers Felice Casorati (1883–1963). So könnte das »Portrait des Ingenieurs« (entstanden 1924/25; Umschlag von Band 1) die Titelfigur Giuliano darstellen, der, nach dem Wunsch des Vaters, Ingenieurswesen studieren sollte. Die portraitierte Frau auf Band 2 (»Raja«, 1925) könnte einer der Liebschaften gewesen sein.
Im ersten Band gibt Ulrike Voswinkel im Nachwort einen kundigen Überblick über Genese und Rezeption der zwischen 1966 und 1970 in Italien erschienenen Bücher. Den zweiten Band ließ Giovene auf eigene Kosten drucken und schickte ihn an Kritiker, Verlage und Agenten. Eine begeisterte Rezension verhalf ihm 1970 zu einem Preis, bevor dann der revolutionär-progressive Zeitgeist Giovenes Ästhetik widersprach und die Rezeption stockte. Voswinkel schreibt, dass Giovene für den Nobelpreis vorgeschlagen worden wäre. Auf der Webseite der Akademie gibt es allerdings keinen Eintrag zu ihm; vermutlich war die empfehlende Person nicht um Umfeld des Komitees.
Die »Autobiographie« beginnt 1912 in Neapel. Giuliano der Ich-Erzähler, der mit dem Wissen der Ereignisse fast immer chronologisch erzählt (gelegentliches Aufzeigen von Entwicklungen zwanzig oder dreißig Jahre später sind selten), ist neun Jahre alt. Seine drei Jahre jüngere Schwester Checchina ist sein Spielkamerad. Ältere Geschwister sind Cristina, 16 und Ferrante, 15. Giuliano und Checchina starren in einer Mischung aus Ehrfurcht und Beklommenheit auf den an einer Wand im Salon üppig aufgezeichneten Stammbaum der »launenhaften Familienzweige«, die bis ins 11. Jahrhundert zurück reichen. Aber bei aller Überwältigung gab es durch Feuchtigkeit in den Wänden erste Flecken und sogar kleinere Abplatzungen am Stammbaum – subtile Zeichen für den beginnenden Zerfall der alten Ordnung, aber noch »rollte die langsame Pferdedroschke weiter« und auch »das goldene Zeitalter der Kirche« hatte noch Bestand. Erst nachträglich werden aus Prozessen die Zäsuren deutlich.