Jac­ques Mo­nod: Zu­fall und Not­wen­dig­keit

Jacques Monod: Zufall und Notwendigkeit
Jac­ques Mo­nod: Zu­fall und Not­wen­dig­keit

Jac­ques Mo­nod legt an­hand zen­tra­ler Er­kennt­nis­se der mo­der­nen Bio­lo­gie ei­ne Angst frei, die uns al­le, be­wusst oder un­be­wusst, zeich­net. Sie ent­springt dem Ver­sa­gen un­se­rer sub­jek­ti­ven Deu­tung der Welt, das wir auch als das Un­be­ha­gen an der Mo­der­ne ken­nen — und der Ur­sprung die­ser Angst liegt, was über­ra­schen mag, in der Evo­lu­ti­on des Men­schen be­grün­det.

Mo­n­ods Dar­stel­lung ist knapp, zu­ge­spitzt, la­ko­nisch: Dar­in ist er ein Mei­ster; doch er hü­tet sich vor Ver­ein­fa­chun­gen, und wo er fürch­tet es den­noch zu tun, merkt er es an. Mo­nod zau­dert nicht, sei­ne Schlüs­se sind mes­ser­scharf, und er bleibt nicht ste­hen, ehe zu­letzt ei­ne ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Uto­pie er­scheint; aber er weiß auch was Zwei­fel be­deu­tet, und wie we­nig, trotz al­ler Lo­gik und Ent­schlos­sen­heit, am En­de ge­won­nen ist.

»Zu­fall und Not­wen­dig­keit« ist das Werk ei­nes Auf­klä­rers, der sich we­der als sol­chen be­zeich­net, noch das Wort Auf­klä­rung im Mund führt — man merkt die­sem Buch sei­nen vier­zig­jäh­ri­gen Ge­burts­tag kaum an.

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Jo­sef-Ot­to Freu­den­reich (Hg.): Die Ta­schen­spie­ler

Zwölf Auf­sät­ze, Be­rich­te (manch­mal sind es auch Re­por­ta­gen) und zwei Vor­wor­te von acht Au­toren – »Die Ta­schen­spie­ler« ver­sam­melt Be­le­ge über die zu­neh­men­de Ent­frem­dung zwi­schen Staat bzw. Re­gie­rungs­macht und dem »nor­ma­len« Bür­ger. Und das sehr ak­tu­ell – Re­dak­ti­ons­schluss war An­fang Sep­tem­ber 2010. Schwer­punkt die­ser Be­trach­tun­gen ist Ba­den-Würt­te­m­­berg – das ist bei Klöp­fer & Mey­er, wo die­ses Buch er­schie­nen ist, kein Wun­der. Es gibt al­ler­dings auch drei Aus­rei­sser: ei­nen Bei­trag über ei­nen ita­lie­ni­schen Gift­müll­skan­dal, der über jahr­zehn­te­lan­ge Ver­sen­kun­gen von Gift­müll­schif­fen in der ita­lie­ni­schen Adria be­rich­tet, ein Lehr­stück in Sa­chen Atom­müll­ent­sor­gung am Bei­spiel der De­po­nie As­se (in­ter­es­sant hier die At­tri­bu­te: von Ver­suchs­ein­la­ge­run­gen über »For­schungs­berg­werk« bis zur End­la­ger­stät­te reich[t]en die of­fi­ziö­sen Zu­ord­nun­gen ) und am En­de ei­nen sehr in­for­ma­ti­ven Bei­trag von Mar­kus Köh­ler über die Pro­ble­ma­tik des flie­gen­den Ge­richts­stands im Pres­se­recht, wel­cher da­zu dient, un­lieb­sa­me Pres­se­ar­ti­kel durch einst­wei­li­ge Ver­fü­gun­gen von Pres­se­rechts­ak­ti­vi­sten, die an je­der Ecke das Per­sön­lich­keits­recht von Man­dan­ten ver­letzt se­hen (Stich­wort: Haar­far­be des Ex-Bun­des­kanz­lers und an­de­re Klei­nig­kei­ten), vor al­lem vor dem Ham­bur­ger Land­ge­richt zu be­kla­gen – was auch zu­meist ge­lingt.

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Ass­an­ges »simp­le Stricke­rei«

Klu­ge Be­mer­kun­gen zum Wi­ki­­Leaks-Hype von Ha­rald Staun in der F.A.Z.: »Der Su­per­star der Sicht­bar­keit«. Zum Bei­spiel: Vor lau­ter Su­che nach im­mer bri­san­te­ren De­tails kommt nie­mand mehr da­zu, die Re­le­vanz der In­for­ma­tio­nen zu hin­ter­fra­gen oder die In­ter­es­sen, die hin­ter ei­ner sol­chen Ver­öf­fent­li­chung stecken könn­ten. Und war­um Wiki­Leaks ge­ra­de nicht das En­de der Ge­heim­nis­se be­deu­ten wird...

Sa­scha Lo­bo: Stroh­feu­er

Sascha Lobo: Strohfeuer
Sa­scha Lo­bo: Stroh­feu­er
Ir­gend­wann sitzt Ste­fan, der knapp 25jährige Ich-Er­zäh­ler in Sa­scha Lo­bos Ro­man »Stroh­feu­er«, in sei­ner Stamm­bar, ei­ner Yup­pie­höl­le und dach­te wei­ter nach. In der Po­se des nach­denk­li­chen Man­nes an der Bar ge­fiel ich mir au­ßer­or­dent­lich gut; im Glas ei­nen neun­zehn­jäh­ri­gen Glen­craig, den ei­nen El­len­bo­gen auf­ge­stützt, die Hand lo­se zum Kinn ge­führt, den Ober­kör­per bei ge­ra­dem Rücken leicht nach vorn ge­lehnt. Ver­schie­de­ne Kör­per­hal­tun­gen wer­den durch­pro­biert und er über­leg­te, mit wel­cher mich Frau­en am ehe­sten an­spre­chen wür­den. Und der Le­ser er­fährt noch: Mit mei­ner Wir­kung im Raum be­schäf­tig­te ich mich oft, ei­gent­lich im­mer und die Kon­trol­le über mei­ne Wir­kung war ein we­sent­li­cher Teil mei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Ste­fan lei­det in die­sem Buch an vie­lem – nur nicht an man­geln­dem Selbst­be­wusst­sein. Sein Nar­ziss­mus wird nur noch von der Rü­pel­haf­tig­keit sei­nes Teil­ha­bers Thor­sten über­trof­fen. Bei­de be­trei­ben so et­was wie ei­ne Werbe‑, IT- oder Mar­ke­ting­agen­tur – ei­ne die­ser merk­wür­di­gen »Dotcom«-Firmen in der Blü­te­zeit der New Eco­no­my En­de der 90er Jah­re. 2001 kommt es zum öko­no­mi­schen Zu­sam­men­bruch auch für die Agen­tur im Ro­man, der mit den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 ver­knüpft wird. In Wirk­lich­keit zer­platz­te die Bla­se ja schon an­dert­halb Jah­re vor­her. »Stroh­feu­er« er­zählt Ste­fans (und Thor­stens) Ge­schich­te mit die­ser Agen­tur.

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Ma­thi­as Énard: Zo­ne

Fast 600 Sei­ten ei­ne Sua­da oh­ne Punkt in 21 Ka­pi­teln (plus drei Ka­pi­tel »Zi­ta­te« aus ei­nem fik­ti­ven Buch aus dem li­ba­ne­si­schen Bür­ger­krieg). Ka­pi­tel, die über 40, 50 und mehr Sei­ten ge­hen – be­stehend nur aus ei­nem ein­zi­gen Satz; ei­ne Blei­wü­ste, in der sich der Le­ser zu­wei­len ver­irrt, ver­ir­ren soll, ganz schnell taucht er dort hin­ein, ...

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Ich bin ein Gra­ti­sidi­ot

Es ist längst ein Schimpf­wort ge­wor­den: Die Gra­tis­kul­tur im In­ter­net sei Schuld für die Kri­se der ge­druck­ten Me­di­en. Nie­mand kau­fe mehr ei­ne Zei­tung oder Zeit­schrift, weil bzw. wenn die Ar­ti­kel im In­ter­net frei zur Ver­fü­gung ste­hen. Ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ma­chen aber fast al­le mit, weil man sonst droht, im me­dia­len Auf­merk­sam­keits­nir­wa­na ver­schwin­den. So die Kla­ge.

So wird Gra­tis­kul­tur zu ei­nem Kampf­be­griff für Leu­te, die die man­geln­den Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten ih­rer Pro­duk­te be­kla­gen, weil in­zwi­schen al­le er­war­ten, dass ih­nen die In­for­ma­tio­nen ko­sten­frei zur Ver­fü­gung ste­hen.

Ich deu­te Gra­tis­kul­tur jetzt mal an­ders. Weil ich Gra­tis­kul­tur schaf­fe. Mein Web­log ist gra­tis. Ich be­zah­le so­gar Geld da­für, dass es kei­ne Wer­bung gibt. Ich schrei­be gra­tis. Hier und bei »Glanz und Elend«. Dort schrei­ben auch die an­de­ren Kol­le­gen gra­tis. Und auf vie­len an­de­ren Li­te­ra­tur­fo­ren auch. Das ist für mich Gra­tis­kul­tur.

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Hin­rich von Haa­ren: Die Über­leb­ten

Hinrich von Haaren: Die Überlebten
Hin­rich von Haa­ren: Die Über­leb­ten
Drei län­ge­re Er­zäh­lun­gen legt der 1964 ge­bo­re­ne Hin­rich von Haa­ren in sei­nem Pro­sa­de­but vor. Die Er­zäh­lun­gen sind ent­ge­gen dem gän­gi­gen Zeit­ge­schmack nicht mit­ein­an­der ver­knüpft und von­ein­an­der un­ab­hän­gig. Und den­noch ent­steht am En­de nicht zu­letzt durch den Ti­tel »Die Über­leb­ten« ei­ne Klam­mer, die die so schein­bar dis­pa­ra­ten Ge­schich­ten un­ter ei­nem ge­mein­sa­men Leit­mo­tiv stellt.

»Auf ei­nem dunk­len See« spielt un­ter ei­ner Tou­ri­sten­grup­pe in Ägyp­ten. Die Prot­ago­ni­sten, mehr­heit­lich aus an­gel­säch­si­schen Län­dern stam­mend, wer­den frag­men­ta­risch skiz­ziert. Zu­nächst er­scheint al­les harm­los: Da stür­zen sich ei­ni­ge West­ler in den ganz nor­ma­len Ägyp­ten-Rund­rei­se-Wahn­sinn in­klu­si­ve Fahrt auf halblu­xu­riö­sem Schiff auf dem Nil. Plötz­lich stirbt ei­ne Rei­sen­de und die Grup­pe wird nun ge­zeigt, wie sie zwi­schen »busi­ness as usu­al«, Ex­al­tiert­heit und Trau­er­be­wäl­ti­gung (Hil­fe für den Ehe­mann) la­viert.

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Der Mes­si­as der Mit­tel­schicht

Ge­dan­ken zu Thi­lo Sar­ra­zins Buch »Deutsch­land schafft sich ab« und die Dis­kus­si­on hier­über

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab
Thi­lo Sar­ra­zin:
Deutsch­land schafft sich ab

I. Pro­log

Auf dem Hö­he­punkt der Wirt­schafts­kri­se, als der Steu­er­zah­ler (und nur der!) von der po­li­ti­schen Klas­se, die den Staat re­prä­sen­tiert, zum Bür­gen für des­sen selbst­ge­mach­te und selbst­ge­dul­de­te Feh­ler her­an­ge­zo­gen wur­de, ent­warf der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk in ei­nem sehr kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Ar­ti­kel ei­ne Ge­gen­welt: »Die ein­zi­ge Macht, die der Plün­de­rung der Zu­kunft Wi­der­stand lei­sten könn­te, hät­te ei­ne so­zi­al­psy­cho­lo­gi­sche Neu­erfin­dung der ‘Ge­sell­schaft’ zur Vor­aus­set­zung. Sie wä­re nicht we­ni­ger als ei­ne Re­vo­lu­ti­on der ge­ben­den Hand.« Ei­ne Ge­sell­schaft, in der fast aus­schließ­lich der flucht­un­fä­hi­ge Ein­kom­men­steu­er­zah­ler den Staat und da­mit des­sen Aus­ga­ben er­wirt­schaf­tet, wäh­rend die Ka­ste der Ex­trem­ver­die­ner sich mit Hil­fe der Po­li­tik längst aus der so­li­da­ri­schen Ver­ant­wor­tung ent­fernt hat und die Un­ter­schicht zu Trans­fer­emp­fän­gern ent­mün­digt wer­den, be­schreibt Slo­ter­di­jk mit dra­sti­schen Wor­ten: »So ist aus der selbsti­schen und di­rek­ten Aus­beu­tung feu­da­ler Zei­ten in der Mo­der­ne ei­ne bei­na­he selbst­lo­se, recht­lich ge­zü­gel­te Staats-Klep­to­kra­tie ge­wor­den. Ein mo­der­ner Fi­nanz­mi­ni­ster ist ein Ro­bin Hood, der den Eid auf die Ver­fas­sung ge­lei­stet hat. Das Neh­men mit gu­tem Ge­wis­sen, das die öf­fent­li­che Hand be­zeich­net, recht­fer­tigt sich, ide­al­ty­pisch wie prag­ma­tisch, durch sei­ne un­ver­kenn­ba­re Nütz­lich­keit für den so­zia­len Frie­den – um von den üb­ri­gen Lei­stun­gen des neh­mend-ge­ben­den Staats nicht zu re­den.«

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