
Frank Brady: Endspiel


1963 schrieb Genet an seinen Verleger Marc Barbezat, Nietzsche habe Die Geburt der Tragödie in einem Zug geschrieben, ohne je in Griechenland gewesen zu sein. »In Korfu«, fuhr er fort, »habe ich alles von ihm gelesen. Was mir gefallen hat, die Ideen, die mir entsprechen: jenseits von Gut und Böse: der Übermensch. Natürlich nicht der von Hitler oder Göring. Lächerlich zu denken, der Besitz von Schlössern und Tausenden Hektar Land ermögliche es einem, wie ein Übermensch zu leben. Nietzsche forderte eine viel härtere Moral für den Übermenschen.« (LB 261) Auch an dieser Stelle bezieht sich Genet ausdrücklich auf eine positive Moral, die er bei Nietzsche zu finden meint (vermutlich hat er besonders die kurzen Skizzen eines neuen Barbarentums im Kopf). Die Porträts der Stilitano, Mignon, Harcamone und Konsorten sind handfeste Gestaltungen des Übermenschen, den sich Nietzsche alles in allem doch etwas eleganter vorstellte, »aus einem Holz geschnitzt, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist.« (EH 267) Jüngers Arbeiter ist eine weitere Ausgestaltung dieses Typus; eine Gestalt, die freilich, vergleicht man sie mit Genets Helden, abstrakt bleibt und sich außerdem als verbindlicher Vorschlag an die Mehrheitsgesellschaft richtet. Handelt es sich bei diesen literarischen und ideologischen Schöpfungen um »Entstellungen« von Nietzsches Gedanken? Nein, sondern um unterschiedliche Realisierungen eines Modells, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Luft lag und von Nietzsche so elliptisch gezeichnet wurde, daß sehr verschiedene Realisierungen der Leerformen möglich waren. Auch der »Neue Mensch«, wie er Ernesto Guevara aufgrund seiner Guerrilla-Erfahrung vorschwebte, hat noch Teil an dieser Auslegungsgeschichte.
Man stelle sich vor: Ein prominenter, älterer Hollywood-Schauspieler (oder auch Schauspielerin) tritt bei einer Veranstaltung für Barack Obama auf, imaginiert sich Obamas Herausforderer auf einem leeren Stuhl und tritt in einen Pseudo-Dialog mit ihm, in dem er dessen Versprechungen und Handlungen lächerlich macht. Das wäre nicht besonders geschmackvoll gewesen, aber die Delegierten hätten es toll gefunden, hätten gejubelt. Und in den deutschen Medien hätte man den Schauspieler oder die Schauspielerin gelobt für den Kniff mit dem leeren Stuhl. Die Welt wäre in Ordnung, Gut und Böse wieder einmal eindeutig.
Mehrfach hat Nietzsche seine eigene Entwicklung rückblickend zusammengefaßt und eine Zukunft für seine Person oder eines seiner Alter Egos skizziert. Oft handelt es sich dabei um einen Dreischritt, wobei der dritte Schritt immer erst zu setzen bleibt. So zum Beispiel in Zarathustras Rede von den drei Verwandlungen, die fiktionalen und allegorischen Charakter hat, aber eindeutig Parallelen zu Nietzsches geistiger Biographie erkennen läßt. Da ist zunächst der Wahrheitssucher, der seinen Erkenntnisdurst stillt, dabei aber seelisch Schaden leidet und sich nur solche Freunde macht, die ihn nicht verstehen können. Danach verwandelt sich der Denker zu einem Wollenden, der sich »tausendjährige Werthe« aneignet und unter ihren Imperativen leidet, weil die überlieferten Systeme ihm keine schöpferische Tätigkeit erlauben. Auf einer dritten Stufe findet die Figur »zum Spiele des Schaffens« und wird zum unschuldigen Kind, das alles neu beginnt, als gäbe es noch gar nichts, nur eine tabula rasa. (Za 29–31) Dasselbe Ideal hatte Nietzsche schon in der Fröhlichen Wissenschaft formuliert; die Zarathustra-Rede legt den Akzent auf Schöpfung und Spiel, wodurch die kommende (oder werdende) Gestalt einerseits als göttlicher Weltenschöpfer erscheint, als deus faber und creator ex nihilo, andererseits als Künstler, der sich jene Fiktionen erzeugt, deren er bedarf. Der kindliche Künstler-Gott umgibt sich mit seinen Gespinsten: Fraglich, ob er auf diese Weise die Einsamkeit des Kamels, der ersten Stufe des geistigen Werdens, zu lösen vermag. Im Bereich der Phantasie mag dies gelingen, etwa so, wie Genet – oder André Reybaz in Un chant d’amour – sie in der Gefängniszelle löste. Das rhetorische Hämmern von Nietzsches Spätwerk und sein wachsender Hang zur Paranoia lassen sich vielleicht dadurch erklären, daß die dritte Stufe, der ersehnte Neubeginn, nicht Wirklichkeit werden konnte, sondern Fiktion blieb in Schriften, die niemand lesen wollte. Eigentlich hätte Nietzsche künstlerische Werke – Musikstücke, Tänze – schaffen sollen, oder apollinische, traumhafte Filme, die dionysische Gestalten herbeizaubern. Lichtgestalten für Lichtspiele... Es blieb bei philosophischen Schriften, die mit der Poesie liebäugelten.


Wer ist dieser Erzähler? Im Laufe des Buches entdeckt der (seinerseits zum Detektiv werdende) Leser zwar immer mehr Mosaiksteinchen, die sich jedoch nur zu einem opaken Bild formen. Zu Beginn wird ein Vorstellungsgespräch bestanden und eine Arbeit in einem Kulturbüro (oder einer Bücherei?) aufgenommen, wo man für das Inbücherheinschauen bezahlt wird.
»Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess...« (FW 636f.) So schreibt Nietzsche gegen Ende seiner Fröhlichen Wissenschaft, und man darf sich fragen, wem er dieses Recht zugestanden hätte außer sich selbst oder, besser gesagt, seinen Idealfiguren, diesen höheren Menschen, die er mal zu Über‑, mal zu Unmenschen stilisiert.
Aber was hat es eigentlich mit der Naivität auf sich, der ersten Eigenschaft des angekündigten Wesens? In seinem Spätwerk verzettelt sich Nietzsche regelrecht im Willen zu allem möglichen und faßt die diversen Strebungen unter dem Schlagwort eines Willens zur Macht zusammen, der eine Steigerung aller Lebenskräfte zum Ziel habe. Mit dem Wort »Lebenskräfte« – oder einfach: »das Leben«, ein denkbar vager Terminus – benennt Nietzsche häufig Instinkte, also Regungen, die körperlich, nicht geistig und wohl auch nicht durch den Willen bestimmt sind. Je länger der Philosoph die Instinkte fixierte, desto höher drehte sich die Spirale der Reflexion und des Willens, während der Abstand von dem, was der Körper möglicherweise brauchte, immer größer wurde. Schon Kleist hatte die Wiedererlangung von Naivität durch ein immerzu gesteigertes Bewußtsein angedacht: das berühmte Marionettentheatertheorem. Wie man eine unendliche Wegstrecke zurücklegt, hat freilich auch Nietzsche nicht zu zeigen vermocht. Im Gegenteil, seine neuen Schöpfungen blieben aus, sie wurden immer nur angekündigt und umschrieben. Die Unabgeschlossenheit und Unabschließbarkeit hat sich in die Form und Dynamik seines Werks eingeschrieben. Liest man den Marionettentheateraufsatz genau, Wort für Wort, kommt man zu dem Schluß, daß Kleist an die Erfüllbarkeit des von ihm formulierten Programms nicht glaubte. Es muß – im strengen Wortsinn – ein Ideal bleiben, ein unerreichbarer Stern, der vor uns, den Denkenden, herzieht und uns möglicherweise leiten kann, zu einem unbekannten Ort. Der Denkende in seiner Wirklichkeit ist kein »Gliedermann«, kein geistloses Wesen, doch er ist auch kein Gott. Menschliches Sinnen und Trachten wird sich wohl oder übel zwischen diesen beiden Figuren abspielen müssen. Oder kann man durch einen Willensentschluß zum Gott werden?
Teil I Teil II Teil III Jean Genet: Werke in Einzelbänden. Gifkendorf 2000ff., darin: NDF = Notre-Dame-des-Fleurs TD = Tagebuch des Diebes WR = Wunder der Rose LB = Jean Genet: Lettres à Olga et Marc Barbezat. Paris 1988 Pal = Jean Genet: Les Palestiniens, in: Genet à Chatila. Hrsg. v. Jérôme Hankins. Paris 1992 ...