Nach Kaffee und Schokoladeneis mit Sahne bei de Marco (wie immer) weiter durch Eicken, meinem Kindheitsviertel, seit Jahrzehnten verkehrsberuhigt und längst ökonomisch sterbenskrank, so viele Läden, die geschlossen sind, einige seit Jahren, teils trotzig mit ihren zugeklebten Scheiben oder diesem uralten, verrosteten Rollgitter vor dem einstigen Optikergeschäft, dessen Brillen ich heute sehr selten noch als Ersatz für den Ersatz verwende. An der Sparkasse links abgebogen auf die Schwogenstrasse, wo einst M. sein Haus hatte, jener M., der im Frühjahr starb und in der Todesanzeige hatte ich zum ersten Mal seinen Jahrgang gelesen (er war 26 Jahre jünger als mein Vater) und den Spruch von der »liebevollen Fürsorge«, der da verwendet wurde, war derart geheuchelt, dass mir übel wurde; ihm, diesem Fremdgänger und Choleriker wurde im Tod ein Denkmal der familiären Tugend errichtet und da erinnerte ich mich an seine herrische Art, mit der er meinen Vater kommandierte und die Verachtung, die ich meinem Vater dafür zollte, dass er sich derart kommandieren ließ und nur ganz kurz, als ich nach der Schule keine Lehrstelle bekommen hatte und arbeitslos war, »arbeitete« ich für M., analysierte die wöchentlich erscheinenden »Rennkalender«, extrahierte bestimmte Daten von Pferden und Trainern aus diesen Listen, die ich ihm dann aufbereitete und als dieses oder jenes dann ergebnisrelevant war, beschimpfte er mich, warum ich ihm das nicht gesagt hatte, dabei hatte ich es gesagt aber nur einmal und dann auf meine Aufzeichnungen verwiesen und grob fuchtelnd wehrte er ab, das »Geschreibsel« habe er doch nicht gelesen oder sofort wieder vergessen, ich müsse es ihm sagen, mehrmals, immer wieder und in der nächsten Woche sagte ich ihm die Auffälligkeiten und er richtete sich mit seinen Wetten danach, aber nichts traf zu und er schimpfte wieder und dann ich hörte auf, nahm die 50 Mark für die zwei Wochen und von nun an versuchte ich, ihn wie Luft zu behandeln.
Lothar Struck
Wolfgang Welt
Wolfgang Welt schreibe »Bruchteilsekundensätze«, so vor einigen Jahren einmal Peter Handke über den Bochumer Autor. Literarisch sind Handke und Welt fast Antipoden und doch schätze Handke diesen als »Pop-Literaten« nur unzureichend charakterisierten Autor, machte sich stark für ihn, dass er im Suhrkamp-Verlag publizieren konnte. Die Prosa von Wolfgang Welt war derb und griffig, aber in ...
Verloren im Paradies
Ein üppiges Blumenbouquet. Dann die Totale auf einen großen, festlich gedeckten Tisch, in dessen Mitte diese Blumen liegen. Servierinnen legen letzte Hand an. Die Keller treten ein. Die Musik im Raum nebenan endet und die Türen werden auf ein Signal des Maitre hin geöffnet. Und es dauert nicht lange, bis die ersten Personen eintreten, den ...
Fabjan Hafner
Gerade lese ich wie zufällig dass der Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Dichter Fabjan Hafner verstorben ist. Hafner wurde nur 49 Jahre alt. Sein Tod ist unfassbar für mich. Natürlich hatte ich 2008 sein Buch »Peter Handke – Unterwegs in Neunte Land« gelesen. In meiner Hybris schickte ich ihm den Link zu meiner Besprechung mit einigen Kritikpunkten ...
Geist und Macht
Zwei Bücher über Alarmismus und Konformität deutscher Intellektueller nach 1945 Immer wenn politische, soziale oder ökonomische Krisen ein Gemeinwesen erschüttern, werden sie gerufen, um Stellung zu beziehen: Die Intellektuellen. In der allgemeinen Meinungskakophonie sollen sie Halt bieten, Auswege aufzeigen, die Unübersichtlichkeit ordnen und repräsentativ für die kritische Masse ihr Wort erheben. Wo früher Pfarrer die ...
Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts
1977 veröffentlichte Peter Handke mit »Das Gewicht der Welt« zum ersten Mal ein »Journal«, das aus (zum Teil leicht bearbeiteten) Einträgen aus seinen Notizbüchern bestand. Bis auf zwei Ausnahmen (»Phantasien der Wiederholung« 1983 und ein kurzer, transkribierter Ausschnitt aus dem Notizbuch vom 31. August 1978 bis 18. Oktober 1978, der im letzten Jahr erschien) wurden ...
Jörg Magenau: Princeton 66

Princeton 66
Wieder so ein Jahrestag: Im April 2016 ist es 50 Jahre her, dass die Gruppe 47 in Princeton zusammentraf. Die Tagung gilt gemeinhin als der Anfang vom Ende der Gruppe, nicht zuletzt durch Peter Handkes Statement von der »Beschreibungsimpotenz«, die er bei Autoren wie Kritik gleichermaßen konstatierte. Ein Wutausbruch mit wuchtigen Vokabeln, ein Aufbäumen gegen das sich eingerichtete Literaturestablishment und deren Ästhetik. Aber was kann man grundlegend Neues von diesem Treffen erfahren? Ist nicht schon alles geschrieben und gesagt?
Ja. Und Nein. Jörg Magenau gelingt mit seinem Buch »Princeton 66« das Kunststück, aus leidlich bekannten Quellen eine packende und konzise Zeitreise zu komponieren, die sowohl die Stimmung der Tagung präzise rekonstruiert, als auch historische Einordnungen vornimmt. Dabei geht er chronologisch vor, auch wenn es gelegentliche zeitgeschichtliche Einschübe gibt, die, wie sich zeigt, notwendig sind.
Praktisch von der ersten Seite an wird der Leser hineingesaugt. Man spürt die Lust und die Akribie des Autors sich durch die Aufzeichnungen der insgesamt 31 Lesungen (nebst Diskussionen), die allesamt auf der Webseite der Princeton-Universität im Original gespeichert sind, durchgehört zu haben. So erscheinen einige dieser 50 Jahre alten Texte plötzlich in erstaunlicher Frische. Magenau erzählt beispielsweise über das (eher steife) Drama von Walter Jens, betont die Brisanz des erotisch-deftigen Grass-Gedichts und begeistert sich für die Militär-Satire »Feinde« von Reinhard Lettau, die die gesamte Struktur des militärischen Denkens für immer ad absurdum führe. Man scheint förmlich die Erzählung des grundsympathischen Peter Bichsel, das mühsame Lesen von Helga M. Novak oder Handkes Hauptsatzaneinanderreihung zu hören. Ähnliches mit den Reaktionen der Kritik: Der gut geölte Joachim Kaiser; Walter Jens, dem Wortzerteiler aus Tübingen, der nach seinem Vortrag ganz schnell wieder die Rolle des Kritikers übernahm. Hans Mayers geschliffene Formulierungen. Dann Marcel Reich-Ranicki, ein Grobmotoriker des Urteilens, stets für Heiterkeit und gute Laune sorgend, nicht zuletzt weil er allen Rednern recht gab, um allen zu widersprechen. Und der junge Hellmuth Karasek, der sich Mühe gab, immer ein wenig klüger zu wirken als er war – wogegen nichts zu sagen wäre, denn das trifft ja auf alle zu, bei ihm merkte man es aber.
24.12.
…ich weiß nicht mehr genau, wann das war als meine Mutter nach einer Diskussion, einem Disput oder vielleicht nur einer unbedachten Bemerkung derart verletzt war, dass sie in eine gewisse Rage geriet, schimpfte – das tat sie oft – dann aber, und das bekümmerte und besorgte uns, U. und mich, plötzlich zu weinen anfing, uns nun ihrerseits mit Worthieben verletzte, vielleicht sogar beleidigte und da trafen sich mit mir und ihr plötzlich zwei sich gegenseitig hochschaukelnde Choleriker aufeinander, während U. daneben saß und hilflos versuchte, zu beschwichtigen. Wie gesagt, ich weiß nicht mehr genau, wann das war, aber es war an einem sogenannten Heiligen Abend, am 24.12., nach dem Essen, aber ich habe jegliche Erinnerung an die äußeren Umstände verloren. Ich weiß nur noch, was dann geschah, sie stand auf, wäre fast gestürzt, denn sie war nicht mehr ganz rüstig (es muss also in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen sein, falls die Erinnerung richtig ist) und lief (!) in Richtung Badezimmer, wobei wir uns nichts dabei dachten und uns in unsere Zimmer zerstreuten. Ich war wütend, denn ich mag es nicht, wenn jemand einem Streit, sei er auch noch so hart, davonläuft, sich entzieht und ich hätte lieber noch einige Schimpfkanonaden meiner Mutter gehört, auf die ich dann hätte reagieren können.