Längst ab­ge­kop­pelt

Er­lan­gen, Sonn­tag, 30. Au­gust 2015. 14.00 Uhr. 33 Grad. 35. Er­lan­ger Poe­ten­fest. Ort: Oran­ge­rie. Fünf Men­schen auf dem Po­di­um. Rund 100 Men­schen im Saal, wei­te­re 100 (ge­schätzt) drau­ßen auf der Wie­se, laut­spre­cher­be­schallt. » ‘Elen­des Kum­pel­sy­stem’ – Kri­tik der Kri­tik« ist das The­ma der Dis­kus­si­on mit Ur­su­la März, Re­né Agu­i­gah, Jörg Sun­dermei­er, Flo­ri­an Fe­lix Weyh (als Mo­de­ra­tor) und mir.

Weyh er­öff­ne­te die Dis­kus­si­on. Er wies dar­auf hin, dass die Kri­tik an der Li­te­ra­tur­kri­tik nicht neu sei und dass es et­li­che Bü­cher mit Re­zen­sen­ten­be­schimp­fun­gen ge­be. Der Ti­tel die­ser Dis­kus­si­on war ei­nem Buch­Markt-In­ter­view vom Ja­nu­ar die­ses Jah­res mit Jörg Sun­dermei­er ent­nom­men. Weyh stellt die Teil­neh­mer vor und ver­sprach: »Wir wol­len Ta­che­les re­den« und »die Be­zie­hun­gen un­ter­ein­an­der auf­klä­ren.« Weyh be­gann bei sich selbst zu­erst. Dann ging die Fra­ge »Kön­nen sie mir sa­gen, wen Sie ken­nen und wie Sie die ken­nen?« an Ur­su­la März. Die­se auf Trans­pa­renz zie­len­de Fra­ge, die zur Situations­bestimmung ge­dacht war (Weyh wies dar­auf hin, dass er als frei­er Mit­ar­bei­ter beim Deutsch­land­ra­dio Kul­tur un­ter Um­stän­den mit Ur­su­la März kon­kur­rie­re), war wohl für Frau März zu viel. Ih­re Mi­schung aus Phil­ip­pi­ka und Schimpf­ti­ra­de vom Be­ginn sei hier do­ku­men­tiert (in Fuss­no­ten ste­hen hier­zu mei­ne sub­jek­ti­ven An­mer­kun­gen):

»Das mach ich ger­ne, aber um es mal ganz of­fen zu sa­gen, Sie ha­ben ja ge­sagt wir sol­len Ta­che­les re­den. Ich hal­te es für voll­kom­men sinn­los, für wahn­sin­nig sinn­los. Ich muss es jetzt mal los­wer­den. Ich hal­te auch die­se Ver­an­stal­tung für ein­ein­halb Stun­den ver­ta­ne Zeit. [Rau­nen] Ich be­grün­de es ger­ne. Ich ken­ne al­le die hier sit­zen ir­gend­wie, ja.1 Ich ken­ne auch vie­le Au­toren die hier sind ir­gend­wie.2 Ich ha­be von Al­len mög­li­chen Bü­cher be­spro­chen. Das ist das al­ler­nor­mal­ste in ei­nem Be­rufs­mi­lieu, das man sich ir­gend­wie kennt.3 Dar­über zu spre­chen ist der­art nar­ziss­ti­sche Na­bel­schau, dass ich es schwer er­tra­ge – ich muss es wirk­lich sa­gen. Es ist jetzt die­se hier die 12. Po­di­ums­dis­kus­si­on an der ich teil­neh­me4, die ein The­ma hat. Li­te­ra­tur­be­trieb in der Kri­se, heu­te heißt es Kum­pel­sy­stem, usw usf. Das ist nur…das ist ein Phan­tom­ge­sche­hen, das auf blö­den Res­sen­ti­ments be­ruht, weil wir kei­ne li­te­ra­ri­schen De­bat­ten mehr füh­ren. Wir hät­ten tol­le The­men auch in den näch­sten ein­ein­halb Stun­den über Li­te­ra­tur zu spre­chen5, wir re­den aber seit et­wa 20 Jah­ren über Li­te­ra­tur­be­trieb und mei­net­we­gen ma­chen wir es auch die näch­sten an­dert­halb Stun­den. Ich hal­te es für Quatsch.« [Ver­hal­te­ner Ap­plaus]

»Dann kön­nen jetzt al­le ge­hen«, mein­te Flo­ri­an Fe­lix Weyh und füg­te noch hin­zu: »Frau März, Sie dür­fen na­tür­lich auch ge­hen, wenn Sie das für Quatsch hal­ten.« Weyh wies auf in­ter­ne Ver­hal­tens­richt­li­ni­en bei Deutsch­land­ra­dio Kul­tur hin, die ihn zu­wei­len durch­aus in Grü­beln bräch­ten, was er jetzt noch dür­fe und was nicht. Das er­mun­ter­te Frau März – die nicht ge­hen woll­te (ver­mut­lich um nicht zu­künf­ti­ge En­ga­ge­ments in Er­lan­gen zu ge­fähr­den):

»Das un­ter­streicht aber doch, dass wir es nicht mit ei­nem Kum­pel­sy­stem zu tun ha­ben. Ich hab das auch un­ter­schrie­ben, al­so so­zu­sa­gen die Vor­la­ge für die Dis­kus­si­on, die Herr Sun­dermann6 ge­bo­ten hat lau­tet doch: Der Li­te­ra­tur­be­trieb wird im­mer ma­fio­ti­scher und im­mer kor­rup­ter.7 Die Wahr­heit ist: Sie ha­ben beim Deutsch­land­ra­dio et­was un­ter­schrie­ben, was heißt, »Pass auf, wes­sen Bü­cher Ihr be­sprecht«. Ich ar­bei­te vor al­lem für die Zeit, bin da Pau­scha­li­stin. Da gibt es ei­nen ganz stren­gen Ka­ta­log für Kri­ti­ker und Feuil­le­to­ni­sten, den ich un­ter­schrie­ben ha­be und was wir al­les nicht dür­fen und es wird von Jahr zu Jahr stren­ger. Bei­spiels­wei­se wenn ich ei­nen Au­tor mit sei­nem neu­en Buch in ei­ner Mo­de­ra­ti­on vor­stel­le, so wie ich das am näch­sten Don­ners­tag in Ba­sel tue8, darf ich die­ses Buch nicht mehr re­zen­sie­ren. Das ist ganz schön streng. Vor 20 Jah­ren oder in den 70er, 80er Jah­ren, die of­fen­sicht­lich hier als die glor­rei­che Zeit der Li­te­ra­tur­kri­tik gel­ten9, wur­de das al­les ge­macht. Sie ha­ben jetzt ein Bei­spiel da­für ge­nannt, dass die Li­te­ra­tur, der Li­te­ra­tur­be­trieb ent­kor­rum­pi­siert wird, aber trotz­dem spre­chen wir dar­über, dass er an­geb­lich kor­rup­ter ist. Das fin­de ich sinn­los.«

Es wä­re mü­ssig, den wei­te­ren Ver­lauf der Dis­kus­si­on zu pro­to­kol­lie­ren. Jörg Sun­dermei­er schwäch­te sei­ne »Kumpelsystem«-Formulierung ab, wies auf die Emo­tio­na­li­tät der In­ter­view-Si­tua­ti­on hin und be­merk­te, dass er in zwei Ar­ti­keln sei­ne Po­si­ti­on prä­zi­ser und we­ni­ger ex­pres­siv for­mu­liert hat­te.10 Sei­ne Grund­kri­tik – feh­len­de Hal­tung der Re­zen­sen­ten, ein stark aus­ge­präg­ter Ak­tua­li­täts­wahn des Feuil­le­tons (mei­ne For­mu­lie­rung), wie man ge­ra­de am Wo­chen­en­de an Jo­na­than Fran­zens neu­em Ro­man se­hen konn­te, der so­wohl mit ei­nem In­ter­view des Au­tors als auch mit Re­zen­sio­nen be­dacht wird und die star­ke Fo­kus­sie­rung auf die Neu­aus­ga­ben der be­kann­ten, wich­tig er­ach­te­ten Ver­la­ge – blieb be­stehen. Den Be­griff des »Kumpel­systems« ni­vel­lier­te er; mei­nen Vor­schlag, des »Klün­gel« zu nen­nen, fand er auch nicht so gut.

Pro­ble­ma­tisch wirk­te sich für die Dis­kus­si­on aus, dass der Ein­druck des »Frü­her war al­les bes­ser« ent­stand, wo­bei März dann tat­säch­lich auf ei­ne Kri­tik von Rein­hard Baum­gart er­wähn­te, die heu­ti­gen Maß­stä­ben nicht mehr ge­recht wür­de. War­um das so war, blieb lei­der un­er­ör­tert, was na­tür­lich auch den Rah­men die­ser Dis­kus­si­on ge­sprengt hät­te.

Da­mit soll­te mit der Ver­gan­gen­heits­se­lig­keit auf­ge­räumt wer­den. Das ist si­cher­lich in vie­len Fäl­len wün­schens­wert. Aber dass »frü­her« doch nicht al­les bes­ser war, die Kri­tik an der Kri­tik je­doch wei­ter­hin be­steht, ging da­bei un­ter. Frau März ver­such­te noch zu er­läu­tern, dass die Li­te­ra­tur­kri­tik wie auch die Li­te­ra­tur ei­nen Be­deu­tungs­ver­lust er­lit­ten ha­be. Re­né Agu­i­gah warf ein, dass es Zu­hö­re­rIn­nen gibt, die selbst die ak­tu­el­len Kri­ti­ken bei Deutsch­land­ra­dio Kul­tur zu we­nig emo­tio­nal fin­den und mehr schlag­zei­len­träch­ti­ge Ur­tei­le wie »Mei­ster­werk«, »fu­ri­os« oder »bril­lant« wünsch­ten. Viel­leicht kommt dies aber auch da­her, dass die Kon­di­tio­nie­rung des po­ten­ti­el­len Le­sers, der Le­se­rin, in­zwi­schen der­art »ver­dor­ben« ist?

März’ echauf­fier­te Re­de zu Be­ginn zeigt, dass die Ka­ra­wa­ne wei­ter­zie­hen möch­te und jeg­li­che Kri­tik als über­flüs­sig, par­don: »sinn­los« be­trach­tet. Zu be­mer­ken wä­re, dass den Sinn die­ser Dis­kus­si­on nicht die Dis­ku­tan­ten vor­ge­ben, al­so auch nicht Frau März, son­dern die Zu­hö­re­rIn­nen. Über­ra­schend ist die­se Wa­gen­burg­men­ta­li­tät al­ler­dings nicht. In dem 2008 bei Re­clam er­schie­ne­nen Auf­satz­band »Tex­te zur Theo­rie der Literatur­kritik«, in dem Bei­trä­ge u. a. von Les­sing, Schil­ler, Kerr, Ben­ja­min, Bar­t­hes, Reich-Ra­nicki, En­zens­ber­ger und Win­kels ver­tre­ten sind, fin­det sich auch (et­was über­ra­schend) Ur­su­la März’ Text »Oh­ne Abend­gar­de­ro­be«, in dem sie die Li­te­ra­tur­kri­tik der Ge­gen­wart ge­gen den schlech­ten Ruf ver­tei­digt. Schon da­mals ver­miss­te März die »Literaturde­batten«; die letz­te sei, wie sie auch in Er­lan­gen be­ton­te, die »Chri­sta-Wolf-De­bat­te« 1990 ge­we­sen.

Re­né Agu­i­gah be­zwei­fel­te dies und warf als Bei­spiel Hou­ellebec­qs Buch »Un­ter­wer­fung« von An­fang des Jah­res ein. Man hät­te noch die De­bat­ten über Hand­kes Ju­go­sla­wi­en-Tex­te nen­nen kön­nen (1995f, 1999, 2006), die am En­de al­ler­dings tat­säch­lich we­ni­ger De­bat­ten denn Dif­fa­mie­run­gen und Ver­dik­ten gli­chen. In den 1990er Jah­ren wur­de auch über Hei­ner Mül­lers Sta­si- oder Nicht-Sta­si-Zu­ge­hö­rig­keit und Bo­tho Strauß’ An­schwel­len­der Bocks­ge­sang« dis­ku­tiert. Zwei­mal bot Mar­tin Wal­ser Stoff für Li­te­ra­tur­de­bat­ten: Pauls­kir­chen­re­de 1998 und »Tod ei­nes Kri­ti­kers« 2002. Oder, spä­ter, der Dis­kurs über Lit­tells »Die Wohl­ge­sinn­ten« (2008), der aus­gie­big in der Zeit ze­le­briert wur­de. Ei­ne mög­li­che De­bat­te nann­te Frau März sel­ber: die über Ralf Roth­manns ak­tu­el­lem Buch »Im Früh­ling ster­ben«. Hier zeigt sich al­ler­dings, wie stark der Her­den­trieb im Be­trieb in­zwi­schen ist. Vor lau­ter Lob fand sich – au­ßer bei mir – zu­nächst kei­ne greif­ba­re ne­ga­ti­ve bzw. ad­äquat ana­ly­sie­ren­de Stim­me. Bis dann Ro­man Bu­che­li in der NZZ das Buch ve­he­ment ne­ga­tiv als Kitsch be­sprach. Die schrift­li­che Re­ak­ti­on der Debatten­freundin Ur­su­la März da­zu steht noch aus. Macht aber ei­gent­lich auch nix, denn in­zwi­schen ist das Buch sehr gut ver­kauft wor­den.

Frau März muss­te dann et­was frü­her weg. Sie stell­te den Ro­man des Kol­le­gen Ha­jo Stei­nert vor. Ei­nen Tag vor­her hat­te schon Ur­su­la März ih­ren neu­en bel­le­tri­sti­schen Er­zäh­lungs­band auf dem Haupt­podi­um prä­sen­tie­ren kön­nen; vor­ge­stellt von Dirk Kru­se und/oder Ha­jo Stei­nert. Dass dies min­de­stens de­gou­tant ist und hier ein Aufmerksam­keitskartell grob­schläch­tig miss­braucht wird, sieht sie nicht ein. Ihr ge­nügt, dass sie Stei­nerts Buch jetzt nicht mehr re­zen­sie­ren darf. Als wä­re dies ein Akt des Ver­zichts – denn Ho­no­rar bleibt Ho­no­rar und das ist für je­des Buch so­wie­so nur ein­mal zu er­hal­ten. Da ist ei­ne »Vor­stel­lung« ein­fa­cher als ei­ne li­te­ra­tur­kri­ti­sche Ausein­andersetzung. Zu­dem wenn man dies un­ter Kol­le­gen macht. War­um, so könn­te man fra­gen, wer­den li­te­ra­ri­sche Wer­ke von Kri­ti­kern (die in den letz­ten Mo­na­ten in­fla­tio­när zu­neh­men) nicht ein­mal von Schrift­stel­lern kri­tisch »vor­ge­stellt« oder, bes­ser, re­zen­siert?

Und war­um ei­gent­lich Li­te­ra­tur­kri­ti­ker in Er­lan­gen Bü­cher auf den Po­di­en zu Le­sun­gen vor­stel­len muss­ten, hat mir nicht ein­ge­leuch­tet. War­um nicht Buch­händ­ler aus der Re­gi­on, die ih­ren En­thu­si­as­mus ehr­li­cher und deut­li­cher er­klä­ren kön­nen als Kri­ti­ker, die da­mit zu schnell zu di­stanz­lo­sen »Zir­ku­la­ti­ons­agen­ten« (En­zens­ber­ger) mu­tie­ren? Sind sie wirk­lich auf die Ho­no­ra­re an­ge­wie­sen?

Er­fri­schend wa­ren die Re­ak­tio­nen aus dem Pu­bli­kum, die Weyh ab­frag­te. Da­bei stell­te sich sehr wohl her­aus, dass dif­fe­ren­zier­te und aus­gie­bi­ge Be­spre­chun­gen er­wünscht sind. Wer legt denn wirk­lich Wert auf ei­ne zehn­zei­li­ge »Emp­feh­lung« ei­nes Feuil­le­to­ni­sten für die Ur­laubs­lek­tü­re? Der schön­ste Mo­ment war als der be­son­ne­ne Re­né Agu­i­gah ver­sprach, noch mehr Sorg­falt und Ge­nau­ig­keit wal­ten zu las­sen. Das hör­te man ger­ne. Da war, glau­be ich, März schon beim Kum­pel. Ei­ner hat­te es aber wirk­lich schwer: Flo­ri­an Fe­lix Weyh als Mo­de­ra­tor. Er war nicht zu be­nei­den.

Viel­leicht hat auch Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger wie­der ein­mal ein gro­ßes pro­phe­ti­sches Stück ge­lie­fert, als er 1986 in sei­ner »Re­zen­sen­ten-Däm­me­rung« ab­schlie­ßend fest­stell­te: »Das wah­re, das ei­gent­li­che Pu­bli­kum, ei­ne Min­der­heit von zehn- bis zwan­zig­tau­send Leu­ten, die sich nichts vor­ma­chen las­sen -, die­ses Pu­bli­kum hat sich vom Kas­per­le­thea­ter der gro­ßen Me­di­en längst ab­ge­kop­pelt; es bil­det sich sein Ur­teil un­ab­hän­gig vom Bla­bla der Re­zen­sio­nen und der Talk­shows, und die ein­zi­ge Form der Re­kla­me, an die er glaubt, ist die Mund­pro­pa­gan­da, die eben­so ko­sten­los wie un­be­zahl­bar ist.«


Wei­te­re Tex­te zu die­ser Ver­an­stal­tung:

Li­bro­skop – To­bi­as Lin­de­mann – Ein Rück­blick
Die Welt – Marc Reich­wein – Heu­te Kri­ti­ker, mor­gen Au­tor, über­mor­gen Ju­ror


  1. Ich bin ziem­lich si­cher, dass mei­ne Per­son bzw. mei­ne Tex­te Frau März gänz­lich un­be­kannt wa­ren und sind. 

  2. Um die­ses »ir­gend­wie« geht es ja un­ter Um­stän­den. 

  3. Es ging nicht pri­mär ums Ken­nen, son­dern um die Ver­flech­tun­gen mit­ein­an­der, die über das blo­ße Ken­nen­ler­nen hin­aus­ge­hen. 

  4. Un­klar, wie dies ge­meint ist. 

  5. Spä­te­stens hier stellt sich die Fra­ge, war­um denn Frau März über­haupt die­ser Run­de zu­ge­sagt hat. 

  6. Ge­meint war der an­we­sen­de Herr Sun­dermei­er. 

  7. Das hat Sun­dermei­er nie sug­ge­riert ge­schwei­ge denn ge­sagt. 

  8. Ge­meint ist die Vor­stel­lung von Alain Clau­de Sul­zers Buch »Post­skrip­tum« am 3. Sep­tem­ber 2015 

  9. Nie­mand hat­te bis­her über­haupt et­was ge­sagt. 

  10. Ver­mut­lich meint Sun­dermei­er sei­nen <a href=»https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/furios-in-den-untergang-zur-misere-der-literaturkritik« target=»_blank«>Text we­ni­ge Ta­ge spä­ter im »Freitag«</a> und dann in der <a href=»https://www.perlentaucher.de/essay/nele-liebt-paul-aber-paul-liebt-isa.html« target=»_blank«>Perlentaucher-Diskussion im Sommer</a> 

79 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dan­ke für die Be­richt­erstat­tung. Mich er­staunt im­mer wie­der, wie schlecht doch Leu­te, die man da­für be­zahlt, über kom­ple­xe kul­tu­rel­le Ob­jek­te re­flek­tiert zu schrei­ben, ih­re ei­ge­ne Si­tua­ti­on re­flek­tie­ren und dar­stel­len kön­nen. Das größ­te Ta­bu scheint ja zu sein, ein­fach mal dar­zu­stel­len, wie die öko­no­misch-fi­nan­zi­el­len Be­din­gun­gen aus­se­hen, auf de­ren Ba­sis die Klün­gel-Wirt­schaft ge­deiht. Ich ver­mu­te, wer es nicht zum an­ge­stell­ten Re­dak­teur in ei­ner der gro­ßen Zei­tun­gen oder im DLF/DRadio ge­schafft hat, muss selbst mit ei­nem Ruf wie Ur­su­la März or­dent­lich ru­dern, um die gut­bür­ger­li­che Fas­sa­de auf­recht­zu­er­hal­ten. Dann ist das be­sin­nungs­lo­se Netz­wer­ken qua­si die täg­li­che Ar­beit – und die macht man si­cher­lich bes­ser, wenn man das gan­ze nicht als Klün­ge­lei und Kum­pe­lei sieht, son­dern als Be­rufs­mi­lieu, in dem man sich halt so be­wegt.
    Wirk­lich un­ab­hän­gi­ge Kri­tik kön­nen wahr­schein­lich nur noch Men­schen be­trei­ben, die ih­ren Le­bens­un­ter­halt mit et­was an­de­rem ver­die­nen und / oder be­reit sind, pre­kär zu le­ben. Das macht Li­te­ra­tur- und Kunst­blogs tat­säch­lich zu ei­ner Art Avant­gar­de der Kri­tik – im Schlech­ten wie im Gu­ten. Und viel­leicht ist das Schlech­te – der Poe­sie-Al­bum-Stil vie­ler Blogs, das Per­sön­li­che, Fan-mä­ßi­ge, die man­geln­de Kennt­nis von Li­te­ra­tur- und Kul­tur­ge­schich­te etc. – auch schon ein Teil des Gu­ten: Hier lie­gen die Kar­ten ein­fach auf dem Tisch, im Ge­gen­satz zu so man­cher ela­bo­riert da­her kom­men­der Kri­tik in den Qua­li­täts­me­di­en®, die dann noch nur ei­ne Um­schrei­bung des vom Ver­lag mit­ge­lie­fer­ten PR-Tex­tes ist (so er­klärt sich auch die doch re­la­tiv star­ke Ho­mo­ge­ni­tät der ein­zel­nen Kri­ti­ken.) Mit mehr Er­fah­rung wer­den vie­le Blog­ger ja auch bes­ser, zu­min­dest ge­wand­ter – und vie­le sind ja auch schon un­ter­halt­sam und in­for­ma­tiv, v.a. wenn man sich für Gen­re-ba­sier­te Li­te­ra­tur in­ter­es­siert. Mitt­ler­wei­le dürf­ten Blog­ge­rIn­nen v.a. für die Gen­re-ba­sier­te Li­te­ra­tur und den »Frau­en­ro­man« schon wich­ti­ger für die Ver­la­ge sein als die High-Brow-Kri­tik.
    An mir selbst mer­ke ich, dass ich im­mer sel­te­ner dt­sches. Li­te­ra­tur-Feuil­le­ton le­se, aber Blogs und die Ver­lags­sei­ten für mei­ne Ori­en­tie­rung wich­tig ist. Ob ich im­mer mehr engl. & frz. spra­chi­ge Li­te­ra­tur le­se, weil ich so vie­le engl. spra­chi­ge Li­te­ra­tur­ma­ga­zi­ne le­se, oder ob ich so vie­le an­der­spra­chi­ges Feuil­le­ton le­se, weil mich dt­sches. Li­te­ra­tur und Feuil­le­ton lang­weilt, muss ich noch her­aus­fin­den.

  2. Nie­mand will sich dem Ruf des Nest­be­schmut­zers aus­set­zen, al­so macht man erst ein­mal wei­ter so. Da­bei mer­ken die Ak­teu­re au­gen­schein­lich gar nicht mehr, wie sie schon in Netz­wer­ken be- und ge­fan­gen sind und wie weit dies ih­re in­tel­lek­tu­el­len Frei­hei­ten be­grenzt. Die An­ge­bots­kar­tel­le und Preis­ab­spra­chen in der Bau­in­du­strie er­war­tet man ja na­he­zu im­mer noch. Und Jour­na­li­sten grei­fen in­zwi­schen die Kor­rup­ti­on al­ler­or­ten an – de­lek­tie­ren sich ge­ra­de­zu an Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der FIFA. Be­am­te müs­sen pe­ni­bel die Fla­sche Co­gnac re­gi­strie­ren las­sen, die ih­nen ir­gend­je­mand ein­mal im Jahr schenkt. Aber bei sich sel­ber ver­sa­gen Jour­na­li­sten all­zu oft. Wie sieht es denn im ZDF aus? Wie »funk­tio­niert« die Buch­prä­sen­ta­ti­on von Au­tor X bei Ver­lag Y? Im Kul­tur­jour­na­lis­mus soll die Fas­sa­de noch lan­ge auf­recht er­hal­ten wer­den. Hier par­fü­miert man sich mit heh­ren Kul­tur­wei­hen, gibt vor, dem Gu­ten und Schö­nen so­zu­sa­gen zu die­nen. Und dann gibt es da so ein Ar­ti­kel­chen von Rai­ner Mo­ritz in der NZZ...

  3. Netz­werk-Blind­heit und Pfusch, die Vor­wür­fe kann ich nach­voll­zie­hen. Aber für die in­zwi­schen un­über­seh­ba­re Un­zeit­ge­mäß­heit von Li­te­ra­tur sind die He­li­ko­pter-Re­zen­sen­ten nicht emp­fäng­lich, weil... Die Fra­ge bleibt im­mer of­fen. Ein Kor­rup­ti­ons-Tat­be­stand misst sich ja an ei­ner Norm, ei­nem Soll-Zu­stand. Und da bin ich skep­tisch, ob die Kri­tik wirk­lich im­mer auf der Sei­te der we­sent­li­chen Li­te­ra­tur ste­hen kann. Viel­leicht gibt es ja Ab­stands­ver­hält­nis­se, die das mal er­lau­ben, und mal ver­un­mög­li­chen. Spe­ku­lie­re nur...
    In­ter­es­sant, die star­ken Kon­troll-Me­cha­nis­men. Das ist an sich schon frag­wür­dig. Die Re­dak­tio­nen, die Ver­trä­ge, die Schleim­spur, die zu ei­ner zwei­ten Haut wird... Auch hier stellt sich die Fra­ge, was pas­siert, wenn die Li­te­ra­tur in die­sem Mi­lieu vor­stel­lig wird. Li­te­ra­tur­kri­tik und Li­te­ra­tur ha­ben sich viel­leicht ei­ne »Aus­zeit ge­nom­men«?!

  4. Die Fra­ge ist, ob an der Un­zeit­ge­mäß­heit von Li­te­ra­tur der Re­zen­si­ons­be­trieb nicht ein ge­rüt­telt Maß Mit­schuld trägt. Kri­ti­ker, die die Bü­cher nicht le­sen (bzw. nur teil­wei­se), sich stän­dig in Su­per­la­ti­ve flüch­ten (die das Pu­bli­kum ir­gend­wann ab­stump­fen) und Klün­ge­lei­en un­ter­ein­an­der, die sich nicht mehr ver­ber­gen las­sen – dies trägt da­zu bei, dass das Feuil­le­ton zur Emp­feh­lungs­ma­schi­ne wird. Viel­leicht soll­te man ein­fach ein­mal den Dampf aus dem Be­trieb neh­men. Aber das wür­de ein Um­den­ken vor­aus­set­zen.

  5. Was ver­steht Ihr denn un­ter der »Un­zeit­ge­mäß­heit von Li­te­ra­tur«? Buch­pro­duk­ti­on und Auf­la­gen ge­hen ja nicht zu­rück.

  6. @Doktor D
    Geht aber nicht die Reich­wei­te von Li­te­ra­tur zu­rück? Wel­ches Buch, das li­te­ra­ri­schen An­sprü­chen ge­nügt, wird denn noch in kom­mer­zi­ell in­ter­es­san­te Auf­la­gen ver­trie­ben (Buch­preis­ge­win­ner mal aus­ge­nom­men) ? Wo sind denn die Dis­kus­sio­nen am Ar­beits­platz über Li­te­ra­tur? Mag sein, das man­ches da­von auch ei­ne ge­wis­se Ver­klä­rung war/ist, aber in der Kon­kur­renz mit Fern­se­hen, Film, In­ter­net und Sport spielt doch die Li­te­ra­tur kaum noch ei­ne Rol­le. Hand­ke konn­te frü­her 100.000 Bü­cher ei­nes Ti­tels ver­kau­fen – wer schafft das heu­te noch (au­ßer die üb­li­chen Co­el­ho-et-al-Ver­däch­ti­gen)?

    Selbst ein Buch wie der Roth­mann, der durch die Feuil­le­tons auf Hän­den ge­tra­gen wur­de – nie­mand, mit dem ich in Er­lan­gen ge­spro­chen ha­be, hat­te das Buch ge­le­sen (au­ßer Frau März). Im­mer­hin wur­de das zu­ge­ge­ben. Die Prio­ri­tä­ten sind ein­fach an­de­re; ich mer­ke es schon an mir sel­ber: Ich weiss ziem­lich ge­nau, was ich dem­nächst le­sen möch­te und le­sen wer­de. Da passt erst ein­mal bis En­de Ok­to­ber kaum noch was rein (da­nach al­ler­dings ist wie­der Platz). Auf den Setz ver­zich­te ich. Und die Ral­lye um Fran­zen bei­spiels­wei­se stösst mich in ih­rer Markt­ge­macht­heit nur noch ab. (Ich hal­te ihn für über­schätzt.)

    Man »muss« heu­te kein »Buch der Sai­son« mehr ge­le­sen ha­ben. (In­zwi­schen kann man ja fast schon Di­stink­ti­ons­punk­te da­mit ge­win­nen, den Sie­ger des Buch­prei­ses nicht ge­le­sen zu ha­ben.) Das ist be­frei­end und är­ger­lich zu­gleich. Der Dis­kurs der we­ni­gen, die üb­rig­ge­blie­be­nen sind, zer­fa­sert. Der Ge­le­gen­heits­le­ser, der ein, zwei Bü­cher im Jahr liest, ist an­ge­sichts der Buch­mes­sen­bei­la­gen über­for­dert. Zu­mal auch fast al­les min­de­stens recht freund­lich-in­dif­fe­rent be­spro­chen wird. In­fla­tio­när dann die Lo­be (wie schon an­ge­spro­chen). Mit dem Be­deu­tungs­ver­lust der Li­te­ra­tur­kri­tik geht der Be­deu­tungs­ver­lust der Li­te­ra­tur ein­her.

    Aus mei­nem be­ruf­li­chen Um­feld weiß nie­mand, dass ich mich mit Li­te­ra­tur be­schäf­ti­ge. Die Wel­ten sind scharf ge­trennt; wie Par­al­le­len be­rüh­ren sie sich nie. Grass kennt man dort noch dem Na­men nach, aber ge­le­sen hat man von ihm zu 99% nichts.

  7. Un­zeit­ge­mä­ßes …

    … neu­lich beim Nach­schla­gen auf mei­ne An­strei­chun­gen [von 1994, al­so et­wa vor 20 Jah­ren] ge­sto­ßen zu dem [mitt­ler­wei­le sel­ber hi­sto­ri­schen] Les­lie A. Fied­ler. Die al­te „clo­se the gap“-Sache: Die Lücke zu schlie­ßen zwi­schen Eli­te- und Mas­sen­kul­tur.

    Wen es in­ter­es­siert: Fied­lers aus­ge­ar­bei­te­ter Auf­satz mit et­li­chen aus­führ­li­chen Re­ak­tio­nen der Zeit­ge­nos­sen Wal­ser / Brink­mann / Baum­gart / Hei­ner Mül­ler / En­zens­ber­ger … und Spä­te­rer do­ku­men­tiert in „Ro­man oder Le­ben – Post­mo­der­ne in der deut­schen Li­te­ra­tur“ Re­clam Leip­zig. Ein lan­ger Text da­zu on­line hier.

    1968 al­so!

    Das ver­kürz­te Cre­do lau­te­te: „Ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um [ge­meint war die ernst­haf­te, ge­sell­schafts­re­le­van­te Li­te­ra­tur] muss, wenn es aus der Mo­de ge­rät, zu ei­ner Form der Un­ter­hal­tung wer­den.“
    (Das war al­so schon stark me­di­al, näm­lich mit Mar­shall McLu­han ge­dacht, aber nicht nur: Al­le woll­ten Beat–Porno-Pulp-Pop, end­lich Ju­gend, Dro­gen, Mu­sik ins Fern­se­hen und un­end­li­chen Spaß ...)

    Frap­pie­rend für mich wa­ren schon da­mals [jetzt wie­der 1994] ein paar Äu­ße­run­gen zum Li­te­ra­tur­kri­ti­ker. Ich ver­ein­fa­che hier stark, aber die For­de­rung war, sei­ne Au­to­ri­tät müs­se letzt­lich auf sei­ner Fä­hig­keit zur Em­pha­se ba­sie­ren, näm­lich „Wör­ter, Bil­der, Rhyth­men zu fin­den“, die „sei­ner ek­sta­ti­schen Vi­si­on des Eu­ri­pi­des und der Ein­lei­tungs­tex­te der Ge­ne­sis an­ge­mes­sen sind“.

    Kri­tik müs­se al­so Li­te­ra­tur sein (oder sie sei „gleich Null“).

    Das ist doch ein­deu­tig! Fin­de ich jetzt noch be­mer­kens­wert. Wenn auch als For­de­rung in ei­nem ge­sell­schaft­li­chen Ge­samt­kli­ma von von ga­lop­pie­ren­dem ADHS wohl il­lu­so­risch.

    Und trotz­dem … war Qua­li­tät nicht schon im­mer das Schei­de­mit­tel? Lan­ge, ge­dan­ken­rei­che, le­sens­wer­te Stücke über sa­tis­fak­ti­ons­fä­hi­ge Ge­gen­stän­de? Funk­tio­niert es nicht eh so, zu al­len Zei­ten? Die Pro­duk­ti­on von Quatsch ist eh nie­mals mehr auf­zu­hal­ten und das Ge­quat­sche dar­über erst recht nicht.

    (In­ter­es­sant wird si­cher auch der Ver­gleich zwi­schen dem al­ten und dem neu­en Quar­tett, wenn die in­tel­lek­tu­el­len In­stru­men­ta­ri­en of­fen­ge­legt und ver­gleich­bar wer­den.)

    Hier der Link oh­ne den er­zwun­ge­nen Re­fe­rer da­vor:
    http://www.pop-zeitschrift.de/2013/03/10/zur-poetik-der-pop-literaturteil-2-burroughs-fiedler-brinkmann-von-marcus-s-kleiner10-03–2013/

  8. Al­so, ich le­se in Kom­men­ta­ren viel Zu­stim­mung zu mei­ner The­se: Li­te­ra­tur und ‑Kri­tik ha­ben sich ent­frem­det. Den cul­tu­ral gap hat es im­mer ge­ge­ben, aber die Ver­ge­sell­schaf­tung von Li­te­ra­tur stößt jetzt er­kenn­bar an ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche und funk­tio­nel­le Gren­ze.
    Die An­nah­me, das die ‑Kri­tik auf Ge­deih und Ver­derb an das Ni­veau von Li­te­ra­tur ge­kop­pelt ist, hal­te ich für ge­recht­fer­tigt. Da gibt es kei­nen »Über­bie­tungs­spiel­raum«. Es ist ein kon­ge­nia­les Ver­hält­nis, ähn­lich viel­leicht wie beim Schau­spie­ler und sei­nem Text. Sehr sub­jek­tiv ist na­tür­lich die Fra­ge, ob man ei­ne »Aus­wahl-Pan­ne« bei den Mach­wer­ken oder ei­ne »An­pas­sungs-Lei­stung« an ei­ne all­ge­mei­ne Ni­veau-Ab­sen­kung wahr­nimmt. Ich neh­me eher die »An­pas­sung« wahr, die mit der ge­sell­schaft­li­chen Be­dingt­heit der ‑Kri­tik kon­form geht. Der Li­te­ra­tur-Pro­fi sieht das viel­leicht an­ders.

  9. Und noch zur Fra­ge von Dok­tor D: Un­zeit­ge­mäß­heit nen­ne ich (ganz un-me­ta­phy­sisch) die Vor­aus­set­zun­gen für den Zu­gang zu Li­te­ra­tur. Die Le­bens­welt darf nicht voll­kom­men ver­schie­den von der künst­le­ri­schen Exi­stenz sein. Ei­nen Brücken­schlag von »Mensch zu Mensch«, oh­ne Rück­sicht auf das je­wei­li­ge Sein, hal­te ich für zu idea­li­stisch. Ich den­ke, das ist nicht pri­mär ei­ne Fra­ge der Bil­dung, son­dern ei­ne Fra­ge der Le­bens­wei­se. Die all­ge­mei­ne Le­bens­welt, als rein theo­re­ti­sche Schnitt­men­ge all der ver­schie­de­nen Exi­sten­zen, scheint sich von der Kunst zu ent­fer­nen.

  10. Aber be­deu­tet das Un­zeit­ge­mäß­heit? Die Öf­fent­lich­kei­ten und Pu­bli­ca be­fin­den sich ja seit der Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens und dann noch mal be­schleu­nigt durch das In­ter­net in stän­di­ger Frag­men­tie­rung und Neu­sor­tie­rung. Ob’s da noch­mal so gro­ße öf­fent­li­che De­bat­ten ge­ben wird, wa­ge ich zu be­zwei­feln. Und so von un­se­rer heu­ti­gen Si­tua­ti­on aus be­trach­tet, kom­men mir auch im­mer stär­ke­re Zwei­fel, wie vie­le da wirk­lich er­reicht wur­den und ob das nicht auch ein Selbst­ge­spräch kul­tu­rel­ler Eli­ten mit Zu­gang zur ge­druck­ten / ge­sen­de­ten Öf­fent­lich­kei­ten war, die halt das Feh­len der Re­so­nanz nicht ge­merkt ha­ben, weil es kei­ne wirk­lich sicht­ba­ren Nicht-Zu­hö­rer gab. Jetzt sieht man die­ses Des­in­ter­es­se eben, weil so vie­le Leu­te im Netz den Platz und die Mög­lich­kei­ten ha­ben, zu ver­öf­fent­li­chen, was sie so in­ter­es­siert, und da eben fröh­lich vor sich hin quat­schen. In die­sem Stim­men­ge­wirr fin­den sich dann – in mei­ner er­fah­rung – ganz oft Leu­te zu­sam­men, die ir­gend­wel­che In­ter­es­sen tei­len und dann meist sehr viel in­ten­si­ver und kom­pe­ten­ter mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren, als es für die mei­sten Feuil­le­tons, selbst dem der NZZ, mög­lich wä­re und war.
    Ich hab’ den ein­druck, mein Ge­sprächs­kreis hat sich eher er­wei­tert, und dass de­nen, mit de­nen ich in Kon­takt bin, Li­te­ra­tur wirk­lich was be­deu­tet – und zwar mehr als ich bei vie­len Li­te­ra­tur­kri­ti­kern er­ken­nen kann.
    Kurz: Für das Li­te­ra­tur-Feuil­le­ton se­he ich auch eher schwarz, für die Li­te­ra­tur aber gar nicht.

  11. Vie­len Dank für die sehr in­struk­ti­ven Kom­men­ta­re. [Die »@«-Zuweisungen die­nen nur der Über­sicht]

    @en-passant
    Die »Emphase«-These ist ja vor ei­ni­gen Jah­ren von Win­kels auf­ge­nom­men wor­den, der Kri­ti­ker in »Em­pha­ti­ker« und »Gno­sti­ker« un­ter­schied. Em­pha­ti­ker sind für ihn bio­gra­phi­stisch, ha­ben den Au­tor und sei­ne Hal­tun­gen im Blick. Sie ar­gu­men­tie­ren lei­den­schaft­lich. Bös­ar­tig for­mu­liert: Sie kri­ti­sie­ren die Ge­sin­nung des Au­tors, die aus dem Werk her­aus­de­stil­liert wird. Gno­sti­ker sind das Ge­gen­teil: In­ter­es­siert an Form, Spra­che, Äs­the­tik. Win­kels lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, wo er sich sieht (Gno­sti­ker) und das die vom Pu­bli­kum so ge­fei­er­ten Em­pha­ti­ker (MRR, Hei­den­reich, Schirr­ma­cher) nicht sei­ne Sa­che sind.

    Dass es be­reits in den 1960ern in Rich­tung Em­pha­ti­ker ging, über­rascht mich dann doch. Dass Li­te­ra­tur­kri­tik ei­ne Form der Li­te­ra­tur ist bzw. sein soll, ver­fech­tet ja auch Bri­git­te Schwens-Har­rant in ih­rem Buch »Li­te­ra­tur­kri­tik – Ei­ne Su­che«. Wenn ich sie rich­tig ver­ste­he, dann möch­te sie da­mit al­ler­dings die »em­pha­ti­sche« Kri­tik bän­di­gen. Für mich ist »Em­pha­se« ein miss­ver­ständ­li­cher Aus­druck. Ich neh­me für mich durch­aus Em­pha­se in An­spruch – oh­ne je­doch auf Su­per­la­ti­ve oder schlag­zei­len­träch­ti­ge Ter­mi­ni zu ver­fal­len (okay, das ge­lingt nicht im­mer).

    @die_kalte_Sophie
    Die Le­bens­welt darf nicht voll­kom­men ver­schie­den von der künst­le­ri­schen Exi­stenz sein.
    Ich bin kein An­hän­ger ei­nes »ana­ly­ti­schen Rea­lis­mus« (En­no Stahl), der die Le­bens­wirk­lich­kei­ten so­zu­sa­gen mit so­zio-po­li­ti­schem An­spruch ab­zu­bil­den hat oder so­gar in Brecht’scher Ma­nier Be­leh­run­gen beim Le­sern er­zeu­gen soll.

    Ich bin mir nicht so si­cher, ob die Li­te­ra­tur­kri­tik oder die Li­te­ra­tur für die An­pas­sung nach un­ten ver­ant­wort­lich ist. Wenn man ei­nen Au­gen­blick an die »Se­lek­ti­ons­au­to­ri­tät« (Man­gold) der Li­te­ra­tur­kri­tik glaubt und als gro­be Kenn­zahl da­von aus­geht, dass im Jahr rund 200 bel­le­tri­sti­sche Neu­erschei­nun­gen in den Main­stream-Feuil­le­tons (die je­mand wie der Per­len­tau­cher scannt) be­spro­chen wer­den, sind das bei 14.111 Neu­erschei­nun­gen 2014 un­ge­fähr 1,5%. Da­bei stür­zen sich die­se Me­di­en ja be­kann­ter­ma­ßen mehr­mals auf die ver­meint­lich »wich­ti­gen« Bü­cher. Dass dann 98,5% der Neu­erschei­nun­gen »Schrott« sein sol­len, kann ich mir beim be­sten Wil­len nicht vor­stel­len.

    Die »Se­lek­ti­ons­au­to­ri­tät« wird nicht aus­ge­übt, weil der Her­den­trieb stär­ker ist als das In­ter­es­se an Neu­em. Ein Bei­spiel: 5 von 6 Bü­chern der Short­list zum »Wil­helm-Raa­be-Preis« sind iden­tisch mit der Lon­g­list zum Deut­schen Buch­preis. Dass die An­ge­le­gen­heit in den Jah­ren vor­her ähn­lich war, macht die Sa­che nicht bes­ser. Zu­dem fragt wohl kaum noch je­mand, was die no­mi­nier­ten Bü­cher mit Wil­helm Raa­be zu tun ha­ben.

    En­er­gisch wi­der­spre­chen möch­te ich, was die Zu­gangs­mög­lich­kei­ten zur Li­te­ra­tur an­geht. Die hat je­der. Noch gibt es Stadt­bi­blio­the­ken, in de­nen die Klas­si­ker ste­hen. Die Neu­erschei­nun­gen gibt es ein oder zwei Jah­re spä­ter (auch hier nur die üb­li­chen, aber im­mer­hin). Wer will, kann sich ei­nen Zu­gang schaf­fen – der ist na­tür­lich pri­vat und mehr oder we­ni­ger in­ten­siv.

    @Doktor D
    Völ­lig d’­ac­cord. Aber die Leu­te, die sich zum Bei­spiel hier tref­fen und ernst­haft und kom­pe­tent über Li­te­ra­tur oder Li­te­ra­tur­kri­tik re­den, sind ver­schwin­dend klein. Das muss kein Nach­teil sein, aber die Zei­ten, als sol­che De­bat­ten auch an den Uni­ver­si­tä­ten ge­führt wur­den, sind doch längst vor­bei. Na­tür­lich sind die klas­si­schen Li­te­ra­tur­de­bat­ten, die Frau März so ger­ne füh­ren möch­te, im­mer eli­tär ge­we­sen, weil der Le­ser, die Le­se­rin sich ma­xi­mal im Le­ser­brief da­zu äu­ßern konn­te (und der wur­de oft ge­nug zer­hackt). Das hat sich ge­än­dert. Mein Ein­druck ist, dass die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Kri­tik die­sen Be­deu­tungs­ver­lust mit Chuz­pe über­spie­len möch­te. Man mimt den Emp­feh­lung­s­on­kel oder die Emp­feh­lungs­tan­te. Im einst so am­bi­tio­nier­ten Schwei­zer »Li­te­ra­tur­club« fragt bei et­was kon­fron­ta­ti­ven Dis­kus­sio­nen die Mo­de­ra­to­rin am En­de noch mal nach: »Le­sen?« Da bleibt dann nur ein »ja« oder ein »nein«. Die­je­ni­gen, de­nen das zu we­nig ist, ster­ben aus.

  12. Die­ser klei­ne Es­say in der Jung­le World ar­bei­tet sich von ei­ner an­de­ren Sei­te an un­se­rem The­ma ab: http://jungle-world.com/artikel/2015/36/52627.html
    Ti­tel: Kör­per als Me­ta­pher bei Ju­li Zeh oder War­um die Ger­ma­ni­stik ei­nen po­pu­li­sti­schen Turn braucht
    Wo­bei po­pu­li­stisch hier das fal­sche Ad­jek­tiv ist, er meint ei­gent­lich eher so was wie: Re­le­vanz, Ver­ständ­lich­keit, An­schluss­fä­hig­keit an die All­tags­welt
    »Mein Ein­druck ist, dass die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Kri­tik die­sen Be­deu­tungs­ver­lust mit Chuz­pe über­spie­len möch­te.« – Das se­he ich auch so.
    Aber re: Schar der Li­te­ra­tur­lieb­ha­ber und ‑ken­ner schaue ich op­ti­mi­sti­scher in die Welt. Aber vlt. steu­ern wir wirk­lich auf ei­ne In­ten­siv-Le­se­kul­tur wie prä-1900 zu, aber wenn ich se­he, was da ge­schrie­ben wor­den ist, bin ich ganz zu­ver­sicht­lich.

  13. Be­treff: Dif­fe­renz der Le­bens­wel­ten. Ich will nicht auf ei­nen Rea­lis­mus hin­aus, bzw. ei­ne Kli­en­tel-Li­te­ra­tur. Ich ge­he aber von ei­ner »ein­ge­schränk­ten Les­bar­keit« aus, die ei­ne Kunst-Af­fi­ni­tät beim Le­ser vor­aus­setzt.
    Dein Ar­gu­ment (Hin­ge­hen, Bü­cher neh­men, Los­le­gen) ver­deut­licht ei­gent­lich sehr gut die »Ra­tio­na­li­täts-Hy­po­the­se«, die über der li­te­ra­ri­schen Kunst schwebt, vor al­lem in Deutsch­land. Ich wür­de da vor­sich­tig wi­der­spre­chen: Li­te­ra­tur ist kein In­fo-Ma­te­ri­al. Die kann man nicht so ein­fach le­sen. Ich wür­de je­den­falls den un­ein­ge­schränk­ten Zu­gang zur Dis­kus­si­on stel­len. Das »Po­ten­zi­al«, dass der Le­ser mit­brin­gen muss, be­steht si­cher nicht in der Fä­hig­keit des Le­sens. Es be­steht auch nicht in der be­reits er­wor­be­nen Bil­dung. Es be­steht in et­was Drit­tem, ei­ner Af­fi­ni­tät... Si­cher nicht leicht zu be­schrei­ben.

  14. Nur noch ei­ne An­mer­kung zur Em­pha­se

    Dan­ke für den Link zu Win­kels – ich hat­te das da­mals ver­folgt aber ver­ges­sen.
    Er ist eben doch ein Pro­fi: Die Ver­kür­zung der Ent­wick­lung von Suhr­kamp-Kul­tur auf ki­wi-Kul­tur bringt es auf den Punkt.

    Aber dann fällt mir eben auch auf, wie sehr er auf den – als Ver­spre­chen so schwer ar­ti­ku­lier­ba­ren – „me­ta­phy­si­schen“ Grund des In­ter­es­ses am Ge­gen­stand Li­te­ra­tur ver­weist … und wie auch Fied­ler sei­ner­zeit ein­mal von Li­te­ra­tur spricht als der „Hei­li­gen Schrift […] in ei­ner Welt, die die über­kom­me­ne Re­li­gi­on ab­legt“. Of­fen­bar geht es al­so bei dem um­sorg­ten Ge­gen­stand um et­was Über­wer­ti­ges … an­schei­nend liegt hier die Crux. „Die ei­nen su­chen das wah­re Le­ben, die an­de­ren die wah­re Li­te­ra­tur“.

    Wenn Li­te­ra­tur – schrift­li­che Wer­ke ei­ner ir­gend­wie aus­le­ge­be­dürf­ti­gen Sprach­kunst – aber un­ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen als Er­satz für ir­gend­ei­nen Ho­ri­zont hö­he­rer Sinn­ge­bung fun­giert … muss dann nicht doch so­wohl die sach­li­che wie die em­pha­ti­sche Kri­tik dar­an min­dest-ent­spre­chen­de Ei­gen­schaf­ten auf­wei­sen? Und er­klär­te sich von da­her dann nicht auch als ihr schmerz­lich emp­fun­de­nes Ver­sa­gen?

    In ei­nem Satz al­so: Wenn der li­te­ra­risch-gno­sti­sche Text un­ser Lo­gos ist, ist ein Un­ge­nü­gen an der Kri­tik im­ma­nent.
    Und dann wä­re dem auch nie­mals zu ent­kom­men – auch nicht durch al­les Rin­gen dar­um.

  15. @Doktor D
    Den »po­pu­li­sti­schen Turn« im Auf­satz ver­ste­he ich nicht. Die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten sol­len sich ei­nen fau­len Schü­ler vor­stel­len? Stellt sich et­wa ein Koch ei­nen sat­ten Gast vor? Oder ein Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­ler soll­te die Rol­le des ad­vo­ca­tus dia­bo­li ein­neh­men und Fast­food ver­tei­di­gen? Schö­ne Ide­en – für klei­ne, ge­dan­ken­spie­le­ri­sche Es­says si­cher­lich ganz lu­stig. Für das Feind­bild von Neo­na­zis gibt es ja im­mer­hin schon die So­zio­lo­gie. Und es gibt be­stimmt ger­ma­ni­sti­sche Ar­bei­ten über »Mein Kampf«. Und war­um sind denn »un­zäh­li­ge an­de­re Stich­wor­te der Bil­dung und Auf­klä­rung« frag­wür­dig ge­wor­den? Und vor al­lem: Wel­che?

    Wenn sich die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten jetzt noch auf das Ni­veau der Spe­ku­la­ti­on be­ge­ben kann man die Sa­che wirk­lich so­fort sein­las­sen. Ich bin der fe­sten Über­zeu­gung, dass mich 95% al­ler ger­ma­ni­sti­schen Ar­bei­ten nicht für fünf Se­kun­den in­ter­es­sie­ren. Aber ich wür­de ih­nen nie­mals die »Be­rech­ti­gung« ab­spre­chen. Und dass sie viel­leicht in an­de­ren, eben­so her­me­ti­schen Zir­keln wie es bspw. Hand­ke-Sym­po­si­en sind von emi­nen­tem In­ter­es­se sein kön­nen.

    Der Wunsch nach der Po­pu­la­ri­sie­rung zielt ja ein biss­chen in die Rich­tung ei­ner Räu­mung des El­fen­bein­turms. Da­bei wä­re mir die Re­no­vie­rung erst ein­mal ge­nug. Denn die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaf­ten könn­ten so­gar die Li­te­ra­tur­kri­tik in­spi­rie­ren. Ich den­ke da an Ge­nau­ig­keit und auch Zeit. (Da­mit will ich den uni­ver­si­tä­ren Be­trieb nicht hei­lig­spre­chen.)

    Die Li­te­ra­tur­kri­tik des Feuil­le­tons müss­te ei­ne Zwi­schen­rol­le ein­neh­men. Man müss­te sich zwi­schen dem pu­ren Schlag­zei­len­jour­na­lis­mus und den ver­qua­sten Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lern po­si­tio­nie­ren. Da­für soll­te man den Le­ser, die Le­se­rin, nicht für dumm ver­kau­fen.

    Merk­wür­dig ist, dass ich dann fast Ih­ren Op­ti­mis­mus zur neuen/alten Le­se­kul­tur der li­te­ra­ri­schen Sa­lons vom An­fang des 20. Jahr­hun­derts tei­le. Nur dass die Teil­neh­mer über den gan­zen Glo­bus ver­streut sind. Der Sa­lon ist dann die Platt­form im Netz. Mehr als ein paar Hun­dert dau­er­haft In­ter­es­sier­te wird man kaum er­rei­chen. Da­von kann der »Markt« nicht exi­stie­ren. Aber viel­leicht ist es wirk­lich so, dass dem­nächst Au­toren und Kri­ti­ker nicht mehr zwin­gend dar­auf po­chen, von ih­ren Er­geb­nis­sen le­ben zu müs­sen.

  16. die_kalte_Sophie
    Na­tür­lich ist Li­te­ra­tur kein »In­fo-Ma­te­ri­al«: Aber die Af­fi­ni­tät zur Li­te­ra­tur er­langt man ir­gend­wann oder eben nicht. Es in­ter­es­siert sich ja auch nicht je­der für Mo­dell­flug­zeu­ge, ei­nen Ge­mü­se­gar­ten oder Nu­mis­ma­tik. Es be­steht ja kei­ne Pflicht, sich für Li­te­ra­tur zu en­ga­gie­ren.

    Das Pri­mat der Bil­dung mag hilf­reich sein. Es ist aber auch nicht un­be­dingt Vor­aus­set­zung. Bil­dung hat auch viel mit Vor­bil­dern zu tun. Wo die­se feh­len und Bil­dung kei­nen wich­ti­gen Stel­len­wert hat, wird je­de Eman­zi­pa­ti­on des In­tel­lekts schwie­rig sein.

  17. @en-passant
    Ich hal­te ja Emphatiker/Gnostiker für un­gün­sti­ge und miss­ver­ständ­li­che For­mu­lie­run­gen. Na­tür­lich soll­te auch ein »Gno­sti­ker« sei­nen Ge­gen­stand lei­den­schaft­lich, ja em­pha­tisch be­trach­ten kön­nen. Um­ge­kehrt miss­fällt mir na­tür­lich die­se Hei­lig­spre­chung des Li­te­ra­ri­schen. Das wird na­tür­lich ins­be­son­de­re von Schrift­stel­lern so dar­ge­stellt, die da­mit ih­re Wer­ke über­hö­hen und sich ein Stück weit der Kri­tik ent­zie­hen möch­ten. Der Winkels’sche Gno­sti­ker ist viel­leicht zu­nächst ein­mal nichts mehr als ein Le­ser, der sich ei­nem li­te­ra­ri­schen Text öff­net (ihn vor al­lem ein­mal liest). Hier­für ist ein ge­wis­ses Feu­er im­ma­nent. Das soll­te sich auch durch die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung nicht ab­ge­kühlt ha­ben. Der Em­pha­ti­ker im Winkels’schen Sinn wä­re der jour­na­li­sti­sche Schrei­ber, der Buch­emp­feh­ler und viel­leicht auch der so­ge­nann­te Buch­blog­ger, der kei­ne Ver­ris­se schreibt (weil er vor­her schon auf­hört zu le­sen) und es als mis­sio­na­ri­sche Auf­ga­be an­sieht, dass Buch X oder Au­tor Y ge­le­sen wird. Sol­che Leu­te ha­ben im Be­trieb ih­re Be­rech­ti­gung, sie aber als »Kri­ti­ker« zu be­zeich­nen, ist ein­fach falsch. (Die Lit-Blog­ger-Sze­ne krankt m. E. ge­nau dar­an, dass man dies tut.)

  18. Noch ein Bei­spiel, das ver­deut­li­chen könn­te, dass die Pro­ble­me der Li­te­ra­tur-Kri­tik kul­tur-im­ma­nent sind, viel­leicht im Sin­ne der von en-Pas­sant an­ge­spro­chen Lo­gos-Funk­ti­on.
    Es gibt bei der klas­si­schen Mu­sik ei­ne min­de­stens eben­so gro­ße Fall­hö­he zwi­schen der künst­le­ri­schen Lei­stung der In­ter­pre­ten, erst recht des Kom­po­ni­sten zum Pu­bli­kum. Trotz­dem kommt kei­ner der durch­aus be­schla­ge­nen Mu­sik-Re­dak­teu­re auf die Idee, er könn­te das sel­ber spie­len, oder er könn­te den Part des Di­ri­gen­ten bei der Or­che­ster-Pro­be über­neh­men. Will sa­gen: die­ser Ab­stand ist über­aus wohl­tu­end für al­le Be­tei­lig­ten und schützt vor »zu viel Ver­ant­wor­tung in den fal­schen Hän­den«. So wie ich auch Gre­gor im­mer wie­der ver­ste­he, gibt es die­ses Struk­tur bil­den­de Ge­fäl­le bei den Feuil­le­to­ni­sten nicht. Und manch ei­ner ver­sucht fol­ge­rich­tig selbst als Künst­ler zu re­üs­sie­ren. Dar­aus re­sul­tiert schlech­te Li­te­ra­tur, dar­aus er­ge­ben sich aber auch die all­fäl­li­gen Miss­ver­ständ­nis­se, näm­lich der­art... »Die Li­te­ra­tur-Kri­tik könn­te an der Un­zeit­ge­mäß­heit von Li­te­ra­tur maß­geb­lich schuld sein«.
    Da­mit will ich nicht sa­gen: zu­rück zu den Ge­nies. Ich wür­de aber be­haup­ten, die Kri­tik schreibt sich (ver­mut­lich un­be­wusst) ei­ne »fe­der­füh­ren­de Rol­le« ih­ren Ge­gen­stand be­tref­fend zu. Le­sen und Schrei­ben wer­den zu stark als kom­ple­men­tä­re Tä­tig­kei­ten be­grif­fen, wäh­rend die künst­le­ri­sche Ar­beit nur als »äs­the­ti­scher As­pekt« auf­taucht und als zweit­ran­gig gilt.

  19. Gu­ter Ver­gleich mit dem Mu­sik­kri­ti­ker und dem Or­che­ster. Da­bei ha­be ich nix ge­gen bel­le­tri­stik­schrei­bene Kri­ti­ker. Ich fin­de nur, dass sie ih­re Po­si­ti­on miss­brau­chen, wenn sie sich ge­gen­sei­tig ih­re Bü­cher »emp­feh­len«.

    Dass sich die Kri­tik ei­ne »fe­der­füh­ren­de Rol­le« zu­schreibt, ist na­tür­lich lo­gisch. Es ist auch nicht falsch. Sie ha­ben ja die­se Rol­le – im­mer noch. Und wer­den sie auch auf ab­seh­ba­re Zeit be­hal­ten. Der­zeit er­le­ben wir al­ler­dings auch ei­ne Kon­di­tio­nie­rung des Net­zes durch den Be­trieb (Stich­wort: Buch­preis­blog­ger). Das En­de ist of­fen.

    Die Äs­the­tik in der feuil­le­to­ni­sti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik ist prak­tisch seit Boh­rers Ab­gang bei der FAZ ge­stor­ben bzw. nur noch in Re­si­du­en prä­sent.

  20. Ich bin der Mei­nung, im Feuil­le­ton fin­det nicht Li­te­ra­tur­kri­tik statt, son­dern dort zeigt sich das Re­zen­si­ons­ge­wer­be im Rah­men sei­ner öko­no­mi­schen Vor­ga­ben.

    Noch vor al­lem In­halt­li­chen muss man mei­nes Er­ach­tens die öko­no­mi­schen Be­din­gun­gen der Pres­se und ih­rer Schrei­ber be­rück­sich­ti­gen, wenn man Ent­wick­lun­gen in den Feuil­le­tons ver­ste­hen will.

  21. Sehr in­ter­es­san­ter Be­richt, Herr Struck! Mein Ein­druck ist, dass man des­halb so an­ge­fasst re­agiert, weil man (min­de­stens in­tui­tiv, wenn nicht so­gar sehr ge­nau) weiss, dass grund­sätz­lich zu Recht (Stich­wor­te: Kum­pel­sy­stem und freund­lich-in­dif­fe­ren­te Re­zen­sio­nen) Kri­tik be­steht. Und, wie Sie das ja schon ge­schrie­ben ha­ben, man (der alt­ein­ges­se­ne Be­trieb) möch­te kei­ne kri­ti­sche Dis­kus­si­on dar­über füh­ren, we­der in­ner­be­trieb­lich, ge­schwei­ge denn Stim­men von au­ßer­halb des Be­trie­bes zur Kennt­nis neh­men, son­dern man will ir­gend­wie wei­ter­ma­chen wie bis­her, so­lan­ge es noch geht.

    Aber zu den 14111 Neu­erschei­nun­gen und den 200 Be­spre­chun­gen im Main­stream­feuil­le­ton: Das kann, glau­be ich, so nicht stim­men, auch nicht über­schlä­gig. Laut Wi­ki­pe­dia https://de.wikipedia.org/wiki/Belletristik#Marktsegment_Belletristik tei­len sich die bel­le­tri­sti­schen Neu­erschei­nun­gen auf in ‘er­zäh­len­de Li­te­ra­tur’ (2009 war das ein An­teil von 47,2%), ‘Span­nung’ (28,3%), ‘Co­mic’, ‘Fan­ta­sy’ usw. Und die­se 47% (neh­men wir die­sem Wert mal an für das Jahr 2014) dürf­ten auch nicht nur aus rei­ner ‑hier in­ter­es­sie­ren­der- ernst­haf­ter Li­te­ra­tur be­stehen, son­dern auch Tri­vi­al­li­te­ra­tur be­inhal­ten (man schaue sich z.B. nur mal bei Ama­zon die Ab­tei­lung »Bü­cher« und dann im Be­reich »Bel­le­tri­stik« die Ka­te­go­rie »Romane&Erzählungen« an). In­ter­es­sant zu wis­sen wä­re al­so, wie­viel von den 47% (bei 14111 Ti­teln Neu­erschei­nun­gen im Jahr 2014 wä­ren das 6632 Ti­tel) ernst­haf­te Li­te­ra­tur noch üb­rig blie­be, die für ei­ne Be­spre­chung im Feuil­le­ton so­zu­sa­gen qua Gat­tung in Fra­ge kä­me. Wä­ren es noch 4000 Buch­ti­tel? 3000? Oder viel­leicht noch we­ni­ger? Ir­gend­wo da­zwi­schen? Es sind dann im­mer noch vie­le Ti­tel, aus de­nen ei­ne Aus­wahl ge­trof­fen wer­den müss­te, aber schon weit­aus we­ni­ger.

    Und die 200 an­ge­nom­me­nen Re­zen­sio­nen sind mei­ner Mei­nung zu tief ge­grif­fen. Al­lein in der FAZ soll es nach Aus­sa­ge von San­dra Ke­gel* (30.1.2015, 20. Main­zer Kol­lo­qui­um, https://www.youtube.com/watch?v=7QKokIz8nbU ab Mi­nu­te 3) im Jahr 2014 ins­ge­samt 1900 Kri­ti­ken ge­ge­ben ha­ben, man müss­te na­tür­lich auch hier die rein bel­le­tri­sti­schen Kri­ti­ken er­mit­teln. Für den Zeit­raum 2001 bis 2013 hat das Mi­cha­el Pilz bei http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20272 ver­sucht, in­dem er die vom Per­len­tau­cher be­haup­te­ten stark rück­läu­fi­gen Zah­len ‑an­geb­lich knapp 50% we­ni­ger Li­te­ra­tur­kri­ti­ken im Jahr 2013 im Ver­gleich zum Jahr 2001 in vom ihm ge­scann­ten Zei­tungs­feuil­le­tons- mit de­nen vom Inns­brucker Zei­tungs­ar­chiv zur deutsch- und fremd­spra­chi­gen Li­te­ra­tur ver­gli­chen hat (die Per­len­tau­cher­zah­len wa­ren ja ei­ner der Aus­gangs­punk­te der von Jörg Sun­dermei­er an­ge­sto­sse­nen De­bat­te um die Li­te­ra­tur­kri­tik). Das Er­geb­nis war, dass er ei­ne Hal­bie­rung in dem ge­nann­ten Zeit­raum so nicht nach­voll­zie­hen konn­te, bei ei­ni­gen Re­dak­tio­nen war es zwar leicht rück­läu­fig, bei an­de­ren war al­ler­dings so­gar ein leich­ter An­stieg bis 2013 zu ver­zeich­nen.

    Nimmt man al­so die Zah­len der bel­le­tri­sti­schen Be­spre­chun­gen für das Jahr 2013 aus dem Pilz-Ar­ti­kel: 632 (FAZ)+ 538 (SZ)+ 334 (WELT)+ 470 (NZZ)= 1974 (es feh­len Zah­len für TAZ, ZEIT und FR, al­so ge­schätzt um die ca. 500–700) oder die vom Per­len­tau­cher: 2200, und ver­gleicht die­se mit der An­zahl der tat­säch­li­chen bel­le­tri­sti­schen Neu­erschei­nun­gen (ir­gend­wo zwi­schen 6632 und 3500–4500, je nach­dem), lässt sich der An­spruch der »Se­lek­ti­ons­au­to­ri­tät« des Feuil­le­tons, al­so im­mer­hin doch zwi­schen 33% bis 50% der li­te­ra­ri­schen Neu­erschei­nun­gen be­spro­chen zu ha­ben, zu­min­dest rein zah­len­mä­ßig nach­voll­zie­hen. Man müss­te Mehrfach‑, und Be­spre­chun­gen in den Buch­bei­la­gen der Zei­tun­gen ab­zie­hen etc., aber die Ten­denz dürf­te klar sein (es sei denn, ich ha­be ir­gend­wo ei­nen Denk- oder Zah­len­feh­ler drin).

    Ich fin­de die­se Zah­len doch ei­ni­ger­ma­ssen über­ra­schend, da­mit hät­te ich nicht ge­rech­net. Gibt es am En­de viel­leicht so­gar zu­vie­le (mit­hin über­flüs­si­ge, weil qua­li­ta­tiv ver­nach­läs­sig­ba­re) Be­spre­chun­gen? En­ste­hen die vie­len freund­lich-in­dif­fe­ren­ten Kri­ti­ken nicht nur, weil es ein Kum­pel­sy­stem gibt, son­dern auch ein­fach des­halb, weil zu­viel »raus­ge­hau­en« wird. Müss­te man sich al­so quan­ti­ta­tiv ein­schrän­ken und da­für um­so mehr Wert auf Ge­nau­ig­keit (Prä­zi­si­on), Ein­zig­ar­tig­keit (Wie­der­erken­nungs­wert, Poin­tiert­heit) und Kunst­fer­tig­keit (Li­te­ra­ri­zi­tät) der je­wei­li­gen Re­zen­si­on le­gen?


    *Sie er­wähnt in dem Vi­deo kurz vor­her, dass es in Deutsch­land im Jahr 2014 ins­ge­samt ‑al­le Me­di­en zu­sam­men­ge­rech­net- 20000 Buch­be­spre­chun­gen ge­ge­ben ha­ben soll ‑ei­ne Zahl, die sie aber nicht be­wei­sen kön­ne, da sie sie auch nur ge­hört ha­be.

  22. Vie­len Dank für den Kom­men­tar (er war we­gen der vie­len Links in der »Mo­de­ra­tios­schlei­fe«). Lt. Be­rich­ten von In­gold und Knö­rer gab es 2013 rund 15.000 Neu­erschei­nun­gen »Bel­le­tri­stik«. Für die­ses Seg­ment be­rich­tet der Bör­sen­ver­ein für das Jahr 2014 die Zahl 14.111. Da­bei soll es sich um Erst­auf­la­gen han­deln. Die­se Zahl ha­be ich ge­nom­men.

    Selbst wenn die Zahl der 1900 Kri­ti­ken von Frau Ke­gel stim­men soll­te, in­klu­die­ren die­se mit Si­cher­heit Sach­bü­cher und Kin­der- und Ju­gend­li­te­ra­tur, und noch an­de­res. Auch die von Ih­nen ge­nann­te Rech­nung hat m. E. ei­nen Pfer­de­fuss, weil sie Dop­pel- und Drei­fach­be­spre­chun­gen in den Feuil­le­tons nicht be­rück­sich­tigt. Den­ken Sie an die »üb­li­chen Ver­däch­ti­gen« wie Grass, Wal­ser, die Ame­ri­ka­ner, usw., die in je­dem Feuil­le­ton min­de­stens 1 x be­spro­chen wer­den. Nur ein Bei­spiel: Die 35 Bü­cher der bei­den Lon­g­lists (Leip­zig / Frank­furt) lie­fern wo­mög­lich mehr als 200 Re­zen­sio­nen von in­ter­es­san­tem Um­fang. Es blei­ben aber »nur« 35 Bü­cher.

    Cher­vel vom Per­len­tau­cher geht bei sei­ner The­se der zu­rück­ge­hen­den Zah­len von Re­zen­sio­nen von ei­ner ge­wis­sen Text­län­ge aus und blen­det bei­spiels­wei­se die »Emp­feh­lun­gen« der Re­dak­teu­re, die nur we­ni­ge Zei­len um­fas­sen, aus. Knö­rer hat­te das neu­lich ir­gend­wo her­aus­ge­stellt.

    Was nicht aus­schließt, dass mei­ne Zahl von 200 ver­schie­de­nen be­spro­che­nen Bü­chern viel­leicht wirk­lich zu pes­si­mi­stisch ist (ich mei­ne da­mit aber auch wirk­lich re­zen­sier­te Bü­cher, nicht Ur­laubs- oder Weih­nachts­emp­feh­lun­gen). Aber ei­ne Quo­te von 33% oder gar 50% er­reicht das Feuil­le­ton (d. h. die vom Per­len­tau­cher un­ter­such­ten Zei­tungs-Me­di­en) nie.

    Dass zu­viel an Re­zen­sio­nen »raus­ge­hau­en« wird se­he ich den­noch auch so. Aber das hat mit der elen­den Red­un­danz zu tun. Je­der be­spricht die Groß­au­toren plus In­ter­views und Home-Sto­ries. Für an­de­re Bü­cher hin­ge­gen fin­det man nur we­ni­ge Zei­len.

  23. Ich hät­te das Un­zeit­ge­mä­ße der Li­te­ra­tur so ver­an­schlagt: Län­ge, Kom­ple­xi­tät, kon­zen­trier­te Be­schäf­ti­gung, Ein­kehr von Ru­he, ja Stil­le, usf. — An­son­sten: Schö­ne Dis­kus­si­on!

  24. Ja, stimmt: Li­te­ra­tur er­for­dert Kon­zen­tra­ti­on, Ru­he, bis zu ei­nem ge­wis­sen Maß auch Hin­ga­be, vor al­lem aber Ru­he. Das ist tat­säch­lich al­les ziem­lich »un­zeit­ge­mäss«.

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  26. Ich ha­be mir mal den Spass (na­ja) ge­macht, aus An­lass des Deut­schen Buch­prei­ses ’15 bzw. der Lon­g­list die An­zahl der Re­zen­sio­nen der Buch­preis­blog­ger mit de­nen des Main­stream­feuil­le­tons ab­zu­glei­chen, die der Per­len­tau­cher in sei­ner täg­li­chen Bü­cher­schau li­stet. Das scheint viel­leicht et­was un­fair, Li­te­ra­tur­blogs ge­gen be­ruf­li­che Feuil­le­to­ni­sten an­tre­ten zu las­sen, aber im­mer­hin wer­den die Buch­preis­blog­ger ja die­ses Jahr auf der Buch­preis­sei­te des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels zwecks Vor­stel­lung der Lon­g­list ex­tra ge­fea­tured. Hier -> https://docs.google.com/spreadsheets/d/1kf_GeA8hykb3yKSmHYz7ydA3D2EacfDXJRhsP-_gaLQ/pubhtml kann man sich das an­schau­en (muss mal se­hen, ob ich die Li­ste nur bis zur Short­list näch­sten Mitt­woch oder auch noch dar­über hin­aus wei­ter­füh­re).

    Es ist da­mit noch nichts über die Qua­li­tät der Be­spre­chun­gen ge­sagt, aber in­ter­es­sant fin­de ich, dass al­le No­mi­nie­run­gen der dies­jäh­ri­gen Lon­g­list bis auf ei­ne Aus­nah­me vom Zei­tungs­feuil­le­ton be­reits durch­weg be­spro­chen wor­den sind, al­ler­dings schon das gan­ze Jahr hin­durch. Die Buch­preis­blog­ger hin­ge­gen hin­ken rein zah­len­mä­ssig (noch) et­was hin­ter­her, ha­ben da­für weit­ge­hend auch erst mit der Be­kannt­ga­be der Lon­g­list mit ih­ren Bei­trä­gen be­gon­nen (3 Bü­cher wur­den aber schon im Früh­jahr re­zen­siert).

    An­de­rer­seits sieht man bei den Zei­tun­gen, dass es dort sehr vie­le Mehr­fach­be­spre­chun­gen gibt ‑bis jetzt et­wa 61%, be­rück­sich­tig­te man auch al­le an­de­ren Bei­trä­ge im Rundfunk/TV etc. wä­re die Quo­te wohl noch hö­her (ich neh­me in die­sem Zu­sam­men­hang üb­ri­gens mei­ne viel zu op­ti­mi­sti­schen An­nah­men zur Deu­tungs­ho­heit ein paar Kom­men­ta­re wei­ter oben hier­mit zu­rück und be­haup­te das Ge­gen­teil, ähem...)-, die bei den Buch­preis­blog­gern nur et­was ge­rin­ger aus­fal­len ‑et­wa 42%.

    Und ‑Stich­wort Er­for­der­nis des ru­hi­gen und kon­zen­trier­ten Le­sens- ich ha­be mal ver­sucht, das Le­sepen­sum der Buch­preis­ju­ry (zu­ge­ge­be­ner­ma­ssen ist das spe­ku­la­tiv, da die ein­ge­reich­ten Ti­tel ja nicht be­kannt­ge­ge­ben wer­den) zu er­mit­teln, die im­mer­hin aus 167 ein­ge­reich­ten Ro­ma­nen 20 Ti­tel aus­wäh­len muss­te (mei­ne Schät­zung, aus­ge­hend von der Lon­g­list, die ei­nen Um­fang von 7800 Sei­ten, al­so 390 Seiten/Buch im Durch­schnitt hat: 167 Ro­ma­ne oder 65130 Sei­ten in 125 Ta­gen er­ge­ben 521 Sei­ten Le­se­stoff pro Tag (!) von Mit­te April bis Mit­te Au­gust zur Lon­g­list; sie­he da­zu die Aus­füh­run­gen ganz am En­de der Ta­bel­le. Man kann sich die Fra­ge stel­len, wie se­ri­ös die Aus­wahl der Lon­g­list ist, wenn man sich mal das schie­re Le­sepen­sum vor Au­gen hält, das be­wäl­tigt wer­den muss­te, von Kon­zen­tra­ti­on und Ru­he möch­te man da gar nicht erst spre­chen.

  27. @Wolfgang B
    Vie­len Dank für die Mü­he. Ich weiss jetzt nicht ge­nau, seit wann die so­ge­nann­ten »Buch­preis­blog­ger« von ih­rer Eh­re Kennt­nis er­hal­ten hat­ten. Das Hin­ter­her­hin­ken könn­te auch da­mit zu tun ha­ben, dass sich die Aus­er­wähl­ten in der Re­gel eher sel­te­ner mit den Bü­chern be­schäf­ti­gen, die im Feuil­le­ton rauf und run­ter re­zen­siert wer­den. (Das ist ein Ge­fühl.)

    Ge­ne­rell fin­de ich sol­che vir­tu­el­len Le­se­ver­an­stal­tun­gen sehr merk­wür­dig. Es ist wohl nicht mehr als ei­ne Pro­mo­ti­on­maß­nah­me für den Buch­preis.

    Ih­re Rech­nung zu den 167 ein­ge­reich­ten Bü­chern spricht auch Bän­de. 521 Sei­ten Lek­tü­re pro Tag sind zwar theo­re­tisch mach­bar, aber nur wenn ich nichts an­de­res mehr ma­che als schla­fen und le­sen. Win­kels hat­te 2013 ja von 400 (oder 450) Bü­chern ge­spro­chen, die man zum Leip­zi­ger Buch­preis ha­be le­sen müs­sen. Es ist längst ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass die Lek­tü­ren auf­ge­teilt wer­den. Nie­mand liest al­les. Um bei der Rech­nung zu blei­ben: 521 : 7 er­gibt 74. Auch muss man wohl be­rück­sich­ti­gen, dass die Bü­cher nicht von A bis Z ge­le­sen wer­den. So bleibt noch viel Zeit für Ju­ry­sit­zun­gen, Buch­vor­stel­lun­gen, Re­dak­ti­ons­be­spre­chun­gen und All­tag.

  28. Phan­tom­schmer­zen an nicht feh­len­den Glie­dern

    Je­der, der „drau­ßen“ (au­ßer­halb der Zo­ne des Schö­nen, Gu­ten, Wah­ren) ar­bei­ten muss, weiß, dass man mit Dienst nach Vor­schrift in sei­nem Be­ruf nicht zu Ran­de kommt. In­so­fern wird man be­reit sein müs­sen, auch beim Be­wäl­ti­gen von zu vie­len, oft Ner­ven zer­rend lang­wei­li­ger Schmö­ker da Zu­ge­ständ­nis­se zu ma­chen.

    Und nach dem wahr­lich er­hel­len­den Knö­rer-Text im Mer­kur wird ei­nem auch klar, dass das Kri­ti­ker-Da­sein vie­le vie­le un­gla­mou­rö­se Sei­ten hat, dass et­was dar­an so­gar – bei ei­nem doch ehe­mals ge­lieb­ten Ge­gen­stand: schö­ner Li­te­ra­tur – ei­nem manch­mal wo­mög­lich ganz elend an­kom­men kann.

    Da­zu scheint es eh, dass die per­for­ma­ti­ve Sei­te – Win­kels oder wer auch im­mer dann im Ka­me­ra­blick, der in der Auf­re­gung die Ju­ry­ent­schei­dun­gen rü­ber­brin­gen und Kom­pe­tenz ver­kau­fen muss) – wich­ti­ger ist, als die, die das Pu­bli­kum eh nicht sieht / ver­steht, weil die­se Ar­beit kei­ne Schau­sei­te hat. (Oder hät­te sie? Die Kla­gen­furt-Dis­kus­sio­nen sind ja doch oft er­hel­len­der als die Tex­te, und er­gie­bi­ger so­wie­so.)

    Das per­p­etu­ier­te Miss­ver­ständ­nis scheint al­so le­dig­lich mal wie­der die For­de­rung, von Bü­chern – we­gen ih­rem kul­tu­rel­lem Ge­halt – als et­was an­de­rem als Wa­ren zu spre­chen. Der Dop­pel­cha­rak­ter, dem kul­tu­rel­le Pro­duk­te un­ter­lie­gen, zei­gen al­so im Mo­ment ih­rer Markt­ab­hän­gig­keit ih­re ent­spre­chen­de Am­bi­va­lenz. Die Li­te­ra­tur, die Le­ser, al­le, je­der­mann kämpft um sein „Ge­schäfts­mo­dell“, wir al­le sind [Meinungs-]Unternehmer in ei­ge­ner Sa­che, exi­sten­zi­el­le Ich-AGs. Und re­den, je­der­mann, über al­les, über­all, tut heu­te auch so­wie­so je­der. Da ent­lässt ei­nen der Fort­schritt eben auch nicht aus sei­nen In­kom­pe­ten­zen.

    All die Ba­na­li­tä­ten – ver­stärkt nun um die Zah­len­spie­le von Wolf­gang B. – nur als Vor­re­de für die Fra­ge, die mir dar­über jetzt kam:
    Viel­leicht hat Ur­su­la März ja doch (ein biss­chen) Recht?

    (In all dem me­dia­len Durch­ein­an­der, im Nach­las­sen der Stan­dards, im zu­neh­men­den Zwang zur Se­lek­ti­on über­all geht es wo­mög­lich er­neut vor al­lem um die Ver­la­ge­rung von Kom­pe­tenz an die Emp­fän­ger, die Kon­su­men­ten, die Selbst­be­die­ner, die „mün­di­gen Bür­gern“? Der Preis wä­re al­so wie­der mal nur der, der auch sonst über­all fäl­lig wird: die Zu­nah­me an der Kom­ple­xi­tät, sich sein Bild über sei­ne Her­zens-Sa­chen aus mehr und mehr Split­tern ma­chen zu müs­sen, und viel­leicht müss­te die Fra­ge eher lau­ten: War­um soll da ir­gend et­was noch ei­ne Aus­nah­me sein?)

  29. Na­ja, wel­ches Ar­beits­le­ben ist schon im­mer gla­mou­rös oder auch nur »er­fül­lend«? Über das be­ruf­li­che Elend könn­ten auch Ma­na­ger, Po­li­ti­ker oder Pop­stars kla­gen (was sie ja zu­wei­len auch tun). Und das wä­re ja auch nicht im­mer falsch. Aber ist es auch rich­tig? Man fra­ge mal die Frau an der Al­di-Kas­se, den Lackie­rer in der Werk­statt oder den Mann, der je­den Mitt­woch um 6 Uhr früh die Müll­ton­nen auf die Stra­ße schiebt für sei­ne Kol­le­gen, die dann 20 Mi­nu­ten spä­ter mit dem Wa­gen kom­men.

    Ich las­se das nicht gel­ten. Kri­ti­ker ist, wo es denn noch ein Be­ruf ist, ein pri­vi­le­gier­tes Da­sein. Sie sä­en nicht, sie ern­ten nicht, aber man er­nährt sie doch. Ihr Pri­vi­leg be­steht u. a. dar­in an­de­rer Leu­te Lei­stung auf den Schild zu hel­fen – oder eben nicht. Hier­für kann und muss man sie be­fra­gen, ih­re Kri­te­ri­en nach­voll­zie­hen und den Fin­ger in ei­ne wo­mög­lich klaf­fen­de Wun­de le­gen. Zu­mal wenn sie ein Spiel spie­len – das Spiel der Wis­sen­den.

    Na­tür­lich sind Selbst­ver­pflich­tun­gen oder ethi­sche Richt­li­ni­en die Por­ti­on Opi­um für den je­wei­li­gen Be­trieb sel­ber, ob FIFA, Daim­ler Benz oder ei­ne ARD-An­stalt. Je­des grö­sse­re Un­ter­neh­men hat heu­te sei­ne »Codes of Con­duct«. Ge­dul­di­ges Pa­pier, par­al­lel ge­locht und ab­ge­hef­tet. Aber das sind die Ge­setz­bü­cher auch, oh­ne das man sie in den Or­kus ver­bannt.

    Na­tür­lich hat Frau März recht, dass sol­che Dis­kus­sio­nen »sinn­los« sind. Aber dann sind (1.) al­le Dis­kur­se ir­gend­wie sinn­los und man macht am be­sten so wei­ter wie bis­her. Dann stellt sich aber (2.) die Fra­ge, war­um man ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem sol­chen Ge­spräch an­nimmt. Das hat im üb­ri­gen auch et­was mit An­stand und Höf­lich­keit zu tun; bei­des fehl­te es ihr sicht- wie hör­bar. Die Dia­gno­se der Sinn­lo­sig­keit sel­ber ist ei­ne Sa­che des Stand­punkts: Wenn ich mit­ten im Sy­stem bin, ist al­les, was die­ses Sy­stem auch nur be­fragt, sinn­los oder, et­was elo­quen­ter viel­leicht: über­flüs­sig.

    Na­tür­lich nimmt die me­dia­le Kom­ple­xi­tät zu – auch was die Li­te­ra­tur­kri­tik an­geht (die oft eher »Buch­kri­tik« ist, al­so af­fir­ma­tiv, emp­feh­lend). Das führt zwangs­läu­fig zur Zer­split­te­rung des Me­di­en­rau­mes – et­was, was je­mand wie Schüt­te ja im Som­mer auf­hal­ten woll­te (aber wohl nicht zu ver­mei­den ist). Vor al­lem die zeit­li­chen Res­sour­cen der Le­ser sind aber be­grenzt. Je­der Blog wie die­ser hier stellt für den eta­blier­ten Be­trieb ei­ne Wett­be­werbs­si­tua­ti­on dar. Auch, wenn es nur um 50 oder 100 Klicks geht – die­se Auf­merk­sam­keit fehlt u. U. den »eta­blier­ten« Me­di­en. Hier sind’s 50 Klicks, an­ders­wo viel­leicht schon 1000. Und es gibt Hun­der­te von Buch‑, Li­te­ra­tur- und Feuil­le­ton­sei­ten im Netz. Der nor­ma­le Le­ser hat viel­leicht nur drei Stun­den in der Wo­che Zeit und Lust. Frü­her kauf­te er die Zeit, den Spie­gel. Und jetzt? Ich ken­ne Leu­te, die kau­fen sich die Buch­mes­sen­bei­la­gen der gro­ßen Zei­tun­gen. Die wer­den ge­sta­pelt. Und dann, Mo­na­te, Jah­re spä­ter beim Auf­räu­men lan­den sie un­ge­le­sen auf den Müll. Von den Bü­chern, die man kauft und/oder sich schen­ken lässt, ist da noch gar kei­ne Re­de.

  30. Hm, aber es be­steht doch kein Kon­sens in der Dia­gno­se, im Zu­stand der Kri­tik? Müss­te Frau März en-pas­sants Fest­stel­lung der End­ver­brau­cher­aus­la­ge­rung nicht wi­der­spre­chen? Eben weil sie den Zu­stand der Kri­tik bes­ser be­wer­tet und da­her da­von (Aus­la­ge­rung) nicht spre­chen könn­te?

  31. Selbst Frau März kon­ze­dier­te, dass die Kraft der li­te­ra­ri­schen Dis­kur­se, mit­hin die Kri­tik nicht mehr den Stel­len­wert hat wie vor 20 oder 30 Jah­ren. Sie macht dies je­doch nicht am (in­tel­lek­tu­el­len) Zu­stand der Kri­tik sel­ber fest (oder nur da­hin­ge­hend, wo man sich zu sehr mit der Kri­tik sel­ber be­schäf­ti­ge statt mit Li­te­ra­tur­de­bat­ten), son­dern er­klärt dies mit ver­scho­be­nen Prio­ri­tä­ten. Ich ha­be in Er­in­ne­rung, dass sie die Ar­chi­tek­tur­kri­tik nann­te, die ei­nen grö­sse­ren Stel­len­wert be­kom­men ha­be. Wo die­ser Stel­len­wert ge­mes­sen wur­de, sagt sie nicht. Ich neh­me an, dass sie das Feuil­le­ton meint und da­mit glaubt, das sei die Welt, in der sich 99% der Be­völ­ke­rung tum­me­le.

    März glaubt, dass man mit »Li­te­ra­tur­de­bat­ten« die Auf­merk­sam­keit zu­rück­ge­win­nen kön­ne. Es ist aber ei­ne Auf­merk­sam­keit für sie, die Kri­ti­ker, sel­ber. Sie be­an­spru­chen die aus­schließ­li­che Au­to­ri­tät. Ex­pli­zit nann­te sie die so­ge­nann­te »Chri­sta-Wolf-De­bat­te« (nä­he­res da­zu kann man hier, hier oder hier nach­le­sen). Da­nach ha­be es – so März auch ein biss­chen nost­al­gisch – kei­ne sub­stan­zi­el­le Li­te­ra­tur­de­bat­te mehr ge­ge­ben. Die Ge­gen­be­wei­se da­zu, die mir spon­tan ein­fal­len, ste­hen im Text.

    Für März et. al. spie­len sich die­se Li­te­ra­tur­de­bat­ten aus­schließ­lich nach ei­nem Ping­pong-Sy­stem in sechs, sie­ben oder ma­xi­mal acht Me­di­en ab. A schreibt in Me­di­um Z, dann ant­wor­tet B in Me­di­um Y. Da­nach C in Me­di­um X als Ant­wort auf B, usw. Die Öf­fent­lich­keit hat bei die­sen De­bat­ten zwei Funk­tio­nen: Sie re­zi­piert. Und sie kauft die je­wei­li­gen Me­di­en­pro­duk­te. An­dern­falls »ver­passt« sie ei­nen Bei­trag. (Ich ha­be letz­te­res frü­her ab und an ver­hin­dert, in dem ich in der Stadt­bi­blio­thek im Le­se­saal die ent­spre­chen­den Bei­trä­ge ge­le­sen ha­be.)

    Die On­line­me­di­en trans­por­tie­ren sol­che De­bat­ten­bei­trä­ge prak­tisch in Echt­zeit. Nur ei­ni­ge we­ni­ge ver­stecken sich hin­ter Be­zahl­schran­ken. Grund­sätz­lich aber gilt: Die pu­bli­zi­sti­schen Vor­aus­set­zun­gen für die­se »De­bat­ten« sind gün­sti­ger denn je. Und tat­säch­lich fin­den sie ja auch statt, aber eben nicht mehr aus­schließ­lich dort, wo Frau März sie ger­ne ha­ben möch­te. Das schafft zwei Krän­kun­gen: (1.) Die De­bat­ten­bei­trä­ge der Teil­neh­mer müs­sen um Auf­merk­sam­keit buh­len, da es sehr viel schnel­ler Tex­te ge­ben wird. Das quan­ti­ta­ti­ve An­ge­bot steigt – was na­tür­lich auch die Ho­no­rar­fra­ge de­rer tan­giert, die da­von le­ben müs­sen. (2.) Die­se Er­hö­hung der Pu­bli­ka­ti­ons­dich­te und de­ren Ge­schwin­dig­keit ver­führt zu vor­schnel­len Bei­trä­gen. Re­cher­che­lei­stun­gen sind zeit­auf­wen­dig. Al­so un­ter­blei­ben sie. Mehr Quan­ti­tät be­deu­tet nicht mehr Qua­li­tät. Und das be­trifft al­le Mit­spie­ler, eben auch Frau März.

    Das Feuil­le­ton hat nun zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der man ver­wirft all die »schreck­li­chen« In­ter­net­platt­for­men, Blogs und Ma­ga­zi­ne als mehr oder we­ni­ger tri­vi­al und über­flüs­sig. Oder man ver­sucht se­lek­tiv ei­ni­ge An­ge­bo­te zu in­te­grie­ren. Der­zeit geht die Ten­denz zu letz­te­rem, wo­bei man auch auf die pri­vatim be­trie­be­nen Blogs und Web­sei­ten von Re­zen­sen­ten zu­rück­greift. Wenn es heisst, dass Herr A oder Frau B blog­gen, be­deu­tet dies im­mer ei­ne hier­ar­chi­sche Ab­stu­fung: Feuil­le­ton ist top – Blogs von Re­zen­sen­ten sind Spiel­wie­sen, Re­ster­am­pen. Das se­riö­se An­ge­bot steht an­ders­wo. Und »Blog­ger« al­lei­ne be­deu­tet in die­sem Zu­sam­men­hang im­mer zweit­klas­sig; nerdig.

  32. Den Fo­kus im Blick ha­ben

    Al­so dass März (die sich doch häu­fig auf Sa­chen im Netz be­zieht, so­wohl als Kri­ti­ke­rin wie als Zeit-Bei­trä­ge­rin) da per se ei­ne ex­pli­zi­te Di­stanz des Feuil­le­tons be­haup­tet (oder ei­ne „Hö­he“ wie et­wa Man­gold), se­he ich bis­lang nicht.

    Dass sie sich aber als je­mand im Sy­stem auf des­sen wich­ti­ge­ren Re­fe­ren­zen be­zieht, wä­re kein Wi­der­spruch son­dern eben wie­der ei­ner pro­fes­sio­nel­len Not­wen­dig­keit ge­schul­det: Sie will ja da auch be­merkt wer­den. Sie wird ja schließ­lich auch be­zahlt für ih­re ZEIT-Bei­trä­ge, Win­kels lädt sie ins LCB ein usw. Das kann man ihr an­krei­den, es ge­hört aber zum „Be­rufs­bild“.

    Wo­mög­lich ist es aus ih­rer Sicht trotz­dem mü­ßig, sich jetzt auch noch in den we­ni­ger ar­ri­vier­ten, we­ni­ger re­le­van­ten On­lineor­ten zu ver­zet­teln. (Das tun die Feuil­le­ton-Nam­haf­ten ja fast al­le nicht – nicht, weil sie on­line nicht auch le­sen und re­zi­pie­ren, son­dern weil es so­fort mehr Ar­beit für sie be­deu­ten wür­de, und sei es nur, in den Äu­ße­run­gen über sich sel­ber auf dem Lau­fen­den zu sein. Je­mand, der öf­ter im Feuil­le­ton vor­kommt er­klär­te mir ein­mal ernst­haft, dass das Selbst-Goo­geln zu sei­nen „täg­li­chen Pflich­ten“ ge­hör­te.)

    Da­zu kommt, wenn man sich ein­mal auf den „Mei­nungs­markt“ be­ge­ben hat, kommt man leicht dort um: Ich mei­ne nicht mal die Ge­fahr von Schei­ße­stür­men etc. Aber so­gar die ent­le­gend­sten, die teil­wei­se mei­nen Über­zeu­gun­gen wi­der­spre­chend­sten Hal­tun­gen schei­nen manch­mal an­ge­mes­sen, weil man ge­lernt hat und ler­nen muss, völ­lig di­ver­gie­ren­de Stand­punk­te zu­min­dest in der ak­tu­ell vor­ge­fun­de­nen Äu­ße­rungs­form zu prü­fen. „Nichts ist oh­ne sein Ge­gen­teil wahr.“ Aber Ur­teils­fe­stig­keit und Kon­si­stenz im Den­ken sind für uns Mul­ti-Op­tio­ni­sten eben auch nicht mehr durch­ge­hend an­ge­sagt. Das al­les zu ver­ar­bei­ten ist für Pro­fis in dem Ge­samt­wahn­sinn „Öf­fent­lich­keit“ wo­mög­lich gar ge­fähr­lich?

    Ich fra­ge mich aber auch, ob die Hier­ar­chi­sie­rung nicht auch aus an­de­ren (oder von mir aus so­gar an­de­ren ne­ben-pro­fes­sio­nel­len Grün­den: et­wa die üb­li­che Di­stanz­lo­sig­keit in den Fo­ren, die schril­len Tö­ne, Ge­duzt­wer­den, man­geln­de Re­fle­xi­on über den Ge­gen­stand usw.) un­aus­weich­lich ist, wenn man eben sub­jek­tiv doch mal ei­ne ge­wis­se Hö­he er­reicht hat. Ge­ra­de dass sie dort nicht ex­klu­siv sind, wis­sen Jour­na­li­sten ja in­zwi­schen sehr wohl (wie eben auch der Me­dia Markt- oder sonst was-Ver­käu­fer ge­gen­über sei­nem Kun­den oft nicht mehr, der xfach sei­ne Kauf­in­ter­es­sen durch Ver­tie­fung in den Ge­gen­stand ab­ge­si­chert hat).

    Sind die Blog­ger, die es in die FAZ ge­schafft ha­ben nicht an­schlie­ßend auch ein Trepp­chen hö­her ge­stie­gen? Die ar­chai­sche so­zia­le Rang­fra­ge ist ja doch tie­fer im­ple­men­tiert, als wir De­mo­kra­tie-ge­schul­ten, Mit­spra­che For­dern­den al­le glau­ben. Auch die Blog­ger ha­ben ih­re Al­phas, nicht je­der wird für Ant­wort wür­dig be­fun­den, manch­mal hat man den Ein­druck, es geht auch öf­ter mal um ein gar nicht aus­ge­spro­che­nes „Ar­gu­ment“. Es lie­fe dann auch die Kri­tik an der Kri­tik eben auf Au­ßer­li­te­ra­ri­sches hin­aus: Auf ei­ne im­pli­zit ver­lang­te Bes­ser­stel­lung – mit den ein­zu­ge­hen­den oder als Fal­len war­ten­den Un­tie­fen da (et­wa wie im Fe­mi­nis­mus: der lau­fend neue sich zu ze­men­tie­ren su­chen­de Frau­en­bil­der her­bei­ar­gu­men­tiert).

    (Viel­leicht müss­te man über­haupt die Kri­tik an der Kri­tik noch ein­mal ge­nau­er fas­sen, wenn es nicht nur ein Re­kur­rie­ren auf al­te, aber we­ni­ger zeit­ge­mäß er­schei­nen­de Wer­te meint? Le­se ge­ra­de so ei­ne al­te En­zens­ber­ger-Suhr­kamp­sa­che, und oh­ne je ein be­son­de­rer Freund da­von ge­we­sen zu sein, kann ich nicht um­hin zu se­hen, dass die­se gu­te al­te Durch­drin­gung des Ge­gen­stands heu­te so viel­leicht gar nicht mehr mög­lich ist. Der [wahr­schein­lich hier un­zu­läs­sig ge­ne­ra­li­sier­te] Ein­druck je­den­falls ist: Die hat­ten ei­ne ganz an­de­re Zeit zur Ver­fü­gung, sich in die Sa­che rein­zu­knien, die hat­ten ei­nen viel wei­te­ren Hin­ter­grund und Le­se­ho­ri­zont (als nur „Ak­tua­li­tät“ und das ewi­ge In­si­der­tum ih­rer je­wei­li­gen Me­di­en­häu­ser), die hat­ten auch ei­nen an­de­ren Ho­ri­zont an Zu­kunft, mit dem ei­ge­nen Han­deln ging im­mer auch ei­ne ex­pli­zit po­li­ti­sche Di­men­si­on ein­her. Das Buch ist von 1964 – aber ha­ben wir heu­te we­ni­ger Po­li­tik? Oder was ist mit der hu­ma­ni­sti­schen Bil­dung? La­tein oder so­gar Grie­chisch? Die Kennt­nis eben doch ei­nes er­wei­ter­ten Ka­nons? Auf wel­che Emp­fän­ger kann / soll sich Kri­tik heu­te ein­stel­len? In wel­cher Ton­la­ge? Wird nicht lau­fend ei­ne min­de­re der wahr­lich he­te­ro­ge­nen Ziel­grup­pen ver­fehlt?

    Um es aber wie­der nied­ri­ger zu hän­gen: Ein biss­chen er­in­nern mich die [ja von mir sel­ber manch­mal ge­führ­ten] Kla­gen an die Zeit, als das neue Nach­rich­ten­ma­ga­zin der In­sti­tu­ti­on „Spie­gel“ Kon­kur­renz ma­chen woll­te, und der noch lan­ge ei­ne ganz an­de­re, näm­lich die gu­te al­te In­for­ma­ti­ons­tie­fe hat­te, und all die vie­len Schau­bil­der und Gra­phi­ken der her­ein­ge­hol­ten In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung á la Pri­vat­fern­se­hen – bun­ter, lau­ter, schnel­ler … kon­su­mier­ba­rer – nicht auf­wie­gen konn­ten. Wir sind heu­te al­le Fo­kus. Oder eben ein biss­chen out of.)

    (Sor­ry für den Ser­mon, hat­te ge­ra­de Zeit da­für – sie­he Über­schrift.)

  33. Na­ja, da ha­ben wir’s ja: Die Feuil­le­to­ni­sten le­sen – wenn Ih­re The­se stimmt – das On­line-Zeugs, wol­len sich aber nicht ver­zet­teln. Aber wer sagt denn, dass es ein ver­zet­teln wä­re? Geht es um De­bat­ten oder um Pfrün­de? Und es ist ja nicht so, dass man sich nicht hier und dort auch ger­ne ein­mal »be­dient« – oh­ne die Quel­le zu nen­nen?

    Na­tür­lich hat ei­ne Hier­ar­chi­sie­rung auch im­mer et­was mit dem Wunsch an ei­nem »An­kom­men« zu tun. Aber wer kennt denn oh­ne nach­zu­schla­gen mehr als drei FAZ-Blog­ger (wohl­ge­merkt: Blog­ger, nicht Re­dak­teu­re, die ih­re Tex­te, die es nicht in die FAZ ge­schafft ha­ben, ent­sor­gen kön­nen)? Ist die­ses Prin­zip des Main­streams, den Blog­ger-Main­stream zu um­ar­men (ak­tu­el­les Stich­wort: Buch­preis­blog­ger) nicht in Wirk­lich­keit der Be­ginn ei­nes sanf­ten Er­stickungsto­des (viel­leicht bei Don Alp­hon­so ab­ge­se­hen)?

    Mit den Blog­ger-Al­phas hat­te ich (bis auf ei­ne Aus­nah­me) früh Schwie­rig­kei­ten, weil sie mir schnell zu red­un­dan­ten Ver­satz­stücken ei­nes Mei­nungs­bo­gens mu­tier­ten, den man wie das klei­ne 1 x 1 aus­rech­nen konn­te. Schließ­lich wur­den die mei­sten zu Markt­schrei­ern wie die­je­ni­gen, die sie selbst kri­ti­sier­ten. (Das ist die größ­te Ge­fahr: Sich selbst in ei­ne Po­si­ti­on zu ma­nö­vrie­ren, die des­sen ähn­lich ist, was man kri­ti­siert.) Um es ein biss­chen über­spitzt zu sa­gen: Die Kar­rie­re be­ginnt nicht, wenn man in ZDF- oder ARD-Talk­shows sitzt – sie ist dann auf dem Weg nach un­ten.

    Und dann das hier von Ih­nen:
    Die hat­ten ei­ne ganz an­de­re Zeit zur Ver­fü­gung, sich in die Sa­che rein­zu­knien, die hat­ten ei­nen viel wei­te­ren Hin­ter­grund und Le­se­ho­ri­zont (als nur „Ak­tua­li­tät“ und das ewi­ge In­si­der­tum ih­rer je­wei­li­gen Me­di­en­häu­ser), die hat­ten auch ei­nen an­de­ren Ho­ri­zont an Zu­kunft, mit dem ei­ge­nen Han­deln ging im­mer auch ei­ne ex­pli­zit po­li­ti­sche Di­men­si­on ein­her.
    Hin­zu kommt: Auch die Le­ser hat­ten Zeit; la­sen, wenn nö­tig, ei­nen Ab­satz noch ein­mal, wenn er ih­nen un­klar war. Oder nah­men sich ei­nen Text noch ein­mal her­vor. Kei­ne Un­ter­bre­chung durch ei­nen neu her­ein­kom­men­den Ar­ti­kel, kei­ne Mail, die schnell be­ant­wor­tet wer­den soll, kein Das-le­se-ich-spä­ter-wei­ter (und da­mit nie mehr), kei­ne drei, vier Bü­cher, in die man un­be­dingt noch ein­mal hin­ein­le­sen möch­te...

    Es geht al­so nicht um Kul­tur­pes­si­mis­mus – das ist ei­ne Ab­len­kung, wenn man sich Rea­li­tä­ten ver­wei­gern möch­te und kommt zu­meist von de­nen, die am mei­sten vom Sta­tus quo pro­fi­tie­ren. Und die Un­ken­ru­fe zum Pri­vat­fern­se­hen und dem »Fo­cus« – sie wa­ren ja nicht so ganz un­be­grün­det. Pro­zes­se ha­ben oft län­ge­re In­ku­ba­ti­ons­zei­ten als man denkt.

  34. Klei­ner Zwi­schen­ruf zu die­sem Text von Ri­chard Käm­mer­lings zur Short­list des Buch­prei­ses 2015. Weil Cle­mens J. Setz’ neu­es Buch »Frau und Gi­tar­re« nicht auf der Short­list steht, wer­den die Ju­ro­ren her­ab­ge­wür­digt: Nur »ein ein­zi­ger Li­te­ra­tur­kri­ti­ker von Rang und mit über­re­gio­na­lem Wir­kungs­grad« be­fin­de sich mit Chri­sto­pher Schmidt [SZ] in der dies­jäh­ri­gen Ju­ry – die Kri­ti­ke­rin­nen Clau­dia Kra­mat­schek [»freie«], Ul­ri­ke Sár­ká­ny [NDR] und Bet­ti­na Schul­te [Ba­di­sche Zei­tung] wer­den da­mit pau­schal zu Pro­vinz­trot­teln er­klärt. Und dann noch die Buch­händ­ler. Nein, für Käm­mer­lings muss ei­ne sol­che Ju­ry mit den be­sten Li­te­ra­tur­kri­ti­kern be­stückt sein – die na­tür­lich er ganz ge­nau kennt. Ein dumm­drei­ste­res Do­ku­ment von Kum­pel­hy­bris hat man wohl sel­ten zu le­sen be­kom­men.

    (Wohl ge­merkt: Man kann und darf die Ju­ry kri­ti­sie­ren – kein Pro­blem. und Käm­mer­lings ver­wen­det auch an­dert­halb Sät­ze auf die sach­li­che Be­grün­dung. Aber die Stoß­rich­tung – ad ho­mi­nem die Kom­pe­tenz der Ju­ro­rin­nen an­zu­zwei­feln – ist un­wür­dig.)

  35. Ja, der Käm­mer­lings schmeißt sich da sehr in die Brust. Das Ko­mi­sche dar­an ist nicht nur das Miss­lin­gen in Lo­gik und For­mu­lie­run­gen, son­dern die­ses »Durch­set­zen­wol­len«, das noch so tut, als gä­be es die Groß­kri­ti­ker al­ten Stils noch ir­gend­wo. Die Buch­be­spre­cher ha­ben ja – viel­leicht mit Aus­nah­me de­rer, die in der ZEIT sich ver­lau­ten las­sen dür­fen – ei­ne ra­pi­de Ab­wer­tung er­fah­ren. Sie spie­len we­der für Le­ser noch für die Märk­te noch ei­ne so wich­ti­ge Rol­le, wie sie frü­her hat­ten. Käm­mer­lings’ klei­ne Ti­ra­de il­lu­striert in ge­wis­ser Wei­se die Wut, nichts mehr zu sa­gen zu ha­ben – da­bei hat­te er sich mit sei­ner Be­spre­chung, was die Län­ge an­geht, doch rich­tig Mü­he ge­ge­ben.
    Liest man nun nur die­sen klei­nen Wut­an­fall von ihm, hat man als auf­ge­weck­ter Le­ser Zwei­fel, ob denn Käm­mer­lings über­haupt so ein be­gab­ter Vor­ko­ster ist, dass er ei­nen »über­re­gio­na­len Wir­kungs­grad« ver­dient hät­te. Wenn ich die­ses ver­ma­le­dei­te »sprachmäch­tig­ste« im Zu­sam­men­hang mit ei­nem deut­schen Schrift­stel­ler le­se, ge­he ich in­zwi­schen schon da­von aus, das wahr­schein­lich das Ge­gen­teil der Fall ist. Wem das schon al­les an­ge­han­gen wur­de, die »sprachmäch­tig­ste« Stim­me zu sein! Jun­ge, Jun­ge. Und beim Cle­mens Setz le­se ich nun in die er­sten Sei­ten sei­nes Buchs hin­ein und freue mich über die pro­gram­ma­ti­schen Ab­grün­de, die in dem er­sten Satz lie­gen (und die Käm­mer­lings in sei­ner Be­spre­chung gar nicht be­merkt), aber ich krie­ge dann auch gleich wie­der Un­lust­krämp­fe, wenn ich wei­ter le­se und so viel Un­ge­len­kig­kei­ten in den näch­sten Sät­zen be­mer­ke, so viel schon hand­werk­lich schlech­te Schrift­stel­le­rei, dass mich auch der even­tu­ell zu­tref­fen­de Su­per­la­tiv, dies sei der pro­vo­kan­te­ste Ro­man der Sai­son, nicht mehr zum Le­sen der 1021 Sei­ten ver­füh­ren kann (zu­mal ich per­sön­lich kei­ne so­ge­nann­ten Pro­vo­ka­tio­nen be­nö­ti­ge, kei­ne Ah­nung, wer wo­zu dar­an Be­darf ha­ben soll­te, ich dach­te, die Zei­ten wä­ren vor­über). Kurz­um: Käm­mer­lings scheint mir nicht mehr und nicht we­ni­ger als die ganz nor­ma­le durch­schnitt­lich hoh­le Nuss zu sein. Ei­ner wie je­der­mann. Ei­ner wie ich. Ei­ner wie ei­ne Stutt­gar­ter Buch­händ­le­rin. Ei­ner wie je­mand, der mal fa­ta­ler­wei­se et­was Ger­ma­ni­stik stu­diert hat. Wo der sein Selbst­über­zeugt­heit her­nimmt, ist schon er­staun­lich und ge­hört zum hier so wun­der­bar durch­dis­ku­tier­ten Pro­blem­kreis. Es ist ja nicht nur die Fra­ge, wo die kon­zen­trier­ten De­bat­ten hin­ge­kom­men sind, es ist die Fra­ge, wer da in den Kul­tur­tei­len noch de­bat­ten­fä­hig ist? Die De­bat­te kann ja erst be­gin­nen, wenn die Bü­cher­nach­rich­ten­ma­cher auch ein­mal ih­ren ei­ge­nen Phra­sen, ih­rer jour­na­li­sti­schen Le­go-Spra­che zu miss­trau­en be­gin­nen. Die­se grob­schläch­tig­sten Elo­gen! Die­se Wurst­fin­ger, mit de­nen sich da man­che an die Fein­me­cha­nik der Spra­che her­an­ma­chen! Die­se chro­ni­sche Un­auf­merk­sam­keit für De­tails! Die­se Blind­heit für Bil­der! Die­se Ur­teils­sucht!

  36. Schon ko­misch, hier als An­walt des Teu­fels zu fun­gie­ren. Und bit­te mich nicht gleich wie­der in die Kul­tur­pes­si­mi­sten Ecke schicken, aber auch wenn man Zen­tra­lis­mus, Ka­non und In­stan­zen sel­ber ab­lehnt – die Ar­ro­ganz der Bes­ser­in­for­mier­ten, die von ih­ren er­wei­ter­ten Kennt­nis­sen auf die zu er­brin­gen­den von an­de­ren schlie­ßen -, kann man für ih­re Tei­le ih­rer Funk­tio­nen plä­die­ren.

    Und na­tür­lich fin­de auch ich Ju­ry-Po­li­ti­ken frag­lich, und die For­de­rung nach den üb­li­chen Be­däch­ti­gen ist nicht mei­ne. Aber auch je­der Sach­ver­stand von Sei­ten- oder Quer­ein­stei­gern müss­te ja auch erst­mal wie­der be­wie­sen wer­den und un­ter­lä­ge auch wie­der so­for­ti­ger Kri­tik. Auch ich fin­de Wei­he­spie­le per se ver­däch­tig.

    Und den Buch­preis so­wie­so. Auch se­he ich kein Recht für Setz auf die­ser 6‑er Li­ste zu ste­hen, und auch ich ha­be of­fen ge­stan­den kei­ne Lust auf sein Buch, aber dass er als pro­mi­nent Be­han­del­ter die­ser „Sai­son“, dass er als mut­maß­lich ori­gi­nel­ler au­ßen­sei­te­ri­scher In­si­der nicht drauf ist, ist trotz­dem be­mer­kens­wert. (Wo­mög­lich ist es ja ein Si­gnal? Oder ist die Qua­li­tät der an­de­ren Bü­cher tat­säch­lich so viel hö­her? Nach­dem, was ich bis­her ge­hört ha­be, scheint das doch noch zu be­wei­sen.)

    Ich blei­be bei mei­ner Sicht ei­ner dé­for­ma­ti­on pro­fes­si­on­nel­le auf bei­den Sei­ten : Die Le­ser / Blog­ger ar­bei­ten sich an der Re­le­vanz ab, die sie, da sie nun auch mal vor­zu­kom­men wün­schen, nicht be­kom­men – auch nicht in den Was­ser­glas-Stürm­chen ih­rer De­bat­ten. Und das Feuil­le­ton ver­sucht sich in den Rück­zugs­ge­fech­ten sei­ner zer­brö­seln­den, ihm so lan­ge zu­ge­stan­de­nen Rang­aus­übun­gen zu be­haup­ten. Die Kri­tik an der in ih­ren ewi­gen Män­geln zu be­män­geln Kri­tik ist Teil ei­nes neu­en Ge­schäfts, das uns glatt fehl­te.

  37. Ich ha­be eben­falls kei­ne Lust auf Setz’ Buch. Aber da kommt das ins Spiel, was Sie ge­stern ge­schrie­ben ha­ben: Als pro­fes­sio­nel­ler Kri­ti­ker müss­te ich es min­de­stens an­le­sen (ich glau­be nicht, dass es mehr als drei Leu­te au­ßer­halb des Suhr­kamp-Ver­lags von A bis Z ge­le­sen ha­ben). Da es den Rea­lis­mus – den man sel­ber auf den Schild ge­setzt hat und im­mer noch setzt – an­schei­nend auf­zu­he­ben ver­sucht, gilt das schon als am­bi­tio­niert. Das ist auch klar, denn wenn ich im­mer wei­ße Schwä­ne ge­se­hen ha­be, ist der schwar­ze was au­ßer­ge­wöhn­li­ches. Hin­zu kommt, dass der Ro­man im Mo­ment in ein So­ci­al-Rea­ding-Pro­jekt ein­ge­bet­tet ist (Käm­mer­lings ist da nicht als Teil­neh­mer auf­ge­führt, da­für sol­che Ko­ry­phä­en der Li­te­ra­tur­kri­tik wie Sa­scha Lo­bo und Ron­ja von Rön­ne; ob Buch­händ­ler da­bei sind, weiss ich nicht). Da fühlt sich der Be­trieb wo­mög­lich be­lei­digt, so­zu­sa­gen ins Nichts zu le­sen.

    Mei­ne Ar­ro­ganz (und/oder mein Pri­vi­leg) geht nun da­hin, dass ich die­ses Buch nicht le­sen muss. Die Grün­de sind viel­fäl­tig. Zum ei­nen glau­be ich, dass ich sol­che Wundersatz-Pro­sa nicht mag und das mir das auf über 1000 Sei­ten sehr schwer fällt. Das wä­re mein Pro­blem, nicht das von Setz. Zum an­de­ren ist mir der Grad der Af­fir­ma­ti­on, dem die­ses Buch be­geg­net, su­spekt. Hin­zu kommt, das ich nicht die 15. Re­zen­si­on oder den 35. Le­se­ein­druck ab­ge­ben muss. (Red­un­danz-Pro­blem)

    Na­tür­lich sind Ju­ry-Ent­schei­dun­gen im­mer der Kri­tik un­ter­wor­fen. Ge­nau so hät­te man auch auf die Lon­g­list an­de­re Bü­cher mit viel­leicht grö­sse­rer Be­rech­ti­gung no­mi­nie­ren kön­nen (Lud­wig Fels zum Bei­spiel oder An­na Baar). Und im Ge­gen­satz zu Schieds­rich­ter-Ent­schei­dun­gen im Fuß­ball gibt es nicht ein­mal ei­ne Zeit­lu­pe, die den Irr­tum (oder die rich­ti­ge Ent­schei­dung) auf­lö­sen kann. Käm­mer­lings’ ad ho­mi­nem An­griff, der min­de­stens drei Ju­ro­rIn­nen die Qua­li­fi­ka­ti­on ab­sprach, nur weil sie nicht über­re­gio­nal be­kannt sind, hat aber mit (zu­läs­si­ger) Em­pha­se für ein Buch we­nig zu tun. War­um soll ei­ne Ju­ro­rin, die für den NDR tä­tig ist, kei­nen Über­blick ha­ben? Ab­sur­der geht es kaum noch.

    Der Buch­preis (bzw. die bei­den Buch­prei­se) sind ein The­ma für sich. Pro­ble­ma­tisch ist die Fo­kus­sie­rung auf we­ni­ge Ti­tel bzw. da­nach auf den Sie­ger­ti­tel. Herbst schreibt heu­te, dass man »früher...auf die Mes­se­bei­la­gen« hin­fie­ber­te. »nun wir­ken sie qua­si als zu ver­nach­läs­si­gen­de Ne­ben­sa­che«. Da ist durch­aus et­was dran. Der Ein- oder Zwei­buch­le­ser greift dann im Zwei­fel zu dem, was in den Buch­lä­den vor­ne liegt und im Fern­se­hen ge­zeigt wur­de. Die Fra­ge, ob die Qua­li­tät der an­de­ren Bü­cher wirk­lich so­viel hö­her ist wie die der Long- bzw. Short­list­wer­ke stellt sich dann gar nicht: Der Re­zi­pi­ent hat ei­nen »Sie­ger«. Wer küm­mert sich um die Ver­lie­rer?

    Das Re­le­vanz-Ge­hu­pe kommt nicht von den Blog­gern, die wie Ar­bei­ter­amei­sen be­sten­falls um den Hau­fen her­um­krei­sen. Ih­nen ist ih­re Ni­schen­exi­stenz be­wusst. Sie hat Vor- wie Nach­tei­le. Von der »Se­lek­ti­ons­au­to­ri­tät« spra­chen nicht Blog­ger, son­dern Man­gold. Aber ei­ne Au­to­ri­tät, die man an­mah­nen muss, ist kei­ne mehr. Au­to­ri­tät wird in in­for­mel­len Ak­ten ver­ge­ben; sie kann nicht po­stu­liert wer­den.

    Man gilt in Deutsch­land schnell als Spiel­ver­der­ber, wenn man Struk­tu­ren und In­sti­tu­tio­nen be­fragt. Au­toren be­mü­hen das oft, wenn sie sich von der Kri­tik be­lei­digt füh­len. Volks­tüm­lich der Aus­spruch, dass die Kri­ti­ker es erst ein­mal sel­ber bes­ser ma­chen müs­sen. Les­sing lie­fer­te da­zu das Bon­mot, dass man nicht Koch sein muss um fest­zu­stel­len, dass die Sup­pe ver­sal­zen ist. Er­gän­zen könn­te man, dass ich nicht sel­ber Koch in dem Lo­kal wer­den will, nur weil ich fest­ge­stellt ha­be, dass die­ser die Sup­pe ver­sal­zen hat.

    Das be­lieb­te­ste Ar­gu­ment ist die leich­te Be­ar­bei­tung ei­nes Spruchs: »Die schärf­sten Kri­ti­ker der El­che / wä­ren ger­ne sel­ber wel­che«. In na­he­zu al­len Le­bens­be­rei­chen (von der Po­li­tik an­ge­fan­gen) zeigt sich, dass die Kri­ti­ker der El­che, die dann sel­ber wel­che ge­wor­den wa­ren, oft ge­nug von den Rea­li­tä­ten ein­ge­holt und ver­sagt ha­ben. Das be­deu­tet aber nicht, dass ih­re In­ten­tio­nen per se falsch wa­ren. Es zeigt nur, dass Idea­lis­mus oft ge­nug an der Rea­li­tät schei­tert.

  38. Ah, dan­ke für die­sen letz­ten Hin­weis – so tief steck ich üb­li­cher­wei­se nicht mehr drin (und ich mer­ke dar­über, dass mich das frü­her ein­mal viel stär­ker in­ter­es­sier­te). Und bei den Aus­las­sun­gen Win­kels’ gleich die­sel­be Fra­ge nach der „Le­gi­ti­ma­ti­on“, die nach Bran­chen-Po­li­tik oder Äs­the­tik – wo­bei letz­te­re in der Kri­tik der Buch­preis­aus­wahl im­mer­hin doch durch wie­der Kri­ti­ker im Mit­tel­punkt steht.

    Da­bei ist die ein­ge­bau­te Un­schär­fe – sub­jek­ti­ve Ur­tei­le – doch eben hin­zu­neh­men­der Teil des Ver­fah­rens: Es durch An­greif­bar­keit le­ben­dig zu hal­ten? Und es muss doch kri­ti­siert wer­den.

    Oder schär­fer: Ist Aus­ge­wo­gen­heit nicht lang­wei­lig? Oder um so ver­däch­ti­ger: Kön­nen es wirk­lich Frau­en- oder Män­ner­quo­ten sein ge­gen äs­the­tisch schar­fe Ab­gren­zun­gen? (San­dra Ke­gel stell­te die No­mi­nier­ten gar in al­pha­be­ti­scher Rei­hen­fol­ge vor.) Der Kon­flikt lä­ge al­so viel tie­fer, näm­lich auf der Li­nie ‚Her­zens­an­ge­le­gen­hei­ten’ ge­gen Be­mü­hun­gen um ‚Ob­jek­ti­vi­tät’. Und eben das fin­det sich auch wie­der in je­der ein­zel­nen Buch­kri­tik.

    Dan­ke auch für den Hin­weis auf den Be­treu­tes-Le­sen-Blog von Setz’ Ro­man – lässt ja fast schon an den Ar­no-Schmidt-De­chif­frier­ver­ein den­ken. Da war ich oft auf Vie­les neu­gie­rig ge­we­sen. Aber ir­gend­wann war’s auch mir zu­viel, so­gar bei Schmidt, der ei­ner mei­ner Lieb­lin­ge ist. Und wo­mög­lich ist das ja Teil des Pro­blems: Zu­viel Se­kun­där­text, zu­viel me-too Ge­quat­sche, zu­viel ‚So­zia­les’ Le­sen als An­spruch auf Mit-Be­triebs­nu­delei der Crowd statt äs­the­ti­sche Ana­ly­se? (Und mit sobooks ist al­so auch noch ein „Ge­schäfts­mo­dell“ in­vol­viert?)

    Als ich ge­stern Abend noch mal die Zei­tungs­kri­ti­ken zu Setz nach­las – die wohl al­le als eben ‚im Rah­men’ ei­ner Zei­tung so durch­ge­hen kön­nen, aber von de­nen mir kein Stück ir­gend­wie na­he ging (was so­wohl am Ge­gen­stand wie an mir lie­gen kann), fiel mir wie­der Fied­ler vom An­fang der Dis­kus­si­on ein: Dass, wenn die An­stren­gung des Kri­ti­kers – selbst wenn er al­so im Ur­teil äs­the­tisch fehl geht – nicht sei­ner­seits auf ei­ne ge­wis­sen Hö­he ist, sie auch all­ge­mei­nen Maß­stä­ben nicht ge­nügt.

    Ein­zig der Streit – und ich den­ke da auch an Lyo­tards ‚Wi­der­streit’ – wä­re der loh­nens­wer­te Er­trag aus all dem.

  39. Na­tür­lich ist Aus­ge­wo­gen­heit lang­wei­lig. Da­bei ist das Ge­scha­che­re und Her­um­nör­geln um Män­ner- und Frau­en­quo­ten fast schon Stan­dard. Aber was ist mit Al­ters- und Na­tio­nen­quo­ten? Oder Über­le­gun­gen zu be­stimm­ten Ver­la­gen? Auch beim Bach­mann­preis wird ja al­les nach Quo­ten quan­ti­fi­ziert. Aber die Fra­ge, die Käm­mer­lings und Win­kels auf­wer­fen geht tie­fer: Ist die Fin­dung der Ju­ry für den Frank­fur­ter Buch­preis ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on so­zu­sa­gen zu über­las­sen, die da­mit – wie sie be­haup­ten – über­for­dert ist? Und dies nur, weil ei­nem das Er­geb­nis nicht zu­sagt, wo­bei sich zu­min­dest Win­kels um et­was mehr Ar­gu­men­te be­müht.

    Neu­lich schrieb mir ei­ne Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, dass es in­zwi­schen kei­ne Ju­ry mehr ge­be, in der Win­kels nicht min­de­stens ein­mal ge­ses­sen ha­be. Da­bei kann man ihm nicht ein­mal die Qua­li­fi­ka­ti­on ab­spre­chen. Aber ist nicht das Ver­fah­ren, wel­ches da ge­wählt wur­de um nicht im­mer die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen in die Ent­schei­dungs­gre­mi­en zu ho­len, auch ein biss­chen er­fri­schend? Knipp­hals äu­ßer­te sich in der taz ein biss­chen be­lu­stigt da­hin­ge­hend, dass et­li­che, gut ver­netz­te Lieb­lin­ge des Be­triebs nicht be­rück­sich­tigt sei­en. Es ist wohl der glei­che Knipp­hals, der die Li­ste von 2014 als »Quatsch« quan­ti­fi­zier­te – üb­ri­gens oh­ne die Kom­pe­tenz der Ju­ro­ren gleich der­art an­zu­grei­fen.

    Das So­ci­al-Rea­ding von Setz’ »Die Stun­de zwi­schen Frau Gi­tar­re« wer­de ich aus dem Au­gen­win­kel be­ob­ach­ten. Wenn man mit­ma­chen möch­te, gibt es üb­ri­gens fol­gen­des Ver­fah­ren: »So dann schicke man ei­ne Be­grün­dung, wes­halb man hier über das Buch schrei­ben möch­te, ver­bun­den mit der Über­schrift des Ar­ti­kels und ei­ner Tweet-kur­zen In­halts­an­ga­be.« Ob Man­gold oder Lo­bo auch ei­ne Be­grün­dung ge­schrie­ben ha­ben? Ach nein: Sobooks ge­hört ja mit da­zu, wie man der Mail­adres­se se­hen kann, an die man die Be­wer­bung zu schicken hat.

    Al­lei­ne schon we­gen der vie­len (ver­meint­li­chen) Le­ser wür­de es für mich in­fra­ge kom­men, weil ich ja am En­de wohl noch ein­mal rd. 2000 Sei­ten Me­ta-Tex­te zu re­zi­pie­ren ha­be (ob­wohl vie­le aus­stei­gen wer­den). War­um im­mer 1000-Sei­ter der­art auf­be­rei­tet wer­den, ver­ste­he ich nicht. Als sei die rei­ne Quan­ti­tät ei­nes Ro­mans per se ei­ne Aus­sa­ge über sei­ne Qua­li­tät.

    Ob in ei­nem sol­chen Pro­jekt ein pro­duk­ti­ver, äs­the­ti­scher Streit ent­steht?

  40. So­ci­al Rea­ding – ein Mar­ke­ting-Mo­del­le, de­ren Sinn sich mir über­haupt nicht er­schließt, vor al­lem mit die­sen Be­tei­lig­ten. Bei Pyn­chon-Ro­ma­ne oder bei den Wer­ken von Bola­no sind die Wi­kis, die ge­mein­sam von Le­se­rIn­nen er­stellt wer­den, um den gan­zen An­spie­lun­gen, hi­sto­ri­schen und kul­tu­rel­len Kon­tex­ten auf die Spur zu kom­men, sehr hilf­reich. Aber die­ser Trupp? Und auch noch mit Tür­ste­her-Club­re­ge­lung. Das hat doch schon sehr was von Berg­hain Li­te­ra­tur-Gang­bang, um mal auf dem Setz­schen Ni­veau zu schrei­ben. Das soll ei­ne In-Crowd in­sze­niert wer­den, da­mit die an­de­ren, die auch ger­ne da­zu­ge­hö­ren wol­len, we­nig­stens die Schar­te­ke käuf­lich er­wer­ben. Das Ding ist doch be­reits mit der Spe­ku­la­ti­on auf den Buch­preis her­ge­rich­tet wor­den und jetzt steht das kauf­män­ni­sche Kal­kür in Ge­fahr.
    Zur Ju­ry-Fra­ge: Wer den sonst als der In­ter­es­sen­ver­band der Buch­händ­ler hat denn die Kom­pe­tenz und die Le­gi­ti­ma­ti­on, die Ju­ry zu be­set­zen? Nur so be­kommt man das Ding doch von ir­gend­wel­chen Sze­ne-Dödels frei und die Chan­cen stei­gen, mal ein biss­chen was an­de­res ser­viert zu be­kom­men. Wenn Herr Ka­em­mer­lings ger­ne ei­nen Preis ver­ge­ben will, soll der doch die Fi­nan­zie­rung auf die Bei­ne stel­len und los­le­gen. Viel­leicht mit Hu­bert Win­kels als er­stem Preis­trä­ger – der Old-Boys-Mimi­mi-Preis der deut­schen Li­te­ra­tur.

  41. Mich wun­dert es, dass die Li­te­ra­tur­re­dak­teu­re, die sich un­ter den Teil­neh­mern dort be­fin­den, trotz al­ler ethi­schen Richt­li­ni­en für so­was her­ge­ben, denn das Pro­jekt wird ja u.a. von Suhr­kamp be­zahlt (»un­ter­stützt«, wie es heisst) und ist dem­zu­fol­ge nichts wei­ter als Wer­bung, egal ob man es als ”Ex­pe­ri­ment« oder sonst­wie be­zeich­net. Aber Man­gold war ja schon mit Setz auf dem Tan­dem in Graz ra­deln, da kann man na­tür­lich an so­was auch noch teil­neh­men – Mo­ritz hat das ge­mein­sa­me Ver­rei­sen mit den Au­toren neu­lich ja ge­rügt, scheint aber in punk­to Setz/Suhrkamp sel­ber kei­ne gro­ssen Be­den­ken zu ha­ben, da­für die Trom­mel zu rüh­ren.
    Viel­leicht könn­te so et­was wir­lich wert sein, mal aus­pro­biert zu wer­den, dann müss­te, wenn ich das rich­tig ver­stan­den ha­be, aber auch das je­wei­li­ge Buch un­mit­tel­bar auf der Sei­te von sobooks ge­le­sen wer­den we­gen der Kom­men­ta­re und An­mer­kun­gen etc. Wenn ich das Buch be­reits als ge­druck­te Aus­ga­be ha­be, muss ich mir das ex­tra für die­sen Zweck noch­mal als ebook kau­fen und nur bei sobooks, an­ders geht es wohl nicht. Aber will ich denn ein Buch am Bild­schirm le­sen und ha­be ich Lust auf Kom­men­ta­re, noch wäh­rend ich das Buch le­se? Ich bin skep­tisch, wür­de mich aber mal pro­be­hal­ber dar­auf ein­las­sen – al­ler­dings nicht ge­ra­de beim 1000Seiter Setz, auf Er­pen­becks Buch bei der FAZ ha­be ich the­ma­tisch kei­ne gro­sse Lust. Apro­pos: Beim neu­en Le­se­saal der FAZ (Kau­be üb­ri­gens, der es ge­stern in der ge­druck­ten FAZ vor­ge­stellt hat, wuss­te nicht mal, dass Sobooks ein Ham­bur­ger Un­ter­neh­men ist, er ver­or­te­te es in Ber­lin, im On­line­teil ha­ben sie den Feh­ler, der dort auch erst stand, schnell und heim­lich kor­ri­giert) stel­le ich mir die Fra­ge, in­wie­weit ei­ne Er­lös­be­tei­li­gung der FAZ an je­dem ver­kauf­ten Buch von Er­pen­beck sei­tens des Ver­la­ges er­folgt. Und auch in­ter­es­sant, dass man dort mit den Le­sern »über Bü­cher re­den und strei­ten« will, wäh­rend die­se ih­re Le­ser­kom­men­ta­re im On­line­feuille­ton der FAZ schon mit viel Ge­schick und Af­fir­ma­ti­on und am be­sten noch et­was Lob­hu­de­lei für den Ar­ti­kel for­mu­lie­ren müs­sen, da­mit die­se über­haupt frei­ge­schal­tet wer­den, aber nur, wenn die Freischalter/in gut drauf und das Wet­ter gut ist – bitt­schön kei­ne Kri­tik, auch nicht wenn sie sach­lich fun­d­ert ist. (wenn es nicht al­les manch­mal so trau­rig wä­re; trau­rig auch die Bü­cher­li­ste der er­sten Sen­dung des wie­der­be­leb­ten Li­te­ra­ri­schen Quar­tetts im ZDF, wo mit Tro­ja­now ge­nau ein deut­scher Au­tor ver­tre­ten ist. Es gab mal ei­ne Li­te­ra­tur­club­sen­dung­vor ein paar Mo­na­ten, glau­be ich, wo Ni­co­la Stei­ner am Schluss ganz über­rascht fest­stell­te, dass die deutsche/deutschsprachige Li­te­ra­tur ja viel zu kurz ge­kom­men sei, sie hat­ten auch nur ei­nen deutschen/deutschsprachigen Au­tor – wer wohl die Bü­cher zu­sam­men­stellt für die Sen­dung, die fal­len ja nicht vom Him­mel?)

    Usw.

  42. PS: Na­tio­nen­quo­ten, Aus­ge­wo­gen­heit, si­cher: lang­wei­lig. Aber: Kommt man wirk­lich nicht an Knaus­gard vor­bei? Oder an Gar­dos, des­sen Buch und (gleich auch noch die Ver­fil­mung!) ge­wis­ser­ma­ßen ge­ne­ral­stabs­mä­ßig auf­ge­zo­gen zu wer­den scheint (»Fie­ber am Mor­gen ist sein er­ster Ro­man, den er zu­dem selbst ver­filmt hat. Die un­ga­risch­schwe­disch-is­rae­li­sche Ko­pro­duk­ti­on kommt vor­aus­sicht­lich im Frühjahr/Sommer 2016 in die Ki­nos. Der Ro­man er­scheint welt­weit in sechs­und­zwan­zig Län­dern.«, heisst es bei Ama­zon). Kommt man an so­was wirk­lich nicht vor­bei? War­um z.B. nicht »Traum­schiff« von A. N. Herbst vor­stel­len, um mal ei­nen Ge­gen­vor­schlag zu ma­chen (zu­fäl­lig über die Ver­lin­kung von GK wei­ter oben zum Blog von ANH dar­auf auf­merk­sam ge­wor­den, es ge­kauft, weils in der Buch­hand­lung zu­fäl­lig vor­han­den war & so­eben aus­ge­le­sen, tol­les Buch. Le­se bei ihm auch ge­ra­de im Blog her­um und es scheint wohl ein vom Be­trieb weit­ge­hend igno­rier­ter Au­tor zu sein, in­ter­es­san­ter Typ, ich kann­te ihn bis­lang nicht, ha­be aber eben beim ober­fläch­li­chen Re­cher­chie­ren ei­nen eher hä­mi­schen Ar­ti­kel über ihn ge­fun­den – na­tür­lich bei der FAS, na­tür­lich von Wei­der­mann). Ist wohl schon zu exo­tisch fürs ZDF und sein Rent­ner­pu­bli­kum.

  43. @Doktor D
    Das Ge­nia­le von Li­te­ra­tur ist für mich, dass sie bis­lang – vor al­ler Kri­tik, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Aus­ein­an­der­set­zung – ei­nen Rück­zugs­raum schaff­te, in dem man end­lich ein­mal oh­ne all die Ein­sprü­che und das so­zia­le Ge­räusch bei sich sein konn­te. Wenn ich aber ein äs­the­ti­sches Werk gleich mit ei­nem hal­ben Au­ge aufs Se­kun­där­ge­re­de le­sen müss­te, und mit den Kom­men­ta­ren mich doch zu­min­dest be­mü­hen müss­te auf glei­che Hö­he zu kom­men … in ei­ner An­stren­gung, die mich vom Pri­mä­ren zwangs­läu­fig weg­hol­te … nee, lie­ber nicht.

    Aber wo­mög­lich ist mei­ne Hal­tung da auch to­tal rück­stän­dig. (Auch Face­book et­wa gibt mir ab­so­lut nichts.)
    Ja, und jetzt über­le­ge ich, ob das so ge­nann­te „So­zia­le“ (ein Un­wort ei­gent­lich: So­ci­al heißt ja im Eng­li­schen et­was an­de­res als das deut­sche „so­zi­al“, man müss­te sie viel­leicht eher Ge­mein­sam- oder Mit­mach-Me­di­en nen­nen) da even­tu­ell per se im­mer schon zu sehr un­ter­wan­dert ist von Ge­schäfts­mo­del­len – und sei­en es nur die all der „un­ter­neh­me­ri­schen Selbste“, der ICH-AGs ih­rer öf­fent­lich ge­wand­ten Per­so­nae? Nur – ver­kauft das was? (Aber sind all die kom­mer­zi­el­len Kal­kü­le ana­log des Ber­lin-Mit­te Phä­no­typs – ‚ir­gend­was mit Krea­ti­vi­tät’ – nicht längst ak­zep­tiert?)

    Dass bei solch ei­nem Buch im­mer auch Li­te­ra­tur­po­li­tik mit­spielt, muss man wohl an­neh­men, aber 1000 Sei­ten in sol­cher Grenz­wert-Äs­the­tik rich­tet man wohl kaum auf so ei­nen Preis hin. Viel­leicht ist der ar­me Setz nur falsch be­ra­ten ge­we­sen, sei­nen äs­the­ti­schen Groß­ver­such die­ser Se­kun­där-Crowd an­zu­die­nen? Aber da war ja noch der Ter­min. Und die von ihm selbst (auf Twit­ter) kom­men­tier­te Er­war­tung …

    (Zu den Buch­händ­lern nur ein Satz)
    Ein „In­ter­es­sen­ver­band“ hat auch In­ter­es­sen – und sei es nur mehr Les­bar­keit / Ab­ver­kaufs­wa­re fürs Weih­nachts­ge­schäft.

    @Wolfgang B.
    Ja, et­li­che Kri­tik an den Kri­ti­kern wür­de ich auch be­rech­tigt fin­den – aber hier ist an­schei­nend das „un­ter­stütz­te“ Me­di­um nicht nur die Bot­schaft, son­dern auch gleich die Über­wu­che­rung, zu­min­dest als die Er­wei­te­rung des Werks.

    Für sobooks ha­be ich ei­gent­lich Sym­pa­thi­en, weil die ver­su­chen es an­ders als Ama­zon und To­li­no et. al. zu ma­chen, und viel­leicht tat­säch­lich an der Er­wei­te­rung ei­ner qua­li­fi­zier­ten Ge­mein­sam­keit ar­bei­ten. Und die nicht of­fen ge­leg­te Ver­ban­de­lung der Me­di­en und ih­re Er­wei­te­rung mit Wer­ken und der Au­ßen­welt ist an­schei­nend wie­der­um längst Trend.

    Die­se Mit­mach-Idee ist ja ei­gent­lich ur­alt (Schrei­ben Sie uns: Le­ser­brie­fe), nur bringt sie dann eben auch viel Un­er­wünsch­tes. Und da­ge­gen muss man dann For­men fin­den, die auch wie­der Be­gren­zun­gen er­lau­ben. „Le­se­saal“ mach­te mich spon­tan neu­gie­rig – aber Er­pen­beck dann doch wie­der eher nicht.

  44. Ich muss mich ein klein we­nig kor­ri­gie­ren, denn es steht dort tat­säch­lich »er­mög­licht durch Suhr­kamp« (statt »un­ter­stützt«), was aber mE kei­nen Un­ter­schied macht, dass es näm­lich letzt­lich Marketing/Werbung ist, wo­für von Suhr­kamp (auch) Geld an sobooks ge­flos­sen sein dürf­te. Klar, die Autoren/innen wer­den wohl nicht für ih­re Bei­trä­ge auf der Web­sei­te und für ih­re Kommentare/Notizen beim so­ci­al rea­ding im e‑book sel­ber (Him­mel...) ent­lohnt (ob­wohl, wer weiss, zu­min­dest Lo­bo pro­fi­tiert ja in­di­rekt schon da­von), den­noch wer­den sie qua Teil­nah­me zum Ge­gen­stand der Suhr­kamp­ver­mark­tungs­tra­te­gie für das Buch. Au­ßer­dem spricht man ganz of­fen u.a. von »Mul­ti­pli­ka­to­ren«, die über das Buch »be­rich­ten« (s. FAQ auf der Sei­te von frau-und-gitarre.de; dass sich ‑für den se­riö­sen An­strich des Ex­pe­ri­ments- ein paar Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler in ih­rer uni­ver­si­tä­ren Ar­beits­zeit zu dem Buch auch noch Ge­dan­ken ma­chen und dort ein­stel­len und da­mit die Ver­kau­fe an­kur­beln, wür­de ich na­tür­lich nie be­haup­ten). Al­so, das ist in sei­ner Ge­samt­heit schon auf pu­re Ver­mark­tung hin aus­ge­rich­tet. Ge­nau­so üb­ri­gens wie der Ac­count twitter.com/1000seitensetz, des­sen Au­torin, neh­me ich an, eben­falls von Suhr­kamp ge­spon­sert wird (kann mich aber täu­schen, man mö­ge mich kor­ri­gie­ren). Und der »ar­me Setz« lässt das al­les ge­sche­hen, er wird ja nicht da­zu ge­zwun­gen.

  45. Ich kann mit der Eu­pho­rie um das so­ge­nann­te »So­ci­al Rea­ding« we­nig an­fan­gen. Mir geht es ähn­lich wie @en-passant. Le­sen ist ein ein­sa­mer, in­ti­mer Akt, der Kon­tem­pla­ti­on und Auf­merk­sam­keit ver­langt. Kom­me ich nicht zu­recht, su­che ich zu­nächst ein­mal bei mi sel­ber, das Pro­blem zu lö­sen.

    Den Gang­bang-Ver­gleich von @Doktor D fin­de ich gut. Die­sen Ge­dan­ken wei­ter­füh­rend könn­te man die­se öf­fent­li­chen Le­se­räu­me als li­te­ra­ri­sche Swin­ger­clubs be­zeich­nen. Das mag für ei­ni­ge ei­nen ge­wis­sen Reiz ha­ben, aber ich be­vor­zu­ge ein­deu­tig das Sé­pa­rée.

    Ob die Teil­neh­mer bei frau-und-gitarre.de be­zahlt wer­den, wa­ge ich zu be­zwei­feln. Sie ha­ben si­cher­lich ein Le­se­ex­em­plar er­hal­ten und zu­ge­sagt, ir­gend­wann mal was Ge­schei­tes dar­über zu schrei­ben. Dass sich Man­gold, Mo­ritz oder Kast­ber­ger hin­set­zen und Ka­pi­tel für Ka­pi­tel ih­re (ver­mut­lich längst be­en­de­te) Lek­tü­re Re­vue pas­sie­ren las­sen, hal­te ich für Wunsch­den­ken. Ei­ni­ge an­de­re zie­hen es denn auch vor ge­le­gent­li­che Kurzein­drücke zu twit­tern.

    Wie gut sobooks bzw. de­ren Prot­ago­ni­sten ver­netzt ist, zeigt sich am FAZ-Le­se­saal mit Er­pen­beck. Der ein­sti­ge »Rea­ding-Room« (die Kon­tro­ver­se um den An­gli­zis­mus war das mit Ab­stand in­ter­es­san­te­ste, was es dort bis­her zu le­sen gab) wird wie­der aus der Ver­sen­kung ge­holt. Es be­gann mal mit Lit­tells »Wohl­ge­sinn­ten«. Spä­ter dann u. a. ein Sach­buch von Jut­ta Lim­bach und Mar­tin Wal­ser. Was bei die­sen Dis­kus­sio­nen her­aus­ge­kom­men ist, weiss ich nicht. Bei Lit­tell wur­de ich zwar neu­gie­rig – aber die Hin­wei­se an sich wa­ren doch eher dünn. Kom­men­ta­re wur­den von FAZ-Sei­te da­mals straff zen­siert.

    In Er­in­ne­rung ist mir noch das SR zu »Un­end­li­cher Spass«. Im­mer­hin exi­stiert die Web­sei­te noch und man kann nach­schla­gen, wie das In­ter­es­se suk­zes­si­ve er­kal­te­te.

  46. Ge­nau – das ist ja der Charme des Le­sens, dass man es al­lei­ne tut. Was für mich gleich­zei­tig nicht aus­schließt, mich mit an­de­ren – auch auf Face­book – über das Ge­le­se­ne aus­zu­tau­schen. Oder ei­nen Blog­bei­trag zum Buch oder Au­tor zu le­sen. Aber als An­reiz, über­haupt erst ein Buch zu le­sen? Das funk­tio­niert bei mir gar nicht oder führt bei gro­ßen Hy­pes eher zur Ver­wei­ge­rung.
    Zu Setz kon­kret: In kei­ner der von mir fre­quen­tier­ten drei Stutt­gar­ter Buch­hand­lun­gen liegt der Setz auf – und die sind gut sor­tiert, sehr li­te­ra­tur-ori­en­tiert und wer­den von sehr be­le­se­nen, en­ga­gier­ten Buch­händ­le­rIn­nen be­trie­ben. Und wenn die ihn nicht pu­schen, wird’s schwer. Da ver­sucht man evtl. mit So­ci­al Rea­ding die feh­len­de Re­al World Mund­pro­pa­gan­da aus­zu­glei­chen.

  47. Die Fra­ge ist ja auch, ob Setz über­haupt ein »mas­sen­kom­pa­ti­bler« Schrift­stel­ler ist. Das soll nicht ne­ga­tiv ge­meint sein (die mei­sten ex­zel­len­ten Schrift­stel­ler sind eher un­ge­le­sen; sie und ih­re Wer­ke exi­stie­ren mehr als My­then denn als Le­se-Sub- bzw. Ob­jek­te), aber selbst Men­schen, die ger­ne und viel le­sen wer­den durch der­art üp­pi­ge Sei­ten­zah­len eher ab­ge­schreckt. Sie ha­ben oft ge­nug we­der Zeit noch Lust, sich in ei­nen hy­per­kom­ple­xen Le­se­kos­mos ein­zu­ar­bei­ten. Hier könn­te viel­leicht das So­ci­al Rea­ding hel­fen. Aber da­für ist das Kon­zept der Sei­te nicht aus­ge­legt.

    Und wenn @Wolfgang B. beim »Li­te­ra­ri­schen Quar­tett« von »Rent­ner­pu­bli­kum« spricht, so ist das ja nur auf den er­sten Blick pe­jo­ra­tiv. Tat­säch­lich spre­chen sol­che Sen­dun­gen eher den Le­ser an, der viel­leicht zwei oder drei bel­le­tri­sti­sche Bü­cher im Jahr liest. Da ist ein 1000-Sei­ten-Schin­ken schon ei­ne Zu­mu­tung. Hin­zu kommt, dass man im Be­kann­ten- und Freun­des­kreis Gleich­ge­sinn­te sucht, mit de­nen man sich über sei­ne Lek­tü­ren ein biss­chen un­ter­hal­ten kann. Da ist ein Setz na­tür­lich ein Exot. Die Fra­ge ist nun, ob das Netz mit den Hoch- und Höchst­be­gab­ten so­viel mehr her­gibt...

  48. Scha­de, dass der al­te Le­se­saal nicht mehr auf­ruf­bar ist, ich wür­de da ger­ne noch mal hin­ein­schau­en. Mir fällt näm­lich ge­ra­de an­hand des Bild­schirm­fo­tos https://www.begleitschreiben.net/wp-content/uploads/2008/05/faz-reading-room-zu-die-wohlgesinnten.jpg auf, wie hübsch das da­mals ge­stal­tet war, ganz an­ders als heu­te, wo man das un­ter blogs.faz.net ru­bri­ziert, der ei­gent­li­che Le­se­vor­gang fin­det ja dann auch bei sobooks und nicht mehr bei der FAZ statt.

  49. Ich ha­be in mei­nem Bei­trag ei­ni­ge Links mit der Way­back-Ma­chi­ne er­neu­ert. (Ich ha­be zwar ein Tool, dass mir »de­fek­te« bzw., to­te Links an­zeigt, aber die FAZ be­legt die to­ten Links ein­fach mit ih­rer Home­page-URL und dann wird das na­tür­lich nicht als feh­ler­haft er­kennt.) Aber vie­les geht da ver­lo­ren. Die Sei­te er­in­ner­te ein biss­chen an ei­nen Le­se-Sa­lon. 2008 wur­de sie no­mi­niert zum Grim­me On­line Award.

    Dass der Le­se­vor­gang bei sobooks statt­fin­det und die FAZ die­ses Un­ter­neh­men da­mit spon­sert, ist in­ter­es­sant.

  50. Vie­len Dank für die zu­gäng­li­chen Links! Gar kein Ver­gleich zu heu­te, wür­de ich sa­gen, in­ter­es­sant je­den­falls, wie­viel Mü­he man sich al­lein schon mit der Ge­stal­tung der Sei­te ge­ge­ben hat. (An­de­rer­seits will man na­tür­lich _im_ Buch kei­ne Ab­len­kung ha­ben, da­her er­scheint die ei­gent­li­che, so­zu­sa­gen auf­ge­schla­ge­ne Buch­sei­te bei sobooks heu­te auch eher drö­ge im Ver­gleich zum al­ten Le­se­saal, in­so­fern al­so ein ein biss­chen un­fai­rer Ver­gleich.)

  51. Der m. E. ent­schei­den­de Un­ter­schied ist, dass das Er­pen­beck-Buch in Gän­ze vor­liegt und je nach Gu­sto ge­le­sen wer­den kann, wäh­rend da­mals nur die je­wei­li­gen Ka­pi­tel frei­ge­ge­ben wur­de; das Buch sel­ber gab es ent­we­der nicht oder erst sehr viel spä­ter.

  52. Heu­te ist in der ge­druck­ten FAZ auf S. 11 ein Ar­ti­kel von Mi­cha­el Han­feld er­schie­nen, der sich mit der be­reits am Mitt­woch auf­ge­zeich­ne­ten Neu­auf­la­ge des Li­te­ra­ri­schen Quar­tetts im ZDF be­fasst, wor­aus ich mal den vor­letz­ten Ab­satz zi­tie­ren möch­te, den ich ganz auf­schluss­reich fin­de (vor­her stellt er weit­ge­hend den Sen­dungs­ab­lauf dar, im Prin­zip müss­te man sich die Sen­dung gar nicht mehr an­schau­en, es steht be­reits al­les We­sent­li­che drin):

    »Ist das nicht fast wie in al­ten Zei­ten? Fast. Denn die Zei­ten ha­ben sich ge­än­dert, heu­te tre­ten Li­te­ra­tur­kri­ti­ker ge­gen Emp­feh­lungs­heer­scha­ren aus dem In­ter­net an. Zu­dem sind hier vier am Werk – ne­ben­bei: die drei von der Stamm­be­set­zung pu­bli­zie­ren al­le­samt beim Ver­lag Kie­pen­heu­er & Witsch –, die wis­sen, was von ih­nen er­war­tet wird, und nicht aus den ih­nen zu­ge­dach­ten Rol­len aus­bre­chen. Sind am En­de al­le Fra­gen of­fen? Sie sind es. Denn zu den be­spro­che­nen Bü­chern, die Ta­ge im Vor­aus be­kannt­ge­ge­ben wer­den und mit de­nen sich Ver­la­ge und Buch­hand­lun­gen be­vor­ra­tet ha­ben, hö­ren wir eben­so viel Ver­nich­ten­des wie Lo­ben­des. Wes­sen Ur­teil soll man als Le­ser trau­en, wel­ches der Bü­cher kau­fen und le­sen? Da­zu gibt das „Li­te­ra­ri­sche Quar­tett“ noch kei­nen be­grün­de­ten An­stoß, die Erst­aus­ga­be wirkt wie ein Null­sum­men­spiel.«

    Die Sa­che mit den Ki­wi­au­toren ist zwar in­ter­es­sant, dass er das so schreibt, aber noch in­ter­es­san­ter fin­de ich den Be­griff ‘Emp­feh­lungs­heer­scha­ren aus dem In­ter­net’. Ei­ner­seits schwingt da ei­ne ge­wis­se, bzw. die üb­li­che zei­tungs­feuil­le­to­ni­sti­sche pau­scha­le Ver­ach­tung ge­gen­über al­lem aus dem In­ter­net mit, an­de­rer­seits aber auch die Furcht, die Deu­tungs­ho­heit (der TV-Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, der FAZ usw.) in Sa­chen Li­te­ra­tur­kri­tik (Buch­emp­feh­lung) nicht mehr rich­tig im Griff zu ha­ben und auch nicht mehr zu be­kom­men. Es fällt auf, dass man das je­man­den wie Han­feld, der ja sonst eher Me­di­en­ar­ti­kel ver­fasst (ei­ne TV-Sen­dung fällt zwar in sein Res­sort, der Text steht aber auf der er­sten Feuil­le­ton­sei­te), so schrei­ben lässt. Auch be­mer­kens­wert, dass er of­fen­bar die li­te­ra­tur­kri­ti­schen Kri­te­ri­en von Wei­der­mann und Co. un­ter die Lu­pe nimmt und die Pra­xis der Vor­ab­ver­öf­fent­li­chung der Bü­cher­li­ste be­män­gelt.

    Eben­falls zum The­ma Li­te­ra­ri­sches Quar­tett hat heu­te faz.net ein an­schei­nend ir­gend­wie lu­stig ge­mein­tes Kar­ten­spiel für die Le­ser in pet­to http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/das-einzig-wahre-literarische-quartett-13833671.html, wo­zu mir ei­gent­lich nichts mehr ein­fällt, denn da tre­ten Schrift­stel­ler mit Ei­gen­schaf­ten ge­gen­ein­an­der an wie bei ei­nem PS-Quart­tet mit Au­tos. Es gibt ei­nen so­ge­nann­ten ‘Ver­schro­ben­heits­fak­tor’ (was auch im­mer das sein soll und wie im­mer der er­mit­telt wird), Char­lot­te Ro­che bspw. hat ei­nen VS-Fak­tor von 9,1 ge­gen­über Rolf Lap­pert mit 0,3, aha! Es gibt noch Sei­ten­zah­len, An­zahl der Ro­ma­ne etc. Man soll das an­schei­nend mit ei­nem Au­gen­zwin­kern be­trach­ten, aber im Prin­zip ist das nichts an­de­res als Klickfang/Klickstrecke zwecks Wer­be­för­de­rung der An­zei­gen. Kön­nen sie ma­chen, hal­te ich aber ganz be­son­ders in die­sem spe­zi­el­len Fall für ziem­lich un­ter­ir­disch.

  53. Dan­ke für den Hin­weis. Den Ar­ti­kel von Han­feld hab ich mir dann für 45 cent bei Blend­le mal ge­gönnt. Die Er­kennt­nis­se sind ja durch­aus über­sicht­lich. Das Quar­tett sei ein »Rol­len­spiel« steht da, als sei es das bei MRR nicht ge­we­sen. Wenn er fragt, wem der Zu­schau­er ver­trau­en soll zeigt er (un­be­wusst) in die Me­di­en­me­cha­nis­men ei­nes sol­chen Thea­ters auf:. Das »al­te« Quar­tett leb­te von der Do­mi­nanz von MRR, die nur in Nu­an­cen von den an­de­ren Teil­neh­mern be­fragt wur­de (je­mand, der dies ag­gres­siv tat, Jo­chen Bu­sche, war schnell weg). Ka­ra­sek war si­de-kick, Löff­ler soll­te die Rol­le der char­man­ten Que­ru­lan­tin mit Schmäh über­neh­men. Das »Ver­trau­en« des Pu­bli­kums galt MRR. Emp­fahl er ein Buch, wur­de es ein Best­sel­ler. Emp­fahl Frau Löff­ler ei­nes und MRR blieb mil­de, gab es kaum Ef­fek­te. Es ist frag­lich, ob Wei­der­mann oder Bil­ler sol­che Ver­trau­ens­bo­ni ir­gend­wann wer­den vor­wei­sen kön­nen. Mei­ne Pro­gno­se geht da­hin, dass die Sen­dung in die­ser Kon­stel­la­ti­on nicht lan­ge exi­stie­ren wird.

    Das Quar­tett­spiel ha­be ich auch ge­se­hen. Lä­cher­lich. Und die FAZ schimpft auf die teuf­li­schen Heer­scha­ren von Buch­emp­feh­lern...

    (Als ich auf ei­nen Tweet über die Ver­ga­be des Raa­be-Prei­ses an Cle­mens Setz im Über­schwang mei­ner Ge­füh­le schrieb, dass das Jam­mern der Kri­ti­ker jetzt er­folg­reich ge­we­sen war, wur­de dies als »er­bärm­lich« be­zeich­net. Da­bei war es nach Win­kels’ Ein­satz im DLF für Setz’ Buch nur all­zu lo­gisch, dass der Raa­be-Preis an den Öster­rei­cher ging. Schließ­lich ist Win­kels hier in der Ju­ry und si­cher­lich nicht oh­ne Ein­fluss. Aber sol­che Ver­strickun­gen und Ver­wir­be­lun­gen auch nur zu er­wäh­nen gilt schon als ma­je­stäts­be­lei­di­gend, als grei­fe man da­mit den Schrift­stel­ler Setz sel­ber an.)

  54. Der Raa­be-Preis wird vom DLF ge­spon­sert, Win­kels ist Li­te­ra­tur­chef vom DLF. Das nennt man dann wohl ge­schlos­se­ne Ver­wer­tungs­ket­te.

  55. Win­kels gab eben in der Sen­dung Kul­tur­zeit auf 3sat zu Pro­to­koll, dass die Ju­ry des Deut­schen Buch­prei­ses »groß­ar­tig« sei. Ei­ne »groß­ar­ti­ge« Preis­ver­ga­be der Ju­ry, al­so sei auch die Ju­ry groß­ar­tig. Was für ei­ne Kehrt­wen­de nach sei­ner her­ben Kri­tik (»Mi­schung ganz, ganz un­glück­lich«) im Deutsch­land­funk vor ei­ni­gen Wo­chen.

  56. Ja, das ist mir auch auf­ge­fal­len. Was für ein wi­der­li­cher Op­por­tu­nis­mus.

    (Von um­wer­fen­der Sach­kennt­nis zeug­te auch die Be­mer­kung der Mo­de­ra­to­rin, dass die Ju­ry ja die­ses Jahr neu ge­we­sen sei. Ist ist je­des Jahr neu.)

  57. Viel­leicht zeigt sich die Mar­gi­na­li­sie­rung des Funk­ti­ons­sy­stems “Li­te­ra­tur” eben am be­sten in ih­ren Be­gleit­um­stän­den? Es über­dau­ert die Kon­ven­ti­on, sie ab­zu­han­deln, aber ei­gent­lich kommt schon gar nicht mehr so drauf an …

    (Im­mer­hin: Ich hat­te mich vor­her für das Buch nicht in­ter­es­siert – ich war nicht neu­gie­rig: ICH war der Igno­rant -, und jetzt wür­de ich es, we­gen all dem, was ich nun drü­ber er­fah­ren ha­be, viel­leicht doch ger­ne le­sen.)

  58. Ja, das ist ja der Zweck des Prei­ses: In­ter­es­se schaf­fen. Aber ist man ein Igno­rant, nur weil man das Buch vor­her dann doch nicht le­sen woll­te? Nein. Aber es gibt na­tür­lich ei­nen Her­den­trieb, oder, bes­ser, ei­nen Sog, der ei­nem jetzt so­zu­sa­gen ei­nen Ruck gibt.

    Letz­te Wo­che stand ich vor der Ent­schei­dung: Zu­erst Pelt­zer oder Wit­zel? Und ent­schied mich für den Pelt­zer (der mir sehr gut ge­fal­len hat). Und dann: Viel­leicht doch nicht den Wit­zel (der sehr sper­rig da­her­kommt). Aber jetzt...

    Der Nach­teil: Die an­de­ren Short- und Lon­g­list-Aspi­ran­ten (das merkt man auf Twit­ter und Face­book) wer­den jetzt wie Müll kom­men­tiert. Sie sind so­zu­sa­gen aus dem Ge­dächt­nis der Sai­son »ent­sorgt«. Näch­ste Chan­ce nur noch die Ta­schen­buch­aus­ga­be. Er­eig­nis­se wie der Buch­preis tra­gen zur Be­schleu­ni­gung des Be­triebs bei.

    Des­halb gibt es am Mon­tag erst ein­mal ei­ne Be­spre­chung zum Setz, den ich dann doch ge­le­sen ha­be. Er ist ja nach der Nicht-No­mi­nie­rung in den On­line-Feuil­le­tons wie ei­ne hei­ße Kar­tof­fel fal­len­ge­las­sen wor­den; auch das So­ci­al Rea­ding quält sich. Das Buch hat an­schei­nend an sex-ap­peal ver­lo­ren; die Ka­ra­wa­ne zieht wei­ter.

    Ei­ne Ne­ben­be­mer­kung bei Win­kels ge­stern: Er ha­be nicht ge­dacht, dass das Buch (Wit­zel) ei­ne Chan­ce hat, weil es ein Früh­jahrs­buch war. Man er­in­ne­re sich: Min­de­stens ein Drit­tel der Lon­g­list-Aspi­ran­ten wa­ren zur Zeit der Lon­g­list-Ver­öf­fent­li­chung noch gar nicht of­fi­zi­ell er­schie­nen. Wit­zels Buch er­schien im Fe­bru­ar; war al­so nach den »Ge­set­zen« des Mark­tes ei­gent­lich schon »ver­al­tet«.

    In­ter­es­sant der Schwenk des Feuil­le­tons jetzt plötz­lich Wit­zels Buch als sprachmäch­tig und pro­vo­ka­tiv dar­zu­stel­len. Vor vier Wo­chen war das noch der Setz. (Aber, so viel sei »ver­ra­ten«: der war’s eben nicht.)

  59. Na, da fällt mir doch so­fort ei­ne wei­te­re Funk­ti­on der (bes­se­ren) Li­te­ra­tur­kri­tik ein: Sie er­spart es ei­nem, die Bü­cher der Sai­son sel­ber zu le­sen … und man liest die, auf die man sich wirk­lich freut. Wenn man dann al­ler­dings merkt, dass man sich – et­wa ent­spre­chend den von Ih­nen er­wähn­ten Pi­rou­et­ten bei Win­kels – ei­gent­lich auf gar nichts mehr ver­las­sen kann … (Und die durch­lauf­er­hit­zen­den TV-Mo­de­ra­to­ren wa­ren ja ei­gent­lich noch nie gu­te Zeu­gen oder Ken­ner für et­was.)

    Die Fra­ge bleibt aber so­wie­so, ob man der Be­schleu­ni­gung und Fo­kus­sie­rung nach­gibt, oder man nicht un­will­kür­lich sel­ber, mit ja ei­nem In­ter­es­se am „Be­trieb“, ein Teil von ihr wird / ist. Auch das ist bei mir sel­ber un­ein­deu­tig. Pelt­zer woll­te ich wie­der le­sen (we­gen ein, zwei Be­spre­chun­gen, nicht we­gen dem, was ich von ihm ken­ne – „Bryant Park“, das da­mals so gut be­spro­chen wur­de, hat­te mich kom­plett kalt ge­las­sen). Von Wit­zel wuss­te ich kaum et­was, und ich mag (seit Bola­nos „2666“, das mir über lan­ge Strecken doch auch in sei­ner Aus­führ­lich­keit ge­recht­fer­tig schien, und dann ex­trem ein­brach) kei­ne 800 Sei­ten-Bü­cher mehr – aber das ist na­tür­lich auch nur so ein, mein Re­flex.

    Und un­ter­lie­ge ich wo­mög­lich noch mehr Re­fle­xen – jetzt auch in Be­zug auf Setz? Ich mei­ne da­mit, dass man die ver­schie­de­nen Wen­dun­gen und Keh­ren au­ßen oft leicht mit­macht, teils aus nicht mal be­wuss­ten Grün­den?

    Als PS
    Neu­lich, beim Nach­le­sen ei­ner al­ten Be­spre­chung von Klaus Mo­dick zu ei­nem Bo­tho Strauß-Buch (es war die „Ali­ce“ in „Li­te­ra­tu­ren“), er­wähn­te er ei­ne Auf­fas­sung der Spät­ro­man­tik, die erst in der Kri­tik die Voll­endung des Werks sah. (Ich zi­tie­re aus dem Ge­dächt­nis, aber ich glau­be, es ist ziem­lich wört­lich: Ich war auch ein biss­chen ver­blüfft: Ha­ha!)

  60. Dass die Kri­tik erst das Werk voll­ende wur­de tat­säch­lich mal ge­glaubt. Aber da gab es eben noch an­de­res Per­so­nal. (Wirk­lich? Oder hat­te das da­mit zu tun, das Kri­ti­ker auch Au­toren wa­ren?) Und die Stand­fe­stig­keit der Ur­tei­le der ak­tu­el­len Prot­ago­ni­sten sind ja der­art kur­zen Zy­klen un­ter­wor­fen, dass man schon mehr Se­kun­där­tex­te le­sen muss als ei­nem lieb sein kann.

  61. Letz­te Wo­che stand ich vor der Ent­schei­dung: Zu­erst Pelt­zer oder Wit­zel? Und ent­schied mich für den Pelt­zer (der mir sehr gut ge­fal­len hat). Und dann: Viel­leicht doch nicht den Wit­zel (der sehr sper­rig da­her­kommt). Aber jetzt…

    Letz­te Ta­ge stand ich vor der Ent­schei­dung: Zu­erst Setz oder Wit­zel? Und ent­schied mich für den Setz. Den Pelt­zer hat­te ich schon vo­her ge­le­sen. Der Buch­preis scheint, ob­wohl ich nicht sehr feuil­le­ton-af­fin bin, dann doch zu funk­tio­nie­ren. Ich bin sehr ge­spannt auf Ih­re Sicht auf Na­ta­lie (ge­ra­de ca. auf Sei­te 350). Den Wit­zel wer­den ich dann wohl auch noch le­sen.

    Kri­tik der Bü­cher in Kurz­form, noch kür­zer als Scheck:

    Setz:
    Idio­syn­kra­sie-Poe­try-Slam

    Pelt­zer:
    Li­te­ra­tur und zwar ver­dammt gu­te. Mit ei­ner wirk­lich schö­nen Lie­bes­ge­schich­te. Un­glaub­lich.

  62. Dass der Buch­preis »funk­tio­niert« – al­so uns hier zum Kau­fen und dann auch Le­sen der Bü­cher in­spi­riert –, spricht ja ei­gent­lich für ihn. Ab­ge­sto­ssen bin ich von Hass­le, der im­mer drum ge­macht wird, als wür­de hier ei­ne Art Li­te­ra­tur­no­bel­preis für die Ewig­keit ver­ge­ben. Es muss im­mer die Neu­erfin­dung des Ro­mans mal min­de­stens, wenn nicht gar der Li­te­ra­tur sein. Und wenn ei­nem die Long- und Short­list oder der Preis­trä­ger nicht ge­fällt als Groß­kri­ti­ker, ist es dann im­mer die idio­tisch­ste Aus­wahl die je­mals zu­sam­men­ge­stellt wur­de, von kaum al­pha­be­ti­sier­ten Bar­ba­ren, näm­lich Buch­händ­le­rin­nen. Und das die nix von Li­te­ra­tur ver­ste­hen, ist ja eh klar.
    Je­des Jahr zum Buch­preis er­neu­ert das Hoch­feuil­le­ton (so nann­te das ei­ner der Red­ner wäh­rend der Ver­lei­hung) sei­ne Bank­rott-Er­klä­rung.

  63. In­ter­es­sant ist, dass die (an­geb­lich) elf­köp­fi­ge »Aka­de­mie Deut­scher Buch­preis«, die die Ju­ry be­stimmt, nir­gend­wo na­ment­lich er­wähnt ist. Im Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel hört es 2008 auf. [Da­mals war un­ter an­de­ren auch Win­kels in der ‘Aka­de­mie’ und die Ju­ro­ren­welt für ihn noch in Ord­nung: Rai­ner Mo­ritz (Ju­ry­spre­cher), Chri­stoph Bart­mann (Lei­ter der Ab­tei­lung Kul­tur und In­for­ma­ti­on des Goe­the-In­sti­tuts), Mar­tin Ebel (Kul­tur­re­dak­teur des Ta­ges-An­zei­gers, Zü­rich), Mei­ke Feß­mann (freie Kri­ti­ke­rin), Jens Jes­sen (Feuil­le­ton­chef der ZEIT), Man­fred Kei­per (In­ha­ber „an­de­re buch­hand­lung“, Ro­stock) und Mi­cha­el Schmitt (Re­dak­teur „Kul­tur­zeit“, 3sat).]

    Da­nach blei­ben die Ju­ry­be­stim­mer schlicht­weg im Dunk­len.

  64. Ah ja, vie­len Dank. (So blöd muss man erst ein­mal sein, die nicht zu fin­den.)

    Jetzt ahnt man na­tür­lich, war­um da so we­nig »Groß­kri­ti­ker« in der Ju­ry be­ru­fen wer­den. Zum ei­nen wa­ren die (fast) al­le schon mal da. Und zum an­de­ren scheint das gar nicht ge­wollt zu sein.

  65. Das mit dem Ver­kau­fen klappt üb­ri­gens ge­ra­de nicht so gut, denn das Buch von Wit­zel ist der­zeit aus­ver­kauft. Mei­ne Buch­hand­lung ist ge­ra­de nicht so be­gei­stert, denn dass man ein hal­bes Jahr nach Wag­ners Re­gen­ton­nen­va­ria­tio­nen wie­der ei­nen der­ar­ti­gen Lie­fer­eng­pass er­le­be, hät­te man dort auch nicht ge­dacht. Vor En­de näch­ster bzw. An­fang über­näch­ster Wo­che krie­ge der Ver­lag den Nach­druck nicht in die Buch­hand­lun­gen, zu­dem die Fi­lia­li­sten der gro­ßen Ket­ten er­fah­rungs­ge­mäß be­vor­zugt be­lie­fert wür­den.

  66. Als das Buch den Buch­preis ge­won­nen hat­te, war die Lie­fer­frist bei Ama­zon »1 – 3 Wo­chen«. Der­zeit 9–13 Ta­ge. Das Pro­blem: Was soll der Ver­lag ma­chen? Den 800-Sei­ten-Schin­ken auf Vor­rat drucken und dann dar­auf sit­zen­blei­ben? Macht man nicht. Al­so muss der Kun­de lei­den. Aber der – das ken­ne ich aus mei­ner Pra­xis – ist wie ein scheu­es Reh: ganz schnell weg...

    (Der On­line­an­bie­ter aus Ja­pan – 2–4 Wo­chen Lie­fer­zeit und 50,75 Eu­ro + 3 Eu­ro für das 29,90 Eu­ro-Buch – ist auch kei­ne Al­ter­na­ti­ve.)

  67. Wenn ich das rich­tig ver­stan­den ha­be, war die Vor­auf­la­ge vor 2 Wo­chen auch schon aus­ver­kauft, ich wür­de ver­mu­ten, dass die Short­list da aus­schlag­ge­bend war. Da­her hät­te ich jetzt ge­dacht, dass der Ver­lag die näch­ste Auf­la­ge mit zu­min­dest mit et­was hö­he­ren Stück­zah­len druckt, wenn er so­wie­so schon da­bei ist, auch wenn das zum Stich­tag Buch­preis na­tür­lich ri­si­ko­be­haf­tet ist.

  68. Stei­le The­se mei­ner­seits: Hät­te das Buch nicht den Preis ge­won­nen, hät­te da­von ab Diens­tag kein Mensch mehr ge­spro­chen. Da­her hat­te der Ver­lag wohl die si­che­re Ver­si­on ge­wählt.

  69. Ich war ge­ra­de in der größ­ten Stutt­gar­ter Buch­hand­lung, als der Preis­trä­ger ver­kün­det wur­de. Ei­ne Buch­händ­le­rin räum­te flugs die Buch­preis-Short­list-Prä­sen­ta­ti­on ab, hol­te ei­ne klei­ne Pa­let­te Wit­zels (ca. 30) aus dem La­ger und bau­te sie auf. Ich: »Oh, der Wit­zel ist’s ge­wor­den? Das ist ja über­ra­schend. Das freut mich.« Sie: »Ja, toll, nicht?! Hier freu­en sich auch al­le.« Ich: »Ha­ben Sie die Bän­de dann ein­fach auf Ver­dacht aufs La­ger ge­nom­men?« Sie: »Wir hat­ten die kom­plet­te Short­list auf La­ger – aber von ei­ni­gen halt et­was mehr. Aber der Wit­zel, das war un­se­re Wild Card, weil den vie­le hier schon ge­le­sen ha­ben und toll fin­den. Und die Er­pen­beck braucht eh kei­nen Preis, das läuft ja prak­tisch von selbst.« Und dann gab’s ei­nen klei­nen Um­trunk auf den Ge­win­ner mit den paar Kun­den, die sich noch in der Buch­hand­lung rum­trie­ben. Ich hab’ dann Jo­seph Roths Ra­detz­ky­marsch er­wor­ben, den Wit­zel schenkt mir be­stimmt je­mand zu Weih­nach­ten ;).

  70. Ei­ne hüb­sche, fast schon an­rüh­rend aus der Zeit ge­fal­le­ne Be­ge­ben­heit und mit dem Ra­detz­ky­marsch ha­ben Sie die al­ler­be­ste Wahl ge­trof­fen. Steht so­gar auf der Short­list zum Buch­preis des Jahr­hun­derts. Ge­nie­ssen Sie je­de Sei­te.

  71. Da­nach viel­leicht mit »Ho­tel Sa­voy« und »Die Ka­pu­zi­ner­gruft« wei­ter­ma­chen. Die kom­men­den Win­ter­aben­de sind be­stimmt auch lang ge­nug für »Zip­per und sein Va­ter«...

    Jo­seph Roth ist groß­ar­tig, ich ha­be al­le sei­ne Ro­ma­ne (und noch ei­ni­ges mehr von ihm) auf mei­nem Kind­le im­mer am Mann, um spon­ta­ner Lust auf er­neu­te Lek­tü­re so­fort nach­ge­hen zu kön­nen. Un­glaub­lich, was uns die­ser be­gna­de­te und getrie­be­ne Wor­k­a­ho­lic al­les hin­ter­las­sen hat.

  72. Und in der Gruft kann man dann noch glatt mir be­geg­nen. Aber jetzt kom­me ich wirk­lich ins plau­dern.