Ralf Roth­mann: Im Früh­ling ster­ben

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Ralf Roth­mann: Im Früh­ling ster­ben

»Das Schwei­gen, das tie­fe Ver­schwei­gen, be­son­ders wenn es To­te meint, ist letzt­lich ein Va­ku­um, das das Le­ben ir­gend­wann von selbst mit Wahr­heit füllt.« So be­ginnt Ralf Roth­mann sei­nen Ro­man »Im Früh­ling ster­ben«. Man sieht vor sei­nem gei­sti­gen Au­ge förm­lich den prä­ten­tiö­sen Aus­druck des Dich­ters oder Vor­le­sers, der be­deu­tungs­schwe­re Duk­tus, der den Le­ser, die Le­se­rin, auf die­se Li­te­ra­tur vor­be­rei­ten soll und un­um­wun­den si­gna­li­siert: Hier ent­steht et­was ganz Be­son­de­res, ein Mei­ster­werk. Das Schwei­gen, »wenn es To­te meint«, füllt das Le­ben mit »Wahr­heit«. Fra­gen, wes­sen Le­ben mit Wahr­heit ge­füllt wer­den soll und wie dies mit dem »tie­fen Ver­schwei­gen« ge­meint sein könn­te, wir­ken da eher stö­rend, nach dem Sinn die­ses Sat­zes zu su­chen erst recht.

Sechs­ein­halb Sei­ten skiz­ziert ein Ich-Er­zäh­ler mit star­ken Stri­chen das Le­ben sei­nes Va­ters Wal­ter Ur­ban. Das schweig­sa­me We­sen, sei­ne Hilfs­be­reit­schaft (»das Wort hoch­an­stän­dig fiel oft«), die Jacken von C & A, die er ger­ne trug. 30 Jah­re ar­bei­te­te er als Hau­er im Berg­werk in Es­sen, oh­ne Ge­hör­schutz. Er er­taub­te und ver­stand nur noch sei­ne Frau, »ob es ih­re Stimm­fre­quenz war oder die Art der Lip­pen­be­we­gung« weiß der Er­zäh­ler nicht. Nach der Früh­ver­ren­tung, die ihn kränk­te, war das Le­ben prak­tisch schon zu En­de. Es gab die Zei­tung, Heft­chen­ro­ma­ne und, lei­der, den Al­ko­hol. Schließ­lich der Krebs mit 60, das war 1987. Der Er­zäh­ler schenkt ihm ein Heft, in dem er et­was vom Krieg, von sei­nem Le­ben auf­schrei­ben soll, aber au­ßer ein paar Orts­na­men schreibt Wal­ter Ur­ban nichts hin­ein. Der Schrift­stel­ler sei doch er, be­merkt er spitz­bü­bisch. Auf dem Ster­be­bett be­ginnt er im Schlaf zu spre­chen. Er sei jetzt »wie­der im Krieg« sagt dann sei­ne Frau.

Und dann, auf Sei­te 13, be­ginnt ei­ne Ge­schich­te von Wal­ter Ur­ban ab Fe­bru­ar 1945. Er ist Mel­ker­lehr­ling in Nord­deutsch­land, der Prü­gel-Va­ter im Feld ir­gend­wo auf dem Bal­kan (straf­ver­setzt, weil er Ge­fan­ge­nen Zi­ga­ret­ten ge­ge­ben ha­ben soll), die Mut­ter mit sei­ner Schwe­ster in Es­sen. Es ist Sonn­tag und es gibt ein Fest. Der »Reichs­nähr­stand« gibt ei­nen aus. Man trifft sich im »Fähr­hof«, die Ka­pel­le, die aus Kriegs­ver­sehr­ten be­steht, spielt Hans Al­bers, Za­rah Le­an­der und Heinz Rüh­mann. Ir­gend­wo steht auch ein SS-Mann mit der Auf­schrift »Frunds­berg« – schö­ner Gruss von Roth­mann an Gün­ter Grass.

Wal­ter trifft den wil­den Fie­te, der auch auf dem Hof als Lehr­ling ar­bei­tet (man nennt die bei­den Ata und Imi, weil sie so gründ­lich sind), sei­ne Flam­me Eli­sa­beth und Fie­tes Ver­lob­te Or­trud. Al­les ist wun­der­bar, die Cord­ho­se sitzt, das Bier schmeckt. Ein ent­stell­ter SS-Of­fi­zier, Rit­ter­kreuz­trä­ger, er­zählt von sei­nen Hel­den­ta­ten, »zag­haf­ter Ap­plaus« im Pu­bli­kum. Und dann die Re­de ei­nes Funk­tio­närs vom »Reichs­nähr­stand«, der in ei­ner kru­den Re­kru­tie­rungs­ak­ti­on mün­det, die man schon leicht ab­ge­wan­delt in Heinz Reins 1947 er­schie­ne­nem, ful­mi­nan­ten Buch »Fi­na­le Ber­lin« fin­det. Der Funk­tio­när »schlägt vor«, dass je­der Mann auf die­sem Fest schon am näch­sten Tag frei­wil­lig in die »sieg­rei­che Waf­fen-SS« ein­tre­ten soll. » ‘Wer da­ge­gen ist, kann ja jetzt auf­ste­hen.’ « Stil­le im Raum. Fie­te will auf­ste­hen, Wal­ter hält ihn aber zu­rück. »Fern­blei­ben ist De­ser­ti­on« heißt es si­cher­heits­hal­ber beim Of­fi­zier am Tre­sen. Und schon sind al­le ab Mon­tag 7 Uhr früh in der Waf­fen-SS.

Es fol­gen auf rund 180 Sei­ten die Er­leb­nis­se Wal­ter Ur­bans. Die Grund­aus­bil­dung dau­ert nicht drei Mo­na­te, son­dern drei Wo­chen. Die Zeit reicht, um den Füh­rer­schein zu ma­chen und Wal­ter wird Fah­rer. Bin­nen we­ni­ger Ta­ge ist die Ein­heit in Un­garn. Der Er­zäh­ler be­ob­ach­tet Wal­ter wie ein Be­richt­erstat­ter. Es gibt ele­gi­sche Schil­de­run­gen von Land­schaften, ekel­er­re­gen­de aus La­za­ret­ten, fürch­ter­li­che von men­schen­ver­ach­ten­den SS-Scher­gen, die will­kür­lich er­nann­te Par­ti­sa­nen auf­hän­gen. Nur ei­nes gibt es nicht: Ei­ne In­nen­per­spek­ti­ve der Fi­gur Wal­ter Ur­ban. Sie bleibt für die Zeit­ge­nos­sen und für den Le­ser un­nah­bar, öff­net sich nicht und es wer­den kei­ne An­stal­ten ge­macht, dies zu än­dern.

In ei­ner küh­nen Ak­ti­on, die ihm un­ge­plant pas­siert, be­freit Wal­ter ein­ge­schlos­se­ne Ka­me­ra­den. Ei­ne Aus­zeich­nung hier­für lehnt er ab und er­wirkt beim Kom­man­deur (Mar­ke gu­ter, net­ter Haupt­sturm­füh­rer) die Er­laub­nis, das Grab sei­nes Va­ters, der zwi­schen­zeit­lich in der Nä­he von Györ ge­fal­len sein soll, zu su­chen. In An­be­tracht der im März 1945 gras­sie­ren­den Treib­stoff­knapp­heit ist die Er­laub­nis zu die­sem Drei­ta­ges­aus­flug ziem­lich un­wahr­schein­lich, aber Roth­mann braucht das wohl um die Zer­stö­run­gen der Land­schaft, die Ver­ro­hung der Sol­da­ten und die Aus­sichts­lo­sig­keit des Un­ter­fan­gens bei gleich­zei­ti­gem Wei­ter­ma­chen Al­ler zu il­lu­strie­ren. Als er nach ver­geb­li­cher Su­che zum ver­ein­bar­ten Ort ein­trifft (ob­wohl ihm ein Treib­stoff­ka­ni­ster ge­stoh­len wird) sitzt Fie­te in der To­des­zel­le, weil er nach sei­ner halb­wegs über­stan­de­nen Ver­wun­dung so­fort wie­der ein­ge­setzt wer­den soll­te und des­halb de­ser­tie­ren woll­te. Wal­ter will in­ter­ve­nie­ren, aber der »gu­te« Haupt­sturm­füh­rer ist tot. Hier ent­steht die ge­lun­gen­ste Sze­ne im Buch. Wal­ter setzt sich beim neu­en Kom­man­dan­ten Dom­berg für Fie­tes Be­gna­di­gung ein. Die Fi­gur Dom­berg, der in Wal­ters feh­len­dem Ge­ni­tiv fast den Un­ter­gang der Ju­gend herbei­beschwört und en pas­sant den Be­ruf des Mel­kers für ob­so­let er­klärt, weil dem­nächst al­les von Ma­schi­nen ge­macht wür­de, ist in der Schil­de­rung der freund­li­chen Bru­ta­li­tät, die viel un­er­war­te­ter da­her­kommt als die kru­den Me­tho­den an­de­rer SS-Leu­te und da­durch noch ab­scheu­li­cher wirkt, sehr gut ge­lun­gen.

Am Mor­gen wird dann »die Stu­be« ab­kom­man­diert, Fie­te zu er­schie­ßen. Al­so auch Wal­ter. War­um Fie­te plötz­lich zu Wal­ters Stu­be zählt, ist nicht ganz deut­lich, denn zwi­schen­zeit­lich wa­ren sie in an­de­ren Ein­hei­ten. Ei­ner der Schüt­zen hat ei­ne Platz­pa­tro­ne – das ist der Trost. Selbst Da­ne­ben­schie­ßen traut man sich nicht. Es ist Wal­ters ein­zi­ger Schuss in die­sem Krieg. Nach dem Tod Fie­tes am 30. März 1945 könn­te der Ro­man ei­gent­lich zu En­de sein, aber es geht dann nach dem Krieg noch nach Es­sen zu Wal­ters Mut­ter, die er so­fort wie­der ver­lässt. In Kiel trifft er Eli­sa­beth und die­se folgt ihm dann in die Land­wirt­schaft (bis sich Dom­bergs Dik­tum dann be­wahr­hei­tet).

Es gibt noch ei­nen Epi­log, in dem der Ich-Er­zäh­ler zum Grab sei­ner El­tern fährt. Die Pacht­zeit ist ab­ge­lau­fen und er über­legt, ob er sie ver­län­gern soll. Die Ent­schei­dung möch­te er am Grab tref­fen. Es schneit, er kauft Blu­men, aber er fin­det die Grab­stät­te nicht mehr. Dann ist das Buch aus.

Und das Feuil­le­ton ju­belt.

Aber war­um? Ist es die Cool­ness des Hel­den, der Clint-East­wood-mä­ssig die Schrecken sei­ner Ein­drücke in sich ver­gräbt? Et­was, das vie­le die­ses 27er-Jahr­gangs ge­macht ha­ben und, was man viel in­ten­si­ver und ein­dring­li­cher bald in Jan Kon­eff­kes »Ein Sonntags­kind« wird nach­le­sen kön­nen. Sind es die so­ge­nann­ten »poe­ti­schen« Stel­len, die der­ar­ti­ge Ver­zückun­gen aus­lö­sen? Et­wa die »lan­gen Schat­ten« der Wim­pern der un­ga­ri­schen Step­pen­rin­der? Oder als Wal­ter auf der Su­che nach dem Grab sei­nes Va­ters an ei­nen my­ste­riö­sen Platz kommt und es heißt: »Die Abend­son­ne füll­te die her­um­lie­gen­den Hel­me mit Schat­ten.«? Viel­leicht ist es ja »poe­tisch«, wenn ein Blitz­mä­del Wal­ter mit ih­ren »milch­blau­en« Au­gen an­schaut? Am Mor­gen, als Fie­te exe­ku­tiert wird, »mu­ster­te« ein al­ter Kei­ler »die Tan­nen am an­de­ren Ufer aus schma­len Au­gen, ehe er sich hinab­beugte und die En­ten­grüt­ze schlürf­te« und der »Pür­zel krei­sel­te vor Be­ha­gen« (es ist wohl ein »Bür­zel« ge­meint, aber egal). Als Wal­ter mit den an­de­ren für die Exe­ku­ti­on sei­nes be­sten Freun­des den Stahl­helm auf­set­zen muss, fühlt er des­sen kal­tes »Me­tall« nicht et­wa auf dem Kopf, son­dern auf dem Schei­tel.

Statt Poe­sie se­he ich vor al­lem ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Edel­kitsch, gar­niert mit schwül­stig-kleb­ri­gen Ma­nie­ris­men. An­läss­lich ei­nes Films von Hans-Jür­gen Sy­ber­berg über Adolf Hit­ler sprach Saul Fried­län­der in »Kitsch und Tod« 1984 von »wol­lü­sti­ger Be­klem­mung und hin­rei­ßen­den Bil­dern«, die »man un­ent­wegt wei­ter­se­hen will«. Ge­nau die­se Fas­zi­na­ti­on wird in die­sem Buch be­feu­ert.

Weil die Emo­tio­nen Wal­ters nicht er­kenn­bar sind – we­der von ihm noch vom Er­zäh­ler ver­mit­telt – flüch­tet sich Roth­mann in Um­ge­bungs­be­schrei­bun­gen um ei­ne kon­tra­stie­ren­de Stim­mung zu evo­zie­ren, die in­di­rekt auf Wal­ters Ge­fühls­hal­tung hin­wei­sen soll. Dies mag in den Ruhr­ge­biets-Ro­ma­nen Roth­manns ge­lin­gen, denn die Le­bens­wirk­lich­keit des Er­zäh­lers kor­re­spon­dier­te hier mit der der Fi­gu­ren. Im vor­lie­gen­den Ro­man ist dies je­doch nicht der Fall: Roth­mann ist 1953 ge­bo­ren. Das be­deu­tet nicht, dass man als Nach­ge­bo­re­ner nicht über sol­che Fi­gu­ren er­zäh­len kann (im be­reits er­wähn­ten Buch von Jan Kon­eff­ke zeigt sich, dass dies mög­lich ist). Aber in­dem die Fi­gur der­art emo­ti­ons­los so­zu­sa­gen »ab­ge­filmt« wird, ent­steht nur das ein­di­men­sio­na­le Ku­lis­sen­bild ei­nes be­haup­te­ten Ge­sche­hens; Wal­ter Ur­bans schein­ba­re Be­herrscht­heit wirkt fast schon ar­ro­gant. Le­dig­lich die Exe­ku­ti­ons­ge­schich­te durch­bricht die­se er­zäh­le­ri­sche Schwä­che, weil der Le­ser so­fort Par­tei für die we­sent­lich far­bi­ger er­zähl­te Fi­gur Fie­te ent­wickelt. Ge­nau hier fin­det sich dann auch die ein­zig er­kenn­ba­re halb­wegs als Emo­ti­on zu deu­ten­de Stel­le bei Wal­ter, als der Schuss, den er auf den Freund ab­gibt »ein Re­flex mehr als die Aus­füh­rung ei­nes Be­fehls« be­zeich­net wird.

Noch aus ei­nem an­de­ren Grund ist »im Früh­ling ster­ben« pro­ble­ma­tisch: In dem der Ich-Er­zäh­ler sug­ge­riert, von sei­nem Va­ter kaum si­gni­fi­kan­tes über den Krieg er­fah­ren zu ha­ben und dann doch ei­ne der­ar­ti­ge Ge­schich­te aus­ge­brei­tet wird, wird der Ein­druck der Au­then­ti­zi­tät ver­mit­telt. In­dem er die Schil­de­run­gen des Le­bens und kur­zen Ster­bens des Va­ters an den An­fang stellt, wird ein Ein­druck er­zeugt, dass ab Sei­te 13 nun die rea­le Le­bens­ge­schich­te des Va­ters be­ginnt. Der Er­zähl­duk­tus ver­stärkt die­sen Ein­druck noch. Oh­ne die­sen Kniff wä­re die Be­trof­fen­heit des Le­sers ge­rin­ger, da durch den Pro­log be­reits ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Wal­ter ge­schaf­fen wur­de (und sei es Mit­leid).

Der En­thu­si­as­mus, der die­sem Buch lan­des­weit in den Feuil­le­tons ent­ge­gen­ge­bracht wird, ist von des­sen Text her al­lein je­den­falls nicht nach­voll­zieh­bar.

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9 Kommentare zu »Ralf Roth­mann: Im Früh­ling ster­ben«:

  1. Peter V. Brinkemper sagt:

    Ope­ra­ti­on ge­lun­gen. Kitsch ab­ge­kratzt. Pa­ti­ent lebt: Der Wunsch, ver­film­ba­re Li­te­ra­tur heu­te mit lei­sem Ich-bin-Deutsch­land zu sug­ge­rie­ren.

    #1

  2. en-passant sagt:

    Ja, so klingt es – so­wohl aus der Be­spre­chung als auch wie Brink­em­per es auf den Punkt bringt.

    Und ich war so neu­gie­rig auf das Buch!

    Dass ge­ra­de Roth­mann, da­zu mit ei­nem der­art per­sön­li­chen, ach was: in­ti­men Be­zug (um „Be­trof­fen­heit“ zu ver­mei­den), mal et­was an­de­res aus ei­nem sol­chen The­ma macht … die Üb­lich­kei­ten ver­mei­dend, durch ei­ne über­ra­schen­de Per­spek­ti­ve, durch mehr Nach­den­ken / Tie­fen­schär­fe / Prä­zi­si­on ... mit mehr Durch­ar­bei­tung eben et­was von Roth­mann.

    Ich bin ver­un­si­chert – wer­de es aber wohl trotz­dem le­sen.

    (Viel­leicht in dem Zu­sam­men­hang al­bern aber … mir fiel auf, dass ich ihn, der bis­her nie in sol­chen Buch-Pro­mo­ti­ons-Be­rich­ten auf­tauch­te, es auf ein­mal tat, arg brav den Text dar­stel­le­risch auch noch mit ei­nem Gang auf den Fried­hof il­lu­strie­rend! Oh Gott!)

    (Oder ha­be ich da, der zwar sehr se­lek­tiv kuckt aber doch meint, das Ent­schei­den­de mit­zu­krie­gen, über die Jah­re et­was über­se­hen? Roth­manns un­be­darf­tes Ver­lags-So­li­da­ri­täts-State­ment da­mals in der Bar­lach-Sa­che hat­te ihn für mich schon bla­miert. Wird er am En­de ein ganz nor­ma­ler Schrift­stel­ler? [Po­le­mik / En­de])

    #2

  3. @en-passant
    Le­sen Sie das Buch un­be­dingt und schrei­ben dann – viel­leicht, wenn Sie mö­gen – ob mei­ne Vor­be­hal­te zu­tref­fen oder nur Idio­syn­kra­si­en sind. Oder Re­fle­xe, die mich ver­an­las­sen nach ei­nem sol­chen Ju­bel um­so skep­ti­scher, ge­nau­er und auch wo­mög­lich (?) un­ge­rech­ter zu le­sen...

    PS: Die Ver­fil­mung ha­be ich auch schon wirk­lich vor Au­gen. Pro­duk­ti­on ver­mut­lich Ni­co Hof­mann oder Oli­ver Ber­ben oder bei­de. Keil­er­dres­sur Dirk Stef­fens.

    #3

  4. Wolfgang B. sagt:

    Mir hat sich beim Le­sen der Ein­druck auf­ge­drängt, dass die­ses Buch mit spe­zi­ell die­ser Ge­schich­te ei­nes Spä­te­in­ge­zo­ge­nen kurz vor Kriegs­en­de et­was ganz Be­son­de­res sein will, es wirkt auf mich sehr am­bi­tio­niert in sei­ner Durch­dacht­heit der Ge­schich­te (Film­plot wur­de ja schon an­ge­spro­chen, Mach­art »Un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter« etc) aber das geht ein­fach nicht auf. Da­für dass die­ses Buch so kurz ge­hal­ten ist, er­scheint die Spra­che, mit der hier er­zählt wird, nach­läs­sig und stel­len­wei­se lust­los, z.B. bei der Er­mor­dung der Mül­lers­leu­te heisst es in ei­nem fort: »Doch der be­ach­te­te ihn nicht;...«, »Doch als das Zit­tern sei­ner Frau plötz­lich so stark wur­de...«, »...doch Wal­ter blieb im Scheu­nen­tor ste­hen...«, »Doch dann griff das Seil«, »Doch Fre­do woll­te nicht ster­ben […]«, »Doch dann hör­te er sie lei­se ru­fen...« usw. Puh!

    Zum an­de­ren ist es so, dass Roth­mann an zwei Stel­len ein re­gel­rech­ter Sprach­schlu­der un­ter­läuft: »Da­bei sag­te er et­was nah an ih­rem Ohr, und als Eli­sa­beth lach­te, fiel Wal­ter ein­mal mehr auf, dass sie ei­gent­lich nicht schön war.« und ge­gen En­de des Bu­ches: »La­ter­nen­licht schien durch die Kor­ri­dor­fen­ster, man konn­te in die Klas­sen­räu­me se­hen, wo die Schat­ten der Flocken über Stüh­le, Ti­sche und ge­putz­te Ta­feln fie­len, und ein­mal mehr mach­te mich der An­blick des stil­len Ge­bäu­des in den Fe­ri­en oder am Wo­chen­en­de be­klom­me­ner, als er es zu Un­ter­richts­zei­ten ge­tan hat­te […]«. Dass die­se -mitt­ler­wei­le wohl üb­lich ge­wor­den zu sein schei­nen­de- Sprach­ver­hun­zug der im Deut­schen lo­gisch lei­der un­mög­li­chen und da­her fal­schen Kon­struk­ti­on des »ein­mal mehr« (von dem aus dem Eng­li­schen schlam­pig über­tra­ge­nen ‘on­ce mo­re’) dem oder der Suhr­kamp-Lek­tor/in nicht wei­ter auf­ge­fal­len ist, lässt die Fra­ge auf­kom­men, ob es über­haupt ein Lek­to­rat ge­ge­ben hat, das Buch ist ja, wie ge­sagt, nun nicht ge­ra­de lang, da kann man so­was ei­gent­lich nicht über­le­sen.

    (Ein an­de­res Bei­spiel: Ob man bzw. Wal­ter, er ist nach dem Krieg wie­der auf dem Weg zu sei­ner Fa­mi­lie, das Stra­ssen­bahn­schril­len beim Be­tä­ti­gen der Klin­gel­schnur als »Klin­gel­ton« be­zeich­net hat, hal­te ich für min­de­stens frag­wür­dig; ich den­ke bei die­sem Be­griff an neu­zeit­li­che Mo­bil­te­le­fo­ne, aber viel­leicht ir­re ich und man hat tat­säch­lich schon da­mals von Klin­gel­ton in dem Zu­sam­men­hang ge­spro­chen).

    Dies ist, so­weit ich das über­blicke, die er­ste kri­ti­sche Re­zen­si­on des Bu­ches, weit und breit le­se ich nur Ju­bel­ari­en. Mich macht es ehr­lich rat­los, dass die­ses Buch »ei­nes der her­aus­ra­gen­den Bü­cher des Jah­res« (Ke­gel, FAZ) sein soll.

    #4

  5. Vie­len Dank Wolf­gang B für die­ses sehr ge­naue Le­sen. Das mit dem Klin­gel­ton war mir auch auf­ge­fal­len. Die Käl­te Wal­ters in der Hin­rich­tungs­sze­ne soll wohl mit den »kal­ten« Au­gen der Mut­ter bei der Be­geg­nung nach dem Krieg in Es­sen kor­re­spon­die­ren. Die­ses Mo­tiv führ­te mich fast an Han­ekes »Das wei­ße Band«, in dem die ro­he Käl­te ei­nes Dor­fes um die Jahr­hun­dert­wen­de zum 20. Jahr­hun­dert hin ex­em­pla­risch für die Ver­ro­hung un­ter den Na­zis spä­ter as­so­zi­iert wird. Aber viel­leicht ist das sehr weit her­ge­holt.

    100% d’accord was die Am­bi­tio­nen an­geht, die man fast mit Hän­den glaubt grei­fen zu kön­nen. Mei­ne The­se über die Ju­bel­ari­en geht da­hin, dass wir ge­treu dem Text von Schirr­ma­cher sei­ner­zeit zu »Un­se­re Müt­ter, un­se­re Vä­ter« in ei­ne neue »Pha­se der Auf­ar­bei­tung« der NS-Zeit auch und nicht zu­letzt äs­the­tisch ge­kom­men zu sein schei­nen. Das müss­te man mal ge­nau­er un­ter­su­chen.

    #5

  6. Wolfgang B. sagt:

    Um Him­mels Wil­len, ich er­in­ne­re mich noch sehr gut dar­an, was die­ses fil­mi­sche Mach­werk da­mals be­wirkt hat, ein ge­wis­ser Ar­nulf Ba­ring näm­lich saß völ­lig auf­ge­kratzt in ei­ner den Film dis­ku­tie­ren­den Sen­dung und fa­sel­te et­was von der Um­keh­rung von Op­fer und Tä­ter in Be­zug auf die Ju­den, was ihm (auch) durch die spe­zi­el­le Äs­the­tik die­ses Films deut­lich ge­wor­den sei. Dass Schirr­ma­cher die­se Art der Re­la­ti­vie­rung nicht er­kannt hat, spricht nicht ge­ra­de für ihn. Es kann aber auch sein, dass es ihm vor al­lem auf den ul­ti­ma­ti­ven Zeit­punkt an­kam, an dem noch Zeit­zeu­gen in der Fa­mi­lie für die­se Dis­kus­si­on zur Ver­fü­gung stan­den. Es war ja bei die­sen De­bat­ten im­mer ganz em­pha­tisch. Ich hof­fe je­den­falls nicht, dass sich die­se Art der Äs­the­tik durch­setzt und Deu­tungs­ho­heit ge­winnt.

    #6

  7. Ich glau­be, Schirr­ma­cher mein­te das nicht re­la­ti­vie­rend in Be­zug auf die Tä­ter und de­ren Hand­lun­gen. Aber Roth­mann macht das, was in dem Film auch an­satz­wei­se vor­kommt und was viel­leicht »die neue Sicht« ge­nannt wer­den könn­te: Die Ge­nera­ti­on der 1925ff ge­bo­re­nen als Ver­führ­te dar­zu­stel­len, die am En­de von den Er­eig­nis­sen und Ver­strickun­gen, so­fern sie sie über­lebt ha­ben, trau­ma­ti­siert wa­ren bis zum To­de – na­tür­lich nebst fast ob­li­ga­to­ri­schem Schwei­gen. Das ist, was die ak­tu­el­len Krie­ge bspw. in Af­gha­ni­stan an­geht (in den USA auch Viet­nam) ab­so­lu­ter Stan­dard. In Deutsch­land war es aber nach 1945 – aus vie­len Grün­den – ta­bui­siert, da noch lan­ge Zeit der Re­vi­sio­nis­mus von rechts droh­te.

    Man den­ke sich nur Ödön von Hor­váths »Ju­gend oh­ne Gott«. In dem Ro­man ver­zwei­felt der Leh­rer dar­an, dass die Ju­gend der Zeit nur noch die NS-In­dok­tri­na­ti­on kennt. Die Ge­fahr die­ser Be­trach­tung liegt dar­in, dass man dies be­rück­sich­ti­gend am En­de als Ent­schul­di­gung für die Ver­bre­chen her­an­zieht bzw. nur die Vä­ter­ge­nera­ti­on, al­so die knapp vor bzw. um 1900 ge­bo­ren als Tä­ter so­zu­sa­gen her­an­zieht. Da­mit wä­re die nach­fol­gen­de Ge­nera­ti­on qua­si »ent­la­stet« und das fast un­ab­hän­gig von ih­ren Ta­ten. Das kann aber so nicht sein.

    Aber das aus die­sen Jahr­gän­gen auch ei­ne Un­zahl von Men­schen her­vor­ge­gan­gen sind, die die Bun­des­re­pu­blik als De­mo­kra­tie auf­ge­baut ha­ben – und sei es nur als Süh­ne (still ge­lebt oder eben nicht), das ge­hört ja auch da­zu.

    In­so­fern muss ich ge­ste­hen, dass mich Wal­ter Ur­ban in der Form, wie dies hier er­zählt wird, nicht die Boh­ne in­ter­es­siert. Er er­lebt Schreck­nis­se in den letz­ten Kriegs­mo­na­ten, wird dann Mel­ker und spä­ter 30 Jah­re Hau­er. Das ist im we­sent­li­chen die Ge­schich­te, die er­zählt wird. Und dann eben die­ser Kitsch, der die Form des Ro­mans so­zu­sa­gen ret­ten soll, aber eben m. E. ab­stür­zen lässt.

    #7

  8. en-passant sagt:

    Da­ne­ben?

    Ist ja wo­mög­lich kom­plett falsch, aber zum zwei­ten Mal fällt mir in dem Zu­sam­men­hang der in die­sen Be­lan­gen ja im­mer noch für Vie­le äs­the­tisch uk ge­stell­te Ernst Jün­ger und sei­ne fa­mo­se Dés­in­vol­tu­re ein.

    Al­so ent­spre­chend bei dem Prot­ago­ni­sten so et­was wie ei­ne War-schlimm-aber-geht-mich-wei­ter-nichts-an-Hal­tung: Ich di­stan­zie­re mich, um ei­ner­seits wei­ter­zu­le­ben … und mit dem an­ge­häuf­ten Schwei­gen ei­ne Di­men­si­on des Un­sag­ba­ren an­zu­rei­chern, aus dem der Au­tor er­zähl­tech­nisch dann ein be­lie­big zu frag­men­tie­ren­des oder aus­zu­wal­zen­des Ge­sche­hen ma­chen kann.

    (Der Zy­nis­mus ist hier nicht be­ab­sich­tigt, er un­ter­läuft mir eher. Oder? Aber man den­ke an Lit­tell: Es ist ein­fach ein in je­der Be­zie­hung leicht auf Ab­we­ge füh­ren­der Stoff.)

    Der im Nach­hin­ein drauf­ge­schaff­te Hel­mut Le­then – als An­lei­tungs­fa­den auch zur er­zäh­le­ri­schen Be­wäl­ti­gung? Und dass in die­sen Un­schär­fe­ver­hält­nis­sen so­zu­sa­gen auch der Kitsch un­ter­läuft: Als gä­be es da mit den schon viel zu vie­len ge­hör­te Stim­men, Ein­re­dun­gen, de­nen man auch als hell­hö­ri­ger Au­tor nie mehr ganz ent­kom­men kann?

    ***

    Noch zum Klin­gel­ton: Selbst wenn das Stra­ßen­bahn­ge­räusch da­mals so hät­te ge­nannt wer­den kön­nen, wä­re das mit dem Bei­klang heu­te als Wort da­für da­ne­ben.

    #8

  9. Jün­ger ist für den 1. Welt­krieg ja so et­was wie ein Be­richt­erstat­ter ge­we­sen. Er war fas­zi­niert vom Krieg als Kampf Mann ge­gen Mann, ei­ne Art »Sport«. Dö­blin nann­te das mal ei­ne ari­sto­kra­ti­sche Sicht auf den Krieg. Wenn man die »Stahl­ge­wit­ter« liest, be­merkt man, wie Jün­ger die­sen mann­haf­ten Kampf ver­misst und be­dau­ert, dass nun al­le For­men von Ma­schi­nen ein­ge­setzt wer­den. In den 40er Jah­ren wähn­te er sich in­tel­lek­tu­ell un­ab­hän­gig und über­le­gen von den Na­zis mit de­nen er nur ganz am An­fang sym­pa­thi­sier­te. Sei­ne Hal­tung konn­te er recht gut kul­ti­vie­ren, nach­dem er in höch­sten Na­zi-Krei­sen prak­tisch Nar­ren­frei­heit ge­noss. Aber die­ser Krieg war nicht »sein« Krieg, weil es – min­de­stens im Osten – ein Ver­nich­tungs­krieg war, was ihn wohl an­wi­der­te. Die »Mar­mor­klip­pen« als Wi­der­stands­buch fand ich üb­ri­gens im­mer schon lä­cher­lich (auch hier: Ele­men­te des Kit­sches). Aber er konn­te sich zu­rück­zie­hen. Die Ta­ge­bü­cher sind dann wie­der in­ter­es­san­ter.

    Bei Lit­tells »Wohl­ge­sinn­ten« ha­be zu­min­dest ich den Feh­ler ge­macht, die­sen Text so­zu­sa­gen für ba­re Mün­ze, bzw. wahr­haf­tig zu neh­men. Das war aber zu hoch ge­grif­fen. Das Buch war ei­ne Mi­schung aus Zy­nis­mus und Pro­vo­ka­ti­on, in et­wa so ei­ne ge­quirl­te Schei­ße wie die Fil­me von Ta­ran­ti­no (wo­bei ich so­fort ge­ste­he, nur ei­nen Ta­ran­ti­no-Film zu En­de ge­se­hen zu ha­ben; zwei wei­te­re hat­te ich ab­ge­bro­chen). In dem man nun in der FAZ (»Rea­ding Room«) in se­riö­sem Tim­bre von Chri­sti­an Ber­kel vor­ge­tra­gen ei­ni­ge Ka­pi­tel wie von der Kan­zel vor­ge­tra­gen hör­te, ver­fiel das Feuil­le­ton (und nicht nur das) in dem Glau­ben, hier lie­ge ein wich­ti­ges Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­werk vor (er­staun­li­cher­wei­se hat­te Iris Ra­disch das durch­schaut). Und ja, viel­leicht liegt hier­in die Par­al­le­le zwi­schen Lit­tell und Roth­mann.

    #9