Jörg Ma­ge­nau: Prince­ton 66

Jörg Magenau: Princeton 66

Jörg Ma­ge­nau: Prince­ton 66

Wie­der so ein Jah­res­tag: Im April 2016 ist es 50 Jah­re her, dass die Grup­pe 47 in Prince­ton zu­sam­men­traf. Die Ta­gung gilt ge­mein­hin als der An­fang vom En­de der Grup­pe, nicht zu­letzt durch Pe­ter Hand­kes State­ment von der »Be­schrei­bungs­im­po­tenz«, die er bei Au­toren wie Kri­tik glei­cher­ma­ßen kon­sta­tier­te. Ein Wut­aus­bruch mit wuch­ti­gen Vo­ka­beln, ein Auf­bäu­men ge­gen das sich ein­ge­rich­te­te Li­te­ra­turesta­b­lish­ment und de­ren Äs­the­tik. Aber was kann man grund­le­gend Neu­es von die­sem Tref­fen er­fah­ren? Ist nicht schon al­les ge­schrie­ben und ge­sagt?

Ja. Und Nein. Jörg Ma­ge­nau ge­lingt mit sei­nem Buch »Prince­ton 66« das Kunst­stück, aus leid­lich be­kann­ten Quel­len ei­ne packen­de und kon­zi­se Zeit­rei­se zu kom­po­nie­ren, die so­wohl die Stim­mung der Ta­gung prä­zi­se re­kon­stru­iert, als auch hi­sto­ri­sche Ein­ord­nun­gen vor­nimmt. Da­bei geht er chro­no­lo­gisch vor, auch wenn es ge­le­gent­li­che zeit­ge­schicht­li­che Ein­schü­be gibt, die, wie sich zeigt, not­wen­dig sind.

Prak­tisch von der er­sten Sei­te an wird der Le­ser hin­ein­ge­saugt. Man spürt die Lust und die Akri­bie des Au­tors sich durch die Auf­zeich­nun­gen der ins­ge­samt 31 Le­sun­gen (nebst Dis­kus­sio­nen), die al­le­samt auf der Web­sei­te der Prince­ton-Uni­ver­si­tät im Ori­gi­nal ge­spei­chert sind, durch­ge­hört zu ha­ben. So er­schei­nen ei­ni­ge die­ser 50 Jah­re al­ten Tex­te plötz­lich in er­staun­li­cher Fri­sche. Ma­ge­nau er­zählt bei­spiels­wei­se über das (eher stei­fe) Dra­ma von Wal­ter Jens, be­tont die Bri­sanz des ero­tisch-def­ti­gen Grass-Ge­dichts und be­gei­stert sich für die Mi­li­tär-Sa­ti­re »Fein­de« von Rein­hard Lettau, die die ge­sam­te Struk­tur des mi­li­tä­ri­schen Den­kens für im­mer ad ab­sur­dum füh­re. Man scheint förm­lich die Er­zäh­lung des grund­sym­pa­thi­schen Pe­ter Bich­sel, das müh­sa­me Le­sen von Hel­ga M. No­vak oder Hand­kes Haupt­satza­n­ein­an­der­rei­hung zu hö­ren. Ähn­li­ches mit den Re­ak­tio­nen der Kri­tik: Der gut ge­öl­te Joa­chim Kai­ser; Wal­ter Jens, dem Wort­zer­tei­ler aus Tü­bin­gen, der nach sei­nem Vor­trag ganz schnell wie­der die Rol­le des Kri­ti­kers über­nahm. Hans May­ers ge­schlif­fe­ne For­mu­lie­run­gen. Dann Mar­cel Reich-Ra­nicki, ein Grob­motoriker des Ur­tei­lens, stets für Hei­ter­keit und gu­te Lau­ne sor­gend, nicht zu­letzt weil er al­len Red­nern recht gab, um al­len zu wi­der­spre­chen. Und der jun­ge Hell­muth Ka­ra­sek, der sich Mü­he gab, im­mer ein we­nig klü­ger zu wir­ken als er war – wo­ge­gen nichts zu sa­gen wä­re, denn das trifft ja auf al­le zu, bei ihm merk­te man es aber.

Na­tür­lich blickt Ma­ge­nau auch auf die An­fän­ge zu­rück. Ein paar (an­ge­hen­de) Schrift­steller hat­ten sich kurz nach der Ur-Ka­ta­stro­phe des Zwei­ten Welt­kriegs zusammen­gefunden. Sie la­sen sich ih­re Tex­te vor, über die dann ge­re­det wur­de. Sie wuss­ten nicht so ge­nau, was sie woll­ten, nur was sie nicht woll­ten. Die Grup­pe, das war vor al­lem Hans Wer­ner Rich­ter, der auf­ge­klär­te Des­pot, der sei­ne Ein­la­dungs­kar­ten schrieb und die we­ni­gen un­ge­schrie­be­nen Re­geln ver­ord­ne­te: Ei­ner las und hat­te da­nach schwei­gend die Kri­tik zu er­tra­gen. Nichts Grund­sätz­li­ches soll­te dis­ku­tiert wer­den, nie ad ho­mi­nem. Es soll­te im­mer um den Text ge­hen. Rich­ter war Dis­kus­si­ons- und Ver­an­stal­tungs­lei­ter. Als die Grup­pe zer­brach konn­ten al­le Feh­ler und Ver­säum­nis­se an ihm fest­ge­macht wer­den. Und die an­de­ren stri­chen den Ruhm ein, den sie durch die Grup­pe er­reicht hat­ten.

1966 war die in­for­mel­le Grup­pe in der Öf­fent­lich­keit längst zu ei­ner In­sti­tu­ti­on ver­klärt wor­den, aber, wie Ma­ge­nau rich­tig an­merkt, es war nicht die Grup­pe 47, die sich ins Be­deu­tungs­haf­te hin­auf­sti­li­sier­te, das be­sorg­ten viel­mehr und viel gründ­li­cher ih­re po­li­ti­schen Geg­ner, die den Schrift­stel­lern die Ge­le­gen­heit bo­ten, sich für un­ver­zicht­bar zu hal­ten. Wo­bei man er­gän­zen könn­te: Dies galt nicht nur für die po­li­ti­schen Geg­ner, son­dern auch für die­je­ni­gen Schrift­stel­ler, die nicht die »Gna­de« Rich­ters spür­ten und ein­ge­la­den wur­den. Sie ar­bei­te­ten sich an der Grup­pe ab. Auch heu­te noch äu­ßern Schrift­stel­ler und sol­che, die sich da­für hal­ten, wohl­fei­le Kri­tik. Sie su­chen und fin­den zum Bei­spiel An­ti­se­mi­tis­mus oder the­ma­ti­sie­ren Rich­ters Ab­nei­gung, Exi­lan­ten in die Grup­pe auf­zu­neh­men. Auf bei­des geht Ma­ge­nau ein; das er­ste ver­wirft er schlüs­sig, dem zwei­ten stimmt er zu, er­klärt es als Ge­nera­tio­nen- und Äs­the­tik­pro­blem und be­nennt die Aus­nah­men, in de­nen Rich­ter sehr wohl um Exi­lan­ten ge­wor­ben und die­se auch ein­ge­la­den hat­te (Her­mann Ke­sten, Wal­ter Mehring).

Klar war: Was sich in der Grup­pe 47 ver­sam­mel­te, war das an­de­re, bes­se­re Deutsch­land, da­von wa­ren sie ins­ge­heim über­zeugt. Von Jens’ NSDAP-Mit­glied­schaft und Grass’ Waf­fen-SS-Aben­teu­er wuss­te man nichts (oder woll­te es nicht wis­sen). Und nie­mand wuss­te et­was von po­li­ti­scher Kor­rekt­heit, aber man ver­hielt sich schon so, als wür­de man sie ken­nen. Es gab Pro­te­ste we­gen des Aus­tra­gungs­or­tes Prince­ton. Schließ­lich führ­ten die USA ei­nen Ag­gres­si­ons­krieg in Viet­nam. Aber Rich­ter blieb da­bei, nahm die Ein­la­dung der Uni­ver­si­tät an. Dar­auf­hin fehl­ten ei­ni­ge wich­ti­ge Grup­pen­mit­glie­der: Al­fred An­dersch, der mit Rich­ter zu­sam­men die Grup­pe auf­ge­baut hat­te, Hein­rich Böll und Mar­tin Wal­ser. Auch Gün­ter Eich war nicht da­bei, was Rich­ter be­son­ders schmerz­te. In­ge­borg Bach­manns Ab­senz hat­te ver­mut­lich kei­ne po­li­ti­schen Grün­de. Die ein­ge­la­de­nen DDR-Au­toren be­ka­men kei­ne Aus­rei­se­er­laub­nis. Im­mer­hin: Rich­ter hat­te 50.000 Dol­lar von der Ford-Foun­da­ti­on los­ge­eist. Da­mit konn­te man die 80 ein­ge­la­de­nen Per­so­nen gut ver­sor­gen. Und es war of­fi­zi­ell kein Geld vom ame­ri­ka­ni­schen Staat, was die an­de­ren, teil­neh­men­den Kri­ti­ker (Weiss, Lettau, En­zens­ber­ger) be­schwich­tig­te. Dass die Ford-Foun­da­ti­on an­geb­lich dem CIA na­he­stand wur­de ge­flis­sent­lich über­gan­gen – bes­ser war es, nicht so ge­nau nach­zu­fra­gen.

Aus­gie­big und kennt­nis­reich die Aus­füh­run­gen über den dau­er­haft schwe­len­de Kon­flikt über die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Li­te­ra­tur und po­li­ti­schem En­ga­ge­ment. Für Rich­ter gab es ein­deu­tig ge­trenn­te Räu­me: Auf der Ta­gung ging es um Äs­the­tik; Po­li­tik war da­vor und da­nach. Die Grup­pe war für Rich­ter kein Ver­ein. Für die Dau­er ei­nes Tref­fens re­de­ten Ein­zel­we­sen mit­ein­an­der über Li­te­ra­tur. Als Weiss öf­fent­lich ei­ne po­li­ti­sche Stellung­nahme mit ei­nem »Wir« statt mit »Ich« ab­gab, wur­de er da­für von Rich­ter ge­rügt und muss­te am näch­sten Tag wi­der­ru­fen.

Ma­ge­nau zeigt, wie der Auf­wand, die un­ter­schied­li­chen Kräf­te in­ner­halb der Grup­pe in der Ba­lan­ce zu hal­ten, im­mer grö­ßer wur­de. Die Dis­sen­se zeig­ten sich an den unter­schiedlichen Bio­gra­phi­en der Prot­ago­ni­sten. So wa­ren die bei­den Mi­gran­ten Erich Fried oder Pe­ter Weiss, die bei­de nicht in ih­re Hei­mat­län­der zu­rück­ge­kehrt wa­ren son­dern im Aus­land leb­ten, na­tur­ge­mäß skep­ti­scher, was die po­li­ti­sche Ent­wick­lung Deutsch­lands an­ging als ein Gün­ter Grass, der der In­sti­tu­ti­on SPD ver­trau­te und sich (wie Rich­ter) kopf­über in die Re­al­po­li­tik stürz­te. Wäh­rend Walsers So­zia­lis­mus­po­se nur kurz er­wähnt und Grass’ En­ga­ge­ment spöt­tisch kom­men­tiert wird, zeigt Ma­ge­nau für Pe­ter Weiss gro­ße Sym­pa­thi­en, vor al­lem was sei­nen Ver­such an­geht, den Auschwitz­pro­zess, wie kein an­de­rer es ge­wagt hat­te, for­mal und äs­the­tisch zu ver­ar­bei­ten. Auch im ähn­lich ge­la­ger­ten Streit zwi­schen En­zens­ber­ger und Weiss, der um die Not­wen­dig­keit ei­ner po­li­ti­schen »Be­kennt­nis­pflicht« ei­nes Li­te­ra­ten krei­ste, die En­zens­ber­ger ab­lehn­te, po­si­tio­niert Ma­ge­nau sich vor al­lem ge­gen die Hä­me En­zens­ber­gers ge­gen­über den Ar­gu­men­ten von Weiss. Der Spa­gat war fast un­durch­führ­bar: Po­li­tik ma­chen hieß, Kom­pro­mis­se ein­ge­hen – Schrei­ben aber setz­te Kom­pro­miss­lo­sig­keit vor­aus. Die­se Span­nung galt es aus­zu­hal­ten.

Und in die­sen un­lös­ba­ren Zwist zwi­schen Re­al­po­li­ti­ker und Mo­ra­list platz­te nun am drit­ten und letz­ten Tag, als al­le schon mehr oder we­ni­ger mit ih­ren Ge­dan­ken bei dem Pro­gramm der näch­sten Ta­ge wa­ren, Hand­kes Re­de. War es ein ge­plan­ter Coup (wie De­li­us spä­ter sug­ge­rier­te) oder spon­tan? Ma­ge­nau scheint es nicht be­son­ders zu in­ter­es­sie­ren; er mo­niert statt­des­sen die Red­un­dan­zen in Hand­kes Re­de, das per­ma­nent ver­wen­de­te Wort »läp­pisch« (was dann ei­gent­lich da­für spre­chen wür­de, dass sie eher un­vor­be­rei­tet war). Na­tür­lich ver­gisst er auch nicht auf die Pu­bli­ci­ty hin­zu­wei­sen, die Hand­ke von nun an be­kam.

In­ter­es­sant, wenn die Sub­stanz der Re­de un­ter­sucht wird. Hand­ke woll­te die von der Grup­pe be­vor­zug­te Li­te­ra­tur nicht mehr; er ver­miss­te in ihr das es­sen­ti­el­le, was Li­te­ra­tur aus­macht, ein Sen­so­ri­um von Spra­che und Form. Je stär­ker sich Li­te­ra­tur auf sich selbst be­sinnt, auf die Spra­che und auf die Form, in der sich das Den­ken er­eig­net, um­so po­li­ti­scher ist die­se Li­te­ra­tur, so Ma­ge­nau zu­stim­mend. Hand­ke glaub­te nicht an die von Rich­ter und sei­nen Prot­ago­ni­sten prak­ti­zier­te Tren­nung zwi­schen Li­te­ra­tur und Po­li­tik. Hand­kes aus der Spra­che ge­won­ne­ne Mo­ral war et­was an­de­res als der Hu­ma­nis­mus ei­nes Pe­ter Weiss oder Grass’ Wahl­kamp­f­en­ga­ge­ment. Er war ra­di­ka­ler als die bei­den po­li­ti­schen An­ti­po­den, weil er die Spra­che nicht bloß als In­stru­ment be­trach­te­te, son­dern als ei­ge­ne Wirk­lich­keit, und wenn ein Schrift­stel­ler die Wirk­lich­keit ver­än­dern woll­te, dann muss­te er an der Spra­che an­set­zen, und nur da, denn da war ja schon die gan­ze Welt.

Schon in Hand­kes »Hausierer«-Text, den er mit pro­vo­ka­ti­ver Ab­sicht als Kri­mi­nal­ro­man aus­gab, ging es dar­um den Zu­sam­men­hang zwi­schen den Wor­ten und den Din­gen zu er­grün­den […] Im­mer deut­li­cher wur­de ihm, dass vor al­ler Ge­sell­schafts­kri­tik die Kri­tik der Spra­che ste­hen müs­se. Hand­ke ha­be da­mit, so Ma­ge­nau, die Grup­pe an ih­re Ur­sprün­ge zu­rück­ge­bracht. Tat­säch­lich war man ja sei­ner­zeit als Er­neue­rer und Er­nüch­te­rer der deut­schen Spra­che zu­sam­men­ge­kom­men. Aber we­der Rich­ter noch die an­de­ren Teil­neh­mer nah­men dies wahr. Auch Hand­ke sel­ber nicht, so mut­maßt Ma­ge­nau. Ob die­ser tat­säch­lich so un­be­darft war, ist zu­min­dest frag­lich, nach­dem man jüngst sei­ne Ra­dio­feuil­le­tons aus den Jah­ren 1964 bis 1966 nach­le­sen konn­te, in de­nen er trotz sei­nes ju­gend­li­chen Al­ters li­te­ra­tur- und thea­ter­theo­re­tisch sehr gut in­for­miert ge­we­sen war.

Um­so er­staun­li­cher, dass Ma­ge­nau, der die In­ten­ti­on Hand­kes kon­ge­ni­al il­lu­striert, kurz dar­auf die The­se von Ja­kov Lind her­vor­holt, der in Hand­kes Phil­ip­pi­ka von Prince­ton ei­nen Selbst­hass auf sei­ne ei­ge­ne Pro­sa kon­sta­tiert. Hier­zu re­kur­riert er auf ei­nen »Spiegel«-Artikel Linds, in dem Hand­kes Erst­ling »Die Hor­nis­sen« ver­ris­sen wird – die ent­spre­chen­den Vo­ka­beln fal­len hier al­ler­dings nicht. In der Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ist auch kein wei­te­rer Hin­weis zu fin­den. Man mag Hand­kes sprach­kri­ti­schen Im­puls in sei­nen Früh­wer­ken als nicht ge­lun­gen emp­fin­den, aber ei­ne Au­to­ag­gres­si­on ist in sei­ner Re­de von der »läp­pi­schen Li­te­ra­tur« nicht zwin­gend ab­zu­lei­ten.

Tat­säch­lich ahn­ten ei­ni­ge noch nichts vom bal­di­gen En­de der Grup­pe. Die­ter E. Zim­mer kom­men­tier­te noch ganz en­thu­si­astisch: »So­lan­ge Selbst­ge­nüg­sam­keit und Selbst­gerechtigkeit, die die Er­star­rung auch al­ler Li­te­ra­tur sind, auf die­sen Ta­gun­gen er­schüt­tert wer­den kön­nen — so­lan­ge ist die Grup­pe 47 nicht tot.« Aber die Zer­falls­er­schei­nun­gen wa­ren schon län­ger zu be­ob­ach­ten. Die letz­te wirk­lich ge­lun­ge­ne, freund­schaft­li­che und li­te­ra­risch be­deu­ten­de Ta­gung ver­or­tet Ma­ge­nau in das Jahr 1963 nach Saul­gau. Die einst Auf­stän­di­gen wa­ren in die Jah­re ge­kom­men. Na­tür­lich wur­de mit Hand­kes impro­visiertem Vor­trag nicht das En­de ein­ge­lei­tet; es zeig­te sich le­dig­lich der Riss in den Ge­nera­tio­nen, das ge­gen­sei­ti­ge Nicht-Ver­ste­hen. Mit Schrift­stel­lern wie Chot­je­witz, Buch, Hand­ke oder Pi­witt konn­ten die Al­ten, die sich zu­dem in po­li­ti­sche Gra­ben­kämp­fe ver­strick­ten, nichts an­fan­gen. Rich­ter hat­te sie zwar ein­ge­la­den, aber we­ni­ger aus Über­zeu­gung, son­dern weil er in­stink­tiv spür­te, dass die Grup­pe sich wei­ter ent­wickeln muss­te. Al­so hör­te er auf die Ein­flü­ste­run­gen von Ver­le­gern. Der Werk­statt­cha­rak­ter war längst ver­schwun­den; die er­ste Rei­he wur­de von Kri­ti­kern be­setzt. Rich­ter sah die­se Ent­wick­lung mit Sor­ge, scheu­te sich aber, dies zu ver­än­dern. 1967 fand das letz­te re­gu­lä­re Tref­fen der Grup­pe 47 statt. Der po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Auf­bruch, den man her­bei­ge­sehnt hat­te, trug letzt­end­lich da­zu bei, dass die Grup­pe und ih­re Re­geln als ob­so­let emp­fun­den wur­den.

Am En­de legt Ma­ge­nau den leicht iro­ni­schen, da­bei aber nie sar­ka­sti­schen Ton ab und er­greift em­pha­tisch Par­tei für die Grup­pe 47 und ge­gen ih­re Kri­ti­ker, die sich nach der Ta­gung 1966 in ei­ner Mi­schung aus Ver­lo­gen­heit und Dif­fa­mie­rungs­or­gie zu Wort mel­de­ten und ih­ren Ver­nich­tungs­phan­ta­si­en frei­en Lauf lie­ßen. Ver­bit­ter­te Män­ner wie Ro­bert Neu­mann und Hans Erich Noss­ack sei­en es ge­we­sen, zu­dem schlecht in­for­miert, was al­so schon da­mals kein Hin­der­nis ge­we­sen war. Rich­ter litt phy­sisch und psy­chisch an den An­fein­dun­gen »von links«. Ma­ge­nau ver­tei­digt die Grup­pe 47 über­zeu­gend, weil er sie we­der sa­kra­li­siert noch dä­mo­ni­siert, son­dern in ih­rer Zeit ver­or­tet.

Kei­ne Fra­ge: Die Po­si­tio­nie­rung der Grup­pe 47 ge­gen die re­stau­ra­ti­ven Kräf­te ins­besondere in den 1950er Jah­ren war wich­tig für die Ent­wick­lung der Kul­tur der jun­gen Bun­des­re­pu­blik. Aber in­dem Ma­ge­nau Rich­ters Er­zäh­lung der aus­schließ­lich in ei­ner Ta­gung sich zu­sam­men­fin­den­den und da­nach dann wie­der zer­streu­en­den Grup­pe über­nimmt, spielt er de­ren Ein­fluss zu sehr her­un­ter. Rich­ter mo­de­rier­te mehr als 100 so­wohl po­li­ti­sche wie li­te­ra­ri­sche Ra­dio- und Fern­seh­sen­dun­gen (in den Drit­ten Pro­gram­men, aber auch im ZDF), in de­nen stän­dig (ehe­ma­li­ge) Grup­pen­teil­neh­mer zu Wort ka­men. Al­fred An­dersch ar­bei­te­te in den 1950er Jah­ren als Rund­funk­re­dak­teur in ver­ant­wort­li­cher Stel­lung und ver­gab gut do­tier­te Auf­trä­ge für Hör­spie­le. Gün­ter Eich war ab 1960 Mit­glied der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung; ein Blick auf die Preis­trä­ger des Büch­ner­prei­ses seit den 1960er Jah­ren zeigt die Do­mi­nanz der Prota­gonisten der Grup­pe 47. Man war auf lei­sen Soh­len zum in­tel­lek­tu­el­len Estab­lish­ment ge­wor­den und be­an­spruch­te ne­ben der po­li­ti­schen vor al­lem auch die li­te­ra­ri­sche Mei­nungs­füh­rer­schaft. Ob­wohl sie ab 1968 nicht mehr als Ta­gungs­ge­mein­schaft exi­stier­te, nahm ih­re Dis­kur­s­ho­heit so­gar noch zu. Dies hält bis zur un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­wart an.

So fol­ge­rich­tig ei­ne sol­che Ent­wick­lung war, so kri­tisch muss sie nach­träg­lich be­trach­tet wer­den. Be­son­ders die Kri­ti­ker nah­men Sor­tie­run­gen vor; wer nicht den (po­li­ti­schen) »Stall­ge­ruch« hat­te, wur­de mit der Höchst­stra­fe, der Nicht­be­ach­tung, be­straft und not­falls aus dem Ka­non ge­tilgt. Die Lei­stun­gen der Grup­pe 47 rühmt Ma­ge­nau zu Recht, aber ih­re Ex­klu­si­ons­me­cha­nis­men, die die li­te­ra­ri­sche Sze­ne auf lan­ge Zeit uni­for­mier­ten, hät­te man we­nig­stens er­wäh­nen kön­nen.

Laut Ma­ge­nau hat­ten die Ver­äch­ter der Grup­pe 47 von 1966 zu­min­dest ei­ne Ent­wick­lung an­ti­zi­piert: die­sen gut ab­ge­fe­der­ten Schreib-Sub­ven­tio­nis­mus, ein ab En­de der 1960er Jah­re suk­zes­si­ve auf­blü­hen­des Pa­ra­dies aus Prei­sen, Sti­pen­di­en und Stadtschreiber­posten, in dem vor al­lem das Mit­tel­maß gut ge­deiht, zu­mal wenn die Spür­na­se für För­de­run­gen das ge­rin­ge li­te­ra­ri­sche Ta­lent er­setzt. Kurz geht Ma­ge­nau auf die »Nach­fol­ger« der Grup­pe 47 ein – den Bach­mann­preis in Kla­gen­furt ab 1977, der den eit­len Kri­ti­kern end­gül­tig das Spiel­feld über­las­sen soll­te. Und es gab den Dö­blin-Preis, in dem Grass ir­gend­wann den Rich­ter spiel­te und der den Werk­statt­cha­rak­ter wie­der auf­le­ben ließ, und das oh­ne Fern­se­hen.

Es gibt ein paar un­nö­ti­ge Wie­der­ho­lun­gen (so ha­be ich ir­gend­wann ver­stan­den, dass Hand­ke doof an­ge­zo­gen war, Hans May­er ein spit­zes Münd­chen hat­te, die Luft im Au­di­to­ri­um schlecht war und die Grup­pe sich für die Um­ge­bung und Hi­sto­rie des Or­tes über­haupt nicht in­ter­es­sier­te) und die ge­le­gent­li­chen Aus­flü­ge in die Zu­kunft der Au­toren wir­ken ein biss­chen auf­ge­setzt, et­wa wenn es heißt, dass Grass noch 33 Jah­re auf den No­bel­preis ha­be war­ten müs­sen oder F. C. De­li­us noch nicht ah­nen konn­te, dass er ir­gend­wann den Büch­ner-Preis be­kom­men wür­de. Aber das sind Klei­nig­kei­ten. »Prince­ton 66« ist ein leich­tes, aber gleich­zei­tig an­spruchs­vol­les Buch ei­nes kennt­nis­rei­chen wie lei­den­schaft­li­chen Le­se- und Oh­ren­zeu­gen.

Die kur­siv ge­setz­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

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2 Kommentare zu »Jörg Ma­ge­nau: Prince­ton 66«:

  1. Ich fra­ge mich wel­che der Ame­ri­ka­ni­schen Teil­neh­mern Ma­ge­nau fu­er sein Buch in­ter­viewt hat, z.b. Ted Zio­l­kov­ky von der Prince­ton U. der Hand­kes er sei “der neue Kaf­ka”!, mit­ge­ho­ert hat. Ich war ei­ner der ein­ge­la­de­nen Ame­ri­ka­ner (Freund Pe­ter Weiss Fu­er­spre­cher bei Rich­ter den ich, durch Uwe John­son, in Ber­lin traf, ein Treff der kei­ne Fun­ken schlug). Ich kann­te En­zens­ber­ger schon seit 1961, bei Ruth Land­hof-York in New York ge­trof­fen, und ue­ber­setz­te und ver­leg­te dann zwei Es­say Samm­lun­gen bei Con­ti­nu­um Books; MAUSOLEUM bei Uri­zen, hat­te Uwe John­son, Pe­ter Weiss Guen­ter Grass in­ter­viewt (bei Suhr­kamp auf Deutsch zu er­hal­ten) & hat­te mich in die Deut­sche Nach­kriegs­li­te­ra­tur, West wie Ost, einie­ger­ma­ssen ein­ge­le­sen. Als Kind von 20ten Ju­ly Teil­neh­mern die ge­ra­de noch ue­ber­leb­ten in ih­rem Ge­sta­po Ge­fa­eng­nis­sen wa­eh­rend der »Sie­ge of Ber­lin« Frueh­ling 1945 (http://www.lukasverlag.com/programm/titel/317-gestapo-im-op.html )
    er­schrocken ue­ber mei­nes Gross­va­ters Bu­chen­wald Tor­tur ent­schied ich mich aus Deutsch­land Mo­er­der­land 1947 weg als 11 ja­eh­ri­ger, spa­et Emi­grant al­so!, was mir 1950 ge­lang (vi­de mein Me­moir SCREEN MEMORIES).
    Wa­eh­rend Hand­kes At­tacke sass ich ne­ben Erich Ku­by, den ich aus Ham­burg kann­te, Ku­by sag­te mir wer das war der da sprach. Ich war Suhr­kamp Scout, ge­we­se­ner fu­er At­lan­tic Mon­th­ly Press wo ich die Pro­sa von Weiss und Bich­sel un­ter­ge­bracht hat­te. Als ge­flo­he­ner Aus­wan­de­rer war mein An­lie­gen ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Deut­ches “Kul­tur Gut” ein­zu­ver­lei­ben! Au­sser­dem war die USA, auch po­li­tisch, schnell, ab 1952 – Mc­Car­thy, Mos­sa­degh, Gua­te­ma­la – ent­tau­schend fu­er je­mand so po­li­ti­sier­ten wie mich.

    Nach Prince­ton ga­ben Pan­nah Gra­dy, Ja­kov Lind & ich ei­ne Par­ty fu­er die Grup­pe in Pan­nahs Apart­ment im Da­ko­ta in Man­hat­tan wo, be­ruehm­ter­wei­se, Alan Gins­berg mich an­re­de­te zu ue­ber­set­zen, dass er den ne­ben mir ste­hen­den Hand­ke fi**en woll­te. Der ne­ben mir ste­hen­de grin­sen­de Hand­ke dach­te die­ses An­lie­gen sei an mich ge­rich­tet. Als Gins­berg den Wunsch wie­der­hol­te flacker­ten Preu­ssi­schen Dol­che in mei­nen Au­gen und Gins­berg wich zu­ru­eck. Das ha­ben Hand­ke und ich erst 1980 in Salz­burg auf­ge­kla­ert, (vi­de http://www.van.at/see/mike/index.htm
    Hand­ke trug ein braun-gelb klein ka­rier­tes Hemd, Nel­ke im Knopf­loch.
    Ich wur­de dann sein er­ster Ame­ri­ka­ni­scher Ue­ber­set­zer und Lek­tor, auch Re­gie der frue­hen Stu­ecke, lei­der bei dem Cul­tu­re Vul­tu­re Gau­ner Ro­ger Straus, von Farrar, Straus & Gi­roux. Freund Ju­er­gen Becker me­mo­ra­li­siert die Par­ty, in FELDER glaub ich. Handke’s “Im­po­tenz” be­zog sich ins­be­son­ders auf na­tu­ra­li­sti­sches Zeug – er schaetz­te ja Grass, Weiss, John­son, hass­te En­zens­ber­ger von frueh an – ge­nau so wie er sich noch jetzt ue­ber Han­eke auf­regt. In­wie­fern Hand­kes Frueh­werk die Po­lis be­trifft? Wenn man die Spra­che, ih­re Gram­ma­tik, ih­ren Syn­tax be­trach­tet, le­gen sich die po­li­ti­schen Struk­tu­ren dort ab, ab ih­rer fa­mi­lae­ren Grund­struk­tur, po­li­tisch wohl im Sin­ne von Uran­ar­chi­sti­schem, KASPAR, und das stimmt auch ganz phy­si­ka­lisch.
    Aber ein nicht 68ziger wie Hand­ke war eher in­ter­es­siert die Spra­che auf ih­re klas­si­schen Grund zu­ru­eck­zu­fueh­ren, als Pro­sa Schrift­stel­ler; in den Hap­pe­nings­ar­ti­gen Stu­ecken ver­a­en­dert die Spra­che dass Be­wusst­sein der Zuhoe­rer auf ganz be­son­de­re Wei­se.
    Hand­ke hat sich ue­ber das Pa­ro­len­haf­te der 68er auf­ge­regt, war doch eher ein Yup­pie der schon in Ber­lin in ei­nes Prin­zen Woh­nung hau­ste. Ae­sthe­tik, for­ma­les li­te­ra­ri­schen Kunst­werk wa­ren ihm doch wich­tig. Da­zu viel­leicht spae­ter noch et­was dif­fe­ren­zier­tes von mir, be­son­ders ue­ber den HAUSIERER.

    [Klei­ne­re Feh­ler kor­ri­giert – LS]

    #1

  2. As pro­mi­sed a no­te on Lo­thar Struck’s men­ti­on of the po­li­ti­cal na­tu­re of the lin­gu­istics of DER HAUSIERER

    « »Der Le­ser, wenn er ei­ne Ge­schich­te zu­sam­men­su­chen will, kann sich nur an das äu­ße­re Kri­mi­nal­ge­schich­ten­sche­ma hal­ten, es gibt kei­ne Ge­schich­te zum Zu­sam­men­su­chen, die Sät­ze las­sen sich nicht lo­gisch zu­sam­men­set­zen« (Hand­ke 1967b)

    Sin­ce I al­rea­dy have a pa­ge at the Hand­ke pro­ject de­vo­ted to DER HAUSIERER
    http://handke–revista-of-reviews.blogspot.com/2013/04/der-hausier-handke.html

    I am po­sting my ra­ther leng­thy com­ment the­re on­line. Howe­ver, in nuce, as to the pol­tii­cal, or at least is psy­cho­lo­gi­cal na­tu­re wi­t­hin this con­text the brie­fest com­ment & re­collec­tion about the ama­zing DER H AUSIERER at my re­vi­sta site.

    The brief com­ment is that DER HAUSIERER is po­li­ti­cal in the sa­me sen­se as OEDIPUS, sin­ce all that an­xie­ty that is being play­ed with and stil­led in that fa­shion is de­ri­va­ti­ve of the pa­tri­mo­ny – not as brief a twit­ter as I had en­vi­sio­ned. . I am not su­re I agree, if in fact I un­der­stand Struck’s com­ment – or is it Magenau’s with whom he agrees? – that “dar­um den Zu­sam­men­hang zwi­schen den Wor­ten und den Din­gen zu er­grün­den […- That is not the ca­se in DER HAUSIERER I don’t think, KASPAR!

    Al­so no­te:
    http://handkeonline.onb.ac.at/node/1343
    which pro­vi­des the novel’s Ent­ste­hungsk­con­text

    #2