Chri­stoph Hein: Glücks­kind mit Va­ter

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Chri­stoph Hein:
Glücks­kind mit Va­ter

In ei­nem Ge­spräch aus dem Jahr 1993 mit Car­sten Gan­sel, das im neu­lich vom Ver­bre­cher-Ver­lag her­aus­ge­ge­be­nen Ge­sprächs­band »Li­te­ra­tur im Dia­log« ab­ge­druckt wur­de, hat­te Chri­stoph Hein sich sel­ber als »Chro­ni­sten« be­zeich­net, der nur das be­schrei­ben kön­ne, was er mit sei­nen Au­gen ge­se­hen ha­be. Sei­nen Chro­ni­sten­sta­tus hat Hein auch da­nach nie auf­ge­ge­ben, ob­wohl er zwischen­zeitlich mit zahl­rei­chen an­de­ren Eti­ket­ten wie »po­li­ti­scher Au­tor« ver­se­hen oder gar un­sin­ni­ger­wei­se als Ost­al­gi­ker be­zeich­net wur­de. Sei­ne Hel­den sei­en al­le­samt »Trotz­köpfe« hieß es ein­mal (als sei dies schon ein literatur­kritisches Kri­te­ri­um); ein an­der­mal ver­or­te­te man sie im in­tel­lek­tu­el­len Mi­lieu. Letz­te­res stimmt nicht, denn »Wil­len­brock« war ein bra­ver Au­to­händ­ler, in »In sei­ner frü­hen Kind­heit ein Gar­ten« por­trai­tiert Hein in ei­ner Mi­schung aus Ver­klä­rung und Kitsch den RAF-Ter­ro­ri­sten Wolf­gang Grams und in »Land­nah­me« wird das Le­ben ei­nes Un­ter­neh­mers er­zählt, der sich aus klei­nen Ver­hält­nis­sen hoch­ge­ar­bei­tet hat­te.

Ab­ge­se­hen von ei­nem sich erst im wei­te­ren Ver­lauf er­schlie­ßen­den kur­zen Pro­log be­geg­net man in Chri­stoph Heins neu­em Buch »Glücks­kind mit Va­ter« der Haupt­fi­gur Kon­stan­tin Bog­gosch zu­nächst als 69jährigen Rent­ner in der (ost-)deutschen Pro­vinz mit sei­ner zwei­ten Frau Ma­ri­an­ne, die in­fol­ge ei­ner Hüft­ope­ra­ti­on ge­han­di­capt ist. Bog­gosch ist dort als ehe­ma­li­ger Leh­rer und Schul­di­rek­tor be­kannt und ge­schätzt. Ein run­des Grün­dungs­ju­bi­lä­um des Gym­na­si­ums steht an und ei­ne jun­ge Jour­na­li­stin der Lo­kal­zei­tung möch­te ein In­ter­view mit ihm. Es sol­len al­le noch le­ben­den ehe­ma­li­gen Schul­di­rek­to­ren zu Wort kom­men und auf ei­nem Bild po­sie­ren. Aber Bog­gosch ist mür­risch und weist die Jour­na­li­stin nach kur­zer Be­denk­zeit ab. Sei­ne Welt sei unter­gegangen, sagt er in ei­ner Mi­schung aus Re­si­gna­ti­on und Ver­bit­te­rung. Gleich­zei­tig geht ein Brief vom Fi­nanz­amt an ei­nen ge­wis­sen Kon­stan­tin Mül­ler ein.

Aber es ist al­les ganz an­ders, als man zu­nächst ver­mu­tet. Der Brief ist, wie sich bald her­aus­stellt, ein Irr­tum, aber bei­de Er­eig­nis­se wer­fen die Er­in­ne­rungs­ma­schi­ne an, die Er­zäh­lung be­ginnt und es wird vom »Er« zum »Ich« ge­wech­selt. Als Kon­stan­tin am 14. Mai 1945 ge­bo­ren wird, ist der SS-Bri­ga­de­füh­rer Ger­hard Mül­ler, Kon­stan­tins Va­ter, be­reits von ei­nem pol­ni­schen Stand­ge­richt als Kriegs­ver­bre­cher exe­ku­tiert wor­den. Suk­zes­si­ve er­fährt der Le­ser von den Ver­bre­chen des Va­ters, der ei­ne Che­mie­fa­brik be­saß und dort Zwangs­ar­bei­ter be­schäf­tig­te. Au­ßer­dem plan­te er ein zu­sätz­li­ches Kriegs­gefangenenlager, be­vor er nach Po­len und Russ­land ab­kom­man­diert wur­de und dort Mas­sa­ker in­iti­iert. Die Mut­ter war Fremd­spra­chen­leh­re­rin und stammt aus bildungs­bürgerlichem Haus­halt. Sie wird als un­po­li­ti­scher Mensch und et­was na­iv ge­schil­dert. Kon­stan­tin er­klär­te sie zum »Glücks­kind«, denn die Schwan­ger­schaft ha­be ver­hin­dert, dass sie 1945 bei der Er­obe­rung durch die Ro­te Ar­mee ver­ge­wal­tigt wur­de.

Die Zeit nach 1945 ist ent­beh­rungs­reich, aber vor al­lem ge­prägt durch die von Be­ginn an spür­ba­re Sip­pen­haf­tung. 1948 hat­te die Mut­ter für sich und die Kin­der (ne­ben Kon­stan­tin Gunt­hard, den zwei Jah­re äl­te­ren Bru­der) ih­ren Mäd­chen­na­men Bog­gosch über­nom­men. Aber es half nichts: Das Stig­ma, Ehe­frau bzw. Kind ei­nes Kriegs­ver­bre­chers ge­we­sen zu sein, lässt sich auch im All­tag nicht ver­heim­li­chen. Selbst an der Schu­le wer­den die Brü­der ge­mobbt. Wäh­rend Gunt­hard mit ei­nem On­kel im We­sten Kon­takt hat, der die Ver­bre­chen des Va­ters ver­harm­lost und sich so­gar (teil­wei­se er­folg­reich) für ei­ne Re­ha­bi­li­ta­ti­on ein­setzt, lei­det Kon­stan­tin un­ter der Schuld, das Kind ei­nes Na­zi-Ver­bre­chers zu sein. Die Fa­mi­lie bleibt exi­sten­ti­ell be­droht, denn als Leh­re­rin kann die Mut­ter nicht mehr ar­bei­ten und selbst Über­set­zungs­ar­bei­ten ver­wehrt man ihr. Zu Hau­se wer­den die Kin­der von ihr mehr­spra­chig er­zo­gen; es gibt Ta­ge an de­nen man nur rus­sisch oder nur fran­zö­sisch spre­chen darf. Aber die Brü­der se­hen kei­ne Zu­kunft in der sich bil­den­den DDR. Trotz gu­ter No­ten dür­fen sie als Söh­ne ei­nes Kriegs­ver­bre­chers nicht zur Ober­schu­le, was die Vor­aus­set­zung für ein spä­te­res Stu­di­um wä­re. Der ein­zi­ge Vor­teil ist, dass sie auch für den Wehr­dienst aus­ge­mu­stert wer­den.

Wäh­rend Gunt­hard sich schein­bar mit dem Sy­stem ar­ran­giert und nur auf ei­nen gün­sti­gen Au­gen­blick war­tet um in den We­sten zu ge­hen und dort in der Fa­brik sei­nes na­zi­sti­schen On­kels zu re­üs­sie­ren, träumt Kon­stan­tin von der fran­zö­si­schen Frem­den­le­gi­on. Tat­säch­lich ge­lingt ihm En­de der 1950er Jah­re mit ge­ra­de 14 Jah­ren die Flucht nach Frank­reich. Da der Le­ser aus dem Ein­gangs­ka­pi­tel weiß, dass er spä­ter ein­mal Leh­rer und Schul­di­rek­tor sein wird, ist es of­fen­sicht­lich, dass es mit der Frem­den­le­gi­on nicht klappt. Statt­des­sen macht Kon­stan­tin die Mitt­le­re Rei­fe in Frank­reich und ver­dingt sich zum Le­bens­un­ter­halt in ei­nem An­ti­qua­ri­at (der Fran­zö­sisch-Un­ter­richt der Mut­ter zeich­net sich aus). Er freun­det sich mit dem An­ti­quar und sei­nen Freun­den an; fast ein vä­ter­li­ches Ver­hält­nis ent­steht. Und er trifft jun­ge Fran­zo­sen, wird zum Ci­ne­asten. Aber auch hier holt ihn die Ge­schich­te sei­nes Va­ters wie­der ein. Der An­ti­quar und sei­ne Freun­de wa­ren in der Ré­si­stan­ce, hat­ten ak­tiv ge­gen die Na­zis ge­kämpft. Und wie­der ringt Kon­stan­tin mit sei­ner ima­gi­nä­ren Schuld, die die Schön­heit und Frei­heit die­ser Zeit trübt.

Und dann kommt auch noch das Heim­weh da­zu. Just in dem Mo­ment als die Mau­er im Au­gust 1961 ge­baut wird und vie­le noch die DDR ver­las­sen, will Kon­stan­tin wie­der hin­ein. Es ge­lingt ihm mit ei­ni­ger List, dies zu er­rei­chen und auch – er­staun­li­cher­wei­se – oh­ne lang­fri­sti­ge Sank­tio­nen. Hier trifft er sei­ne ge­lieb­te Mut­ter wie­der, ent­frem­det sich im­mer mehr von sei­nem Bru­der, der nicht in den We­sten ge­gan­gen ist, son­dern be­schlos­sen hat, sich dem Sy­stem an­zu­pas­sen und mit­zu­schwim­men. Kon­stan­tin wird An­ti­quar in der nächst­grö­ße­ren Stadt, lernt ein Mäd­chen ken­nen und hei­ra­tet. Ei­ne Be­wer­bung an der Film­hoch­schu­le Ba­bels­berg schei­tert im letz­ten Au­gen­blick (die Kraft der Ak­ten ist der­art stark, dass sie nicht durch Ta­lent ge­tilgt wer­den kann) und von nun an folgt man Kon­stan­tin Bog­gosch auf sei­nem mä­an­dern­den Le­bens­weg, den nicht we­ni­gen Schick­salsschlägen, den zö­ger­li­chen Neu­an­fän­gen (zu groß die Furcht, wie­der ent­täuscht zu wer­den) und den we­ni­gen glück­li­chen Au­gen­blicken.

Kon­stan­tin ge­lingt es nicht die Un­gna­de sei­ner spä­ten Ge­burt, die er ein­mal halb bit­ter, halb be­lu­stigt als »Va­ter­mal« cha­rak­te­ri­siert, zu über­win­den. Er gei­ßelt sich mit ewi­ger Bür­de. Den­noch wird er Jah­re spä­ter Leh­rer und schließ­lich so­gar Di­rek­tor an ei­ner Schu­le. Aber der an sich selbst ge­rich­te­te Im­pe­ra­tiv, »das Le­ben für et­was ein[zu]setzen, das das Le­ben lohnt«, schei­tert, nicht zu­letzt wie­der an den Zeit­läuf­ten der Ge­schich­te, Und so wird nach der Wen­de der sei­ner­zeit so re­gime­treue DDR-Bon­ze, den Kon­stan­tin jah­re­lang als sei­nen Vor­ge­setz­ten zu er­tra­gen hat­te und der sich dann plötz­lich in den We­sten ab­ge­setzt hat­te, wie­der sein Chef. Bog­gosch re­si­gniert halb­wegs, fügt sich in das Schick­sal als »klei­ner Kunst­leh­rer« und hält wacker bis zur Ver­ren­tung 2010 durch.

Man­ches am Buch be­frem­det. Et­wa der am En­de sich in Hass stei­gern­de, leicht ma­nichä­isch an­ge­hauch­te Bru­der­kon­flikt. Oder ei­ni­ge arg ge­woll­te Wen­dun­gen, wie z. B. »Gunt­hard« als Vor­na­me des Bru­ders, wo­mit sich des­sen spä­te­re Ge­sin­nung schon früh zeigt. Auch das be­son­ders im Mit­tel­teil ad­di­tiv-be­tu­li­che Er­zäh­len der ein­zel­nen Le­bens­sta­tio­nen ist zu­wei­len leicht mo­no­ton. Am En­de er­scheint die Apo­stro­phie­rung »Glücks­kind mit Va­ter« fast wie ein Hohn, denn Bog­gosch, der »gro­ße Schwei­ger«, ist ein un­glück­li­cher Mensch, der sich des­sen un­ge­ach­tet zum Über­le­ben ver­pflich­tet sieht: »Man..muß…leben, mehr nicht«, so lau­tet sei­ne Ma­xi­me am En­de, als er sich wäh­rend ei­nes Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­auf­ent­halts sei­ner Frau stie­kum ein Kar­zi­nom ent­fer­nen lässt. Der Jour­na­li­stin konn­te er noch den Strom der Er­in­ne­run­gen ver­wei­gern – sich sel­ber nicht: Die »Er­in­ne­run­gen über­fie­len mich an­kün­di­gungs­los«. Aber der »Schatz der Erinne­rungen«, wie es ein­mal heißt, er­weist sich als ein Ab­grund des Schei­terns. Die Hoff­nung auf ei­ne hei­len­de Kraft des Er­zäh­lens, der Bal­sam der Li­te­ra­tur, stellt sich nicht ein. Es gibt kei­nen Trost. Und in Ver­ge­gen­wär­ti­gung die­ser er­schüt­tern­den Bi­lanz legt man bei Kon­stan­tin Bog­goschs Ge­schich­te (die Hein aus­drück­lich als »au­then­tisch« be­zeich­net) plötz­lich den li­te­ra­ri­schen Kri­te­ri­en­ka­ta­log ab. Und so ener­vie­rend ei­nem dann der zu­wei­len mo­ra­li­sche Ri­go­ris­mus der Haupt­fi­gur er­scheint (die Ge­schich­te mit dem Er­be!), so sehr ist man plötz­lich be­reit, sich von ih­rer Trost- und Gna­den­lo­sig­keit er­grei­fen, wo­mög­lich so­gar er­schüt­tern zu las­sen. Und erst dann geht dem Le­ser die Tü­re zu die­sem Buch auf und erst dann ge­lingt es, den oft ge­nug arg­wöh­nisch be­äug­ten Welt­schmerz zu ver­zei­hen. Und dann zeigt, ja: of­fen­bart sich der hyper­sen­si­ble Kern ei­nes Men­schen, der auf sein Le­ben nur schick­sal­haft und mit Schan­de zu­rück­blicken kann.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was ver­steht er denn un­ter »au­then­tisch«? Heißt das so­viel wie »wahr«? Vom Schluss dei­ner Re­zen­si­on aus ge­le­sen wä­ren dann die Pas­sa­gen, die du als we­ni­ger ge­lun­gen be­schreibst (ad­di­tiv-be­tu­li­ches Er­zäh­len, ge­woll­te Wen­dun­gen, ma­nichäi­sches Welt­bild) Stil­mit­tel, um die­ses Le­ben au­then­tisch be­schrei­ben zu kön­nen?
    Stie­kum ist ein tol­les Wort.

  2. Vor­ne steht: »Der hier er­zähl­ten Ge­schich­te lie­gen au­then­ti­sche Vor­komm­nis­se zu­grun­de, die Per­so­nen der Hand­lung sind nicht frei er­fun­den.«

    Ja, es kann na­tür­lich die­ser Au­then­ti­zi­tät ge­schul­det sein, dass Hein zu­wei­len ab­schweift. Ei­gent­lich är­gern mich sol­che Hin­wei­se eher, weil sie die Be­ur­tei­lung er­schwe­ren. Kri­tik am Buch (den ge­woll­ten Wen­dun­gen) kann jetzt so­fort mit der »War aber so«-Aussage ge­kon­tert wer­den. Da­mit wür­de ich mich zum Kri­ti­ker des Le­bens der Person(en) auf­spie­len, was na­tür­lich nicht mei­ne Auf­ga­be ist und zu­dem an­ma­ßend wä­re.

    Das er­in­nert na­tür­lich auch an »In sei­ner frü­hen Kind­heit ein Gar­ten«. Hier stand: »Die na­ment­lich ge­nann­ten Per­so­nen des Ro­mans sind frei er­fun­den«. Das stimm­te na­tür­lich über­haupt; fast im Ge­gen­teil. Zu­rek, die Haupt­fi­gur, ist prak­tisch Grams (die Par­al­le­len sind frap­pie­rend). Auch das ist na­tür­lich ein ve­ri­ta­bles Är­ger­nis.

  3. Dann gibt es aber auch noch den fan­ta­sti­schen Co­en-Film Far­go der mit dem Vor­spann

    Dies ist ei­ne wah­re Ge­schich­te. Die in die­sem Film dar­ge­stell­ten Er­eig­nis­se be­ru­hen auf ei­nem Ver­bre­chen, das im Jahr 1987 in Min­ne­so­ta ge­schah. Auf Wunsch der Über­le­ben­den wur­den die Na­men ge­än­dert. Aus Re­spekt vor den To­ten wur­de der Rest der Ge­schich­te ge­nau so er­zählt, wie sie sich zu­ge­tra­gen hat.

    be­ginnt. Na­tür­lich al­les Quatsch.

  4. Wie­so al­les Quatsch? Fra­ge ich mich ge­ra­de. Die Gren­zen sind doch da über­all mitt­ler­wei­le arg ver/fließend (oder sonst wie un­si­cher).

    Na­men / Per­sön­lich­keits­rech­te sind das Ei­ne. Das an­de­re sind poe­ti­sche oder hand­werk­li­che Di­stanz (oder Not­wen­dig­kei­ten). Oder oft schon die bloß un­wäg­ba­re Er­in­ne­rung. Oder al­les an­ders her­um: Man holt sich Be­glau­bi­gun­gen aus der Wirk­lich­keit (die ja die bes­se­ren Plots be­reit hält) oder ar­bei­tet mit po­ten­zier­ten Un­schär­fen um der Sa­che mehr künst­le­ri­schen oder in­ter­pre­ta­to­ri­schen Spiel­raum zu ver­schaf­fen.

    Ich fra­ge mich, ob die am An­fang der Be­spre­chung an­ge­spro­che­ne Chro­ni­sten-Rol­le heu­te nicht „nach­hal­ti­ger“ (oder an­ders­wie wei­ter­füh­ren­der) ist, als die Frei­heit der Un­ter­hal­tungs-Fik­tio­nen (die eh oft zu wün­schen üb­ri­ge las­sen – die bra­ven Frei­hei­ten wie die un­zu­rei­chen­de Kraft der Er­fin­dun­gen).

    Noch mal an­de­rer­seits … ich den­ke ge­ra­de an „Weiss­kerns Nach­lass“, das letz­te Buch, das ich von Hein ge­le­sen ha­be, und aus dem ich so gut wie fast nichts er­in­ne­re. (Aus dem Klap­pen­text: „ … ein Pan­ora­ma der Ge­gen­wart, in dem Fäl­schung und Lü­ge selbst die in­tim­sten Be­zie­hun­gen durch­drin­gen.“)

    Schafft das Ge­samt­ergeb­nis von all dem, Re­al-Ge­schich­te und ih­re Nach­er­zäh­lung, Au­then­ti­zi­tät, Fik­ti­on, Spiel mit all dem … wo­mög­lich ei­ne Art Ent­zug? Ver­fü­gen wir da noch über si­che­re Kri­te­ri­en?

  5. In­ter­es­san­te Über­le­gun­gen.

    Ich nei­ge zu­nächst zu ähn­li­chen Re­ak­tio­nen wie Jo­seph Bran­co, wenn ich in Bü­chern oder Fil­men zu of­fen­sicht­lich auf den Wahr­heits- oder Au­then­ti­zi­täts­ge­halt hin­ge­wie­sen wer­de. Ein sol­cher Hin­weis kon­di­tio­niert, ja: ok­ku­piert mich ge­ra­de­zu in ei­ne be­stimm­te An­schau­ung hin­ein. Un­ver­se­hens be­gin­ne ich nach In­di­zi­en zu su­chen, um die Iden­ti­tät von Prot­ago­ni­sten her­aus­zu­be­kom­men. Das ha­be ich bei Hein auch ver­sucht (die Bu­na-/Sch­ko­pau-Che­mie­in­du­strie wird ein­mal er­wähnt). Aber was wä­re mit sol­chen Auf­schlüs­se­lun­gen er­reicht? Wür­de da­durch Li­te­ra­tur nicht re­du­ziert auf Über­ein­stim­mung von hi­sto­ri­schen Fak­ten? Oder: Wie ha­ben Shake­speare oder Schil­ler ih­re »Do­ku-Dra­men« in­sze­niert? Kann­ten sie die hi­sto­ri­schen Ab­läu­fe ge­nau? Ha­ben sie sie frei in­ter­pre­tiert oder sind die Feh­ler, die man ih­nen nach­wei­sen kann, gar kei­ne »Feh­ler«, son­dern dich­te­ri­sche Frei­hei­ten? War­um über­haupt ein Re­kurs auf hi­sto­ri­sche Per­so­nen? Und: War­um er­klärt man Le­sern, Zu­schau­ern oder Zu­hö­rern vor­ab (oder nach­träg­lich), dass es sich um »wah­re Be­ge­ben­hei­ten« han­delt? (Dass man das Ge­gen­teil macht, mag u. U. recht­li­che Grün­de ha­ben, wenn Über­ein­stim­mun­gen be­ab­sich­tigt sind, aber fik­tio­na­li­siert wer­den müs­sen, um Per­sön­lich­keits­rech­te nicht zu ver­let­zen.)

    Die­se Über­le­gun­gen füh­ren tat­säch­lich zu der Fra­ge, nach wel­chen Kri­te­ri­en man ei­ne Pro­sa be­ur­teilt, die sich als of­fen­siv chro­ni­stisch ver­steht. Muss ein Re­zen­sent erst ein­mal ver­su­chen Fik­ti­on von Fak­ten zu tren­nen?

  6. Wie wär’s wie der „hö­he­ren“ Wahr­heit? Im Sin­ne ei­ner­seits von we­ni­ger fak­tisch-ar­gu­men­ta­ti­ven als ge­stei­gert in­tuiv-nar­ra­ti­vem = „künst­le­ri­schen“ Ver­ständ­nis? (Wie et­wa die sin­n/en-rei­che Ein­gän­gig­keit der Mär­chen, auf die et­li­che Ge­nera­tio­nen er­zähl­tech­nisch ja mal ge­eicht wa­ren? Aber die­se Er­wei­te­rung fin­den Trai­nier­te heu­te na­tür­lich auch in Zer­ris­sen­hei­ten und im „Frag­ment“.)

    Ich ver­wei­se aber auch auf den Ef­fekt, dass mit je mehr In­fo-Over­load die Fak­ten fak­tisch im­mer we­ni­ger re­le­vant wer­den, weil eh al­le ein­an­der wi­der­spre­chen bis ten­den­zi­ell über­schrei­ben und auf­he­ben – der ge­wis­sen­haf­te Le­ser (a la Keu­sch­nig, der dann auch tat­säch­lich im Web sucht, sei­ne Spu­ren zu ver­si­fi­zie­ren) ist, glau­be ich, war und bleibt wohl die Aus­nah­me. Es blie­ben dann wie­der­um Les­ar­ten, die je nach Nei­gung / Be­dürf­nis sich am an­ge­bo­te­nen Ge­we­be aus Welt­ver­ge­wis­se­rung be­die­nen.

    Ich sel­ber ha­be lan­ge „gut er­fun­den“ hö­her ein­ge­schätzt als „schlecht nach­er­zählt“. Ich mer­ke aber, da hat sich et­was ge­än­dert, und ich weiß nicht ge­nau, was und war­um.

    Ich dach­te bei der „Nach­hal­tig­keit“ ei­gent­lich dar­an, dass „spä­te­re“ Le­ser im­mer­hin Spu­ren des Fak­ti­schen = ei­ne Zeit­ge­nos­sen­schaft „zi­tiert“ fin­den könn­ten, da­zu Per­spek­ti­ven, Men­ta­li­tä­ten, so­zio­lo­gi­sche Kri­stal­le … De­tails (das „au­then­ti­fi­zie­ren­de De­tail“) aus dem sich schnapp­schuss­ar­tig Wirk­lich­keit oder als solch ana­log an­ge­nom­me­ne Ge­hal­te kon­sti­tu­ie­ren. (So wie Fried­rich Kitt­ler teil­wei­se der Odys­see nach­ge­reist ist um Phy­sik UND Poe­ti­sie­run­gen et­wa der Si­re­nen am Ort über­prü­fen. Kunst PLUS Wirk­lich­keit als „hö­he­rer“ Wir­kungs­zu­sam­men­hang.)

    Je­den­falls stel­le ich heu­te beim Le­sen ei­nen grö­ße­ren Ge­nuss fest, je mehr ich dar­auf ver­trau­en kann, dass mir mit (ne­ben der Un­ter­hal­tung) et­was an sol­chen Rea­li­en (= Zeu­gen­schaf­ten, Wis­sen) ge­bo­ten wird, statt „nur“ will­kür­li­che Er­fin­dun­gen (die mich ver­zau­bern sol­len oder poe­ti­sie­ren – aber das ver­sucht heu­te je­der Wald- und Wie­sen­po­et).

    Ob der Re­zen­sent dann be­ru­fen ist, ne­ben dem äs­the­ti­schen Werk­ge­lin­gen auch die Fak­ten zu prü­fen, weiß ich ge­ra­de nicht. Man kä­me da aber mit Ge­gen­re­den wo­mög­lich rasch in ei­ne End­los­schlei­fe der Be­haup­tun­gen und Quel­len­la­gen, und da­für gibt es schon Dis­zi­pli­nen. An­der­seits den­ke ich so­fort, dass auch in ho­her Fak­ten­dich­te (und Glaub­wür­dig­keit) ein Teil an äs­the­ti­schem Ge­nuss stecken kann. „Durch­drin­gung“ und Be­ar­bei­tung er­höh­ten, mit Alex­an­der Klu­ge, in dürf­ti­gen Zei­ten den Schwie­rig­keits­grad der Kunst.

  7. Tja, »hö­he­re Wahr­heit«. Aber was ist das? Wenn es um hi­sto­ri­sche Stof­fe geht (Schil­ler) – wie­viel Er­fin­dung darf man be­wusst set­zen? Darf man es über­haupt?

    Ein Bei­spiel: Es gab die­sen Sin­ti-Bo­xer Troll­mann, über den Ste­pha­nie Bart ein Do­ku-Fik­ti­on-Buch ge­schrie­ben hat. Bart hat­te hier­für in Ar­chi­ven re­cher­chiert und wo es mög­lich war Zeit­zeu­gen be­fragt. Nie­mand kä­me auf die Idee, dass die Dia­lo­ge in dem Buch »wahr« sind. Das brau­chen sie auch nicht zu sein. Aber die fak­ti­schen Ab­läu­fe sind prä­zi­se er­läu­tert; es ist nichts be­schrei­ben, was nicht be­legt ist.

    Und dann gibt es die­se Sa­che mit dem ein­ge­pu­der­ten Ober­kör­per. In frü­he­ren Dar­stel­lun­gen und in ei­nem Film vor ei­ni­gen Jah­ren wur­de ge­zeigt, dass sich Troll­mann für ei­nen Re­van­che­kampf, den er nicht ge­win­nen durf­te die Haa­re blond ge­färbt und den Ober­kör­per weiß ein­ge­pu­dert hat. Er woll­te da­mit ge­gen die Ras­sen­po­li­tik der Na­zis pro­te­stie­ren. Die Fär­bung der Haa­re hat er tat­säch­lich ge­macht; das Ein­pu­dern nicht. Es wä­re gar nicht mög­lich ge­we­sen, da der Pu­der nicht am Kör­per ver­blie­ben wä­re. Die Re­zep­ti­on die­ses Ro­mans in ei­ni­gen Kri­ti­ken re­kur­riert nun aus­ge­rech­net dar­auf. Das zweigt zwei Din­ge: Er­stens ha­ben die Re­zen­sen­ten das Buch nicht (voll­stän­dig) ge­le­sen. Und zwei­tens ver­fe­sti­gen sich Le­gen­den und Lü­gen durch ent­spre­chen­de Fik­tio­na­li­sie­run­gen im Nu.

    Das ist na­tür­lich kei­ne gro­ße Sa­che, zeigt aber die Ge­fahr, die in sol­chen Fik­tio­na­li­sie­run­gen liegt. Ge­schichts­schrei­ber ar­bei­ten ja auch dar­an, die kol­por­tier­ten Irr­tü­mer oder auch ein­fach nur Zu­schrei­bun­gen in Schil­ler- oder Büch­ner-Dra­men her­aus­zu­ar­bei­ten.

    Und dann kommt mir so ein Buch wie »Fi­na­le Ber­lin« in den Sinn: Da fragt man sich über­haupt nicht, ob das al­les fak­ten­ge­nau ist und ist ein­fach stel­len­wei­se nur über­wäl­tigt...

    Mei­ne Fra­ge ist: Wie ver­än­dert das Wis­sen um Au­then­ti­zi­tät die äs­the­ti­sche Re­zep­ti­on?

  8. Um di­rekt auf die Fra­ge zu ant­wor­ten: Viel­leicht als ein ge­wis­ser Er­nüch­te­rungs­ef­fekt (ge­gen­über der Ver­füh­rungs­be­reit­schaft durch Fik­ti­on), der ei­nen an­de­re Fra­gen stel­len lässt, an­de­re Ge­wich­tun­gen im äs­the­ti­schen Ko­or­di­na­ten­netz auf­ruft? Um­ge­kehrt aber auch mit ei­nem stär­ke­ren An­spruch an Wi­der­spruchs­frei­heit? (Üb­li­cher­wei­se hält man ja auch das Wirk­li­che für wi­der­spruchs­frei, trotz lau­fen­der Ge­gen­be­wei­se – da­bei ist es eben nur hö­her kom­plex, oder, wie Ril­ke im Mal­te sagt: un­be­schreib­lich aus­führ­lich.)

    Ei­ne mei­ner Fra­gen, die mir in den Kopf kam (weil ich das neu­lich ir­gend­wo be­haup­tet fand), war, ob man Wahr­heit als ‚Fe­tisch’ ab­tun kann.

    Aber: Ge­horcht Re­zep­ti­on nicht so­wie­so ei­ner ‚hö­he­ren’ Frei­heit und Kom­ple­xi­tät? (Ei­ner noch ein­mal durch das Sub­jekt trans­po­nier­ten.) Viel­leicht ist es aber auch Teil ei­ne Dop­pelt­be­we­gung. So, wie Un­ter­hal­tungs­be­rei­te oft so et­was wie ‚scrip­ted rea­li­ty’ gar nicht durch­schau­en (und auch kei­nen Be­darf da­zu se­hen), sind an­de­re dau­ernd auf der Su­che nach mehr, nach der hö­he­ren Raf­fi­nes­se, um die äs­the­ti­schen Grenz­li­ni­en da aus­zu­lo­ten.

    In dem von Ih­nen ge­ge­be­nen Bei­spiel wä­re das Pu­der das au­then­ti­fi­zie­ren­de De­tail, das zu­gleich ei­ne Er­fin­dung wä­re. Ist ei­gent­lich ei­ne schö­ne Pi­rou­et­te, die das Pro­blem (wenn es denn ei­nes ist) auf den Punkt bringt.

  9. Was aber, wenn Fik­ti­on und Fak­tum nicht un­ter­scheid­bar sind? Die Tat­sa­che, dass Hein von au­then­ti­schen Ab­läu­fen spricht be­deu­tet ja nicht das al­les stim­men muss. Wor­in soll der »Mehr­wert« für den Le­ser lie­gen, wenn er weiss, dass die­se Ge­schich­te »so un­ge­fähr« ein­ge­trof­fen ist. Reicht es nicht schon, wenn ei­ne Fik­ti­on mög­lich ist? War­um glaubt man mit der Au­then­ti­zi­tät et­was zu ge­win­nen?

    Und wie ist das mit der » ‘hö­he­ren’ Frei­heit und Kom­ple­xi­tät«? Ist es dann nicht gleich­gül­tig, ob mir da et­was »vor­ge­macht« wird oder nicht? Wenn die Un­ter­hal­tung zählt, dann ist auch Scrip­ted Rea­li­ty auf ir­gend­ei­ne Art und Wei­se sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig, weil es eben so sein könn­te?

    Ich füh­le mich dann an das so­ge­nann­te Re­gie­thea­ter er­in­nert. Ich ha­be ein­mal ei­ne Vor­stel­lung von »Woy­zeck« ge­se­hen (»von Ge­org Büch­ner« stand auf dem Pla­kat und im Pro­gramm), in­dem dann viel­leicht drei oder vier Sät­ze von Büch­ner wa­ren und am En­de die Fi­gu­ren ko­pu­lier­ten. Wenn je­mand wahr­heits­ge­mäß ge­schrie­ben hät­te, das das Stück nicht von Büch­ner son­dern vom Re­gis­seur X ist, hät­te man ei­nen ganz an­de­ren Maß­stab an­ge­legt. Ich aber kann das nicht un­ter künst­le­ri­sche Frei­heit ver­bü­ßen, weil sich je­mand hin­ter den be­rühm­ten Na­men Büch­ner ver­steckt.

    Ähn­lich ist es mit die­sen Re­al­be­zü­gen in Fik­tio­nen. Wenn es denn so sein soll­te, möch­te ich das nicht wis­sen. Wo­bei dann frei­lich das Ar­gu­ment »das kann nicht so ge­we­sen sein« nie mehr gel­ten dürf­te.

  10. Ja, ir­gend­wann läuft es leer. (Und das Büch­ner-Bei­spiel ist na­tür­lich ex­trem.)

    Oder es sind un­se­re Be­wer­tun­gen bei ei­nem Stau längst von vor­gän­gi­ger Kul­tur ei­ner kul­tu­rel­len DNA ver­haf­tet, die ei­gent­lich schon ver­al­tet ist (und das in ih­rem Zer­bröckeln auch zeigt)? Viel­leicht war so­gar so je­mand wie Pes­soa, der mit sei­nen mul­ti­plen Au­toren-Ichs die­ses Un­si­cher­wer­den be­dien­te, da schon wie­der wei­ter? Was ist mit dem schon seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert pro­kla­mier­ten „Tod des Au­tors“, der man­geln­den Be­frie­di­gung aber bis­lang an sol­chen Din­gen wie „kol­la­bo­rie­ren­des Schrei­ben“? Was ist mit Mas­h­ups und dem par­al­le­len Po­rö­ser­wer­den des Ur­he­ber­rechts? Und so wei­ter.

    Zu­rück auf Hein ge­wen­det könn­te ich mir auch den­ken (oh­ne ihm Ost­al­gie oder so et­was un­ter­stel­len zu wol­len), dass er von et­was, bei dem er Zeu­ge war, und das da­bei ist, voll­stän­dig ver­ges­sen zu wer­den, über­lie­fern­de Kun­de ge­ben woll­te. (Und wä­re es nur An­wand­lun­gen von The­men und Al­ter.)

    Dass er auf ei­nen Chro­ni­sten-Au­then­ti­zis­mus setzt, ist bei ihm, mei­ne ich, auch frü­her schon deut­lich ge­wor­den. Er be­kommt aber na­tür­lich auch mit, dass auch das heut­zu­ta­ge nicht mehr so oh­ne Wei­te­res geht und lie­fert die ei­ge­ne Fra­ge an die ge­hab­ten Be­den­ken gleich mit. Und ta­stet so die ihm Frei­hei­ten UND Auf­er­le­gun­gen lie­fern­den Zwi­schen­be­rei­che da­hin aus und ar­bei­tet mit an ih­rer Auf­recht­erhal­tung wie ih­rer Ver­wi­schung.

    Was die Fra­ge nach dem „Vor­ge­mach­ten“ be­trifft, müss­te man sie wohl zwei­mal stel­len: dem, der vor­macht und dem, der sich vor­ma­chen lässt: Die Aus­gangs- und Be­dürf­nis­la­gen schei­nen mir in mehr als ei­ner Be­zie­hung ver­schie­den. (Und die Fra­ge nach der „Wahr­heit“ als Pa­ra­dig­ma al­ler Be­fra­gun­gen ist da­mit wohl auch nicht vom Tisch.)

  11. Ja, na­tür­lich, Hein ist im­mer Chro­nist ge­blie­ben. Da­ge­gen ist nichts ein­zu­wen­den, wenn da nicht die fast schon pro­vo­ka­ti­ve li­te­ra­ri­sche Un­am­bi­tio­niert­heit wä­re. Das be­deu­tet nicht, dass sei­ne Bü­cher »tri­vi­al« ge­schrie­ben sind oder Kol­por­ta­ge­ro­ma­ne. Und es ist auch nicht ge­for­dert, dass man be­son­ders kunst­voll schrei­ben muss. Aber ir­gend­wie ist mir hier die Ge­schich­te zu sehr »do­mi­nant«. Viel­leicht liegt dar­in der Grund, dass Hein beim Pu­bli­kum im­mer ganz be­liebt war, bei der Kri­tik aber eher nicht.

    Als Ge­gen­part fällt mir da – par­don! – Grass ein, der noch so ein­deu­tig po­li­ti­schen Un­sinn in sei­nen Ro­ma­nen aus­drücken konn­te, aber dies im­mer mit ei­ner dem Le­ser for­dern­den Sprach­kraft. Das ist bei Hein über­haupt nicht der Fall.

  12. Äh, klei­nes Miss­ver­ständ­nis. Der Vor­spann in Far­go ist schlicht un­wahr, hebt da­mit aber die Aus­sa­ge in die Me­ta­ebe­ne. Kann man als Spie­le­rei ab­tu­en oder in­ter­es­sant fin­den.

    Ei­ne wei­te­re Spiel­art ist mir noch mit Ecos Bau­do­li­no ein­ge­fal­len. Eco lässt ein­fach die hi­sto­risch mehr oder we­ni­ger be­leg­ten Stel­len ste­hen und er­gänzt die feh­len­den Tei­le, um die Ge­schich­te auf sei­ne Wei­se »rund« zu ma­chen.

  13. Eco lässt ein­fach die hi­sto­risch mehr oder we­ni­ger be­leg­ten Stel­len ste­hen und er­gänzt die feh­len­den Tei­le, um die Ge­schich­te auf sei­ne Wei­se »rund« zu ma­chen.
    Das ist ge­nau sei­ne Me­tho­de, auch beim »Fried­hof von Prag«. Ich mag das nicht.

  14. Beim Le­sen fand ich die Idee ganz in­ter­es­sant, ha­be mich dann aber spä­ter Ih­rer Sicht­wei­se an­ge­schlos­sen. Es ist (wie schon an­ge­deu­tet) zu ein­fach ten­den­zi­ös zu wer­den und ei­ne ab­wä­gen­de Er­ör­te­rung könn­te ich mir li­te­ra­risch gar nicht vor­stel­len (Ge­gen­bei­spie­le?). Al­so bes­ser Sach­buch mit Ross und Rei­ter.

  15. Das Pro­blem ist noch et­was an­de­res: Le­se­rin­nen und Le­ser, die sich mit der je­wei­li­gen The­ma­tik nicht so ge­nau aus­ken­nen (und auch kei­ne Lust ha­ben, dies zu än­dern), über­neh­men die fik­tio­na­len An­tei­le als wahr. So ent­ste­hen Le­gen­den (im po­si­ti­ven Fall wie Schil­lers Wil­helm Tell – aber es gibt auch ne­ga­ti­ve Ent­wick­lun­gen).

    Und tat­säch­lich ken­ne ich auf An­hieb kei­ne »ab­wä­gen­de Er­ör­te­rung«... Selt­sam.

  16. Wahr­schein­lich ha­ben Sie recht. Ro­bert Har­ris, im­mer­hin Hi­sto­ri­ker aus Cam­bridge und ar­ri­vier­ter Jour­na­list, schreibt im Nach­wort von Ti­tan (Hi­sto­ri­enschmö­ker über das Le­ben von Ci­ce­ro. Ich ha­be üb­ri­gens ein Fai­ble für die End­pha­se der rö­mi­schen Re­pu­blik):

    Dies ist ein Ro­man, kein Ge­schichts­werk: Wo im­mer sich die bei­den An­sprü­che im Weg stan­den, ha­be ich mich, oh­ne zu zö­gern, für Er­ste­res ent­schie­den. Den­noch ha­be ich so weit wie mög­lich ver­sucht, die Fik­ti­on in Ein­klang mit den Tat­sa­chen und Ci­ce­ros ei­ge­nen Wor­ten zu brin­gen – von de­nen uns glück­li­cher­wei­se, zum Groß­teil dank Ti­ro, so vie­le er­hal­ten ge­blie­ben sind.

    Bei der Auf­la­ge der Bü­cher liegt die Deu­tungs­ho­heit über das Le­ben von Ci­ce­ro jetzt wahr­schein­lich bei Har­ris.

  17. In­ter­es­sant an ei­nem sol­chen Fall ist, dass die Ter­tiär­quel­le wo­mög­lich für das Ori­gi­nal »er­setzt«. Ir­gend­wann wird dann aus Har­ris zi­tiert als wä­re es Ci­ce­ro...

  18. Ich ha­be Ih­re Kri­tik vom 10.3.2016 zu Chri­stoph Heins »Glücks­kind mit Va­ter« ge­le­sen. Ih­re Kri­tik fin­de ich nur in Tei­len ge­lun­gen. Man kann die­ses Ge­fühl der Scham der Haupt­fi­gur si­cher­lich aber auch nur nach­voll­zie­hen, wenn man selbst ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht hat — dies zu Ih­rer Ent­schul­di­gung. Kind oder En­kel ei­nes Na­zis zu sein, oder mit ei­nem in ei­nem Atem­zug ge­nannt zu wer­den, der zu ei­nen der größ­ten Ver­bre­cher ge­hört — zum Bei­spiel mit Rein­hard Heyd­rich — führt zu Er­leb­nis­sen und Emo­tio­nen, wie sie Christ­poh Hein nicht hät­te bes­ser be­schrei­ben kön­nen. Das, was Sie als be­fremd­lich emp­fin­den, wie den Bru­der­kon­flikt, ha­be ich in mei­ner Fa­mi­le ähn­lich er­lebt. Die Fa­mi­li­en­ge­schich­te zwi­schen Ost und West ha­ben sich in sehr ähn­li­cher Wei­se in mei­ner Fa­mi­lie ab­ge­spielt. Ich er­leb­te als »un­schul­di­ger« Deut­scher we­gen mei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te wäh­rend mei­nes Stu­di­ums in den USA in ei­nem jü­di­schen La­bor Ähn­li­ches wie Kon­stan­tin Bog­gosch in Frank­reich.
    Es ist ein wun­der­ba­res Buch, das für mich durch­aus auch trö­sten­de As­pek­te hat.
    Si­cher­lich nur nach­voll­zieh­bar für je­man­den, der Ähn­li­ches er­lebt hat.

    [ge­po­stet vom Ab­sen­der 28.12.2016, 12.24 Uhr an an­de­rer Stel­le – G. K.]

  19. @Jens Heid­rich
    Vie­len Dank für Ih­ren Kom­men­tar. Ich ha­be ver­sucht auf die Pro­ble­ma­tik zwi­schen Au­then­ti­zi­tät und Fik­ti­on ein­zu­ge­hen und am En­de kon­ze­diert, dass der li­te­ra­ri­sche Be­wer­tungs­ap­pa­rat vor der Kraft der er­zähl­ten Ge­schich­te wo­mög­lich ka­pi­tu­lie­ren oder min­de­stens zu­rück­ste­hen muss. So kann ich na­tür­lich mit Ih­rer Be­trof­fen­heit nicht kon­kur­rie­ren. Das man da­her auf­grund man­geln­der Er­fah­rung ein li­te­ra­ri­sches Werk nicht be­ur­tei­len kann, ist ein schwie­ri­ges Ar­gu­ment.

    So ha­be ich nicht den Bru­der­kon­flikt als be­fremd­lich be­zeich­net, son­dern eher den Stil, mit dem die­ser er­zählt wird. Dass es so et­was gibt, sich wo­mög­lich so­gar zu­ge­tra­gen hat – das mag durch­aus sein, war und soll­te nicht Ge­gen­stand mei­ner Kri­tik sein. Ich se­he al­ler­dings ein, dass ei­ne per­sön­li­che Be­trof­fen­heit ei­ne an­de­re Be­wer­tung er­zeugt als der viel­leicht küh­le Blick ei­nes Nach­ge­bo­re­nen.

    Über die Pro­ble­ma­tik von Li­te­ra­tur und Do­ku­men­ta­ti­on ver­wei­se ich auch auf die Dis­kus­si­on wei­ter oben.