Heinz Rein: Fi­na­le Ber­lin

Heinz Rein: Finale Berlin

Heinz Rein: Fi­na­le Ber­lin

Spä­te­stens in der Schu­le kam man an ih­nen nicht mehr vor­bei. Da war der Kriegs­heim­keh­rer Beck­mann aus Bor­cherts »Drau­ßen vor der Tür«, der Sol­dat Fein­hals und die Ar­chi­tek­ten­fa­mi­lie Fäh­mel aus Bölls Wer­ken, spä­ter noch Clown Schnier und des­sen An­sich­ten. Os­kar Matz­er­ath kann­te je­der (meist al­ler­dings oh­ne das Werk en dé­tail ge­le­sen zu ha­ben). Sel­te­ner wa­ren schon die Er­leb­nis­se mit dem des­il­lu­sio­nier­ten Bundestags­abgeordneten und Schön­geist Kee­ten­heuve (Ko­ep­pens »Treib­haus«) oder dem Ma­ler Lud­wig Nan­sen aus der 60er Jah­re »Deutsch­stun­de« (Sieg­fried Lenz). All die­sen Fi­gu­ren ist ge­mein, dass sie heu­te noch Er­in­ne­run­gen her­vor­ru­fen und Re­fe­renz­grö­ßen der deut­schen Nach­kriegsliteratur wie selbst­ver­ständ­lich her­bei­zi­tiert wer­den. Aber wer kennt ei­gent­lich Joa­chim Las­sehn, den De­ser­teur aus Heinz Reins »Fi­na­le Ber­lin«? und wer kennt die­ses Buch, das be­reits 1947 er­schie­nen war und ve­he­ment-dra­sti­scher Spra­che die Schrecken des Krie­ges nicht nur er­zähl­te, son­dern vor dem Le­ser fast aus­spie?

Si­cher­lich, ver­ges­se­ne Bü­cher mit ver­ges­se­nen Schrift­stel­lern aus die­ser Zeit gibt es vie­le. Ne­ben Heinz Rein fal­len ei­nem auf An­hieb Hans Scholz (»Am grü­nen Strand der Spree« [die­ses Buch wur­de in den 1960er Jah­ren er­folg­reich für das Fern­se­hen ver­filmt]), Pe­ter Bamm und Hans Hell­mut Kirst ein, die al­le­samt mit dem Vor­wurf des Tri­vi­al­au­tors zu kämp­fen hat­ten. Aber auch äs­the­tisch an­spruchs­vol­le­re Au­toren wie Gert Le­dig und Jo­sef W. Jan­ker gin­gen im Li­te­ra­tur­be­trieb un­ter, vor al­lem weil sie nicht in das äs­the­ti­sche Kon­zept der Grup­pe 47 hin­ein­pass­ten, ei­ner in­for­mel­len Ver­ei­ni­gung, die suk­zes­si­ve die Ho­heit über die deut­sche Nach­kriegs­li­te­ra­tur über­nahm und schon vor der Usur­pie­rung durch die Kri­ti­ker-Vie­rer­ban­de (Reich-Ra­nicki, May­er, Kai­ser, Jens) ei­ne macht­vol­le Po­si­ti­on ein­nahm. Wer heu­te den Ka­non durch­schaut, den die­se We­ni­gen auf­ge­stellt ha­ben, ent­deckt über­all die im­mer­glei­chen Na­men: Hein­rich Böll, Gün­ter Eich, Gün­ter Grass, Al­fred An­dersch, Il­se Ai­chin­ger, In­ge­borg Bach­mann, Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger, Mar­tin Wal­ser (der ei­gent­lich als »grup­pen­frem­der« Au­tor galt), ein biss­chen Wolf­diet­rich Schnur­re und Wal­ter Höl­le­rer noch. Al­le­samt Au­toren, die an den Sit­zun­gen der Grup­pe 47 zum Teil re­gel­mä­ssig teil­nah­men und da­durch bis heu­te das li­te­ra­ri­sche Bild der 1950er und 1960er Jah­re in Deutsch­land präg­ten.

Ach­te­te man pein­lichst dar­auf, kei­ne na­zi­be­la­ste­ten Schrei­ber in der Grup­pe zu ha­ben (was, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, gründ­lich miss­lang), so konn­te man je­doch als Op­fer, das nicht den sol­da­ti­schen Weg ein­ge­schla­gen hat­te, kaum re­üs­sie­ren, wie am Bei­spiel Paul Ce­lan deut­lich wur­de. Exi­lan­ten mied man of­fi­zi­ell aus äs­the­ti­schen Grün­den – in Wahr­heit woll­ten sich die­se in der Re­gel nicht mit Wehr­macht­sol­da­ten oder »In­ne­ren Emi­gran­ten« mes­sen. Am­bi­tio­nier­te Pro­sa, die sich von der dem Rea­lis­mus ver­pflich­te­ten so­ge­nann­ten Trüm­mer­li­te­ra­tur ab­wi­chen, hat­te eben­falls kei­ne Chan­ce; sie wa­ren auf Für­spra­che au­ßer­halb der Grup­pe an­ge­wie­sen, was bei ei­ni­gen Aus­nah­men (Ko­ep­pen, Sieg­fried Lenz) ge­lang.

Höl­len­ge­wit­ter oh­ne Scheu vor Pa­thos

So ist es nicht über­ra­schend, dass Heinz Rein, der Au­tor von »Fi­na­le Ber­lin«, nie­mals in der Grup­pe 47 ge­le­sen hat. Sein Ro­man ent­sprach mit sei­nem der­ben Splat­ter-Ex­pre­s­­sio­nis­mus nicht dem Ge­schmack der Grup­pe, die es vor­zog, den deut­schen Sol­da­ten nach dem Krieg als Op­fer der Um­stän­de dar­zu­stel­len. Reins Buch da­ge­gen zeigt in ex­pres­si­ven, zum Teil pa­the­tisch-bru­ta­len Bil­dern ein Ber­lin vom 15. April 1945 bis zur Ka­pi­tu­la­ti­on am 2. Mai. Es ist ein Ber­lin der Stra­ßen- spä­ter so­gar Häu­ser­kämp­fe – ei­ne Be­völ­ke­rung ein­ge­presst zwi­schen Ro­ter Ar­mee und rück­sichts­los ge­gen die ei­ge­ne Zi­vil­be­völ­ke­rung vor­ge­hen­der SS-Trup­pen. Es ist ein Ber­lin der bis zum Schluss an den Sieg Glau­ben­den, ein Ber­lin, das am En­de groß­flä­chig in Schutt und Asche liegt, über­sät mit Lei­chen bzw. Lei­chen­tei­len. Rein ent­wickelt ei­ne To­po­gra­phie des Schreckens; wer möch­te, kann Trup­pen- und Kampf­be­we­gun­gen auf ei­ner Kar­te ge­nau nach­voll­zie­hen. Ber­lin wird zur Höl­le, bar je­der Zi­vi­li­sa­ti­on.

Hier wird nicht mit la­ko­nisch er­zählt oder am Wirts­haus­tisch sin­niert. Hier spritzt die Ge­hirn­mas­se der Er­schos­se­nen, hier rutscht der nach ei­nem Luft­an­griff nach sei­ner Frau Su­chen­de im Lei­chen­matsch aus, hier stol­pert der Was­ser­ho­ler auf den Trüm­mern um­her und wird per Zu­fall auf dem Rück­weg von ei­nem Gra­nat­split­ter töd­lich ge­trof­fen. Hier zer­ren die ver­blen­de­ten Mör­der ei­nen so­ge­nann­ten De­ser­teur an ei­nem Strick vor den Au­gen sei­ner Mut­ter hin­auf. Man stellt sich die­se Leu­te nach 1945 als treu­sor­gen­de Fa­mi­li­en­vä­ter, Be­am­te im mitt­le­ren Dienst oder ein­fach nur als net­te On­kels vor. Ver­mut­lich wur­den sie nie­mals be­langt für ih­re Mor­de.

Am 14. April 1945 um 14 Uhr sitzt Joa­chim Las­sehn in Os­kar Klo­ses Knei­pe, Am Schle­si­schen Bahn­hof. Ber­lin. Klo­se ahnt so­fort, was mit dem 22jährigen, der krampf­haft ei­ne Pi­sto­le um­klam­mert, los ist. Las­sehn ist bei Klo­se ge­nau rich­tig, denn die­ser ge­hört mit dem Arzt Dr. Bött­cher (56 Jah­re alt) und dem seit Jah­ren in der Il­le­ga­li­tät le­ben­den ehe­ma­li­gen Ge­werks­schafts­se­kre­tär und So­zi­al­de­mo­krat Wie­gand (46) zur Widerstands­gruppe »Be­ro­li­na«. Klo­se ge­währt Las­sehn Ob­dach und zum er­sten Mal fühlt sich die­ser an­ge­nom­men, auf­ge­ho­ben. Er kann sei­nen Geist an den Dis­pu­ten zwi­schen Bött­cher und Wie­gand schu­len; spä­ter kom­men noch an­de­re wie Schrö­ter (62) von der kom­mu­ni­stisch in­spi­rier­ten Wi­der­stands­grup­pe »Ring­bahn« hin­zu. Las­sehn ist ein un­ge­schlif­fe­ner Dia­mant, ängst­lich, aber er er­greift auch die In­itia­ti­ve wenn es sein muss. Zwei Mal tö­tet er ge­zielt – als die Grup­pe durch ei­nen »Block­lei­ter« droh­te auf­zu­flie­gen und als Wie­gands Frau von ei­nem bru­ta­len SS-Mann bei­na­he tot­ge­schla­gen wor­den wä­re.

Die ein­zel­nen Ka­pi­tel be­gin­nen zu­meist der mor­gend­li­chen Drauf­sicht auf Ber­lin. Ex­em­pla­risch hier­zu et­was vom Mor­gen des 23. April 1945, als Rein von den Men­schen in den Luft­schutz­kel­lern er­zählt, die sie in­zwi­schen kaum mehr ver­las­sen:

Der neue Mor­gen bleibt drau­ßen, er dringt nicht durch die ei­ser­nen Tü­ren in die Kel­ler. Mü­dig­keit, Star­re, Stumpf­heit, Hilf­lo­sig­keit haf­ten wie Schat­ten an, und nur das me­cha­ni­sche Hilfs­mit­tel der Uhr ver­leiht den Men­schen das Be­wußt­sein, daß au­ßer­halb ih­rer Ka­ta­kom­ben Licht vom Him­mel auf die Stadt her­ab­strömt und durch die Fen­ster in die lee­ren Woh­nun­gen sickert. Mit dem neu­en Ta­ge, der da ir­gend­wo, wel­ten­fern, auf­steigt, bricht über die Men­schen neue Qual her­ein, ver­mehrt sich die Un­ge­wiß­heit, ver­län­gert sich das War­ten, das En­de der Nacht bringt kein Licht, be­lebt nicht den Geist, spannt nicht die Glie­der, denn mit zu­neh­men­der Hel­lig­keit be­ginnt das Ar­til­le­rie­feu­er wie­der, set­zen die Flie­ger­an­grif­fe er­neut ein, kommt die Front, die an den dunk­len Rän­dern in der Nacht er­starrt war, wie­der in Be­we­gung.

Und was ge­schieht so­zu­sa­gen »ober­ir­disch«? Auch hier wird nicht mit Pa­thos ge­spart:

SS, Feld­po­li­zei und das neu ein­ge­rich­te­te flie­gen­de Stand­ge­richt hal­ten die Re­ste des aus­ein­an­der­stre­ben­den, aus­ein­an­der­ge­fal­le­nen Hee­res noch mit bru­ta­lem Ter­ror zu­sam­men. In­ner­halb von Mi­nu­ten wer­den To­des­ur­tei­le aus­ge­spro­chen und an ir­gend­ei­nem Stra­ßen­bahn­mast oder La­ter­nen­pfahl voll­zo­gen, im Zen­tral­kriegs­ge­richt in der Rü­stern­al­lee in Char­lot­ten­burg am­tiert noch ei­ne Meu­te von Kriegs­ge­richts­rä­ten, Ober­feld­rich­tern, Ober­stabs­rich­tern, Hee­res­ju­sti­zin­spek­to­ren und ›zu­ver­läs­si­gen‹ Bei­sit­zern, sie spre­chen kein Recht, son­dern füh­ren nur Be­feh­le aus und ver­hän­gen ›Im Na­men des deut­schen Vol­kes‹ täg­lich Dut­zen­de von To­des­ur­tei­len, die un­mit­tel­bar nach Ur­teils­ver­kün­dung voll­streckt wer­den. Es ist nicht al­lein der äu­ße­re Druck, der die form­lo­se Mas­se der Ein­hei­ten und Ver­bän­de im­mer wie­der zu­sam­men­kne­tet, es ist auch der ih­nen ein­ge­drill­te Zwang des Be­fehls, der von in­nen her­aus wirkt, sie zwar nicht ent­schlos­sen bis zum Letz­ten kämp­fen (son­dern sich eher, wenn mög­lich, vor dem Kamp­fe zu drücken), aber bis zum Letz­ten ge­hor­chen läßt.

Da man die­ses um­fas­sen­de Lei­den, Ster­ben und Schie­ßen nicht auf Dau­er aus­hal­ten kann, wird ir­gend­wann auf die klei­ne Grup­pe um Las­sehn, Klo­se, Bött­cher und Wie­gand ge­zoomt und es er­ge­ben sich häu­fig end­los schei­nen­de Schul­funk-ähn­li­che Dia­lo­ge, die äu­ßerst di­dak­tisch auf­be­rei­tet sind, so, wie man es En­de der 1940er Jah­re ge­braucht hat, ethi­sche und mo­ra­li­sche Häpp­chen, die nicht nur Fritz J. Rad­datz in sei­nem Nach­wort stö­ren, aber die not­wen­dig wa­ren, we­nig­stens da­mals und die Rein in der Aus­ga­be für die Bü­cher­gil­de Gu­ten­berg 1980 nicht ent­fernt hat, wo­mög­lich weil er den Le­sern da­mals nicht trau­te. Man fie­bert – auch hier hat Rad­datz recht – mit die­ser Grup­pe mit, lernt Las­sehns Freund, den in­zwi­schen zum Ober­leut­nant be­för­der­ten Tolks­dorff ken­nen, der im Ge­spräch »um­ge­dreht« wird, weil er noch nicht gänz­lich der Ge­walt­spi­ra­le und der Ideo­lo­gie der Na­zis er­le­gen ist. Man über­legt mit, wann denn nun die Stel­lung die wei­ße Fah­ne his­sen soll oh­ne Ge­fahr zu lau­fen von der SS noch er­wischt zu wer­den. Man ver­flucht Wie­gands äl­te­sten Sohn, der zum glü­hen­den SS-Scher­gen wird und dann – aber na­ja, das soll der Le­ser ge­fäl­ligst sel­ber her­aus­fin­den.

»Fi­na­le Ber­lin« ist – das soll­ten die lan­gen Zi­ta­te oben il­lu­strie­ren – ein emo­tio­na­les Ber­ser­ker­werk, zu­nächst fast noch be­hä­big da­her­kom­mend, sprüht es am En­de vor Grau­en. Es ist ein Ber­lin-Ro­man, an­ders und doch zu­gleich auf ei­ne merk­wür­di­ge Art und Wei­se ähn­lich dem Dö­blin-Werk, nicht nur, wenn es um den Alex­an­der­platz geht. Ein Buch, das un­ge­ach­tet sei­ner durch­aus vor­han­de­nen li­te­ra­ri­schen Schwä­chen zu ei­nem der wich­tig­sten Bü­cher über den Zwei­ten Welt­krieg in deut­scher Spra­che ge­zählt wer­den muss.

Rein pass­te vor­her wie nach­her nicht in den Zeit­geist

Rein, Jahr­gang 1906, war sel­ber früh mit den Na­zis an­ein­an­der ge­ra­ten, ge­riet in Ge­sta­po-Haft, durf­te nicht pu­bli­zie­ren. Rad­datz weist dar­auf hin, dass das über 700 Sei­ten star­ke Buch in ei­nem Rausch ge­schrie­ben wor­den sein muss und dies trotz der ka­ta­stro­pha­len Um­stän­de nach dem Krieg (Pa­pier­man­gel, weit­ge­hend zer­stör­te In­fra­struk­tur) be­reits 1947 in Ost­ber­lin er­schien und, so ist zu le­sen, mit 80.000 Ex­em­pla­ren ein sen­sa­tio­nel­ler Er­folg war. Das es wie auch der Au­tor kei­nen dau­er­haf­ten Nie­der­schlag im Ka­non der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur ge­fun­den hat, ist be­zeich­nend. Die Ver­flech­tun­gen der Grup­pe 47 wur­den be­reits er­wähnt. Und wer als Au­tor kei­ner der be­gehr­ten Auf­trä­ge für den Rund­funk er­hielt, konn­te nicht be­kannt wer­den – hier wa­ren un­ter an­de­rem Gün­ter Eich und Al­fred An­dersch die Tür­hü­ter. Viel­leicht woll­te An­dersch sei­ne Desertions­geschichte sel­ber ver­mark­ten und blockier­te da­her Re­zep­ti­on von Reins? Und war der Um­gang mit der Schuld und Ver­ant­wor­tung auch der deut­schen Sol­da­ten, die Reins als blin­de und dum­me Be­fehls­emp­fän­ger selbst Stun­den vor der er­wart­ba­ren Nie­der­la­ge un­barm­her­zig cha­rak­te­ri­sier­te, ein zu gro­ßer Af­front für die bra­ven Schäf­chen, die wo­mög­lich je­den Tag von Kriegs­be­ginn bis En­de Sol­dat ge­we­sen wa­ren und nun ver­such­ten, ei­ne Spra­che hier­für zu fin­den?

Nein, die Grup­pe 47 woll­te kei­ne Tri­vi­al­li­te­ra­tur in ih­ren Rei­hen ha­ben wie sie da­mals auch schnell um sich griff. Zu­mal, wenn wie bei ei­ni­gen Re­prä­sen­tan­ten (ex­em­pla­risch sei hier Heinz G. Kon­salik ge­nannt), der Re­van­chis­mus-Ge­dan­ke droh­te. Aber bei al­ler Ab­leh­nung des Sol­da­ti­schen und Krie­ge­ri­schen: War man nicht auch ein we­nig in­fi­ziert von der Mär der »sau­be­ren Wehr­macht«, in der sie »ge­dient« hat­ten und bis­sen da­her je­den, der dies ein biss­chen ent­zau­bern woll­te weg? Griff so et­was wie Ver­ant­wor­tung auch die­je­ni­gen an, die sich wie auch im­mer ar­ran­giert hat­ten – mö­gen ih­re Grün­de auch noch so ver­ständ­lich ge­we­sen sein? Wir­bel­te da ei­ner ei­nen neu­en, still­schwei­gen­den Kon­sens durch­ein­an­der, in dem er zeig­te, was doch mög­lich ge­we­sen wä­re?

Fas­zi­nie­ren­de Sprach­ana­ly­sen

Et­wa bei der Ana­ly­se der gän­gi­gen Na­zi-Be­rich­te. Fas­zi­nie­rend, wie Dr. Bött­cher und Wie­gand die Wehr­machts­be­rich­te und Durch­hal­te­ar­ti­kel der Na­zi-Pres­se (»Der Pan­zer­bär«) zer­pflück­ten, die Pa­ro­len, Eu­phe­mis­men und Groß­kot­ze­rei­en her­aus­sieb­ten und so die aus­sicht­lo­se mi­li­tä­ri­sche La­ge zu­sam­men mit ei­ni­gen Hin­wei­sen von »Feind­sen­dern« (end­lich wird auch mal Ra­dio Mos­kau ge­nannt und nicht im­mer nur die BBC) recht ge­nau her­aus­de­stil­lie­ren konn­ten. Sprach­kri­tik und –ana­ly­se – di­dak­tisch auf­be­rei­tet. Zu­nächst die Ori­gi­nal­tex­te, dann die Ana­ly­se. Er zeigt da­mit: Seht, das hät­tet ihr auch ge­konnt, wenn ihr nur ge­wollt hät­tet, denn es war kein Kunst­stück die ge­schraub­ten For­mu­lie­run­gen zu »le­sen« und das Schön­sprech zu ent­lar­ven.

Nie­mals gibt es ei­nen Zwei­fel, dass Rein ei­ne ge­hö­ri­ge Mit­schuld für die­se apo­ka­lyp­tisch an­mu­ten­de Ka­ta­stro­phe, die längst über­wun­den ge­glaub­te ar­chai­sche Ver­hal­tens­wei­sen der Men­schen wie­der her­vor­holt, bei de­nen sieht, die hier dann am En­de aus­ge­bombt, er­schos­sen, ge­henkt oder ver­brannt wer­den. Wie­der­holt wird et­wa auf die Mitver­antwortung und Schuld der »Ar­bei­ter­klas­se« hin­ge­wie­sen, die – wenn auch mur­rend – durch ihr bra­ves Gra­na­ten­dre­hen und Pan­zer­hoch­rü­sten die Blut­wal­ze ei­ner gesinnungs­losen Ar­mee in­stand hiel­ten und so zum all­zu oft grin­sen­den Mas­sen­mord – ob in Ora­dour, War­schau oder in den Wei­ten Russ­lands – be­fä­hig­ten. Aber auch die »pro­le­ta­ri­sche Über­heb­lich­keit« der Kom­mu­ni­sten wird at­tackiert (»Ihr müßt end­lich ein­mal die Hül­len der pro­le­ta­ri­schen Über­heb­lich­keit ab­strei­fen, wir wol­len doch nicht den Ari­er­nach­weis durch den Pro­le­ta­ri­er­nach­weis ab­lö­sen. Das neue Deutsch­land, das ja nach dem Sturz des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus kom­men wird, darf nicht mit dog­ma­ti­schen Eng­stir­nig­kei­ten be­gin­nen.« – Dr. Bött­cher). Der By­zan­ti­nis­mus der deut­schen Jour­na­li­sten im »Drit­ten Reich« wird sar­ka­stisch auf­ge­spießt. Ein­zig der Ju­gend, d. h. der um 1925 ge­bo­re­nen (und jün­ger), de­ren mo­ra­li­sches Be­wusst­sein durch die Na­zis ver­brannt wor­den sei, soll­te man, so Bött­cher, nach dem Krieg mit ei­nem Ge­ne­ral­par­don be­geg­nen. Po­li­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren in die­sem Buch sind li­be­ral-so­zi­al­­de­mo­kra­ti­sche, prag­ma­ti­sche Fi­gu­ren wie Dr. Bött­cher und Wie­gand. Sie sind es, die auch in die­ser Ka­ta­stro­phe nicht voll­ends re­si­gnie­ren.

Den­noch darf die Ge­sin­nung nicht als Ent­schul­di­gung für die äs­the­ti­schen Pro­ble­me die­ses Bu­ches her­hal­ten. Reins Sche­ma­tis­mus muss aus der Zeit sei­nes Ent­ste­hens her­aus ge­le­sen wer­den. Wer den Mi­kro­kos­mos der Wi­der­ständ­ler als zu päd­ago­gisch emp­fin­det, könn­te sich mit den ex­pres­si­ven Ber­lin-Schil­de­run­gen be­gnü­gen. In je­dem Fall ist das Buch ein, wie Rad­datz schrieb, »un­ver­gleich­li­ches Zeug­nis […] – hart, oh­ne Schluch­zen, prä­zi­se, we­ni­ger Kla­ge als An­kla­ge.« Die Höl­len­ge­wit­ter des zer­stör­ten, von Ro­ter Ar­mee an­ge­grif­fe­nen und vom SS-Mob re­gier­ten Ber­lins der letz­ten April-Ta­ge 1945 scheint uns heu­ti­ge Le­ser ent­fern­ter als die 70 Jah­re Di­stanz dies na­he­le­gen. Aber die­se Zeit­rei­se 70 Jah­re zu­rück ist – lei­der – auch heu­te noch mög­lich. Sol­che Wel­ten wie sie Heinz Rein be­schreibt, zu­wei­len auch er­zählt, lie­gen nur ein paar Flug­stun­den ent­fernt.

Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

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6 Kommentare zu »Heinz Rein: Fi­na­le Ber­lin«:

  1. klagefall sagt:

    Das Buch ist wohl schon 1946 als Fort­set­zungs­ro­man in der Ber­li­ner Zei­tung er­schie­nen, was wahr­schein­lich die Cliff­han­ger er­klärt, die ge­le­gent­lich auf­tau­chen. Es muss al­so noch aus dem un­mit­tel­ba­ren Kriegs­er­le­ben ge­schrie­ben wor­den sein und viel­leicht muss man die­se Schreib­si­tua­ti­on mit­be­rück­sich­ti­gen, wenn man über die Schwä­chen des Ro­mans nach­denkt. Dass das Buch in der DDR kei­ne Rol­le spiel­te, war für mich beim Le­sen klar, der (dia­lo­gisch dar­ge­stell­te) Plu­ra­lis­mus der An­ti­fa­schi­sten wur­de sehr bald zu­gun­sten der Ein­heits­par­tei ein­ge­eb­net. Zum Teil las es sich auch wie ei­ne Vor­aus­schau. Ein gro­ßes Buch!

    #1

  2. Dan­ke für den Hin­weis mit dem Fort­set­zungs­ro­man; der fehl­te in den An­ga­ben vom Ver­lag.

    #2

  3. Lynkeus sagt:

    Ein biss­chen viel Fra­ge­zei­chen im Text – und ein biss­chen viel Le­gen­den­bil­dung um die Grup­pe 47??

    #3

  4. @Lynkeus
    Sie ver­wen­den in zwei Zei­len im­mer­hin zwei Fra­ge­zei­chen. Da ist mein Fra­gen noch sehr zu­rück­hal­tend.

    Was die »Le­gen­den­bil­dung« über die Grup­pe 47 an­geht, müs­sen Sie mir hel­fen. Wo se­hen die­se in mei­nem Text? Und – noch ei­ne Fra­ge -: Was ist mit Böt­ti­gers Buch über die Grup­pe 47 bzw. den Ta­ge­bü­chern von Hans Wer­ner Rich­ter, die vor ei­ni­gen Jah­ren er­schie­nen sind? Al­les nur Le­gen­den? Sa­gen Sie’s mir, wie’s da­mals wirk­lich war!

    #4

  5. kdm sagt:

    Bei Wi­ki er­fährt man auch et­was über Herrn Rein.

    #5