Wenn man erst einmal weiß, dass einige (Polit-)Talkshows im (deutschen) Fernsehen nach gewissen dramaturgischen Inszenierungen besetzt werden – beispielsweise um während der Sendung ordentlich Krawall zu erzeugen – kann man diese pervertierte Form des Diskurses nur noch als lächerliches Schmierentheater ertragen. Sein eigenes Urteil wird man hier kaum schärfen können, zu bescheiden sind die intellektuellen Herausforderungen. Es spricht leider einiges dafür, dass das Feuilleton in ähnliches Fahrwasser abdriftet. Und nein: Damit sind nicht die (teilweise zu Recht diskreditierten) Twitterlümmel und Blogdamen und ‑herren gemeint, die ihre gesinnungstriefende Meinungs-Halbbildung in die Welt hinausposaunen und jedes noch so kleine Phänomen skandalisieren. Längst hat das organisierte Denunzieren auch die sich selbst immer noch als Qualitätsmedien bezeichnenden Institutionen ergriffen.
Gregor Keuschnig
Die Verhintzung
Am Sonntag und Montag konnte man im deutschen Fernsehen zwei Talkshows anschauen, die auf vertrackte Weise die Grenzen dieses Formates offenbarten. Es ging wieder einmal um Bundespräsident Wulff und seine diverse Affären und Affärchen. Die Gemeinsamkeit in den beiden Sendungen: de ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Hintze trat in seiner bereits zu Kohls Zeiten berühmten Mischung aus Emsigkeit und Frechheit als Verteidiger Wulffs auf.
Bei »Günther Jauch« am Sonntag sah man am Ende nicht nur beim Moderator die Erleichterung: Die Sendung ist überstanden. In der FAZ hieß es von Michael Hanfeld am nächsten morgen, Hintze habe geredet, wie der FC Bayern gelegentlich spielt: 70% Ballbesitz, aber trotzdem verloren. Einen Tag später stand Hintze dann wieder Rede und Antwort – in Frank Plasbergs »hart aber fair«. Ihm zur Seite das ehemalige FDP-Mitglied Mehmet Daimagüler, ein Rechtsanwalt aus Berlin, der seine Sympathie für Wulff mit dessen Rede vom 3. Oktober 2010 begründete (»der Islam gehört…zu Deutschland«).
Ansonsten war Peter Hintze fast allein zu Gast. Mit Wuseligkeit und autoritärem Gehabe wischte er alle Anschuldigungen vom Tisch. Alles sei widerlegt und aufgeklärt, so Hintze. Bei Plasberg entfleuchte ihm sogar die Aussage, dass die Vorwürfe durch seine Aussage alleine als widerlegt zu gelten haben. Da konnten die anderen Kombattanten nur enerviert den Kopf schütteln. Und die Zuschauer empörten sich über Hintze.
So sind sie halt...
Ich gestehe dass ich das sonntägliche Ritual, sich um 20.15 Uhr den ARD »Tatort« anzusehen immer mehr bereue: Zu schlecht, zu durchschaubar, zu holzschnittartig und auch zu zeitgeistig kamen in den letzten Monate diverse Krimis dieser Reihe daher. Die Schilderungen der privaten Problemchen und Probleme der ermittelnden Kommissare nebst deftigem Lokalkolorit kommen inzwischen leider viel zu routiniert daher, dass man sie länger als sagen wir einmal 60 Minuten aushalten kann ohne in gähnende Langeweile auszubrechen.
Zugegeben: Das war gestern im österreichischen »Tatort« »Kein Entkommen« anders. Ein Student – Fahrer einer Putzkolonne – wird angeschossen: Die Mörder entdecken, dass sie den falschen erwischt haben und strecken ihn mit einem bedauernden »Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort« mit zwei Kopfschüssen endgültig nieder. Gemeint war ein anderer: Josef Müller, der mit seiner Frau und dem 6jährigen Max zusammenlebt. Müller ist krank; eine Grippewelle grassiert während des Films und zieht nach und nach alle möglichen Protagonisten herunter. Die beiden Killer suchen Müllers Wohnung auf (Frau und Kind sind beim Arzt), der knapp entkommt und mit nacktem Oberkörper durch Wien bis zu den Gepäckschließfächern am Hauptbahnhof irrt. Neu eingekleidet meldet er sich bei der Polizei. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) bestaunen den Mann, der natürlich nicht Josef Müller heisst sondern Gradić und im jugoslawischen Bürgerkrieg auf seiten der Serben Kriegsverbrechen in einer paramilitärischen Organisation begangen hat. Müller gesteht alles und legt das auf den Tisch, was die Mörder haben wollen: Sein Büchlein, in dem er fein säuberlich seine und die Taten seiner Kameraden aufgeführt hat.
Wisława Szymborska
Und so denn glitzert der tote Käfer am Weg, unbeweint der Sonne entgegen. Es genügt, an ihn für die Dauer eines Blicks zu denken: er liegt, als wäre ihm nichts von Bedeutung passiert. Bedeutung betrifft angeblich nur uns. Nur unser Leben, nur unseren Tod, den Tod, der erzwungenen Vorrang genießt. aus: Wisława Szymborska – Von ...
Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas

Mit Habermas’ retrospektiven Erläuterungen zum Marktfundamentalismus, der Ende der 1990er Jahre auch die politischen Repräsentanten in Deutschland infizierte (wohl vorbereitet durch entsprechendes mediales Pressing), geht man noch konform. Aber wenn dann aus der rhetorischen Mottenkiste der Begriff der »Politikverdrossenheit« hervorgeholt wird, beginnen die Zweifel. Wobei dieses Phänomen als Produkt einer »politischen Unterforderung« des Bürgers abgeleitet wird, dieser damit sozusagen errettet werden soll und für die weitere Verwendung als politisches Subjekt zur Verfügung steht. Habermas hat natürlich Recht, dass eine ambivalente demokratische Legitimationsbasis des »Eliteprojekts« Europäische Union zum Ver- und/oder Überdruss geführt hat. Und auch seine Feststellung, dass Deutschland seit Rot-Grün 1998 ohne festes (außen-)politisches Ziel regiert wird (er sieht diese Entwicklung von 2005 an noch einmal beschleunigt), ist zutreffend.
Falsches Tortenstückchen
Da staunte der »tagesschau«-Zuschauer gestern nicht schlecht: Die Beteiligung Deutschlands am Euro-»Hilfsfonds« ESM – Gesamtvolumen (erst einmal) 500 Milliarden Euro – beträgt »nur« 22 Milliarden. Kann das sein? Um die Kleinigkeit zu verdeutlichen bediente man sich in der Redaktion der wohl bekannten Tortengraphik:
Euphemismen in der Politik – (IV.) Der Hinterbänkler
Gemeint ist der Hinterbänkler (seltener: die Hinterbänklerin). Es ist ganz leicht, sich über sie zu amüsieren. Journalisten machen das sehr gerne. Erst verschaffen sie ihnen (endlich einmal) einen gewissen Raum – um sich dann darüber lächerlich zu machen. Man kennt das ja mit dem Hoch- und Runterschreiben. Der Hinterbänkler durchlebt diese Phasen in sechs Wochen. Andere Politiker brauchen dafür Jahre.
Mark Greif: Bluescreen
Sechs qualitativ unterschiedliche Essays von Mark Greif sind im Band »Bluescreen« versammelt. »Ein Argument vor sechs Hintergründen« heißt es ein bisschen monströs im Untertitel, wobei man sich am Ende der Lektüre fragt, welches Argument denn wohl gemeint ist, außer vielleicht jenes, dass alles irgendwie was mit Medien zu tun hat und das Bluescreen-Verfahren des Fernsehens Assoziationen mit dem Himmel wecken könnte (daher vermutlich auch der progressive Gedanke, dem Büchlein eine gelb-oranges Cover zu verpassen). Greifs Stärke ist eindeutig nicht die Analytik, was er jedoch – anders als so manch anderer Essayist – leider nicht mit einer gewissen Sprachmächtigkeit zu kompensieren vermag. Auch die Assoziationen, die er entwickelt, sind bedauerlicherweise nur begrenzt geistvoll.
Aber der Reihe nach. Zwei Essays fallen deutlich ab und sind letztlich nur argumentationsfreie Thesenaufsätze. In »Gesetzgebung aus dem Bauch heraus oder: Umverteilung« greift der Autor zunächst das ritualisierte Ventilieren von Ansichten zu allem und jedem als Meinungshuberei an, um dann selber in solche zu verfallen und mit einer als surreal bezeichneten Gesetzgebung dem Individualismus das Wort zu reden, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern (10.000 Dollar/Jahr) und alle Einkommen über 100.000 Dollar im Jahr zu 100% zu besteuern. Dabei nennt er außer seinem Gerechtigkeitsempfinden leider keine Gründe und so bleibt nur ein immerhin gut gemeinter Text. Und in seinem Aufsatz über Youtube spielt er mit der These, dass das Leben ohne Internet früher angenehmer gewesen sei und moniert am Ende, dass Youtube kein sauber verwaltetes chronologisches Archiv vorweisen kann und damit genau so gedächtnislos sei wie das Fernsehen.