Jür­gen Ha­ber­mas: Zur Ver­fas­sung Eu­ro­pas

Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas

Jür­gen Ha­ber­mas: Zur Ver­fas­sung Eu­ro­pas

Wenn sich Jür­gen Ha­ber­mas in die Nie­de­run­gen des po­li­ti­schen All­tags be­gibt und die­sen kommen­tiert, of­fen­bart sich sei­ne zu­wei­len ten­den­ziö­se Wahr­nehmung über­deut­lich. Plötz­lich ist die Deckung hin­ter dem Fremdwort­wall wie in sei­nem drei­tei­li­gen Es­say mit dem hüb­schen, dop­pel­deu­ti­gen Ti­tel zur »Ver­fassung Eu­ro­pas«, der den Kern des vor­lie­gen­den, gleich­namigen Ban­des bil­det, ge­lüf­tet. Der rechts­phi­lo­so­phi­sche Uni­versitätsjargon, der ein­fach­ste Sach­verhalte in hoch­ar­ti­fi­zi­el­le Wort­gebilde bis zur Unkennt­lichkeit mas­kie­ren kann, weicht in den bei­den als An­hang be­nann­ten Ar­ti­keln vom Mai 2010 bzw. April 2011 (und dem Inter­view mit Tho­mas Ass­heu­er vom No­vem­ber 2008) dem Ton des kommen­tieren­den Leit­ar­tik­lers. Das hat mehr als nur ein­mal zur Fol­ge, dass der Doy­en der po­li­ti­schen Phi­lo­so­phie in Deutsch­land (oder sol­len wir lie­ber Eu­ro­pa sa­gen?) zu­wei­len ziem­lich nackt da­steht.

Mit Ha­ber­mas’ re­tro­spek­ti­ven Er­läu­te­run­gen zum Markt­fun­da­men­ta­lis­mus, der En­de der 1990er Jah­re auch die po­li­ti­schen Re­prä­sen­tan­ten in Deutsch­land in­fi­zier­te (wohl vorbe­reitet durch ent­spre­chen­des me­dia­les Pres­sing), geht man noch kon­form. Aber wenn dann aus der rhe­to­ri­schen Mot­ten­ki­ste der Be­griff der »Po­li­tik­ver­dros­sen­heit« hervor­geholt wird, be­gin­nen die Zwei­fel. Wo­bei die­ses Phä­no­men als Pro­dukt ei­ner »po­li­ti­schen Unter­forderung« des Bür­gers ab­ge­lei­tet wird, die­ser da­mit so­zu­sa­gen er­ret­tet wer­den soll und für die wei­te­re Ver­wen­dung als po­li­ti­sches Sub­jekt zur Ver­fü­gung steht. Ha­ber­mas hat na­tür­lich Recht, dass ei­ne am­bi­va­len­te de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­ons­ba­sis des »Elite­projekts« Eu­ro­päi­sche Uni­on zum Ver- und/oder Über­druss ge­führt hat. Und auch sei­ne Fest­stel­lung, dass Deutsch­land seit Rot-Grün 1998 oh­ne fe­stes (außen-)po­litisches Ziel re­giert wird (er sieht die­se Ent­wick­lung von 2005 an noch ein­mal be­schleunigt), ist zu­tref­fend. Aber könn­te es nicht auch sein, dass die durch feh­ler­haf­te Ent­schei­dun­gen der po­li­ti­schen Ver­tre­ter in der Ver­gan­gen­heit her­vor­ge­ru­fe­nen krisen­haften Zu­spit­zun­gen ei­ne prag­ma­ti­sche­re Her­an­ge­hens­wei­se ver­lan­gen? Es ist schon merk­würdig, wenn Ha­ber­mas die Kehrt­wen­dung der Mer­kel-Re­gie­rung in der Atom­po­li­tik dahin­gehend kri­ti­siert, dass Wahl­ent­schei­dun­gen auf­grund von pro­gram­ma­ti­schen Wahl­kämp­fen ge­trof­fen wor­den sei­en und dem­entspre­chend ei­ne der­art fun­da­men­ta­le Ver­än­de­rung der Po­li­tik den Wäh­ler­wil­len nicht kor­rekt auf­zei­ge (ein Vor­wurf, der ja auch Schrö­ders Agen­da-Po­li­tik be­glei­te­te). Mit der glei­chen rhe­to­ri­schen Ver­ve wä­re ver­mut­lich ein Fest­hal­ten an der Lauf­zeit­ver­län­ge­rung der Atom­kraft­wer­ke auch nach der Ka­ta­stro­phe von Fu­ku­shi­ma als dog­ma­tisch ge­brand­markt und die Re­gie­rung als un­be­lehr­bar be­schimpft wor­den. Im ei­nen Fall wird der Re­gie­rung Op­por­tu­nis­mus im an­de­ren Fall ideo­lo­gi­sche Un­be­lehr­bar­keit vor­ge­wor­fen.

Ha­ber­mas stößt all­zu be­reit­wil­lig in das Horn der­je­ni­gen, die der Kanz­le­rin mal man­geln­de Eu­ro­pa-Em­pa­thie, mal Groß­macht­at­ti­tü­den vor­wer­fen. Da­bei blen­det er die organisa­torischen wie hi­sto­ri­schen Ver­än­de­run­gen, die sich seit Kohls Ab­gang 1998 er­ge­ben ha­ben, non­cha­lant aus. Eu­ro­pa be­steht nicht mehr aus 15 Na­tio­nal­staa­ten, son­dern aus 27 (bald 28). Kon­sens­fin­dung wird da­durch er­schwert. (Muss man dies Ha­ber­mas sa­gen?) Der Eu­ro ist in­zwi­schen nicht nur ei­ne Buch­wäh­rung, son­dern ein rea­les Fak­tum. Die »Eu­ro­zo­ne« um­fasst 17 Na­tio­nen; mehr Mit­glie­der als die EU 1998 hat­te. Die Kon­struk­ti­ons­feh­ler des Eu­ro, die Ha­ber­mas be­rech­tig­ter­wei­se ent­deckt, hat nicht An­ge­la Mer­kel son­dern Hel­mut Kohl mit zu ver­ant­wor­ten. All­zu ger­ne drängt sich der Ge­dan­ke auf, Kohl ha­be (zu­sam­men mit den Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en) ei­ne Wäh­rungs­uni­on mit der hei­ßen Na­del ge­strickt, um sei­nen Platz in der Ge­schich­te zu ze­men­tie­ren. Da­bei wur­den nach­weis­lich öko­no­mi­sche Ein­wän­de von den da­ma­li­gen Staats­len­kern rü­de ab­ge­bür­stet und zu Gun­sten po­li­ti­scher As­pek­te ver­nach­läs­sigt. 2011/2012 sind nun die Ge­burts­feh­ler der 1990er Jah­re zu mei­stern.

Ver­blei­ben im Sy­stem

Was sagt Ha­ber­mas zur Zu­kunft der EU? Er lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen zu Un­gun­sten der Na­tio­na­lis­men ge­stärkt wer­den müs­sen. Ha­ber­mas ist kein Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner; es gibt durch­aus An­lei­hen an Ul­rich Becks »Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft«. Die »Trans­na­tio­na­li­sie­rung der Volks­sou­ve­rä­ni­tät« als »kon­sequente Fort­füh­rung der de­mo­kra­ti­schen Ver­recht­li­chung der Eu­ro­päi­schen Uni­on« klingt als Ma­xi­me aus­ge­spro­chen gut. Aber wie soll dies er­reicht wer­den? Ei­ne Über­raschung: Das fra­gi­le und par­ti­ell un­de­mo­kra­ti­sche Kon­strukt aus Kom­mis­si­on, Euro­päischem Rat und Eu­ro­pa­par­la­ment soll wohl be­stehen blei­ben; al­len­falls leich­te Ver­schiebungen sind ge­plant, de­ren Aus­schmückung je­doch auch im Dif­fu­sen bleibt. Ha­ber­mas bleibt im Sy­stem; En­zens­ber­gers Kri­tik vom »Mon­ster Brüs­sel« bü­gelt er in ei­nem Halb­satz ab, als gä­be es die über­bor­den­de zen­tra­li­sti­sche Be­vor­mun­dung der Kom­mis­si­on und die Dis­kus­sio­nen um weit­ge­hen­de Er­mäch­ti­gun­gen für die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen in den Thinktanks in Brüs­sel, Straß­burg und Lu­xem­burg nicht (nicht ein­mal auf ei­nen Sitz für das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment kann man sich ei­ni­gen; was Ha­ber­mas un­ter­schlägt, wenn er von »Straß­burg« spricht, wenn er das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment meint). Das er­in­nert an ei­nen Ar­chi­tek­ten, der gro­be Skiz­zen ei­nes Ge­bäu­des in die Luft zeich­net und dann an­de­ren die Sta­tik­be­rech­nun­gen über­lässt.

Ha­ber­mas glaubt, man brau­che nur die Le­gi­ti­ma­ti­ons­ba­sis des be­stehen­den Sy­stems zu ver­brei­tern und schon wür­de der Bür­ger der In­te­gra­ti­on (ei­nem Auf­ge­hen) in die EU fol­gen. Hier­in zeigt es sich, dass er dem Dis­kurs-Ni­veau der von ihm kri­ti­sier­ten Eli­ten nä­her steht, als er denkt. Die­se wis­sen längst, dass sie die­ses Eu­ro­pa (d. h. die­se Struk­tu­ren, die sich in der Eu­ro­päi­schen Uni­on zei­gen) mit­samt dem re­prä­sen­tie­ren­den Per­so­nal nicht mehr­heits­fä­hig an­bie­ten kön­nen. Da­her flüch­ten bei­de – die po­li­ti­schen Eli­ten wie auch Ha­ber­mas – in ei­ne rau­nen­de Be­schwö­rungs­rhe­to­rik und instrumen­talisieren die Ka­ta­stro­phen der bei­den Welt­krie­ge. Da­mit wird nicht nur der Be­völ­ke­rung ei­ne ve­ri­ta­ble Ge­schichts­ver­ges­sen­heit un­ter­stellt, son­dern die längst als selbstver­ständlich emp­fun­de­nen Rei­se- und Be­we­gungs­frei­hei­ten in­ner­halb des Sy­stems der EU in un­zu­läs­si­ger Wei­se über­höht. Mer­kels Satz »Schei­tert der Eu­ro, schei­tert Eu­ro­pa« eig­net sich vor­züg­lich als vul­gär-tri­via­ler Tot­schlä­ger ge­gen jeg­li­che Sy­stem­kri­tik.

An­ge­grif­fen wird Mer­kel von Ha­ber­mas noch aus ei­nem an­de­ren Grund. Die Kanz­le­rin ha­be sich zu lan­ge in na­tio­na­le Al­lein­gän­ge ge­flüch­tet. Dies ge­schah, so die The­se, nicht zu­letzt aus Angst vor eu­ro­pa­feind­li­chen Um­trie­ben im deut­schen Bou­le­vard und auch in der ei­ge­nen Par­tei. Bei­des lässt er nicht gel­ten – plötz­lich zählt die wie auch im­mer ent­standene po­li­ti­sche Mei­nung der Be­völ­ke­rung nicht mehr und wird als Aus­re­de für ei­ne eher zö­ger­li­che Po­li­tik be­trach­tet. Da­bei wird über­se­hen, dass sich Mer­kels Vor­be­hal­te für das Im­ple­men­tie­ren ei­nes Bail-out-Sy­stems (wel­ches in Wirk­lich­keit ja nicht die Staa­ten ret­tet, son­dern die Ban­ken und de­ren Kun­den) auf die gän­gi­ge Ver­trags­la­ge stütz­te. Er­staun­lich wie Ha­ber­mas, der an manch klei­nem De­tail sei­ten­lang recht­li­che Kompli­kationen aus­macht, die simp­le Tat­sa­che igno­riert, dass ei­ne Haf­tungs­uni­on ge­gen funda­mentale Grund­sät­ze der Maas­trich­ter Ver­trä­ge ver­stößt. Na­tür­lich hat­te die deut­sche Re­gie­rung lan­ge die Dy­na­mik der Kri­se un­ter­schätzt und glaub­te, die­se mit ein­fa­che­ren Maß­nah­men be­wäl­ti­gen zu kön­nen. Aber Ha­ber­mas ar­gu­men­tiert mit ei­nem Wis­sen, dass man da­mals noch nicht ha­ben konn­te. Frank­reichs In­itia­ti­ve, früh­zei­tig für ei­ne Haftungs­union ein­zu­tre­ten, ist kei­nes­wegs vi­sio­när, wenn man be­rück­sich­tigt, dass vor al­lem fran­zö­si­sche Ban­ken im gro­ßem Stil in grie­chi­sche Staats­an­lei­hen in­vol­viert sind bzw. wa­ren, d. h. hier die In­ter­es­sen­la­ge ei­ne ganz an­de­re war.

Alt­lin­ke Ver­bis­sen­heit

Laut Ha­ber­mas zwingt nun Deutsch­land der Eu­ro­päi­schen Uni­on das deut­sche We­sen auf. Kron­zeu­gen sind der aus­län­di­sche Bou­le­vard und sei­ne chro­ni­sche Idio­syn­kra­sie ge­gen »deut­sche Po­li­tik­mu­ster«. Aber es be­darf schon ei­ner ziem­lich alt­lin­ken Ver­bis­sen­heit um hier über­all so­fort ein deut­sches Groß­manns­den­ken zu as­so­zi­ie­ren. Tat­säch­lich wird in Eu­ro­pa we­ni­ger ein He­ge­mo­ni­al­an­spruch Deutsch­lands ge­fürch­tet als des­sen Un­tä­tig­keit (so der pol­ni­sche Au­ßen­mi­ni­ster Ra­do­sław Si­kor­ski un­längst in Ber­lin). Dass par­al­lel hier­zu die Ein­fluss­nah­me deut­scher Re­prä­sen­tan­ten in der EZB suk­zes­si­ve auf dem Rück­zug war (und in­zwi­schen prak­tisch nicht mehr vor­han­den ist), über­sieht er wohl­weis­lich. Wie er auch die The­ma­ti­sie­rung öko­no­mi­scher Fra­gen weit­ge­hend mei­det und in wohl­fei­le All­ge­mein­plät­ze ver­fällt. Das hat zur Fol­ge, dass die ein­zi­ge tat­säch­li­che Groß­macht­at­ti­tü­de Deutsch­lands – die der wirt­schaft­li­chen Ex­port­macht, die sich auf Ko­sten an­de­rer Haus­hal­te kon­sti­tu­iert – von ihm nur am Ran­de the­ma­ti­siert wird.

Da­bei wird mit der Schick­sals-Rhe­to­rik das ei­gent­lich Un­ver­ein­ba­re ver­sucht: Ei­ner­seits ein vi­sio­när-uto­pi­sti­sches Den­ken ei­nes uni­ver­sa­li­stisch ori­en­tier­ten Kos­mo­po­li­tis­mus (hier hin­ein passt dann auch Ha­ber­mas’ Zu­stim­mung zur völ­ker­rechts­wid­ri­gen In­ter­ven­ti­on in Ju­go­sla­wi­en 1999, an der sich auch Deutsch­land be­tei­lig­te) – an­de­rer­seits wird fast ver­zwei­felt die Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit ei­ner Ent­wick­lung her­auf­be­schwo­ren, die noch vor zehn Jah­ren nicht nur un­um­kehr­bar schien, son­dern selbst­ver­ständ­li­ches, po­li­ti­sches All­ge­mein­gut war. Ei­ner­seits Vi­si­on – an­de­rer­seits Kas­san­dra. Die­se Flucht vor dem Ar­gu­men­ta­ti­ven ver­leiht sei­nem Duk­tus die Au­ra des Wis­sen­den, der im Spie­gel der Ge­schich­te Äng­ste be­schwört.

Mer­kel hat die Kas­san­dra­ru­fe von Ha­ber­mas wohl do­siert als Schrecken­sze­na­ri­en über­nom­men. Aber sie hat in der Ei­le ver­ges­sen, sei­ne Vi­sio­nen ei­ner kos­mo­po­li­ti­schen Po­li­tik un­ter Ver­zicht auf na­tio­nal­staat­li­che Ego­is­men we­nig­stens zur Dis­kus­si­on zu stel­len. Statt­des­sen flüch­tet auch sie in ei­ne Rhe­to­rik, die Dro­hun­gen aus­sto­ßen muss, um Ein­wän­de be­reits im Keim zu do­me­sti­zie­ren. Das glei­che gilt vice ver­sa für Ha­ber­mas: Des­sen Welt­in­nen­po­li­tik bleibt il­lu­sio­när bis lä­cher­lich, wenn sie nicht mit ent­spre­chen­der Pro­gram­ma­tik flan­kiert wird (die sich jen­seits rechts­phi­lo­so­phi­scher Op­po­si­ti­on mit Lieb­lings­feind Carl Schmitt be­we­gen müss­te).

»Welt­in­nen­po­li­tik« be­deu­tet für Ha­ber­mas ein »Meh­re­be­nen­sy­stem ei­ner ver­fass­ten Welt­ge­mein­schaft« und darf, wie er be­tont, nicht mit ei­ner »Welt­re­gie­rung« ver­wech­selt wer­den (die Un­ter­schie­de be­nennt er nicht). Der Na­tio­nal­staat ist ob­so­let. Ri­go­ros wer­den Re-Na­tio­na­li­sie­rungs­ten­den­zen bei der Lin­ken (wo­bei er aus­drück­lich nicht nur die gleich­na­mi­ge Par­tei meint) ge­gei­ßelt. Aber den »deut­schen Son­der­weg« ent­deckt er auch im Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und sei­nem »eu­ro­pa-un­freund­li­chen Lis­sa­bon-Ur­teil«, dass er in schar­fer Form als Sym­ptom für »über­hol­te rechts­dog­ma­ti­sche Vor­stel­lun­gen von Sou­ve­rä­ni­tät« an­greift. Als wüss­te er nicht ganz ge­nau, dass das Ver­fas­sungs­ge­richt nicht ei­ge­ne po­li­ti­sche For­de­run­gen auf­stel­len kann, son­dern sich an Vor­ge­fun­de­nem zu ori­en­tie­ren hat.

Der ge­spal­te­ne Bür­ger

Ha­ber­mas bleibt, was die Aus­ge­stal­tung sei­ner Zie­le an­geht, ver­blüf­fend un­spe­zi­fisch und ver­hed­dert sich in ei­ne zu­wei­len un­les­ba­re Me­lan­ge aus Fremd­wor­ten, Jar­gon und Bes­ser­wis­se­rei­en, die ge­nau so weit von der Rea­li­tät des »Welt­bür­gers« ent­fernt sein dürf­te wie die ak­tu­el­len Sonn­tags­re­den der Po­li­tik. Gänz­lich un­ver­ständ­lich ist die von ihm ver­ord­ne­te Spal­tung des Bür­gers in »künf­ti­ge Uni­ons­bür­ger« (bspw. in der Eu­ro­päi­schen Uni­on) und als An­ge­hö­ri­ger ei­nes Staats­vol­kes. In­so­fern hat der Bür­ger sei­ne Loya­li­tä­ten den je­wei­li­gen Not­wen­dig­kei­ten zu ver­ge­ben: »Je­de Bür­ge­rin nimmt an den eu­ro­päi­schen Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­sen so­wohl als die ein­zel­ne au­to­nom ‘ja’ und ’nein’ sa­gen­de Eu­ro­päe­rin wie als die An­ge­hö­ri­ge ei­ner be­stimm­ten Na­ti­on teil«. Ei­ne ähn­li­che Spal­tung voll­zieht Ha­ber­mas spä­ter in ei­ner Re­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen: Auch hier be­grei­fen sich die In­di­vi­du­en so­wohl als Bür­ger ei­ner über­staat­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on wie auch als An­ge­hö­ri­ge des je­wei­li­gen Staats­vol­kes. Da­bei wird als ab­so­lut ge­setzt, dass die su­pra­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on die staat­li­che Ge­walt nicht un­ter­bie­ten darf. Im­pli­zit be­deu­tet dies, dass grund­le­gen­de, als uni­ver­sa­li­stisch ver­stan­de­ne, un­ver­han­del­ba­re Rechts­gü­ter wie die Men­schen­rech­te prä­sent und um­ge­setzt sind. Lei­der igno­riert Ha­ber­mas die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on in den Ver­ein­ten Na­tio­nen. Hier do­mi­nie­ren Pseu­do­de­mo­kra­ti­en und Dik­ta­tu­ren – mit glei­chem Stimm­recht wie die de­mo­kra­ti­schen Staa­ten. Er the­ma­ti­siert das ver­mut­lich nicht, weil er da­mit ein An­lie­gen der ideo­lo­gisch un­lieb­sa­men amerika­nischen Neo­kon­ser­va­ti­ven strei­fen wür­de, die vor­sa­hen, die­ses Un­gleich­ge­wicht zu Un­gun­sten der De­mo­kra­ti­en durch Ab­sen­tie­rung aus den Ver­ein­ten Na­tio­nen nicht mehr hin­zu­neh­men und statt­des­sen mul­ti­la­te­ra­le Bünd­nis­po­li­tik (à la Bis­marck) zu be­trei­ben.

Als rechts­phi­lo­so­phi­sches Pa­ra­dig­ma dürf­te die­se Zan­gen­kopf­ge­burt ei­nes schi­zo­phre­nen Sou­ve­räns viel­leicht ih­re Be­rech­ti­gung ha­ben – als po­li­ti­sches Ziel ist es fast mitleid­erregend, wie hier der Sta­tus-quo mit dem Ziel ei­ner kos­mo­po­li­ti­schen Staatengemein­schaft (jen­seits von Be­griff­lich­kei­ten wie Staa­ten­bund oder Bun­des­staat) kom­bi­niert und der für über­holt er­klär­te Na­tio­nal­staat dann doch wie­der – wenn auch vor­erst nur – »ge­ret­tet« wer­den soll. Aber noch et­was be­rück­sich­tigt Ha­ber­mas nicht: Der Kos­mo­po­li­tis­mus oder das Trans­na­tio­na­le ist in der ak­tu­el­len EU schwer ver­mit­tel­bar. Ent­we­der die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit über die »Na­ti­on« wur­de aus­ge­trie­ben – wie aus gu­ten Grün­den den Deut­schen nach 1945. Dann kann ei­ne su­pra­na­tio­na­le Iden­ti­tät na­tür­lich auch nicht ent­wickelt wer­den; der viel ge­prie­se­ne und von Ha­ber­mas be­spöt­tel­te Re­gio­na­lis­mus ist die Fol­ge. Oder der Na­tio­nal­be­griff ist im­mer noch sehr do­mi­nant, ja fast völ­kisch kon­no­tiert (wie bei­spiels­wei­se in Frank­reich). Dann be­steht kei­ne Ver­an­las­sung, sich ei­nem Ge­bil­de wie der EU »un­ter­zu­ord­nen«. So ver­ei­nen sich im aus­ge­trie­be­nen Na­tio­nal­ge­fühl ei­nes Nach­kriegs­deutsch­land (wel­ches 1989 aus ei­ner ge­wis­sen Ängstlich­keit her­aus nicht in­ner­halb ei­nes eu­ro­päi­schen Ge­bil­des of­fen­siv be­grün­det und von Ger­hard Schrö­der 1999 als schnö­des Mit­mach­thea­ter tri­via­li­siert wur­de) und im un­ver­hoh­le­nen Stolz ei­ner »Grand Na­ti­on« die ta­ges­po­li­ti­schen Stol­per­stei­ne, die zu igno­rie­ren nur der theo­re­ti­sie­ren­de Pro­fes­sor eme­ri­tus vor­neh­men kann. Das Ge­fühl ei­ner »Welt­bür­ger­ge­mein­schaft« an­zu­ge­hö­ren mag in Vor­le­sun­gen für ent­spre­chen­den Ap­plaus sor­gen. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der »Welt« als ei­ner Schick­sals­ge­mein­schaft (bei­spiels­wei­se in öko­lo­gi­schem Sinn) könn­te je­doch in der Pra­xis be­reits an der Grund­stücks- bzw. Woh­nungs­gren­ze des Nach­barn schei­tern. Zu­mal Ha­ber­mas je­de kom­mu­ni­ta­ri­sti­sche An­wand­lung in der Be­zie­hung von Ge­mein­schaf­ten mit spit­zen Fin­gern an­fasst. So ver­wun­dert es nicht, dass Po­li­ti­ker, die auf de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on an­ge­wie­sen sind und Macht­ver­lu­ste fürch­ten, sich nur all­zu be­reit­wil­lig in die vor­ge­form­ten Scha­blo­nen ih­rer Vor­gän­ger be­ge­ben.

Selbst­ver­ständ­lich wä­re ei­ne grund­le­gen­de Re­for­mie­rung der Eu­ro­päi­schen Uni­on und ih­rer In­sti­tu­tio­nen drin­gend ge­bo­ten. Mit Recht weist Ha­ber­mas auf die ver­ge­be­ne Chan­ce hin, die in der EU-Ver­fas­sung lag und schließ­lich in den so­ge­nann­ten Lis­sa­bon-Ver­trag mün­de­te. Es ist auch über­deut­lich, dass die Fort­set­zung ei­ner fa­ta­len »Weiter-so«-Politik, die den Bür­ger von den Vor­tei­len ei­nes in­te­gra­ti­ven Eu­ro­pa nicht über­zeu­gen son­dern mit blo­ßer Be­haup­tungs­rhe­to­rik über ver­meint­li­che Vor­tei­le ru­hig­stel­len oder mit lä­cher­li­chen Kriegs­sze­na­ri­en er­pres­sen will (und da­mit den so­ge­nann­ten rechts­po­pu­li­sti­schen Par­tei­en die An­hän­ger in Scha­ren zu­treibt) auf Dau­er nicht ver­fan­gen wird. Das »neue über­zeugende Nar­ra­tiv« der Eu­ro­päi­schen Uni­on (der Be­griff wur­de be­reits von Peer Stein­brück ver­ein­nahmt) wel­ches sich jen­seits ei­ner »gut­mö­blier­ten Frei­han­dels­zo­ne« (Mi­cha­el Hirz) be­wegt, bleibt Ha­ber­mas – lei­der – schul­dig. Un­ter an­de­rem des­halb, weil sein Blick zu oft (na­tio­na­le) Ge­schich­te be­müht wo (ge­mein­sa­me) Zu­kunft ge­schrie­ben wer­den müss­te.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Be­sten Dank für die zahl­rei­chen Hin­wei­se auf die In­kon­si­sten­zen in Ha­ber­mas’ Ar­gu­men­ta­ti­on. Da wird ziem­lich viel zu­recht ge­bo­gen, da­mit es passt.
    Sehr schön, ge­ra­de­zu für’s »Al­bum«: „Das er­in­nert an ei­nen Ar­chi­tek­ten, der gro­be Skiz­zen ei­nes Ge­bäu­des in die Luft zeich­net und dann an­de­ren die Sta­tik­be­rech­nun­gen über­lässt.“

    Zur fast zwangs­läu­fi­gen Füh­rungs­rol­le Deutsch­lands – egal ob ge­wollt und an­ge­nom­men, oder nicht – ha­be ich noch ei­nen Le­se­tipp aus dem Ja­nu­ar-Mer­kur:
    http://www.klett-cotta.de/fm/14/mr_2012_01_0001-0008.pdf

  2. Vie­len Dank für den Link. Ein sehr in­struk­ti­ver Bei­trag. Und ge­gen En­de nimmt Schön­ber­ger di­rekt Stel­lung zum Ha­ber­mas-Es­say:

    Wenn es aber so schwer geht mit der deut­schen He­ge­mo­nie, wenn die Bun­des­re­pu­blik sie kaum ver­ste­hen, lei­sten und er­tra­gen kann, wä­re es dann nicht bes­ser, die Eu­ro­päi­sche Uni­on oh­ne die­se He­ge­mo­nie zu or­ga­ni­sie­ren? Mit gro­ßer Ge­ste wird hier gern emp­foh­len, man mö­ge doch den Sprung in ei­nen klar de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten und struk­tu­rier­ten eu­ro­päi­schen Bun­des­staat ma­chen. Aber sol­che Vor­schlä­ge sind meist nur phan­ta­sie­lo­se Re­pro­duk­tio­nen der Bun­des­staats­theo­rie des 19. Jahr­hun­derts. Ent­schei­dend ist nicht der Staats­cha­rak­ter des Ge­bil­des, son­dern sei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ver­fasst­heit. He­ge­mo­nie ist der Preis ei­ner fö­de­ra­ti­ven Struk­tur, die den Re­gie­run­gen der Mit­glied­staa­ten be­stim­men­den An­teil an der Bun­des­ge­walt ein­räumt, der Preis all je­ner Brüs­se­ler Rä­te al­so, die den All­tag der eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on prä­gen. Merk­wür­di­ger­wei­se spielt die­se zen­tra­le Rats­kon­struk­ti­on in der Dis­kus­si­on über die de­mo­kra­ti­sche Aus­ge­stal­tung der Eu­ro­päi­schen Uni­on kaum ei­ne Rol­le. (Sie wird auch nur ne­ben­bei ge­streift in Jür­gen Ha­ber­mas’ jüng­stem Es­say Zur Ver­fas­sung Eu­ro­pas.)

  3. Der be­ste Bei­trag seit lan­gem zum The­ma »Ver­schlep­pen die al­ten Eli­ten die po­li­ti­schen Pro­ble­me Eu­ro­pas in ih­re alt­her­ge­brach­ten In­ter­pre­ta­ti­ons­mu­ster zu un­gun­sten ei­ner ak­tu­el­len und ak­ku­ra­ten Er­fas­sung??«.
    Ich un­ter­strei­che vor­al­lem ih­re sach­ge­rech­te Dar­stel­lung der na­tio­na­len Iden­ti­tät, die (ganz gleich, ob vor­han­den oder ge­schwächt! Stich­wort: Un­garn!) kei­ner­lei Im­puls oder Treib­kraft hin­sicht­lich ei­ner eu­ro­päi­schen As­si­mi­la­ti­on ent­fal­tet.
    Das ein­zi­ge, was ich ver­mis­se (aber der Um­fang muss ja be­grenzt blei­ben) ist ei­ne Er­ör­te­rung des re­prä­sen­ta­ti­ven Prin­zips an­hand von mul­ti-na­tio­na­len Par­tei­en. Zu schnell, zu selbst­ver­ständ­lich wird die Per­so­nen­fik­ti­on »Bür­ger« auf die In­sti­tu­ti­on »Re­gie­rung« be­zo­gen, oh­ne die Ver­tre­tung und pro­gram­ma­ti­sche Ver­zer­rung durch die Par­tei­en zu be­rück­sich­ti­gen. Habermas’sche Theo­rie-Akro­ba­tik: wel­chen Un­ter­schied macht es denn für den Bür­ger, wenn er für den Bund »SPD« wählt, und in der Eu­ro­pa­wahl eben­falls »SPD«!? Die Tei­lung der bür­ger­li­chen Iden­ti­tät ist hier voll­kom­men schein­haft und so­gar ver­lo­gen...

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