Rai­ner Ra­bow­ski: Hal­te­stel­len

Rainer Rabowski: Haltestellen
Rai­ner Ra­bow­ski: Hal­te­stel­len
In ei­ner Be­spre­chung zu Bo­tho Strauß’ neu­em Buch hör­te ich nach län­ge­rer Zeit wie­der ein­mal die Be­zeichnung »psy­cho­lo­gi­scher Rea­lis­mus«, mit der der Re­zen­sent die Er­zäh­lun­gen Strauß’ ein­ord­nen und in ei­ne Rei­he bei­spiels­wei­se mit de­nen von Tho­mas Mann stel­len woll­te. Trotz der zwangs­läu­fig feh­len­den Präzi­sion sol­cher ei­gent­lich zu pau­scha­len Zu­schrei­bun­gen, die zu­dem oft nur Ver­le­gen­heits­lö­sun­gen sind, fän­de ich die­se Be­zeich­nung in Be­zug auf die Er­zäh­lun­gen von Rai­ner Ra­bow­ski als er­ste Ein­schät­zung durch­aus zu­tref­fend. Viel­leicht liegt es auch dar­an, dass mir ins­be­son­de­re bei der Lek­tü­re von »Un­se­re Sa­che« ne­ben den Par­al­le­len zu Strauß’ Be­ginn­lo­sig­keits-Pro­sa durch­aus auch ein psy­cho­lo­gi­sches Ele­ment prä­sent war.

Da­bei geht es Ra­bow­ski al­ler­dings we­der um den Ver­such kü­chen­psy­cho­lo­gi­scher Per­sön­lich­keits­dia­gno­sen der An­de­ren noch wird von der War­te ei­ner wie auch im­mer emp­fun­de­nen Er­ha­ben­heit her­aus auf die Welt ge­blickt. Das sanf­te See­l­e­ner­kun­den, wel­ches in der Re­gel nur ein ge­nau­es Hin­schau­en und Be­ob­ach­ten ist, wird zu­meist nur als Aus­gangs­punkt für ei­ne Selbst­psy­cho­lo­gi­sie­rung ge­nom­men, die durch­aus – und hier liegt der ent­schei­den­de Mehr­wert bei­spiels­wei­se zur In­ner­lich­keits­pro­sa der 1970er Jah­re aber auch dem Ge­wim­mer so man­cher Schreib­schul­ab­sol­ven­tIn­nen heu­te – auf Erkenntnis­gewinn über die Welt im All­ge­mei­nen zielt. Ra­bow­ski fügt dem »em­pi­ri­schen Kreis­lauf« von De­duk­ti­on und In­duk­ti­on die Selbst­re­fle­xi­on hin­zu. Und die­se fast un­ab­läs­sig for­cier­te Selbst­re­fle­xi­on un­ter­schei­det ihn dann deut­lich von Au­toren, die ih­re Fi­gu­ren nicht in den Ab­grund der Tie­fe und das »Schim­mern der Schlan­gen­haut« (Die­ter Wel­lers­hoff) wahr­neh­men und statt­des­sen eher aus (iro­ni­scher) Di­stanz er­zäh­len las­sen.

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Wil­liam T. Voll­mann: Eu­ro­pe Cen­tral

»…schöp­fe Kraft aus sei­nem Lei­den, und lass das Büch­lein dei­nen Freund sein,
wenn du aus Ge­schick oder ei­ge­ner Schuld kei­nen nä­hern fin­den kannst.«
(Jo­hann Wolf­gang Goe­the, »Die Lei­den des jun­gen Wert­her«)

William T. Vollmann. Europe Central
Wil­liam T. Voll­mann. Eu­ro­pe Cen­tral
Und wie­der so ein Ver­such. »Eu­ro­pe Cen­tral« prangt auf dem Co­ver – in Frak­tur, Druck­schrift und ky­ril­lisch. Zu ei­nem deut­schen Ti­tel hat es nach all der Ar­beit schein­bar nicht mehr ge­reicht. Ro­bin Det­je, der (Chef-)Über­setzer, er­wähnt in ei­ner klei­nen No­tiz man ha­be den Ori­gi­nal­ti­tel be­hal­ten wol­len (er sagt nicht war­um) und spricht von »Schalt­zen­tra­le Eu­ro­pa«, wie das Buch in Deutsch hät­te hei­ßen kön­nen. Aber »Schalt­zen­tra­le Eu­ro­pa« kommt nach dem er­sten Ka­pi­tel, wel­ches mit Sei­te 22 en­det, erst wie­der auf Sei­te 611 vor (oder ich ha­be es vor­her über­le­sen?) und steht wohl für das Schar­nier zwi­schen West- (Ber­lin) und Ost­eu­ro­pa (Mos­kau) von 1917 bis zum En­de des Ro­mans 1975 – und da­mit wohl für Ber­lin (ob­wohl es ein­mal, auf Sei­te 757, auch als Me­ta­pher für Dres­den ver­wandt wird). »Eu­ro­pe Cen­tral« wä­re dem­nach – ne­ben­bei – auch noch so et­was wie der gro­ße, neue, wie­auch­im­mer Ber­lin-Ro­man des 21. Jahr­hun­derts (min­de­stens; wenn nicht des Jahr­tau­sends). Wo­bei der Be­griff »Schalt­zen­tra­le« mit der (ge­schei­ter­ten) li­te­ra­ri­schen Me­ta­pher Voll­manns ver­knüpft ist, dem Buch als Te­le­fon­ab­hör­text ei­nen be­son­ders ori­gi­nel­len Über­bau zu ver­schaf­fen.

Der wei­he­vol­le Ton und die 785 Fuß- bzw. End­no­ten

Wie im­mer, wenn es sich um ein li­te­ra­ri­sches Er­zeug­nis um den Wahn­sinn des Zwei­ten Welt­kriegs han­delt, in dem mehr oder we­ni­ger ge­schickt in ei­nem post­mo­der­nen Va­rie­té-Thea­ter fik­ti­ve Fi­gu­ren mit hi­sto­ri­schen in­ter­agie­ren, über­schlägt sich die deut­sche Li­te­ra­tur­kri­tik mit Lob. »Über­wäl­ti­gend«, »li­te­ra­ri­sches High­light des Jah­res« und na­tür­lich auch wie­der die ob­li­ga­to­ri­sche Zu­schrei­bung »Mei­ster­werk« – so lau­ten die Hym­nen auf die­sen Ro­man und ich fra­ge mich un­will­kür­lich, wie vie­le die­ser Preis­sän­ger wohl das Buch (in­klu­si­ve der An­mer­kun­gen; hier­zu s. u.) über­haupt zur Gän­ze ge­le­sen ha­ben, aber da­für gibt es schließ­lich die vom Lek­to­rats­vo­lon­ta­ri­at ver­fer­tig­ten Wasch­zet­tel und Pres­se­tex­te.

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Al­ber­ti­na und die sie­ben Tod­sün­den

Hin­ein ins Un­ter­ge­schoss »mi­nus 1«. Rechts Bosch und Brue­gel, links Rem­brandt und Ru­bens. Na­tür­lich nach rechts. Ab­ge­dun­kel­ter Raum, Zeich­nun­gen, die 500 Jah­re alt sind. Hie­ro­ny­mus Bosch et­wa: »Der Baum­mensch«. Oder »Die gro­ßen Fi­sche fres­sen die Klei­nen« von Pie­ter Brue­gel. Man ach­te auf die Klei­nig­kei­ten, die flie­gen­den Fi­sche und den rechts lau­fen­den Fisch­men­schen, der sei­ner­seits ei­nen Fisch im Maul hat. (Die Deu­tung als Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik schei­det ir­gend­wie aus.) Wenn man den Saal wei­ter­geht, sind links die Zeich­nun­gen Brue­gels der sie­ben Tod­sün­den zu se­hen. Di­rekt ge­gen­über lau­fen dann sie­ben klei­ne Film­essays von An­toine Roe­giers, die zei­chen­trick­film­ar­tig die je­wei­li­gen Sün­den an­hand der Brue­gel­schen Fi­gu­ren fort­schrei­ben, nein: fort­zeich­nen:

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Sa­bi­ne M. Gru­ber: Be­zie­hungs­rei­se

Sabine M. Gruber: Beziehungsreise
Sa­bi­ne M. Gru­ber: Be­zie­hungs­rei­se
So­phia kau­ert in ei­nem Ho­tel nachts im Ba­de­zim­mer und liest »Der För­ster vom Sil­ber­wald«. Das Buch gibt ihr auf ei­ne selt­sa­me Wei­se ei­nen Halt; sie ist ver­stört, denn Mar­cus, ihr – ja, was? – Freund? Mann? Be­kann­ter?, noch weiss man es nicht – hat ihr »Ge­walt an­ge­tan«. Zwei Mal wird der Akt der Ver­ge­wal­ti­gung in stak­ka­to- und bild­haf­ten Sät­zen re­kon­stru­iert – oh­ne Dra­stik und doch mit ei­ner ein­dring­li­chen In­ten­si­tät. »Acht­los zur Sei­te ge­rollt. Kein Wort, bis zu­letzt«. Vor­her »dumpf schmer­zend er­nied­rigt«. »Zehn­tes Jahr« ist die­ses Ka­pi­tel zu Be­ginn des Bu­ches über­schrie­ben. Das näch­ste heißt dann »Neun­tes Jahr«. Es be­ginnt vom En­de her. Nach der Lek­tü­re wird man nicht ge­nau wis­sen, ob es das En­de war, weil in den zehn Jah­ren zu­vor schon so oft vom En­de die Re­de war. Und im­mer wie­der kam es an­ders.

Ich ge­ste­he, dass ich des Ti­tels des Bu­ches von Sa­bi­ne M. Gru­ber we­gen Pro­ble­me hat­te, es vor­ur­teils­frei auf­zu­schla­gen. Das Buch heißt »Bezieh­ungs­reise« und es geht um das Wort »Be­zie­hung« dar­in. In ei­ner Zeit, in der 12jährige in Face­book be­ken­nen »in ei­ner Be­zie­hung« zu sein, fällt es mir schwer, die­ses Wort Ernst zu neh­men, so aus­ge­höhlt er­scheint es mir in­zwi­schen. Und hier in­ter­agie­ren er­wach­se­ne Men­schen; So­phia ist am En­de 44, Mar­cus 51. Aber auf ei­ne be­son­ders per­fi­de Art cha­rakterisiert das tech­no­kra­ti­sche Wort »Be­zie­hung« die­se Bin­dung kon­ge­nia­ler als das schö­ne, al­ter­tüm­li­che »Lieb­schaft«, die aristo­kratische Be­zeich­nung »Li­ai­son« oder das ver­rucht kon­no­tier­te Wort von der »Af­fä­re«.

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Sub­ti­le Fäl­schun­gen

Merk­wür­di­ge Ko­in­zi­den­zen: Da wer­de ich auf­merk­sam auf ein Buch von Mar­tin Doll mit dem Ti­tel »Fäl­schung und Fake«. Fast gleich­zei­tig wird auf »phoe­nix« der Film von Mi­klós Gimes über Tom Kum­mer aus­ge­strahlt (»Bad Boy Kum­mer«). Kum­mer hat­te in den 1990er Jah­re Fu­ro­re mit In­ter­views ins­be­son­de­re von US- und Hol­ly­wood-Be­rühmt­hei­ten wie Brad Pitt, Sharon Stone, Quen­tin Ta­ran­ti­no oder Mi­ke Ty­son ge­sorgt, bis sich schließ­lich her­aus­stell­te, dass die­se Ge­sprä­che ge­fälscht wa­ren und nie­mals statt­ge­fun­den hat­ten. Die­se bei­den Er­eig­nis­se – die Buch­lek­tü­re und der Film – wur­den flan­kiert von ei­nem Bei­trag des NDR-Me­di­en­ma­ga­zins »zapp« über so­ge­nann­te au­to­ri­sier­te In­ter­views. Schon vor ei­ni­gen Wo­chen war mir in die­sem Zu­sam­men­hang ein »tagesschau«-Blog-Beitrag von San­dra Sta­lin­ski auf­ge­fal­len, in der sie über ein nach­träg­lich zu­rück­ge­zo­ge­nes In­ter­view schreibt und dies mit dem »Recht auf das ge­spro­che­ne Wort« recht­fer­tigt, wel­ches, wie die Au­torin be­tont, in Deutsch­land gel­te. Und schließ­lich gab es den Ar­ti­kel in der FAZ, in der die Bun­des­pres­se­kon­fe­renz beim Nach­rich­ten­ma­ga­zin »Spie­gel« ei­nen Ver­stoß ge­gen das Schwei­ge­ge­lüb­de mit dem jo­vi­al-omi­nö­sen Ti­tel »Un­ter 3« aus­mach­te und ei­ne »Rü­ge« aus­sprach: Der »Spie­gel« be­rich­te­te über ei­ne pri­va­te Aus­sa­ge des Vor­sit­zen­den des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, der als Vor­weg­nah­me ei­nes Ur­teils­spruchs aus­ge­legt wer­den könn­te.

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Is­met Prcic: Scher­ben

Ismet Prcic: Scherben
Is­met Prcic: Scher­ben
Is­met Prcić ist 1977 ge­bo­ren und leb­te mit sei­ner Fa­mi­lie in Tuz­la, ei­nem Ort im heu­ti­gen Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Über ei­nen Auf­ent­halt ei­ner Thea­ter­grup­pe in Groß­bri­tan­ni­en ent­kommt er der Ein­be­ru­fung in die bos­ni­sche Ar­mee. Der Ro­man »Scher­ben« be­ginnt nach ei­nem klei­nen Ex­kurs aus dem Krieg in ei­ner 1995 in New York lan­den­den KLM-Ma­schi­ne. Da ist Is­met 18 Jah­re.

»Scher­ben« ist ein sehr gut kon­stru­ier­tes Buch mit ein­fach nach­voll­zieh­ba­ren Vor- und Rück­blen­den. Zum ei­nen wird die Ein­ge­wöh­nung des bos­ni­schen Flücht­lings Is­met Prcić in den USA er­zählt. Es wird zi­tiert aus dem Ta­ge­buch und Brie­fen an sei­ne Mut­ter (wo­bei of­fen bleibt, ob die­se Brie­fe je­mals ver­schickt wer­den). Und schließ­lich gibt es ir­gend­wann im­mer häu­fi­ge­re, rea­li­sti­sche, land­ser­ar­ti­ge Be­rich­te vom Front­sol­da­ten Mu­sta­fa Na­lić, ei­nem Jun­gen, dem der Ich-Er­zäh­ler bei der Mu­ste­rung be­geg­net und im Lau­fe des Bu­ches zu Is­mets Schat­ten, sei­ner zwei­ten Exi­stenz wird. Er fa­bu­liert die Le­bens­ge­schich­te von Mu­sta­fa und als er des­sen Grab ent­deckt, er­spürt er, dass Mu­sta­fa tat­säch­lich noch lebt. Al­les dies er­lebt der Le­ser als the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­me, die Is­met von sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Arzt »ver­ord­net« wur­de um sei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­la­stungs­stö­rung ir­gend­wie in den Griff zu be­kom­men. »Je­der ist der Held sei­ner ei­ge­nen Mär­chen«, so pa­ra­phra­siert Is­met sei­nen Arzt – und han­delt da­nach: »Mach dir kei­ne Ge­dan­ken, was wahr ist und was nicht, da­mit machst du dich nur ver­rückt. Schreibt ein­fach nur. Schreib al­les auf.«

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Die Fas­zi­na­ti­on des Deckels

Die Be­richt­erstat­tung in den deut­schen Me­di­en über den gro­ßen Er­folg der so­ge­nann­ten »Ab­zocker-In­itia­ti­ve« des Un­ter­neh­mers Tho­mas Min­der in der Schweiz ist in­ten­siv. Aber sie ist oft falsch und schlicht­weg zu ein­fach. Statt das Pu­bli­kum über die In­hal­te der Schwei­zer In­itia­ti­ve auf­zu­klä­ren, wer­den grif­fi­ge For­meln ge­fun­den, die mit der Rea­li­tät nur we­nig zu tun ha­ben.

Die Neue Zür­cher Zei­tung macht die­se kom­ple­xi­täts­re­du­zie­ren­de Be­richt­erstat­tung in »klei­ne­ren« Me­di­en aus. Da­zu ge­hört aus Schwei­zer Sicht of­fen­sicht­lich die »Welt«, die mit ih­rer Schlag­zei­le »Ma­na­ger­ge­häl­ter sol­len in der Schweiz künf­tig ge­deckelt wer­den – so ha­ben die Bür­ger des Lan­des ent­schie­den« man­geln­de jour­na­li­sti­sche »Fi­nes­se« zei­ge, so die NZZ. Im­mer­hin hat man dort in­zwi­schen die Schlag­zei­le ver­än­dert.

Die man­geln­de jour­na­li­sti­sche Fi­nes­se ist be­son­ders deut­lich im deut­schen Fern­se­hen bzw. de­ren On­line-An­ge­bo­ten.

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Von Quants und an­de­ren Mon­stern

Frank Schirr­ma­chers »Ego – Das Spiel des Le­bens« ist ei­ne wil­de Alarm­ma­schi­ne und ka­pi­tu­liert all­zu vor­ei­lig

Frank Schirrmacher: Ego - Das Spiel des Lebens
Frank Schirr­ma­cher: Ego – Das Spiel des Le­bens
Cover - Mario Puzo: Der Pate
Co­ver – Ma­rio Pu­zo: Der Pa­te

Das Co­ver von »Ego – Das Spiel des Le­bens« weckt As­so­zia­tio­nen an Ma­rio Pu­zos Buch (und auch dem Film) »Der Pa­te«. Hier wie dort das Sym­bol der Ma­ni­pu­la­ti­on: die Ma­rio­net­te. Am En­de zi­tiert Schirr­ma­cher den fran­zö­si­schen Schrift­steller Paul Va­lé­ry, des­sen Fi­gur Mon­sieur Te­ste die »Ma­rio­net­te« ge­tö­tet hat­te. Man muss ge­nau le­sen: Hier soll nicht die Ma­rio­net­te eman­zi­piert und von ih­ren Fä­den be­freit wer­den. Hier geht es um den Tod der Fi­gur. Erst wenn die­se tot ist, hat der Ma­rio­net­ten­spie­ler kei­ne Macht mehr. Das be­mer­kens­wer­te ist: Die Ma­rio­net­te sind wir sel­ber bzw. das, was im Lau­fe der Zeit Be­sitz von uns ge­nom­men hat. Der Tod der Ma­rio­net­te ist, so kann man das in­ter­pre­tie­ren, die Ex­or­zie­rung des Bö­sen in uns. Ob da der Satz Die Ant­wort war falsch als Slo­gan der Aus­trei­bung aus­reicht?

Wor­um geht es? Schon früh das Be­kennt­nis, das Buch be­stehe letzt­lich nur aus ei­ner einzige[n] The­se, die des »ökonomische[n] Im­pe­ria­lis­mus«: Da­mit ist ge­meint, dass die Ge­dan­ken­mo­del­le der Öko­no­mie prak­tisch al­le an­de­ren So­zi­al­wis­sen­schaf­ten er­obert ha­ben und sie be­herr­schen. Den Keim für die­se Ent­wick­lung zum »Öko­no­mis­mus« (das ist mei­ne For­mu­lie­rung, die wo­mög­lich un­ge­nau ist, aber viel­leicht ge­ra­de in ih­rer Verein­fachung vor­über­ge­hen­de Hil­fe­stel­lung bie­tet) fin­det Schirr­ma­cher im Er­folg der Spiel­theorie, die, so die The­se, den Kal­ten Krieg so­zu­sa­gen ge­won­nen ha­be. Als das planwirt­schaftliche Sy­stem ob­so­let wur­de, ahn­te nie­mand, wel­che Aus­wir­kun­gen dies ha­ben wür­de. Die Phy­si­ker wech­sel­ten an die Wall Street und im­ple­men­tier­ten die Lo­gik des Kal­ten Krie­ges in die Ma­schi­nen, die dann ab den 1990er Jah­re im­mer mehr den Pri­vat­raum der Men­schen er­ober­ten.

Der neue Kal­te Krieg

Im Kal­ten Krieg galt das »Gleich­ge­wicht des Schreckens«. Wer den ato­ma­ren Erst­schlag aus­lö­ste, muss­te da­mit rech­nen, eben­falls ver­nich­tet zu wer­den. Zu­erst zu­schla­gen hieß, als Zwei­ter ver­nich­tet zu wer­den. Der Erst­schlag bot kei­nen Ge­winn­an­reiz. Die­ses Sze­na­rio muss­te im­mer wie­der neu an­ge­strebt und als Prä­mis­se eta­bliert blei­ben bzw. wer­den. Da­mit war klar: Kei­ner wür­de ris­kie­ren, die Welt un­ter­ge­hen zu las­sen, wenn er selbst da­bei drauf­gin­ge. Und das ist dar­aus nach 1990 ge­wor­den: Kei­ner wird ris­kie­ren, uns un­ter­ge­hen zu las­sen, wenn wir da­für ei­ne gan­ze Welt in den Ab­grund stür­zen, war 50 Jah­re spä­ter nach­weis­lich die Lo­gik der Too-big-to-fail-Stra­te­gen von Leh­man bis AIG.

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