Jan-Wer­ner Mül­ler: Was ist Po­pu­lis­mus?

An­mer­kung zur Le­se­run­de:

Die­se ein­lei­ten­den Aus­füh­run­gen sol­len die The­sen aus Jan-Wer­ner Mül­lers Buch »Was ist Po­pu­lis­mus?« vor­stel­len. Dies soll so neu­tral wie mög­lich ge­sche­hen; wo dies nicht der Fall sein soll­te und vor­ei­li­ges Ur­teil her­vor­schim­mert, bit­te ich um Nach­sicht.


Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?
Jan-Wer­ner Mül­ler:
Was ist Po­pu­lis­mus?

In­zwi­schen gibt es kaum noch ei­ne Nach­rich­ten­sen­dung, die oh­ne den Be­griff des »Po­pu­lis­mus« auf­kommt; meist in der Form als »Rechts­po­pu­lis­mus«, et­wa wenn es um die öster­rei­chi­sche FPÖ, den fran­zö­si­schen Front Na­tio­nal, die un­ga­ri­sche oder die pol­ni­sche Re­gie­rung geht. Aber was ist ei­gent­lich Po­pu­lis­mus? Wel­che Fol­gen hat er, könn­te er ha­ben? Jan-Wer­ner Mül­ler, Leh­rer für po­li­ti­sche Theo­rie und Ideen­ge­schich­te in Prin­ce­ton, möch­te mit sei­nem Buch »Was ist Po­pu­lis­mus?« ab­seits ta­ges­po­li­ti­sche Auf­geregtheiten ei­ne »kri­ti­sche Theo­rie des Po­pu­lis­mus« for­mu­lie­ren.

Be­reits auf den er­sten Sei­ten bi­lan­ziert er sei­ne The­se: Po­pu­lis­mus sei »der Ten­denz nach zwei­fels­oh­ne an­ti­de­mo­kra­tisch«. Po­pu­li­sten ge­fähr­de­ten die Grund­prin­zi­pi­en der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie. Po­pu­lis­mus sei »ei­ne ganz be­stimm­te Po­li­tik­vor­stel­lung, laut der ei­nem mo­ra­lisch rei­nen, ho­mo­ge­nen Volk stets un­mo­ra­li­sche, kor­rup­te und pa­ra­si­tä­re Eli­ten ge­gen­über­ste­hen«. Da­her en­ga­gier­ten sich Po­pu­li­sten für ple­bis­zi­tä­re Ele­men­te, aber, so die The­se, »Po­pu­li­sten in­ter­es­sie­ren sich gar nicht für die Par­ti­zi­pa­ti­on der Bür­ger an sich; ih­re Kri­tik gilt nicht dem Prin­zip der po­li­ti­schen Re­prä­sen­ta­ti­on als sol­chem … son­dern den am­tie­ren­den Re­prä­sen­tan­ten, wel­che die In­ter­es­sen des Vol­kes an­geb­lich gar nicht ver­tre­ten.«

Es gibt laut Mül­ler zwei es­sen­ti­el­le Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le für Po­pu­lis­mus, die in­ein­an­der grei­fen. Zum ei­nen ist er an­ti­plu­ra­li­stisch (nicht per se an­ti-in­sti­tu­tio­nell). Und zum an­de­ren nimmt er für sich und sei­ne po­li­ti­schen The­sen die al­lei­ni­ge mo­ra­li­sche Ver­tre­tung in An­spruch. Und so kommt es, dass, »wer sich ih­nen [den Po­pu­li­sten] ent­ge­gen­stellt und ih­ren mo­ra­li­schen Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch be­strei­tet«, »auto­matisch nicht zum wah­ren Volk« zu­ge­schla­gen und am En­de aus­ge­grenzt wer­de. Po­pu­li­sten sa­gen: »Wir – und nur wir – re­prä­sen­tie­ren das Volk«, und das nicht als em­pi­ri­sche, son­dern als mo­ra­li­sche Aus­sa­ge.

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An­drzej Sta­si­uk: Der Osten

Andrzej Stasiuk: Der Osten
An­drzej Sta­si­uk: Der Osten

»Der Osten«, das neue­ste Buch von An­drzej Sta­si­uk, be­ginnt da­mit, dass die Ein­rich­tung ei­nes al­ten »LPG«-La­dens Stück für Stück zum Ab­trans­port auf­ge­la­den wird. Da­bei ent­zün­den sich beim mit­hel­fen­den Ich-Er­zäh­ler Er­in­ne­run­gen aus den 1970er Jah­ren, als er als Kind vor ei­nem sol­chen La­den mit an­de­ren Men­schen auf Le­bens­mit­tel in ei­ner Schlan­ge war­te­te. Als das Fahr­zeug mit der Wa­re ein­traf, ver­nahm er den Ben­zin­ge­ruch, den er so­fort mit »Frei­heit, Ge­heim­nis und Ver­lan­gen«. Beim Weg­räu­men die­ser al­ten Mö­bel über­kommt ihm nun fast so et­was wie ei­ne Epi­pha­nie über die Din­ge, in de­nen Ge­schich­te und Ge­schich­ten ab­ge­spei­chert sind: »Das Le­ben war in sie [die Din­ge] ein­ge­drun­gen und er­starrt«. Im Ge­gen­stand be­fin­det sich so­zu­sa­gen Ge­schich­te aus mehr als hun­dert Jah­ren in­ku­biert: »Die Zeit der Lem­ken, der Kom­mu­nis­mus und jetzt wir, schwit­zend un­ter der Last«.

Man denkt an Hof­mannst­hals Ro­man »Brie­fe des Zu­rück­ge­kehr­ten«. Der Brief­ro­man spielt An­fang des 20. Jahr­hun­derts. Ein Kauf­mann kommt nach fast zwan­zig Jah­ren nach Deutsch­land zu­rück. Er er­kennt das in­zwi­schen mo­der­ni­sier­te und in­du­stria­li­sier­te Land nicht mehr wie­der. Ein mehr als nur dif­fu­ses Un­be­ha­gen er­greift ihn. Die Men­schen hat­ten sich ver­än­dert, sie wa­ren zu­se­hends ge­prägt »von dem Geld, das sie hat­ten, oder von dem Geld, das and­re hat­ten.« So­gar die Din­ge er­schie­nen ihm ver­wan­delt, durch in­du­stri­el­le Fer­ti­gung kon­tur­los und pro­fa­ni­siert (was man spä­ter »For­dis­mus« nen­nen wird). Be­vor mit Hus­s­erl und Heid­eg­ger die phi­lo­so­phi­sche Phä­no­me­no­lo­gie ent­stand und Ri­chard Sen­nett Be­trach­tun­gen zur fort­schrei­ten­den De­ge­ne­ra­ti­on des Hand­werks (oder, bes­ser, des Wer­kens mit der Hand) vor­nahm, deu­te­te Hof­manns­thal in die­sem Ro­man an, dass Ge­gen­stän­de ih­re Ent­ste­hung und da­mit auch ei­ne Epo­che spie­geln kön­nen. Und so er­geht es auch An­drzej Sta­si­uk, der von sol­chen Din­gen fas­zi­niert ist und sich auf die Rei­se macht und Men­schen trifft, die de­ren Ge­schich­ten er­zäh­len kön­nen.

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Ro­land Schim­mel­p­fen­nig: An ei­nem kla­ren, eis­kal­ten Ja­nu­ar­mor­gen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Ro­land Schim­mel­p­fen­nig:
An ei­nem kla­ren, eis­kal­ten Ja­nu­ar­mor­gen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts

Ein Wolf über­schrei­tet ei­nen ge­fro­re­nen Fluss. Drei Wo­chen spä­ter: To­masz fährt nach Ber­lin zu sei­ner Freun­din Agnieszka. Bei­de kom­men aus Po­len; er ar­bei­tet auf dem Bau, sie hat meh­re­re Jobs, als Putz­frau und Kin­der­mäd­chen, sechs Ta­ge in der Wo­che. Es schneit und es ist kalt und To­masz steht in ei­nem Stau, der meh­re­re Stun­den dau­ern soll. Er steigt aus und da sieht er den Wolf, macht ein Fo­to und das wird bald ganz Ber­lin elek­trisieren. Fast gleich­zei­tig ver­schwin­det ein Mäd­chen, das von sei­ner Mut­ter zu­wei­len ge­schla­gen wird. Sie ist abge­hauen mit dem Nach­bars­jun­gen. Der Bus­fah­rer be­merkt das Feh­len. Wäh­rend­des­sen ge­hen Mäd­chen und Jun­ge durch den Wald, fin­den ei­nen to­ten Jä­ger mit Ge­wehr. Der Va­ter des Jun­gen ist Al­ko­ho­li­ker, hat kürz­lich ei­nen Sui­zid ver­sucht und ist in der Psych­ia­trie. Die El­tern des Mäd­chens sind ge­schie­den; bei­de wa­ren oder sind Künst­ler (ge­we­sen). In wei­te­ren Rol­len: Char­ly und Jacky, ein Ehe­paar, das in Prenz­lau­er Berg ei­nen Ki­osk be­treibt und Dia­lo­ge führt wie in ei­ner RT­LII-Soap, ein Ex-Leh­rer, ei­ne Prak­ti­kan­tin, die über den Wolf für ei­ne Zei­tung et­was schrei­ben soll, ein Chi­le­ne, der Ru­mä­ne ist, ei­ne Frau, die ih­re so­eben ver­stor­be­ne Mut­ter noch ein­mal has­sen darf und da­her de­ren Ta­ge­bü­cher ver­brennt und ein al­tes Ehe­paar.

Es geht um all die­se Fi­gu­ren (und noch ein paar mehr) in Ro­land Schim­mel­p­fen­nigs »An ei­nem kla­ren, eis­kal­ten Ja­nu­ar­mor­gen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts«. Sie wer­den in ins­ge­samt 103, meist kur­zen sze­ni­schen Ein­spie­lern, ein paar Ta­ge im Fe­bru­ar 2003 in und um Ber­lin aus wech­seln­der Per­spek­ti­ve be­glei­tet. Kern des Bu­ches ist die Aus­reißergeschichte zwei­er Ju­gend­li­cher – des »Mäd­chens« und des »Jun­gen«. So wie die­se bei­den blei­ben vie­le an­de­re Fi­gu­ren in die­sem Buch na­men­los und wenn die Na­men dann doch – mehr oder we­ni­ger zu­fäl­lig – fal­len, wer­den sie nicht ver­wen­det. Da muss der Le­ser zwi­schen dem »Va­ter des Jun­gen«, »Va­ter des Mäd­chens«, »Mut­ter des Jun­gen« und »Mut­ter des Mäd­chens« un­ter­schei­den. Spä­ter kom­men un­ter an­de­ren noch ein Bru­der des Va­ters des Jun­gen und ei­ne Freun­din der Mut­ter des Mäd­chens hin­zu. Das klingt ver­wir­ren­der als es ist. Im Lau­fe des Bu­ches ent­steht dann ei­ne Rei­gen-Struk­tur. Es kommt zu kur­zen oder, sel­te­ner, län­ge­ren Be­geg­nun­gen der Fi­gu­ren mit­ein­an­der. Fast je­der be­kommt es ein­mal mit je­dem zu tun (so­gar das Ge­wehr macht die Run­de) und man könn­te si­cher­lich schö­ne Gra­phi­ken er­stel­len, wer wem wann be­geg­net – wenn es nicht so egal wä­re.

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Le­se­run­de trotz Fuß­ball-EM?

Vor zwei Jah­ren hat­te ich ver­sucht ei­ne Le­se­run­de zu eta­blie­ren. Ge­gen­stand war ein Fuß­­ball-Buch, denn schließ­lich stand die Welt­mei­ster­schaft an. Die Re­so­nanz fand ich vor al­lem qua­li­ta­tiv nicht so schlecht. Das Buch stell­te sich als zwie­späl­tig her­aus, was ich vor­her nicht wuss­te. Ich möch­te jetzt wie­der zur ei­ner Le­se­run­de auf­ru­fen. Dies­mal hat es al­ler­dings nichts ...

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Ro­nald Tho­den (Hrsg.): ARD & Co.

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co
Ro­nald Tho­den (Hrsg.): ARD & Co

»Wie Me­di­en ma­ni­pu­lie­ren« lau­tet der Un­ter­ti­tel des Sam­mel­ban­des »ARD & Co.« Her­aus­ge­ge­ben wur­de das Buch von Ro­nald Tho­den, V.i.S.d.P.-Redakteur des seit 2010 on­line ver­wai­sten Ma­ga­zins »Hin­ter­grund«, für das im Im­pres­sum ei­ne »Ver­lag Selb­rund GmbH« zeich­net. Wenn man nach dem Her­aus­ge­ber goo­gelt fin­det man ei­nen Be­richt über ein »Querdenker«-Forum 2003 zu den An­schlä­gen des 11. Sep­tem­ber 2001, or­ga­ni­siert von Tho­den. Dort wur­den teil­wei­se ab­sur­de Theo­rien zu den An­schlä­gen aus­ge­brei­tet. Im­mer­hin: Für das Buch »ARD & Co.«, im Selb­rund-Ver­lag er­schie­nen, konn­ten mit Ul­rich Til­g­ner, Kurt Grit­sch und Wal­ter von Ros­sum Au­toren ge­won­nen wer­den, de­ren Ur­tei­le ich durch­aus schät­ze (auch wenn ich ih­nen nicht im­mer zu­stim­me).

Lei­der ver­läuft die Lek­tü­re recht er­nüch­ternd, wenn man sich durch Ti­tel und Un­ter­ti­tel kon­di­tio­niert sub­stan­zi­el­le Me­di­en­kri­tik er­hofft. Die gibt es zwar auch – häu­fig zu Be­ginn der je­wei­li­gen Bei­trä­ge. Dann je­doch er­greift et­li­che Au­torin­nen und Au­toren zu oft das Bes­ser­wis­ser-Pa­thos, mit dem sie nicht nur die me­dia­len Er­schei­nun­gen be­leuch­ten und kri­ti­sie­ren, son­dern sich in fach­li­che Ge­gen­ar­gu­men­ta­tio­nen be­ge­ben.

So gei­ßelt Wolf­gang Bitt­ner in »Feind­bild Pu­tin« durch­aus be­rech­tigt die ein­sei­ti­ge Dä­mo­ni­sie­rung Pu­tins und Russ­lands in der Be­richt­erstat­tung um die Ukrai­ne-Kri­se von En­de 2013 bis heu­te. Aber er be­lässt es nicht da­bei, son­dern be­ginnt sei­ne ei­ge­nen Be­wer­tun­gen, sieht die Kri­se als In­sze­nie­rung der USA mit dem Hin­ter­grund ei­ner po­li­ti­schen De­sta­bi­li­sie­rung Russ­lands. Bitt­ner schreibt un­ter Be­ru­fung von Hen­ry Kis­sin­ger und sei­nem In­ter­view vom 2. Fe­bru­ar 2014 mit CNN, dass »der Re­gime Ch­an­ge in Kiew so­zu­sa­gen die Ge­ne­ral­pro­be für das sei, ‘was wir in Mos­kau tun möch­ten’ «. Als Quel­le wird der Link der »Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung« an­ge­ge­ben. Dort kann man al­ler­dings nach­le­sen, wie das Kis­sin­ger-Zi­tat von Bitt­ner sinn­ent­stel­lend ver­fälscht wur­de. Die Fra­ge des CNN-Re­por­ter lau­te­te: »Sie ken­nen Pu­tin gut. Sie ha­ben ihn häu­fi­ger ge­trof­fen als je­der an­de­re Ame­ri­ka­ner. Glau­ben Sie, dass er be­ob­ach­tet, was in der Ukrai­ne pas­siert, und denkt, der We­sten und die USA wür­den dies im Grun­de als Schritt zur Um­zin­ge­lung Russ­lands be­trei­ben?«. Kis­sin­gers Ant­wort: »Ich glau­be, dass er denkt, dass dies ei­ne Ge­ne­ral­pro­be ist, für das, was wir in Mos­kau tun möch­ten…« Kis­sin­ger hat al­so nicht ge­sagt, dass die USA ei­nen »Re­gime Ch­an­ge« in Russ­land plan­ten oder ihn ma­chen soll­ten, er hat le­dig­lich ei­ne Ver­mu­tung dar­über ge­äu­ßert, dass Pu­tin dies so emp­fin­den könn­te. Der Un­ter­schied ist frap­pie­rend.

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Haud­ruff

Ei­gent­lich hat Wolf­ram Schüt­te in sei­nem Text über den »jo­ko­sen Tot­schlag« Jan Böh­mer­manns schon al­les ge­sagt, was ich sa­gen woll­te. Sei­ne Stim­me wird aber viel­leicht ver­hal­len, weil die pu­bli­zi­sti­schen Ak­teu­re für Meinungs‑, Pre­s­­se- und Sa­ti­re­frei­heit die Cau­sa Böh­mer­mann wei­ter­hin als Op­fer­ge­schich­te er­zäh­len wol­len. Die Pa­na­­ma-Pa­­pers als Di­stink­ti­ons­ob­jekt ih­rer Exi­stenz­be­rech­ti­gung ge­nügt ih­nen nicht. Sie ka­pern sich ...

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Car­sten Gan­sel: Li­te­ra­tur im Dia­log

Carsten Gansel: Literatur im Dialog
Car­sten Gan­sel:
Li­te­ra­tur im Dia­log

38 Ge­sprä­che von Car­sten Gan­sel mit Schriftsteller­innen und Schrift­stel­lern zwi­schen 1989 und 2014 sind im von Nor­man Ächt­ler im Ver­bre­cher-Ver­lag her­aus­ge­brach­ten Band »Li­te­ra­tur im Dia­log« chro­no­lo­gisch ab­ge­druckt. Gan­sel, 1955 in Gü­strow ge­bo­ren und mit de­zi­diert ost­deut­scher Akademiker­vita, ist seit 1995 Pro­fes­sor für Neue­re Deut­sche Li­te­ra­tur und Ger­ma­ni­sti­sche Li­te­ra­tur- und Me­di­en­di­dak­tik an der Ju­stus-Lie­big-Uni­ver­si­tät Gie­ßen. Die mei­sten Ge­sprä­che aus dem Band wur­den in der DDR- Wo­chen­zeit­schrift »Sonn­tag« bzw. spä­ter in »Der Deutsch­un­ter­richt« ver­öf­fent­licht; ei­ni­ge sind al­ler­dings erst­ma­lig pu­bli­ziert. Das 39. Ge­spräch ist bi­lan­zie­rend und fin­det zwi­schen Car­sten Gan­sel und Nor­man Ächt­ler, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Gie­ße­ner In­sti­tut für Ger­ma­ni­stik, statt.

In der in­ter­es­san­ten Ein­lei­tung Ächt­lers, die ei­ni­ge grund­sätz­li­che Fra­gen be­han­delt, et­wa ob es sich um In­ter­views oder Ge­sprä­che han­delt und wie es um die Selbst­in­sze­nie­run­gen der Be­frag­ten be­stellt sein mag, wer­den die »drei Ge­ne­ra­tio­nen« vor­ge­stellt, die Gan­sel in und mit sei­nen In­ter­views zu DDR und Li­te­ra­tur be­frag­te: Die Grün­dungs­ge­nera­ti­on nach 1945, die »Hein­ein­ge­bo­re­nen« (ein Wort von Uwe Kol­be) und die heu­te um die 40jähr­igen, »Hin­ein­ge­schrie­be­nen«. Es kom­men so un­ter­schied­li­che Au­toren wie Ste­fan Heym, Her­mann Kant, Chri­stoph Hein, Chri­sta Wolf, Erich Loest, Ul­rich Plenz­dorf aber auch »west­deut­sche« Stim­men wie Pe­ter Kurz­eck, Nor­bert Gst­rein, Pe­ter Härt­ling, Gün­ter Grass oder Ale­xa Hen­nig von Lan­ge zum Span­nungs­feld von Er­in­ne­rung und Li­te­ra­tur und Po­li­tik und Pu­bli­zi­tät (vor al­lem aber nicht nur im Hin­blick auf die »ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaft« der DDR) be­fragt.

Es gibt meh­re­re Grün­de, war­um man die­ses Buch nicht mehr so schnell aus der Hand le­gen mag. So wir­ken Gan­sels Sach- und Fach­kennt­nis­se der je­wei­li­gen Pu­bli­ka­tio­nen der be­frag­ten Au­toren auf ei­ne be­rücken­de Wei­se alt­mo­disch. Man ist es vom dröh­nen­den Feuil­le­ton-Ge­schwa­fel ein­fach nicht mehr ge­wohnt, dass da je­mand tat­säch­lich die Bü­cher ge­le­sen hat und kun­dig (Lektüre-)Eindrücke zu for­mu­lie­ren und ein­zu­brin­gen weiß.

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Greg Gran­din: Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten
Greg Gran­din:
Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten

Man muss Greg Gran­dins »Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten« wirk­lich bis zum Schluss, d. h. in­klu­si­ve der Dank­sa­gung am En­de des Bu­ches le­sen. Denn hier fin­den sich nicht nur die üb­li­chen Wor­te an Hel­fer, Lek­to­ren, Freun­de oder Fa­mi­lie son­dern auch der Dank an den 2011 ver­storbenen Chri­sto­pher Hit­chens. Zu­gleich eman­zi­piert sich Gran­din von Hit­chens Vor­ge­hens­wei­se in des­sen An­kla­ge­schrift »Die Ak­te Kis­sin­ger« aus dem Jahr 2001. Hit­chens »selbst­ge­rech­te Em­pö­rung« ha­be ver­hin­dert, die »Wir­kungs­macht sei­ner [Kis­sin­gers] Ideen…zu er­klä­ren«. Er sei der­art auf sein Stu­di­en­ob­jekt fi­xiert ge­we­sen, dass die »äu­ße­ren Be­din­gun­gen sei­nes [Kis­sin­gers] po­li­ti­schen Han­delns un­re­flek­tiert« ge­blie­ben wä­ren. Da­durch sei ihm »We­sent­li­ches ent­gan­gen«.

Gran­dins Kri­tik ist des­halb so be­mer­kens­wert, weil man sie eben­so auf sein Buch an­wen­den kann. Ob­wohl er mehr­fach ei­ner Dä­mo­ni­sie­rung Kis­sin­gers das Wort re­det, pas­siert ge­nau dies. So, als wür­den die Fak­ten nicht aus­rei­chen, flüch­tet er sich in zu­wei­len aben­teu­er­li­che Kau­sa­li­tä­ten und, was noch schlim­mer ist, in Ver­mu­tun­gen. So wird be­rich­tet, dass Kis­sin­ger den Krieg zwi­schen dem Irak und den Iran (»Er­ster Golf­krieg« von 1980 bis 1988) be­für­wor­tet, sei­ner­zeit »die Ira­ker als ein Ge­gen­ge­wicht ge­gen den re­vo­lu­tio­nä­ren Iran« ge­se­hen und Un­ter­stüt­zung für Sad­dam Hus­sein vor­ge­schla­gen ha­be. So weit, so gut. Als rei­che dies nicht aus, bringt Gran­din noch ei­nen ver­meint­li­chen Aus­spruch Kis­sin­gers: »Scha­de, dass sie [Irak und Iran] nicht bei­de ver­lie­ren kön­nen«. Das Pro­blem ist al­ler­dings, dass es Kis­sin­ger ge­sagt ha­ben soll, was zwar so­wohl im Text als auch in ei­ner Fuß­no­te am En­de der Sei­te klar­ge­stellt wird: »Die­ses Zi­tat ist nicht zwei­fels­frei be­legt«. Aber war­um er­scheint es dann über­haupt im Buch? Gran­din be­nennt mit Ray­mond Tan­ter, ei­nem ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter des Na­tio­na­len Si­cher­heits­rats der USA, noch ei­nen Kron­zeu­gen, der ge­sagt ha­ben soll, dass Kis­sin­ger im Ok­to­ber 1980, al­so rund vier Wo­chen nach Be­ginn des Krie­ges, dass die »Fort­set­zung der Kämp­fe zwi­schen Iran und Irak im In­ter­es­se Ame­ri­kas sei«. Ei­ne Quel­le für die­ses Zi­tat fehlt dann al­ler­dings.

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