Die Berichterstattung um den Ausgang der Reichstagswahlen in Schweden zeigt sehr gut, warum der Journalismus in Deutschland derzeit keinen guten Ruf hat. Bereits vor Schließung der Wahllokale wußte der Korrespondent der tagesschau, dass es ohne die rechten, sogenannten »Schwedendemokraten« (SD) keine Regierung geben wird. Dabei geht der Korrespondent davon aus, dass die bisherigen Blockbildungen der ...
Über zwei Bücher von mir nicht ganz Unbekannten.
Andreas H. Drescher und Marc Degens kenne ich eigentlich nicht. Wenn man »kennen« in den Kriterien des »real life« definiert. Wir haben uns noch nie gesehen. Wir korrespondieren zuweilen bzw. haben korrespondiert. Die Bekanntschaft ist viral und sehr sporadisch. Andreas H. Drescher schickte mir vor vielen Jahren ein Manuskript, dass ich ziemlich gut fand. Seine zweite Version hatte ich dann irgendwie nicht mehr gelesen, da ich selber an einem Buchprojekt arbeitete. Da war die Möglichkeit mein Handke-Jugoslawien-Buch im SuKuLTuR-Verlag von Marc Degens zu publizieren, schon verwirkt (meine Schuld).
Die beiden Bücher habe ich also mit einer gewissen Anfangssympathie gelesen. Das sollte man wissen, wenn man meine Bemerkungen liest.
Seit einigen Wochen erscheint er regelmäßig im Traum und plötzlich steht er dann schweigend in der Wohnung: Karl Dijk. Jener ehemalige Arbeitskollege des namenlosen Ich-Erzählers in Hans Maarten van den Brinks »Ein Leben nach Maß«. Es ist irgendwann um 2009, der Erzähler ist Mitte 60. Er ist pensioniert, ein ehemaliger Mitarbeiter der Eichbehörde. Natürlich ist das eine Halluzination, ein Fiebertraum, der immer wieder Fragmente des Lebens hervorspült. Und besonders eben jene Zusammenarbeit mit Karl Dijk, der Eigenbrötler, der hartnäckig Abwesende, der selbst seiner Abschiedsfeier fernblieb, was die umtriebige Direktorin nicht davon abhielt, die vom Erzähler verfasste Rede vorzutragen.
Es beginnt am 2. Januar 1961 als der Erzähler 18jährig seinen Dienst beim Eichamt beginnt und dort den wenig älteren Karl Dijk trifft. Es ist der Tag des ersten und letzten Händedrucks; so eng die Zusammenarbeit auch teilweise war, es wird nie derart intim. Noch existent sind Tradition und Ethos einer Behörde, die die Waagen der Lebensmittelhändler, Marktleute, Fleischer, Drogisten und Apotheker kontrolliert – sei es, dass man ihnen diese bringt oder sie im Außendienst besucht. Sie sind wenig beliebt, zuweilen werden sie sogar bedroht. Der Prüfer als Feind und man beginnt an Josef Roths »Das falsche Gewicht« zu denken. Und es ist die Zeit, in der die »permanente Veränderung…noch nicht erfunden« war.
Aber nachträglich sieht man sie natürlich. Aus den Dörfern wurden Vororte, aus Wiesen Gewerbegebiete und aus der Behörde ein privates Dienstleistungsunternehmen. Die Straßen sind voller Autos, aber längst ohne die Fahrzeuge der mobilen Bäcker, Fleischer und Lebensmittelhändler. Das alles wird leicht, lakonisch, aber niemals verklärend erzählt. Kein »Früher war alles besser«, denn schließlich stanken die Grachten erbärmlich nach Müll, Unrat und »Entengrütze«. Und die Kunden wurden beschummelt.
Jetzt hat er sich also doch gemeldet. In drei kurz hintereinander geschalteten Texten – auf Englisch und auf eigenem Briefpapier. Wer auch immer die Texte verfasst hat – die Dramaturgie spricht für ein sorgsam konstruiertes Vorgehen. Zunächst pocht Mesut Özil auf seine türkischen Wurzeln und begründet damit den Fototermin mit Erdoğan. Er negiert dabei die ...
Vom Idioten (idiotes) über den Höhlenbewohner zum »Fortführer« – der Reigen der reflexiv-aphoristischen, bisweilen zeit- und kulturkritischen Notate von Botho Strauß, die fast ein eigenes Genre kreieren, geht weiter. Bezeichnenderweise sind diese drei Bücher in drei verschiedenen Verlagen publiziert worden; einzig »Oniritti«, das kryptischste der drei, ist in Strauß’ Hausverlag Hanser erschienen.
Schon das Cover vom »Fortführer« verweigert sich in seiner Naturleinen-Optik jeglichen Designattitüden. Wüsste man es nicht besser, könnte es sich auch um ein Buch aus den 1950er Jahren handeln. Nicht nur an dieser Kleinigkeit ist spürbar, wie der Autor mit den fast schon reflexhaft daherkommenden Zuschreibungen des Literaturbetriebs spielt. Dabei wird die selbstreflexive Nachdenklichkeit, die hinter den zuweilen trotzigen Einlassungen steckt, geflissentlich übersehen. »Ich habe nie mitten im Leben gestanden«, stellt Strauß an einer Stelle fest. Er lebe »als Trouvaille…von Trouvaillen« heißt es anderenorts. Sich selbst verortet der Dichter also weit draußen, jenseits von Kumpelhaftigkeit und Trendsetting.
Eigentlich handelt es sich bei Strauß’ neuestem Buch um zwei Bücher. In »Zwischen Jetzt und Nu« werden in vierzehn Kapiteln in der Form von Prosagedichten »bitterste Fünkchen« (Strauß) gezündet, die zum Teil ähnlich mystisch-surreal klingen wie in »Oniritti«. Strauß zeigt sich diesmal vor allem als ein »Gefangener seines Zungenschlags«, plädiert voller Leidenschaft für eine Sprache, die »glüht wie feuriges Eisen kurz vor der Schmelze«, macht es sich absichtsvoll ungemütlich in einer »Hütte aus Altsprache« und erzählt eine Menge skurriler Dinge, wie etwa eine Person, die ihr Leben lang die Kerne der Kirschen aufgehoben hat, die sie gegessen hatte. Er seziert einen Blumenstrauß, entdeckt an einem Sandstrand einhundert Jahre alte Mulden von Frauen, feiert das »Wunder der Erschöpfung«, differenziert zwischen Nichstuer und Faulenzer, entdeckt die »Gottverlassenheit des Diskutierens«, macht Kinder zu »Erfahrungsuralten«, die »erst zu kleinen Erwachsenen [werden], wenn sie an der Erfahrungsarmut der Erwachsenen teilnehmen und teilnehmen müssen« und entwickelt eine Dystopie über eine Handy-App, die bei Personen auf Wunsch »ausgesuchte Erinnerungszonen mit Dunkelstoffen ‘beschießt’, also schwärzt«.
Nach dem gestrigen Elfmeterdrama zwischen Dänemark und Kroatien, kurz vor 23.00 Uhr, beendete das ZDF hastig seine Sportübertragung (immerhin blieben einem lächerliche Interviews mit Spielern und ebenso überflüssige Analysen erspart) und schaltete ein »heute journal spezial« auf. Hartnäckig kamen Gerüchte auf, Horst Seehofer habe seine Ämter (Innenminister und CSU-Vorsitzender) zur Verfügung gestellt und sei zurückgetreten. ...
»Porträt eines Provokateurs« nennt der Verlag (?) Julia Enckes Buch »Wer ist Michel Houellebecq«. Und fast hätte es dazu geführt, dass ich es nicht gelesen hätte, denn »Provokateur« oder dann die im Inhaltsverzeichnis kapitelmässigen Überschriften wie »Der Schriftsteller«, »Der Romantiker« oder gar »Der Visionär« lassen das Schlimmste befürchten. Derart konditioniert bin ich dann doch ans Lesewerk gegangen. Und am Ende aufatmend: Nein, dieses Buch ist kein feuilletonistischer Schmock, keine mit Aufdeckerpose verfasste, sensationsheischende Pseudodeutungsmaschinerie. Julia Encke gelingt – so viel sei vorweg genommen – ein dezidiertes Bild über Leben und Werk eines der am meisten zitierten zeitgenössischen europäischen Schriftstellers.
Schon im Vorwort zeigt die Verfasserin wie Houellebecq in der Öffentlichkeit »planmässig die Grenzen von Figuren- und Autorenrede« verwischt und vorgibt »die daraus resultierende allgemeine Aufregung nicht zu verstehen«. Dabei werden die medialen Aufgeregtheiten, die meist aufgrund von Äußerungen in Interviews und Gesprächen hochkochen, von ihm nicht nur in kauf genommen, sondern regelrecht gepflegt. »Was er [Houellebecq] in Abrede stellt, ist eine Übereinkunft: nämlich die, dass Literatur und öffentliche Rede zwei unterschiedliche Orte des Sprechens sind, mit denen sich auch unterschiedliche Regeln des Sprechens verbinden«. Der Nachteil dieses Verfahrens ist die Verschmelzung von Werk bzw. den Hauptprotagonisten in seinen Werken (die sehr häufig den Vornamen »Michel« tragen) mit der realen Person Houllebecq. Literaturwissenschaftlich ist dies mindestens in Deutschland fast ein Sakrileg, aber Houellebecq schert sich, wie Encke deutlich macht, um solche Befindlichkeiten nicht. Der Preis dafür ist gewollt: Missverständnisse, Vereinnahmungen, voreilige Rückschlüsse von realer Person auf Protagonisten und vice versa. Aber eben auch Aufmerksamkeit.
Deutlich wird Encke wenn es um die allzu einfache Verknüpfung zwischen Fiktion und Autobiographischem geht: »Die Bezüge sind da, und natürlich schöpft er schreibend aus dem Vollen. Bloß präsentiert er…dabei zum einen immer nur eine Wahrheit, nämlich seine eigene. Zum anderen wählt er aus, verfremdet, übertreibt. Er fiktionalisiert; und erzeugt damit jenen Bedeutungsspielraum, mit dem er Gewissheiten – und das heißt auch: biographische Gewissheiten – erschüttern will und den Zweifel nährt. Das Spiel mit wiedererkennbaren Details, die auf das Leben oder die Person des Autors verweisen, gehört somit zu seinen literarischen Verfahren.«
Michael Angele: Schirrmacher – Ein Portrait
Zu Beginn seines als »Portrait« ausgewiesenen Buches berichtet Michael Angele, dass er nur zwei E‑Mails von Frank Schirrmacher erhalten hatte. Beide habe er gelöscht. Den Vorwurf der Nähe zu seinem portraitierten Subjekt kann man ihm also schwerlich machen. Im weiteren Verlauf des Buches wird diese Annahme bestätigt. Ich hingegen habe nur zwei Tweets von Schirrmacher erhalten. Einer als Reaktion auf diesen Text dessen Link ich ihm geschickt hatte. Er zeigt an, dass Thilo Sarrazin in seinem eurokritischen Buch zu einem großen Teil aus FAS und FAZ zitiert. Er fand das »sehr interessant« (mehr nicht). Von »Nähe« also auch bei mir keine Spur.
Es drohen zwei Szenarien mit einem Buch, dass sich »Schirrmacher« nennt: Zum einen könnte es eine Hagiographie werden. Oder jemand möchte Schirrmacher demontieren, dem arglosen Leser dunkle Seiten des Medienmenschen und Feuilletonisten enthüllen. Nach der Rezension in der SZ schien es sich um Letzteres zu handeln. Wobei Andrian Kreye wohl ein anderes Buch gelesen haben muss, denn um eine »Biografie« handelt es sich bei Angele nun wirklich nicht. Und ob Schirrmacher wirklich ein »brillanter Denker« war? Zweifel sind da erlaubt.
Aber was macht Angele? Er befragt Weggefährten, Kollegen, Mitleidende, Geschasste, Freunde, Kumpel. Am Ende, in einem sehr lesenswerten Epilog, auch noch Schirrmachers Mutter. Viele der Zeugen wollten anonym bleiben, was Angele akzeptiert aber nicht davon abhält, sie zu zitieren. Die Endnoten, die er setzt, geben das Datum des Gesprächs oder der Nachricht an, nicht deren Urheber. Angele lässt zuweilen auch divergierende Aussagen zu, was nur oberflächlich betrachtet beliebig genannt werden kann. Er weiss natürlich wie unzuverlässig Zeugen sind. Aber er zeigt damit, wie Schirrmacher längst in der Branche zum Mythos geworden ist. Da wird dann sogar der Vogelschiss »auf die Schulter des Herausgebers« bei einem Ausflug zum Niederwalddenkmal zum berichtens- und deutungswürdigen Detail.