Mesut Özil

Jetzt hat er sich also doch gemeldet. In drei kurz hintereinander geschalteten Texten – auf Englisch und auf eigenem Briefpapier. Wer auch immer die Texte verfasst hat – die Dramaturgie spricht für ein sorgsam konstruiertes Vorgehen. Zunächst pocht Mesut Özil auf seine türkischen Wurzeln und begründet damit den Fototermin mit Erdoğan. Er negiert dabei die politische Bedeutung dieses Shootings, was man nicht mehr unter Naivität, sondern drastisch gesagt unter Dummheit verbuchen muss.

Aber jeder hat das Recht, Dummheiten zu begehen. Und Özil hatte sich ja schon mehrmals mit Erdoğan getroffen – eben auch zu Zeitpunkten, als dieser bei den deutschen Medien noch nicht der Buhmann war (trotz seiner Veranstaltungen in Deutschland in denen er Assimilation als Verbrechen bezeichnete). Zweifellos hat Erdoğan in den letzten Jahren eine Wandlung vollzogen. Zu seinem immer schon radikalen islamischen Konservatismus ist eine für uns unerträgliche autokratische, antidemokratisch-nationalistische Attitüde hinzugekommen. Es müsste selbst für Fußballspieler unmöglich sein, dies nicht mitbekommen zu haben.

Özil schreibt nun: »Für mich ist es nicht von Bedeutung gewesen, wer Präsident war, es war von Bedeutung, dass es der Präsident war.«1 Er vergleicht sich mit der britischen Königin und der Premierministerin, die ebenfalls Erdoğan empfangen hätten. Gleichzeitig betont er, dass er mit Erdoğan bei seinen Begegnungen meist über dessen Jugend als Fußballspieler gesprochen habe. Özil legt Wert darauf, dass Person (der ehemalige Fußballspieler Erdoğan) von Amt (der Präsident Erdoğan) zu trennen ist. Wenn es jedoch stimmt, dass es von Bedeutung für ihn war, DEN Präsidenten zu treffen, dann muss das Treffen eben auch eine politische Komponente jenseits des Plauderns über vergangene Jugendzeiten haben.

Im dritten Teil seiner Ausführungen attackiert Özil vehement den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Man hatte zeitweise das Gefühl, die Mannschaft habe wegen Özils (und Gündoğans) Fotosession versagt. Unverständlich und fast schäbig warum Grindel Özil aufgefordert hatte, sich zu den Erdoğan-Bildern zu äußern. Jeder hat das Recht, über seine Motivationen hierzu zu schweigen. Grindel wollte wohl den Kotau. Und so etwas wie ein Bekenntnis zu den »Werten« des DFB (die man nicht einmal mit der Kneifzange in der Hand rezitieren möchte). Ernsthaft kann man beim DFB nicht glauben, dass die taktischen und strategischen Fehler von Löw und seinem Trainerstab aufgrund der Erdoğan-Bilder gemacht wurden. Grindel ist ein Apparatschik, der Worthülsen möchte um eine gewisse Klientel zu befriedigen. Ihm reichte Gündoğans lauwarmes Statement, obwohl dieser Erdoğan auf einer Widmung auf dem Trikot als »seinen« Präsidenten bezeichnet hatte – etwas, was Özil nicht gemacht hat.

Özil hat sich dem Einknicken verweigert. Wie der Journalist Frank Lübberding twitterte, zeigt er damit »Haltung« – das, was so dringend von allen und jeden gefordert wird. Die Haltung passt einem nun oder nicht. Sie ist zu akzeptieren. Und derjenige, der sie einnimmt, hat die Verantwortung zu tragen.

Özil wechselt in die Offensive. Fast hat man das Gefühl, Grindel habe sich mit einem Diktator ablichten lassen. Von der Missachtung seiner türkischen Wurzeln ist die Rede. Die Rassismuskarte wird gespielt. Özil erinnert an eine Äußerung des einstigen Abgeordneten Grindel im Bundestag aus dem Jahr 2004, in der dieser »Multikulti« als »Mythos« (Özil zitiert hier ungenau) und Lebenslüge bezeichnet hatte. Hier erkennt Özil plötzlich politische Dimensionen – die er bei seinem Treffen mit Erdoğan nicht sehen will.

Die Diskussion um Özils Rundumschlag könnte zeigen, dass die Aufladung des Fußballs als sozialpolitisch gelungenes Integrationsexperiment eine Überinstrumentalisierung war und ist. Und wenn von der Vorbildfunktion des Fußballspielers die Rede ist, der die demokratischen Werte zu vertreten habe, so ist das moralinsaures Gequatsche. Fußballspieler möchten Fußball spielen. Hierfür gibt es Regeln, die sie auf dem Platz einzuhalten haben. Wo sie herkommen, wo sie ihre Wurzeln haben, wen sie in ihrer Freizeit treffen und mit welchen Leuten sie Umgang haben, ist unerheblich. Es soll die Leistung zählen. Es geht um Fußball, nicht um Sitte und Moral. Erst wenn man den Kickern einen Moralkodex und/oder ihre Herkunft überstülpt, sie für Vertretungsobjekte der ein oder anderen Weltanschauung macht, kommen die Probleme. Solange die Ergebnisse stimmen, ist auch das noch in Ordnung. Und auch wenn jetzt erneut die Multikulti-Truppe aus Frankreich gefeiert wird (das wurde eine andere Truppe schon 1998) – mit ein, zwei anderen Schiedsrichterentscheidungen hätte man die nationalistisch-homogenen Kroaten als Weltmeister. Und dann?

So wie Özil bei der Bewertung von Erdoğan zwischen Präsident und Person unterscheiden möchte (und je nach Lage mal dem einen, mal dem anderen seine Aufwartung macht), so müsste man den Fußballspieler Özil und den Deutschen Özil mit türkischen Wurzeln trennen. Aber auch dies macht Özil nicht. Er beklagt, nicht hinreichend als Deutscher wahrgenommen zu werden – und geht dann zu Erdoğan. Er beklagt, als »Deutsch-Türke« wahrgenommen zu werden, erklärt aber vorher genau dies. Und man fragt sich, was an einer solchen Einschätzung eigentlich schlimm sein soll.

Fußballerisch galt Özil früh als großes Talent. Er wechselte schließlich von Werder Bremen (hier hätte er sportlich keine Perspektive gehabt) zu Real Madrid und konnte sich dort behaupten – bis man angeblich bessere Spieler für seine Position einkaufte. Ein Schicksal, dass die Fußballsöldner inzwischen hinzunehmen haben. Danach ging er nach Arsenal London und begeisterte die Fans. Und Özil passte perfekt in das Konzept vom Kurzpass-Kombinationsfußball von Bundestrainer Joachim Löw. Hierin erklärt sich auch Löws Nibelungentreue zu Özil, der oft genug Phasen in Spielen hatte, in denen er regelrecht »abgetaucht« war. Dann jedoch kreierte er mit zwei, drei wunderbaren Zuspielen Offensivgefahr, wobei nicht immer seine Pässe von den Mitspielern antizipiert wurden. Özil war an mehreren wichtigen Toren beteiligt bzw. hat sie geschossen.

Kurz vor der gerade zu Ende gegangenen WM war er allerdings verletzt (Rückenprobleme). Beim ersten Europa-League-Halbfinale von Arsenal London gegen Atletico Madrid fehlte er. Kurz darauf der Eklat mit den Bildern. Der DFB und vor allem Löw/Bierhoff standen nun vor einem Dilemma. Hastig gab es einen Pressetermin Özil/Gündoğan mit Bundespräsident Steinmeier. Die Diskussion wurde damit aber nicht entschärft. Es gab Pfiffe. Das tat weh. Und war ungerecht. Man pfeift als Fan keine Nationalspieler aus.

Es wäre durchaus möglich gewesen, Özil und Gündoğan aus sportlichen Motiven nicht in den Kader zu berufen. Nach den Erdoğan-Bildern war die Entscheidung jedoch paradoxerweise schwieriger: Kaum jemand hätte die »sportlichen Gründe« geglaubt. Ähnlich wie jetzt wäre der Rassismus-Vorwurf noch während des Turniers aufgekommen.

Löw entschloss sich, die beiden mitzunehmen; andere Spieler wie Leroy Sané mussten zu Hause bleiben. Vermutlich hätte er Özil sowieso in den Kader berufen; bei Gündoğan, der wenig Spielpraxis hatte, weiß man es nicht. Um die Causa nicht noch stärker zu politisieren, lag die Verpflichtung der beiden nah. Da das Leistungsprinzip von Löw schon bei Manuel Neuer außer kraft gesetzt wurde, spielte es bei seinem Lieblingsspieler Mesut Özil auch keine Rolle mehr.

Wer die Mannschaft in den drei Vorrundenspielen sah, sah vor allem eine vollkommene Desorientierung. Löw gab sich nach dem Mexiko-Spiel uneinsichtig, was die falsche Taktik anging. Einen »Plan B« hatte er nicht und hatte auch dessen Notwendigkeit nicht eingesehen. Ausbaden mußten dies Özil und Khedira, die im Spiel gegen Schweden auf der Bank saßen. Sie hatten ähnlich schlecht gespielt wie der Rest, aber das Mittelfeld sollte neue Impulse bekommen. Geglückt ist dies nur in der 2. Halbzeit. Warum dann gegen Südkorea Özil und Khedira wieder aufliefen (diesmal blieb der ebenfalls formschwache Thomas Müller zunächst auf der Bank), wusste niemand so recht zu sagen.

Das Versagen des DFB ist mit Händen zu greifen. Es ist wirklich amateurhaft, Löw und Bierhoff vor Ablieferung einer Leistung den Vertrag zu verlängern. Nach dem Ausscheiden überließ man die Entscheidung über die Fortsetzung seines Amtes beim Amtsträger Löw selber. Auch dies ist nur mit extremer Unprofessionalität oder Furcht vor Zahlung einer zu hohen Abfindungssumme zu erklären. In einem seriösen Unternehmen würden Figuren wie Grindel mit diesem Fehlentscheidungsindex maximal noch als Pförtner beschäftigt werden.

Und jetzt kriechen sie alle aus ihren Redaktionsstuben: Die Migrantenversteher, die es schon immer gewusst haben, dass man in Deutschland nichts werden kann (als sei Özil mit dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft verarmt), die moralisierenden Paternalisten wie Cem Özdemir, die erklären, dass sich ein deutscher Fußballnational­spieler mit anderen Präsidenten treffen sollten, die Panikmacherinnen und Panikmacher, die die Integration gescheitert sehen und zwar nicht, weil da jemand einem Potentaten seinen Respekt zollt, die Es-immer-schon-gewusst-Haber, denen nicht zu helfen sein wird.

Özil hat es geschafft für die grässlichen rassistischen Äußerungen, die ihm in Mails oder sonstwo begegnet sind, den DFB und am Ende die Gesellschaft als Verantwortliche auszumachen. Das ist gelinde gesagt ein absurder Vorgang – bei allen Verfehlungen Grindels und anderer Personen. Özil hat einen Opfermythos begründet, der von eigenen Versäumnissen ablenken soll. Bei einigen Medien zündet dies – fast erwartungsgemäß. Von nun an beginnt Betroffenheit das Argument zu ersetzen.

Dabei spielt Özil denen in die Hände, die er zu Recht verachtet: den nationalistischen Kräften – auf beiden Seiten. Das Signal, welches er an die zahlreichen jugendlichen Migranten sendet, ist fatal und erzeugt das, was er eigentlich in seiner (ehemaligen?) Eigenschaft als »Integrationsmaskottchen« (Philipp Köster) verhindern sollte. Nein, Sensibilität ist nicht Özils Sache. Und seine Berater? Naja.

Immerhin: Wer genau liest stellt fest, dass der Rücktritt nicht auf ewig sein muss (»…whilst I have this feeling…«).


  1. Die Übersetzungen werden von tagesschau.de übernommen. 

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5 Kommentare zu »Mesut Özil«:

  1. Dauersauer sagt:

    Ein Sommerloch wird mit Mesut Özil gefüllt. Immer noch besser als Ufo Sichtungen.
    Bis jetzt war das alles in meiner Wahrnehmung, ablenkendes Theater von wichtigeren Themen.
    Da die Süddeutsche Zeitung nun auch ihren Leitartikel damit eröffnet, muß es anscheinend ein Thema von herausragender Bedeutung sein.
    Werden doch so wichtige, Chronisten wie Ulli Hoeneß zitiert.
    Natürlich in anwanzender Form, man redet Klartext und ist bei den Patrioten.
    Eigentlich ließt sich das alles, als ob der Redakteur Hundekot in dem Artikel verteilt, und man nicht permanent hinein treten möchte, aber was will man machen, wenn man mitreden will.
    Unter sportlichen Gesichtspunkten begrüße ich eher den Rücktritt, da ich auch einer von 80 Mil. Bundestrainern bin.
    Als politisches Statement, sehe ich das nicht, weder von Özil noch von seinen Beratern.
    Es ist eine Meinung, die ich nachvollziehen kann.
    Was mir allerdings gewaltig auf den Keks geht, ist der Umgang in der Öffentlichkeit.
    Hier zeigt sich die ganze bräsige spießige Intoleranz, die den Deutschen nachgesagt wird.
    Aber da habe ich auch nur meine Meinung von 80 Mil.

    #1

  2. Naja, bedingt durch den Rassismus-Vorwurf wird es mehr als ein Sommerloch-Thema sein. Man wird sich darauf stürzen, es wird Texte ohne Ende geben (die meisten davon – wie vermutlich auch meiner – überflüssig). Derweil zählt Özil sein Geld.

    #2

  3. Dauersauer sagt:

    Nun läuft ja alles unter Rassismus, aber eine eigene Rasse bilden die Türken ja nicht.
    Es mag eine andere Kultur sein, obwohl ich auch die nicht sehe. Eher sehe ich bei uns eine eingerissene Unkultur.
    Was kann so verkehrt sein, wenn man seine Eltern nicht in die Pfanne haut.
    Und natürlich hat Ozil recht, mit seinem Hinweis auf Putin und Matthäus.
    Nur was soll das ganze, Nur weil Erdogan einen uns nicht so vertrauten Regierungsstiel Pflegt, darf Herr Böhmermann ihn als Nicht Ziegenficker bezeichnen.
    Da hat doch jeder türkische Mitbürger doch bitteschön das als witzige Äußerung zu werten.
    Permanent wird eine Bevölkerungsgruppe kollektiv an den Pranger gestellt, ohne dass dieses in irgend einer Form thematisiert wird.
    Der Muslime steht unter Generalverdacht.
    Es ist doch eher nicht integrationsfördernd, wenn von einer Bevölkerungsgruppe ein ständiges Bekenntnis abgelegt werden muß, „Ich komme aus einem Unrechtsstaat.“
    Das Thema schleppen wir doch in ähnlicher Form seit 30 Jahren mit den neuen Bundesländern herum. Nun haben die einen Buhmann, der ja zum Glück noch viel schlimmer ist.
    Lese ich darüber in den „Qualitätsmedien“ etwas?
    Wir baden in einer Selbstgefälligkeit, und vergessen, dass es in Deutschland ab dem 67 Lebensjahr richtig den Berg runter geht. Demnächst wollen die Türken sich auch noch billig an den Tafeln bedienen. Das alles schwingt doch im Unterton mit.
    Hauptsache der »Scheiß« Özil ist weg.

    #3

  4. Naja, ich sehe schon kulturelle Unterschiede. Und warum auch nicht? Sie können belebend sein. Wenn alle wie die Deutschen wären – furchtbar.

    Ich glaube, dass die Böhmermann-Sache in der türkischen Community nicht gut angekommen ist. Und dafür habe ich auch Verständnis, weil das ein unterirdisches Niveau darstellt. Dass die deutsche Gesellschaft dies verteidigt – »Satire« – ist vielen nicht erklärbar. Dass hier bestehende Gräben noch ausgehoben werden, ist logisch.

    #4

  5. Dauersauer sagt:

    Ich will ja nicht wieder diese dusselige Böhmermann Angelegenheit zum Thema machen, aber wenn man aus solchen Äußerungen den Umkehrschluss ziehen kann, nicht Erdogan , aber der Türkische Mann, hat kein Problem mit Ziegen, so sehe ich das als entwürdigend an und als eine üble Beleidigung.
    Das wird aber anscheinend nicht verstanden.
    Nein man erregt sich über Erdogan, der Herrn Böhmermann verklagt, zwar im Interesse seiner Bevölkerung, aber das verschweigt man.
    Wenn man die Bevölkerung in Deutschland in dieser Arroganz auch noch unterstützt, so habe ich ein Problem mit den Verantwotlichen.
    Ich möchte noch in die Türkei fahren können, ohne schief angesehen zu werden.
    Das hat unsere Regierung zu verantworten und hat wenig mit Özil zu tun.
    Herrn Grindel scheint ebenfalls wenig Gespür dafür zu haben, was er da eigentlich lostritt.
    Er erkennt nicht die Brisanz, die in dem Thema Integration steckt.
    Er zerbricht bewusst ein Vertrauensverhältnis zu einer Integrationsfigur wie Özil, und ist dann auch noch beleidigt.
    Eigentlich müsste der Mann mit einem gewaltigen Tritt an die Luft gesetzt werden,
    denn er vertritt in diesem Fall nicht nur den DFB sondern ist Repräsentant für ganz Deutschland.
    Das betont man ja ständig.

    Dieses ganze Geheuchel nimmt doch kein Türke ernst.
    Ich brauche ja nur ins Internet gehen.
    Da tobt sich der Mob aus. Soviel zur deutschen Toleranz.

    Schade das hier so wenige ihre Meinung abgeben.

    #5

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