Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (6/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

6 – Der schma­le Grat zwi­schen Ge­fähr­dung und Idio­tie

Mu­sil, Hork­hei­mer und Ador­no brin­gen kei­ne kon­kre­ten Bei­spie­le für ih­re The­sen, we­der po­li­ti­scher noch le­bens­welt­li­cher, we­der in­di­vi­du­el­ler noch kol­lek­ti­ver Art. Was er bringt, sind Re­de­ge­wohn­hei­ten und ei­ni­ge all­ge­mein­mensch­li­che, ide­al­ty­pi­sche Fäl­le. Wel­che For­men, wel­chen Sinn und Un­sinn kann Dumm­heit an­neh­men, wel­che Funk­ti­on er­fül­len? Je­der kennt Bei­spie­le, nicht zu­letzt von sich selbst.

Ich zum Bei­spiel ha­be mei­ne letz­te Dumm­heit vor we­ni­gen Mi­nu­ten be­gan­gen, kei­ne ver­ba­le, son­dern ei­ne Dumm­heit der Tat. Ich fuhr auf ei­nem viel­be­fah­re­nen, re­la­tiv brei­ten Weg hin­ter zwei Fahr­rad­fah­rern, jun­gen Män­nern, die bei eher lang­sa­mer Ge­schwin­dig­keit ne­ben­ein­an­der­fah­rend plau­der­ten und län­ge­re Zeit die Bahn ver­sperr­ten, die sie nur für Ent­ge­gen­kom­men­de kurz frei­ga­ben. Ich woll­te nicht klin­geln, woll­te nicht auf­dring­lich sein, fuhr ein, zwei Ki­lo­me­ter na­he an den bei­den Hin­ter­rä­dern und über­holte, als sich ei­ne Chan­ce da­zu bot. Ab­sicht­lich schnitt ich den ei­nen Fah­rer, woll­te ihn da­bei nicht wirk­lich be­rüh­ren, be­rühr­te ihn dann aber doch mit dem Ell­bo­gen, den ich viel­leicht ein paar Zen­ti­me­ter zur Sei­te ge­streckt hat­te. Der jun­ge Mann kam ins Schleu­dern und stürz­te schließ­lich. Sein Freund schnauz­te mich an, ich schnauz­te zu­rück, ging dann aber doch be­sorgt, et­was klein­laut ge­wor­den, zu dem Ge­stürz­ten. Er hat­te sich an ei­ner Hand leich­te Ab­schür­fun­gen zu­ge­zo­gen – ei­ne ge­ring­fü­gi­ge Ver­let­zung, aber eben doch ei­ne sicht­ba­re Fol­ge mei­ner Hand­lung, ich war dar­an schuld. Ich ent­schul­dig­te mich. Der Ge­stürz­te, wie­der auf den Bei­nen, schau­te mich ver­dat­tert an.

Ei­ne Dumm­heit; wenn mir wirk­lich so viel an ei­nem ge­ord­ne­ten Fahr­rad­ver­kehr ge­le­gen ist, soll­te ich ver­su­chen, Ver­kehrs­sün­der zur Re­de zu stel­len, an mei­ner Uni­ver­si­tät auf­klä­rend zu wir­ken, in der Schu­le mei­ner Toch­ter ei­ne ver­nünf­ti­ge Ver­kehrs­er­zie­hung for­dern. Das wä­ren, viel­leicht, klu­ge Hand­lun­gen. Aber ei­nen un­schul­di­gen, bloß ein we­nig leicht­sin­ni­gen Jun­gen in Ge­fahr zu brin­gen...

Wor­in be­stand mei­ne Dumm­heit? In der fal­schen, nicht zweck­füh­ren­den – aber wer weiß? – Wahl der Mit­tel? Oder wur­zel­te sie nicht doch eher im emo­tio­na­len Be­reich, in man­geln­der Ein­füh­lungs­be­reit­schaft und, ja, Ag­gres­si­vi­tät, al­so un­zu­rei­chen­der Af­fekt­kon­trol­le? In der Nicht­be­rück­sich­ti­gung der mög­li­chen Fol­gen mei­nes Han­delns? Schließ­lich hät­te die Sa­che schlim­mer en­den kön­nen. Ge­fühl und Ver­stand ver­mi­schen sich, ge­nau wie Mu­sil es in sei­ner Re­de be­schrieb.

Doch wo­von ich ei­gent­lich er­zäh­len woll­te, ehe mir die­se Dumm­heit da­zwi­schen­kam: Im März 2017 er­reg­te ein Ge­richts­pro­zeß ei­ni­ges Auf­se­hen, der in Mün­chen vier Per­so­nen ge­macht wur­de, die an­geb­lich ei­ner ter­ro­ri­sti­schen Ver­ei­ni­gung an­ge­hör­ten. Ein Jour­na­list der Wo­chen­zei­tung Die Zeit ver­such­te da­mals, ein we­nig Licht in die Vor­geschichte ei­nes der Ver­ur­teil­ten, Olaf O., zu brin­gen, in­dem er mit des­sen äl­te­rem Bru­der sprach. Die ver­ba­len Übel­ta­ten des Man­nes, so­weit sie vor dem Ge­richt ver­han­delt wur­den, fan­den in ei­nem Chat­room im In­ter­net statt, sie wa­ren al­so ge­wis­ser­ma­ßen vir­tu­ell (sieht man von ei­nem ein­zi­gen rea­len Zu­sam­men­tref­fen der Grup­pe ab). Zwei der An­ge­klag­ten – Olaf O. war nicht mit von der Par­tie – hat­ten au­ßer­dem in Tsche­chi­en Böl­ler ge­kauft. In ih­ren Kon­ver­sa­tio­nen mach­ten die An­ge­klag­ten aus­län­der­feind­li­che Äu­ße­run­gen und spra­chen von At­ten­ta­ten, die man be­ge­hen könn­te. Die De­bat­ten in und au­ßer­halb des Mün­che­ner Ver­hand­lungs­saals dreh­ten sich dar­um, wie ernst man die­se Re­den – die­ses Ge­re­de? – zu neh­men hät­te. Führ­ten die An­ge­klag­ten wirk­lich et­was im Schil­de? Der Groß­teil der Be­ob­ach­tun­gen der Er­mitt­ler, die über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum tä­tig wa­ren, be­schränk­te sich auf das In­ter­net, und eben dar­auf stütz­ten sich die Ein­schät­zu­gen von Po­li­zei und Ju­stiz.

Die Nach­for­schun­gen des er­wähn­ten Jour­na­li­sten brach­ten zu­ta­ge, daß Olaf O., wohn­haft und auf­ge­wach­sen im Ruhr­ge­biet, ein ty­pi­sches Op­fer der neo­li­be­ra­len spätkapita­listischen Ge­sell­schaft war. Kfz-Me­cha­ni­ker, an­ge­stellt bei Opel, gut ver­die­nend, ver­hei­ra­tet, durch die Kri­se der Fir­ma ar­beits­los ge­wor­den, dann schwe­re Krank­heit, Che­mo­the­ra­pie, Be­hin­de­rung. Sei­ne Frau ver­läßt ihn. Olaf O. fin­det nicht mehr in die Ar­beits­welt zu­rück, er sitzt nur noch vor dem Com­pu­ter­bild­schirm, ge­winnt da­bei neue, rechts­ra­di­ka­le Freun­de, legt sich ei­ne vir­tu­el­le Iden­ti­tät zu, ver­ab­schie­det sich aus der rea­len Welt, läßt die Woh­nung ver­kom­men – und so wei­ter. Ei­nes sei­ner Po­stings, die vor Ge­richt und dann in den Me­di­en breit­ge­tre­ten wer­den, lau­tet: »Pas­sen aber im­mer noch in ei­nen Tür­kenarsch.« Ge­meint sind die tsche­chi­schen Böl­ler. Ein aus­ge­spro­chen dum­mer Satz, wie man sie in den so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en zu­hauf fin­det. Der Zeit-Jour­na­list kom­men­tiert in sei­nem Ar­ti­kel, der den süf­fi­gen Ti­tel Trot­tel oder Ter­ro­rist trägt, die Ge­schich­te des Olaf O. zei­ge, »wie schmal der Grat sein kann zwi­schen Ge­fähr­dung und Idio­tie.« Ge­meint ist die Ge­fahr für die Ge­sell­schaft, die von den An­ge­klag­ten mög­li­cher­wei­se aus­ging. Ge­fähr­dung oder Idio­tie, na­tür­lich ist das kei­ne Al­ter­na­ti­ve, kei­ne be­griff­li­che Op­po­si­ti­on, denn auch Trot­tel kön­nen Ter­ro­ri­sten sein, Dumm­heit en­det oft ge­nug in Ge­walt­tä­tig­keit. Eben­so­we­nig gilt der Um­kehr­schluß, denn auch in­tel­li­gen­te Men­schen wa­ren und sind Ge­walt­tä­ter, wenn­gleich eher als Pla­nen­de, Ko­or­di­na­to­ren, Bü­ro­kra­ten des Ter­rors (wie das Bei­spiel Adolf Eich­manns zeigt). Trotz al­lem wird man aber da­von aus­ge­hen kön­nen, daß ein Mehr an Bil­dung da­zu bei­tra­gen kann, das Ge­walt­po­ten­ti­al in ei­ner Ge­sell­schaft zu ver­min­dern. Füh­ren­de Nationalsozi­alisten wie Go­eb­bels, der Kul­tur­mi­ni­ster, mach­ten aus ih­rer Ver­ach­tung rück­sichts­vol­len zwi­schen­mensch­li­chen Um­gangs kei­nen Hehl.

»Ich bin da­für das wir den Frei­tag ein bzw. zwei Zie­le aus­ma­chen die wir uns vor­neh­men.« Noch ei­ner der in­kri­mi­nier­ten Sät­ze von Olaf O. Feh­len­de Kom­mas, Dass-Feh­ler (ehe­dem »daß«). Die For­mu­lie­rung läßt ei­ne Recht­schreib­schwä­che ver­mu­ten, doch vor al­lem trägt sie die Cha­rak­te­ri­sti­ka ei­ner münd­li­chen, not­dürf­tig und rasch ver­schrift­li­chen Re­de. E-Mail-Stil und E-Mail-Form, man wägt in Fra­ge kom­men­de Aus­drücke nicht ab, liest das Ge­schrie­be­ne nicht noch ein­mal. Di­gi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ist in ih­rer Mas­se ein ge­tipp­tes Te­le­pho­nie­ren, ein Fern­spre­chen, das Buch­sta­ben, Sym­bo­le und Ab­kür­zun­gen als unum­gängliche Mit­tel zum Zweck ver­wen­det. Schon seit ei­ni­ger Zeit sind Computer­programme ver­brei­tet, die die Ver­schrift­li­chung über­neh­men, so daß der Sen­der nur noch spre­chen muß. Der Al­go­rith­mus, ob­wohl feh­ler­an­fäl­lig, er­le­digt das nicht nur ra­scher, son­dern zwei­fel­los auch bes­ser als der Groß­teil der Kom­mun­mi­ka­ti­ons­teil­neh­mer des di­gi­ta­len Uni­ver­sums. Wie­der ein nütz­li­ches In­stru­men­ta­ri­um, das al­ler­dings die Ge­fahr ei­ner Ver­küm­me­rung al­ter mensch­li­cher Fä­hig­kei­ten mit sich bringt. Il­li­te­rat zu sein, wird bin­nen kur­zem nicht mehr als Schan­de gel­ten.

Recht­schreib­schwa­che sind nicht al­le­samt dumm. Die­se Fest­stel­lung ma­che ich nicht zu­letzt in den di­ver­sen Fo­ren im In­ter­net, wo sehr gut ar­gu­men­tie­ren­de Per­so­nen mit­un­ter ei­ne re­strin­gier­te Spra­che ge­brau­chen und feh­ler­haft schrei­ben. Um­ge­kehrt las­sen es Leu­te, die ih­ren Stil osten­ta­tiv kul­ti­vie­ren (in­dem sie bei­spiels­wei­se in Rela­tivsätzen »wel­cher« statt »der« ver­wen­den), mit­un­ter an ge­dank­li­cher Sub­stanz man­geln. Was Olaf O. be­trifft, so ver­mu­te ich, daß kei­ne die­ser sel­te­ne­ren Va­ri­an­ten zu­trifft, son­dern daß er gei­stig durch­schnitt­lich be­mit­telt ist. Sei­ne Haß­ge­füh­le, die sich im In­ter­net am be­sten ent­fal­ten konn­ten, sind zu ei­nem Gut­teil dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, daß er ab ei­nem be­stimm­ten Punkt Pech im Le­ben hat­te und kei­nen rech­ten Aus­weg, viel­leicht auch nicht die not­wen­di­ge Hil­fe fand. Es ist leicht, im In­ter­net ei­ne an­de­re Iden­ti­tät an­zu­neh­men. Kei­ne gänz­lich an­de­re in der Re­gel, denn auch in der vir­tu­el­len Welt läßt sich die im rea­len Le­ben über die Jah­re hin­weg aus­ge­bil­de­te Per­sön­lich­keit nicht gänz­lich ver­ber­gen. Aber die mei­sten an­de­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mer mer­ken da­von nichts. Das zwei­te Ich darf prah­len, über­trei­ben, an­de­re an­schwär­zen, Ge­schich­ten er­fin­den, mit Pseud­ony­men spie­len – in der Selbst­dar­stel­lungs­ge­sell­schaft ist das gang und gä­be. So gau­kel­te Olaf O. sei­nen rechts­ra­di­ka­len Netz­freun­den ei­ne Freun­din vor, für die er ein fal­sches Face­book-Pro­fil er­stell­te. (Kla­res In­diz, daß sich der Mann wirk­lich nicht nach Ge­walt, son­dern nach Lie­be und An­er­ken­nung sehn­te.) Beim Mün­che­ner Pro­zeß ent­schuldigte er sich bei den Mit­an­ge­klag­ten da­für. Der Mann hat durch­aus An­stand im Leib.

Das grund­le­gen­de ethi­sche Pro­blem, das sich hier in et­wa mit der Jahr­hun­dert­wen­de auf­ge­tan hat, liegt dar­in, daß die Ano- und Pseud­ony­mi­sie­rung im di­gi­ta­len Mi­lieu, in dem im­mer mehr Leu­te im­mer mehr Zeit ver­brin­gen, den Be­griff der Ver­ant­wor­tung und sei­ne prak­ti­sche An­wen­dung un­ter­mi­niert, ja, ten­den­zi­ell zum Ver­schwin­den bringt. Verant­wortung an­de­ren, aber auch sich selbst ge­gen­über, wie die vie­len Fäl­le zei­gen, wo »User« in­ti­me Da­ten ins In­ter­net stel­len und sich dann wun­dern, wenn die­se miß­braucht wer­den. Ver­ant­wor­tungs­lo­ses Re­den und Ver­hal­ten gab es na­tür­lich schon im­mer, wie es so ziem­lich al­les, was in der di­gi­ta­len Welt vor­kommt, im­mer schon ge­ge­ben hat, doch wie bei al­lem, was dort vor­kommt, wer­den die Phä­no­me­ne tech­no­lo­gisch be­schleu­nigt und ver­viel­facht und auch ver­ein­facht, so daß ei­ne neue Qua­li­tät oder eben Nicht­qua­li­tät, ten­den­zi­el­le Aus­lö­schung, ein­tre­ten kann. Die Fru­stra­ti­on in den Be­völ­ke­run­gen muß groß sein, hält man sich vor Au­gen, wie sehr in die­sen Jah­ren das Gen­re der Haß­re­de auf­ge­blüht ist. Und zwar nicht nur in den rei­chen Län­dern, die nicht so vie­le Sozial­schmarotzer, Kon­kur­ren­ten und Ge­fähr­der her­ein­las­sen wol­len, son­dern über­all auf der Welt. In Sri Lan­ka wur­de kürz­lich auf An­ord­nung der Re­gie­rung Face­book für ei­ne Wo­che lan­des­weit blockiert, weil der Haß­pe­gel schwin­del­erre­gen­de Hö­hen er­reicht hat­te. Den Hin­ter­grund da­für bil­den schon lan­ge wäh­ren­de Span­nun­gen zwi­schen der buddhis­tischen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit und der mus­li­mi­schen Min­der­heit (wo­bei hier vor al­lem Mus­li­me die Leid­tra­gen­den sind). Ein sol­cher Kon­flikt läßt sich je­doch nicht durch die Be­hin­de­rung von so­zia­len Me­di­en be­he­ben. Kon­flik­te las­sen sich über­haupt nie durch ihr Ver­schwei­gen lö­sen, und eben­so­we­nig durch das Ver­bot der Haß­ge­füh­le, durch den Ent­zug von Platt­for­men, auf de­nen sie sich äu­ßern kön­nen. Sie wer­den sich, wenn sie an ei­ner Stel­le un­ter­drückt wer­den, stets an­de­re Or­te des Aus­drucks su­chen und nur ein­ge­dämmt wer­den kön­nen, wenn man zu den Wur­zeln geht und an den Ur­sa­chen ar­bei­tet. Die­se lie­gen nicht in der vir­tu­el­len, son­dern in der rea­len Welt. Sie sind so­zia­ler, aber auch er­zie­he­ri­scher und ethi­scher Na­tur. Hier könn­te man am di­rek­te­sten an­set­zen und Re­spekt, Ver­ant­wor­tung, Mit­ge­fühl, To­le­ranz för­dern. Aber der glo­ba­le Wil­le da­zu scheint ge­ring zu sein, im We­sten wie im Osten. Bil­dungs­re­for­mer ha­ben oft nur die un­mit­tel­ba­re, pro­fit­ori­en­tier­te Ver­wert­bar­keit im Sinn, wenn sie von »Kom­pe­ten­zen« re­den.

Die ur­teils­ent­schei­den­de Fra­ge, wie ernst ge­walt­träch­ti­ge Äu­ße­run­gen im In­ter­net ge­meint sind, ist schwer zu be­ant­wor­ten, nicht nur in die­sem Fall. Das di­gi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz för­dert Am­bi­gui­tä­ten, Klar­heit der Spra­che und des Ar­gu­men­tie­rens sind nicht die Re­gel. Liest man sich ei­ne grö­ße­re Zahl von »Po­stings« in gleich wel­chen Fo­ren, kann man nicht um­hin, das Stre­ben nach Wit­zig­keit, Iro­nie und Sa­ti­re im Main­stream der Äu­ße­run­gen zu be­mer­ken. Sel­ten meint je­mand et­was wirk­lich »ernst«. Wie­der­um gilt, daß das In­ter­net die­se weit­ver­brei­te­te Hal­tung nicht erst her­vor­ge­bracht hat. Die Vor­ge­schich­te weist zu­rück in die acht­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, als sich par­al­lel zur Vor­herr­schaft des öko­no­mi­schen Den­kens, auch »Neo­li­be­ra­lis­mus« ge­nannt, ei­ne pop­kul­tu­rell ge­styl­te Spaß­ge­sell­schaft her­aus­bil­de­te, die mit »protestan­tischer Ethik« und ähn­li­chen Kin­ker­litz­chen nichts mehr zu tun ha­ben woll­te. Die so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en sind nichts an­de­res als die Fort­set­zung der Spaß­ge­sell­schaft mit hoch­tech­no­lo­gi­schen Mit­teln. Da­bei kön­nen mit Nä­geln ge­spick­te Böl­ler, die un­ter Tür­ken­är­schen ex­plo­die­ren, schon mal die re­al-ern­ste Fol­ge sein. Bis­lang sind sol­che Vor­komm­nis­se eher die Aus­nah­me von der Re­gel, daß nichts so heiß ge­ges­sen wie ge­kocht wird.

Die münd­lich-schrift­li­che Netz­kom­mu­ni­ka­ti­on hat ih­re ei­ge­ne Rhe­to­rik ent­wickelt. Ei­nes ih­rer Ele­men­te ist der Iro­nie-off-But­ton, den die User drücken, um si­cher­zu­ge­hen, daß das wer­te Pu­bli­kum die iro­ni­sche In­ten­ti­on auch be­merkt. Iro­nie heißt, sehr all­ge­mein de­fi­niert, daß mit ei­ner Aus­sa­ge et­was an­de­res ge­meint ist, als die Wör­ter und Sät­ze bei nor­ma­lem Ge­brauch mei­nen. In vie­len Fäl­len heißt das schlicht und ein­fach: Was ich ge­sagt ha­be, war nicht (ganz) ernst ge­meint. Die Mas­se der Spre­cher-Schrei­ber will im­mer mehr und im­mer öf­ter Iro­nie und Sa­ti­re pro­du­zie­ren, sie be­herrscht die Mit­tel da­zu aber im­mer schlech­ter. Die­se sind auch nicht gar so ein­fach zu be­herr­schen; man kann Ta­lent da­für ha­ben, und bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad kann man sie ler­nen. Der Iro­nie-off-But­ton ist da­zu nicht hilf­reich, er hin­ter­treibt ech­te Iro­nie. Im­mer­hin kön­nen sich Leu­te, die glau­ben, ih­re Äu­ße­rung könn­te sie in Kon­flikt mit dem Ge­setz brin­gen, ge­gen Kla­gen ab­si­chern: Es war ja nicht so ge­meint, hier steht es Schwarz auf Weiß. Ge­wis­se popu­listische Po­li­ti­ker ha­ben die­sen Re­flex ein­ge­übt. Wenn sie wie­der ein­mal, oft plan­mä­ßig, über die Strän­ge ge­schla­gen ha­ben, war’s halt Sa­ti­re, wenn sich je­mand be­schwert. Nicht an­ders war beim Pro­zeß die Ver­tei­di­gungs­li­nie des klei­nen rechts­ra­di­ka­len Netz­werks, dem Olaf O. an­ge­hör­te. Sie hat­ten bloß »dum­mes Zeug« ge­re­det.

-> 7 – Wir goo­geln uns blöd!

- 5 – Dumm­heit ist ein Wund­mal.

© Leo­pold Fe­der­mair

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12 Kommentare zu »Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (6/9)«:

  1. Krylow sagt:

    Ein sehr in­ter­es­san­ter Text, der für mich vie­le Fra­gen auf­wirft. Be­son­ders die Fra­ge nach der Ernst­haf­tig­keit vie­ler Ein­las­sun­gen im Netz be­schäf­tigt mich schon län­ge­re Zeit. Ich bin der An­sicht, dass in sehr vie­len Fäl­len we­der ei­ne iro­ni­sche In­ten­ti­on be­steht, noch ju­ri­sti­sches Fach­wis­sen vor­han­den ist. Ich glau­be, vie­le Men­schen wol­len sich ei­ne Art Flucht­weg of­fen hal­ten.
     
    Po­pu­li­sten si­chern sich auf die­se Wei­se recht­lich ab, das hat sich rum­ge­spro­chen. Ein Groß­teil der stei­len The­sen, Haß­re­den, kurz: der Netz­kom­mu­ni­ka­ti­on im All­ge­mei­nen, ist hei­ße Luft. Aber was macht sie? Ist sie nur die “Fort­set­zung der Spaß­ge­sell­schaft” oder facht sie die vie­len Feu­er­chen, die von ver­schie­de­nen Sei­ten ge­legt wer­den, im­mer wie­der an? Ist die Ge­fahr ei­nes Flä­chen­bran­des re­al und lie­ße der sich noch ein­däm­men? Wie?
     
    Mei­ne Er­fah­run­gen mit den klas­si­schen Werk­zeu­gen der “so­ci­al me­dia”, al­so Face­book, Twit­ter, In­sta­gram u.ä., sind rein pas­si­ver Na­tur. Na­tür­lich bin auch ich, viel zu oft, im Netz un­ter­wegs. Mei­ne Be­ob­ach­tun­gen stüt­zen sich je­doch eher auf Kom­men­tar­spal­ten der On­line­an­ge­bo­te di­ver­ser Zei­tun­gen (auch in­ter­na­tio­nal, z.B. Guar­di­an, NYT), Blogs u.ä. Din­gen, als auf die vor­her ge­nann­ten Dien­ste, die nur die Spit­ze des Eis­ber­ges oder den Bo­den­satz dar­stel­len. Mei­ner Ein­schät­zung nach ist ei­ne stei­gen­de An­zahl der Ka­te­go­rie “Wolf im Schafs­pelz” un­ter­wegs, um Stim­mung durch be­wusst pro­vo­zie­ren­de oder völ­lig fal­sche Aus­sa­gen zu ma­chen. Die­se “Stim­men” ver­wei­gern sich oft jeg­li­cher Dis­kus­si­on und sind, wie in der Na­tur auch, nicht sel­ten im Ru­del un­ter­wegs. Ger­ne be­ru­fen sie sich auf Re­de­frei­heit, füh­ren vor­geb­lich ei­nen Kampf ge­gen über­mä­ßi­ge po­li­ti­sche Kor­rekt­heit und spie­len sich als Be­wah­rer der Kul­tur auf. Da­hin­ter stecken Men­schen, die sich auf dem an­ge­spro­che­nen, schma­len Grat be­we­gen.
     
    Las­sen die nur Dampf ab, zün­deln die ger­ne oder sind das Brand­stif­ter? Nicht je­der, der sich Luft ver­schaft, möch­te an­de­re mit­rei­ssen. Liegt nicht da schon ei­ne im Text an­ge­spro­che­ne Ver­ant­wor­tung? Trägt nicht je­der Mensch durch sei­ne Spra­che sei­nen Teil da­zu bei oder geht das in der Flut an In­for­ma­tio­nen so­wie­so un­ter? Wie vie­le Men­schen möch­ten wirk­lich die AfD re­gie­ren se­hen, weil sie von den Köp­fen dort über­zeugt sind? Wie vie­le woll­ten den Bre­x­it wirk­lich, woll­ten Trump als ih­ren Prä­si­den­ten?
     
    Die wich­tig­ste Fra­ge, die nach den Zah­len, al­so die Ein­ord­nung, fällt mir sehr schwer. Ist es ei­ne Mas­se, die sich da er­hebt oder schweigt die Mas­se, so dass die Min­der­heit so laut er­scheint? War­um wün­schen sich Men­schen au­to­ri­tä­re An­füh­rer oder gar Au­tor­kra­ten an der Spit­ze. Wis­sen sie die de­mo­kra­ti­schen Wer­te nicht mehr zu schät­zen?
     
    Wel­che Rol­le spielt bei all den Fra­gen die “vir­tu­el­le Welt” und soll­te man die von der “rea­len Welt” tren­nen (Stich­wort: Di­gi­ta­ler Dua­lis­mus)? Es wird im­mer we­ni­ger ge­le­sen, die Schreib­schrift stirbt aus, das Text­ver­ständ­nis nimmt ab (Sa­ti­re und Iro­nie wer­den nicht er­kannt). Was be­deu­tet das für die Zu­kunft?
     
    Wo­mög­lich woll­ten Sie nicht in die­se pes­si­mi­sti­sche Rich­tung. Mir schwir­ren die­se und vie­le wei­te­re Fra­gen schon ei­ne Wei­le im Kopf her­um, so dass ich die hier mal auf­schrei­ben muss­te. Be­ant­wor­ten las­sen sich die mei­sten oh­ne­hin schwer.

    #1

  2. Die so oft be­klag­ten Hass­re­den bzw. Hass­kom­men­ta­re ver­brei­ten sich durch das In­ter­net ein­fach nur schnel­ler und vor al­lem ex­po­nen­ti­el­ler. Ich er­in­ne­re mich noch dar­an als Wil­ly Brandt 1969 Bun­des­kanz­ler wur­de. Ich war 10 Jah­re alt und Schü­ler in ei­ner mit­tel­gro­ßen, kon­ser­va­ti­ve struk­tu­rier­ten Stadt im Rhein­land. Mit den Mit­schü­lern kam ich nicht so gut aus, was noch ver­schlim­mert wur­de, als die Re­de auf Po­li­tik kam. Das war da­mals durch­aus mög­lich, denn ganz Deutsch­land war po­li­ti­siert – heu­te wür­de man sa­gen: ge­spal­ten. Ich hab’s hier schon mal kom­men­tiert: Der hef­tig­ste Spruch war »Brandt an die Wand«. Ein Mit­schü­ler (der Va­ter hat­te ein Ge­schäft) woll­te Brandt in ein Erd­loch ver­gra­ben und ver­hun­gern las­sen. Die Ost­po­li­tik, die for­mal den Aus­gleich mit Po­len und der So­wjet­uni­on such­te und prak­tisch den Ver­zicht auf die »Ost­ge­bie­te« be­deu­te­te, wur­de als Ver­rat emp­fun­den. Na­tür­lich plap­per­ten die Schü­ler nur das nach, was sie zu Hau­se zu hö­ren be­ka­men – ich auch. Aber ich ge­hör­te der Min­der­heit an.

    Ab­leh­nung war ich ge­wohnt, aber die­ser Grad der Ab­leh­nung, ja der Hass be­frem­de­te mich sehr. Auch die Spra­che, wo­bei ich nicht be­son­ders sen­si­bel war. Aber es war eben et­was Be­son­de­res, je­man­dem den Tod zu wün­schen. Heu­te gilt das »Sa­ti­re«, wo­bei wir bei dem »Iro­nie off«-Button wä­ren.

    Ir­gend­wann hat man den Men­schen ge­sagt, dass ih­re Mei­nung nicht nur wich­tig ist, son­dern auch re­le­vant. Das wur­de, wird un­ter »De­mo­kra­ti­sie­rung« sub­su­miert. Wenn ei­nem die Mei­nung nicht passt, wird sie wahl­wei­se als »Po­pu­lis­mus« oder »Gut­men­schen­tum« ab­ge­bü­gelt. Die so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en ver­stär­ken die je­weils ei­ge­nen Mei­nungs­strö­me. Auch das war frü­her ähn­lich, wo­bei es je­doch in­ner­halb ei­nes Me­di­ums zu di­ver­gie­ren­den Be­wer­tun­gen von po­li­ti­schen oder so­zia­len Fra­gen kam. In­zwi­schen pickt sich je­der nur noch das her­aus, was ihm ge­fällt. Da­bei wech­seln die Fron­ten durch­aus: Die Leu­te leh­nen Prantl von der SZ ab, ver­lin­ken aber trotz­dem ei­nen Ar­ti­kel aus ei­nem an­de­ren Po­li­tik­feld von der Süd­deut­schen, wenn er in ihr Welt­bild passt.

    Die Fra­ge, ob Ge­walt, so­fern sie im In­ter­net ge­äu­ssert und an­de­ren an­ge­droht wur­de, zu sank­tio­nie­ren ist, wird im­mer wich­ti­ger. Die Ge­schich­te der so­ge­nann­ten »Old­school So­cie­ty« (hier der Text der ZEIT) ist ein gu­tes Bei­spiel da­für. Mit ty­pi­scher So­zi­al­ar­bei­ter­at­ti­tü­de wer­den hier nicht nur Be­weg­grün­de son­dern gleich die Ent­schul­di­gun­gen mit­ge­lie­fert. Das kann man al­les noch halb­wegs wit­zig fin­den – der Ter­ro­ris­mus-Vor­wurf ist na­tür­lich lä­cher­lich (er wird von der Staats­an­walt­schaft vor­ge­bracht, da­mit im Zwei­fel auch Mit­wis­ser und Draht­zie­her von Straf­ta­ten mit po­li­ti­schem Hin­ter­grund wie die ei­gent­lich Tat­aus­füh­ren­den be­straft wer­den kön­nen). Aber war­um, wie im Früh­jahr ge­sche­hen, ein frem­den­feind­lich mo­ti­vier­ter Mes­ser­an­griff auf ei­nen Bür­ger­mei­ster mit ei­nem Frei­spruch en­de­te und/oder war­um ein Un­ter­stüt­zer des NSU vor­läu­fig auf frei­em Fuß kommt – das ist und wird im­mer schwie­ri­ger zu ver­mit­teln. Da mu­tet es fast ab­surd an, In­ter­net-Trol­le be­stra­fen zu wol­len.

    #2

  3. Ich glau­be, dass Ador­no und Hork­hei­mer da­zu ei­ne Er­klä­rung ha­ben: Kurz­ge­fasst, wird un­se­re Ge­sell­schaft schon sehr lan­ge von je­ner in­stru­men­tel­len Ver­nunft be­herrscht, ei­ne Ver­nunft, die nur mehr ein Werk­zeug ist und aus ih­rem Be­zug zur Welt der Ide­en, aber auch der sinn­li­chen Welt her­aus­ge­löst wur­de, ein Pro­zess der nicht erst, aber vor al­lem durch die Auf­klä­rung aus­ge­löst und be­schleu­nigt wur­de; ei­ne Ver­nunft, die nur noch in Mit­teln und Zwecken, die selbst wie­der bloß als Mit­tel ver­stan­den wer­den, denkt, kann kei­ne Be­deu­tun­gen, über­ge­ord­ne­ten Ide­en, Ge­füh­le, Emo­tio­nen oder Wahr­neh­mun­gen mehr ach­ten, das ist noch im­mer un­ser Grund­pro­blem, das sich al­ler­dings wei­ter ver­schärft hat. Je­mand der ei­nen Ur­laub nur mehr als Er­ho­lung von der Ar­beit ver­steht, der sich selbst stän­dig an­prei­sen oder ver­kau­fen (und dar­über ver­leug­nen) muss, der beim Spa­zier­ge­hen sei­ne Schrit­te via App zählt, ent­wer­tet sich selbst oder Din­ge die für sich ste­hen könn­ten, in­dem sie im­mer als Mit­tel für et­was an­ders ge­se­hen wer­den. Das aber rächt sich und man muss wohl fest­stel­len, dass vie­le Men­schen den Zu­gang zu sich selbst im Sin­ne ih­rer sinn­lich-emo­tio­na­len Welt oder be­deu­tungs­vol­lem (al­so: nicht ver­han­del­ba­rem) Tun weit­ge­hend ver­lo­ren ha­ben (man ist ge­stresst, in Ei­le, läuft von ei­nem Ter­min zum an­de­ren, man amü­siert sich, frisst und säuft, ge­gen je­des Maß und eben ge­gen sich selbst). Das sieht man sehr schön an den Zu­stän­den in der Er­zie­hung: Die Päd­ago­gik ist heu­te völ­lig un­fä­hig in ei­nem Kind et­was Nicht-funk­tio­na­les, ei­nen Selbst­zweck noch zu er­blicken. Mei­ne The­se ist, dass all die Hass­kom­men­ta­re, all der Zu­lauf zu so­ge­nann­ten po­pu­li­sti­schen Par­tei­en ge­nau von da­her kom­men: Das vom Ver­stand be­herrsch­te, das Un­ter­drück­te, Ver­zerr­te, Nicht­be­ach­te­te, Ver­nach­läs­sig­te, be­deu­tungs­los Ge­nann­te, kehrt ir­gend­wo und ir­gend­wann wie­der, sucht sich sei­ne Ven­ti­le. Das ist auch, was den Links­li­be­ra­lis­mus so er­bärm­lich macht, dass er in sei­ner Sym­ptom­be­kämp­fung und sei­ner Sy­stem­kon­for­mi­tät, das al­les noch ze­men­tiert. Un­se­re Welt lei­det dar­an, dass al­les was sinn­lich, weich und un­ter­grün­dig ist, miss­ach­tet wird. Da­von hat schon Schil­ler ge­schrie­ben...

    #3

  4. Krylow sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig
     
    Es scheint et­was aus dem Gleich­ge­wicht ge­ra­ten zu sein. Das, was Sie als et­was Be­son­de­res emp­fan­den, geht heu­te ei­ni­gen Men­schen schein­bar leich­ter über die Lip­pen. Die Scham­gren­zen sind ge­sun­ken, Ta­bus ge­fal­len. Den­noch glau­be ich nicht, dass der­ar­ti­ge Aus­sa­gen heu­te ver­brei­tet als Sa­ti­re gel­ten. Yücel wur­de ver­ur­teilt und hat sich schrift­lich bei Sar­ra­zin ent­schul­digt. Da­mit soll­te der Fall ei­gent­lich ab­ge­schlos­sen sein.
     
    Ei­gent­lich. Trotz­dem hal­ten sich die­ser und an­de­re ver­staub­te Tex­te hart­näckig in ak­tu­el­len De­bat­ten und wur­den gar in ei­nem An­trag zur Miss­bil­li­gung von der AfD im Bun­des­tag ein­ge­reicht.
    Dar­in zeigt sich ein gro­ßer Un­ter­schied zum Schul­hof. Die Tweets, Face­book­ein­trä­ge, Kom­men­ta­re: al­les Schrift­li­che – durch die Di­gi­ta­li­sie­rung ist das wahr­schein­lich wirk­lich ir­gend­wann all­um­fas­send – blei­ben be­stehen und wer­den even­tu­ell mor­gen wie­der ans Ta­ges­licht ge­zerrt. Hat das dann ei­nen an­de­ren Cha­rak­ter oder min­de­stens ei­ne an­de­re Wir­kung? Für mich schon, al­ler­dings stu­fen nicht we­ni­ge den Tweet oder den schnell hin­aus po­saun­ten Kom­men­tar ei­ner Af­fekt­hand­lung na­he­ste­hend ein und for­dern dem­entspre­chend Nach­sicht.
     
    Die di­gi­tal na­ti­ves oder je­ne Men­schen, die jeg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on of­fen über das Netz tä­ti­gen, ma­chen sich da leicht an­greif­bar und spä­ter viel­leicht so­gar er­press­bar. Das geht nun in an­de­re The­men­be­rei­che hin­ein, bringt mich aber zu­rück zur Ein­ord­nung, die im­mer wich­ti­ger und auch schwie­ri­ger wird. Ich stim­me Ih­nen zu, dass es ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung ist, das rich­ti­ge Maß zu tref­fen und zu ver­mit­teln. Wo­mög­lich be­darf es auch hier ei­ner An­pas­sung der Ge­set­ze? Ih­re ge­nann­ten Bei­spie­le und die Pos­se um die Ab­schie­bung von Sa­mi A. be­schä­di­gen das Ver­trau­en in Be­hör­den und Rechts­staat nach­hal­tig.
     
    Dan­ke für den Link zur Old­school So­cie­ty.
     
    @metepsilonema
     
    Falls Sie es noch nicht ge­le­sen ha­ben: In der ZEIT wur­de ge­stern ei­ne Re­de des Kul­tur­hi­sto­ri­kers Phil­ipp Blom, die er an­läss­lich der Er­öff­nung der Salz­bur­ger Fest­spie­le hielt, ver­öf­fent­licht. Ich muss­te beim Le­sen an Ih­ren Kom­men­tar den­ken. Blom schreibt über De­nis Di­de­rot und “die vo­lup­té, die Sinn­lich­keit, die Lust.” Er stellt die Fra­ge “Was wä­re, wenn ei­ne neue, drin­gend ge­brauch­te Auf­klä­rung mit ei­ner Re­ha­bi­li­tie­rung der Lei­den­schaft be­gin­nen wür­de?”
     
    Ich glau­be, Sie ha­ben recht, wenn Sie schrei­ben, “dass vie­le Men­schen den Zu­gang zu sich selbst im Sin­ne ih­rer sinn­lich-emo­tio­na­len Welt oder be­deu­tungs­vol­lem (al­so: nicht ver­han­del­ba­rem) Tun weit­ge­hend ver­lo­ren ha­ben”. Man sieht das auch an der Wert­schät­zung von Men­schen, die sich fast aus­schließ­lich aus dem be­ruf­li­chen Er­folg und den finanziellen/materiellen Früch­ten speist.
     
    Der in Al­ge­ri­en ge­bo­re­ne, fran­zö­si­sche Land­wirt und Schrift­stel­ler Pierre Rabhi be­schreibt in sei­nen Schrif­ten ei­ne ähn­li­che Sicht. Im­mer mehr, im­mer schnel­ler, Wachs­tum, Kon­sum, Fort­schritt – da wun­dert es nicht, dass Sinn­lich­keit, der Sinn für das Schö­ne, Sinn an sich, auf der Strecke blei­ben.

    #4

  5. Krylow sagt:

    Den Link zum Ar­ti­kel der ZEIT hat­te ich ver­ges­sen.

    #5

  6. @Krylow
    Dan­ke für den Link. Mit Bloms Re­de kann ich lei­der we­nig an­fan­gen, weil sie al­le Ver­satz­stücke des­sen ent­hält, was ei­nem tag­ein, tag­aus in den Me­di­en be­geg­net. Das ent­schei­den­de: Er de­fi­niert nicht den Be­griff der »Auf­klä­rung«, bleibt im dif­fu­sen, schwelgt in apo­ka­lyp­ti­schen Di­men­sio­nen in­dem von De­mo­kra­tie­ver­lust die Re­de ist – wor­an macht er das fest? – und kommt dann zur »Fe­stung« Eu­ro­pa. Am En­de steht dann die Wachs­tums­kri­tik – eh­ren­voll si­cher­lich, aber seit den 1970er-Jah­ren nichts Neu­es.

    Auf­klä­rung war und ist eben Kant, die Ra­tio, die Ver­nunft. Mit emo­tio­na­li­sier­ten Ap­pel­len kann man kei­ne po­li­ti­schen Fra­gen lö­sen. Was be­deu­tet denn »nicht ver­han­del­ba­res Tun«? Für mich ist das – sor­ry – Il­lu­strier­ten­pro­sa, die ei­ne ge­wis­se Kli­en­tel si­cher­lich toll fin­det, weil al­le Feind­bil­der be­dient wer­den, die es gibt.

    Na­tür­lich sind äs­the­ti­sche As­pek­te in un­se­rer Zeit sehr stark rück­läu­fig. Der be­ste In­di­ka­tor da­für ist die so­ge­nann­te zeit­ge­nös­si­sche Kunst, die fast nur noch Ba­na­li­tä­ten pro­du­ziert, die sie po­li­tisch oder kul­tur­kri­tisch auf­lädt. Blom macht es ähn­lich.

    Es muss ei­ne Syn­the­se ge­ben zwi­schen dem, was @metepsilonema in sei­nem Kom­men­tar als ver­lu­stig be­schreibt und ei­nem zü­gel­lo­sen Op­ti­mie­rungs­wahn. Ich ken­ne die Lö­sung nicht. (Den Punkt, wo das Emp­fin­den für Äs­the­tik schwin­det, kann man sehr schön in Hof­mannsthals »Brie­fe des Zu­rück­ge­kehr­ten« le­sen. Die Ret­tung für den Prot­ago­ni­sten bringt – ei­ne Bild­be­trach­tung, Kon­tem­pla­ti­on. Die kann aber im­mer nur in­di­vi­du­ell ge­sche­hen, nie kol­lek­tiv. Oder?)

    .-.-.-.
    PS: Lei­der kann der Au­tor des Tex­tes, Leo­pold Fe­der­mair, der­zeit aus per­sön­li­chen Grün­den nicht an der Dis­kus­si­on teil­neh­men. – G.K. -

    #6

  7. die_kalte_Sophie sagt:

    Bloms Text ist ei­ne Er­ör­te­rung von Kli­schees, und da­mit ein Bei­trag zur Un­ter­hal­tung. Er lässt wirk­lich nichts aus: den Nar­ziss­mus der Er­kennt­nis (wir Kin­der), die Selbst­be­schul­di­gung als welt­po­li­ti­scher Wach­ma­cher (Rans­mayr aus Ru­an­da), die an­geb­lich glo­ba­le au­to­kra­ti­sche Wen­de, die Neu­auf­la­ge des Mo­tivs »Zeit­al­ter der Angst« (org. von W.H.Auden 1947), der be­que­me Rück­zug aus dem Po­li­ti­schen (De­ka­denz), die Fra­gi­li­tät der hi­sto­risch noch jun­gen li­be­ra­len De­mo­kra­ti­en, die un­ver­füg­ba­re Al­ter­na­ti­ve von gel­ten­den Men­schen­rech­ten oder welt­wei­ter Bar­ba­rei, die schä­bi­ge Un­ver­zicht­bar­keit der Macht, und (ir­gend­wie dann doch ori­gi­nell) ei­ne klei­ne Hoff­nung über den wo­mög­lich ret­ten­den Bei­trag der Lei­den­schaf­ten, die ver­drängt oder ver­ges­sen wur­den.
    Da möch­te man dann doch lie­ber nicht klat­schen.
    Zu­rück zum The­ma: es gibt ei­nen gu­ten me­ta-psy­cho­lo­gi­schen Hin­weis von Ste­ven Pin­ker. Wir soll­ten uns da­vor hü­ten, die welt­ge­schicht­li­chen Ten­den­zen aus den »Schlag­zei­len« ab­zu­lei­ten.
    Ganz ein­fach, weil wir mit ho­her Si­cher­heit da­bei fehl­ge­hen.
    Dem möch­te ich ei­ne ähn­li­che Haus­halts­re­gel zur Sei­te stel­len. Wir soll­ten uns da­vor hü­ten, die ge­sell­schaft­li­chen Ten­den­zen aus dem Kom­men­tar­be­reich ab­zu­lei­ten.
    Ein­fa­ches Ar­gu­ment: wenn die An­ony­mi­sie­rung im Netz zur Es­ka­la­ti­on ein­lädt, zu Mob­bing und Ha­te-Speech, dann ist der Bos­haf­tig­keit zwar ein klei­nes Tür­chen ge­öff­net, aber nicht in der Wei­se, dass da­mit al­len Be­zie­hun­gen und ih­ren Kon­troll­me­cha­nis­men der Bo­den ent­zo­gen wird.
    Die Idio­ten sind im­mer ei­ne Ge­fahr, aber am mei­sten für sich selbst.
    Das Twit­tern der Rechts­po­pu­li­sten er­weckt na­tür­lich den An­schein, dass man die Zu­stim­mung der Idio­ten leicht ab­fi­schen kann, aber das tut den Idio­ten in­so­fern un­recht, als man Dumm­heit und Ge­mein­heit in ei­nen Topf wirft.
    Über­haupt wan­dert Fe­der­mair in sei­nem Text ei­nen sehr schma­len Grat ent­lang.
    Es gibt kei­nen di­rek­ten Nach­weis über ei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen IQ und Mo­ra­li­tät; das ist auch schwer zu te­sten. Was wir aber in­zwi­schen sehr ge­nau wis­sen: es gibt ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Mo­ra­li­tät und Cha­rak­ter. Und die­ses Er­geb­nis ge­fällt den Uni­ver­sa­li­sten wo­mög­lich über­haupt nicht, denn es zeigt, dass die Wer­te und Wert­ent­schei­dun­gen un­ter­schied­li­che Prio­ri­tä­ten aus­prä­gen, je nach Cha­rak­ter.
    Und ei­ne wei­te­re ver­blüf­fen­de In­tui­ti­on: wir hal­ten Men­schen, die in ei­ner Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on (Flücht­lin­ge ret­ten...) zu an­de­ren Er­geb­nis­sen kom­men als wir selbst, für düm­mer. Wir den­ken zwei­fach schlecht über sie: mo­ra­lisch ver­kom­men und we­ni­ger in­tel­li­gent als wir selbst.

    #7

  8. @die_kalte_Sophie

    Das Mo­ral und In­tel­li­genz in so­zu­sa­gen ne­ga­ti­ver Kor­re­la­ti­on ge­bracht wer­den ist eben ein­fa­cher als ei­nen ar­gu­men­ta­ti­ven Aus­tausch vor­zu­neh­men. Das ken­ne ich im üb­ri­gen von frü­he­ster Ju­gend: Der An­ders­den­ken­de war wenn nicht der Dum­me, so doch der­je­ni­ge, den es zu be­keh­ren gilt. Der Pa­ter­na­lis­mus ist ja nicht neu.

    In­ter­es­sant scheint mir die The­se zu sein, dass man ge­sell­schaft­li­che Ten­den­zen nicht aus dem Kom­men­tar­be­reich so­zia­ler Me­di­en ab­lei­ten soll. Aber die Kom­men­ta­re sind nun ein­mal da. Rich­tig ist, dass die Em­pö­rung hier­über zu ei­ner wei­te­ren vi­ra­len Ver­brei­tung führt. Auf­merk­sam­keit ist ja al­les. An­de­rer­seits ist es schwie­rig po­li­ti­sche Strö­mun­gen voll­kom­men zu igno­rie­ren.

    Die Fra­ge ist ja bei der Be­richt­erstat­tung um Trump am deut­lich­sten. Ak­tu­ell ja­gen die Me­di­en je­de Sau, die Trump twit­tert, durch das Dorf. Hin­zu kom­men lau­fend Mei­nungs­ar­ti­kel, die ein bal­di­ges En­de ent­we­der sei­ner Prä­si­dent­schaft oder gleich so­fort der Vor­rang­rol­le der USA pro­gno­sti­zie­ren. Dann ver­sucht man her­aus­zu­ar­bei­ten, wann die Toch­ter, der Sohn oder die Frau Trump wi­der­spricht. Und wie dies ge­schieht. Das ist na­tür­lich Kin­der­kram und da spielt ei­ne Men­ge Wunsch­den­ken mit. Und so könn­te ich mir vor­stel­len, dass die über­bor­den­de Be­richt­erstat­tung nebst Mei­nungs­ge­wit­ter zu Trump das Ge­gen­teil des­sen be­wirkt, was er­reicht wer­den soll. Wo­bei es ja über­haupt pro­ble­ma­tisch ist, wenn Jour­na­lis­mus po­li­ti­sche Zie­le for­mu­liert.

    Die Fra­ge ist al­so, ob auf den Schmutz, der aus den Kom­men­tar­be­rei­chen der so­zia­len Me­di­en an­ge­spült wird, Rück­schlüs­se auf die Ver­fasst­heit der Ge­sell­schaft sel­ber an­ge­stellt wer­den kön­nen. Und ob nicht die Ver­brei­tung des­sen, was sich dort ab­spielt, zu de­ren Po­pu­la­ri­sie­rung bei­trägt. Den so­ge­nann­ten po­pu­li­sti­schen Par­tei­en ver­schafft man da­mit un­ver­hoff­ter­wei­se den Sauer­stoff, den sie zur Ver­sor­gung ih­rer The­sen be­nö­ti­gen. Tot­schwei­gen geht aber auch nicht. Ge­las­sen­heit wä­re an­ge­brach­ter.

    #8

  9. die_kalte_Sophie sagt:

    Trump und die Po­pu­li­sten stel­len die uns gut be­kann­te »Kon­sens-In­ter­pre­ta­ti­on« der li­be­ra­len west­li­che Ge­sell­schaf­ten auf den Kopf. Nach die­ser In­ter­pre­ta­ti­on sind die Wahr­heit und die Fak­ten neu­tral und un­ver­än­der­lich, der Wer­te-Ka­non über­la­gert al­les, und die Mei­nun­gen sind bei­na­he will­kür­li­che Ge­schmacks-Re­sul­ta­te, die sich nach sub­jek­ti­ven Kri­te­ri­en »aus dem Hin­ter­kopf« der Teil­neh­mer ein­stel­len.
    Die­se In­ter­pre­ta­ti­on war nie ganz rea­li­stisch, aber be­stimmt nicht schäd­lich.
    Die Po­pu­li­sten füh­ren nun das Loya­li­täts- oder Zu­ge­hö­rig­keits­kri­te­ri­um ein, ganz ähn­lich wie es re­li­giö­se Grup­pen tun, wo auch nicht je­der glau­ben darf, was er will.
    Bei­spiel: Wenn der Prä­si­dent sagt, dass es die größ­te Kund­ge­bung nach ei­ner Amts­ein­füh­rung vor dem Ka­pi­tol war, dann war das auch so, wenn es nicht stimmt.
    In­ter­es­sant sind die Re­ak­tio­nen: ei­ni­ge la­chen und ap­plau­die­ren, ei­ni­ge zucken ge­lang­weilt mit den Schul­tern (Quatsch!), und wie­der an­de­re re­agie­ren mit al­len »ar­gu­men­ta­ti­ven Mit­teln«, um den Un­ter­gang der ame­ri­ka­ni­schen De­mo­kra­tie auf­zu­hal­ten.
    Und doch sind die Wahr­heits­ver­tei­di­ger nicht neu­tral, son­dern im­mer schon Geg­ner des re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ge­we­sen. Sie be­haup­ten, po­li­ti­sche Dop­pel­köp­fe zu sein, ge­nau nach dem Kon­sens-Mo­dell. Sie ha­ben ei­ne He­mi­sphä­re für die Fak­ten, ei­ne He­mi­sphä­re für die Wer­te, und ei­nen Hin­ter­kopf für ih­re Prä­fe­ren­zen. Und nur weil die Fak­ten und die Wer­te auf dem Spiel ste­hen, müss­ten sie jetzt re­agie­ren. Nicht dass es um Par­tei­lich­kei­ten geht...
    Aber so ei­nen Dop­pel­kopf gibt es nicht, bzw. die­ser An­spruch auf ei­ne Schieds­rich­ter-Funk­ti­on ist dann doch recht durch­sich­tig. Ganz so neu­tral sind wir al­le nicht. Un­ser Fak­ten­wis­sen ist se­lek­tiert, von An­fang an. Das Ge­dächt­nis weiß, was uns ge­fällt. Und wenn wir Ana­ly­sen zu Ra­te zie­hen, dann kann es sein, dass wir ge­nau je­ne Ana­ly­sen für ob­jek­tiv hal­ten, die un­se­re Vor­ur­tei­le be­stä­ti­gen, und nicht je­ne, die die be­ste Da­ten­grund­la­ge ha­ben.
    Der Jour­na­lis­mus ist ge­gen­über dem Po­pu­lis­mus in ei­ner Zwangs­la­ge: er kann den Teu­fel nicht mit dem Beel­ze­bub aus­trei­ben. D.h. die ur­sprüng­li­che Ver­su­chung des Bou­le­vard (Auf­merk­sam­keit ist wich­ti­ger als In­halt) kann nicht ein­fach pro­ak­tiv ver­folgt wer­den, weil sich da­mit ein run-to-the-bot­tom ab­zeich­net.
    An­de­rer­seits ist der Jour­na­lis­mus auch kei­ne aus­ge­wie­se­ne Ba­sti­on der Ver­nunft, son­dern nur die Lai­en- bzw All­tags­va­ri­an­te da­von. D.h. wir ge­hen von An­fang an fehl wenn wir glau­ben, in der po­li­ti­schen Öf­fent­lich­keit wür­de sich ei­ne Art er­kennt­nis­theo­re­ti­scher End­kampf be­trei­ben (und ge­win­nen) las­sen. Sol­che Zu­spit­zun­gen sind mit Si­cher­heit ideo­lo­gi­scher Na­tur.
    Po­li­tik wird doch im Flach­land ge­macht.
    Aber der Po­pu­lis­mus ist in­so­fern un­be­quem als er be­weist, wie schwie­rig das manch­mal ist. Und wie stark un­se­re »grüpp­chen­haf­te Na­tur« ist...

    #9

  10. Krylow sagt:

    Bloms Re­de bleibt si­cher­lich in ei­ni­gen Punk­ten dif­fus, klei­det Of­fen­sicht­li­ches und auch Be­kann­tes in Wor­te. Der gan­ze Text fußt auf der The­se, dass die Be­dro­hung der De­mo­kra­tie re­al ist und dass sich Ge­schich­te wie­der­holt. Man fin­det vie­le Ar­ti­kel, die die­se Sicht tei­len, aber wie an­ge­merkt, auch sol­che, die ei­ne ge­gen­tei­li­ge Mei­nung for­mu­lie­ren.
    Ich mein­te da ei­ne Über­schnei­dung zu me­tep­si­lo­n­e­mas Kom­men­tar ge­se­hen zu ha­ben, wo­bei ich auch nicht weiß, was ge­nau mit „nicht ver­han­del­ba­rem Tun“ ge­meint ist.
     
    Die Brie­fe von Hof­mannsthals, der, wie ich las, Mit­be­grün­der der Salz­bur­ger Fest­spie­le war (wie pas­send), fand ich nicht nur mit Be­zug auf die Bild­be­trach­tung, son­dern auch auf Be­grif­fe wie Hei­mat und Er­in­ne­rung (und de­ren Zu­sam­men­spiel) sehr le­sens­wert. Dan­ke da­für.
    Ich weiß nicht, wie ich es am be­sten aus­drücken kann, aber Tex­te wie die­se, die Be­ob­ach­tun­gen und Be­schrei­bun­gen wäh­rend der Rei­se durch Deutsch­land, ins­be­son­de­re mit Blick auf die Men­schen und „das Ge­mein­schafts­bil­den­de“, ha­ben auf mich auch ei­ne er­den­de Wir­kung. Denn so, wie die Su­che nach dem Er­in­ner­ten in der Ge­gen­wart zum Schei­tern ver­ur­teilt ist, ge­stal­tet sich viel­leicht der Ver­such, ge­sell­schaft­li­che Rück­schlüs­se aus Kom­men­tar­spal­ten zie­hen zu wol­len.
     
    Ich schlie­ße mich des­halb dem Ruf nach Ge­las­sen­heit an, be­ob­ach­te ich doch an mir selbst, wie sehr ich Aus­zei­ten von De­bat­ten, viel­mehr der irr­wit­zi­gen Ge­schwin­dig­keit, in der sie ge­führt wer­den, brau­che. Die Zeit, die ich bräuch­te, um mein se­lek­ti­ves (Fach-)Wissen zu über­prü­fen, zu hin­ter­fra­gen und ge­ge­be­nen­falls zu er­wei­tern, ist zwar theo­re­tisch vor­han­den, wird aber dem näch­sten The­ma ge­op­fert. Und so be­we­ge ich mich dann schnell mal auf Schie­nen in Rou­ti­nen, die es mög­li­cher­wei­se wert wä­ren, auf­ge­sprengt zu wer­den.
     
    Ich muss in den Dis­kus­sio­nen auch an Re­den von Václav Ha­vel den­ken, die er 1990/91 hielt und die in dem Band „Angst vor der Frei­heit“ ver­sam­melt sind. Er hielt im Ju­li 1990 ei­ne Re­de zur Er­öff­nung der Salz­bur­ger Fest­spie­le. Er be­schreibt dar­in den Zu­stand, den ihn und vie­le an­de­re nach dem Zu­sam­men­bruch des to­ta­li­tä­ren Sy­stems er­grif­fen hat, mit „ei­gen­ar­tig ge­lähmt“ und „katerartige[r] Lee­re“. „Wir sind wie Ge­fan­ge­ne, die sich an das Ge­fäng­nis ge­wöhnt hat­ten, und, aus hei­te­rem Him­mel in die er­sehn­te Frei­heit ent­las­sen, nicht wis­sen, wie sie mit ihr um­ge­hen sol­len, und ver­zwei­felt sind, weil sie sich stän­dig selbst ent­schei­den müs­sen.“ Er sieht ei­nen ver­stärk­ten Sinn für Angst in die­sem Raum, der sich „dau­ernd durch na­tio­na­le oder gar na­tio­na­li­sti­sche Selbst­be­stä­ti­gung“ wehr­te. Ich glau­be, dass in den ehe­mals to­ta­li­tä­ren Staa­ten die­se Angst noch im­mer ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät hat.
     
    Im sel­ben Jahr hielt Ha­vel in Os­lo noch ei­ne Re­de zur „Ana­to­mie des Has­ses“, in der er vom Haß des In­di­vi­du­ums zur An­zie­hungs­kraft und be­son­de­ren Ge­fahr des kol­lek­ti­ven oder auch Grup­pen­has­ses re­fe­riert. Er spricht über die „Il­lu­si­on der Recht­mä­ßig­keit“ und das„Gefühl ei­ner kol­lek­ti­ven Rücken­deckung.“ Er plä­diert, den Hass „en­er­gisch [zu] be­kämp­fen“ und ihm „zu wi­der­ste­hen“. Tot­schwei­gen ist kei­ne Lö­sung, un­nö­ti­ges, me­dia­les Auf­bau­schen auch nicht. Die Äng­ste ernst neh­men, ein­an­der of­fen zu­hö­ren – viel mehr fällt mir nicht ein.
    In der Po­li­tik wä­re es von Vor­teil, wenn es mal hie­ße, »wir ha­ben« statt »wir müs­sen«, wenn das Ge­fühl des auf der Stel­le tre­tens ver­schwän­de.

    #10

  11. @die_kalte_Sophie
    Dass wir al­le »kon­di­tio­niert« sind auf be­stimm­te »Fak­ten« und Ein­flüs­se ist ja nicht schlimm. Ent­schei­dend ist, dass wir uns des­sen be­wusst sind. Fi­gu­ren wie Trump sind des­halb so fas­zi­nie­rend für Jour­na­li­sten und Mei­nungs­ma­cher, weil sie jeg­li­che Dia­lek­tik au­ßer Kraft set­zen. Und dies, weil sie sel­ber nichts an­de­res als sich und ih­re Welt­sicht gel­ten las­sen.

    Von Ga­da­mer stammt das Wort, dass ein Ge­spräch nur »funk­tio­nie­re« (mei­ne Wort­wahl) wenn bei­de Part­ner min­de­stens theo­re­tisch ak­zep­tie­ren, dass der an­de­re Recht ha­ben könn­te. Trump ne­giert das nicht nur, son­dern er stellt es of­fen­siv in Zwei­fel. Die Geg­ner Trumps schwen­ken auf sei­ne ab­so­lu­ti­sti­sche Sicht der Din­ge ein – nur dass sie es von der an­de­ren Sei­te be­trach­ten. Es ist wie bei ei­ner Dis­kus­si­on in der je­der da­durch Recht be­kom­men möch­te, in dem er am lau­te­sten ruft.

    In­so­fern las­sen »wir« uns von Trump (et. al.) an der Na­se her­um­füh­ren, in dem wir sei­nen Duk­tus ähn­lich wie er er­wi­dern.

    @Krylow
    Vie­len Dank für die Re­kur­se auf Ha­vel, die wirk­lich in­ter­es­sant sind. Er hat­te sich ja als Prä­si­dent dem Na­tio­na­lis­mus der Slo­wa­ken, der sehr ag­gres­siv war, ge­beugt und nach­ge­ge­ben, weil er das Schick­sal des da­mals aus­ein­an­der­fal­len­den Ju­go­sla­wi­en nicht für die Tsche­cho­slo­wa­kei ris­kie­ren woll­te. Nach 1989/90 gab es ja sehr vie­le Bei­spie­le, wie die wie­der­ge­won­ne­ne po­li­ti­sche Frei­heit von na­tio­na­li­sti­schen Ele­men­ten ge­nutzt wur­de. Ich stim­me mit Ih­nen über­ein, dass das bis heu­te noch gilt. Was ich nicht ver­stan­den ha­be war, dass sich die­se Län­der dann doch in die Eu­ro­päi­sche Uni­on be­ge­ben ha­ben. Es wa­ren wohl aus­schließ­lich öko­no­mi­sche Grün­de (Markt­zu­gang). Die Dis­kre­panz zwi­schen ei­ner su­pra­na­tio­nal auf­tre­ten­den EU und ei­ner eher an Frei­han­del ori­en­tier­ten Uni­on er­le­ben wir der­zeit als Zer­reiss­pro­be.

    Die For­mel vom »Hass be­kämp­fen« hö­ren wir ja all­über­all. Mein Pro­blem ist, dass die­se Be­kämp­fung häu­fig sel­ber in Hass um­schlägt. Et­wa wenn in ei­ner De­mon­stra­ti­on ge­gen die Asyl- und Flücht­lings­po­li­tik der CSU in Mün­chen die An­fangs­buch­sta­ben der bei­den CSU-Prot­ago­ni­sten mit mit SS-Ru­ne ge­schrie­ben wer­den. Das mei­ne ich, wenn ich schrei­be, dass man sich dem (nied­ri­gen) Ni­veau de­rer, die man be­kämpft, nicht an­pas­sen soll­te.

    Ja, auch ich möch­te den Em­pö­rungs­rou­ti­nen ent­kom­men. Ich kann es nur, wenn ich die Ki­ste ab­schal­te. Ob das ei­ne Lö­sung ist, weiß ich nicht.

    #11

  12. Ich war ein paar Ta­ge im Ab­seits. Kurz zu Blom, der die Zu­sam­men­hän­ge ent­we­der nicht sieht oder bloß plau­dern will. Er schreibt: »Die glo­ba­le Wirt­schafts­ord­nung ist zu ei­ner bit­te­ren Par­odie der auf­ge­klär­ten Ge­dan­ken mu­tiert, auf die sie sich be­ruft. Sie er­setzt die Ra­tio­na­li­tät durch die Ra­tio­na­li­sie­rung, den Uni­ver­sa­lis­mus durch den glo­ba­len Markt, die Frei­heit des Men­schen durch die Wahl der Kon­su­men­ten zwi­schen Pro­duk­ten und die Gleich­heit durch sta­ti­sti­sche Nor­mie­rung. Bür­ger­rech­te wer­den zu Ga­ran­tie­lei­stun­gen, denn in die­ser Welt braucht man kei­nen Pass, son­dern ei­ne Kre­dit­kar­te.« Und ver­kennt, dass all das Re­sul­tat und nicht Ge­gen­satz des Pro­zes­ses ist, den wir Auf­klä­rung nen­nen. Wenn sich die Ver­nunft durch den Pro­zess der Auf­klä­rung von al­lem ent­le­digt (ge­rei­nigt) hat, was ihr noch an­ge­haf­tet ist, z.B. ei­nen Be­zug zu ver­bind­li­chen Ide­en, et­wa der der Ge­rech­tig­keit, die durch ei­nen Rest an My­thi­zi­tät die­se Ver­bind­lich­keit er­reicht ha­ben (ver­gleich­bar der Strahl­kraft den Re­li­gi­on oder Glau­ben be­sit­zen, die aber durch Ver­nunft­tä­tig­keit des Ein­zel­nen ein­hol­bar und deut­bar ist), dann bleibt ein Werk­zeug über, das nur noch ein Mit­tel­den­ken ge­stat­tet. Dar­aus ist die Welt ent­stan­den in der wir le­ben; Hass und Angst sind ih­re Sym­pto­me, die nicht da­durch ver­schwin­den, dass man sie be­kämpft. Die un­se­li­ge Rol­le, die der Li­be­ra­lis­mus da­bei spielt, ist, dass er den Men­schen auf die Ver­fol­gung sei­ner Ei­gen­in­ter­es­sen be­schränkt und da­von et­was Gu­tes er­war­tet. Dar­aus ent­steht vie­les, aber si­cher­lich nichts von all­ge­mei­ner Ver­bind­lich­keit, nichts was uns wei­ter­hilft, der Pro­zess wird bloß wei­ter ze­men­tiert, denn nichts eig­net sich bes­ser für das Ver­fol­gen der Ei­gen­in­ter­es­sen als ei­ne for­ma­li­sier­te (in­stru­men­tel­le) Ver­nunft; bei mir ent­stand beim Le­sen der Ein­druck, dass Blom in der Luft zap­pelt, das sieht man auch am En­de, als völ­lig un­ver­mit­telt Em­pa­thie und Sinn­lich­keit auf­tau­chen, de­ren Un­ter­drückung nicht da­durch ver­schwin­det, dass man sie gleich ei­nem Im­pe­ra­tiv ein­for­dert. Das Ver­lo­re­ne ist – ich fol­ge noch im­mer Hork­hei­mer und Ador­no – nicht wie­der her­zu­stel­len, es sei denn durch re­pres­si­ve Sy­ste­me wie wir sie aus dem 20. Jahr­hun­dert ken­nen, die Re­pres­si­on ist des­we­gen not­wen­dig, weil das Ver­gan­ge­ne, das wie­der auf­ge­rich­tet wer­den soll, aus sich her­aus nicht mehr ge­nü­gend Kraft be­sitzt (dass die Men­schen­rech­te heu­te ei­ner­seits ein Macht­in­stru­ment ge­wor­den sind, an­de­rer­seits als bloß auf Pa­pier ge­krit­zelt wir­ken, gleich­sam Ma­ku­la­tur sind, ist auch ei­ne Fol­ge des be­schrie­be­nen Pro­zes­ses). Den­ken muss, den bei­den fol­gend, ein mime­ti­sches sein, vom Ge­fühl be­glei­tet, die sinn­li­che Welt ach­tend, ja die­ser so­gar ein Pri­mat ein­räu­men, da das in­stru­men­tel­le Den­ken die­se be­herrscht, ver­zerrt und miss­ach­tet (durch die­se Herr­schafts­aus­übung ver­ding­li­chen die Sub­jek­te, ent­frem­den sich von der Na­tur, von sich selbst, von ih­rem Mit­men­schen; die Ver­nunft ist ein Werk­zeug, al­les an­de­re Ob­jekt bzw. Mit­tel); Ador­no fin­det das (oder et­was Ver­gleich­ba­res) in der künst­le­ri­schen (äs­the­ti­schen) Wahr­neh­mung, die er zur Grund­la­ge sei­ner Er­kennt­nis­theo­rie macht. Der Künst­ler (oder der zur äs­the­ti­schen Wahr­neh­mung Be­fä­hig­te) ist der­je­ni­ge, der das an­de­re, das nicht durch die ge­sell­schaft­li­che Prak­tik Vor­ge­ge­be­ne (Vor­struk­tu­rier­te) über­haupt noch zu se­hen ver­mag, nur er nimmt das Dif­fe­ren­te (Nicht­iden­ti­sche) wahr und ach­te­te es, da­durch dass er sich selbst zu­rück­nimmt und pas­siv, bloß wahr­neh­mend wird (das Sub­jekt ist für ihn im­mer schon ge­sell­schaft­lich struk­tu­riert); da­durch ge­winnt die Kunst (bzw. die Kunst­wer­ke oder die künst­le­ri­sche Tä­tig­keit ein ge­sell­schafts­kri­ti­sches Mo­ment).

    Ich glau­be, dass die Tren­nung von Ver­nunft und Sinn­lich­keit kaum zu leug­nen ist, man könn­te noch ein­mal an­ders for­mu­lie­ren und von ei­ner Über­tra­gung der in­stru­men­tel­len Lo­gik auf Be­rei­che spre­chen, in de­nen sie nichts ver­lo­ren hat, ein tech­ni­sches Ge­rät kann und muss man wohl so be­trach­ten, aber es ver­deckt dann wie­der die Tie­fen­di­men­si­on der »An­ge­le­gen­heit«. Man sieht das m.E. an et­li­chen Phä­no­me­nen wie der Ver­brei­tung von De­pres­si­on und Bur­nout oder an (so­ge­nann­ten) ver­hal­tens­auf­fäl­li­gen Kin­dern, das hat al­les mit die­ser ein­sei­ti­gen, ra­tio­na­len Be­stim­mung zu tun, die der an­de­ren Sei­te nicht oder kaum mehr be­wusst ist. Man kann über­le­gen, ob die Un­fä­hig­keit ein Ge­spräch zu füh­ren, nicht auch da­durch er­klärt wer­den kann, dass da­zu eben ge­hört ei­nen an­de­ren als Selbst­zweck gel­ten las­sen zu kön­nen. Je­den­falls ist, um noch ein­mal dar­auf zu­rück­zu­kom­men, der Text von Blom auch des­halb leer, weil die Wucht und die Ge­walt, die Ein­sei­tig­keit, die nicht durch ei­nen Im­pe­ra­tiv über­wun­den wer­den kann (und der Im­pe­ra­tiv bloß zeigt, das er ih­rer nicht ein­ge­denk ist) dar­in nicht auf­tau­chen. Ich ha­be kei­ne Lö­sung, se­he mich von all dem be­trof­fen und ver­su­che mir das vom Leib zu hal­ten, wo es nur geht, nicht mit­zu­ma­chen wo es mir mög­lich ist, sehr lan­ge tat ich das in­tui­tiv, ha­be ich be­stimm­te Din­ge ab­ge­lehnt, weil sie mich be­frem­det ha­ben (z.B. bin ich zu je­ner Prak­tik, die man »netz­wer­ken« nennt, un­fä­hig, ich hat­te auch nie Lust das zu tun und si­cher­lich hat das auch mit mei­ner Un­fä­hig­keit da­zu zu tun; heu­te bin ich froh dar­über, denn das sy­ste­ma­ti­sche Auf­bau­en von Kon­tak­ten aus Grün­den von Nütz­lich­keit ist ei­ne in­stru­men­tel­le Art mei­nen Mit­men­schen zu be­geg­nen).

    Ich hat­te beim Le­sen des Kom­men­tarstrangs den Ein­druck, dass mein Satz, den Kry­low zi­tier­te, Blom zu­ge­spro­chen wur­de: »Das aber rächt sich und man muss wohl fest­stel­len, dass vie­le Men­schen den Zu­gang zu sich selbst im Sin­ne ih­rer sinn­lich-emo­tio­na­len Welt oder be­deu­tungs­vol­lem (al­so: nicht ver­han­del­ba­rem) Tun weit­ge­hend ver­lo­ren ha­ben (man ist ge­stresst, in Ei­le, läuft von ei­nem Ter­min zum an­de­ren, man amü­siert sich, frisst und säuft, ge­gen je­des Maß und eben ge­gen sich selbst).« Was mei­ne ich mit »nicht ver­han­del­ba­rem Tun«? Ei­nes, das für den Be­tref­fen­den, der es aus­übt, be­deu­tungs­voll ist, das für sich ste­hen kann, das ei­nen Selbst­zweck dar­stellt, das ich nicht pri­mär aus ei­ner Nutz­ori­en­tie­rung an­stre­be und über das ich mich wei­ge­re ei­ne sol­che aus­zu­brei­ten. Das Wort »Stecken­pferd« hat, auch wenn es viel­leicht ver­nied­li­chend klingt, doch et­was von der Ab­sur­di­tät ei­ner Be­deu­tung in sich, die man sich nicht er­klä­ren kann und die doch das ei­ge­ne Tun lenkt. Das ist ein Rest an My­thi­zi­tät, ein Ein­ge­nom­men­sein, das man nicht preis­ge­ben will, das manch­mal tief in die ei­ge­ne Kind­heit zu­rück­reicht und das sich al­ler Funk­tio­na­li­tät zu ent­zie­hen weiß (ich ver­mu­te, dass Gre­gors Hin­wen­dung zur Li­te­ra­tur, so ei­nen Grund hat oder sich die Exi­stenz die­ses Blogs eben nicht dar­in er­füllt, dass er auf Auf­merk­sam­keits­ma­xi­mie­rung und Selbst­dar­stel­lung zielt). — Kin­der, die zeich­nen oder ba­steln, oh­ne dass ein Er­wach­se­ner sich the­ma­tisch in de­ren Tun ein­mischt, han­deln nicht nur be­deu­tungs­voll, son­dern auch äs­the­tisch, d.h. von ih­ren Sin­nen ge­lei­tet, ih­nen ist (im Sin­ne sym­bo­li­schen Han­delns) völ­lig selbst­ver­ständ­lich was vie­len Er­wach­se­nen fehlt, was sie über dem, wie ich ein­mal tref­fend ge­le­sen ha­be, an­geb­lich Le­bens­not­wen­di­gen, ver­lo­ren ha­ben. Das zeigt un­ser Di­lem­ma, ist aber zu­gleich noch ein Fun­ke Hoff­nung.

    #12

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