Der Wille zum Nichtwissen (7/9)

Anmerkungen zu einer Handvoll legendärer Sätze

7 – Wir googeln uns blöd!

Digitale Demenz lautet der reißerische Titel eines Buchs, das vor einigen Jahren in Deutschland ein Bestsellererfolg war. Doch der in zwei Worte gefaßte Befund des Gehirnforschers und Psychiaters Manfred Spitzer ist wohlüberlegt und wohlformuliert. Bildschirmmedien hindern die Gehirntätigkeit eher, als daß sie sie fördern: das galt schon für das Fernsehzeitalter, und es gilt erst recht für die digitalen Medien. Das Abnehmen der Leistungsfähigkeit des Gehirns bezeichnet man als »Demenz«; es muß nicht zwangsläufig erst im hohen Alter einsetzen. Eine zweite Bedeutung der Formel bezieht sich auf gesellschaftliche Auswirkungen der inzwischen übermächtigen Digitalkultur. Werden die Bevölkerungen tendenziell immer dümmer? Spitzer zitiert eine Reihe von Studien und Experimenten, die diesen Schluß nahelegen. Insgesamt ist die Schul- und Hochschul­bildung im Verlauf des 20. Jahrhunderts in den westlichen Ländern sicher viel breiter geworden. Ob sie – Massenuniversitäten statt Eliteschmieden – auch besser geworden ist, ist eine andere Frage. Wenn es einen Umkehrpunkt gegeben hat, wann genau und weshalb? Die Computer werden nicht allein daran schuld sein.

Spitzers zwanghafte Art, den Eindruck wissenschaftlicher Absicherung zu erwecken, ist eine der Seiten, die an seinen Auftritten kritisiert werden. Jede Menge Statistiken, Korrelationen, aber kein Entfalten von Zusammenhängen. Und pauschale Verurteilungen, ein ums andere Mal wiederholt. Wenig Erzählung, würde ich hinzufügen: Wenig konkrete Beispiele, wenig eigene Erfahrungen. Aber das mag Aufgabe der Literatur sein, also meine. Im großen und ganzen stimme ich Spitzers Einschätzungen zu, auch wenn mir sein hämmernder Stil auf die Nerven geht. Daß wir uns vom digital-medialen Überbau nicht gänzlich befreien können und das folglich auch nicht versuchen sollten, gesteht er selbst zu, allerdings tönt die Konzession viel leiser als seine Unkenrufe. Wir sollten unsere Aufenthaltszeit in der digitalen Welt beschränken, d. h. regulieren (horribile dictu!), manchmal auch längere Pausen einlegen, und vor allem sollten wir eine solche Diät schon unseren Kindern angedeihen lassen. Die vielbeschworenen digitalen Kompetenzen lassen sich nur in Verbindung mit »Vorwissen«, wie Spitzer es nennt, also mit traditionellen geistigen Fähigkeiten, die man nicht am Bildschirm erwirbt, sondern im Kontakt mit der Erfahrungswelt, mit Büchern und mit Erziehungspersonen, sinnvoll ausüben.

Einen Problemtypus, der durch digitale Maschinen, Roboter und Algorithmen entsteht, kann man mit dem Wort »Auslagerung« benennen. Die entsprechenden Phänomene reichen von Suchmaschinen über GPS und Datenträger – Festplatten, USB-Sticks, Cloud – bis zu Übersetzungsmaschinen, Sprachassistenten, Transportdrohnen und selbst­fahrenden Autos (übrigens ein Pleonasmus: »Auto-Autos«). Wie alle digitalen Phänomene sind auch diese nicht ganz neu. Man hat immer schon versucht, Wissen und Fertigkeiten auszulagern, zum Beispiel in Bücher und Bibliotheken. Dennoch haben Beschleunigung, höhere Quantität und Virtualisierung zu einer neuen Situation geführt. Wer im Auto mit GPS fährt, muß sich nicht orientieren; wer ein annähernd automatisiertes, intelligentes Auto besitzt, muß nicht mehr viel lenken, beschleunigen, bremsen (er wird womöglich die Kunst des Autofahrens verlernen); wer Übersetzungsmaschinen besitzt, braucht keine Sprachen zu erlernen; wer zahlreiche Fotos gespeichert hat, braucht sich nicht zu erinnern, er kann Daten – im Sinn von Zeit-Punkten – jederzeit abrufen, sofern er einen mobilen Computer besitzt; Suchmaschinen entlasten uns von der Notwendigkeit, Wissen im Kopf zu behalten – auch das in einem beliebigen Moment abgerufene Wissen müssen wir uns nicht merken, wir können bei Bedarf ja neuerlich googeln; Ströme von stehenden und bewegten Bildern auf dem Bildschirm befreien uns sogar in der freien Natur vom Wunsch und der Notwendigkeit, unsere Umgebung wahrzunehmen; wer viele Facebook-Freunde hat, braucht in der Wirklichkeit keine zu haben.

Suchmaschinen und alles übrige, was ich hier anführe, sind praktisch; derlei Gerät­schaften erhöhen die Bequemlichkeit des Alltagslebens. Aber ist das gut oder schlecht? Zunächst einmal, bevor ich eine Antwort versuche (falls sie denn nötig sein wird), die Erinnerung an meine eigene Jugend, an die Vorhaltungen der Erwachsenen, wir Jungen seien bequem. Solche Vorhaltungen oder Ermahnungen wird es immer geben, immer gegeben haben. Meine Kinder sollen es einmal besser haben… Und dann, wenn sie es besser haben: Meine Kinder sind so bequem! Mittlerweile bin ich alt geworden, aber ich glaube nicht, daß es nur daran liegt, daß ich die durch die Digitalisierung entstandene allgemeine Bequemlichkeit für gefährlich halte. Gefährlich deshalb, weil sie dem Menschenwesen – den Personen – den Boden entzieht. Im Grunde genommen müssen wir in absehbarer Zeit gar nichts mehr tun, nichts mehr wissen, nicht einmal mehr mit Mitmenschen kommunizieren. Wir müssen nicht lesen und schreiben können, weil Sensoren die Informationsaufnahme und –wiedergabe, Input und Output, für uns erledigen. Sprechen werden wir weiterhin lernen, auf »natürliche« Weise – hoffentlich. Wir müssen nicht: Genau darin liegt nicht nur eine Gefahr, sondern eine Chance, denn wir könnten ja einfach nur unsere Freiheit gebrauchen, um zu lernen, wir müßten es nicht mehr aus Notwendigkeit tun. Ob die Masse diese Freiheit wirklich gebrauchen wird, ist eine große Frage, der ich hier nicht nachgehen will. Auch sehen und hören werden wir weiterhin auf natürliche Weise lernen. Wir werden die Möglichkeit haben, unsere Sinne auf gute, bewußte, fortgeschrittene Weise auszubilden. (Natürlich können wir uns auch als Konsumenten digital-virtuelle Bilder am laufenden Band reinziehen und uns von Dauer­popmusik berieseln lassen.) Das, glaube ich, sind wesentliche Fragen und Aufgaben für die Schulen. Wahrgenommen werden sie von den Zuständigen bisher so gut wie gar nicht. Die Zuständigen – Pädagogen, Politiker – beschränken ihre Bemühungen auf das Gebiet der Technologie.

Suchen im grenzenlosen Internet sind in den meisten Fällen oberflächlich; der Ausdruck »Benutzeroberfläche« ist treffend und auch verräterisch. Digital gespeichertes Wissen wird »abgerufen«, gestreift, angetippt, angeklickt, aber aufgenommen, assimiliert, angeeignet, verarbeitet, weiterentwickelt wird es nicht. Der Suchende beschränkt sich gewöhnlich auf die ersten zwei, drei der von einem Algorithmus gefilterten und gereihten Einträge, liest womöglich ein paar Sätze eines aufgefunden Textes, sieht flüchtig ein Bild an – und springt dann weiter. Ich sehe diese Gefahr bei mir selbst, auch wenn ich glaube, daß mein prädigitales Vorwissen es mir ermöglicht, trotz allem immer wieder in die Tiefe zu gehen. Oft passiert es mir, daß ich nach etwas Bestimmtem suche, mich dann aber treiben lasse – es ist ja alles so interessant! – und am Ende nicht mehr weiß, wonach ich ursprünglich gesucht hatte. Diese Art, mit Wissen, oder genauer: mit Daten umzugehen, ist dispersiv, die gezogenen Spuren, die man in der history nachvollziehen kann (was man aber kaum je tut, weil die Menge der angeklickten Punkte einfach zu groß ist), sind zentrifugal, sie verlieren sich in, wie es so schön heißt, den Weiten des Netzes. Byung-Chul Han unterscheidet zwischen Wissen und Information, Ricardo Piglia – der »Wissen« in etwa so versteht wie »Information« – zwischen Wissen und Erfahrung. Die zweite Differenzierung scheint mir nützlicher, denn tatsächlich erspart uns das Internet Erfahrungen, da wir keine Erlebens- und Erarbeitungsprozesse mehr auf uns nehmen, weil eh schon alles da und verfügbar ist. Am Ende der anthropologischen Mutation, deren Symptome die hier angedeuteten Verhaltensweisen sind, stehen erfahrungs- und geschichtslose, auch perspektivlose Wesen, die sich im Augenblickstakt durch die virtuellen Zonen der horizontlosen Weite zappen. Daß digitale Suchmaschinen grund­sätzlich die Dummheit fördern, würde ich im Unterschied zu Manfred Spitzer nicht sagen. Auch die digitale Suche führt doch regelmäßig zu Texten, zum Beispiel zu häufig revidierten, oft sehr guten Einträgen in Wikipedia, wie auch zu alten Texten, wie sie etwa im Projekt Gutenberg gespeichert sind. Und die muß man dann eben lesen, um sich wirklich zu »informieren«, sei es am Computer oder in der Bibliothek. Es stimmt aber auch, daß die digitalen Suchmaschinen dazu verführen, keine ganzen Bücher, sondern lediglich Titel, Stichworte, abstracts, Textanfänge zu lesen. In den Kommentaren der digitalen Foren kann man häufig ein Stöhnen hören, sobald der Nutzer eine Seite nach unten scrollen soll – das heißt, sobald der Text eine gewisse Länge überschreitet.

Bei meinen japanischen, chinesischen und taiwanesischen Studenten stelle ich immer wieder fest, daß sie zwar in einem fort ihr Smartphone benützen, aber nicht wissen, wie man systematisch nach Wissenselementen sucht und wie man diese, wenn man überhaupt welche aufgespürt hat, miteinander in Verbindung bringt. An den Schulen haben sie das offensichtlich nicht gelernt. Ich muß es ihnen dann, im dritten oder vierten Studienjahr, wenn sie eine Diplomarbeit schreiben sollen, beibringen – falls es dann nicht zu spät ist. Googeln allein, herumklicken auf Stichwörtern und Stichbildern, nützt überhaupt nichts, es führt in die Irre, wenn der Suchende keine Fäden zwischen den Datenpunkten ziehen kann. Ich vermute, daß die so gut wie lückenlose Verbreitung von Smartphones gegenüber der Epoche, in der man Personalcomputer, also Notebooks und ähnliches verwendete, noch einmal einen Fortschritt im allgemeinen Nichtwissen bedeutet, d. h. einen Rück­schritt in dem, was ich als »Wissen und Erfahrung« bezeichnen möchte. Ulrich Gutenberg, der zu Beginn des Jahrtausends, seinem Familiennamen zur Ehre, das medienpäda­gogische Konzept »Dischba« (Digitale Schulbank) entwickelte, schrieb unlängst: »Haben vor einigen Jahren junge Menschen noch einen Arbeitscomputer besessen, so ist heute zu beobachten, daß erstaunlich viele junge Menschen und Jugendliche zwar Smartphones besitzen, aber keine Erfahrungen mit privaten Zugängen zu vollständigen Personal­computern haben.« Smartphones sind gewissermaßen amputierte Computer, mit denen man nicht das gesamte Netz erreicht, während sich die meisten Nutzer jedoch in der Illusion unendlicher Weite wiegen. Als Textverarbeitungsgeräte, wie man Personal­computer Ende des 20. Jahrhunderts entsprechend ihrer vorrangigen Nutzung nannte, taugen Smartphones nicht.

Davon abgesehen stellt sich die Frage, wozu junge Leute – und auch ältere – ihre mobil-digitalen Geräte in erster Linie verwenden. Wohl doch weit eher zum Spielen, zur Unterhaltung, zum Videoschauen und Musikhören, zum Chatten, zum Photographieren, zum Hochladen von Fotos, zum Pornographiekonsum, manchmal zur Orientierung auf der Straße, zur Informationsbeschaffung über die Speisekarte eines Restaurants, zum Windowshopping (und zum echten Einkaufen) usw., aber selten zur Weiterbildung, zum Studium, zur Lektüre.

A propos Lektüre. Trotz dieser Beobachtungen, die ich tagtäglich mache, weil ich den Smartphonern gern über die Schulter schaue, macht mich die Verzweiflung gebildeter Menschen angesichts all der Mitbürger, die sich kleine Bildschirme vor die Nase halten, zunächst einmal skeptisch. Warum? Weil man mit einem Smartphone oder Tablet oder digitalen Lesegerät alles mögliche anstellen kann, zum Beispiel auch Bücher lesen. Wer sagt mir, daß ein Mädchen in der U-Bahn, das über das Glas seines Tablets wischt, nicht Madame Bovary liest? Und umgekehrt, wenn jemand ein Buch vor sich hat, ist das schon Grund genug, um mich über den Fortbestand der Leserschaft in digitalen Zeiten zu freuen? Wer sagt mir, daß der Betreffende nicht irgendeinen Schund liest? Ein Buch ist nicht von vornherein besser als ein Smartphone. Und umgekehrt.

Freilich, derlei Abwägungen ändern nichts an der Tatsache, daß die immer radikaler um sich greifende Bequemlichkeit proportional zum steigenden Klick-und-Wisch-Aktivismus, auch zum sogenannten, oft reflexhaften Multitasking, die geistige Regsamkeit zwangs­läufig mindert. Ein letztes Beispiel noch, Manfred Spitzer führt es an: intelligente Schultafeln, Smartboards genannt. Auch in diesem Fall wird uns, also den Schülern, aber auch den Lehrern, etwas abgenommen: Das Auf- und Abschreiben von Lehrstoff. Künftig wird es genügen, wenn die Schüler die an der Tafel aufscheinende Information kopieren und eventuell an eine bestimmte Stelle in ihrer digitalen Mappe kleben, also »pasten«. Und es ist denkbar, daß auch die Kontrolle des Wissens sich auf das digitale »Abrufen« beschränken wird. Eine neue Form von multiple choice: Der Schüler muß nur an die richtige Stelle klicken bzw. auf seinem smarten Bildschirm das richtige Feld betasten. Ohnehin geht die pädagogische Tendenz längst dahin, persönliches, im eigenen Gehirn zu speicherndes und zu verarbeitendes Wissen nicht mehr zu vermitteln und später zu prüfen, sondern Techniken der Informationsbeschaffung einzuüben. Ob die Schüler das, was sie beschafft haben, auch verstehen, wird eine immer geringere Rolle spielen. Sollen doch Algorithmen das Denken für uns erledigen, sollen sie den ganzen Output liefern. Wenn sämtliche Dinge in unserer Reichweite so intelligent sind, welchen Grund haben wir dann noch, selbst intelligent zu werden.

<- 8 - Denken ist vor allem Mut.

<- 6 - Der schmale Grat zwischen Gefährdung und Idiotie.

© Leopold Federmair

Dieser Beitrag wurde unter Essay abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

19 Kommentare zu »Der Wille zum Nichtwissen (7/9)«:

  1. Google ist – wie ich gestern erfahren habe – erst 20 Jahre alt, d. h. die Suchmaschine gibt es erst seit sehr kurzer Zeit. In der kleinen Firma, in der ich arbeitete, diskutierten wir 1998, ob wir vielleicht doch einen internettauglichen PC anschaffen sollten (Kunden. und Lieferantendateien gab es längst über den Computer). Das Fax spielte noch DIE Rolle in der Kommunikation und ich erinnerte mich noch an einen »Fax-Verweigerer« zu Beginn der 1990er Jahre, der seinen Handel auch weiterhin mit Telex und Telefon ausreichend ausgestattet sah (und die Firma dann irgendwann verkaufte).

    Enzyklopädien wurden von dem Moment an wichtig als es den Universalgelehrten nicht mehr gab bzw. nicht mehr geben konnte. Das Wissen der Welt war zu umfangreich geworden; ein Verdienst der Naturwissenschaften. Die Gelehrten der unterschiedlichen Fakultäten bündelten ihr Wissen in umfangreichen Büchern, die dann irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts auch dem Bürgertum zur Verfügung standen. Sie waren verifiziert durch die Autorität ihrer Verfasser.

    Das ist bei den Suchmaschinen der digitalen Zeit anders. Die Autoritäten verschwimmen hier zu Gunsten anderer, am Ende unbestimmt bleibender Kriterien (die gemeinhin Algorithmen genannt werden). Der oberste Eintrag bei Google ist nicht verifiziert.

    Insofern ist das Internet eine gewaltige Herausforderung. Es ist nämlich notwendig, die gefundenen Informationen zu überprüfen und zu gewichten. Nichts ist sicher. Der »User« wird somit fast immer zu einem »Wissenschaftler«, der seine Resultate überprüfen sollte. Das ist nicht nur anstrengend, sondern auch schwierig.

    Spitzers These von der »digitalen Demenz« ist fast ein Wunschdenken. Das Potential der Möglichkeiten, die zum Beispiel Google bietet, wird erst gar nicht ausgelotet. In Wirklichkeit ist es eine krude Verteufelung wie weiland die Großeltern das Buch als Quell allen Übels verteufelt hatten. Ein markiger Spruch, der einen Gran Wahrheit enthält, sofern man sich so verhält, wie es Spitzer voraussetzt. Aber mehr auch nicht.

    Die Nachteile des ausschließlich digitalen Arbeitens hat Han schon besser weil weniger alarmistisch beschrieben. Umso wichtiger wäre es an Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten den Verführungen nicht klein beizugeben, sondern sie zu kanalisieren. Inzwischen findet aber ein radikales Umdenken statt, was sich an Macrons Ansinnen zeigt, Smartphones in Schulen zu verbieten. Das wird inzwischen als Katastrophe angesehen. Ein Mittelweg zwischen Sakralisierung und Verteufelung scheint an der mangelnden polemischen Durchdringung zu scheitern.

    #1

  2. Paul sagt:

    Die Perspektive auf Schule, Freizeit und privates Bildungsverhalten, um auf eine conditio humana zu schliessen, ist etwas beschränkt. Auch künftig werden sich Juristinnen, Ärzte, Sachbearbeiter oder Elektrikerinnen nicht jede Fallkonstellationen erst einmal zusammengooglen können, sondern müssen »geistige Regsamkeit« parat haben, wenn sie in professionellen Funktionen eingespannt sind, was auf absehbare Zeit der Fall bleiben wird. Dass dieselben Leute dann abends in der U-Bahn auf Smartphones wischen, ändert daran nichts.

    #2

  3. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber meine Beobachtungen in der Öffentlichkeit, vor allem während des täglichen Fahrens mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch während meiner Fußwege, zeigen mir eine deutliche Veränderung im zwischenmenschlichen Verhalten, die mit der Präsenz digitaler Geräte zu tun hat. Ich destilliere den Regelfall, den ich für besorgniserregend halte: Eine Mutter oder ein Vater übersehen oder ignorieren Kommunikationsversuche ihrer Kinder (oder diese grundsätzlich), die neben ihnen sitzen oder stehen, die sie im Kinderwagen spazieren oder an der Hand führen, weil sie mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Kinder, die in ihrer Entwicklung und Erziehung auf Zuwendung und Beziehung (also Aufmerksamkeit und Vorbildwirkung Erwachsener [!]) angewiesen sind, die basale, uns selbstverständliche Fähigkeiten, erst erlernen müssen. Das hat zwei Dimensionen, eine kulturelle (also eine symbolische) und eine soziale.

    In Zeiten vor dem Smartphone konnte man kaum derart abwesend sein, dass man sein Kind nicht mehr bemerkt hätte, zugespitzt kann man also von einer Abwesenheit oder Teilanwesenheit erziehender Personen sprechen. Um deutlich zu machen was das heißt: Eine Beziehung ist triadisch definiert: Ein Kind, ein Erwachsener und ein — sogenanntes — gemeinsames Drittes, auf das sich die Aufmerksamkeit konzentriert, z.B. ein Bilderbuch, das zu Hause gelesen wird oder ein Baufahrzeug, das man aus der U-Bahn oder auf einem Spaziergang sieht und für das Kind neu ist. Die ständige Präsenz von Bildschirmen stört und zerstört die triadische Beziehung zwischen Kind, Erwachsenem und dem Dritten, weil der Erwachsene seine Aufmerksamkeit nicht mehr ungeteilt zur Verfügung stellt oder ein Bildschirm die Aufmerksamkeit beider aufsaugt und schließlich zum gemeinsamen Dritten wird (z.B. ein ständig laufender Fernseher). Die Konsequenzen sind, dass Kinder, die Bildschirmereignisse — anders als Erwachsene — vor allem als ständigen Wechsel erleben, unaufmerksam werden, noch weniger Zeit in Ruhe und wiederholendem Tun (im Sinne Kierkegaards) verbringen und Symbolisierungsschwierigkeiten bekommen. Auf der Ebene des Kindes bedeutet das, dass es Probleme hat eigene Vorstellungen zu entwickeln und über seine Befindlichkeiten zu sprechen, auf die Ebene der Kultur gebracht ist das deren Verfall (den ich hier nicht behaupten möchte, aber auf dessen Dimension als Andeutung verwiesen sein soll), im Sinn von Wiederholung, Aufmerksamkeit und Symbolbildung.

    #3

  4. @metepsilonema
    Ja, man kann solche Beobachtungen machen. Wobei das Phänomen, Kinder beiuspielsweise vor dem Fernseher »zu parken« nicht neu ist. Man auch zuweilen von sogenannten »Helikopter-Eltern« hören – das pure Gegenteil: Eltern, die auf Schritt und Tritt ihre Kinder beobachten, bevormunden, usw. Vermutlich aus Furcht, irgendwann Vernachlässigung vorgehalten zu bekommen. (Das ist nicht der alleine Grund, aber vielleicht einer davon.)

    Eine Lösung kenne ich nicht. Die vielbeschworene Umgangserziehung mit neuen Medien – Medienkompetenz genannt – setzt immer eine gewisse kritische Distanz voraus. Eltern, die selber den ganzen Tag vor dem Smartphone und dem Fernseher verbringen, werden ihren Kindern nicht das Lesen nahebringen. Und wenn man die Dämonisierung zu stark betreibt, geschieht irgendwann das Gegenteil.

    Dennoch glaube ich nicht, dass »das Medium« dafür verantwortlich zu machen ist. Es ist immer der Mensch, der sich ergibt (oder widersteht). Die Frage ist, wie wir mit diesen neuen Medien umgehen.

    #4

  5. @Gregor
    Neu sind die Entwicklungen nicht, aber die Medienträger haben sich vervielfacht, ihre Reichweite, Mobilität und Möglichkeiten sich deutlich erhöht, die Bedienungsschranken sind gesunken; parallel dazu haben Distanzierungs- und Reflexionsvermögen (Voraussetzung und Ergebnis von Bildung), die ein angemessener Umgang erfordert, freundlich formuliert, nicht entsprechend zugenommen.

    Mir ist der Grund nicht ganz klar, aber Bildschirme haben eine hohe Anziehungskraft, auch und gerade dann, wenn man gar nicht hinschauen will, aber trotzdem einer im Blickfeld ist (diese Anziehungskraft scheint höher zu sein, wenn dort etwas »Selbsttätiges« passiert, das nicht auf die Interaktion mit dem Benutzer angewiesen ist, also ein Überraschungsmoment besitzt). Ein entleerendes, überwältigendes Moment bei gleichzeitig nur eingeschränkt tätiger Motorik, kommt noch hinzu.

    Dieses Bewusstsein von Schwäche muss einer der Ausgangspunkte im Nachdenken über unser Handeln in Bezug auf diese Bildschirmmedien sein. Insofern: Nein, das Medium alleine ist es nicht, aber es steht auch nicht eigenschaftslos und ohne Wirkung auf uns im Raum.

    Helikoptereltern sind m.E. Eltern, die Schwierigkeiten damit haben, Kinder an einem Ort, in einer Tätigkeit, ohne oder mit nur eingeschränkter Kontrolle »zurück zulassen«.

    #5

  6. Leopold Federmair sagt:

    @metepsilomena

    Eine fundamentale Unterscheidung vormoderner Zeiten, die wiederkehrt: Literate und illiterate Bevölkerung, was auf Masse vs. Elite hinauslief und hinausläuft. Gebraucht man Smartphones u. dgl. in erster Linie als audiovisuelle Medien, werden die Sinne bedient. Lesen, Wahrnehmung von Texten, Nachdenken, Innehalten, Wiederholen usw. erfordern den Einsatz intellektueller Fähigkeiten, brauchen mehr Zeit (die der Smartphonewischer natürlich auf seine Art vertut). Das ist anstrengender, als sich eine unendliche Folge von Bildern (gegebenenfalls mit Kurztexten) »reinzuziehen«. Die alte Spaltung ist zurückgekehrt, mitsamt der politischen Problematik, daß die Massen von den Eliten – manchmal zurecht, oft auch zu unrecht – nichts mehr wissen wollen. Was tun? Ich zucke, wie Gregor K., die Achseln. In mancher Hinsicht ist Bewahrung nötig, wobei man nach der Verträglichkeit tradierter menschlicher Kompetenzen mit den neuen Technologien achten sollte.

    Byung Chul Han beschreibt diese Phänomene viel feinsinniger als Spitzer, mir kommen seine Analysen allerdings meistens recht aufgepappt vor, ein bißchen Journalismus, ein bißchen Zeitgeist mit Philosophie, v. a. dem technikkritischen Heidegger, zum süffigen Cocktail gemixt. Von einer Durchdringung der Gegenstände kann da m. E. nicht die Rede sein.

    Eine Anekdote noch: Neulich saß eine Frau mit Kleinkind im Flugzeug in meiner Nähe. Das Kind auf dem Schoß, zwang sie es stundenlang, auf den kleinen, an einer Stange befestigten, beweglichen Bildschirm anzuschauen, auf dem vermutlich irgendwelche Kinderprogramme liefen. Der kleine Junge wollte das aber die meiste Zeit überhaupt nicht, er schaute nach links und nach rechts, Leuten ins Gesicht, nahm in die Hand, was er in die Hand bekam usw. Zeitweise schrie er, und die Mutter versuchte erst Recht, seinen Blick mit dem Bildschirm zu fesseln. – Ich bin kein Entwicklungspsychologe (wie Spitzer), aber nach meinen Beobachtungen bilden Kleinkinder auf natürliche Weise alle ihre menschlichen Fähigkeiten aus, haben Gefallen und Spaß an diesen Prozessen. Sie wollen auch nicht immer das Einfachste, Naheliegende, Bekannte haben bzw. tun (wie es das »personalisierte« Internet von den Personen annimmt). Die hier beschriebene Mutter symbolisiert, glaube ich, den digitalen Zwang, der die Entwicklungsprozesse der Kinder heute wesentlich prägt. Irgendwann wird auch der von mir beobachtete Junge sich von seiner Umwelt ab- und dem digitalen, audiovisuellen Dauerprogramm zuwenden.

    Ich glaube, das ist die Situation, »digital betrachtet«,

    #6

  7. Man mache einmal folgendes, kleines Experiment. Mit einigen Freunden, die man sich aus welchem Anlass auch immer eingeladen hat, begibt man sich nach einem schönen Abendessen mit dem Wein ins Wohnzimmer. Dort läuft allerdings – ohne Ton! – der Fernseher. Es gibt also ein Bild, aber keine Akustik. Egal, was dort zu sehen ist: Die Aufmerksamkeit richtet sich sofort auf das Bild. Es beginnen Mutmaßungen über das, was man sieht. Ist es ein Film? Wenn ja, welcher? Worum geht es? Eine Diskussionsrunde? Wer sind die Teilnehmer? Wenn man als Gastgeber versucht, diese Ablenkung zu ignorieren, wird dies nicht gelingen (noch schlimmer ist es, wenn es sich um Kinder ab ca. 10 Jahre handelt). Das sich bewegende Bild erhält automatisch eine höhere Aufmerksamkeit als die unmittelbare Umgebung. Es bleibt nur das Fernsehen abzuschalten. Danach werden die Gespräche jedoch anders verlaufen als vor der »Störung«.

    #7

  8. die_kalte_Sophie sagt:

    Spannende Diskussion. Die Breite des Themas ist beinahe schon komplett, von der Illusion der Schnell-Verfügbarkeit des Wissens bis zur ästhetischen Konditionierung auf das Bewegtbild. Und im Hintergrund die überforderte Medienpädagogik; die steckt in der Liberalitätsklemme, genau wie die gesamte Erziehungsbranche. Die kleinen Fratzen müssen ja umständlich ausführlich überzeugt werden, damit die Autonomie von morgen nicht bedroht ist.
    Man möchte am liebsten gar nicht erziehen…
    Das Ideal des liberalen Erziehers und der Drang zur ständigen Beaufsichtigung gehen eine fast schon bigotte Verbindung ein.
    Dabei gehören die Entscheidungen über die Medien der Kinder inzwischen zum Alltag der Elternschaft, nur hat zeitgleich die Gesellschaft ein Verbot »für das Verbot« ausgesprochen. Wer den Konsum untersagen will, muss alternativ bessere Angebote formulieren. Schöne neue Welt. Leg die Schokolade weg, ich habe eine leckere Karotte für dich.
    Dabei geht die Gesellschaft insgesamt dezentral vor. Aufgefallen ist es mir bei der letzten Kampagne des BM für Erziehung und (!) Wissenschaft: Schau hin, was dein Kind mit Medien macht…
    Das ist ein formal-liberales Überwachungsmodell. Ähnlich wie das schwedische Prostitutionsgesetz. Man muss die Nutzer bestrafen bzw. kontrollieren. Der Anbieter hat in weiten Grenzen freie Hand. Löst das in irgendeiner Weise das Verantwortungsdilemma für die Unmündigen, wenn man die Überwachung dezentral organisiert?! Im Gegnteil: wenn im Internet alles erlaubt ist, kommen die Eltern weltweit aus der Aufsichtsfunktion nicht mehr raus.
    Die liberale Gesellschaft ist ein bisschen hilflos, wenn sie Regeln bzw. Maßstäbe für die Nicht-Autonomen, sprich die Kinder formulieren muss. Das ist die von @mete benannte Asymmetrie, die eine einseitige Verantwortung vorsieht.
    Die Bildung und die »höhere Bildung« haben offenbar einen kollektiven (politischen) und einen individuellen Gestaltungsbereich. Und wie sich das aufschlüsselt, ist nicht immer ganz klar. Mit dem Einsetzen der erwachsenen Autonomie besteht die Möglichkeit, höhere Bildung und »sentimentale Erziehung« komplett auszuschlagen. Für die Kinder können wir diese Entscheidung nicht gestatten. Es besteht aber auch kein unmittelbarer Konflikt, da diese Belange erst in der Erwachsenenzeit relevant werden.
    Das Wissen, die Bildung und die Verantwortung; ich würde diese Fragen gerne bündeln, aber nicht unter dem Aspekt des allgemeinen Wissens, und auch nicht mit der Vorgabe eines alterslosen Subjekts. Eine wesentliche Differenz zwischen Kunst und Allgemeinwissen scheint mir in der Frage zu liegen, ob sich Kunst und Kunstgenuss mit Erziehung oder mit Selbsterziehung befasst, bzw. ob die moralisch neutralisierte Zone, die Experimentierzone, die sie vorallem in der Dramatik aber auch in den Romanen absteckt, sowohl Wachstums- als auch Degenerationschancen bietet. Oder keck ausgedrückt: gibt es eine Ironie der Anführungszeichen in der »höheren Bildung«, die gar keine Ironie ist sondern Ambiguität, Risiko, Experiment?!
    Und wiederum ernsthaft: ist der Wille zum Nicht-Wissen und die Ausschlagung von Angeboten der Kunst als eine Verschwörung zur Barbarei zu begreifen?!

    #8

  9. @Leopold Federmair
    Ich kenne die Bücher Hans nicht (außer Gregors Besprechungen), nur den einen oder anderen Zeitungsartikel, die mich nicht so sehr begeistert haben. Von Spitzer habe ich vor Jahren ein Buch gelesen, ich teile ihre Einschätzungen und möchte hinzufügen, dass es — so weit ich das sehe — immer (meist) um eine »technische« Betrachtung geht. Anders: Unlängst las ich den Satz, dass kaum jemanden mehr das innere Erleben eines Kindes interessiere. Ich fürchte, dass das zutrifft und mir fällt angesichts dessen das Achselzucken schwer (ich meine das nicht moralisch, viele andere Dinge belasten mich, obwohl sie es könnten oder sollten, nicht). Auch deswegen sind intellektuelle Fähigkeiten nicht alles, mir scheint diese digitale Unkultur, also die Unfähigkeit räumliche und zeitliche Grenzen aufzuerlegen, doch darauf zu verweisen, dass gerade die sinnliche (ästhetische) Seite marginalisiert wurde (Eigen- und Fremdwahrnehmung hängen zusammen, sie sind dem Denken vorgängig). — Die Elitenfrage ist auch eine von Macht, Interesse und Herrschaft.

    #9

  10. @die_kalte_Sophie
    Erziehung wird heute meist als Bildung verbrämt, die tatsächlich etwas wie Entwicklungsoptimierung ist; Kinder sollen möglichst früh gefördert werden, damit sie später als kompetente Arbeitskräfte zur Verfügung stehen (um Ihre treffenden Ausführungen zur »Liberalität« zu ergänzen).

    Bildung ist, wie ich sie verstehe, Selbstformung (Selbsteinholung), die über eine Art Tiefenbeschäftigung zustande kommt. Was daran »höher« sein kann, weiß ich nicht, sie kann wohl mehr oder weniger vollständig ausgeprägt sein oder gelingen. Nimmt man Selbstformung beim Wort, ist das keine moralische Kategorie (und wohl auch etwas, das schiefgehen kann).

    Wenn Erziehung zuerst und Bildung danach kommt (und nicht etwa beide gleichzeitig stattfinden) und letztere nur dann eine ist, wenn man selbst den wesentlichsten Beitrag dazu leistet, dann haben Sie im Sinn einer Tendenz zur Barbarei sicherlich recht.

    #10

  11. Leopold Federmair sagt:

    Daß Denken mit sinnlicher Wahrnehmung und Emotionen verschränkt ist, ist eine weithin geteilte Erkenntnis der Gehirnforschung. Mir scheint ein Problem gegenwärtiger (digital kodifizierter) Massenkultur zu sein, daß intellektuelle Betätigung tendenziell ausgeschlossen wird und in der öffentlichen Meinung auch keinen großen Wert mehr hat. War vielleicht immer so, dieser Einwand kommt reflexhaft bei solcher Thematik… Nein, ganz so war es nicht immer; ich glaube tatsächlich, daß eine neue Form der Barbarei droht.

    Selbstformung – ich sage gern: Etwas aus sich machen, oder auch, mit Nietzsche: Werde, der du bist, oder auch: Was du ererbt hast, woher auch immer, erwirb es… – habe ich immer als Horizont humanistischer Haltungen verstanden. Das »Etwas« würde ich betonen, weil es darum geht, sich inhaltlich dies und jenes anzueignen, die Form auch zu erfüllen, so widersprüchlich das im einzelnen ablaufen mag. Selbstdarstellung, wie die sozialen Medien sie fördern, verzichtet auf Inhalte, es geht um den Schein, nicht um das Sein, um das Image, hinter dem möglicherweise gar nichts steckt. Das halten die Selbstdarsteller eben gar nicht für notwendig.

    Auch unter diesem Gesichtspunkt ist der alte Wahrheits- oder Wahrhaftigkeitsanspruch im Rückzug. Wie ich dir und den anderen da draußen erscheine, auf meinen (gephotoshopten) Fotos und Videos, hat doch nichts damit zu tun, wie »ich« bin.

    #11

  12. die_kalte_Sophie sagt:

    Ich will nur kurz den Begriff der »höheren Bildung« erläutern, erkennbar ein Anachronismus der Klassengesellschaft. Er ist in Wahrheit phasisch gemeint (Bildung und sein upgrade), und impliziert auch eine nicht-direkt-verwertbare Qualität im Sinne des Arbeitsmarkts. Er erinnert auch an das Ideal des Humanismus, das @Leopold anspricht, wobei die Kontur bzw Definition des Ideals typischerweise teil-unbestimmt ist, aufgrund der Natur des Menschen. Was der Attraktivität des Ideals nicht unbedingt einen Abbruch tut, da jeder ohnehin eine individuelle Annäherung formulieren muss. Allerdings wage ich keine verbindliche Aussage darüber, wie es um die Attraktivität »im Median der Bevölkerung« bestellt ist. Mir scheint, das Ideal wird kulturell aussortiert. Ein Ideal kann man ebenso gut verfehlen, bzw. wird es in tragischer Deutung immer verfehlen, also ist das Höhere zugleich das Vermessene…
    Natürlich lässt sich über Sinn und Unsinn eines Selbstideals trefflich streiten. Die Selbsteinholung/Selbstformung im Sinne der Entfaltung aller Anlagen kann darauf verzichten. Da will ich @mete beipflichten. Andererseits kann ein Ideal auch dazu dienen, eine Widerstandslinie zu zeichnen, was natürlich den ewigen Widerstreit zwischen Politik und Autonomie aufgreift. Und nicht nur aufgreift, ich meine sogar, dass ein vielleicht typisch deutscher Pessimismus mich und andere dazu verleiten könnte, eine kategorische Trennung von Politik und Kultur wieder zu entdecken, als Feststellung einer Divergenz der Ziele und Methoden.
    Ich habe darüber noch keine Klarheit, das will ich offen sagen. Aber das liegt zuletzt auch an dem unbestimmten Ausgang des Experiments, das die technologische Entwicklung uns beschert hat.
    Spitzer befindet sich ja auch in gewisser Weise auf dem Kriegspfad, er bezieht seinen Widerstand aus Ergebnissen bzw. Beobachtungen der Kognitionsforschung bzw. Pathologie, und legt ein Stück allgemeinärztliche Verantwortung hinein. Mein Widerstand ist so ein Mittelding aus Spiritualität und Ästhetischer Empfänglichkeit. Ich könnte es gar nicht genau sagen.

    #12

  13. @Leopold Federmair
    Ich will gar nicht bestreiten, dass die »intellektuelle Betätigung tendenziell ausgeschlossen wird«, genauso aber werden innere Vorstellungen und Bilder reduziert und ersetzt, wird die Wahrnehmung insgesamt auf schnelles Erfassen und Schematisieren (bzw. Berieseln) trainiert, ein Schauen (Handke) und ein Horchen (Strauß), etwas wie Empfinden, das eben Zeit braucht, weil es sich einstellen muss, ist da nicht erforderlich (oder vorgesehen). Das sind aber Fähigkeiten, die ein Denken, das diesen Namen verdient, benötigt. Ein Kunstwerk sieht man nicht im Vorübergehen an, es muss wirken können und das hat Voraussetzungen im Subjekt. — Muss sich eine Gesellschaft, die auf breiter Basis eine Entwicklungsoptimierung ihrer Kinder betreibt nicht fragen lassen, ob sie diese in ihrem jeweiligen Sosein und ihren existenziellen Regungen überhaupt noch wahrnehmen kann? Das ist eine Frage, die sich außerhalb der Gehirnforschung stellt, das Gehirn kann beides (rasches Erfassen und langsames Schauen) leisten, ist auf beides »trainierbar«, die Antworten darauf wird sie nicht geben können. — Ansonsten kann ich kaum Dissens ausmachen.

    @die_kalte_Sophie
    Ein Ideal kann zur Wandlung und Verbesserung des Realen beitragen, es kann dieses aber auch übergehen oder entwerten, das ist (wiedereinmal) eine dialektische Angelegenheit.

    #13

  14. Phorkyas sagt:

    Zunächst einmal: Großen Dank für diese Essay-Reihe und die anregenden Diskussionen darunter!

    Jetzt wo die Blogs tot sind, kann man es sich hier in der kulturpessimistischen Ecke noch viel gemütlicher machen. Nein, das ist ja nicht Ihr und mein Ansinnen. Die Gefahren der gegenwärtigen Entwicklung, in die wir mal wieder so hineintreiben und dann als Faktum hinnehmen müssen sehe ich auch. Meinen Fünfjährigen isoliere ich noch so gut es geht von allen digitalen Spielzeug, das mir selbst das Hirn erweicht.
    Nur eines möchte ich noch anbringen: Wir sollten nicht so leichtfertig den Jüngeren pauschal jegliches Reflexionsvermögen absprechen. Den meisten, die ihren digitalen Avatar ausstaffieren dürfte die Diskrepanz zum realen Ich bewusst sein. Gewisse Konzessionen machen doch auch wir (alten Säcke), die wir mit der Herde ziehen müssen, wenn wir unser tägliches Brot auf dem Tisch haben wollen. Konkret hatte ich da mal zwei Gespräche mit Jugendlichen in der Oberstufe über die Benutzung von Facebook oder den neuen Fornite-Hype – und die waren diesen Dingen eher kritisch eingestellt. Ich denke, da ist unter der oberflächlichen Bejahung und dem Mitziehen noch einiges an Skepsis und Kritik.
    (Irgendwo muss der steigende IQ der Leute ja auch hin, wenn der Flynn-Effekt so zutrifft – gut, IQ ist jetzt wieder mehr so instrumentelle Vernunft, aber kürzlich im Radio wurden, wie ich finde zu Recht auf der sehr unterschiedliche Komplexität der Charaktere in heutiger Jugendliteratur (Harry Potter, Hunger games,..) gegenüber den Karl May Pappkameraden hingewiesen…)

    #14

  15. @Phorkyas
    Gemütlich ist die kulturpessimistische Ecke nicht, das Gegenteil ist der Fall, zumindest was meine Wenigkeit betrifft. Auch die Konzessionen sprechen gegen die (ich weiß, nicht ernst gemeinte) Gemütlichkeitsthese. Und ohne Konzessionen, ohne ein gewisses, kontrolliertes Mitgefangensein ist auch kein redliches Urteil möglich. Pointiert gefragt: Warum laufen alle in dieselbe Richtung, wenn das kritische Bewusstsein ausreichend vorhanden ist, in Dingen und Angelegenheiten, in denen ein Ausweichen möglich ist?

    #15

  16. Das, was man heute »höhere Bildung« nennt oder nennen könnte, folgt ja noch dem Bildungsideal des 19. Jahrhunderts. Spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs war dieses Ideal moralisch korrumpiert und gescheitert. In den 1930er Jahren versagten die »Bildungsbürger« dann noch einmal nahezu kollektiv. In den 1950er Jahren flammte noch einmal die Idee des bürgerlichen Ideals auf, welches dann aber endgültig an einem neu entstanden Zeitgeist zerschellte. Einher ging dies mit einem differenzierteren Umgang von philosophischen und politischen Texten. Lesen galt nicht als Bildungszweck, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Anfangs wurde dies als Befreiung wahrgenommen, am Ende jedoch institutionalisierte sich das Rebellentum der 68er in die Gesellschaft. Das ist eine große Leistung gewesen. Inzwischen kann niemand den liberalen Strömungen entkommen. Und das Lesen gilt zunehmend als elitär, nicht zuletzt weil es von ihren Verfechtern immer noch auf eine soziogesellschaftliche Ebene gehoben wird.

    Das ist aber eher schein-liberal, weil es im Kern natürlich sehr wohl um Überzeugungen und vor allem Autoritäten geht (letztere sollten ja eigentlich befragt wenn nicht gar abgeschafft werden; in Wahrheit sind nur die Protagonisten ausgetauscht worden). Das war bis weit in die 1990er Jahre noch erträglich, weil die Filterblasen ziemlich undurchlässig und vor allem vereinzelt waren. Der dann massenhaft einsetzende Digitalismus überfordert den an liberalen Grundsätzen geketteten Infotainmentjünger. Er ist längst permanent gezwungen sich auf eine Seite zu stellen. Reagiert er falsch, wird er zur persona non grata. Schlimm ist dies bei Digital Natives, weil sie die »analoge« Vorzeit nicht kennen. Sie haben ständig das Gefühl etwas zu verpassen. Gleichzeitig wird ihnen suggeriert, dass alles nachschlagbar und binnen kurzer Zeit faktenfest prüfbar ist. Das ist natürlich eine Illusion wie jeder, der einmal seriös im Internet recherchiert hat, feststellt. Zwar kann man die unbestreitbaren Daten problemlos nachschlagen, aber schon bald beginnen Interpretationen, die von Fakten nur schwer zu trennen sind. Ich rede vor allem von aktuellem, wie Nachrichten.

    Die reine Fülle der verfügbaren Informationen und Deutungen überfordert den Rezipienten sehr schnell, zu mal er im Alltag weder Zeit noch Lust hat, alles bis ins Detail nachzuprüfen. Der Bildungsbegriff ist erodiert auf Wikipedia-Niveau mit einigen anderen Webseiten, denen man – warum auch immer – vertraut. Man sucht sich längst neue Autoritäten, weil man ohne sie nicht mehr auskommt.

    Das größte Problem ist m. E. die Aufgabe von dem, was man gemeinhin Objektivität nennt. Journalisten geben inzwischen ohne Probleme zu, nicht objektiv zu sein. Sie negieren sogar die Möglichkeit. Das erinnert mich immer daran, dass, wenn über Drogen gesprochen wird, die Sache derart trivialisiert wird, dass irgendwann schon eine Tasse Kaffee als Droge gilt. Wenn es Konsens ist, dass es keine objektiven Wahrheiten mehr gibt (ich meine jetzt den philosophischen Wahrheitsbegriff), besitzt alles die gleiche Wertigkeit. Was jetzt beginnt ist der virale Kampf um Deutungsmonopole. Bei all dem darf an nicht vergessen, dass in Deutschland nur rund 6% der Bevölkerung twittern. Das, was dort als »Shitstorm« angestossen und über das inzwischen in den Mainstreammedien zum Teil prominent berichtet wird, berührt in Wirklichkeit nur eine kleine Anzahl von potentiellen Rezipienten. Und ob die Facebook-Mitglieder ihre politischen Informationen in der Breite über Facebook beziehen, muss man auch noch anzweifeln dürfen. Die Branche bläst sich aber auf, um ihre Bedeutung zu erhöhen.

    Die wirklich spannende Frage ist, wer uns über die digitalen Medien und deren Wirkungsmacht aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herausführt. Die Digital-Gurus wo sie auch immer sitzen bestimmt nicht.

    #16

  17. Phorkyas sagt:

    @mete: Da war, passend zum Text, ein Ironie-Tag um den ersten Satz, den das Kommentarversendeformular aber weggeschnitten hat. Ich wollte Dir sicherlich nicht auf die Füße treten, spreche sehr aus meiner eigenen Befindlichkeit und Erfahrung. Deinen Einlassungen konnte ich fast immer beipflichten, fand sie meist sehr genau und treffend – vielleicht hat nur das mit der Erziehung mir ein bisschen auf die Füße getreten, bzw. meinen eigenen Erziehungszwiespalt angerührt.
    Ich weiß auch nicht mehr die angemessene Reaktion auf.. all dies: Achselzucken, Wut, meist einfach Fassungslosigkeit. Oder Zynismus. Wie sonst soll man das sonst Nehmen, z.B. dass wir denen, die sich z.B. als lauteste Kassandrarufer beim Klimawandel engagieren, einen Friedensnobelpreis umhängen, nur um sie dann besser zu ignorieren.

    #17

  18. Lieber Phorky, ich habe es schon so (ironisch) verstanden, ich wollte nur anmerken, dass ich mich in einer gemütlichen Ecke befände, wenn manche Dinge anders stünden als sie es tun. Man sucht sich das, das einen umtreibt, nicht aus, oder? — Erziehungszwiespalt inwiefern?

    @Gregor
    Peter Bieri schrieb einmal, dass Bildung etwas ist, das man mit sich selbst und für sich selbst tut. Ich möchte ihm zustimmen; zugleich ermöglicht Bildung aber die Objektivierung des eigenen Standpunkts, weil Bildung ebendiese Auseinandersetzung mit sich einschließt, der »Gebildete« vermag also gleichsam durch sich auf die Gesellschaft hin zu denken. Eine (gewisse) gesellschaftliche Stoßrichtung hatte der Bildungsbegriff immer schon (wenn ich mich recht erinnere, seit Plato). Aber es stimmt schon, das gesellschaftliche »Denken« ist heute stark autoritätsgebunden, sozusagen vormodern (und medial) gelenkt.

    #18

  19. Schon Kohl sah den WDR (und auch NDR) als »Rotfunk«, in dem seine Politik innerhalb der ARD immer als schlecht dargestellt wurde. Das hatte damit zu tun, dass die Intendanten in NRW (für WDR) und Norddeutschland (NDR; auch Bremen mit Radio Bremen) lange Zeit von der SPD dominiert wurden und entsprechend auch die Posten in den Rundfunkgremien besetzt waren. Damals fiel das auf und wurde praktisch in das Meinungsurteil »eingearbeitet«. Im Laufe der Zeiten näherten sich ja die Positionen der Volksparteien (SPD auf der einen und CDU/CSU auf der anderen seite) immer mehr an, was sich nicht zuletzt an diversen politischen Koalitionen (im Bund wie in den Ländern) zeigte. Inzwischen sind auch die Unterschiede in den Landesrundfunkanstalten nicht mehr so groß (ähnliches gilt für das ZDF – auch hier herrscht Proporz). Es gibt in vielen Politikfeldern eine gemeinsame Linie bei den Journalisten, die in den Hauptsendungen »durchgezogen« wird. Hierdurch entsteht der (irrige) Eindruck, es handele sich um ein »Staatsfernsehen«. Das Problem ist, dass dieser Konsens den politischen Rändern dient. Das war, als die »Fronten« noch durch Volksparteien dominiert waren, nicht in diesem Ausmaß der Fall.

    #19

Kommentar abgeben:

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Angaben sind mit * markiert.