Der Wille zum Nichtwissen (5/9)

Anmerkungen zu einer Handvoll legendärer Sätze

5 – Dummheit ist ein Wundmal.

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Österreich veröffentlichten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ein Buch mit dem Titel Dialektik der Aufklärung, das bis heute viel zitiert, aber wenig gelesen wird (was nicht nur an der Schwierigkeit der Gedanken, sondern auch am manierierten, überladenen Satzbau liegt). So gut wie gar nicht gelesen wird der Schlußteil, eine Art Anhang von Fragmenten und Skizzen, der mit diesem Satz beginnt: »Zu den Lehren der Hitlerzeit gehört die von der Dummheit des Gescheitseins.« Daran ist zunächst einmal erstaunlich, daß die Schreiber von einer zu Ende gegangenen Epoche zu sprechen scheinen. Das Buch ist aber 1944 erschienen, im Vorwort aus diesem Jahr weisen die Autoren auf den Anhang hin, er dürfte also schon in der Erstausgabe enthalten gewesen sein. Waren sich die beiden gar so sicher, daß die Hitlerzeit demnächst der Vergangenheit angehören würde? Wenig später noch noch deutlicher, im Imperfekt: »Die in Deutschland zur Macht kamen, waren gescheiter als die Liberalen und dümmer.«

Adorno liebte paradoxe Formulierungen, seine negative Dialektik stachelte ihn immer wieder dazu an. Die rhetorische Maschinerie hat jedoch die problematische Tendenz, die Rede zunehmend von der Erfahrungswirklichkeit zu entfernen, über sie hinwegzu­schweben oder sie ganz aus dem Blick zu verlieren. Das Beispiel, das Horkheimer und Adorno mehr andeuten als besprechen, ist die – nicht beim Namen genannte – Beschwichtigungspolitik des seinerzeitigen britischen Premierministers Chamberlain gegenüber dem sich immer aggressiver verhaltenden NS-Regime. Im nachhinein ist man natürlich gescheiter, aber das Zögern nicht nur Chamberlains, sondern zahlreicher Verantwortlicher in verschiedenen Ländern wäre doch zunächst nicht als Zeichen von mangelnder Intelligenz, sondern einer Zurückhaltung zu werten, die in vielen Situationen klug sein mag, im gegebenen Fall jedoch falsch war. Zu vieles, vor allem aber: zu langes Nachzudenken kann die notwendige Handlungsbereitschaft hemmen – das zeigt uns schon das Beispiel Hamlets, des Prinzen von Dänemark. Soll man in diesen Fällen aber genauso von Dummheit sprechen, wie man es bei Gedankenlosigkeit oder mangelnder Intelligenz tut? Ich fürchte, die dialektische bzw. paradoxale Figur, zu der die beiden Denker gelangen, rührt daher, daß sie das Wort »Dummheit« mit zweierlei Bedeutung gebrauchen. Sie beruht auf semantischer Inkongruenz.

Man weiß, daß »der Geist« Deutschland 1933 und in den folgenden Jahren nahezu geschlossen verließ, sei es freiwillig oder gezwungenermaßen. Über den Gegensatz von Geist und Macht wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts viel nachgedacht, etwa von Heinrich und Thomas Mann. In der Praxis erweist sich immer wieder, daß vernünftiges Denken rohem Machtgebrauch und vorsätzlicher Manipulation unterliegt, wenn es zur Auseinandersetzung kommt. Der gegenwärtige weltpolitische Lauf der Dinge scheint diesen Befund ein weiteres Mal zu bestätigen. Musils Bedenken eines Langsamen, sein Zuviel-Denken und seine Ohnmacht angesichts der Macht des Faktischen, ja, im Grunde genommen sein ganzes literarisches Scheitern, seit er das Projekt des Mann ohne Eigenschaften in Angriff genommen hatte, sind ein besonders vielsagendes Dokument dieser schier unvermeidlichen Schwäche. So war es auch, als Hitler 1938 den öster­reichischen Bundeskanzler zu sich bestellte, um kurze Zeit später dessen Land zu besetzen, was Schuschnigg durch verzweifelte Klugheit zu vermeiden getrachtet hatte. Unter solchen Umständen ist es fast ein Zeichen von Dummheit (im zweiten Sinn: eine Handlungsdummheit), wenn Musil 1937 im bereits nationalsozialistisch angehauchten Wien eine komplexe, bedenkliche, tastende Rede über die Dummheit hält.

Intelligenz hat beileibe nicht immer nur positive Wirkungen auf die Welt der Tatsachen und Handlungen. Die Erzeugung von Atomenergie, für die geniale Ideen und aufwändige Forschungen die Voraussetzung waren, ist ein weiteres vielsagendes Beispiel dafür. Trotzdem streben die meisten Menschen und ebenso ihre Regierungen danach, Wissen und Denkvermögen zu erlangen und zu erweitern (wozu sie es dann gebrauchen wollen, steht auf einem anderen Blatt). Das gilt auch für Adorno und Horkheimer. Stillschweigend setzen sie voraus, daß die Menschen, und nicht nur die Menschen, sondern alle Tiere danach streben, ihre Intelligenz zu verbessern. Dieses Merkmal wäre geradezu eine evolutionäre Konstante bei sämtlichen Arten. Im allerletzten Stück der Dialektik der Aufklärung, das die Überschrift »Zur Genese der Dummheit« trägt, skizzieren die beiden auf ihre abgehobene Art eine phantastische Gattungsgeschichte der Menschheit im Rahmen einer allgemeinen Naturgeschichte, die man getrost auch mit dem Epitheton »schräg« belegen kann. Wenn Streben nach Klugheit angeboren ist, woher kommt dann die Dummheit? Das ist ihre Ausgangsfrage, die sie nicht ausdrücklich stellen. Antwort: Von der Angst, auf Gegenwehr, auf eine fremde Macht, auf irgend etwas Entsetzliches zu stoßen. Das – individuelle oder allgemeine – Subjekt streckt seine Fühler aus, bekommt Angst, zieht sie wieder ein. In der Anfangsgeschichte der Menschheit gibt es keine Autorität, die der angeborenen Neugier einen Riegel vorschiebt oder mit Strafen droht. Wenn ich Horkheimer und Adorno recht verstehe, ist die Gegenständlichkeit der Außenwelt selbst die Quelle des Schreckens und der sich in den Körper einschreibenden Angst. »Denken ist vor allem Mut«: der Satz von Ludwig Hohl ist bei Horkheimer/Adorno und, wie wir sehen werden, bei Immanuel Kant vorgedacht. Zu ergänzen wäre: Dummheit ist vor allem Angst. Und in vielen Fällen ist es Feigheit, oder Unterwürfigkeit.

Eine Schlußfolgerung aus diesen Überlegungen geht dahin, daß Erziehung, deren menschliche Mangelwesen unweigerlich bedürfen, im Prinzip auf Förderung und Hemmung der angeborenen Neugier, wie sie jedermann an Kleinkindern beobachten kann, hinausläuft. Schulen sollten meines Erachtens ihre Hauptaufgabe darin sehen, Neugier zu fördern. Da wir soziale Wesen sind und in hochkomplexen, wo nicht überkomplexen Gesellschaften leben, ergibt sich mit der Zeit die Notwendigkeit, die Neugier in bestimmten Kontexten zu hemmen. Dies sollte aber so wenig wie möglich geschehen. Das eigentliche Bildungsziel sollte in der Förderung und Aufrechterhaltung der Neugier bestehen. Die individuelle kindliche Geistesentwicklung verläuft also im Prinzip gleich wie die kollektive, gattungsgeschichtliche Entwicklung, in einem dialektischen Prozeß von Offenheit und Abschließung. Auf diesem Weg ist die Menschheit zu dem gelangt, was man in Europa im 18. Jahrhundert als »Aufklärung« zu bezeichnen begann. Aufklärung hat ihre Gefahren, ihre negativen Seiten, ihre paradoxen Rückschläge und unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Quadratur des Kreises: Daß die Förderung der Neugier ein Bewußtsein der Negativität wachhalten sollte. Können beide Seiten einfach koexistieren? Wenigstens pragmatisch, in der tagtäglichen Praxis? Oder geht eben alles zum Untergang, wie man im Jahr 1944 denken mochte? Wir essen vom Baum der Erkenntnis, verlassen das Reich der Unwissenheit, aber der Baum versteinert, seine Blätter verdörren, die Früchte schmecken bitter. In dieser säkularen (Un)heilsgeschichte gibt es kein Entrinnen, weil – Schlußsatz der Dialektik der Aufklärung – »alles Lebendige unter einem Bann steht.«

Trotz allem zeigt uns ein nüchterner, distanzierter Blick auf die Geistesgeschichte, daß es dank mutiger Anstrengung der Gehirne Fortschritte durchaus gegeben hat, und daß viele weitere, kaum erst ahnbare Fortschritte bevorstehen. Es kommt darauf an, was wir mit den Erkenntnissen machen. Ob wir dumm handeln werden oder nicht.

<- 6 - Der schmale Grat zwischen Gefährdung und Idiotie.

<- 4 - Wer über Dummheit spricht, setzt voraus, daß er sich für klug halte, obwohl es als Zeichen der Dummheit gilt, das zu tun.

© Leopold Federmair

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13 Kommentare zu »Der Wille zum Nichtwissen (5/9)«:

  1. Hm, dass Angst ein Grund ist, kann man nicht leugnen, aber was ist mit der Bequemlichkeit? Will man nicht mindestens genauso häufig einfach nicht gestört werden? Sich nicht anstrengen, nicht in Unruhe verfallen? Der Ausgangspunkt des Denkens ist doch eine Unstimmigkeit, ein Problem, ein Widerspruch, etwas Negatives, mit dem man sich auch noch eingehend beschäftigt, sich hineinbegibt: Das wegzudrücken, beiseite zu lassen, zu verdrängen, ist nichts anderes als das Verschwinden einer Instabilität (deren Lösung freilich durch das Nachdenken möglich ist).

    Dass Neugier und anderes unseren Kindern durch die Schule ausgetrieben werden, hört man häufig, es sollte, bei allem das im Argen liegt, aber nicht dazu verleiten, ihr Verschwinden nicht auch anders zu erklären: Dass Kinder so neugierig sind, hat sicherlich biologische Ursachen, Neugierde ist gleichsam ein Mittel, das die Entwicklung der Kinder zu Erwachsenen hin »am Laufen hält«: Ein Kind, das von Natur aus nicht neugierig ist, wird sich nicht mit seiner Umwelt beschäftigen und seine Fähigkeiten nur wenig entwickeln.

    Ich bin, auch angesichts des derzeit betriebenen Förderwahnsinns, sehr skeptisch was derlei Dinge betrifft: In jeder Förderung steckt instrumentelles Denken, weil man etwas tun möchte, um etwas anderes zu »vermehren« und dabei nicht beachtet und nicht beachten kann, wie es um das konkrete Kind steht. Bildung wird leider immer stärker auf ein solches Denken reduziert (Stichwort: Bildungspläne), bzw. werden Kinder immer technischer betrachtet, es wird darauf geschaut was sie können und man erwartet, dass Pädagogen ihre Entwicklung optimieren. Ich glaube, dass das ein Irrweg ist, weil man auf ihm alles hintergeht, was an Bedeutsamem oder Qualitativem vorhanden ist. Dieses und der Umgang mit ihm, ist aber lebensentscheidend (im Sinn von Lebendigkeit oder Zufriedenheit). Kurzum: Man kann (und sollte) darauf achten, dass Kindern Neugierde nicht ausgetrieben wird, aber sie zu steigern, hieße sich in eine subjektive Qualität einzumischen und das Kind wie einen Computer zu betrachten, von dem man mehr Rechenleistung benötigt. Das übergeht das Kind als ein lebendiges Wesen und ist unbedingt zu vermeiden. Dass sich Neugierde steigern kann, geschieht, wie Bildung, nebenher, häufig unbemerkt und immer auch ein wenig zufällig.

    #1

  2. Leopold Federmair sagt:

    Mir ist Adorno oft zu obsessiv, seine Erklärungen werden dann monokausal. Ich glaube auch, daß es so etwas wie ein Trägheitsprinzip gibt, das die (ursprünglich sicher biologische) Neugier konterkariert. Allerdings enthält seine Diagnose eben auch die Aufforderung zum Mut, das zu erwähnen, war mir ebenfalls wichtig. Zumal in diesem Blog.

    Bei Canetti, in Masse und Macht, finde ich die Idee vom Stachel, den Befehle und Verbote in den Individuen hinterlassen. Innerhalb der menschlichen Gesellschaft werden Angst, Mißtrauen und Anpassung auf diese Weise zu einer Umgangsform. Das berührt sich mit Adornos Gedanken, nur ist der Horizont in diesem Buch weiter als in der Adornoschen Kulturkritik, die eigentlich immer abstrakt bleibt (Adornos konkretere »Sozialforschung« finde ich nicht sehr ergiebig).

    Da meine Tochter noch am Heranwachsen ist, beobachte ich diese Prozesse mehr oder minder täglich. Meine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Japan, aber ich glaube bemerkt zu haben, daß es eine weltweite Tendenz zum Förderwahnsinn gepaart mit Sicherheitswahnsinn und starrer Vorausplanung (nicht einmal im eigenen Namen, sondern in dem des Kindes) gibt und daß das alles dem Denken nicht sehr zuträglich ist. Es macht die jungen Leute müde, noch bevor sie ins Wasser springen können.

    #2

  3. Oliver K sagt:

    Zitat: »Intelligenz hat beileibe nicht immer nur positive Wirkungen auf die Welt der Tatsachen und Handlungen. Die Erzeugung von Atomenergie, für die geniale Ideen und aufwändige Forschungen die Voraussetzung waren, ist ein weiteres vielsagendes Beispiel dafür.«

    Die Voraussetzung fuer derartige Aussagen scheint die Annahme zu sein, »Atomenergie« koenne man sich aussuchen. Es ist aber einfach eine Eigenschaft der Wirklichkeit, ein Teil der allgemeinen Wahrheit.

    Es ist schlicht eine Tatsache, dass wenn man bestimmte Atomkerne spaltet, dann wird (relativ viel) Energie erzeugt. Dies muss erforscht werden, und auch ausgenutzt.

    Der Begriff »Dummheit« macht nur lokal Sinn, fuer kleine Handlungen, nie fuer grosse. Sterne explodieren, Kriege werden gefuehrt — komplexe Geschehnisse, die nichts mit »Dummheit« oder »Klugheit« zu tun haben. So halte ich auch die historische Perspektive des Artikels fuer voellig verfehlt — Unmenschen kamen an die Macht, etc. etc.

    #3

  4. Leopold Federmair sagt:

    »Es ist schlicht eine Tatsache, dass wenn man bestimmte Atomkerne spaltet, dann wird (relativ viel) Energie erzeugt. « Zuerst einmal muß man das erkennen. Das ist nicht so einfach, setzt eine lange Geschichte des Denkens voraus. Und dann ist die Frage, ob die Menschen versuchen sollten, Atomkerne zu spalten, indem sie technische Vorrichtungen dafür entwickeln. An diesem Punkt hat man den Bereich des Natürlichen längst verlassen. Zuletzt kommen auch Werte, Wertungen, ins Spiel.

    #4

  5. Oliver K sagt:

    Zitat Federmair: »Zuerst einmal muß man das erkennen. Das ist nicht so einfach, setzt eine lange Geschichte des Denkens voraus.«
    Wahrheit ist geschichtslos. Es hat historisch gesehen etwas gedauert (lang? kurz?), bis man z.B. das moderne Zahlensystem entwickelt hat und den modernen algebraischen Formalismus, aber ist man dann mit der Leiter auf das hoehere Niveau gestiegen, kann man die Leiter vergessen. Es ist auch keine »Geschichte des Denkens«, sondern eine Geschichte der Wissenschaften (objektiv, nicht subjektiv). Wie die Null, die Unbekannte x etc. heute allgegenwaertig sind, ist das Modell des Kernes von Atomen heute in den betroffenen Wissenschaften allgegenwaertig, und man trifft es ueberall. Z.B. Atome fusionieren und spalten sich im gesamten Weltall, der Planet Erde sammelte vor knapp 5 Milliarden Jahren bei seiner Entstehung diese Restprodukte ein (am Anfang war nur Wasserstoff, alles Andere wurde erzeugt durch gewaltige atomare Explossionen (verschiedenster Art)). Kernprozesse (Fusionierung und Spaltung) sind hochenergetisch, und somit nicht im Alltagleben unmittelbar sichtbar — schaut man aber zur Sonne hoch, dann werden dort jede Sekunde 4 Millionen Tonnen Materie vollstaendig in Energie umgewandelt (waehrend in einer Atomexplosion es nur einige Gramm sind). In den Wissenschaften, wenn man’s einmal verstanden hat, passt dann vieles zusammen.

    Zitat: »Und dann ist die Frage, ob die Menschen versuchen sollten, Atomkerne zu spalten, indem sie technische Vorrichtungen dafür entwickeln.«
    Sicher — Fortschritt ist unteilbar (das wird heute fast ueberall vergessen — jeder will Fortschritt im eigenen Mikrobereich, waehrend der Rest der Welt stillstehen soll). Vielleicht die elementarste Erscheinungsform der Wahrheit ist die Waffe.

    Zitat: »An diesem Punkt hat man den Bereich des Natürlichen längst verlassen.«
    Dies scheint »natuerlich« als so etwas wie einen Garten zu betrachten. Ist das Universum nicht natuerlich? Bei der Gelegenheit, Adorno hat irgendwo die meines Erachtens wichtige Bemerkung gemacht, dass Natur in Wirklichkeit eine gewaltige Geroellhalde ist (plus gewaltige Kernexplosionen, wie man ergaenzen sollte).
    Und selbstverstaendlich sollten wir den Bereich dieses »Natuerlichen« verlassen, so schnell wie moeglich.

    Zitat: »Zuletzt kommen auch Werte, Wertungen, ins Spiel.« Dies ist die allgegenwaertige Korruption, der Frontalangriff auf Wissenschaft von Links und Rechts — Wissenschaft muss zu etwas »gut sein« (Geld oder Guete). Dadurch versucht der finanziell-kuenstlerische Komplex alles zu ersticken. »Dystopie« der Kuenstler auf der einen Seite, Abschaffung der Produktion, Errichtung eines ewigen Geldkreislaufes durch die Neoliberalen auf der anderen Seite. So kriegen wir den Alm-Oehi im Bankenviertel.

    Ein wesentliches Problem heute ist nicht, dass wir »zuviel Wissenschaft« haetten, sondern im Gegenteil soll sie von »links« und »rechts« zerstoert werden. Jeder hantiert mit Aengsten, nur halt andere, jeweils an die eigene Klientel angepasst.

    #5

  6. In den Wissenschaften, wenn man’s einmal verstanden hat, passt dann vieles zusammen.
    Naja, »die Wissenschaften« nehmen immer für sich in Anspruch die »Wahrheit« zu postulieren. Das ist immanent. Sie ist nicht geschichtslos, sondern muss im jeweiligen Kontext ihrer Zeit eingebettet werden. Im 15. Jahrhundert kam man beispielsweise zu anderen Schlüssen über das Planetensystem als heute. Wissenschaftliche »Wahrheiten« gelten nur so lange bis das Gegenteil »bewiesen« wurde. Das ist spätestens seit Popper Standard. (Eine Ausnahme bildet da womöglich die Philosophie, wobei man fragen könnte, ob es sich um eine Wissenschaft im strengen Sinne handelt.)

    Dass Wissenschaften politisch instrumentalisiert werden, ist ebenfalls nicht neu. Und ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, in der es selbstverständlich weil »fortschrittlich« war, sich auf Atomenergie einzulassen. Das wurde in jeder Hinsicht politisch gefördert. Wer nicht dabei war, galt als Hinterwäldler. Dass sich das 40 Jahre später ins krasse Gegenteil verkehrt hatte, erschien damals unvorstellbar. Würden jetzt Atomreaktoren hergestellt werden, die allen existierenden Problemen (Entsorgung) trotzen würden – es gäbe immer noch keine Mehrheit dafür. Zu tief sitzt das Ressentiment.

    #6

  7. Leopold Federmair sagt:

    »Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!« Das Zitat ist zur Abwechslung mal nicht von mir, sondern von G. E. Lessing, der kein Wissenschaftler war, sondern ein Dichter. Was mich betrifft, ich denke – mit Lessing -, daß Wahrheit sehr wohl historisch ist. Es kommt allerdings auf den Wahrheitsbegriff an, und auf den Gebrauch des Worts, auf den Kontext (schon wieder »historisch«).

    Setzt man Wahrheit als Wert, der der Orientierung dient, also dem Streben (nach Erkenntnis etc.), dann würde ich sie ebenfalls als »absolut« bezeichnen, als unbedingt und verbindlich. Die Tätigkeit des Erkennens aber und die einzelnen Erkenntnisse, vielleicht von der Idee der Wahrheit geleitet, ist immer relativ und abhängig von wertgebundenenen menschlichen Entscheidungen, die der Tätigkeit selbst vorausliegen. Daß Wissenschaftler großartige, überzeugende Leistungen vollbracht haben, die ein Weltbild vermitteln können, das der Wirklichkeit bis in die Weiten des Universums »entsprechen« (oder nahekommen) kann, gebe ich gern zu. Historisch bleibt das dennoch, Stückwerk im Vergleich zum absoluten Wissen, das nicht – wieder mit Lessing – für uns Menschen ist.

    Hegel meinte, daß der Geist im absoluten Wissen zu sich selbst komme; anders gesagt, das (erkennende) Subjekt decke sich am Ende mit dem Objekt. Das halte ich für Hybris und will sie nicht teilen. Ich bleibe lieber bei Lessing.

    #7

  8. Joseph Branco sagt:

    Und dann ist die Frage, ob die Menschen versuchen sollten, Atomkerne zu spalten, indem sie technische Vorrichtungen dafür entwickeln.

    Dass sich Atomkerne spalten lassen, war eine Erkenntnis, die sich aus der Relativitätstheorie theoretisch ergeben hatte. Es war nicht die Idee Einsteins Atomspaltung zu ermöglichen, sondern die Kenntnis um die Natur der Dinge zu erhöhen. Später hat er erst erkannt welche Sprengkraft (Entschuldigung) in dieser Folgerung lag. Zu der Zeit war alles weitere aber eine Frage von Politik und Gesellschaft und nicht mehr der Wissenschaft. Das hat Dürrenmatt alles schon 1961 abgehandelt. Einmal Gedachtes ist nicht rückgängig zu machen.

    16. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen.
    17. Was alle angeht, können nur alle lösen.
    18. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern.

    Die Aussage Lessings finde ich im besten Falle noch niedlich und nur historisch von belang. Die Vorstellung, dass Menschen in Verantwortung aufgrund dieser Haltung heute noch Entscheidungen treffen, ist gruselig. Was absolutes Wissen sein soll, habe ich nie verstanden. Wo soll dieses Wissen her kommen? (ja, dass interessiert mich wirklich) Wer hat dazu einen Zugang? Und wenn dies nicht möglich ist, was schert es uns? Auch Hegel argumentiert kausal. Am Anfang der Argumentation muss dann ein Creatio-Ex-Nihilo-Wissen stehen oder man geht in einen infiniten Regress. Das ist beides nicht absolut.

    Oder anders formuliert: Wer Evolution akzeptiert, sollte nicht von Wahrheiten sprechen. Wir können mit unserem Gehirn die Ergebnisse der Sinne in einen Kausalzusammenhang bringen. Meistens klappt das mehr schlecht als recht (Einmal ist oft, zweimal ist immer). Wir haben aber eine Methode entwickelt dies zu erstaunlichen Ergebnissen zu bringen. Mehr können wir nicht erwarten, ohne die Evolution in Frage zu stellen. Und das ist zumindest momentan nicht satisfaktionsfähig.

    #8

  9. Leopold Federmair sagt:

    Lessing mag niedlich klingen; sein Festhalten an einem Gott ist heute obsolet. Den Wahrheitsbegriff würde ich damit allerdings noch nicht aufgeben, weil er die Erkenntnistätigkeit – die sich ja auch nicht auf das Aufspüren oder Konstruieren von Kausalzusammenhängen reduzieren läßt – orientieren kann.

    Was den Gebrauch und Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse selbst betrifft, so haben sich Leute wie Einstein sehr wohl Gedanken gemacht und Verantwortung empfunden, die sie in bestimmten Fällen zu – meist vergeblichen – Versuchen veranlaßt hat, auf das politische oder militärische Geschehen Einfluß zu nehmen. Aufgrund der Erfahrungen von NS, Judenvernichtung und zweitem Weltkrieg haben sich viele Denker die Frage gestellt, wohin der Gebrauch von Rationalität führen kann bzw. soll bzw. nicht soll. Ein Ergebnis dessen ist die »Dialektik der Aufklärung«, wo Horkheimer und Adorno, anders als etwa Lukács, eben die fortschreitende Rationalisierung für die Katastrophen (teil-)verantwortlich gemacht haben. Ein anderes Resultat sind die Überlegungen von Günther Anders zur »Antiquiertheit des Menschen« aufgrund der Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki. Dürrenmatts Äußerungen und sein Theaterstück gehören in genau diesen Kontext. Etwas später, aber auf dieser Linie, hat der Informatiker Joseph Weizenbaum vor den möglichen Verwendungsweisen seiner Wissenschaft gewarnt, vor allem mit Blick auf die Interessen des US-Militärs. Heute scheint mir, daß die oft unkontrollierte und unkontrollierbare Informatisierung der meisten Bereiche der Gesellschaft, und zwar weltweit, nicht zuletzt der Finanzwirtschaft, ein gewaltiges Gefahrenpotential birgt, das in Krisen zutage treten könnte, die denen des 20. Jh.s womöglich nicht nachstehen werden.

    Kritische Stimmen, sei es von Wissenschaftlern, sei es einfach von Bürgern, die nicht unmündig sein wollen, indem sie Stellung nehmen und nicht sämtliche Entwicklungen widerstandslos über sich ergehen lassen wollen, werden vermutlich wie bisher verhallen und kaum Einfluß haben. Dennoch, wer weiß… Es gibt da die – 1942 geborene, noch immer lebende – Figur des glücklichen Sisyphos, der aus freien Stücken das Absurde tut.

    #9

  10. @Joseph Branco
    Vielleicht liegt es an der Differenzierung »Wahrheit – Wahrheiten«, aber ist es nicht gerade deswegen, weil wir die Ergebnisse unserer Sinne (und nicht nur sie) nutzen, um kausale Erklärungen zu formulieren, notwendig nach einer Übereinstimmung einer Aussage über die Welt mit ebendieser zu fragen? Eine Aussage, eine These, ist wahr oder falsch, die Frage nach der Wahrheit, ist die abstrakte Formulierung eines konkreten Tuns. Absolut kann in diesem Zusammenhang vielleicht eine Art Weltformel (theory of everything) meinen, die alle wesentlichen Phänomene erklären kann (ein wohl »kindlicher« Wunsch auf der einen Seite und doch im Sinne von »etwas wissen wollen«, ein Antrieb, das auch zu tun). Allerdings: Hegel dachte sicherlich nicht empirisch und formulierte in einer anderen Sprache (ich meine auch bei Schopenhauer einmal seltsame »Wahrheitsformulierungen« gelesen zu haben).

    Vor einem Forschungsunterfangen, kann man über seine mögliche Auswirkungen nachdenken: Die Verantwortung eines Wissenschaftlers, im Sinne seiner Forschungsfreiheit, wäre auf Forschungen zu verzichten, wo dramatische Auswirkungen absehbar sind oder seine Ergebnisse in Hände gelangen, die diese Forschungen für ihre absehbaren Zwecke nutzen werden (diese »Hände« stellen bisweilen die notwendigen Finanzmittel zur Verfügung).

    #10

  11. Joseph Branco sagt:

    @Leopold Federmair
    Das ist mal eine Volte. Über Lessing, den ich rigoros ablehne, treffen wir uns bei Camus wieder. Mit dem Mensch in der Revolte kann ich praktisch etwas anfangen, aber wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Camus dort den Pfad der Philosophie verlassen hatte und nicht mehr kausal argumentierte, sondern an die Conditio humana appellierte. Wenn ich mich umschaue sehe ich aber überall Menschen, die im Sinne des Mythos von Sysphos schon lange Selbstmord begangen haben und dabei zähle ich die Wissenschaftler, die auf der Suche nach absoluten Wahrheiten sind, mit.

    Und natürlich hat sich Einstein Gedanken humanitärer Art gemacht, deshalb aber nicht a priori aufgehört zu denken. Eine tragische Figur. Er erkennt das Problem, möchte es durch sein Eingreifen verhindern und leitet so erst die bisher einzigen Einsätze von Atombomben ein. Das hat schon was von Ödipus etc. Die Technikfolgeabschätzung ist aber nicht mehr Sache der nüchtern agierenden Wissenschaft, wo man ein Ergebnis anhand der Standardabweichung als eher richtig oder falsch angeben kann. Die Komplexität einer Gesellschaft ist so hoch, dass wissenschaftlicher Anspruch dort nicht mehr greift (daher halte ich die Soziologie auch nicht für eine Wissenschaft, die exponierten Vertreter eher für eine Art Guru). Wenn in einer Gesellschaft aber kein richtig oder falsch greifbar ist, die Manipulatoren Feste feiern, bliebe nur der Rückgriff auf das, was den Menschen zum Menschen macht: seine soziale Natur. Und genau da greift der große Wertevernichter, der globale Finanzkapitalismus. Und auch da gebe ich Ihnen völlig recht. Das Gefahrenpotential des sich der Informationstechniken bemächtigende Finanzkapitalismus ist unabsehbar und entzieht sich jeder Kontrolle durch nationale Entitäten.

    @metepsilonema
    Ja, das menschliche Gehirn versucht manchmal nahezu verzweifelt (auf Kosten der objektiven Wahrnehmung) ein kohärentes Bild der Welt zu erzeugen (optische Täuschungen etc.). Wenn ich aber absolutes Wissen haben möchte, benötige ich ein Fundament, auf dem ich starten kann, mit der unbedingten Gewissheit, dass es tatsächlich ein Fundament ist. Wo diese Gewissheit herkommen soll, wüsste ich nicht. Die Mathematik behilft sich damit Axiome als Fundament aufzustellen und darauf Gebäude schier unendlicher Komplexität aufzubauen. Ob die Axiome tatsächlich »wahr« sind, ist nicht zu sagen (s. z.B. das Parallelenaxiom der euklidischen Geometrie) und das Gebäude ist auch nicht vollständig (s. Gödel). Absolut ist da selbst in der klarsten Strukturwissenschaften nichts.

    Ein sehr kontroverses Beispiel für die Verantwortung, gab es vor ein paar Jahren, als zwei Wissenschaftler das Vogelgrippevirus H5N1 so verändert hatten, dass es leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte (quasi Spanische Grippe). Die USA hatten als Finanzier noch versucht die Publikation zu verhindern, die Informationen waren aber schon in der Welt. Die Frage nach einem Publikationsverbot hatte unter Fachleuten zu kontroversen Diskussionen geführt.

    P.S. Was ist mit (und nicht nur sie) gemeint? Ich habe nicht mal einen siebten Sinn, geschweige denn weitere Erkenntnisorgane.

    #11

  12. @Joseph Branco
    Nur um es klar zu stellen: Ich halte von Begriffen, wie dem des absoluten Wissens, vor allem in empirischen Kontexten, nichts. Aber selbst Naturwissenschaftler wie Monod sind doch wieder in der Welt der Ideen gelandet, die man dazu in Bezug setzen kann (vielleicht ist diese, vor Jahren geschriebene Besprechung von Interesse, da auch ein Bezug zu Camus besteht).

    Zum »nicht nur sie«: Die Naturwissenschaft ist ja dadurch groß geworden, dass sie die engen Grenzen unserer Sinne erweitert hat, das erfolgt relativ direkt, wie in der Lichtmikroskopie, häufig aber indirekt, wenn die sinnliche Wahrnehmung auf das Ablesen eines Messwerts reduziert wird. Diesem Messwert liegt eine Messtheorie und ein bestimmtes Vorgehen, wie ein Verständnis der Situation und des vorliegenden Objekts zu Grunde. Vieles ist da mehr Vorstellung, als direkte sinnliche Wahrnehmung, das meinte ich (vieles kann von unseren Sinne auch gar nicht direkt wahrgenommen werden).

    #12

  13. Noch einen Nachsatz: Weil oben von Erziehung die Rede war und Sie die soziale Natur des Menschen angesprochen haben, der Finanzkapitalismus ist doch »nur« eine Spielart jener instrumentellen Vernunft, die Horkheimer und Adorno kritisierten; ich glaube, dass längst nahezu alle Bereich menschlichen Wirkens und die menschliche Natur selbst, dieser Art der Betrachtung unterliegen. Wenn ich heute in der Öffentlichkeit unterwegs bin, habe ich den Eindruck, dass vielen Menschen ihr Smartphone näher steht, als ihr Kind, das neben ihnen sitzt oder geht. Man könnte sagen: Wir verhalten uns wider unsere eigene Natur.

    #13

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