Gerüchte und Fake-News

Nach dem gestrigen Elfmeterdrama zwischen Dänemark und Kroatien, kurz vor 23.00 Uhr, beendete das ZDF hastig seine Sportübertragung (immerhin blieben einem lächerliche Interviews mit Spielern und ebenso überflüssige Analysen erspart) und schaltete ein »heute journal spezial« auf. Hartnäckig kamen Gerüchte auf, Horst Seehofer habe seine Ämter (Innenminister und CSU-Vorsitzender) zur Verfügung gestellt und sei zurückgetreten. Ein gefundenes Fressen für Journalisten. Wer jetzt die Fernbedienung seines TV bediente, sah sich reichlich mit Spekulationen eingedeckt. Insbesondere bei »phoenix«. Es gab ein Gespräch mit einem Parteienforscher um mögliche Szenarien. Auf Twitter meldeten sich die ersten Kritiker: Seehofers Rücktritt sei ja noch nicht bestätigt. Und man solle nicht in die Fake-News-Falle gehen.

Bei »phoenix« hatte ich das Gefühl, dass dort über das Rücktrittsgerücht mehrheitlich und sorgsam im Konjunktiv geredet wurde. Man wartete auf offizielle Stellungnahmen (die dann sehr viel später erst kamen). Dabei war stets klar, dass es sich um eine Annahme handelte. Zwar wurde spekuliert was nach einem Rücktritt Seehofers nun geschehe, aber als Tatsache wurde es nicht dargestellt.

Was soll man aber in dieser Zeit machen? Werden doch die Newskanäle immer wieder dafür kritisiert, zu spät zu berichten. Auf »Welt« kehrte man nach kurzer Zeit zurück zu einer Dokumentation. Bei »phoenix« blieb man im Spekulationsmodus.

Verpasst hatte ich Kai Gniffkes Hormondiagnose. Aber dafür gibt es ja Frank Lübberding, der alles Notwendige zu dieser Form des sogenannten Journalismus sagt.

Aber was sind Fake-News? Und was sind Gerüchte?

Wenn eine Nachricht als »Gerücht« deklariert wird, ist dies nicht gleichzusetzen mit einer Falschmeldung. Man kann darüber streiten, ob man fertig gezimmerte Kommentare senden sollte, die dieses Gerücht als Faktum voraussetzen. Ich glaube, man sollte das im Interesse des Journalismus vermeiden (mal angesehen von Hormonspekulationen). Legitim hingegen finde ich es Mutmassungen anzustellen, was ein solcher Rücktritt bedeuten würde. Auch wenn sich nachträglich herausstellt, dass es kein Rücktritt war.

Fake-News sind anders zu gewichten. Sie suggerieren einen Wahrheitsgehalt. Es gibt in ihnen keinen Konjunktiv. Sie unterscheiden sich noch von Falschmeldungen, die meist aufgrund einer verwirrenden oder falschen Nachrichtenlage abgegeben werden.

Die Meldung von der Ermordung des russischen Journalisten Arkadij Babtschenko, die dann glücklicherweise nicht stattfand, war sowohl Falschmeldung als auch Fake-News. Falschmeldungen gibt es aufgrund unübersichtlicher Nachrichtenlagen. Hätten die Journalisten warten sollen, bis man ihnen die Leiche zeigt? Fake-News hingegen sind immer manipulativ. Hier sollte angeblich ein Mordkomplott mit einer Falschmeldung aufgedeckt werden. Fake-News gibt es nie zufällig. Sie werden gesetzt. Abweichende Aspekte werden bewusst nicht berücksichtigt. Fake-News sind Nachrichten, die Objektivität simulieren, aber mindestens manipulativ wenn nicht sachfalsch sind.

Eine Meldung auf tagesschau.de vom 30.6.2018, die berichtet, dass die Bundeskanzlerin Abkommen mit 14 Staaten zur Rückführung von Flüchtlingen getroffen habe, war zu einer bestimmten Zeit am 30.6. die Darstellung der Regierung. Als sich Tschechien und Ungarn dahingehend äußerten, dass dies nicht stimme, war die Aussage in der tagesschau in der Halbzeitpause, es gebe »skeptische Signale« aus den beiden Ländern mindestens euphemistisch. Wenn aber heute, am 02.7.2018, Stand 10.00 Uhr, die Meldung mit den 14 Abkommen ohne weitere Korrektur immer noch auf tagesschau.de erscheint – dann ist das Fake-News-Kriterium erfüllt. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass in anderen Texten der Reaktion der Sachverhalt korrekt wiedergegeben wird. Entscheidend ist, dass der Text vom 30.6. als Referenz unwidersprochen dort zu lesen ist.

Dieser Beitrag wurde unter Apropos abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

5 Kommentare zu »Gerüchte und Fake-News«:

  1. Dauersauer sagt:

    Wenn Seehofer auf klare Nachfrage eines Journalisten bezüglich eines Rücktritts keine klare Auskunft erteilt, sondern sich das Hintertürchen auf lässt, so empfinde ich das als Schmierentheater.
    Denn was soll dahinter stecken als ein fischen im trüben Gewässer der AFD.
    Angesichts der Wählerverluste nach Umfragen vor der Landtagswahl in Bayern.
    Dieses Getöse ist doch so Sinnlos wie ein Kropf, da Bayern ja so wie so keinen Alleingang machen kann. Oder denkt wirklich jemand, dass Bayern einen Alleingang machen kann, und alle anderen Bundesländer bravo rufen. Nur lese und höre ich darüber wenig in den öffentlich Rechtlichen wie auch in den Printmedien. Da mag ich ja falsch liegen, aber eine Betrachtung ist es ja zu mindest wert. Das nenne ich nicht Fake news sondern einfach Desinformation, um mal wieder zu einem verständlichen deutschen Wort zu finden.

    #1

  2. Danke für das Wort »Desinformation«.

    Es ist ein Unterschied, ob ein Politiker desinformiert oder die Medien. Letztere sollten es ja herausfinden, und zwar möglichst aus einer Position der Neutralität. Oder es wenigstens versuchen.

    In den ÖR gab es in der Tat wenig Diskussionen um die CSU als eine Art bundesweiter Kraft. Print/Online gab es schon mehr. Da war von 18% der Stimmen die Rede, die die CSU bundesweit erzielen könnte. (Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme und völlig illusionär). Gleichzeitig hieß es, die 40%, die sie in Bayern erhalten würde, seien schlecht.

    #2

  3. Pingback: Gerüchte und Fake-News

  4. Joseph Branco sagt:

    Ich höre/lese Nachrichten nur noch mit Rotstift im Kopf. Bei manch einem Journalisten sieht das Ergebnis aus, wie weiland meine Französisch-Klausuren. Gesine Dornblüth oder Sabine Adler können da exemplarisch genannt werden. Vielleicht bin ich mittlerweile etwas nervös, empfinde aber fast ausschließlich eine Tendenz zu einer bestimmten Spielart des Linksliberalismus, bei dem das Wort Links nur noch einen Kuschelanteil repräsentiert.

    Die z.B. wie aus dem Nichts aufgetauchte Geschichte, dass Merkel sich mit Gott und der Welt verständigt habe, bevor sie Entscheidungen getroffen hatte, wird unhinterfragt gesendet. Plötzlich, nach drei Jahren. Wenn dass keine PR-Kampagne ist, haben alle meine Sensoren versagt. Ich habe zumindest noch die Stimmen aus fast allen Ländern in Erinnerung, die mit schierer Fassungslosigkeit dem Tun in Deutschland folgten. Die paar Länder, die am Anfang noch mitmachten, wechselten schnell die Seiten und sind heute die mit den schärfsten Abwehrgesetzen (Dänemark, Norwegen).

    Ist das jetzt Desinformation (von mir auch ein Dank für den Hinweis, das andere Wort ist unerträglich), nur tendenziös oder eine gesendete Nachricht, auch wenn der Wahrheitsgehalt mehr als fraglich ist. Ich denke es ist die gute alte Tendenz, die mit all den Varianten des Aufbauschens, Abschwächens, Weglassens und des Wordings viel effektiver und schwerer zu widerlegen ist.

    Das von Ihnen genannte Gerücht hatte ich zuerst indirekt via Reddit mitbekommen, wo sofort vier Meldungen als Tatsachenbehauptung aufschlugen. Da waren alle Fragezeichen schon verloren gegangen. Übrigens hatte auch die FAZ ziemlich deutlich formuliert. Das hört sich auch nicht nach Gerücht an:

    22:48 Seehofer will alle Ämter abgeben
    In der CSU überschlagen sich die Ereignisse. Horst Seehofer will zurücktreten, die Parteispitze ihn nicht gehen lassen. Protokoll einer dramatischen Nacht.

    #3

  5. Meine Französisch-Klausuren sahen ähnlich rottriefend aus.

    Ich erinnere mich ja noch an Kohls Diktum in den 1980er Jahren vom »Rotfunk«. Er meinte hier den WDR und den NDR. Er verschwieg dabei, dass andere Sendeanstalten (BR) andere politische Schwerpunkte vertraten. Übersehen wurde damals, dass dahinter der Vorwurf stand, dass die politische Ausrichtung einer Rundfunkanstalt von den politischen Machtverhältnissen abhängt. Daher sollte es das Privatfernsehen geben, was allerdings die Lage nicht verbessert hat.

    Ich glaube, es sieht inzwischen anders aus. In den Redaktionsstuben sitzen in den leitenden Positionen in der Regel sehr gut ausgebildete Personen mit akademischen Abschlüssen, die aus großbürgerlichen Milieus mit SPD/Grünen-Background stammen. Das sieht man inzwischen selbst bei der BpB so (PDF; die Zahlen sind teilweise von 2006, aber sie zeigen eben, weil diese Journalisten inzwischen in Leitungspositionen sitzen dürften).

    Wer in solchen Milieus reüssieren will, muss mit den Wölfen heulen. Man merkt dies deutlich an der Überpointierung, die insbesondere in den ÖR Medien gepflegt werden. Man macht da teilweise der dumpf-blöden »Bild« Konkurrenz von der anderen Seite. Es ist wirklich schauderhaft.

    #4

Kommentar abgeben:

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Angaben sind mit * markiert.