Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Ei­ne Hand­voll An­ek­do­ten

Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten - auch Opus incertum
Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger:
Ei­ne Hand­voll An­ek­do­ten – auch Opus in­cer­tum

»Ei­ne Hand­voll An­ek­do­ten« nennt Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger sein neue­stes Buch und da ist auch schon das er­ste von so vie­len Un­der­state­ments. Denn es sind ins­ge­samt 107 Ge­schich­ten, Fund­stücke (der Un­ter­ti­tel: »Opus In­cer­tum«!). Ex­kur­sio­nen in die Ver­gan­gen­heit ei­ner Kind­heit und Ju­gend. Die Aus­flü­ge wer­den ein­hundertzwanzig Mal kon­ge­ni­al be­bil­dert; sehr viel aus dem »FAE«, dem Fa­mi­li­en­ar­chiv En­zens­ber­ger (nur man­ches ist über­flüs­sig – ei­nen Schä­fer­hund kennt man schon heut­zu­ta­ge noch). Ge­le­gent­lich ver­lässt En­zens­ber­ger die Er­eig­nis­se, er­zählt vom Schick­sal der Per­so­nen oder lei­tet aus dem Ge­sche­hen Prä­gun­gen für sein wei­te­res rest­li­che Le­ben ab.

Die Haupt­fi­gur heißt »M.«, wo­mit na­tür­lich der Ver­fas­ser ge­meint ist. Oder, et­was ge­nau­er: M. ist die Fi­gur, wie sich En­zens­ber­ger heu­te an sei­ne Kind­heit und Ju­gend er­in­nert. Die drit­te Per­son Sin­gu­lar ist da­bei die kleinst­mög­li­che Dis­kre­ti­ons­stu­fe, wenn es um sich und sei­ne Fa­mi­lie geht. »Wenn er über sich sel­ber schreibt,//schreibt er über ei­nen an­dern.«, so heißt es denn auch in ei­nem vier­zei­li­gen »En­voi« am En­de. Den­noch: Ein So-tun-als-ob gibt es für den 89jährigen nicht. En­zens­ber­ger ver­sucht erst gar nicht, die kind­li­che oder ju­gend­li­che Er­zähl­per­spek­ti­ve zu si­mu­lie­ren. Da­für weiß er zu ge­nau wie es (mit und oh­ne ihn) wei­ter geht.

Es be­ginnt chro­no­lo­gisch (in den er­sten Jah­ren noch leicht in­ter­mit­tie­rend). Vom Ge­burts­jahr 1929 hat der Er­zäh­ler des Er­zäh­lers na­tur­ge­mäß nur we­nig in Er­in­ne­rung. Ir­gend­wann je­doch ei­ne nicht en­dend wol­len­de Schlan­ge von gel­ben Post­au­tos – pas­send zum »Post­as­ses­sor« des Va­ters, der auch noch als Kom­par­se in Stumm­fil­men und als Ra­dio­an­sa­ger tä­tig war. Un­ter­for­dert sei er in sei­ner Tä­tig­keit ge­we­sen. In sei­ner Frei­zeit bau­te er ei­ne Holz­ei­sen­bahn, zeich­ne­te Ent­wür­fe zu Bau­wer­ken und pho­to­gra­phier­te.

Ja, Mit­glied in der Par­tei war er schon, der Va­ter. Weil er sei­nen Sta­tus als Be­am­ter nicht ver­lie­ren woll­te (er stieg auf zum »Te­le­gra­phen­di­rek­tor«). Jah­re spä­ter lauscht M. ei­nem Ge­spräch des Va­ters mit ei­nem Freund. Ei­ne bes­se­re Po­si­ti­on ha­be man ihm an­ge­bo­ten, in Ber­lin. Aber das woll­te er nicht, die­ses Sich-ge­mein-Ma­chen. Und als der ei­gent­lich ZbV ein­ge­stuf­te 1940 für den Neu­auf­bau des Pa­ri­ser Te­le­fon­net­zes für ei­ni­ge Mo­na­te zum »Etap­pen­ha­sen« wird, abon­niert er nach sei­ner Rück­kehr wei­ter­hin die »Brüs­se­ler Zei­tung«, die et­was un­ab­hän­gi­ger als der »Völ­ki­sche Be­ob­ach­ter« be­rich­tet. Am En­de des Krie­ges sitzt er im Ge­fäng­nis we­gen »Wehr­kraft­zer­set­zung«. Kon­tak­te zum Wi­der­stand wer­den ver­mu­tet. Aber die An­klä­ger sind schon so klug, die Ak­ten ver­schwin­den zu las­sen. Was da­zu führt, dass die »Per­sil­schei­ne« des Va­ters den Ame­ri­ka­nern zu glatt vor­kom­men.

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»…wie ei­ne asym­me­tri­sche Va­se«

Pe­ter Slo­ter­di­jk schrei­tet mit der Über­tra­gung sei­ner No­ta­te bis 2013 fort.

Peter Sloterdijk: Neue Zeilen und Tage
Pe­ter Slo­ter­di­jk:
Neue Zei­len und Ta­ge

Naht­los knüpft Pe­ter Slo­ter­di­jk mit »Neue Zei­len und Ta­ge« an sein No­tiz­ex­trakt »Zei­len und Ta­ge« von 2012 an. Die Auf­zeich­nun­gen des neu­en Bu­ches be­gin­nen dort, wo das an­de­re ab­schloss (am 8. Mai 2011) und en­den am 23. Sep­tem­ber 2013, un­mit­tel­bar nach der Bundestags­wahl, knapp zwei Jah­re vor je­nen po­li­ti­schen Erup­tio­nen, die Slo­ter­di­jk fast pro­phe­tisch vor­weg­nahm, als er un­mit­tel­bar nach dem Fern­seh­du­ell zwi­schen Peer Stein­brück und An­ge­la Mer­kel kon­sta­tier­te, dass man sich bald nach den Jah­ren des vor­geb­li­chen Still­stands seh­nen wer­de, so­bald der Sturm zu ern­ten ist, der im mil­den Wind die­ser Ta­ge ge­säht [sic!] wur­de.

Der letz­te Teil des Sat­zes, je­nes my­stisch-se­mi­vi­sio­nä­re Halb­pa­thos, ist zu­wei­len ty­pisch für die­se No­ta­te, die schon wie in »Zei­len und Ta­ge« mit mä­an­dernd-poin­tier­ten, zu­wei­len apho­ri­stisch-sprung­haf­ten Schil­de­run­gen auf­war­ten. So lässt die­se Stoff­samm­lung wei­ter­hin den Blick in die Werk­statt des Le­sers Slo­ter­di­jk zu, der nach Be­lie­ben Un­ter­stüt­zung zu sei­nen The­sen in na­he­zu al­len ver­füg­ba­ren Wer­ken bis hin zur Bi­bel fin­det. Man be­glei­tet man ihn bei Nach- und Vor­ge­dan­ken zu sei­nen Bü­chern, sieht ihm prak­tisch zu beim Sor­tie­ren der »Zei­len und Ta­ge« (in dem sei­ne ak­tu­el­len Auf­zeich­nun­gen na­he­zu zum Er­lie­gen kom­men) und er­fährt al­ler­lei über die Ar­bei­ten an ein Li­bret­to zu ei­ner Oper na­mens »Ba­by­lon« (Mu­sik von Jörg Wid­mann), wel­che dann im Ok­to­ber 2012 in Mün­chen ur­auf­ge­führt wird.

Slo­ter­di­jk ist viel un­ter­wegs, zu Kon­gres­sen, hält Re­den (ein­mal vor FI­FA-Funk­tio­nä­ren über den we­nig er­forsch­ten Un­ter­schied von An­ge­bots­re­li­gio­nen und Nachfrage­religionen [Re­ak­tio­nen wer­den be­dau­er­li­cher­wei­se nicht über­lie­fert]), sitzt in Fern­seh­dis­kus­sio­nen oder im Flug­zeug, macht Ur­laub und sor­tiert da­bei sei­ne Ge­dan­ken zum Er­leb­ten. Nur am Ran­de kom­men sei­ne uni­ver­si­tä­ren Pflich­ten vor, et­wa wenn ein un­ter­schrifts­rei­fer Spon­so­ring-Ver­trag mit ei­nem Dro­ge­rie­markt­in­ha­ber doch noch in letz­ter Mi­nu­te platzt. Oder wenn es um Nach­fol­ge­re­ge­lun­gen geht. Un­ter­halt­sam da­ge­gen die Kol­le­gen­be­ob­ach­tun­gen, die manch­mal in Spott mün­den. Et­wa über Red­ner, die wir brau­chen sa­gen. Oder nach dem En­de ei­nes Phi­lo­so­phie­kon­gres­sen. Der Bo­den sei nach 400 Re­fe­ra­ten von Wort­hül­sen über­säht [wie­der die fal­sche Schreib­wei­se]. Über­haupt ha­dert er zu­wei­len mit sei­ner Wis­sen­schaft. Was heißt den­ken?, fragt er ein­mal. Um dann die ver­blüf­fen­de Ant­wort zu ge­ben: Feu­er in Pa­pier­tü­ten trans­por­tie­ren.

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Ber­lin Ba­by­lon

Ach­tung: Über­all Spoi­ler!

Bei dem Wort »Se­rie« ge­ra­ten ja in­zwi­schen ge­stan­de­ne Feuil­le­ton-Re­dak­teu­rIn­nen in ge­ra­de­zu kon­vul­si­vi­sche Zuckun­gen. So­fort wer­den die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen der ame­ri­ka­ni­schen Pro­duk­tio­nen her­un­ter­ge­rat­tert und vom »neu­en Er­zäh­len« be­rich­tet. Da­bei gab es Se­ri­en schon im­mer, aber es geht wohl um mehr, um Welt­erklä­rung, ja: Welt­erfas­sung wie wei­land dies nur dem »gro­ßen Ro­man« zu­ge­traut wur­de (wo­bei noch zu Goe­thes Zei­ten der Ro­man un­ge­fähr das war, was man heu­te Schmon­zet­ten nennt). Der gu­te deut­sche Re­zi­pi­ent weiß na­tür­lich, wo­hin er schau­en muss und ist dem­zu­fol­ge im­mer ein biss­chen skep­tisch, wenn nun (schein­bar) peu à peu auch deutsch(sprachig)e Se­ri­en pro­du­ziert wer­den.

Es ist be­dau­er­lich, dass die­se zu­wei­len in Selbst­hass sich suh­len­den Ab­wehr­me­cha­nis­men aus­ge­rech­net bei »Ba­by­lon Ber­lin« fast gänz­lich ver­sagt ha­ben. Aus Grün­den, über die man nur spe­ku­lie­ren kann, wur­den die bis­he­ri­gen 16 Fol­gen (ins­ge­samt 12 Stun­den Sen­de­zeit in 2 »Staf­feln«) bis auf ei­ne Aus­nah­me na­he­zu ab­ge­fei­ert.

Die Se­rie spielt in den er­sten Mai­ta­gen des Jah­res 1929 in Ber­lin. Ge­zeigt wird die­se Stadt als Schmelz­punkt von Pro­sti­tu­ti­on, Ka­ba­rett, Kri­mi­na­li­tät und Po­li­tik. We­ni­ger Ba­by­lon denn So­dom. In­mit­ten dar­in: Ein paar Ge­rech­te, wie der aus Köln zu­ge­rei­ste Ge­re­on Rath, der bei der Ber­li­ner Po­li­zei im Sit­ten­de­zer­nat hos­pi­tiert. Zu­nächst soll er ei­nen Ring von ver­meint­li­chen Er­pres­sern auf­spü­ren, die pro­mi­nen­te Per­sön­lich­kei­ten bei Fes­sel- oder son­sti­gen Sex­spiel­chen auf­ge­nom­men ha­ben. Auf ei­nem Fo­to ist das Ge­sicht des Kun­den un­kennt­lich ge­macht; Rath er­fährt spä­ter, dass es sich um sei­nen Va­ter han­delt, den OB von Köln (Ade­nau­er lässt grü­ßen).

Aber es gibt se­ri­en­na­tür­lich meh­re­re, par­al­le­le Hand­lungs­strän­ge: Ein Zug aus Russ­land mit Gift­gas und – Trom­mel­wir­bel! – ei­nem Wa­gen mit Gold, der von Trotz­ki­sten nach Istan­bul um­ge­lei­tet wer­den soll und nun na­tür­lich bei al­len mög­li­chen Par­tei­en Be­gehr­lich­kei­ten weckt. Es gibt Plä­ne für ei­nen Staats­streich, aber da ist eben Ge­re­on Rath, der dies ganz al­lei­ne ver­hin­dert. Ein wei­te­rer Ge­rech­ter ist Re­gie­rungs­rat Ben­da, der Rath för­dert. Und da ist na­tür­lich Char­lot­te Rit­ter, die aus ar­men Ver­hält­nis­sen ei­nen Schreib­job bei der Po­li­zei er­gat­tert, wäh­rend sie nachts als Pro­sti­tu­ier­te in ei­nem Edel-Bor­dell Ber­li­ner Pro­mi­nenz be­dient. Ihr Traum ist es in die Mord­kom­mis­si­on zu kom­men; ih­re Chan­cen sind im da­mals män­ner­do­mi­nier­ten Ap­pa­rat eher ge­ring. Aber da ist ja Ge­re­on Rath – sie­he oben.

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Han­no Rau­ter­berg: Wie frei ist die Kunst?

Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst?
Han­no Rau­ter­berg:
Wie frei ist die Kunst?

Kunst, die als Ver­un­glimp­fung, Her­ab­set­zung oder Dis­kri­mi­nie­rung ei­ner Per­son oder Per­so­nen­grup­pe oder ge­sell­schaft­li­chen Grup­pie­rung auf­grund von Haut­far­be, Glau­ben, Ge­schlecht, kör­per­li­cher Ver­fas­sung, Al­ter oder na­tio­na­ler Her­kunft ver­stan­den wer­den könn­te soll­te grund­sätz­lich von staat­li­chen För­der­mit­teln ausge­schlossen wer­den.

Die­se For­de­rung könn­te durch­aus als Im­pe­ra­tiv im Rah­men ei­nes zeit­ge­nös­si­schen Dis­kur­ses um ei­nen sich neu for­mie­ren­den Kunst- und Kul­tur­be­griff ste­hen. For­mu­liert wur­de er aber nicht von ei­nem AStA, ei­ner Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten oder ver­meint­lich pro­gressiven Kunst­kri­ti­kern son­dern be­reits im Jahr 1989 vom 2008 ver­stor­be­nen re­pu­bli­ka­ni­schen US-Se­na­tor Jes­se Helms im Rah­men des­sen, was man post fe­stum »Cul­tu­re wars« nann­te. Helms woll­te un­ter an­de­rem die­se Richt­li­nie als Zu­satz zur ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung im­ple­men­tie­ren. Die Poin­te: Er war ul­tra-kon­ser­va­tiv, ho­mo­phob und trat ve­he­ment ge­gen die Gleich­be­rech­ti­gung von Wei­ßen und Schwar­zen ein. Sein Vor­stoß galt den da­mals »un­züch­ti­gen« und »blas­phe­mi­schen« Kunst­pro­duk­ten bei­spiels­wei­se ei­nes Fo­to­gra­fen wie Ro­bert Mapp­le­thor­pe, der Sän­ge­rin Ma­don­na oder Mar­tin Scor­se­ses »Die letz­te Ver­su­chung Chri­sti«.

Helms’ Zi­tat ist aus Wie frei ist die Kunst?, dem neue­sten Buch des ZEIT-Feuil­le­ton­­re­dak­teurs Han­no Rau­ter­berg. Es trägt den Un­ter­ti­tel Der neue Kul­tur­kampf und die Kri­se des Li­be­ra­lis­mus. Aus vier Sicht­wei­sen – Pro­duk­ti­on (Künst­ler), Dis­tri­bu­ti­on (Mu­se­en), Re­zep­ti­on und In­te­gra­ti­on – un­ter­sucht Rau­ter­berg das ge­wan­del­te Ver­ständ­nis von Kunst von der Mo­der­ne über die Post­mo­der­ne hin zur Ge­gen­wart, die im Buch Di­gi­tal­mo­der­ne ge­nannt wird.

In der Ein­lei­tung be­nennt Rau­ter­berg an ei­ni­gen Bei­spie­len der letz­ten Zeit die sich strikt an »Wer­te« ori­en­tie­ren­den An­sprü­che an Kunst. Da wer­den Per­so­nen aus Fil­men her­aus­ge­schnit­ten, die we­gen se­xu­el­ler Über­grif­fe an­ge­zeigt wur­den. Da wird ein Ge­dicht an ei­ner Häu­ser­fas­sa­de über­malt, weil es frau­en­ver­ach­tend und se­xi­stisch sein soll. Als dis­kri­mi­nie­rend emp­fun­de­ne Wör­ter sol­len aus Bü­chern ge­tilgt wer­den. Werk­schau­en wer­den auf­grund von Se­xis­mus-Vor­wür­fen an den Künst­ler ab­ge­sagt oder als an­stö­ßig emp­fun­de­ne Kunst­wer­ke aus Aus­stel­lun­gen ent­fernt. Ka­ri­ka­tu­ren blei­ben un­ge­zeigt, weil sie re­li­giö­se Ge­füh­le ver­let­zen könn­ten.

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Bo­do Kirch­hoff: Däm­mer und Auf­ruhr

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr
Bo­do Kirch­hoff:
Däm­mer und Auf­ruhr

»Aber von den spä­te­ren Ta­gen am Schwarz­see gibt es ein Foto…Ich sprin­ge da von ei­nem ho­hen Brett in den See, nur sieht man das Brett nicht und auch nicht den See, auf dem Fo­to sieht man vor al­lem mich in der Luft, die Bei­ne an­ge­zo­gen, Ar­me ge­streckt, und im Hin­ter­grund Ber­ge. Ich sprin­ge wie ei­ner, der in den Tod springt, bei dem al­les, was vor­her war, kei­ne Rol­le mehr spielt.«

Nach­ko­lo­riert fin­det sich die­ses Bild als Co­ver auf Bo­do Kirch­hoffs »Ro­man der frü­hen Jah­re« mit dem et­was rät­sel­haf­ten Ti­tel »Däm­mer und Auf­ruhr«. Es ist – dar­an be­steht kein Zwei­fel – ein au­to­fik­tio­na­les Buch. Der sprin­gen­de Jun­ge auf dem Fo­to ist 14 Jah­re alt und heißt Bo­do Kirch­hoff. Die frü­hen Jah­re, die die­ses Buch um­fas­sen, ge­hen vom 4. Le­bens­jahr bis un­ge­fähr 26, al­so von 1952 bis 1974. Un­ter­bro­chen wer­den die­se Er­in­ne­run­gen durch die Schil­de­run­gen des Auf­schrei­bens der Ge­schich­ten im Ho­tel »Beau Se­jour« in Alas­sio, in je­nem Zim­mer, in dem die El­tern 1958 in ei­nem Ur­laub oh­ne die bei­den Kin­der ih­re wo­mög­lich glück­lich­ste Zeit ver­bracht ha­ben (und doch be­reits da­mals der Keim für die spä­te­re Tren­nung auf­kam). Und auch die Re­mi­nis­zen­zen von der al­tern­den Mut­ter im Stift, un­ter­bre­chen den Strom des Ver­gan­ge­nen, der an­son­sten chro­no­lo­gisch er­zählt wird.

Wo­mög­lich rächt sich jetzt, dass der Schrei­ber die­ser Zei­len bis­her so gut wie nichts von, da­für aber ei­ni­ges über Bo­do Kirch­hoff ge­le­sen (und ge­hört) hat. Nach­tei­lig da­bei, dass Mo­ti­ve, die si­cher­lich in sei­nen an­de­ren Bü­chern be­reits auf­tau­chen, nicht er­kannt wer­den kön­nen. Manch­mal scheint Kirch­hoff den mit sei­nem Werk un­ver­trau­ten Le­ser zu hel­fen und setzt sel­ber ei­ni­ge Par­al­le­len zu den an­de­ren Bü­chern. Viel se­kun­dä­re Lek­tü­re schwirrt im Kopf her­um, wenn man die­ses Buch liest. »Por­no­schrift­stel­ler« wird er nach Pu­bli­ka­ti­on sei­ner er­sten No­vel­le (1979 »Oh­ne Ei­fer, oh­ne Zorn«) ge­nannt (so steht es »Däm­mer und Auf­ruhr«). »Macho«-Gehabe ist ein an­de­res Eti­kett (selt­sa­me Al­li­anz hier – je nach Gu­sto galt und gilt dies im­mer noch viel mehr für ei­nen an­de­ren). »Kitsch« nann­te Herr Scheck den Plot von »Wi­der­fahr­nis«. Wer ein biss­chen sucht fin­det aber auch et­li­che an­er­ken­nen­de Wor­te – von Mar­cel Reich-Ra­nicki bis Iris Ra­disch. Die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen, die in den Ju­rys sa­ßen und sit­zen, er­wärm­ten sich den­noch eher sel­ten für Kirch­hoff (trotz lan­ger Suhrkamp-»Zugehörigkeit«; spä­ter wech­sel­te er zum Sohn). So kam es ei­ner Sen­sa­ti­on gleich, als er 2016 den Deut­schen Buch­preis ge­wann.

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Schwe­den

Die Be­richt­erstat­tung um den Aus­gang der Reichs­tags­wah­len in Schwe­den zeigt sehr gut, war­um der Jour­na­lis­mus in Deutsch­land der­zeit kei­nen gu­ten Ruf hat. Be­reits vor Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le wuß­te der Kor­re­spon­dent der ta­ges­schau, dass es oh­ne die rech­ten, so­ge­nann­ten »Schwe­den­de­mo­kra­ten« (SD) kei­ne Re­gie­rung ge­ben wird. Da­bei geht der Kor­re­spon­dent da­von aus, dass die bis­he­ri­gen Block­bil­dun­gen der ...

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An­fangs­sym­pa­thie

Über zwei Bü­cher von mir nicht ganz Un­be­kann­ten.

An­dre­as H. Dre­scher und Marc De­gens ken­ne ich ei­gent­lich nicht. Wenn man »ken­nen« in den Kri­te­ri­en des »re­al life« de­fi­niert. Wir ha­ben uns noch nie ge­se­hen. Wir korrespon­dieren zu­wei­len bzw. ha­ben kor­re­spon­diert. Die Be­kannt­schaft ist vi­ral und sehr spo­ra­disch. An­dre­as H. Dre­scher schick­te mir vor vie­len Jah­ren ein Ma­nu­skript, dass ich ziem­lich gut fand. Sei­ne zwei­te Ver­si­on hat­te ich dann ir­gend­wie nicht mehr ge­le­sen, da ich sel­ber an ei­nem Buch­pro­jekt ar­bei­te­te. Da war die Mög­lich­keit mein Hand­ke-Ju­go­sla­wi­en-Buch im SuKuL­TuR-Ver­lag von Marc De­gens zu pu­bli­zie­ren, schon ver­wirkt (mei­ne Schuld).

An­dre­as H. Dre­scher hat ak­tu­ell »Koh­len­hund« pu­bli­ziert; in ei­nem Ver­lag, der sein ei­ge­ner ist (wenn ich das rich­tig ver­ste­he; bei Ama­zon ist er zur Zeit nicht lie­fer­bar). Und von Marc De­gens er­fährt man in »Eri­wan« end­lich, was er zwi­schen 2008 und 2010 in Ar­me­ni­en ge­macht und er­lebt hat. »Eri­wan« er­scheint bei »Il­le & Rie­mer««, je­nem Ver­lag, der mein Hand­ke-Ju­go­sla­wi­en-Buch 2012 ver­legt hat­te.

Die bei­den Bü­cher ha­be ich al­so mit ei­ner ge­wis­sen An­fangs­sym­pa­thie ge­le­sen. Das soll­te man wis­sen, wenn man mei­ne Be­mer­kun­gen liest.

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H. M. van den Brink: Ein Le­ben nach Maß

Hans Maarten van den Brink: Ein Leben nach Maß
H. M. van den Brink:
Ein Le­ben nach Maß

Seit ei­ni­gen Wo­chen er­scheint er re­gel­mä­ßig im Traum und plötz­lich steht er dann schwei­gend in der Woh­nung: Karl Di­jk. Je­ner ehe­ma­li­ge Ar­beits­kol­le­ge des na­men­lo­sen Ich-Er­zäh­lers in Hans Maar­ten van den Brinks »Ein Le­ben nach Maß«. Es ist ir­gend­wann um 2009, der Er­zäh­ler ist Mit­te 60. Er ist pen­sio­niert, ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter der Eich­be­hör­de. Na­tür­lich ist das ei­ne Hal­lu­zi­na­ti­on, ein Fie­ber­traum, der im­mer wie­der Frag­men­te des Le­bens her­vor­spült. Und be­son­ders eben je­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Karl Di­jk, der Ei­gen­bröt­ler, der hart­näckig Ab­we­sen­de, der selbst sei­ner Ab­schieds­fei­er fern­blieb, was die um­trie­bi­ge Di­rek­to­rin nicht da­von ab­hielt, die vom Er­zäh­ler ver­fass­te Re­de vor­zu­tra­gen.

Es be­ginnt am 2. Ja­nu­ar 1961 als der Er­zäh­ler 18jährig sei­nen Dienst beim Eich­amt be­ginnt und dort den we­nig äl­te­ren Karl Di­jk trifft. Es ist der Tag des er­sten und letz­ten Hän­de­drucks; so eng die Zu­sam­men­ar­beit auch teil­wei­se war, es wird nie der­art in­tim. Noch exi­stent sind Tra­di­ti­on und Ethos ei­ner Be­hör­de, die die Waa­gen der Le­bens­mit­tel­händ­ler, Markt­leu­te, Flei­scher, Dro­gi­sten und Apo­the­ker kon­trol­liert – sei es, dass man ih­nen die­se bringt oder sie im Au­ßen­dienst be­sucht. Sie sind we­nig be­liebt, zu­wei­len wer­den sie so­gar be­droht. Der Prü­fer als Feind und man be­ginnt an Jo­sef Roths »Das fal­sche Ge­wicht« zu den­ken. Und es ist die Zeit, in der die »per­ma­nen­te Ver­änderung…noch nicht er­fun­den« war.

Aber nach­träg­lich sieht man sie na­tür­lich. Aus den Dör­fern wur­den Vor­or­te, aus Wie­sen Ge­wer­be­ge­bie­te und aus der Be­hör­de ein pri­va­tes Dienst­lei­stungs­un­ter­neh­men. Die Stra­ßen sind vol­ler Au­tos, aber längst oh­ne die Fahr­zeu­ge der mo­bi­len Bäcker, Flei­scher und Le­bens­mit­tel­händ­ler. Das al­les wird leicht, la­ko­nisch, aber nie­mals ver­klä­rend er­zählt. Kein »Frü­her war al­les bes­ser«, denn schließ­lich stan­ken die Grach­ten er­bärm­lich nach Müll, Un­rat und »En­ten­grüt­ze«. Und die Kun­den wur­den be­schum­melt.

Wei­ter­le­sen ...