
Olivier Sillig: Schule der Gaukler



Dann fällt ihm noch der Mondtag ein. Fast richtig sagte die Ärztin, Frau Doktor Wolkenbauer. Nein, er kennt keinen dieser Tage. Er lernt sie auswendig. Er hat Lücken im Kopf. Namenslücken, Freundeslücken, Familienlücken, Berufslücken, Landschaftslücken, Erinnerungslücken, Wortlücken. Er weiß nur, dass er Ministerpräsident ist. Der Ministerpräsident bekommt von der Ärztin ein Notizheft. Hier soll er hineinschreiben, was er nicht versteht. Er schreibt auch seinen Namen hinein: Claus Urspring. Schreiben kann er immerhin. Und er weiß, dass der Mann, der immer zu Besuch kommt, Julius März heißt.
Der Ministerpräsident hatte einen Autounfall und lag mehrere Tage im Koma. Er ist nun in einer Klinik. Julius März besucht ihn regelmässig, denn schließlich ist Wahlkampf. Urspring, so will es die Ärztin, soll sich erinnern, an die Kindheit, an schöne Erlebnisse. März will, dass er sich an die Landesverfassung und die Kompetenzen der Staatssekretäre erinnert. Er paukt das mit ihm. Aber irgendwie interessiert es Urspring nicht.

Den Zeitpunkt, von dem an Kriminalromane nur noch am Rande mit der eigentlichen Aufklärung des Verbrechens zu tun haben, kann man ganz gut auf Mitte der 1970er Jahre taxieren. Zwar hatten angelsächsische Autoren zuvor längst den kauzigen Privatdetektiv entdeckt und auch Persönliches des Fall-Lösers in die Geschichten eingewoben. Und auch George Simenons Figur Maigret war mehr als nur ein Kommissar, der Indizien aufspürte, Alibis überprüfte und Zeugenvernehmungen durchführte. Ebenso wurde die Psychologie des Täters immer weiter ausgeleuchtet und als Motiv reichte nicht mehr nur die übliche Testamentsklausel oder der unverzeihbare Seitensprung des Ehepartners. Aber den Anspruch, mit der Erzählung von Kriminalfällen auch, ja: vor allem gesellschaftspolitische und soziale Zustände zu reflektieren, wurde erstmals von den beiden schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö eingelöst. Zehn Romane entstanden vom Autorenpaar zwischen 1965 und 1975. Den Dekalog nannte man später »Roman über ein Verbrechen« – die Betonung liegt auf »ein«. Nicht nur, dass die Protagonisten der Stockholmer Mordkommission, hier vor allem Kriminalassistent bzw. Kommissar Martin Beck, sein engster Vertrauter Kollberg oder der gelegentlich cholerisch-unkonventionelle Gunvald Larsson nebst ihrem Privatleben im Mittelpunkt standen. Desweiteren wurden die Arbeitsbedingungen und Ränkespiele innerhalb der Polizeiadministration und die oktroyierten politischen Rücksichtnahmen ebenso thematisiert wie die gesellschaftspolitischen und sozialen Zustände des Landes selber, die sich in der Skurrilität und Brutalität der Verbrechen spiegeln sollten.

Rupert ist ein bekannter Schriftsteller und schreibt Hörspiele. Marie beginnt mit dem Schreiben, veröffentlicht 1990 ihr erstes Buch. Er ist ein politischer Kopf, der mit RAF-Gefangenen korrespondiert und sich als Kommunist bezeichnet. Er hat eine manchmal enervierende Radikalität, schimpft auf den Kleinbürgerdreck anderer (und bei sich selbst) und zieht sich an kleinen Dingen hoch, wie beispielsweise am Trinken von Cola (seiner Frau bringt er sie dann doch vom Kiosk mit).

Ein Mann fährt mit dem Nachtzug von Norwegen nach Schweden, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Offenbar leidet er an einer schweren Krankheit. Im Zug trifft er einen ehemaligen Mitschüler, an den er sich kaum erinnert. Sie erzählen und trinken ein Bier, als der Mann ans Telefon gerufen wird – seine Frau ist besorgt, sie hat Angst um die Zukunft, aber er kann sie beruhigen. Als er zum Speisewagen zurückkommt, ist dieser verwaist. Und auch in seinem Abteil ist der ehemalige Mitschüler nicht anzutreffen.
In einer anderen Geschichte arbeitet ein Ich-Erzähler als Helfer des Bestatters. Frau Seland, die er von früher kannte, ist gestorben. Durch eine Ungeschicklichkeit fällt ihm die Leiche hin. Eine klumpige, stinkende Flüssigkeit tritt aus und die vorher mühsam angezogene Leichenbluse ist verschmutzt.

Robert Kornblum, halbintellektuelle[r], alternde[r] Penner, (vulgo: arbeitsloser Studienabbrecher, 35 Jahre), Dachdecker und Gelegenheitsbauarbeiter, wacht nach durchzechter Geburtstagsfeier zu Hause auf. Einmal im Jahr erlaubt er sich zu trinken, ansonsten ist er seit drei Jahren trocken. Er hat einen Filmriss und weiß nicht mehr, was letzte Nacht passiert ist. Zum Glück erweisen sich die Markierungen auf seiner Stirn nicht als Tattoos, sondern abwaschbar. Aber das urinieren fällt ihm schwer und er wirft einen Blick nach unten und sieht das Kondom. Was war geschehen?
Kornblum rekapituliert mühsam die letzte Nacht und dem Leser eröffnet sich eine gänzlich fremde Welt. Zunächst denkt man an eine Art Rotlichtidylle à la »Der König von St. Pauli«, aber dann merkt man, dass das Ganze in Berlin spielt und mit Prostitution allenfalls am Rande zu tun hat. Die große Familie trifft sich bei Hussi, dem serbischen Wirt (mit kroatischer Frau). Da ist Ronny, noch ein Quoten-Trockene[r].

Der 23jährige Philip arbeitet als Pfleger in einer psychiatrischen Klinik in Berlin und besucht für ein Wochenende seinen Vater, der ein Haus in der Nähe der deutsch-schweizerischen Grenze an einem See bewohnt (vermutlich ist der Bodensee gemeint). Ein Sommertag, Ankunft im Nachmittagslicht, vorbei an Weinbergen, Obstwiesen und Gerstenfeldern. Dann erreicht er die Villa, das Eisentor mit zwei gusseiserne[n] Greifvögel[n] und den nachträglich aufgelötete[n] Seepferdchen, die schon ein bisschen vorwegnehmen, was einen hinter dem Tor tatsächlich erwartete. Merkwürdigerweise ist es verschlossen und Philip kommt über die Terrasse. Kurze, eher beiläufige Begrüßung. Sein Vater Jakob (man redet sich ganz progressiv mit dem Vornamen an) ist Mitte 60, Mentholparfüm, gebräunt, lockige[r] Kopf. Er wirkt, als würde er…wieder jünger werden und Philip glaubt noch größere Spannkraft in seinen Muskeln und Sehnen auszumachen als bei seinem letzten Besuch.
Dagegen verfällt die Villa mit den Bullaugen, die euphemistisch Panoramafenster genannt werden, zusehends. Große senkrechte Risse durchziehen das Haus (das sind die statisch bedenklich[en] lernt der Leser vom Ich-Erzähler Philip). Hinzu kommt die mehr als gewöhnungsbedürftige Einrichtung. Überall Tiffanylampen und selbstgeschreinerte Kleiderschränke aus Sperrholz mit Spiegelscherben auf der Türe, mit Heißkleber befestigt und wie eine Discokugel aussehend. Oder Messingdrachen in Wandfliesen eingelassen. Im Badezimmer die Wandspiegel im Jugendstil und daneben Rosettenhähne über Zierwaschbecken aus altem Emaille. Und schließlich im Garten der sogenannte Kleine Existenzpark mit Messingechsen und Rundrohrtrolle und Silberlurche. Alles Basteleien von Philips Mutter Iris (und natürlich von Björn Kern, der immer weiter Variationen des schlechten Geschmacks sprachlich herbeizaubert und fast zelebriert). Aber Iris wohnt seit zwei Jahren nicht mehr im Haus.

Im Juni 1969 ist die niederländische Königin Juliana im holländischen Norden unterwegs. Am 17. besucht sie mit ihrem Stab den kleinen Ort Slootdorp. Rathausempfang, kleines Essen, das auch hier scheinbar unvermeintliche Protokoll, ein minutiöser Terminplan. Zwei junge Zwergziegen als Geschenk. Dann sieht sie eine junge Frau näher kommen, gegen den allmählich versiegenden Strom. Sie trägt ein Kind auf dem Arm und schiebt mit der anderen Hand ein Fahrrad, was das Gehen etwas anstrengend macht. Ach ja, eine Frau, die sich verspätet hat. Die sich beeilt, um doch noch einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie gibt dem Chauffeur ein Zeichen und geht der Frau ein Stück entgegen […] Das Kind, das höchstens zwei sein kann, schaut sie mit großen blauen Augen an. »Na, wie heißt du?« »Anne«, flüstert das Kind. »Hanne«, sagt die Mutter. Sie zieht den rechten Handschuh aus. »Das H ist nicht einfach«. Sie streicht dem Kind über die Wange. Es erschrickt und drückt das Gesicht an den Hals der Mutter.
Die Frau heißt Anna Kaan und nennt die Königin gnädige Frau, so, wie sie’s mag (Juliana wollte nie ‘Majestät’ genannt werden). Ein kleiner Dialog, Annas Blick weicht einem Lächeln. Sie antwortet nicht. Das Fahrrad, das an ihrer Hüfte lehnt, rutscht langsam ab und schlägt auf den Asphalt. Die Königin streckt unwillkürlich beide Arme aus. Natürlich werden Fotos gemacht, Juliana sieht es nicht, sie hört es. Aufreizend nah ist das Klicken. ‘Königin macht spontan kleinen Umweg’. Noch eine mögliche Schlagzeile für morgen. Kurz darauf fährt der Tross weiter. Es wartet eine Barfußwasserski-Vorführung.