Ben­ja­min Stein: Die Lein­wand

Benjamin Stein: Die Leinwand

Ben­ja­min Stein: Die Lein­wand

Gar nicht so ein­fach, mit dem Le­sen die­ses Bu­ches an­zu­fan­gen. Denn man hat un­ver­hofft zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der man be­ginnt mit dem Teil von und über Am­non Zi­chro­ni oder man wen­det das Buch, dreht es um 180 Grad und be­ginnt mit Jan Wechs­ler. (Ei­ne an­de­re Idee, die Ka­pi­tel so­zu­sa­gen ab­wech­selnd zu le­sen, dürf­te aus Grün­den der Prak­ti­ka­bi­li­tät fast aus­schei­den; hier­für hät­te man min­de­stens zwei Le­se­zei­chen ein­bin­den müs­sen. Und au­ßer­dem bleibt das Pro­blem, wo man be­ginnt.)

Bei­de Tei­le sind fast pa­ri­tä­tisch. Man ahnt: Wie man es auch be­ginnt – es bleibt ei­ne Ent­schei­dung, die die Re­zep­ti­on prä­gen wird. Man wird nie er­fah­ren, wie es ge­we­sen wä­re, wenn man an­ders be­gon­nen hät­te. Viel­leicht wer­den ein­mal die Le­ser von Ben­ja­min Steins Buch »Die Lein­wand« an­hand ih­res An­fangs­ka­pi­tels un­ter­schie­den zwi­schen Zi­chro­ni- oder Wechs­ler-Ein­stei­ger. Ob sich die bei­den La­ger je­mals mit­ein­an­der ver­stän­di­gen kön­nen? Tat­säch­lich dürf­ten sie zwei un­ter­schied­li­che Bü­cher ge­le­sen ha­ben. Und die­ses schein­bar so spa­ßi­ge Spiel­chen passt am En­de er­staun­lich gut zu At­mo­sphä­re und In­ten­ti­on die­ses Bu­ches.

Um es vor­weg zu sa­gen: Ich ha­be mit dem Zi­chro­ni-Ka­pi­tel be­gon­nen. Dort steht schon auf der er­sten Sei­te: Er­in­ne­rung ist…unbeständig, stets be­reit, sich zu wan­deln. Man ahnt noch nicht, wie stark die­se Er­kennt­nis im Buch be­stim­mend wird. Und auch die­ser schein­bar harm­lo­se Satz be­kommt im Lau­fe der Er­zäh­lung ei­ne gro­ße Di­men­si­on: Un­ser Ge­dächt­nis ist der wah­re Sitz un­se­res Ich. »Un­ser Ge­dächt­nis« – und nicht un­ser Ge­hirn.

Hei­li­ger Ernst und die ye­von­ni­sche Welt

Am­non Zi­chro­ni ist in Is­ra­el ge­bo­ren und geht dort bis zu sei­nem 15. Le­bens­jahr auf ei­ne re­li­giö­se Schu­le. Aber da ist die Neu­gier auf das ab­ge­schlos­se­ne Zim­mer der El­tern, in dem es auch noch an­de­re Bü­cher als die Torah gibt und die Fas­zi­na­ti­on für die­se neue Welt. Der Jun­ge nimmt heim­lich ein Buch aus dem Re­gal (Os­car Wil­des »Das Bild­nis des Do­ri­an Gray«). Die An­ge­le­gen­heit fliegt auf, als der jun­ge Am­non im Un­ter­richt das Buch ein­fach über das Lehr­buch legt. Der Va­ter schickt den Sohn zu ei­nem »On­kel« Na­than Bol­lag (der in Wirk­lich­keit nicht sein On­kel ist) nach Zü­rich. Die Hoff­nung, hier ein »welt­li­che­res« Le­ben füh­ren zu kön­nen, zer­streu­en sich rasch. Bol­lag ist Edel­stein­händ­ler und führt ei­nen be­schei­de­nen, jü­disch-re­li­giö­sen, aber nicht or­tho­do­xen Le­bens­stil. Nach der Schu­le sorgt er da­für, dass Zi­chro­ni auf ei­ne Tal­mud­hoch­schu­le in die USA geht. Dort lernt er den Mit­schü­ler Eli Roth­stein ken­nen, der ihn mit sei­nem hei­li­gen Ernst in re­li­giö­sen Din­gen im­po­niert. So will er ei­nen Nie­ren­tu­mor durch das Stu­di­um tal­mu­di­scher Schrif­ten und ei­nem ri­tu­el­len Tauch­bad (der Mikwe) in ei­nem Wäld­chen na­he Ye­rus­ha­lay­im be­zwun­gen ha­ben und dies, ob­wohl ihn die Schul­me­di­zin schon fast auf­ge­ge­ben hat­te.

Eli er­in­nert ihn an den »On­kel«, der am Tag vor dem Ab­flug in die USA nach Zi­chro­nis Lek­tü­re von Bul­ga­kows »Mei­ster und Mar­ga­ri­ta« ei­ne flam­men­de Re­de wi­der die Grie­chen und die (von ih­nen er­schaf­fe­nen) be­stim­men­den Na­tur­wis­sen­schaf­ten hielt: So kurz ihr Band­maß auch sein mag, sie ver­mes­sen al­les. Es wird ka­te­go­ri­siert, sor­tiert, be­wer­tet und in Ta­bel­len ge­presst. Und das scheint ver­nünf­tig und sehr sinn­voll und ganz im Sin­ne des Er­kennt­nis­ge­winns. Nur hal­ten sie lei­der ih­re aus­schnitt­haf­ten Ver­mes­sun­gen für ei­ne Kar­to­gra­phi­sie­rung des Uni­ver­sums und be­stehen dar­auf, ih­re Theo­ri­en als ver­bürg­te Wahr­heit zu be­trach­ten, so­lan­ge nicht ei­ne neue Theo­rie da­her­kommt, der es ge­lingt, sich zur näch­sten ver­bürg­ten Wahr­heit auf­zu­schwin­gen. Für die Re­li­gio­nen, al­so für all das Phan­ta­sti­sche, oder nen­nen wir es Ma­gi­sche, das die My­sti­ker al­ler Re­li­gio­nen seit Jahr­tau­sen­den be­wegt hat – für all das ist dort drau­ßen in der ‘ye­von­ni­schen’ Welt der ver­meint­lich ex­ak­ten Wis­sen­schaf­ten kein Platz. Man ge­be sich heu­te dem Spott preis, wenn man be­haup­tet, dass es et­was über den an­de­ren Men­schen gibt und dass die Men­schen be­sten­falls Part­ner des Ewi­gen sein kön­nen, aber si­cher nicht die Steu­ern­den, die Len­ker, je­ne mit dem all­um­fas­sen­den Plan. Ih­re klei­nen Er­kennt­nis­se setz­ten sie als Wahr­heit in den Schau­ka­sten, aber, so der al­te Mann, es gibt die­se Wahr­heit nicht, denn wir al­le hal­ten nur Bruch­stücke da­von in Hän­den.

Eli Roth­stein lebt nun die­se an­de­re, die­se my­sti­sche Welt, von der Na­than Bol­lag schwärm­te. Zi­chro­ni ist da­von fas­zi­niert. Hin­zu kommt Elis schar­fer In­tel­lekt. Als er den Schab­bes [Sab­bat] zu­sam­men mit Elis Fa­mi­lie ver­bringt und ein Au­ge auf sei­ne Cou­si­ne Riv­ka wirft, er­eig­net sich zum zwei­ten Mal die­ses merk­wür­di­ge Er­leb­nis, wel­ches Zi­chro­ni in ei­ne Art Hal­lu­zi­na­ti­on ver­setzt, in der er die Er­in­ne­run­gen der ihm ge­ra­de zu­ge­wand­ten Per­son wahr­nimmt. Zum er­sten Mal ge­schah dies als sein Va­ter ihn an­läss­lich sei­nes Ver­ge­hens zur Re­de stell­te. Als Zi­chro­ni ner­vös auf die Re­ak­ti­on des Va­ters war­tend in ei­nen Ap­fel beißt (man be­ach­te die­se Sym­bo­lik!), über­kam ihm ein Sturm an Bil­dern, Tö­nen und Ge­füh­len; ei­ne Art drei­di­men­sio­na­les Er­leb­nis: Er kann sei­nen Va­ter bei sei­nen Er­in­ne­run­gen zu­se­hen und er­lebt die­se Sze­ne kör­per­lich.

Die Ga­be

Plötz­lich hat er aber­mals ei­ne sol­che Er­schei­nung: Er er­kennt und fühlt die Er­in­ne­rung an ein Lie­bes­spiel zwi­schen Eli und Riv­ka. Dies ist auf dop­pel­te Wei­se prä­gend: Zum ei­nen muss er sei­ne ei­ge­nen Am­bi­tio­nen auf die Da­me ver­ges­sen, es sei denn er wol­le den Bruch der Freund­schaft mit Eli ris­kie­ren. Zum an­de­ren zeigt sich ihm, dass er tat­säch­lich mit ei­ner Ga­be aus­ge­stat­tet ist und das Er­leb­nis am Kü­chen­tisch des Va­ters kein ein­ma­li­ges Phä­no­men war. Er ver­traut sich Eli an, der ihm rät, die­ses Ta­lent zu nut­zen, dar­an zu ar­bei­ten und es zum Wohl der Men­schen ein­zu­set­zen.

Eli hei­ra­tet Riv­ka und Zi­chro­ni be­ginnt an der Yes­hi­va Uni­ver­si­tät in New York ein Stu­di­um. Er glaubt, dass er als Psy­cho­ana­ly­ti­ker sein Ta­lent am be­sten ein­set­zen könn­te. Hier­für muss er je­doch zu­nächst ein­mal Me­di­zin stu­die­ren. Und ein­mal die Wo­che stu­diert er mit Eli, der Rab­bi wer­den möch­te, die Torah. Die Bil­dungs­be­flis­sen­heit ist enorm. Mit dem Me­di­zin-Stu­di­um be­gibt sich Zi­chro­ni zum Schein in die so ver­teu­fel­te Welt der Na­tur­wis­sen­schaf­ten – aber da er vor­gibt, die­se Er­kennt­nis­se in das Torah-Wis­sen ein­zu­bet­ten, wird er von sei­nem »On­kel« groß­zü­gig fi­nan­zi­ell un­ter­stützt. Gleich­nis­haft fügt Ben­ja­min Stein im­mer wie­der die Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen my­stisch-re­li­giö­ser und na­tur­wis­sen­schaft­li­cher Welt in das Buch ein. So be­han­delt der Ana­to­mie-Pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät in sei­ner vor­le­sungs­frei­en Zeit Pa­ti­en­ten mit al­ter­na­ti­ven Heil­me­tho­den wie Aku­punk­tur. Der Pro­fes­sor wie auch Zi­chro­ni er­schei­nen fast wie Je­kyll-/Hy­de-Fi­gu­ren, die sich zum Schein der me­cha­ni­stisch argumentierende[n] Me­di­zin wid­men, wäh­rend sie an­de­rer­seits fest dar­an glau­ben, dass et­was an­de­res im Le­ben der Men­schen Re­gie führt: die mit­un­ter grau­en­vol­le, poe­ti­sche Hand des Ewi­gen.

Un­mit­tel­bar nach Ab­schluss des Stu­di­ums stirbt Na­than Bol­lag in Zü­rich. Zi­chro­ni nimmt dies als Zei­chen. Er glaubt, dass der »On­kel« just in die­sem Mo­ment ge­stor­ben war, da­mit ihm al­le nur denk­ba­ren Mög­lich­kei­ten der Wei­ter­bil­dung of­fen stan­den. Denn es stellt sich her­aus, dass Zi­chro­ni sehr früh als Al­lein­er­be ein­ge­setzt wur­de. Mit ei­nem be­trächt­li­chen Ver­mö­gen aus­ge­stat­tet, kann er sich in al­ler Ru­he ei­ne Exi­stenz als Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Zü­rich auf­bau­en. Zwar hat er im­mer noch kei­ne Ah­nung von sei­ner Mis­si­on, d. h. es er­schließt sich ihm nicht, was der Ewi­ge (Gott) ihm zu­ge­dacht hat­te und war­um er mit die­ser Ga­be aus­ge­stat­tet wur­de: Wie­vie­le Ver­zwei­fel­te muss­te ich hei­len und in wel­cher Zeit? Aber die Tat­sa­che, ei­nem Plan des Ewi­gen un­ter­wor­fen zu sein, steht für ihn un­ver­rück­bar fest.

Den­noch ver­zwei­felt er fast und Ge­duld ist nicht ei­ne Stär­ke. Hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen un­ter­schied­li­chen psy­cho­ana­ly­ti­schen Schu­len (er neigt eher Jung statt Freund zu), be­schließt er er­neut ei­ne Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­me. Ne­ben ei­ner über fünf Jah­re (1500 Ana­ly­ti­ker­stun­den) an­ge­setz­ten Lehr­ana­ly­se über­nimmt er ei­ne Prak­ti­kums­stel­le an ei­nem (fik­ti­ven) »In­sti­tut für Pa­ra­psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en und Grenz­ge­bie­te der Psy­cho­lo­gie« in Frei­burg im Breis­gau (tat­säch­lich gibt es dort ein In­sti­tut, wel­ches pa­ra­psy­cho­lo­gi­sche Phä­no­me­ne un­ter­sucht; ein Hin­weis auf den Hu­mor des Au­tors). Hier hofft er sei­ne Ga­be end­lich an­brin­gen zu kön­nen, wird je­doch weit­ge­hend des­il­lu­sio­niert und muss fest­stel­len, dass er zwar die Er­in­ne­run­gen der po­ten­ti­el­len Pa­ti­en­ten evo­zie­ren kann, dies je­doch nur äu­ßerst schwie­rig in den The­ra­pie­pro­zess ein­zu­brin­gen ist. Tat­säch­lich ge­lingt ihm ei­ne Art Hei­lung nur in ei­nem Fall, den er aus­führ­lich in ei­ner Stu­die do­ku­men­tiert hat, aber auf­grund sei­ner Sin­gu­la­ri­tät nicht zu ver­öf­fent­li­chen wagt.

Min­skys Wahr­heit – und die rea­le Vor­la­ge

Zi­chro­nis re­tro­spek­ti­ves Er­zäh­len spielt mit der sich ab­zeich­nen­den Ka­ta­stro­phe. Sie be­ginnt bei Min­sky, dem Gei­gen­bau­er und Re­stau­ra­teur von Mu­sik­in­stru­men­ten. Er lernt ihn ken­nen, weil er ei­ne al­te Vio­li­ne aus Bol­lags Nach­lass re­pa­rie­ren und re­stau­rie­ren las­sen möch­te. Min­sky ist Ex­per­te aber ein biss­chen kau­zig und lebt sehr ab­ge­schie­den. Er ist im Ge­gen­satz zu Zi­chro­ni kein ob­ser­van­ter Ju­de. Im Lau­fe meh­re­rer Be­geg­nun­gen kom­men die Män­ner sich nä­her. Min­sky be­drückt et­was und er ver­traut sich Zi­chro­ni an. Ei­nes Abends er­zähl­te er mit vie­len, lan­gen Pau­sen von Ausch­witz und Maj­da­nek, vom Bild sei­nes Va­ters, der in ei­nem klei­nen Ort bei Minsk, wo er ge­bo­ren sei, vor sei­nen und den Au­gen sei­ner Mut­ter von weiß­rus­si­schen Mi­li­zen er­mor­det wur­de. Er er­zähl­te von den Ba­racken des La­gers, vom all­ge­gen­wär­ti­gen Tod und den Rat­ten, von sei­ner Ret­tung und den Jah­ren im Kin­der­heim in Po­len und schließ­lich in der Schweiz, in die man ihn, wie er es aus­drück­te, ver­schleppt hat­te, um ihn sei­ner Ver­gan­gen­heit zu be­rau­ben.

Min­sky er­zählt dies im Ge­stus ei­nes ge­bro­che­nen Man­nes. Auch Zi­chro­ni ist ver­stört. Ge­mein­sam be­gin­nen sie Re­cher­chen, um wei­te­re De­tails zu er­fah­ren. Man fährt zu den La­gern und Min­sky be­ginnt, die­se Er­in­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben. Zwar hat­te der Freund ihn da­zu er­mun­tert, aber mit gro­ßer Skep­sis stellt er fest, dass Min­sky ein Buch be­gon­nen hat­te. Er macht sich nach­träg­lich Vor­wür­fe, nicht ein­dring­lich vor ei­nem sol­chen Schritt ge­warnt zu ha­ben. Im­mer noch tost »On­kel« Na­thans Re­de im Kopf, nach­dem Wahr­heit im­mer ei­ne Fra­ge des Stand­punk­tes sei. Aber das Buch wird ver­legt und ein gro­ßer Er­folg. Es wird in vie­len Spra­chen über­setzt und Min­sky er­hält da­für Prei­se.

Nach drei Jah­ren er­scheint plötz­lich der er­ste ge­häs­si­ge Ar­ti­kel von Wechs­ler. Und Zi­chro­ni er­wacht wie aus ei­ner Tran­ce. Wechs­ler be­rief sich auf die Wahr­heit. Aber wo­von re­de­te er? Fra­gen die­ser Art ver­hin­dern den Sturz ins Bo­den­lo­se nicht. Wechs­ler be­legt, dass Min­skys Ge­schich­te, die er zu sei­ner Ge­schich­te ge­macht hat, nicht stim­men konn­te. Man warf Min­sky vor, sich als Op­fer zu ge­rie­ren und mit die­ser fal­schen Op­fer­ge­schich­te Geld zu ver­die­nen (das Wort vom Lei­chen­epos fällt). Wechs­ler legt mit ei­nem Buch nach und man be­schul­digt Zi­chro­ni, sei­ne Stel­lung als Arzt miss­braucht zu ha­ben. Nicht nur Min­sky wird in­tel­lek­tu­ell rui­niert, auch Zi­chro­ni wird zur per­so­na non gra­ta. Er ver­liert sei­nen gu­ten Ruf, die Pra­xis und [die] For­schungs­stel­le in Frei­burg.

Bei­de zie­hen sich schließ­lich zu­rück. Zi­chro­ni ver­sucht ei­nen Neu­an­fang in Is­ra­el und kauft sich ein Haus in Of­ra, ei­ner Sied­lung in­mit­ten der West Bank. Ei­ne Re­ha­bi­li­ta­ti­on er­ach­tet er als zu auf­wen­dig und er­reicht bei den is­rae­li­schen Be­hör­den, dass er sei­nen Na­men än­dern darf, um vor Nach­stel­lun­gen si­cher sein zu kön­nen. Ab und zu be­sucht ihn Eli, der in­zwi­schen mit Riv­ka und sei­nen Kin­dern auch in Is­ra­el lebt.

Spä­te­stens hier ist dem Le­ser klar: Ben­ja­min Stein pa­ra­phra­siert den (so­ge­nann­ten) Fall Bin­ja­min Wil­ko­mir­ski und des 1995 er­schie­ne­nen Bu­ches »Bruch­stücke«. Bis in die De­tails ver­gräbt sich Stein in den Skan­dal und fik­tio­na­li­siert ihn den­noch. Trotz­dem ver­mag man zu sa­gen, dass es sehr star­ke Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen der Fi­gur Min­sky und Wil­ko­mir­ski gibt. Die Fi­gur des Ich-Er­zäh­lers die­ses Ka­pi­tels, Am­non Zi­chro­ni, hat zwei­fel­los Ge­mein­sam­kei­ten mit dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Elit­sur Bern­stein, ei­nem Freund von Wil­ko­mir­ski. Auch an­de­re Fi­gu­ren und Fak­ten las­sen sich ein­fach zu­ord­nen. So wird bei­spiels­wei­se aus dem Hi­sto­ri­ker Ste­fan Mäch­ler, der aus neu­tra­ler und wis­sen­schaft­li­cher Sicht Wil­ko­mirskis Text un­ter­su­chen soll­te (spä­ter er­schien die­se Stu­die un­ter dem Ti­tel »Der Fall Wil­ko­mir­ski« als Buch) Hans Macht. Die we­nig­sten Über­ein­stim­mun­gen gibt es zwi­schen dem Da­ni­el Ganz­fried, der 1998 in ei­nem Ar­ti­kel in der »Welt­wo­che« die An­ge­le­gen­heit ins Rol­len brach­te und der fik­ti­ven Fi­gur Jan Wechs­lers. Im Lau­fe des Ro­mans wird deut­lich, war­um.

Sus­pen­se und die ver­lo­re­ne Iden­ti­tät

Das Ka­pi­tel en­det mit ei­ner zu­fäl­lig zu nen­nen­den Be­geg­nung zwi­schen Zi­chro­ni und Wechs­ler. Durch Be­kann­te und Be­kann­te von Be­kann­ten er­hielt er ei­ne An­fra­ge, ob er ei­nen jun­gen Deut­schen zum Schab­bes auf­neh­men könn­te. Als der Deut­sche ein­trifft, stellt sich her­aus, dass es sich um Jan Wechs­ler han­delt. Wechs­ler er­kennt Zi­chro­ni nicht – um­ge­kehrt frei­lich schon. Zi­chro­ni lotst Wechs­ler an ein Ge­wäs­ser, da­mit die­ser dort ein­zu­tau­chen kann (es ist wohl das glei­che Ge­wäs­ser, wel­ches Eli die Hei­lung brach­te). Da­bei ver­sucht er Wechs­lers Kopf un­ter Was­ser zu pres­sen und ihn zu er­trän­ken.

Ein ge­lun­ge­nes Bei­spiel für »Sus­pen­se«, die im Wechs­ler-Ka­pi­tel im­mer mehr zu­nimmt und tat­säch­lich ei­ne gro­ße, fort­lau­fen­de Span­nung er­zeugt. Wechs­ler, 1965 ge­bo­ren, lebt in Mün­chen mit Frau und Kin­dern. Er ar­bei­tet ge­le­gent­lich als Pu­bli­zist und be­sitzt ei­nen klei­nen Ver­lag, ist aber fi­nan­zi­ell nicht be­son­ders gut ge­stellt. Ei­nes Ta­ges be­kommt er ei­nen Pi­lo­ten­kof­fer zu­ge­stellt. Er kennt die­sen Kof­fer nicht, ver­misst auch kein Ge­päck­stück. Merk­wür­dig nur, dass das Adress­eti­kett ein­deu­tig sei­ne Hand­schrift trägt. Er öff­net nach ei­ni­gen Mo­na­ten den Kof­fer und fin­det dar­in u. a. ei­ne Stu­die über ei­nen psy­cho­ana­ly­ti­schen Fall und meh­re­re Bü­cher, un­ter an­de­rem ei­ne Buch ei­nes Ge­wis­sen Jan Wechs­ler mit dem Ti­tel »Mas­ke­ra­den«. Der Le­ser weiss so­fort – es han­delt sich um Ge­gen­stän­de von Am­non Zi­chro­ni. Aber wie­so er­in­nert sich Wechs­ler nicht? Und war­um er­kennt er sein ei­ge­nes Buch nicht mehr und ver­mu­tet ei­nen Au­tor, der zu­fäl­lig den glei­chen Na­men trägt? (Es fol­gen über ei­ni­ge Sei­ten im­mer wie­der ein­mal auf­ge­setzt wir­ken­de phi­lo­so­phi­sche Be­trach­tun­gen Wechs­lers über das The­ma »Er­in­ne­rung«; de­rer hät­te es nicht be­durft.)

Wechs­ler re­ka­pi­tu­liert sein Le­ben. Er ist im klei­nen Land mit dem klei­nen Ho­ri­zont auf­ge­wach­sen (der DDR). Als ei­ne Sport­ler­kar­rie­re mit 15 aus rein ana­to­mi­schen Grün­den vom Staat nicht mehr ge­för­dert wur­de, ent­deckt der leicht ego­zen­tri­sche, pu­ber­tie­ren­de Jun­ge (Ich hat­te schon früh den Drang, im Mit­tel­punkt zu ste­hen) Gott und sucht Halt im Ju­den­tum. Es gibt ei­nen kur­zen aber auf­schluss­rei­chen Ein­blick über das Jü­disch-Sein in der DDR (und die Durch­drin­gung der Ge­mein­den mit Mit­ar­bei­tern der Staats­si­cher­heit). Ir­gend­wann be­merkt er dann, dass es ihm we­ni­ger um Re­li­gi­on als um Iden­ti­tät geht. Das Zau­ber­wort des post­mo­der­nen Men­schen kann und darf in ei­nem sol­chen Ro­man na­tür­lich nicht feh­len. Über die Zeit nach der Wen­de er­fah­ren wir, dass Wechs­ler ei­nen ho­hen Lot­to­ge­winn er­ziel­te und ei­ne kur­ze Zeit im Lu­xus schwelg­te. Fehl­spe­ku­la­tio­nen, der Zu­sam­men­bruch des Neu­en Mark­tes und Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen be­en­den die­sen Boom. Sei­ne Frau, die er kurz vor dem Zu­sam­men­bruch ken­nen­lern­te, gibt sich mit den ein­ge­schränk­ten fi­nan­zi­el­len Mit­teln zu­frie­den. Schnell ka­men die Kin­der.

Wechs­ler lässt die­ser Pi­lo­ten­kof­fer und die Ge­gen­stän­de nicht mehr los. Er schreibt ei­nen Brief an den Ver­le­ger der »Mas­ke­ra­den«, der ihn in der Ant­wort duzt und ein biss­chen un­wirsch re­agiert, da er ein kin­di­sches Ma­nö­ver Wechs­lers ver­mu­tet. Un­ter­des­sen wen­det sich sei­ne Frau im­mer mehr von ihm ab; es fin­den of­fen­sicht­lich Per­sön­lich­keits­ver­än­de­run­gen statt, die sei­ne Um­ge­bung durch­aus wahr­nimmt (und sehr de­zent dem Le­ser an­ge­deu­tet wer­den).

Im­mer mehr ge­rät er in ei­nen grüb­le­ri­schen Zwei­fel. Kurz wird man an das Schick­sal des dicken Holz­schnit­zels aus An­to­nio Manet­tis gleich­na­mi­ger No­vel­le aus dem 15. Jahr­hun­dert er­in­nert, in der die Ti­tel­fi­gur in­fol­ge ei­nes üb­len Scher­zes sei­ner Freun­de in den Wahn­sinn ge­trie­ben wird, weil sie ihm durch ihr Ver­hal­ten sug­ge­rie­ren, er sei nicht mehr er selbst und ver­mu­tet fin­ste­re Mäch­te, die Wechs­ler übel mit­spie­len. Ir­gend­wann ver­lässt ihn sei­ne Frau mit den Kin­dern. Das Buch wird jetzt wie­der stark, weil es Ben­ja­min Stein sehr gut ge­lingt, die­se la­bi­le Stim­mung der Selbst-Ver­un­si­che­rung zu er­zeu­gen und zu er­hal­ten. Bis­wei­len wird der Le­ser zum Kom­pli­zen Wechs­lers und be­ginnt mit ihm des­sen Iden­ti­tät an­hand von In­di­zi­en zu er­for­schen. Ein Tref­fen mit »sei­nem« Ver­le­ger – un­ter ei­nem Vor­wand ar­ran­giert – en­det im Fi­as­ko. Als er sei­ne DDR-Pa­pie­re als Nach­weis her­vor­ho­len will, fin­den sich nur Schwei­zer Do­ku­men­te. Im­mer mehr In­di­zi­en spre­chen da­für, dass er ein Schwei­zer Au­tor und Jour­na­list mit schil­lern­der Ver­gan­gen­heit an den Rän­dern des po­li­ti­schen Spek­trums ist. Nach sei­nem Ent­hül­lungs­coup im Fall Min­sky ist er aus sei­nem Le­ben ge­flüch­tet.

Der drit­te Weg und ein Selbstex­or­zis­mus

Wechs­ler wen­det sich (statt­des­sen?) im­mer stär­ker dem Ju­den­tum zu, trägt ir­gend­wann öf­fent­lich die Kip­pa und tritt schließ­lich in ein neu­es Le­ben ein, sym­bo­lisch ma­ni­fe­stiert durch ei­ne Mikwe. Nichts wür­de mehr gel­ten von dem, was ge­we­sen war. Aus dem Was­ser steigt man auf als ein neu­er Mensch. Der Na­men wird ge­wech­selt (no­men est omen!). Statt der Schwei­zer Iden­ti­tät (sie ist wei­ter­hin ver­schüt­tet und wird nur zäh­ne­knir­schend ak­zep­tiert) oder der (ima­gi­nier­ten) DDR-Her­kunft, gibt es ei­nen »drit­ten Weg« – die Re­li­gi­on (hier in Form des Ju­den­tums).

Mit die­sem neu­en Per­so­na­li­täts­pan­zer aus­ge­stat­tet, ver­sucht Wechs­ler die »gan­ze« Wahr­heit zu er­fah­ren und fliegt mit dem Pi­lo­ten­kof­fer nebst In­halt und nur we­ni­gen per­sön­li­chen Sa­chen als Hand­ge­päck nach Tel Aviv. Ge­mäss Pass soll er dort vor ei­ni­gen Mo­na­ten (im Ja­nu­ar 2008) zum letz­ten Mal ge­we­sen sein. Dort an­ge­kom­men, wird er von ei­nem Si­cher­heits­be­am­ten in Zi­vil ab­ge­fan­gen und in ei­nen Ver­hör­raum ge­bracht.

Die­ses Ver­hör wird von Stein als kaf­ka­esk-be­klem­men­des Kam­mer­spiel ge­konnt in­sze­niert. Der ar­me Wechs­ler, der be­stimm­te Din­ge tat­säch­lich gar nicht mehr weiss, muss im­pro­vi­sie­ren und ver­wickelt sich im­mer mehr in Wi­der­sprü­che (auch hier wird ge­zeigt, wie re­la­tiv Wahr­heit sein kann). Schließ­lich wird er für die Nacht in ei­ne Zel­le über­führt. Dort er­eig­net sich dann ei­ne Art Selbstex­or­zis­mus – al­le Bil­der und Er­in­ne­run­gen aus der (fal­schen [fal­schen?]) DDR-Zeit ru­fen alp­traum­ar­ti­ge Hal­lu­zi­na­tio­nen her­vor, die auf den Häft­ling phy­sisch und psy­chisch be­droh­lich wir­ken. Wechs­ler sieht von Rep­ti­li­en an­ge­grif­fen, un­ter ihm ei­ne Schlan­gen­gru­be. Die­se Bil­der kann er nur ban­nen, wenn er sich um die »wah­re« Er­in­ne­rung an sei­ne letz­te Is­ra­el-Rei­se be­müht und die »Schei­ni­den­ti­tä­ten« ab­legt, was schließ­lich ge­lingt (viel­leicht ein biss­chen zu glatt in­sze­niert). Von dem Si­cher­heits­be­am­ten, der ihn ver­hört hat­te, er­fährt er am näch­sten Tag, dass er im Ja­nu­ar bei Am­non Zi­chro­ni war und die­ser seit­dem ver­misst wird. Wechs­ler hat plötz­lich ei­ne Be­fürch­tung, von der er lie­ber nichts er­zählt.

Es ist schon ziem­lich auf­re­gend, wie Ben­ja­min Stein den »Auf­decker« Jan Wechs­ler, der auf ei­ner ab­so­lu­ten Wahr­heit be­steht, sel­ber Zu­flucht in »sei­ne« ei­ge­ne Wahr­heit neh­men lässt – und zwar schlim­mer und hef­ti­ger, als dies bei Min­sky der Fall war. Man re­ka­pi­tu­liert als Le­ser des öf­te­ren den Satz: Un­ser Ge­dächt­nis ist der wah­re Sitz un­se­res Ich. Das ist na­tür­lich mehr als nur ein State­ment des Au­tors zum »Fall Wil­ko­mir­ski« – das ist fast schon ein Plä­doy­er ge­gen die Art und Wei­se der Re­zep­ti­on die­ses Ro­mans und der Be­hand­lung durch den (schein­ba­ren) Ent­hül­lungs­jour­na­li­sten. So eng sich Stein an die »Rea­li­tät« die­ses Skan­dals an­lehnt und die­se für sei­nen Ro­man ver­wen­det, so we­nig sagt er über die Be­hand­lung die­ses Vor­gangs in den Me­di­en aus. Stein be­lässt es bei ei­ner spi­ri­tu­el­len Les­art die­ses Wer­kes, wel­ches kraft ei­ner Ima­gi­na­ti­on her­aus ge­schrie­ben ist. Da­ge­gen steht die »ra­tio­na­le« Les­art, die Au­then­ti­zi­tät ein­for­dert (und da­her den Au­tor fast »zwingt« ei­ne Au­then­ti­zi­tät fik­tio­nal her­bei­zu­phan­ta­sie­ren, was je­doch – na­tur­ge­mäss – nicht mehr ak­zep­tiert wird und zur Äch­tung führt).

Die Lein­wand-Uto­pie

Da­bei geht es um deut­lich mehr als die all­zu häu­fig ge­stell­te, ba­na­le Fra­ge nach den au­to­bio­gra­fi­schen Tei­len in ei­ner sich fik­tio­nal ge­ben­den Pro­sa. Wäh­rend nor­ma­ler­wei­se der fik­tio­na­le Text au­to­bio­gra­fi­sche Ele­men­te hat (auch in Steins Buch an vie­len Stel­len nach­zu­le­sen; ins­be­son­de­re, was das jü­di­sche Le­ben in der DDR an­geht), ver­fass­te Wil­ko­mir­ski ei­nen sich au­to­bio­gra­fisch ge­ben­den Text, der je­doch fik­tio­na­le Ele­men­te ent­hielt. Für Wil­ko­mir­ski wur­de das er­fun­de­ne Le­ben zur Wahr­heit. Stein zeigt, dass die­se Kraft des Fik­tio­na­len die tat­säch­li­chen Rea­li­tä­ten nicht nur über­la­gern, son­dern ver­drän­gen kann – und das oh­ne di­rekt ei­ne be­trü­ge­ri­sche Ab­sicht da­bei ab­lei­ten zu wol­len. Sehr gut ist dies auf wis­sen­schaft­li­cher Ebe­ne in Alex­an­dra Bau­ers Ar­beit (mit dem et­was rei­ße­ri­schen Ti­tel) »My pri­va­te Ho­lo­caust – Der Fall Wilkomirski(s)« [pdf, ca. 355 kb] nach­zu­le­sen.

So wird an Na­than Bol­lags an­ti-na­tur­wis­sen­schaft­li­che Sua­da aus dem Zi­chro­ni-Ka­pi­tel an­ge­knüpft. Die Ne­ga­ti­on der »ab­so­lu­ten Wahr­heit« (die in Wirk­lich­keit nur ei­ne Ne­ga­ti­on der »ab­so­lu­ten« Er­kennt­nis­mög­lich­keit des Men­schen ist), schafft auf die­se Wei­se plötz­lich neue Frei­räu­me: …weil wir nicht wis­sen, was wahr ist, müs­sen wir uns ent­schei­den, was für uns zählt. Und ob et­was zählt oder nicht, das hängt nicht von Mes­sun­gen und Ur­kun­den ab. Es wird auf an­de­ren Waa­gen ge­wo­gen: Sinn ge­gen Lee­re bei­spiels­wei­se, oder die Idee ei­nes ewi­gen Wil­lens au­ßer­halb von uns ge­gen das blan­ke Nichts.

Zi­chro­ni ist mit der Ver­söh­nung von tal­mu­di­schem Spi­ri­tua­lis­mus (samt ei­ner Pri­se My­stik) und psy­cho­ana­ly­ti­scher Leh­re ge­schei­tert. Einst war er an­ge­tre­ten als The­ra­peut völ­lig in den Hin­ter­grund zu tre­ten und dem Pa­ti­en­ten zu hel­fen, sich selbst zu hel­fen – sich zu er­in­nern und im Pro­zess des Er­in­nerns der Ver­gan­gen­heit ei­ne neue Be­deu­tung zu ge­ben. In der Ana­ly­se woll­te er den Pa­ti­en­ten das Ge­fühl der Ohn­macht neh­men und ih­nen die Zü­gel wie­der in die Hand ge­ben – oder viel­mehr die Pa­let­te und den Pin­sel, mit dem sie auf der Lein­wand ih­rer Er­in­ne­run­gen neue Ak­zen­te setz­ten. Da­bei konn­te man selbst ganz zur Lein­wand wer­den, zu ei­ner Pro­jek­ti­ons­flä­che, auf der die Pa­ti­en­ten mög­li­che Ge­gen­ent­wür­fe skiz­zier­ten und neue Mög­lich­kei­ten er­prob­ten. Was im in­ti­men Ge­spräch zwi­schen The­ra­peut und Pa­ti­ent funk­tio­nie­ren kann, schei­tert in ei­ner Ver­brei­tung in Mas­sen­me­di­en, die auf Au­then­ti­zi­tät re­kur­rie­ren, furcht­bar. Aber auch der An­ti­po­de Wechs­ler ver­mag sei­nen »Er­folg« nicht aus­zu­ko­sten und wird – nach land­läu­fi­ger Mei­nung – wahn­sin­nig.

Ben­ja­min Stein hat ein klu­ges Buch ge­schrie­ben. Es ist fast feh­ler­los ge­baut und un­ge­heu­er kom­plex. Die zahl­rei­chen Ex­kur­se – vor al­len das Ju­den­tum be­tref­fend – sind far­big er­zählt und bei al­ler Lie­be zum De­tail nie­mals er­mü­dend. Stein schreibt leicht und vir­tu­os oh­ne auch nur je­mals in Ge­fahr zu lau­fen, ins Seich­te ab­zu­glei­ten. Aber so im­po­nie­rend die Hal­tung des Au­tors auch ist – das Plä­doy­er für die meh­re­ren Wahr­hei­ten prä­sen­tiert ir­gend­wann ei­ne Rech­nung. Ei­ne Rech­nung mit dem Ab­sen­der Re­li­gi­on – oder, ge­nau­er, ih­rer ge­le­gent­lich sub­ver­siv-an­ti­po­di­schen Kon­zern­toch­ter, der My­stik.

Zi­chro­ni und Wechs­ler sind ex­em­pla­ri­sche Fi­gu­ren. Ih­re Fluch­ten sind Rück­zü­ge aus der mo­der­nen Welt, de­ren Pa­ra­do­xon dar­in be­steht, ei­ner­seits mul­ti­per­spek­ti­vi­sche, plu­ra­li­sti­sche Le­bens­ent­wür­fe zu po­stu­lie­ren, an­de­rer­seits je­doch in be­stimm­ten Punk­ten es­sen­tia­li­stisch (bis hin zum au­to­ri­tär- fun­da­men­ta­li­sti­schen) agiert und be­din­gungs­lo­se Kon­for­mi­tät ein­for­dert. Da­ge­gen schlägt Stein die Re­li­gi­on als ei­ne Art an­tiideo­lo­gi­sches Re­fu­gi­um vor – ein wei­te­res, al­ler­dings an­de­res, küh­nes Pa­ra­do­xon. Lie­ber ei­nem Ewi­gen (al­so Gott) die­nen, als ein Skla­ve der Na­tur­wis­sen­schaft in ei­ner sich nur li­be­ral ge­ben­den Mo­der­ne zu sein. Das ist der Ge­gen­ent­wurf, die De­kon­struk­ti­on mit den Mit­teln der Spi­ri­tua­li­tät. Das Ver­mächt­nis von Am­non Zi­chro­nis »Leinwand«-Utopie. Nur, dass sie von ei­nem Schrift­stel­ler kommt. Von wem auch sonst.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
Web­sei­te des Au­tors: Turm­seg­ler; »Tag« (Stich­wort) Die Lein­wand; in­klu­si­ve Leseprobe(n).
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14 Kommentare zu »Ben­ja­min Stein: Die Lein­wand«:

  1. tinius sagt:

    3 – 2 – 1 – meins ! ;) Wie­der mal ei­ne rich­tig gu­te Re­zen­si­on und ei­ne in­ter­es­san­te Ent­deckung. Als ich per Zu­fall in »Die Vor­le­ser« zapp­te, stell­ten die das Buch auch vor – in knapp 2 Mi­nu­ten und – er­wart­bar – oh­ne we­sent­li­chen Aus­sa­gen. Für den Brief­wech­sel Bern­hard / Un­seld ver­wand­ten sie ge­ra­de 1 Mi­nu­te. Ich bin ja da­für, daß sol­che »Wer­be­sen­dun­gen« oh­ne re­le­van­te Aus­sa­gen ei­nen Selbst­zer­stö­rungs­me­cha­nis­mus auf­wei­sen soll­ten.... Dann doch lie­ber sol­che Blogs wie »Be­gleit­schrei­ben«. Dan­ke Dir al­so. Und nun zu­rück zum Le­sen und ei­nem weit­ge­hend in­ter­net­frei­en WE.....

    #1

  2. Man darf aber nicht ver­ges­sen
    dass sol­che Sen­dun­gen eben ei­ne ge­wis­se Ver­brei­tung ha­ben und dem­zu­fol­ge Au­toren -zig Mal nütz­li­cher und wich­ti­ger sind als ir­gend­wel­che Be­spre­chun­gen auf Blogs. Das sind Par­al­lel­wel­ten bzw. EIn­bahn­stra­ssen. Und das wird sich auch in ab­seh­ba­rer Zeit nicht än­dern. Und wer hat schon be­merkt, dass in der knap­pen In­halts­an­ga­be von Frau Fried auch noch ein Feh­ler war? Und wen in­ter­es­siert das über­haupt?

    #2

  3. ww sagt:

    Hei!
    Das- so se­he ich es- ist ei­ne prä­zi­se und gut ge­schrie­be­ne Re­zen­si­on, und man miss­ver­ste­he das nicht als schul­mei­ster­li­ches Lob für Gre­gor K.

    #3

  4. Internetausdrucker sagt:

    @Gregor
    Das Fern­se­hen er­reicht mehr Leu­te, ge­wiss. Ich ha­be mir aber auch schon ein von Ih­nen hier be­spro­che­nes Buch ge­kauft. An­de­re ha­be ich zu­min­dest vor­ge­merkt. Al­so ganz wir­kungs­los ist die Blog-Par­al­lel-Welt nicht.

    #4

  5. tinius sagt:

    Nun, im kon­kre­ten Fall klagt der Buch­han­del über feh­len­de Re­so­nanz sei­tens der Kun­den – was bei Hei­den­reich im­mer­hin noch an­ders ge­we­sen ist. Die Sen­dung war zwar ähn­lich nichts­sa­gend, aber im­mer­hin schien Frau Hei­den­reich über ge­nü­gend per­sön­li­ches Cha­ris­ma zu ver­fü­gen, um die Leu­te in die Buch­hand­lun­gen zu ent­sen­den. Die Ver­brei­tung se­he ich üb­ri­gens ge­ra­de bei den »Vor­le­sern« als Teil des Pro­blems – man ist wohl ge­wollt ? un­ge­nau in der Ziel­grup­pen­be­stim­mung. Ein Brief­wech­sel von Bern­hard / Un­seld ist mit Si­cher­heit nicht (mehr – die Sen­dung hat­te ja schon nach der er­sten Fol­ge jeg­li­chen Kre­dit bei der eher in­tel­lek­tu­el­len Le­ser­schaft ver­spielt) in der noch er­reich­ba­ren Zu­schau­er­schaft ernst­haft zu ver­mit­teln.....

    #5

  6. @tinius #6
    Ähn­lich war es ja, als Man­gold vor ei­ni­gen Mo­na­ten in sei­nen »drei Bü­chern in drei Mi­nu­ten« Bola­nos 2666 vor­schlug. Da­durch wird ver­sucht, ein biss­chen Ni­veau her­bei­zu­zau­bern; letzt­lich die­nen sol­che Emp­feh­lun­gen nur als Fei­gen­blatt. Auch der so hoch­ge­lob­te Stein dürf­te letzt­lich kein »Ziel­grup­pen­buch« sein. Dem Au­tor dürf­te es egal sein.

    Statt­des­sen lobt Man­gold ein ge-hyp­tes Buch ei­ner 17jährigen, die dann als »Wun­der­kind« fast pa­ter­na­li­stisch vor dem bö­sen, bö­sen Be­trieb ge­ret­tet wer­den soll. Schmie­ren­thea­ter. Und den­noch: In zehn Jah­ren wer­den wir sehn­süch­tig auf sol­che Sen­dung blicken...

    #6

  7. @Internetausdrucker – #5
    Aber er­staun­lich: Sie bleibt ei­ne Ein­bahn­stra­sse. Die »al­ten« Mas­sen­me­di­en blei­ben Mei­nungs­füh­rer.

    #7

  8. Internetausdrucker sagt:

    @Gregor
    Viel­leicht ist das nicht so er­staun­lich. Die »al­ten« Me­di­en le­ben von ih­rer Au­to­ri­tät, die man ih­nen zu­bil­ligt. Man glaubt, da gä­be es ei­ne In­stanz für Qua­li­tät. Man muss die Kri­ti­ken sol­cher Au­to­ri­tä­ten dann nicht mehr sel­ber prü­fen. Was z.B. in der FAZ steht, muss gut sein, denkt man. Al­so ver­lässt man sich drauf. Das ent­la­stet vom vie­len Le­sen und Ur­tei­len. In der Welt der Blogs gibt es ei­ne sol­che Au­to­ri­tät bis­her nur ru­di­men­tär. Es gibt ein paar A-Blog­ger, die auch ähn­lich be­han­delt wer­den wie die FAZ: sie wer­den über­all als ver­läss­li­che Re­fe­renz zi­tiert (Nig­ge­mei­er und Spreng z.B.). Bei al­len an­de­ren blog­gern fehlt der Glanz all­ge­mein an­er­kann­ter Au­to­ri­tät (der, wie wir wis­sen, im Fal­le der al­ten Me­di­en auch trü­ge­risch sein kann). Ich ha­be je­den­falls das Ge­fühl, dass es ein gro­ßes Be­dürf­nis nach Ge­mein­gut gibt: ir­gend­ein Me­di­um oder ir­gend­ein Schrei­ber soll mög­lichst all­ge­mein an­er­kannt sein, so dass al­le sich auf ihn be­zie­hen kön­nen.

    #8

  9. Ins Schwar­ze
    Ei­ne wirk­lich kur­ze, aber prä­gnan­ten Zu­stands­be­schrei­bung. Ins­be­son­de­re der feh­len­de »Glanz der Au­to­ri­tät« – das ist sehr tref­fend aus­ge­drückt.

    (Das ist üb­ri­gens kein Phä­no­men, wel­ches auf Bloggen/Journalismus be­schränkt blie­be. Es zeigt sich hier nur sehr gut. Wenn zwei das glei­che tun und/oder sa­gen, ist es noch lan­ge nicht das­sel­be.)

    #9

  10. Ideenmensch sagt:

    Sehr in­ter­es­san­te Be­spre­chung, ist auf mei­ner Ama­zon Wunsch­li­ste ge­spei­chert.

    #10

  11. creamhilled sagt:

    Twit­ter-Be­mer­kung
    Dan­ke, das ist ei­ne Re­zen­si­on, die mir ex­akt das Buch be­schreibt (und er­klärt!), das ich ge­le­sen ha­be, und ich be­kom­me grad gro­ße Lust, es bald noch ein­mal zu le­sen (ein­mal le­sen ist bei gu­ten Bü­chern oh­ne­hin zu we­nig!)

    Ich ha­be auch mit Zi­chro­ni an­ge­fan­gen, dann tat­säch­lich ka­pi­tel­wei­se ge­wech­selt, das hat der Ge­schich­te kei­nen Ab­bruch ge­tan, im Ge­gen­teil, mei­ne ich. Al­ler­dings hab ich es an ei­nem Wo­chen­en­de in ei­nem Rutsch ge­le­sen, so daß die Er­in­ne­rung aus der je­weils an­de­ren Ge­schich­te im­mer frisch ge­nug war. Wenn man die Lek­tü­re in die Län­ge zieht, mag es bes­ser sein, erst das ei­ne, dann das an­de­re Buch zu le­sen. Aber das kann ich nun nicht mehr be­ur­tei­len. Viel­leicht beim zwei­ten Mal nach­ein­an­der le­sen?

    #11

  12. Dass die­ses Buch noch nicht ein­mal auf der »Lon­g­list« zum Deut­schen Buch­preis stand, müss­te al­len Ju­ry-An­ge­hö­ri­gen für im­mer in ih­ren Le­bens­lauf als Schan­de ein­ge­schrie­ben wer­den.

    Dan­ke für das Lob.

    #12

  13. Phorkyas sagt:

    Es war auch fast Trotz ge­gen die hin­dra­pier­te Lon­g­list und der Um­stand, dass sie aus­ge­rech­net noch ein Ex­em­plar da hat­ten, dass ich das Buch in der Bahn­hofs­buch­hand­lung mit­ge­hen las­sen muss­te.. und mit gro­ssem Ver­gnue­gen las. (Die Span­nung be­schrie­ben Sie ja auch; in ei­ner an­de­ren Re­zen­si­on las ich vom »Pa­ge-Tur­ner-Ef­fekt«..)

    Was ich aber nicht ver­ges­sen woll­te, war auf den ka­put­ten Bul­ga­kow-Link hin­zu­wei­sen (und da hat er sich auch wirk­lich ein Buch her­aus­ge­sucht, das fu­er mich her­aus­ragt aus der Mas­se gu­ter Bue­cher oder auch [so­ge­nann­ter] Klas­si­ker.. ich wu­er­de es schon mit Gi­des »Falschmu­en­zern« ver­glei­chen).

    Ein Kol­le­ge will jetzt mit der Wechs­ler-Sei­te be­gin­nen. Ich bin ge­spannt, ob sich fu­er ihn wirk­lich ein an­de­rer Le­se­ein­druck ein­stellt (die Dop­pel­re­zen­si­on soll es dann zei­gen).

    #13

  14. Link »re­pa­riert«; dan­ke für den Hin­weis.

    Es ist na­tür­lich schwie­rig zu sa­gen, wie der Be­ginn bzw. die Lese»art« sich auf den lek­tü­re­ein­druck aus­wirkt. Man müss­te nach ei­ner Be­spre­chung kurz ei­nen Ge­dächt­nis­ver­lust be­kom­men, das Buch dann noch ein­mal le­sen (an­ders be­gin­nend) – und dann ver­glei­chen.

    #14