Tho­mas Bern­hard – Sieg­fried Un­seld: Der Brief­wech­sel (Hrsg.: Rai­mund Fel­lin­ger, Mar­tin Hu­ber und Ju­lia Ket­te­rer)

Am 22. Ok­to­ber 1961 wen­det sich Tho­mas Bern­hard in ei­nem höf­lich-di­stan­zier­ten Brief an Sieg­fried Un­seld, der wie folgt be­ginnt: Sehr ge­ehr­ter Herr Dr. Un­seld, vor ein paar Ta­gen ha­be ich an Ih­ren Ver­lag ein Pro­sa­ma­nu­skript ge­schickt. Da­mit woll­te ich mit dem Suhr­kamp-Ver­lag in Ver­bin­dung tre­ten. Auf den im Fak­si­mi­le im Buch abge­druckten, mit Schreib­ma­schi­ne ge­tipp­ten Brief kann man er­ken­nen, dass Bern­hard ein Schreib­feh­ler un­ter­lau­fen war. Es steht dort nicht »Suhr­kamp«, son­dern »Suhr­kampf«. Das »f« wur­de hand­schrift­lich durch­ge­stri­chen.

Nach mehr als 800 Sei­ten Kor­re­spon­denz des Brief­wech­sels zwi­schen Tho­mas Bern­hard und sei­nem unzuverlässige[m] Ver­le­ger, dem Frank­fur­ter Un­ge­heu­er und Schau­er­kerl Sieg­fried Un­seld (Dik­tat­zei­chen »dr. u.«), mag der Le­ser nicht mehr an ei­nen Zu­fall glau­ben; al­len­falls an ei­nen Freud­schen Ver­schrei­ber. Viel­leicht ist die­ses »f« un­be­wuss­te Vor­weg­nah­me die­ser un­bän­di­gen Lust an der Pro­vo­ka­ti­on, die Bern­hard in un­kal­ku­lier­ba­ren Schü­ben zu fast cho­le­ri­schen Erup­tionen treibt, die zu Be­ginn noch von sei­ner Lek­to­rin An­ne­lie­se Bo­land be­feu­ert wer­den: »Ein kur­zer Ohls­dor­fer Don­ner als Ant­wort auf den Blitz aus dem Frank­fur­ter Himm­el emp­fiehlt sich«. Sie si­gna­li­siert Bern­hard »ei­gent­lich kann das Match nur zu Ih­ren Gun­sten aus­ge­hen«) und die­ser ent­wickelt schnell ein Ge­spür wie weit er mit sei­nen For­de­run­gen, Kla­gen und Be­schimp­fun­gen ge­hen kann, oh­ne den Bo­gen zu über­span­nen.

Und dann plötz­lich, nach mehr als sie­ben­und­zwan­zig Jah­ren und fünf­hun­dert Brie­fen, am 24. No­vem­ber 1988, nach der Lek­tü­re ei­nes Brie­fes, in dem Bern­hard zum wie­der­hol­ten Mal sein Wort in Be­zug auf ei­ne Pu­bli­ka­ti­on im Re­si­denz-Ver­lag ge­bro­chen hat und mit »In der Hö­he. Ret­tungs­ver­such, Un­sinn« in dem Salz­bur­ger Ver­lag aber­mals ein neu­es Buch ver­le­gen ließ, te­le­gra­fiert Un­seld: fu­er mich ist ei­ne schmer­zens­gren­ze nicht nur er­reicht, sie ist über­schrit­ten […] ich kann nicht mehr. Un­seld konn­te da­mals nicht wis­sen, dass Bern­hard 80 Ta­ge spä­ter tot war. Er muss­te gra­vie­ren­de Kon­se­quen­zen die­ses Tele­gramms ein­kal­ku­lie­ren. Bern­hards Ant­wort, ei­nen Tag spä­ter ver­fasst (der letz­te Brief in ih­rer Kor­re­spon­denz), ist ein Do­ku­ment prä­ten­tiö­ser Her­ab­las­sung: Lie­ber Sieg­fried Un­seld, wenn Sie, wie Ihr Te­le­gramm lau­tet, »nicht mehr kön­nen«, dann strei­chen Sie mich aus Ih­rem Ver­lag und aus Ih­rem Ge­dächt­nis. Ich war si­cher ei­ner der unkom­pliziertesten Au­toren, die Sie je­mals ge­habt ha­ben. (Da lacht der Le­ser schal­lend auf.)

Das Le­ben ist wun­der­bar

Mit der Gruss­for­mel Ihr Sie sehr re­spek­tie­ren­der Tho­mas Bern­hard wird ein Teil Schär­fe gleich wie­der zu­rück­ge­nom­men. Ei­ne klu­ge Tak­tik: Im­mer bleibt die Tür ei­nen Spalt of­fen. Zwei Mo­na­te spä­ter, am 28. Ja­nu­ar 1989, al­so zwei Wo­chen vor Bern­hards Tod, kommt es zum letz­ten Tref­fen. Un­seld über­bringt Cal­ci­um-Ta­blet­ten aus Spa­ni­en und ei­nen Um­schlag. Und wie im­mer wird bei den Be­geg­nun­gen aus Sieg­fried Un­selds Auf­zeichn­ungen zi­tiert (die »Chro­nik« und die »Rei­se­be­rich­te« – sie bil­den vor al­lem als die brief­liche Kor­re­spon­denz in den 80er Jah­ren durch Te­le­fo­na­te und zahl­rei­che persön­liche Be­geg­nun­gen ab­flaut, die wich­tig­ste Quel­le). Bern­hard ko­ket­tiert wie so häu­fig mit sei­nem Tod aber bei­de schei­nen zu wis­sen, dass es dies­mal ernst ist. Sie re­den über den Nach­lass, Bern­hards An­we­sen Na­t­hal als Mu­se­um, aber Un­selds Vor­schlä­ge hier­zu lehnt er ab. Bern­hard ist über­zeugt, dass sei­ne Zeit post­hum kom­men wird. Man meint ei­ne fast kind­li­che Ver­bit­te­rung zu spü­ren. Er will un­be­merkt ster­ben, erst ei­ne Wo­che nach sei­nem Tod soll die Öffentlich­keit un­ter­rich­tet wer­den. Dann wie­der Mil­de. Ja, zu 90% sei [Sieg­fried Un­seld] ihm sym­pa­thisch und freund­schaft­lich ver­bun­den, für 10% ma­chen er und der Ver­lag Scheuß­lich­kei­ten, aber es sind glück­li­cher­wei­se eben nur 10%, und nach ihm kä­me gleich Bur­gel Ze­eh (Un­selds Se­kre­tä­rin, die im März 2009 ver­starb). Im Grun­de die Ein­zi­gen. Ja, er kla­ge nicht, er ha­be al­les er­reicht, mehr kön­ne man doch kaum er­rei­chen. Und dann Sät­ze, die Un­seld of­fen­bar wört­lich wie­der­gibt und die dem Le­ser die Trä­nen in die Au­gen trei­ben und das be­stä­ti­gen, was in je­der Zei­le die­ser Brie­fe im­mer auch prä­sent ist: »Das Le­ben ist wun­der­bar, die Welt groß­ar­tig, wie le­ben in ei­ner gro­ßen Zeit.«.

Wer die CDs aus dem »Hör­ver­lag« (»Brief­wech­sel«; er­schie­nen Herbst 2008) ge­hört hat, wird noch mehr Ver­gnü­gen mit die­sem Buch ha­ben. Hier sind die vor­le­sen­den Schau­spie­ler tat­säch­lich kon­ge­nia­le Vir­tuo­sen, de­ren Grö­ße dar­in be­steht, das Vor­zu­le­sen­de nicht af­fek­tiert zu in­ter­pre­tie­ren, son­dern sich dem Text hin­zu­ge­ben. Da­bei trägt Gerd Voss der Tat­sa­che Rech­nung, dass Un­selds Brie­fe dik­tiert wur­den, al­so münd­li­chen Ur­sprungs sind (ein wun­der­bar-in­di­rek­tes Plä­doy­er für das Dik­tat!) und fin­det ei­nen Rhyth­mus, den man un­will­kür­lich beim Le­sen über­nimmt und dann wun­der­ba­re Klar­heit ent­fal­tet. Und Pe­ter Si­mo­ni­scheks leicht an­ger­au­te, bei den Don­ner­brie­fen lau­ter und grim­mi­ger wer­den­de Stim­me – ei­ne Mi­schung von Mis­an­thro­pie, An­ma­ßung, Krän­kung und Rei­zung (und auch er ver­zich­tet auf schnö­de Thea­tra­lik und Imi­ta­ti­on). Na­tur­ge­mäss hat man in der Aus­wahl der ge­le­se­nen Brie­fe den Schwer­punkt auf die Kon­flikt­si­tua­tio­nen ge­legt, in de­nen es im­mer wie­der um Al­les zu ge­hen schien.

Im­mer mal wie­der Bern­hards of­fe­ne und ver­steck­te Dro­hun­gen (oder nur Spie­le­rei­en?), den Ver­lag zu ver­las­sen. An­fangs klagt er, der Ver­lag ver­kau­fe nicht ge­nug sei­ner Bü­cher (Un­seld ent­geg­net ihm mit rhe­to­ri­scher Bril­lanz und er­wähnt die Ver­kauf­zah­len der Num­mer 1 al­ler Au­toren, Sa­mu­el Beckett). Spä­ter re­kla­miert er un­zu­rei­chen­de Be­ach­tung (vor al­lem durch den Ver­le­ger) und man­geln­de Wür­di­gung sei­ner Lei­stung. Bern­hard wird ver­ein­zelt aus­fäl­lig, be­zeich­net den Ver­lag als an­ony­me geg­ne­ri­sche Macht, for­dert aber Un­seld gleich­zei­tig so­fort auf, die Eis­decke von Miß­ver­ständ­nis­sen zu ent­kräf­ten, was die­ser mit be­wun­derns­wer­tem Fein­ge­fühl tut und da­bei den Spa­gat schafft, sich hin­ter den Ver­lag und sei­ne Mit­ar­bei­ter zu stel­len oh­ne Bern­hard vor den Kopf zu sto­ßen. Und ab und an ge­stat­tet sich Un­seld ei­ne klei­ne Sti­che­lei wie et­wa Voll­kom­men ist nie­mand – nur Tho­mas Bern­hard, wenn er schimpft.

Es gibt saf­ti­ge Ver­le­ger- und Ver­lags­schel­te, wenn bei­spiels­wei­se die­ses schau­er­li­che Buch von Mar­tin Wal­ser (»Bran­dung«) als zu stark be­wor­ben wahr­ge­nom­men und vom Ver­lag zum Best­sel­ler ge­pusht wird (der in­ter­ne Seuf­zer des Ver­le­gers: So­weit sind wir schon, dass wir das tun müs­sen). Un­seld schickt die von ihm ge­schal­te­ten An­zei­gen über Bern­hards Bü­cher aber Skep­sis, ja Wut blei­ben: Sie ha­ben in mei­nen Rolls-Roy­ce [»Al­te Mei­ster«] nur ei­nen Li­ter Nor­mal­ben­zin ge­gos­sen und ihn ste­hen las­sen, wäh­rend Sie in den Opel-Ka­dett Ih­res Freun­des vier bis fünf Zu­satz­tanks ha­ben ein­bau­en und mit Su­per­ben­zin ha­ben an­fül­len las­sen. Oder wenn Pe­ter Hand­ke in ei­nem In­ter­view im No­vem­ber 1986 Bern­hards letz­te Bü­cher als sträf­li­che Mach­wer­ke in »Spiegel«-Schreibe be­zeich­net – ei­ne Po­le­mik, die doch ei­gent­lich den längst ar­ri­vier­ten Schrift­stel­ler nicht mehr hät­te tref­fen dür­fen. Zu be­rück­sich­ti­gen ist hier je­doch, dass Bern­hard auf das »Ver­hält­nis« Handke/Unseld fast ei­fer­süch­tig war. Un­seld – ganz Di­plo­mat – schreibt Hand­ke nach des­sen Äu­ße­run­gen, Bern­hard hät­te es schwer ge­nug, mit sich und der Um­welt. Ich möch­te nicht, dass Freund­schaf­ten zer­bre­chen und im Brief an Bern­hard nennt er die For­mu­lie­run­gen Hand­kes wenn sie so ge­fal­len sind, tö­richt, dumm, un­ver­zeih­lich, ge­schmack­los).

Klo­pa­pier­rol­le mit Suhr­kamp­si­gnet

Aber Bern­hard hält mit sei­ner Miss­ach­tung über die zeit­ge­nös­si­sche (deutsch­spra­chi­ge) Li­te­ra­tur auch nicht hin­ter dem Berg. Er de­kla­miert, dass die heu­ti­ge li­te­ra­ri­sche Pro­duk­ti­on ins­ge­samt ei­nen Tief­punkt er­reicht hat, wie seit Jahr­hun­der­ten nicht und ei­ni­ge Jah­re spä­ter be­schimpft er mit gro­ßer Ge­ste Un­seld über die 3000 Sei­ten pro­le­ta­ri­schen stumpf­sin­ni­gen Müll[s] von Ma­ri­an­ne Fritz’ Buch »Des­sen Spra­che du nicht ver­stehst« und be­en­det den Brief mit dem »Rat­schlag« Hät­ten Sie doch an­statt den Un­sinn von Frau Fritz, nur ei­ne drei­tau­send Blät­ter lan­ge Klo­pa­pier­rol­le ge­druckt und un­ter dem Suhr­kamp­si­gnet her­aus­ge­ge­ben. Hart geht er auch mit dem schrei­ben­den Ge­sin­del ins Ge­richt, ins­be­son­de­re de­nen, die sei­nen Stil ver­meint­lich ko­pie­ren. E. Y. Mey­er soll­te ei­gent­lich das Schrei­ben in die­ser Form ver­bo­ten wer­den; der Ver­lag müss­te doch die­ses »Pla­gi­at« be­mer­ken (Mey­er war auch Suhr­kamp-Au­tor).

Nach dem Weg­gang der Lek­to­rin An­ne­lie­se Bo­land 1970 lässt Bern­hard aus dem Hau­se Suhr­kamp ne­ben Un­seld nur noch Bur­gel Ze­eh »gel­ten«. Es setzt wü­ste Be­schimp­fun­gen ge­gen den da­ma­li­gen Lei­ter des Thea­ter­ver­lags Dr. Ru­dolf Rach, der ei­gent­lich nur zur Ent­las­sung tau­ge, ein Dumm­kopf sei und zwi­schen­zeit­lich auch als Tod­feind apo­stro­phiert wur­de. Ge­ra­de hier zeigt sich aber Bern­hards Prag­ma­tis­mus: Schnell fin­det er sich mit dem Feh­len von Bo­land ab (das Jam­mern ist nur kurz) und auch mit Rach gibt es ei­ne Aus­söh­nung (die al­ler­dings weit ent­fernt von Re­spekt­be­kun­dung lag). Un­seld fun­giert zwi­schen­zeit­lich sel­ber als Lek­tor; die von Rach kon­sta­tier­te »Son­der­be­hand­lung«, die der Dich­ter ein­for­dert, ist er be­reit zu lei­sten, ob­wohl er sich der Loya­li­tät Bern­hards im­mer un­si­cher ist, was sich in den ver­hält­nis­mä­ßig häu­fi­gen Be­kennt­nis­sen zur gegenseitige[n] Treue zeigt. Und als Jah­re spä­ter Un­seld Än­de­run­gen in ei­nem Ma­nu­skript ha­ben möch­te, lehnt Bern­hard die­se zu­nächst ka­te­go­risch ab, aber nach ei­nem Ge­spräch mit Rai­mund Fel­lin­ger ist er plötz­lich um­ge­stimmt.

Bern­hard fei­ert die Jah­res­ta­ge der er­sten Be­geg­nung mit Un­seld, als die­ser mit un­ge­fähr 40 Grad Fie­ber ein Dar­le­hen von 40.000 Mark ein­räum­te (und wit­zelt über tau­send Mark für je­den Fie­ber­grad des Ver­le­gers). Im­mer wie­der for­dert er Vor­schüs­se und der Ver­leger ent­wirft krea­tiv-küh­ne Fi­nan­zie­rungs­mo­del­le um die­se Dar­le­hen und Vor­schüs­se irgend­wie in zu­künf­tig zu er­war­ten­de Ein­nah­men ein­zu­rech­nen (was da­zu führt, dass sich bei­de für den je­weils an­de­ren das Wort er­pres­se­risch aus­den­ken; Un­seld frei­lich nur in­tern). 1970 wird Bern­hards er­stes Thea­ter­stück »Ein Fest für Bo­ris« ur­auf­ge­führt. Als er ent­deckt, wie schnell hier Geld zu ver­die­nen ist (Auf­füh­rungs- und Fern­seh­rech­te), be­ginnt ei­ne sehr frucht­ba­re »Pro­duk­ti­on«. Bern­hard will sei­ne Stücke nur auf den be­sten Büh­nen von den be­sten En­sem­bles (mög­lichst auch zu spe­zi­el­len An­läs­sen) ge­spielt ha­ben; er über­nimmt sel­ber die Ver­hand­lun­gen. Die deut­schen Stadt­thea­ter­auf­füh­run­gen lehnt er ab; hier wähnt er kei­ne Kon­trol­le über die In­sze­nie­run­gen zu ha­ben und die Ein­nah­men sind im Ver­hält­nis zu den Er­trä­gen in Salz­burg oder Wien zu ge­ring. Un­seld pocht auf Ne­ben­ef­fek­te ei­ner mög­lichst gro­ßen Ver­brei­tung Bern­hards, aber auch hier gilt wohl der in an­de­rem Zu­sam­men­hang ge­fal­le­ne Satz Ich wün­sche kei­ne Ar­gu­men­te. Die Stücke wer­den blind ge­bucht – Un­seld bleibt fast nur noch die Buch­pu­bli­ka­ti­on (be­vor­zugt in der »Bi­blio­thek Suhr­kamp« – auch das ein Wunsch Bern­hards) und ge­le­gent­li­che Be­su­che von Pre­mie­ren.

Un­seld ist fas­zi­niert von der Li­te­ra­tur Bern­hards, er­kennt aber durch­aus auch die schwa­chen Stel­len. So be­ur­teilt er in­tern »Un­gen­ach« als ei­nen gu­ten Tho­mas Bern­hard, aber oh­ne die­se Be­deu­tung und die­se Bril­lanz von »Be­ton« und »Witt­gen­steins Nef­fe«. Zwar ist er über­zeugt, dass Bern­hards Be­deu­tung in der Dra­ma­tik mit der von Sa­mu­el Beckett ver­gleich­bar ist (hier scheint der Blick ein biss­chen ge­trübt), no­tiert je­doch, dass es sich bei »Ein­fach kom­pli­ziert« um ei­nen müde[n] Auf­guß han­de­le. Und ein­mal war Un­seld fest ent­schlos­sen, ein Buch mit al­len Kon­se­quen­zen nicht zu ver­öf­fent­li­chen. Es han­del­te sich um sie­ben Ein­ak­ter (»Dra­mo­let­te«), die er für bil­lig-wit­zig hielt, un­ter an­de­rem auch we­gen der ver­ba­len Aus­fäl­le ge­gen deut­sche Po­li­ti­ker (die sämt­lich als Na­zis be­schimpft wur­den). Zur Be­kräf­ti­gung sei­nes Ur­teils hat­te er kei­ne ge­rin­ge­ren als Max Frisch, Jür­gen Becker und Mar­tin Wal­ser her­an­ge­zo­gen. Die Art und Wei­se, wie Un­seld Bern­hard hier »über­zeug­te« (der künst­le­ri­sche Ab­stand …ist zu groß ist gro­ße Kunst. An­son­sten drück­te sich die Re­ser­viert­heit des Ver­le­gers mit dem vor­neh­men Eu­phe­mis­mus ein ech­ter Bern­hard aus.

Auch die Fi­xie­rung auf Pey­mann als Re­gis­seur (er wird in den letz­ten Jah­ren zum al­lei­ni­gen »Ur­auf­füh­rer«) und Bern­hard Mi­net­ti als Schau­spie­ler sieht Un­seld kri­tisch. Da­bei scheint Pey­mann für Bern­hard ei­ne Art Pen­dant zum Ver­le­ger zu sein; Un­seld be­merkt, er trei­be mit Pey­mann ein clow­nes­kes Spiel. Die Be­gei­ste­rung Un­selds be­lebt sich noch ein­mal an­läss­lich des vor­letz­ten Pro­sa­bands »Aus­lö­schung« und – mit Ab­stri­chen was die er­ste Sze­ne an­geht – beim Thea­ter­stücks »Hel­den­platz«, wel­ches im Vor­feld be­reits ein Skan­da­lon wur­de (be­ur­teilt von Leu­ten, die das Stück in Gän­ze gar nicht kann­ten und be­feu­ert von Pey­mann, der In­ter­views gab, die selbst Bern­hard für »nicht sehr di­plo­ma­tisch« hielt).

Bern­hard sel­ber er­kun­dig­te sich spo­ra­disch nach Neu­auf­la­gen von »Am­ras«, »Wat­ten« und »Be­ton« (we­ni­ger »Frost« – das Buch moch­te er wohl nicht); es gibt Be­le­ge im Buch da­für, dass er »Am­ras« als sein be­stes Pro­sa-Stück an­sah. Die Thea­ter­stücke wur­den in ei­ner Rast­lo­sig­keit ge­schrie­ben, dass er die­sen ge­gen­über häu­fig schon vor In­sze­nie­rung und Ver­öf­fent­li­chung über­drüs­sig war und höch­stens noch die Wir­kung in der Öf­fent­lich­keit ver­folg­te.

Die Macht des Gel­des

Un­seld ist der nach­hal­ti­ge, lang­fri­sti­ge Pla­ner – Bern­hard der drän­gen­de, nach Aner­kennung und Geld lech­zen­de. Es gibt ein Schlüs­sel­er­leb­nis für Un­seld, als ei­ne Fi­gur aus »Die Macht der Ge­wohn­heit« sagt: »Selbst das Ge­nie / wird noch ein­mal größen­wahnsinnig / wenn es ums Geld geht«. Die­se Sät­ze las­sen ihn nicht mehr los; hier ver­mutet er Tho­mas Bern­hards We­sen und glaubt, die Achil­les­ver­se des Dich­ters gefun­den zu ha­ben. Da hel­fen auch Bern­hards spo­ra­di­sche Be­teue­run­gen des Ge­gen­teils (Im Grun­de bin ich kein Geld­gie­ri­ger oder Der Geld­gie­ri­ge bin nicht ich) nicht. Un­seld no­tiert in­tern, Bern­hard sei un­heim­lich in­tran­si­gent, er macht das was er will, und läßt sich nicht be­ein­flus­sen, nur durch Geld. Man kön­ne Ter­mi­ne und Ver­spre­chun­gen von ihm nur er­hal­ten, wenn wir Geld-Zu­flüs­se da­mit ko­or­di­nie­ren. Geld wird ein Mit­tel, den Au­tor an den Ver­lag zu bin­den. Als es ir­gend­wann steu­er­recht­lich nicht mehr mög­lich ist, zins­lo­se Dar­le­hen über Jah­re ein­zu­räu­men, ge­währt ihm Un­seld ei­ne sehr mil­de Ver­zinsung, und zwar 5% (im Ver­lag zah­le man 8,1%). Im ab­ge­druck­ten Ver­trag liest man dann je­doch von 6% – Irr­tum oder ei­ne sport­li­che »Ra­che« des manch­mal so arg ge­beu­tel­ten Ver­le­gers?

Und herr­lich die­se Sze­ne, als Bern­hard bei ei­nem Tref­fen auf ei­nen er­neu­ten Vor­schuss be­steht aber Un­seld ihn zu­nächst bit­tet auf die Ab­rech­nung zu schau­en. Bern­hard will sich aber gar nicht be­ru­hi­gen bis er dann fest­stellt, dass er – für Un­seld sel­ber über­ra­schend – ein Gut­ha­ben hat (Wie kommt die­ser Be­trag zu­stan­de?). Um 1976/77 her­um ist Bern­hard »schul­den­frei«; ein biss­chen kryp­tisch in die­sem Zu­sam­men­hang Un­selds No­tiz von 1982, als ein Gut­ha­ben von 45.000 Mark auf 100.000 Mark aus Grün­den, die ich hier nicht festhalte…aufgerundet wird. Ein gu­tes Jahr vor sei­nem Tod hat der Dich­ter ein Gut­ha­ben von 374.000 Mark. Bei den zahl­rei­cher wer­den­den Tref­fen kommt der Ver­le­ger nun mit gefüllte[n] Ho­sen­ta­schen, denn Bern­hard lässt sich auch schon mal sechs­stel­li­ge Be­trä­ge aus­zah­len.

Aber kann man Bern­hard auf ei­ne fast ma­ni­sche Fi­xie­rung auf Geld re­du­zie­ren? Im An­fang des Jah­res er­schie­ne­nen Buch »Mei­ne Prei­se« nimmt der Ich-Er­zäh­ler (der mit Tho­mas Bern­hard größ­ten­teils iden­tisch sein dürf­te) am An­fang sei­ner Kar­rie­re die ihm zu­er­kann­ten Li­te­ra­tur­prei­se nur aus fi­nan­zi­el­len Grün­den an. Als dann je­doch ei­ne Preis­ver­lei­hung auf die ste­ri­le Geld­über­ga­be re­du­ziert wird, schimpft er auch hier­über und fühlt sich nicht ent­spre­chend »ge­wür­digt«. Und die Aus­brü­che wer­den nach der fi­nan­zi­el­len Sa­nie­rung zwar we­ni­ger, aber sie blei­ben bei­lei­be nicht aus. So­mit ist Geld nur ei­nes von meh­re­ren Auf­merk­sam­keits­mit­teln, die Bern­hard ein­for­dert (ver­mut­lich al­ler­dings das wich­tig­ste, da lau­fend grö­sse­re Grund­stücks- und Haus­er­wer­bun­gen nebst ent­spre­chen­den Re­no­vie­run­gen ge­tä­tigt wer­den).

Fremd­ge­hen und Wol­ken

So sind auch Bern­hards »Aus­flü­ge« zum Re­si­denz-Ver­lag (vor al­lem die wich­ti­gen ju­gend-au­to­bio­gra­fi­schen Schrif­ten »Die Ur­sa­che«, »Der Kel­ler«, »Der Atem«, »Die Käl­te« und »Ein Kind«, die zwi­schen 1972 und 1985 ver­öf­fent­licht wur­den, aber auch »An der Baum­gren­ze« von 1969) zu be­wer­ten. Na­tür­lich ist es für ei­nen Au­tor gün­stig, ei­nen zwei­ten Ver­lag »in der Hin­ter­hand« zu ha­ben, aber hier­um ging es nicht. Schließ­lich hat Bern­hard mit sei­nen Pu­bli­ka­tio­nen bei »Re­si­denz« Un­seld im­mer vor voll­ende­te Tat­sa­chen ge­stellt und nie im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Buch­ver­öf­fent­li­chung mit ei­nem Ver­lags­wech­sel ge­droht. Und als er »schul­den­frei« war, hat er Suhr­kamp nicht ver­las­sen. Aber si­cher­lich be­rei­te­te es Bern­hard gro­ße Freu­de, den om­ni­prä­sen­ten Un­seld mit dem ge­le­gent­li­chen »Fremd­ge­hen« zu rei­zen (trotz sei­nes schrift­li­chen Ver­spre­chens von 1969). Als er 1988 sah, dass sich Un­seld und Jo­chen Jung vom Re­si­denz-Ver­lag nicht ei­ni­gen kön­nen, räch­te er sich, in dem er dem Klei­ne­ren ein Bröck­chen zu­wirft und da­mit den Gro­ssen är­gert.

Im­mer wie­der klagt Bern­hard kei­nen Ver­le­ger zu ha­ben und fühlt sich ver­nach­läs­sigt. In fer­tig­ge­stell­ten Bü­chern ent­deckt er ei­ne Druck­feh­ler­über­schwem­mung. Suhr­kamp-Mit­ar­bei­ter sen­den ihm In­for­ma­tio­nen, die ent­we­der un­voll­stän­dig sind oder die er als nutz­los ein­stuft. Er for­dert, nur noch von Un­seld (oder Ze­eh) an­ge­spro­chen zu wer­den. Oft ge­nug bil­den die­se Min­der­wer­tig­keits­schü­be An­läs­se zu erup­ti­ven Brie­fen. Sei­nen schaf­fungs- und ge­sund­heits­be­ding­ten Selbst­hass lädt er bei sei­nem Über­va­ter Sieg­fried Un­seld ab. Ihr Schwer­ar­bei­ter un­ter­schreibt er ein­mal ei­nen Brief. Wie ein Kind lo­tet Bern­hard sei­ne Gren­zen aus und be­feu­ert sei­nen Wi­der­stand, wenn es sein muss, auch gleich sel­ber. Be­son­ders schwie­rig ge­stal­ten sich Ver­trags­ver­hand­lun­gen mit Bern­hard. Münd­li­che Zu­sa­gen nimmt er wie­der zu­rück; schrift­li­che auch (er be­ruft sich auf das »Recht«, bin­nen 24 Stun­den von je­dem Ver­trag zu­rück­tre­ten zu kön­nen). Als ihm Un­seld ei­nen va­gen Ver­trags­ent­wurf an­dient, pol­tert er zu­rück va­ge Ver­trä­ge un­ter­schrei­be er nicht. Die Geg­ner­schaft, die Bern­hard in der Vor-Pey­mann-Zeit im Burg­thea­ter ent­ge­gen­ge­bracht wird, be­zeich­net er als her­vor­ra­gen­des Fun­da­ment wenn es dar­um geht, mit dem Burg­thea­ter über ei­ne neue In­sze­nie­rung zu ver­han­deln. »Wol­ken ma­chen erst den Him­mel schön« zi­tiert Un­seld Bern­hard ein­mal, und nennt ihn da­bei ei­nen Schelm.

Zwar ver­wehrt sich Bern­hard ge­gen den Vor­wurf, Skan­da­le vor­sätz­lich zu in­sze­nie­ren (was tat­säch­lich lä­cher­lich ist), aber sind sie erst ein­mal da, dann nutzt er die­se sehr wohl um Loya­li­tät und Un­ter­stüt­zung in sei­ner Op­fer­rol­le ein­zu­for­dern. Als bei der Salz­bur­ger Ur­auf­füh­rung von »Der Igno­rant und der Wahn­sin­ni­ge« ent­ge­gen aus­drück­li­cher An­wei­sun­gen von Au­tor und Re­gis­seur in der Schluß­sze­ne die Not­lich­ter nicht ge­löscht wur­den, ver­bot Bern­hard wei­te­re Auf­füh­run­gen die­ses Stückes, was nicht nur zu recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen führ­te (der Ver­an­stal­ter woll­te auf­grund des aus­ge­spro­che­nen Auf­führ­ver­bo­tes die letz­te Ra­te sei­ner Tan­tie­me­zah­lun­gen nicht lei­sten; am En­de wur­de ge­zahlt), son­dern auch für be­trächt­li­chen Wir­bel sorg­te (die­sen »Not­licht­skan­dal« ver­ar­bei­te­te Bern­hard spä­ter in sei­nem Stück »Der Thea­ter­ma­cher«, was im sonst so vor­züg­li­chen An­mer­kungs­ap­pa­rat merk­wür­di­ger­wei­se nicht ver­merkt ist).

Bern­hard nutzt die­se Auf­re­gung nicht nur für »Marketing«-Zwecke – er ver­han­delt mit Un­seld auch das weit­ge­hen­de, al­lei­ni­ge Ver­mark­tungs­recht für sei­ne Stücke (nebst üp­pi­gen Tan­tie­me­zah­lun­gen für sich). In­ter­es­sant da­bei, dass trotz und wäh­rend der »Notlichtskandal«-Auseinandersetzungen mit dem da­ma­li­gen Salz­bur­ger Fest­spiel­lei­ter Kaut Bern­hard be­reits wie­der »ge­hei­me« Ver­hand­lun­gen mit eben die­sem Kaut für ein neu­es Stück führ­te. Bern­hard sei auf ei­ne wei­te­re Auf­füh­rung in Salz­burg ganz ver­ses­sen ge­we­sen, heißt es bei Un­seld als die­ser das (auch ei­ni­ger­ma­ßen kon­ster­niert) er­fährt.
Skan­dal und Hin­ter­tür­chen

Die Lek­tü­re des Brief­wech­sels legt na­he, dass Tho­mas Bern­hard nur beim Skan­dal um das 1984 er­schie­ne­ne Buch »Holz­fäl­len« tat­säch­lich ins Mark ge­trof­fen war (viel­leicht war er be­son­ders sen­si­bi­li­siert, weil fast gleich­zei­tig sein »Le­bens­mensch« Hed­wig Sta­via­nicek ge­stor­ben war). In »Holz­fäl­len« mo­no­lo­gi­siert ein Ich-Er­zäh­ler im Oh­ren­ses­sel sit­zend re­tro­spek­tiv über ei­ne pri­va­te Abend­ge­sell­schaft der Ehe­leu­te Au­ers­ber­ger, die nach ei­ner Burg­thea­ter­auf­füh­rung statt­fin­det (un­ter an­de­rem wird ein Burg­thea­ter­schau­spie­ler als Gast er­war­tet). Der Er­zäh­ler stei­gert sich bei der Be­trach­tung die­ser pseu­do-bil­dungs­bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft in im­mer grö­ße­re »Er­re­gung«, die sich aus Ab­scheu und Hass­lie­be die­ser Ge­sell­schaft ge­gen­über zu­sam­men­setzt. Das Buch ist ei­ne ve­he­men­te Öster­reich- und Kul­tur­kri­tik im üb­li­chen Bern­hard-Duk­tus. Durch Lan­cie­rung ei­nes Vor­ab­ex­em­plars be­kam der öster­rei­chi­sche Mu­si­ker Ger­hard Lam­pers­berg Kennt­nis von dem Buch und fand sich im Gast­ge­ber, der Fi­gur Au­ers­ber­ger, wie­der. Lam­pers­berg war in frü­he­ren Jah­ren ein För­de­rer Bern­hards ge­we­sen und die­ser hat­te ihm 1959 das Li­bret­to zu dem Mu­sik­stück »die ro­sen der ein­öde« ge­schrie­ben.

Lam­pers­berg er­reich­te vor Ge­richt ei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung ge­gen den Ver­kauf des Bu­ches und reich­te drei Kla­gen, u. a. we­gen Be­lei­di­gung und Ver­let­zung der Per­sön­lich­keits­rech­te, ein. Die in den öster­rei­chi­schen Buch­hand­lun­gen aus­lie­gen­den Ex­em­pla­re wur­den von der Po­li­zei ent­fernt. Un­seld kon­sta­tiert, dass er, wenn die Kla­gen er­folg­reich sein soll­ten, vor­be­straft sei. Den­noch schenkt er li­stig öster­rei­chi­schen Bi­blio­the­ken das Buch zur Aus­lei­he, denn in den Ge­richts­be­schlüs­sen ist nur vom Ver­kauf die Re­de. Der Skan­dal schlägt ho­he Wel­len, da er den Bern­hard-Geg­nern Mu­ni­ti­on lie­fert. Man hat an­fangs Pro­ble­me, öster­rei­chi­sche An­wäl­te für Bern­hards Sa­che zu fin­den; ei­ni­ge woll­ten ihn nicht ver­tei­di­gen.

Für Tho­mas Bern­hard ist die­ses Vor­ge­hen der Ju­stiz ein Fa­nal und ei­nes de­mo­kra­ti­schen Staa­tes un­wür­dig. Öster­reich ist mein Land, aber kein Staat für mich, so Bern­hard als »Er­klä­rung«, war­um er un­ver­än­dert in Öster­reich woh­ne. Aus den Me­di­en ha­be er von der Be­schlag­nah­me er­fah­ren, oh­ne An­hö­rung. Sein Buch sei ein Kunst­werk; die Fi­gur Au­ers­ber­ger ei­ne fik­ti­ve Fi­gur. Er ver­fass­te ei­ne Pres­se­er­klä­rung (oh­ne Ab­stim­mung mit sei­nem Ver­lag), in der er wut­ent­brannt den so­for­ti­gen Aus­lie­fe­rungs­stop für sei­ne an­de­ren Bü­cher auf dem öster­rei­chi­schen Ter­ri­to­ri­um be­kannt­gab. Zwar ver­kauft sich »Holz­fäl­len« auf­grund des Skan­dals sehr gut (an­fangs stür­men die Öster­rei­cher im Grenz­ge­biet ge­ra­de­zu die deut­schen Buch­hand­lun­gen), aber Un­seld muss nun zwi­schen den Emp­find­lich­kei­ten des Au­tors und den In­ter­es­sen des Ver­lags la­vie­ren und den enorm ver­letz­ten Dich­ter da­von über­zeu­gen, dass die­se Ver­fü­gung ein auf Dau­er un­halt­ba­res Un­ter­fan­gen ist (Bern­hard ha­be sich da­mit bla­miert, so Un­seld in­tern). Die In­ten­si­tät, die hier er­reicht wird, ist ei­ner der Hö­he­punk­te die­ses Bu­ches (vor al­lem Bern­hards au­ßer­ge­wöhn­lich sen­si­bler Brief an sei­nen ge­nia­len Ver­le­ger vom 19. No­vem­ber 1984 aus Ma­drid).

Lam­pers­berg zieht nach ei­ni­gen Mo­na­ten die Kla­gen zu­rück; de fac­to wird er wohl her­aus­ge­kauft (zwei­mal er­wähnt Un­seld, dass ihm dies rund 55.000 Mark ge­ko­stet ha­be, was Bern­hard als selbst­ver­ständ­li­che Un­ter­stüt­zung an­sieht und die Er­wäh­nung die­ser Sum­me in­di­gniert kom­men­tiert). Und auch als es zu ei­ner au­ßer­ge­richt­li­chen Ei­ni­gung kommt und das neue Buch »Al­te Mei­ster« vor der Aus­lie­fe­rung steht, be­harrt er auf das Aus­lie­fe­rungs­ver­bot für Öster­reich, be­vor es Un­seld ge­lingt, ihm li­stig »Hin­ter­tür­chen« auf­zu­bau­en (die Aus­we­ge für sei­ne ge­plan­ten Thea­ter­in­sze­nie­run­gen hat­te Bern­hard schon sel­ber ent­wickelt). Den­noch wird Bern­hard die­ses Vor­ge­hen des öster­rei­chi­schen Staa­tes und sei­ner Or­ga­ne nie mehr los­las­sen, wie sich in sei­nem Te­sta­ment un­ter dem be­rühm­ten Punkt 4 zeigt: »We­der aus dem von mir selbst bei Leb­zei­ten ver­öf­fent­lich­ten, noch aus dem nach mei­nem Tod gleich wo im­mer noch vor­han­de­nen Nach­lass darf auf die Dau­er des ge­setz­li­chen Ur­he­ber­rechts in­ner­halb der Gren­zen des öster­rei­chi­schen Staa­tes, wie im­mer die­ser Staat sich kenn­zeich­net, et­was in wel­cher Form im­mer von mir ver­fass­tes Ge­schrie­be­nes auf­ge­führt, ge­druckt oder auch nur vor­ge­tra­gen wer­den ».

Die Äu­ße­rung ei­ner Fi­gur in Tho­mas Bern­hards Stück »Die Macht der Ge­wohn­heit« Augs­burg sei ein »muffige[s], verabscheuungswürdige[s] Nest« in ei­ner »Lech­kloa­ke«, ver­an­lass­te den Ober­bür­ger­mei­ster Augs­burgs 1974 zu ei­nem Brief an Sieg­fried Un­seld, in dem er – durch­aus kon­zi­li­ant for­mu­liert – die­se Be­schimp­fung als Dif­fa­mie­rung ab­lehn­te und den Au­tor zu ei­nem Be­such in Augs­burg ein­lud (tat­säch­lich be­such­te Bern­hard Augs­burg). Un­seld schick­te ihm ein Ex­em­plar des Stückes (da­mit Sie Ge­le­gen­heit ha­ben, die­se Äu­ße­run­gen im Kon­text des Gan­zen ken­nen­zu­ler­nen) und war ger­ne be­reit, zwei Kar­ten für Sie re­ser­vie­ren zu las­sen. Die­ser Brief ist ein Mei­ster­stück und lie­fert ne­ben­bei ei­ne un­prä­ten­ti­ös-ver­spiel­te Auf­fas­sung über das, was Thea­ter ist und die Au­to­no­mie der Fi­gu­ren in ei­nem Thea­ter­stück, ge­treu Un­selds De­vi­se, er be­trei­be Spie­le meist sehr ernst…während ich die ern­ste­ren Din­ge eher ver­su­che, spie­le­risch zu lö­sen. Dem­nach be­steht ein Thea­ter­stück aus Kon­flik­ten und Kon­tro­ver­sen, Wi­der­sprü­chen und Dia­lo­gen und ei­nen Mo­ment ist der Le­ser ge­neigt, die­sen Brief­wech­sel hier für ein wei­te­res, gro­ßes, post­hum auf­ge­führ­tes Thea­ter­stück von Tho­mas Bern­hard zu hal­ten mit dem ein­zi­gen Un­ter­schied, dass es kein Mo­no­log son­dern ein Dia­log wä­re.

Dies wür­de je­doch die­sem Buch nicht ge­recht und wä­re ei­ne un­zu­läs­si­ge Ver­ein­fa­chung. Da­für geht es zu oft um Al­les. Der Le­ser durch­läuft in kom­pri­mier­ter Form ei­ne Zeit- und Werk­rei­se durch das Tho­mas-Bern­hard-Land, wird en pas­sant Zaun­gast ei­ner ein­zig­ar­ti­gen Ver­lags­ge­schich­te und er­hält An­schau­ungs­un­ter­richt über die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form des Brie­fes (der mit der »E-Mail« heu­ti­ger Ta­ge so­viel ge­mein hat wie selbst­ge­mach­ter Ein­topf mit ei­ner Tü­ten­sup­pe). Zu­ge­ge­ben: Man kann sich an herr­li­chen Bon­mots de­lek­tie­ren. Da at­te­stiert Bern­hard Un­seld ei­ne agro­no­mi­sche Schläue, wäh­rend Un­seld be­schei­nigt, dass Bern­hard ihm den ge­schick­te­sten und raf­fi­nier­te­sten Brief ge­schrie­ben ha­be, den mir je­mals ein Au­tor zu­ge­sandt hat. Ein­mal »for­dert« Bern­hard in fast ty­pi­scher Ma­nier schrei­ben Sie mir bit­te wie­der »herz­lich« und nicht »mit freund­li­chen Grü­ssen«, die ich zu­tiefst ver­ab­scheue. Ein an­der­mal be­klagt er sich über die ge­schick­te Tak­tik Un­selds auf In­vek­ti­ven ein­fach mit de­ren Nicht­be­ach­tung zu re­agie­ren: Ih­re Brie­fe sind char­mant und zum ver­zwei­feln.

Buh­len um die Freund­schaft

Früh fragt sich Un­seld, was künf­ti­ge Adep­ten des Stu­di­ums von Li­te­ra­tur- und Ver­lags­ge­sich­te bei der Lek­tü­re un­se­res Brief­wech­sels sa­gen wer­den, wohl wis­send, dass Bern­hard die­sem »Se­zier­tum in den Ope­ra­ti­ons­sä­len der Li­te­ra­tur« (Zi­tat aus ei­nem Se­mi­nar 1966) nur Ver­ach­tung ent­ge­gen­brach­te. Bern­hards Ge­müts­zu­stand schwankt und er neigt ge­le­gent­lich durch­aus zur philosophisch-melancholische[n] Stim­mung, was auch auf sei­ne fast per­ma­nent an­ge­grif­fe­ne Ge­sund­heit zu­rück­ge­führt wer­den muss. Et­wa, wenn ihn ei­ne merk­wür­di­ge De­pri­ma­ti­on über­kommt und no­tiert: Die Wut und die Bru­ta­li­tät ge­gen al­les kann durch­aus von ei­ner Stun­de auf die an­de­re in al­le Ge­gen­tei­le um­schla­gen.. Ge­ra­de die­se vom all­täg­li­chen »Ge­schäft« los­ge­lö­sten Brie­fe zei­gen ei­nen an­de­ren, su­chen­den Bern­hard, der in die­sen Au­gen­blicken die sonst so sorg­sam an­ge­leg­te Rü­stung des Pol­te­rers und Schimpf­a­kro­ba­ten ab­ge­legt hat. So be­hält Tho­mas Bern­hard ei­ne ge­wis­se Un­durch­dring­lich­keit. Ur­tei­le sind nicht zu tref­fen, und wenn, dann sind sie höch­stens vor­läu­fig. Man be­ginnt, die­sen Dich­ter zu ver­mis­sen, ob­wohl, nein: weil er nicht ei­ner die­ser uns in­zwi­schen über­schwem­men­den Zy­ni­ker war. Bern­hard war ein Mo­ra­list und da­bei, wie Un­seld ein­mal in Be­zug auf Bern­hards Vor­wür­fe dem Ver­lag ge­gen­über schrieb, un­ge­recht [und] un­fair.

Aber noch ein an­de­rer, zu­nächst ver­bor­ge­ner As­pekt schim­mert im­mer mehr her­vor und hebt das Buch deut­lich über den Sta­tus ei­ner mo­nu­men­ta­len Thea­ter­in­sze­nie­rung hin­aus. Da buhlt je­mand nicht nur aus öko­no­mi­schen Grün­den um die »Pro­duk­te« ei­nes her­aus­ra­gen­den Schrift­stel­lers. Da sucht je­mand vor al­lem ei­ne Freund­schaft, die der an­de­re nicht in der La­ge ist zu ge­ben, weil er die Funk­ti­on im­mer mit der Per­son ver­knüpft. Schüch­ter­ne Lie­ber Tho­mas-An­re­den wer­den nicht er­wi­dert; bei­den blei­ben beim »Sie«. Fort­lau­fend sucht Un­seld nach Be­geg­nun­gen mit Tho­mas Bern­hard nach In­di­zi­en, wie die­ser zu ihm steht. Er möch­te die­sen Mann sei­nen Freund nen­nen dür­fen; zur Not macht er es sel­ber um die Re­ak­ti­on zu te­sten. Die­se bleibt meist aus oder fällt eher mit grob-hei­te­rem Ge­stus aus: Ich le­ge schon so lan­ge mei­ne lin­ke (mit der rech­ten schrei­be ich) Hand für Sie ins Feu­er, dass sie ei­gent­lich schon längst ver­brannt sein müss­te. Un­seld sucht mehr als nur Loya­li­tät, aber da er den Ver­le­ger nie »ab­zu­schüt­teln« ver­moch­te, blieb bei Bern­hard ei­ne Di­stanz. Un­seld ahnt dies und traut den leich­ten Un­ter­tö­nen der Freund­schaft nur be­dingt, ord­net sie der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on zu und schreibt im Ju­li 1981 in ei­nem in­ter­nen Be­richt fast ein biss­chen re­si­gna­tiv: Je­de Zei­le, die Bern­hard ge­schrie­ben hat, steht ihm nä­her als die Be­zie­hung zu mir.

Un­selds Nach­ruf auf Bern­hard ist ein Aus­weis von Be­wun­de­rung und sehr pa­the­tisch (er nennt ihn ei­nen »lie­bens­wür­di­gen Men­schen«). Am En­de no­tiert er von ei­nem Te­le­fo­nat mit Dr. Pe­ter Jo­han­nes Fabjan, Bern­hards Bru­der. Und da ist dann die­ser Stolz bei Un­seld, als die­ser ihm von der letz­ten Nacht mit Bern­hard be­rich­tet, in der die­ser ge­re­det und ge­re­det ha­be und auch wie­der über die Be­zie­hung zu mir; er sei glück­lich ge­we­sen, dass die­se Be­zie­hung sich so er­füllt ha­be, und glück­lich wür­de er ster­ben. Und viel­leicht war Tho­mas Bern­hard tat­säch­lich nur ein­mal in sei­nem Le­ben glück­lich – im Rück­blick auf sein Le­ben und das, was er er­reicht hat. Und hier­an hat Sieg­fried Un­seld den größ­ten An­teil.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

4 Kommentare zu »Tho­mas Bern­hard – Sieg­fried Un­seld: Der Brief­wech­sel (Hrsg.: Rai­mund Fel­lin­ger, Mar­tin Hu­ber und Ju­lia Ket­te­rer)«:

  1. en-passant sagt:

    Gran­di­os und gro­tesk, zart­füh­lend, in­tel­li­gent und mo­no­man – und tat­säch­lich in Vie­lem ein Stück Zeit-/Gei­stes­ge­schich­te oh­ne die da­bei oft ni­vel­lie­ren­de Sy­ste­ma­tik. Und wie un­ter­halt­sam im al­ler­be­sten Sin­ne! (Und aus Ra­dio­sen­dun­gen ken­ne ich auch lan­ge Aus­zü­ge aus dem Hör­buch und emp­fin­de es eben­so, dass da mit­tels der Spre­cher et­was sehr ge­lun­gen ist.)

    Bei den Wech­sel­fäl­len von ei­nem Buh­len um den an­de­ren und ei­nem re­gel­rech­ten Kampf mit­ein­an­der war ich oft un­si­cher. Ich mei­ne aber auch, dass die he­roi­sche Ein­sam­keit Bern­hardts schon früh an­klang („Ich ge­he den Al­lein­gang“) und Un­seld ge­nug von der Hei­kel­heit der Au­toren­see­le wuss­te, um sel­ber kla­via­turs­mä­ßig dar­auf zu spie­len. Ich ha­be es fast so emp­fun­den, dass das spä­ter zu­neh­mend Tak­tie­re­risch-Stra­te­gi­sche sei­nes Ver­hal­tens spä­ter oft ei­ne Art sub­ti­le Ra­che an der fast kind­li­chen Frech­heit Bern­hardts war. Zu­gleich hat er ihn als Aus­nah­me­erschei­nung der Li­te­ra­tur aber sehr ge­schätzt und war so in ei­ne Art dou­b­le­bind ge­ra­ten. Dass das in al­lem dann tat­säch­lich mehr als ei­ne Be­rufs­be­zie­hung war, spürt man im­mer wie­der. Und das, und die bei­den Cha­rak­te­re ma­chen wohl das Ge­lun­ge­ne ei­nes sol­chen Ver­hält­nis­ses aus, dass es sel­ber ex­trem le­sens­wert wird.

    Seit der „Macht der Ge­wohn­heit“ ha­be ich Bern­hardt auch ge­spal­ten wahr­ge­nom­men: Als den Au­toren sol­cher Bü­cher wie Am­ras und Frost... und dann als ei­ne Art als Clowns­fi­gur, ein ver­zo­ge­nes, ge­nia­li­sches Kind, das sei­ne Krän­kun­gen und al­le Trau­er auch an al­le zu­rück­zu­ge­ben ver­sucht.

    Aber am Wich­tig­sten an dem Buch: es ist be­ste Un­ter­hal­tung, die ei­nen viel­sei­tig an­spricht und be­wegt. Wer­de ich si­cher noch ein paar Mal le­sen, weil es so ver­gnüg­lich ist!

     

    #1

  2. Ja, mit dem »spä­ten« Bern­hard ha­be ich ja auch so mei­ne Pro­ble­me. Die Stücke am Fließ­band und die doch red­un­dan­te Pro­sa (au­ßer »Witt­gen­steins Nef­fe«; ei­nes der schön­sten Bern­hard-Bü­cher). Aber es gibt eben auch wun­der­ba­re Stücke, wie z. B. »Der Thea­ter­ma­cher«: ei­nes der we­ni­gen ge­lun­gen deutsch­spra­chi­gen Thea­ter­ko­mö­di­en ist.

    Und Un­seld war ja mehr als nur ein Ver­le­ger. Je­der kom­mer­zi­ell ori­en­tier­te Ge­schäfts­mann wür­de sich we­der der­art be­han­deln las­sen noch zins­lo­se Dar­le­hen am An­fang ei­ner Kar­rie­re ge­ben. Da­her ist man die­sem Mann so dank­bar (man kennt ja sei­ne Ge­duld auch bei den »Schreib­ver­wei­ge­rern« wie John­son und Ko­ep­pen).

    #2

  3. Jetzt hast Du mich tat­säch­lich neu­gie­rig ge­macht, denn nor­ma­ler Wei­se schla­ge ich ei­nen Bo­gen um sol­che Samm­lun­gen.

    Und: Ich fin­de der Text ist sehr rund ge­wor­den, run­der als sonst.

    #3

  4. er war (nebst hand­ke) ei­ner mei­ner ‘an­re­ger’. ‘ver­stö­rung’ (auch von hand­ke be­gei­stert ‘nach­er­zählt’) war mei­ne ‘fürst­li­che gruft’. spä­ter dann ‘witt­gen­steins nef­fe’ so­zu­sa­gen die apo­theo­se öster­rei­chi­scher ‘psych­ia­trie­kunst’. – un­seld hat­te w i r k l i ch ner­ven! gre­gor keu­sch­nig, Ih­re ar­beit und Ih­re re­gel­mä­ßi­gen brie­fe sind per­len im netz! —

    #4