Lutz Sei­ler: Die Zeit­waa­ge

Lutz Seiler: Die Zeitwaage

Lutz Sei­ler: Die Zeit­waa­ge

»Turk­sib« in ziem­li­cher Ein­mü­tig­keit den In­ge­borg-Bach­mann-Preis zu­ge­spro­chen be­kam. Auch wenn man viel­leicht ei­nen an­de­ren »Lieb­lings­text« im Wett­be­werb hat­te – die Qua­li­tät die­ser Pro­sa war ein­deu­tig und tat­säch­lich her­aus­ra­gend. Und noch heu­te er­in­nert man sich an die­sen schau­rig-zärt­li­che Lo­re­ley-Ge­sang des rus­si­schen (?) Hei­zers auf den rüt­teln­den Turk­sib-Gän­gen. Viel­leicht ist die­ser Fisch­ge­sang, der sich zwi­schen Er­zäh­ler und Hei­zer für ei­ne schwer durch­at­me­te Dau­er er­eig­ne­te, der Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt die­ser Er­zäh­lung, die an­son­sten fast nur aus der Be­wäl­ti­gung des Ich-Er­zäh­lers der Strecke vom Zu­gen­de zum Zug­an­fang (oder ist es um­ge­kehrt?) und der Be­schau ei­nes Gei­ger­zäh­lers (und vor al­lem dem Ge­räusch!) zu be­stehen scheint. Aber – und dies wird noch Ge­gen­stand der Er­ör­te­rung sein – es ist nicht im­mer ganz leicht, den Mo­vens der Er­zäh­lun­gen von Lutz Sei­ler »her­aus­zu­ar­bei­ten«, was al­ler­dings die Lek­tü­re zu­sätz­lich reiz­voll macht.

Der vor­lie­gen­de Band mit dem schö­nen, al­le­go­ri­schen Ti­tel »Die Zeit­waa­ge« (ei­ne Zeit­waa­ge ist ein In­stru­ment zur Fest­stel­lung der Gang­ge­nau­ig­keit ei­ner Uhr) um­fasst drei­zehn Er­zäh­lun­gen (die Ti­tel­ge­schich­te fin­det sich am En­de des Bu­ches). Sie wei­sen for­mal kein ein­heit­li­ches Sche­ma auf. Häu­fig gibt es ei­nen Ich-Er­zäh­ler, der bis­wei­len durch­aus (bio­gra­fi­sche) Par­al­le­len mit dem Au­tor sug­ge­riert (aber manch­mal wird die­ses über­eif­ri­ge Ger­ma­ni­sten­su­chen auch auf per­fi­de Art plötz­lich, in­ner­halb der Er­zäh­lung, ge­bro­chen) und so­gar, ein­mal (in der Er­zäh­lung »Gav­ro­che«), wer­den Er­zäh­ler und Er­zäh­lung sel­ber Ge­gen­stand der Er­zäh­lung. Und in ei­ni­gen Ge­schich­ten gibt es ab­wei­chend ei­nen aukt­oria­len Er­zäh­ler.

Bis auf die er­sten bei­den Ge­schich­ten (»Frank« und »Im Ge­räusch«), die durch die Prot­ago­ni­sten mit­ein­an­der ver­bun­den sind (sie sind auf Ur­laub in den USA), »Turk­sib« und die »Zeit­waa­ge« (Ber­lin) kann man als Ort Sei­lers Hei­mat Thü­rin­gen aus­ma­chen. Und ob­wohl die Ge­schich­ten in der ehe­ma­li­gen DDR min­de­stens ver­wur­zelt sind, die Prot­ago­ni­sten ih­re So­zia­li­sa­ti­on dort er­fah­ren ha­ben (zu al­ler­dings durch­aus un­ter­schied­li­chen Zei­ten) und es durch­aus An­spie­lun­gen auf Skur­ri­li­tä­ten und Ab­son­der­lich­kei­ten des Sy­stems gibt (die­se meist eher mit leich­ter Hand ge­zeich­net), ist die »Zeit­waa­ge« kein »DDR-Buch«, schon gar kein Be­wäl­ti­gungs­buch. Die Ver­stö­run­gen und Ver­let­zun­gen der Fi­gu­ren sind auf ei­ne fast be­tö­ren­de Art Zeug­nis ei­nes aus-der-Welt-ge­fal­len-Seins und be­sit­zen ei­nen merk­wür­dig ho­hen Grad an Uni­ver­sa­li­tät (die al­ler­dings in kei­nem Fall mit Be­lie­big­keit ver­wech­selt wer­den darf).

Wen­de­punk­te des Le­bens

Ge­mein­sam ist den Ge­schich­ten, dass nicht nur ein be­stimm­tes Er­eig­nis im Le­ben ei­ner Per­son von ihr bzw., sel­te­ner, dem all­wis­sen­den Er­zäh­ler, nicht nur er­in­nert oder re­flek­tiert, son­dern im Er­zäh­len wie­der­be­lebt wird. Ein Er­eig­nis, dass rück­blickend das Le­ben ent­schei­dend ge­prägt hat und es bis heu­te noch be­stimmt (und wenn auch nur als un­ver­stan­de­ne, auch nach all’ der Zeit noch ver­stö­ren­de Be­ge­ben­heit). Die­ser Mo­ment der Pe­ri­pe­tie, der im­mer über­ra­schend ein­tritt, bil­det den tat­säch­li­chen Kern der Er­zäh­lun­gen.

Wo­bei die Ein­brin­gung die­ses Mo­tivs in den ein­zel­nen Er­zäh­lun­gen durch­aus va­ri­iert. »Das letz­te Mal« be­ginnt da­mit: Es war am 20. No­vem­ber 1976, ich war drei­zehn Jah­re alt und hat­te mei­nen Va­ter das er­ste Mal im Schach be­siegt. Es war das letz­te Mal, daß wir mit­ein­an­der spiel­ten. Die Er­zäh­lung mä­an­dert dann vom Tri­umph­ge­fühl die­ses Sie­ges über den Ort des Ge­sche­hens (ei­ne Klein­gar­ten­an­la­ge in ei­ner et­was her­un­ter­ge­kom­me­nen Ge­gend zwi­schen Zeitz und Meu­sel­witz) und die Wohn­ver­hält­nis­se der Fa­mi­lie (man ist mit Aus­hub­ar­bei­ten be­schäf­tigt) und kommt im­mer wie­der zu­rück auf die Fas­zi­na­ti­on des Schach­spiels (wie frisch lackiert glänz­ten die Stei­ne). An­hand der gro­ßen Stab­ta­schen­lam­pe, mit der Va­ter und Sohn abends nach der Ar­beit beim Spiel zu­sam­men­sit­zen, wird die Ge­schich­te des »Er­werbs« der Klein­gar­ten­an­la­ge as­so­zi­iert (ei­ne klei­ne Bur­les­ke um den Ver­such, durch wohl­fei­les Ver­hal­ten sei­nen Platz auf der Zu­tei­lungs­li­ste zu ver­bes­sern). Und am En­de schließt sich dann wie­der so schön der Kreis, wenn es heißt Nie hat­te ich mich ernst­haft ge­fragt: War­um ei­gent­lich, war­um war das un­ser letz­tes Spiel ge­we­sen? In all den Näch­ten, die wir noch ne­ben­ein­an­der auf un­se­ren Prit­schen zubrachten…blieben das Steck­schach und auch die Schach­fi­bel ver­schwun­den. Wir spra­chen nie wie­der über Schach, ich for­der­te kein neu­es Spiel, nie, und mein Va­ter kei­ne Re­van­che – fast war es so, als hät­ten wir nie­mals ge­spielt, als hät­te es all die Jah­re mei­ner Nie­der­la­gen und sei­ner Sie­ge nicht ge­ge­ben.

In »Der Stot­te­rer« er­wächst das Mo­tiv erst im Lau­fe der Er­zäh­lung. Zu­nächst wird ei­ne Art Ga­ra­gen­me­cha­ni­ker­idyl­le auf­ge­baut, in der der Ich-Er­zäh­ler und ein »Stot­te­rer« Ge­nann­ter die Nach­mit­ta­ge und gan­ze Sonn­ta­ge (Ga­ra­gen­sonn­ta­ge) ne­ben­ein­an­der ver­brach­ten. Der Stot­te­rer, der, wie ich es emp­fand, end­gül­tig aus der Ge­mein­schaft ge­fal­len war, ein ehe­ma­li­ger Mau­rer (wie ge­mun­kelt wur­de), war ein Mann, der of­fen­sicht­lich am lieb­sten al­lein war und ba­stel­te in ei­nem fort an sei­nem »Sa­po­ro­s­hez« (der Ich-Er­zäh­ler, jün­ger als der Stot­te­rer, am »Shi­gu­li« sei­nes Va­ters). Schön, wie es Sei­ler ge­lingt, die­se Stim­mung in der Ga­ra­ge mit we­ni­gen Stri­chen zu ver­dich­ten und da­bei die Li­ta­nei des Stot­te­rers wäh­rend des Ar­bei­tens wie ei­nen epi­schen Ge­sang wie­der­be­lebt. Die­ses ge­trenn­te, und doch ir­gend­wie zu­sam­men­ge­hö­ri­ge Wer­ken der bei­den Prot­ago­ni­sten. Und ob­wohl ab und zu der Stot­te­rer aus de[n] Au­gen­win­keln die Ar­beit des An­de­ren ver­folg­te und prüf­te und Hand­grif­fe…, Hal­tung, wie ich mit dem Werk­zeug um­ging be­ob­ach­te­te: Es war ein an­däch­ti­ges Tä­tig­sein – und so­fort ent­steht der Wunsch beim Le­sen: Soll­te so nicht un­ser al­ler Ar­beit sein?

Tanz der Wan­de­rer

Und just in die­sem Mo­ment macht die Er­zäh­lung ei­nen Schwenk – hin zu ih­rem ge­hei­men Zen­trum. Plötz­lich ist der Er­zäh­ler auf dem Weg nach Hau­se, auf ei­nem klei­nen Berg, es dun­kelt be­reits und vor ihm der Stot­te­rer und dann ei­ne gar nicht so un­be­kann­te Si­tua­ti­on: Fast war ich auf sei­ner Hö­he, zö­ger­te aber noch, ihn zu über­ho­len; ich wuß­te, daß ich dann nicht um­hin­kom­men wür­de, ihn zu grü­ßen, nach­dem wir den hal­ben Nach­mit­tag stumm ne­ben­ein­an­der ge­ar­bei­tet hat­ten, je­der vor sei­ner Ga­ra­ge. Was tun?

Wo­mög­lich wür­de er sei­ne Schrit­te be­schleu­ni­gen, um sich für den Rest des We­ges anzuschließen…Nein, un­vor­stell­bar, das wür­de si­cher nicht ge­sche­hen, über­leg­te ich, aber we­nig­stens war es nö­tig im Vor­über­ge­hen ein Wort zu wech­seln, zu­min­dest ei­nen Gruß, um die Pein­lich­keit, in die uns mein Über­hol­ma­nö­ver un­wei­ger­lich brin­gen muss­te, zu über­brücken. Im näch­sten Mo­ment wur­de mir klar, daß ge­ra­de das un­mög­lich war… […] Rat­los war ich hin­ter ihm ge­blie­ben, in sei­nem Rücken, auf sei­nen Fer­sen. Ich hat­te den Rauch sei­ner Zi­ga­ret­te ein­ge­at­met, mich um­fing ein Ge­ruch von Ta­bak, Schweiß und Ver­las­sen­heit – ich at­me­te, ich füll­te mei­ne Lun­gen, und ein selt­sam woh­li­ges Ge­fühl kehr­te ein.

Lässt er sich beim er­sten Mal noch mit­zie­hen von die­sem Ge­hen, so wird von nun an wird die­ser Tanz auf dem Nach­hau­se­weg zum fe­sten Ri­tu­al. Des Er­zäh­lers Wahr­neh­mung fo­kus­siert sich auf des Stot­te­rers Gang, dem Hal­ten der Zi­ga­ret­te, die Wol­ken­bil­dung des Zi­ga­ret­ten­rauchs (wil­lig in­ha­liert er ihn ein und wen­det sich da­zu je nach Wind­rich­tung). Der frisch aus­ge­sto­sse­ne Dunst sei­nes Atems schlägt ihm manch­mal di­rekt ins Ge­sicht. Er ist voll­kom­men si­cher un­ent­deckt ge­blie­ben zu sein, ob­wohl er ihm manch­mal sehr nah kommt (ich hät­te mei­ne Wan­ge auf sei­ne Wild­le­der­schul­ter le­gen kön­nen) und wenn er ste­hen blieb blieb auch ich ste­hen. Und ein­mal hat­te sich der Stot­te­rer ur­plötz­lich um­ge­wandt und fast kind­lich die Re­ak­ti­on, in dem der An­de­re sich gei­stes­ge­gen­wär­tig um­dreh­te und schnell ein paar Schrit­te in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung mach­te. Je­de Be­we­gung des Vor­ge­hen­den wird auf­ge­so­gen ge­fes­selt folgt man der Er­zäh­lung die­ses schein­bar so un­spek­ta­ku­lä­ren Er­eig­nis­ses.

In­zwi­schen war ich mir si­cher, daß mei­ne An­häng­lich­keit ei­ner ver­häng­nis­vol­len Sucht ent­sprang, die bei die­ser Ge­le­gen­heit erst­mals zu­ta­ge ge­tre­ten war. Die­se Sucht, so der Ich-Er­zäh­ler, be­wei­se, dass er nun er­wach­sen wer­de. Sie war das Zei­chen ei­ner neu­en Rei­fe. Auf mei­nem Weg von der Ga­ra­ge nach Hau­se ent­fern­te ich mich auf un­um­kehr­ba­re Wei­se von dem, was mein bis­he­ri­ges Le­ben aus­ge­macht hat­te. […] Im Rücken des Stot­te­rers hat­te ich den gu­ten, bit­te­ren Vor­ge­schmack ei­ner künf­ti­gen Zeit auf der Zun­ge. Und in dem Ge­wölk aus blaug­län­zen­den Luft­mo­le­kü­len, in de­ren Ob­hut ich mich be­ge­ben hat­te, os­zil­lier­ten win­zi­ge Mo­men­te von Ver­hei­ßung. Er wur­de durch das Schau­en zum Er­wach­se­nen, zum »Mann«.

Aber die­ser Pro­zess der Selbst­kon­sti­tu­ie­rung durch den An­de­ren, der so fremd und doch so ver­traut ist, dau­ert nur kurz. Das En­de der Er­zäh­lung stellt den Stot­te­rer wie­der in den Fo­kus (soll hier aber nicht ver­ra­ten wer­den). Der Le­ser kann da­nach nicht ab­las­sen von die­sem selt­sa­men Paar und die Bil­der ver­fol­gen, nein: be­glei­ten ihn noch lan­ge Zeit und nie wie­der wird man an ei­nen Wan­de­rer ein­fach vor­über­ge­hen, oh­ne an die­se Ge­schich­te zu den­ken.

Über­haupt: Wie nach­hal­lend, manch­mal auch sug­ge­stiv die­se Ge­schich­ten und die Prot­ago­ni­sten doch sind. Da ist die jun­ge, hoch­ta­len­tier­te Tur­nier­schach­spie­le­rin »Gav­ro­che«, die für meh­re­re Jah­re zur Freun­din des Er­zäh­lers wird. Auch hier wie­der ein Ge­heim­nis: Bei al­ler In­ti­mi­tät sagt er ihr nicht, dass er das Schach­spiel sehr wohl spie­len kann; er si­mu­liert den Kennt­nis­lo­sen (die Schach­lü­ge). Und wie er­grei­fend (und bei­na­he selbst­quä­le­risch) dann die Er­zäh­lung en­det, als er ihr dies wei­te­re Jah­re nach ei­nem flüch­ti­gen Kon­takt beim Jahr­gangs­tref­fen der Uni end­lich mit­tei­len und ei­ne neue Welt der Ver­traut­heit mit der ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten be­grün­den möch­te (und aber­mals schweigt der Le­ser über den wei­te­ren Fort­gang).

Die ephe­me­re Un­schuld der Ka­sta­nie

Oder die Kind­heits­ge­schich­te vom »he­roi­schen« Ka­pu­zen­kuss als das »of­fi­zi­el­le« Kuss­spiel auf dem Pau­sen­hof schon be­en­det war. Ne­ben­bei ei­ne ganz an­de­re In­ter­nats- und dann so­gar Kri­mi­nal­ge­schich­te mit zwei Haus­mei­stern (Obe­rer und Un­te­rer). Ei­ne Welt in der es Stoff­turn­beu­tel gibt, ei­ne »Schäl­lerel­li«, Mit­tags­schlaf im Klas­sen­raum (am En­de die rüh­ren­de Sze­ne als die an­ge­him­mel­te, ka­pu­zen­ge­küß­te Hei­ke den Kopf des Er­zäh­lers strei­chelt – aber in Wirk­lich­keit nur die Nar­ben von sei­nem Um­fall er­ta­stet), drei Ver­stecke und will­kür­li­che Ran­zen­kon­trol­len (die Angst um die Fuß­ball­bil­der!). Und aber­mals wird die At­mo­sphä­re (hier der 1970er Jah­re in der DDR) so stark er­zeugt, dass man den be­täu­ben­den Dunst des Ga­ra­gen­ver­stecks förm­lich se­hen kann.

Oder Frank und Te­re­sa mit ih­rem (?) Kind Lu­zie auf ei­ner Rei­se durch die USA und Lu­zie ver­schwin­det ei­nes Ta­ges auf ei­nem Jahr­markt in ei­ner rie­sen­gro­ßen, ma­schi­nell er­zeug­ten Sei­fen­bla­se – Me­ta­pher für die Ehe oder Be­zie­hung der bei­den, die Frank durch ei­nen im­mer in der An­re­de stocken­den, nie ge­schrie­be­nen Brief noch er­ret­ten möch­te (es bleibt ver­geb­lich: »Zu spät« […] »Ich weiß«).

In ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung ist von der »Jagd« die Re­de und Knüp­peln, die in die Bäu­me ge­schleu­dert wer­den, die so­ge­nann­te »Ka­sta­ni­en­jagd«, die auch der Prot­ago­nist Ser­kin (wäh­rend der Dau­er der Er­zäh­lung den Am­seln im Wald lau­schend) be­trieb und es dürf­te si­cher sein, dass die­se noch nie so er­zählt wur­de: Ser­kin dach­te dar­an, wel­chen Ge­nuß ihm al­lei­ne das Ge­räusch be­rei­tet hat­te, wenn der krei­seln­de Knüp­pel im Ge­äst der Ka­sta­nie schnitt. Dann das ge­dämpf­te Pras­seln, der war­me Re­gen, das Ge­hüpf der brau­en Per­len auf den Pfla­ster der Rei­mann­stra­sse. Ein zu­nächst sinn­li­cher, dann so­gar ero­ti­scher Vor­gang, der bei der Be­trach­tung und Be­hand­lung der Früch­te ein­setzt:

Oft war die Scha­le an ei­ner Stel­le auf­ge­platzt und in dem feuch­ten Spalt ein fri­sches, braun­glän­zen­des Au­ge sicht­bar ge­wor­den, das ihm aus sei­ner Un­be­rührt­heit ent­ge­gen­sah. Wie ein blei­ches Au­gen­lid lag noch et­was In­nen­haut über der Frucht. Am Spalt setz­te er die Dau­men an und drück­te die bei­den mit Sta­cheln be­setz­ten Hälf­ten der Scha­le aus­ein­an­der. Lang­sam, be­hut­sam. Er hat­te gut dar­auf zu ach­ten, daß das blan­ke Au­ge nicht plötz­lich her­vor­spritz­te und in den Dreck fiel. Denn es ging um ge­nau die­sen Mo­ment, in dem er der er­ste war, der die sei­dig­feuch­te, fast et­was fet­ti­ge Frucht emp­fing, sie zwi­schen sei­nen Fin­gern glei­ten ließ, zum Hand­tel­ler hin, sie schließ­lich fest um­schloß und press­te: Es ging um die­se tie­fe Be­frie­di­gung im In­ne­ren der Faust, ein Ge­fühl, das ihn mit dem Zen­trum sei­ner Lust ver­band. Und ab und zu, wenn es ganz be­stimmt nie­mand se­hen konn­te, steck­te er sich ei­ne der brau­nen Au­gen­per­len in den Mund und schmeck­te ih­re kaum wahr­nehm­ba­re Sü­ße – das Gan­ze dau­er­te nur Se­kun­den, dann war die Ka­sta­nie ver­braucht, dann war ih­re Un­schuld ver­dampft.

Die­ses Er­le­ben wird nun ei­nes Ta­ges ge­stört, als ne­ben den Ka­sta­ni­en auch ei­ne Am­sel vom Knüp­pel ge­trof­fen auf dem Bo­den lan­det. Ihr Kör­per lag auf der Sei­te, wie um­ge­kippt. Ser­kin ist ver­stört; es dau­ert, bis er sich ent­schließt die Am­sel auf­zu­neh­men (der Vo­gel schrie) und ihn un­ter dem Ano­rak nach Hau­se zu brin­gen. Und jetzt die Über­le­gun­gen des of­fen­sicht­lich ju­gend­li­chen Prot­ago­ni­sten, dass sei­ne El­tern ihm Tie­re ver­bo­ten hat­ten, der Ge­dan­ke an die Mög­lich­kei­ten, dem Tier zu hel­fen, die Furcht vor des­sen Tod – in Wirk­lich­keit: die Ab­hän­gig­keit von un­ver­hoff­ten Er­eig­nis­sen, die das Le­ben durch­ein­an­der­brin­gen und ur­plötz­lich Ver­ant­wor­tung ein­for­dern. End­lich kommt er zu Hau­se an und legt den kran­ken Vo­gel in den Elek­tro­schrank. Und stolz flü­ster­te er ihm et­was zu wie: »War­te nur kurz, ganz kurz…«. Auch hier soll das – ku­rio­se – En­de nicht ver­ra­ten wer­den (wel­ches den et­was hol­pe­rig an­mu­ten­den Ti­tel der Er­zäh­lung, »Die Schul­d­am­sel«, erst ver­ständ­lich macht und dann noch al­le­go­risch ge­le­sen wer­den kann).

Ver­geb­li­che Su­chen

Und in der »Zeit­waa­ge«, der my­ste­riö­se­sten und rät­sel­haf­te­sten Ge­schich­te des Bu­ches, wird ein nicht nä­her be­schrie­be­ner Ich-Er­zäh­ler nach Ber­lin ein­ge­la­den, um sich von sei­nem Lie­bes­kum­mer ab­zu­len­ken. Er re­det mit den Freun­den, die ihn ein­ge­la­den hat­ten, streift al­lei­ne durch die Stadt, sucht sich nach ei­ni­ger Zeit ei­ne Woh­nung und fin­det ei­ne, in der noch Klin­gel­schild und Ein­rich­tung des Vor­mie­ters prä­sent sind (es sind die Wen­de­jah­re, in der ei­ni­ge Woh­nun­gen, bei­spiels­wei­se von Ungarnflüchtlinge[n], leer ste­hen). Da­bei wirkt er selt­sam phleg­ma­tisch, und selbst die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung er­scheint in An­be­tracht des fast apho­ri­sti­schen Sat­zes Ei­ne Wei­le such­te ich nach mei­ner Ver­zweif­lung, fand aber nichts noch Un­der­state­ment. Er be­kommt ei­ne An­stel­lung »in der Ga­stro­no­mie« und be­dient in Knei­pen wie z. B. der »As­sel«.

Im­mer wie­der wird die­ser ru­hi­ge Er­zähl­strom durch kur­ze Sze­nen aus ei­ner Uhr­ma­che­rei oder Werk­statt un­ter­bro­chen, die sich zu­nächst nicht in den Haupt­strang ein­ord­nen las­sen. Ei­nes Ta­ges, an ei­nem Frei­tag im Au­gust, be­tritt ein Ar­bei­ter, der mit Gleis­ar­bei­ten an der Stra­ßen­bahn be­schäf­tigt ist, die (ei­gent­lich ge­schlos­se­ne) »As­sel« (ein biss­chen ver­un­glückt hier die Be­schrei­bung des Ein­tritts: als gin­ge er über Was­ser) und be­stellt wie selbst­ver­ständ­lich ein Früh­stück und ei­nen Wein­brand. Dies wie­der­holt sich und der Ich-Er­zäh­ler ist fas­zi­niert von der Au­ra die­ses Man­nes und der heilige[n] Sphä­re der Ar­bei­ter­schaft, die er für ihn tat­säch­lich phy­sisch ver­kör­pert. Aber am 31. Au­gust ist es zu En­de; er mach­te das letz­te Früh­stück für ihn (die Zahl der Wein­brän­de hat­te sich er­höht). In sur­re­al-ex­pres­sio­ni­sti­schen Bil­dern wird nun der Strom­schlag, dem der Ar­bei­ter zum Op­fer fällt, er­zählt; der Er­zäh­ler zi­tiert hier aus sei­nen fast re­por­ta­ge­haf­ten No­ti­zen. Und dann war da die­se Uhr des Man­nes – er nimmt sie als Be­zah­lung für die vie­len Früh­stücke und lässt sie nun her­rich­ten. Und plötz­lich schließt sich der Kreis zu der Werk­statt und der Le­ser steht mit sei­nen As­so­zia­tio­nen zu­nächst ein­mal al­lei­ne da, als er im ab­schlie­ßen­den Bild den Ich-Er­zäh­ler auf ei­ne Rui­ne mit Ein­schuss­lö­chern zu­ge­hen sieht.

Und im­mer wie­der die­se Ge­räu­sche, die Mu­sik der Er­zäh­lun­gen. Das Klop­fen des Mö­wen­vo­gels in »Frank«; das sich rhyth­misch wie­der­ho­len­de Ge­räusch, ei­ne Art Jau­len im Ver­steck des In­ter­nat­schü­lers in »Der Ka­pu­zen­kuß«; das Am­sel­sin­gen in »Die Schul­d­am­sel« als Kon­trast zum Pras­seln der Ka­sta­ni­en und dem ver­letz­ten Vo­gel; die sin­gen­den Hie­be mit der Sä­ge bei ei­nem Halb­star­ken-Über­fall aus »Und jetzt er­schie­ßen wir dich, du al­ter Mann« und dann der kur­ze Au­gen­blick der Stil­le; das Knarr- und Quietsch­kon­zert der Lie­gen aus »Das letz­te Mal«, und so wei­ter.

Lutz Sei­lers Er­zäh­lun­gen un­ter­schei­den sich so­wohl von den in den letz­ten Jah­ren mo­dern ge­wor­de­nen Ge­schich­ten ins­be­son­de­re an­gel­säch­si­scher Au­toren, die ein­fach ei­ne kur­ze Zeit im Le­ben ei­ner Per­son aus­riss­ar­tig (und so­zu­sa­gen sym­bo­lisch für de­ren Le­bens­um­stän­de) er­zäh­len und dann of­fen en­den las­sen als auch von der »klas­si­schen« Kurz­ge­schich­te, die er vor al­lem sprach­lich (aber teil­wei­se auch durch die Kon­struk­ti­on) va­ri­iert. Vir­tu­os be­herrscht er den ge­nau­en Blick, der in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Ver­dich­tung des Au­gen­blicks über­führt wird wie auch die spar­sa­me La­ko­nik, die nie­mals mit fal­scher Cool­ness da­her­kommt und ver­steht es zwi­schen die­sen Po­len oft auf klein­stem Raum sti­li­stisch sou­ve­rän zu al­ter­nie­ren.

»Die Zeit­waa­ge« ist Aus­weis ei­nes groß­ar­ti­gen Er­zäh­lers; ein gran­dio­ses Buch. Der Le­ser blickt im­mer wie­der ent­zückt, ver­stört, ver­zau­bert auf und fragt sich am En­de, wie er es bis­her oh­ne die­se Er­zäh­lun­gen aus­ge­hal­ten hat. Und das ist nur ein klei­nes biss­chen über­trie­ben.


Die kur­siv ge­setz­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch. – Und hier gibt es ei­ne Le­se­pro­be.
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7 Kommentare zu »Lutz Sei­ler: Die Zeit­waa­ge«:

  1. en-passant sagt:

    Ru­he & Em­pha­se: Noch ein­mal „Li­te­ra­tur“
    Lutz Sei­ler hat­te Aus­zü­ge aus dem Buch neu­lich im LCB ge­le­sen. (Ich glau­be, es war ein Stück aus die­ser „Ka­pu­zen­ge­schich­te“ – ich hat­te et­was zu spät ein­ge­schal­tet und des­halb den Ti­tel nicht mit­be­kom­men; das für mich „über­flüs­si­ge Ge­spräch“ mit den Kri­ti­kern blen­de ich dann eh lie­ber aus und ver­pas­se so manch­mal et­was.)

    Und ob­wohl mir an­fangs das The­ma et­was sehr treu­her­zig da­her­zu­kom­men schien, nahm mich doch die ru­hi­ge Prä­zi­si­on gleich ein, wur­de doch die­se Qua­li­tät der Pro­sa à la „Turk­sieb“ gleich wie­der of­fen­sicht­lich. Et­was, das mich zum wie­der­hol­ten Ma­le ei­ner­seits wie­der an Wolf­gang Hil­big er­in­nert, an­de­rer­seits an ei­ne rus­si­sche Tra­di­ti­on der Li­te­ra­tur (et­wa Tur­gen­jew); aber die­ses An­klang­s­ner­ven­ge­flecht ist zu­letzt viel­leicht völ­lig sub­jek­tiv.

    Trotz­dem noch ein Ge­dan­ke in die­se Rich­tung: Dass es „im Osten“ viel­leicht doch ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät der Ru­he, der an­ders­wie er­ober­ten Selbst­ge­wiss­heit, ei­ner Tie­fen­aus­lo­tung mit­tels des Sich-Zeit-Neh­mens für sei­nen Stoff ge­ge­ben hat, die in dem hy­ste­ri­schen, di­vers und täg­lich an­ders be­weg­ten We­sten sich nicht der­art, nicht so kon­se­quent ent­wickeln konn­te. Na­tür­lich ist das auch ei­ne Fra­ge des Tem­pe­ra­ments – und viel­leicht so­gar ei­ne der Men­ta­li­tä­ten, letzt­lich al­so wie­der der Ver­or­tung (ob in „Land­schaf­ten“ oder ei­nem dort hie­si­gen gei­sti­gen Raum).

    Die Mu­si­ka­li­tät der Spra­che ist dann – für mein Ge­fühl – ei­ne sehr zu­rück­hal­ten­de, nicht auf­trump­fen­de, ei­ne, die wie­der­um ei­ne ge­wis­se Zeit zur Ent­fal­tung braucht. Und zu­gleich gibt es manch­mal die­se Ein­spreng­sel – oder „Wurm­lö­cher“ – der Er­eig­nung ei­nes Phan­ta­sti­schen. (Da se­he ich bei Sei­ler ein wei­te­res Mo­ment an rus­si­schem Ein­fluss [et­wa Bul­ga­kow?], das an­de­rer­seits in der Quer­ver­bin­dung aber auch im The­ma der „Ra­dio­ak­ti­vi­tät“ zu lie­gen scheint [Gei­ger­zäh­ler, Pech­blen­de, die Me­ta­pher der un­greif­ba­ren „Ver­strah­lung“ des po­li­tisch eben nicht ein­sei­tig zu de­fi­nie­ren­den Wirk­li­chen kom­men im­mer wie­der vor], die Sei­ler schon in sei­nem er­sten Ly­rik­band bio­gra­phisch be­deut­sam ge­macht hat.)

    Ich emp­fand das Vor­le­sen zwar nicht ganz so eu­pho­risch wie Sie („gran­di­os“), spür­te aber ei­ne deut­li­che Sym­pa­thie, die, glau­be ich, in die glei­che Rich­tung drängt. Und das wie­der­erweckt die manch­mal sel­ten zu wer­den schei­nen­de Freu­de, dass es wirk­lich noch die Li­te­ra­tur als klas­si­sche Tu­gen­den der Er­zäh­lung gibt, die ei­nen mit dem oft so un­be­frie­digt las­sen­den Rest ver­söh­nen kann.

     

    #1

  2. Die LCB-Sen­dung ha­be ich nicht ge­hört, wohl ei­ne Kri­ti­ker­be­spre­chung mit Hel­mut Böt­ti­ger und ei­nem Mo­de­ra­tor, der Feh­ler über Feh­ler be­ging und nicht kor­ri­giert wur­de.

    Sei­ler setzt ein Hil­big-Zi­tat sei­ner Er­zäh­lung »Die Zeit­waa­ge« vor­aus (ich be­ken­ne, Hil­big ist bei mir nach wie vor ei­ne Bil­dungs­lücke; Schan­de über mich). Aus dem, was ich über ihn ge­le­sen ha­be: Ja, da ist si­cher­lich ein Kon­ti­nu­um; ei­ne An­knüp­fung. Ge­nau wie ich ei­ne ge­wis­se Par­al­le­li­tät zu Tell­kamp er­ken­ne, ob­wohl er in sei­nem Ro­man nicht so ver­dich­tet hat (nicht so zu ver­dich­ten brauch­te).

    Es scheint fast so, dass die­ses Ver­dich­ten­de und auch im­mer wie­der ins Epi­sche mä­an­dern­de ein Phä­no­men der­zeit fast nur noch von ost­deut­schen Au­toren ist (ich neh­me da In­go Schul­ze aus­drück­lich aus). Die­ses »Sich-Zeit-Neh­men« und auch ein­ge­ste­hen des­sen, sich die­se Zeit zu neh­men. Et­was, was viel­leicht hier eher als »lang­wei­lig«, gar re­stau­ra­tiv ge­se­hen wird, weil es das Ge­gen­teil der Pop-Li­te­ra­tur ist, die man sich wie ei­ne Sal­be ein­schmiert (und nach kur­zer Zeit ver­gisst, dass sie auf­ge­tra­gen wur­de).

    Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass Sei­ler die gan­ze Er­zäh­lung »Der Ka­pu­zen­kuss« ge­le­sen hat; sie ist ja sel­ber in meh­re­re Tei­le un­ter­teilt. Sie wirkt na­tür­lich in dem Sin­ne nur als gan­zes – eben auch, wenn man sich »Zeit nimmt«, sie als Gän­ze zu le­sen (vor­zu­le­sen) und nicht als Aus­schnitt.

    In der SWR2-Be­sten­li­ste-Dis­kus­si­on (eben­falls im Ra­dio) mein­te Löff­ler sinn­ge­mäss, je­der mit­tel­mä­ssi­ge Au­tor hät­te aus dem Stoff die­ser Er­zäh­lun­gen fünf schwa­che Ro­ma­ne ge­schrie­ben. Das ge­nau ist es: Die Kunst ist das Gen­re der Er­zäh­lung (öko­no­misch si­cher­lich für ei­nen Ver­lag nicht so lu­kra­tiv wie DER »Ro­man«), wel­ches ich hier wie­der­be­lebt se­he und zwar an­ders als bei­spiels­wei­se im Wohl­stands­kin­der-Jar­gon von Ju­dith Her­mann (den ich auch ger­ne le­se aber eben nur kon­su­mie­ren kann).

    #2

  3. Schö­ne Be­spre­chung
    Und dan­ke für die Emp­feh­lung, das Buch wä­re sonst an mir vor­bei­ge­gan­gen. Ich ha­be es dies­mal nur um­ge­kehrt ge­macht, und die Be­spre­chung nach­her zu En­de ge­le­sen, um mög­lichst we­nig vor­ab zu wis­sen, ob­wohl Du Dir Mü­he ge­ge­ben hast nicht zu­viel zu ver­ra­ten.

    Die Uhr, war­um bleibt die Uhr lie­gen? Hat er sie tat­säch­lich ver­ges­sen? Oder ahn­te er was kom­men wür­de? War­um im­mer mehr Wein­brand? Ich kann es nicht be­grün­den, aber ir­gend­wie scheint mir ein ein­fa­ches Ver­ges­sen, un­plau­si­bel (Den No­ti­zen des Er­zäh­lers nach, kann man ei­nen Selbst­mord ja aus­schlie­ßen).

    In­ter­es­sant, dass im­mer wie­der Män­ner und ih­re le­bens­welt­li­che Si­tua­ti­on im Fo­kus ste­hen: Frank, Im Ge­räusch, Na?, Und jetzt er­schie­ßen wir dich, du al­ter Mann, (Gav­ro­che).

    Lutz Sei­ler ist ein Kön­ner, kei­ne Fra­ge. Turk­sib war die er­ste Er­zäh­lung die mich in Bann ge­schla­gen hat, mei­ne Fa­vo­ri­ten, ne­ben die­ser: Die Schul­d­am­sel, Gav­ro­che, Und jetzt er­schie­ßen wir dich du al­ter Mann, Die Zeit­waa­ge und Der Ka­pu­zen­kuss.

    Ganz kann ich mich Dei­nem Ur­teil nicht an­schlie­ßen, aber fast. Was mir ein we­nig fehlt, aber das ist sehr viel ver­langt, ist, dass mich das Buch nicht un­be­dingt zwingt, es wie­der zur Hand zu neh­men. Und ver­zau­bert, möch­te ich so nicht sa­gen, aber das liegt viel­leicht an dem Wort, das wir un­ter­schied­lich ver­ste­hen.

    #3

  4. Viel­leicht ist es ja auch die­ses »Un­ge­klär­te«, was im­mer wie­der in die­sen Er­zäh­lun­gen auf­schim­mert, was sie auch aus­zeich­net. Wie in der Schul­d­am­sel – war­um »ver­gisst« er die Am­sel? Oder Gav­ro­che, die er ir­gend­wann auch ein­fach »ver­gisst«, um sie dann an­zur­fen – mit dem be­kann­ten Er­geb­nis.

    Ich möch­te da­bei gar nicht ins Deu­ten ver­fal­len, war­um je­mand so et­was ver­gisst, ge­schwei­ge denn ob das »rea­li­täts­taug­lich« ist (ich sag da­mit nicht, dass ich das bei Dir her­aus­le­se).

    Ich fand »Turk­sib« sei­ner­zeit gar nicht so toll, ob­wohl die Er­zäh­lung im Kon­text des Bach­mann-Wett­be­werbs her­aus­stand.

    Tja, ob man das Buch noch ein­mal zur Hand nimmt (so et­was wie ei­ne Gret­chen-Fra­ge, fin­de ich). Zu­min­dest bin ich froh, es im­mer zur Hand neh­men zu kön­nen. Und das ge­schieht nicht sehr oft. (Ob­wohl ich kaum Bü­cher weg­ge­be.)

    #4

  5. Rea­li­täts­taug­lich­keit
    Um die geht es nicht (oder nur in spe­zi­el­len Fäl­len), aber die in­ne­re Lo­gik muss stim­mig sein, d.h. Selt­sam­kei­ten, und Un­ge­klär­tes müs­sen sich deu­ten las­sen kön­nen, in ein Ge­samt­bild fü­gen, in ei­ne Le­se­rich­tung, sonst könn­te man sie nicht von Feh­lern des Au­tors un­ter­schei­den.

    Das Ver­ges­sen der Am­sel, hat mich nicht wei­ter ver­wun­dert, da ich ähn­li­ches von mir selbst ken­ne: Man ver­gisst (da muss man gar nicht den Be­griff der Ver­drän­gung be­mü­hen, um mit dem was ge­sche­hen ist, klar zu kom­men) man­che Din­ge (so­gar schon Stun­den spä­ter) ein­fach, ob­wohl sie mo­men­tan emo­tio­nal stark be­legt sind, und wich­tig er­schei­nen.

    Weil Du das En­de »Der Zeit­waa­ge« in Dei­ner Be­spre­chung er­wähnt hast, ha­be ich es noch ein­mal ge­le­sen, und mir ist ei­ne »Selt­sam­keit« auf­ge­fal­len: War­um soll­ten die Hül­sen der Ge­schos­se in den Ein­schuss­lö­chern stecken? Nur die Pro­jek­ti­le ver­las­sen die Mün­dung ei­ner Waf­fe, die Hül­sen wer­den aus­ge­sto­ßen und ver­blei­ben an Ort und Stel­le. Und dann als er von dem ro­sten­den Me­tall spricht, was soll­te ro­sten? Die Hül­sen? Die sind im Re­gel­fall aus Mes­sing. Die Pro­jek­ti­le? Da wird zwar mit­un­ter auch Stahl ver­wen­det, aber ich wür­de zu­min­dest an­neh­men, dass auch der kor­ro­si­ons­be­stän­dig ist.

    Und jetzt fin­dest Du Turk­sib bes­ser?

    #5

  6. »Turk­sib« fand ich tat­säch­lich jetzt, nach dem zwei­ten Le­sen, bes­ser, ob­wohl es m. E. nicht die be­ste Er­zäh­lung im Buch ist.

    Den Schluß der »Zeit­waa­ge« wer­de ich noch­mal le­sen...

    #6

  7. Der Schluß der Er­zäh­lung »Die Zeit­waa­ge«
    Die Stel­le lau­tet wie folgt (S. 284):

    Nur für ein paar Se­kun­den stand ich dort, al­lein im Dun­keln, am Sockel des In­sti­tuts, und bohr­te et­was lo­sen Sand oder Dreck aus dem Loch. Ob­wohl ich mich un­leug­bar mit­ten in der Stadt be­fand, herrsch­te ei­ne voll­kom­me­ne Stil­le. Flüch­tig frag­te ich mich, ob es mög­lich sein könn­te, dass die Hül­sen der Ge­schos­se noch an den En­den die­ser klei­nen Höh­len steck­ten, und ob ich sie auf die­se Wei­se ir­gend­wann er­ta­sten wür­de. […] Ein Stück ro­sten­des Me­tall schlägt durch mit der Zeit…

    Du hast na­tür­lich voll­kom­men Recht. Bei ei­nem Schuss wird die Ge­schoss­hül­se aus­ge­wor­fen, wäh­rend das Ge­schoss (Pro­jek­til) im Ziel lan­det. In­so­fern ist es un­ge­nau. Wo­bei na­tür­lich auch der Ich-Er­zäh­ler mit den Ge­ge­ben­hei­ten nicht ver­traut sein muss; die Un­ter­schei­dung nicht kennt bzw. in die­sem Mo­ment nicht ver­ge­gen­wär­tigt.

    Es gab/gibt (s.o. Ar­ti­kel) durch­aus Pro­jek­ti­le aus Ei­sen. Aber auch hier könn­te der Er­zäh­ler wie­der ei­nem Irr­tum auf­sit­zen. (Ich weiss, das klingt arg ver­tei­di­gend für den Au­tor, aber un­mög­lich ist es nicht.)

    #7