Hartmut Abendschein: DranmorEin namenloser Ich-Erzähler in einem Mietshaus im Beaumontweg in Bern. Beim Aufräumen in seiner Wohnung entdeckt er einen alten Zeitungsschnipsel mit einem Gedicht. Der Autor ist ein gewisser Dranmor, der Ludwig Ferdinand Schmid hieß, und 1888 mit 64 Jahren starb. Schmid war ein weitgereister Schweizer Geschäftsmann, der unter seinem Pseudonym Gedichte schrieb. Er lebte unter anderem in Paris und auch mehrere Jahre in Brasilien, bevor er verarmt ein Jahr vor seinem Tod in seine Heimatstadt Bern zurückkehrte. Der Erzähler in Hartmut Abendscheins Erzählung (oder ist es eine Novelle?) fühlt sich angezogen von Dranmors Gedichten und seinem kosmopolitischem Leben und beginnt ein Exzerpt über die Idee um die Fiktionalität Dranmors zu entwerfen. Er recherchiert, wobei das Ausforschen ein Faible des Erzählers ist, der sich plötzlich assoziativ an eine Gimmick-Zeitschrift in der Jugend erinnert, die unter anderem auch Detektiv-Devotionalien lancierte und bei ihm ein langes, intensives Spiel erzeugte. Anfangs sucht er in Archiven um über Dranmor Primär- und Sekundärliteratur zu entdecken. Er findet mittels Telefonanrufen sogar eine mögliche Urenkelin eines Biographen, die einen Kiosk betreibt. Der Besuch wird allerdings zu einem Fiasko; die Frau ist ahnungslos, was Dranmor angeht und nur mühsam vermag er sich ihrem aggressiven sexuellen Verlangen durch Flucht zu entziehen.
Wer ist dieser Erzähler? Im Laufe des Buches entdeckt der (seinerseits zum Detektiv werdende) Leser zwar immer mehr Mosaiksteinchen, die sich jedoch nur zu einem opaken Bild formen. Zu Beginn wird ein Vorstellungsgespräch bestanden und eine Arbeit in einem Kulturbüro (oder einer Bücherei?) aufgenommen, wo man für das Inbücherheinschauen bezahlt wird.
Alexandra Tobor: Sitzen vier Polen im Auto Das Buch der vor allem unter dem Pseudonym silenttiffy bekannten Alexandra Tobor mit dem seltsam-albernen Titel »Sitzen vier Polen im Auto« beginnt 1986. Tschernobyl war gerade explodiert, aber Nichts genaues war hierüber bekannt, außer, dass man Jod nehmen sollte. Aleksandra, die alle nur Ola nannten, ist fünf und der kleine Bruder Tomek wurde geboren. Vater Paweł war Ingenieur in einer Kohlegrube und konnte alles reparieren, was nur kaputtgehen konnte. Mutter Danuta war Lehrerin, was ihr später den Titel Frau Professor einbrachte. Die wahre Chefin war Oma Greta, deren Resolutheit sich Aleksandra oft nur mit kindlichem Totstellen entziehen konnte. Es braucht nur weniger Minuten Lektüre, um in die polnisch-sozialistische Welt Ende der 80er Jahre einzutauchen. Der Charme der Ich-Erzählerin ist überwältigend.
Dieter Kühn: Den Musil spreng ich in die Luft»Gefälschte Geschichten« untertitelt Dieter Kühn seinen Erzählband »Den Musil spreng ich in die Luft« – und versieht diese Gattungsbezeichnung neckisch mit einem Fragezeichen. Der interessierte Leser fragt sich zunächst, wer wohl Robert Musil in die Luft sprengen will. Und als er dann die Überschrift einer anderen Erzählung entdeckt (»Ich habe Göring schwer geschädigt«), glaubt er auch schon zu wissen, um wen es sich handelt. Da ist dann die Überraschung groß, wenn es sich nicht um Robert, sondern um Alois Musil handelt, einen Vetter des bekannten Schriftstellers. Und in der Göring-Geschichte geht es nur am Rande um Hermann, der angeblich geschädigt wird, aber vielmehr um dessen Bruder, einem Gegner des Nazi-Regimes, Albert.
Über den großartigen Dichter Florjan Lipuš und sein funkelndes Sprachkunstwerk »Boštjans Flug« [...] Nur ganz kurz, zu Beginn, wird da scheinbar eine Märchenwelt erzählt. Ein Naturidyll evoziert. Man wird in den (fiktiven) Ort Tesen versetzt und begleitet einen Jungen mit dem Namen Boštjan bei Gehen über die Wege des Waldes. An der Kreuzung zum auch ...
Frank Fischer: WeltmüllerJohannes Weltmüller ist ein österreichischer Schauspieler und Träger Iffland-Rings. Er wurde von der bekannten Nachwuchsregisseurin Henrike Zöllner für ihre neue Inszenierung von Becketts »Warten auf Godot« engagiert. / In der Leipziger Innenstadt ist ein neues Kunstwerk mit dem Namen »Länder-Lexicon« seiner Bestimmung übergeben worden. 192 Länder werden durch 192 Kacheln mit je 10 markanten Aussagen zum jeweiligen Land symbolisiert. / Und eine schlechte Kopie der Rosenmadonna des Manieristen Francesco Mazzola genannt Parmigianino wird bei Christie’s für 4.465 Pfund von einem deutschen Museumskurator ersteigert.
Drei Kulturereignisse aus den Jahren 2010, 2007 und 2003 über die in ausführlichen Artikeln berichtet wird. Recht schnell merkt der Leser, dass diese Begebenheiten ihre Geschichte haben. / Weltmüller flüchtet aus dem Schauspielhaus in einem Taxi und verursacht einen Unfall. / Die Texte der Kacheln des Kunstwerkes sind nicht nur kryptisch, sondern variieren sogar auf seltsame Weise irgendwann. Ausgerechnet auf der Kachel für Deutschland gibt es nicht zehn sondern nur neun Hinweise. Zudem distanziert sich der Künstler nicht nur von seinem Kunstwerk sondern bestreitet sogar seine Urheberschaft. / Und das Original der Rosenmadonna, welches in Dresden hängt, entpuppt sich als Kopie, während eine als Kopie deklarierte Rosenmadonna in Italien das Original zu sein scheint.
Aléa Torik: Das Geräusch des WerdensDas Dorf heißt Mărginime. Der Buchstabe »ă« suggeriert, dass es sich um einen Ort in Rumänien handeln könnte (tatsächlich existiert dort eine Art Region, die den gleichen Namen trägt). Alle Wege führen in dem Roman »Das Geräusch des Werdens« zu diesem Mărginime und auch wieder von ihm weg (zumeist dann nach Berlin). Marijan kommt zum Beispiel aus Mărginime und lebt nun in Berlin zusammen mit Leonie, der Tochter von Liv, einer Zahnärztin, und Valentin, der vor vielen Jahren ebenfalls aus Mărginime kommend in Berlin ausstieg obwohl er eigentlich nach Paris wollte.
Allerlei Geheimnisvolles
Zunächst erinnert die von der alten Lehrerin erzählte Gründungslegende der Ortschaft ein bisschen an das berühmte Macondo. Es wird allerlei magisch-skurriles erzählt; der Tischler – der Außenseiter in der Dorfgemeinschaft (warum eigentlich? nur weil er schielte und/oder sein Haus etwas außerhalb stand?) – schnitzte sich seinen Sohn und plötzlich waren es Zwillinge. Andere Gerüchte spekulieren um eine gewisse Promiskuität der Frau. Die Söhne bekommen den gleichen Namen – nehmen aber dann doch überraschend vollkommen andere Entwicklungen. Einer bricht in die Stadt auf (welche auch immer gemeint sei), erscheint nur noch sporadisch im Dorf und wirkt wie eine Mischung aus Mafiosi und Hexenmeister.
Hinrich von Haaren: Brandhagen»Panorama einer kleinen Gesellschaft« untertitelt Hinrich von Haaren sein Buch »Brandhagen«. Am Ende, nach 300 Seiten, kommt er darauf zurück und zieht fast eine Bilanz seines Romans, den ich lieber »Erzählung« nennen möchte: Und nach und nach entstand so in mir ein Bild, das meine Gedanken vervielfältigte, ein Panorama, über das Krankenzimmer, über Erdmutes Kammer, die Kleine Straße, Hohengraben, über Brandhagen hinaus, ein Panorama, in dem ich lebendig war, immer lebendig gewesen war, von dem ich aber auch mit unfehlbarer Sicherheit wusste, dass ich darin wohl schon bald jene zersetzenden Zweifel, jene Verwüstung und Flucht entdecken würde, die wir nur für den katzenhaften Moment der Kindheit und auch dann nur mit fremden, porösen Worten verborgen halten können.
Um es gleich vorweg zu nehmen: »Brandhagen« ist ein im besten Sinne bemerkenswertes Buch. Erzählt werden 12, 13 Jahre einer Kindheit Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre. Die ersten Erinnerungen des Ich-Erzählers setzen vielleicht mit drei oder vier Jahren ein; am Ende ist er 15 oder 16. Alles spielt sich in dem norddeutschen (fiktiven) Dorf Brandhagen ab.
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen BergIn Hermann Lenz’ Roman »Seltsamer Abschied« sinniert das Alter ego des Schriftstellers über die Intention seines von fast allen als »unzeitgemäß« betrachteten Schreibens und dem »geistesabwesenden« Autor nach. Es gilt »etwas hervorzuholen, was längst versunken war«, so Eugen Rapp dann in trotzig-programmatischem Ton. Und das macht er dann auch immer weiter; stoisch fast und unabhängig vom Zeitgeist und Erfolg – bis dann endlich doch noch der Durchbruch gelingt und sich die (literarische) Öffentlichkeit für ihn interessiert, weil ein jüngerer Kollege, dessen Wort einiges gilt, ihn empfahl. Hermann Lenz veränderte sein Schreiben auch im aufkommenden Ruhm nicht; er blieb der Chronist des Versunkenen und betrieb im äußersten Fall die Beschwörung einer Welt, die so nie existierte, aber hätte existieren können.