Aléa To­rik: Das Ge­räusch des Wer­dens

Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens

Aléa To­rik: Das Ge­räusch des Wer­dens

Das Dorf heißt Măr­gi­ni­me. Der Buch­sta­be »ă« sug­ge­riert, dass es sich um ei­nen Ort in Ru­mä­ni­en han­deln könn­te (tat­säch­lich exi­stiert dort ei­ne Art Re­gi­on, die den glei­chen Na­men trägt). Al­le We­ge füh­ren in dem Ro­man »Das Ge­räusch des Wer­dens« zu die­sem Măr­gi­ni­me und auch wie­der von ihm weg (zu­meist dann nach Ber­lin). Mari­jan kommt zum Bei­spiel aus Măr­gi­ni­me und lebt nun in Ber­lin zu­sam­men mit Leo­nie, der Toch­ter von Liv, ei­ner Zahn­ärztin, und Va­len­tin, der vor vie­len Jah­ren eben­falls aus Măr­gi­ni­me kom­mend in Ber­lin aus­stieg ob­wohl er eigent­lich nach Pa­ris woll­te.

Al­ler­lei Ge­heim­nis­vol­les

Zu­nächst er­in­nert die von der al­ten Leh­re­rin er­zähl­te Grün­dungs­le­gen­de der Ort­schaft ein biss­chen an das be­rühm­te Ma­con­do. Es wird al­ler­lei ma­gisch-skur­ri­les er­zählt; der Tisch­ler – der Au­ßen­sei­ter in der Dorf­ge­mein­schaft (war­um ei­gent­lich? nur weil er schiel­te und/oder sein Haus et­was au­ßer­halb stand?) – schnitz­te sich sei­nen Sohn und plötz­lich wa­ren es Zwil­lin­ge. An­de­re Ge­rüch­te spe­ku­lie­ren um ei­ne ge­wis­se Pro­mis­kui­tät der Frau. Die Söh­ne be­kom­men den glei­chen Na­men – neh­men aber dann doch über­ra­schend voll­kom­men an­de­re Ent­wick­lun­gen. Ei­ner bricht in die Stadt auf (wel­che auch im­mer ge­meint sei), er­scheint nur noch spo­ra­disch im Dorf und wirkt wie ei­ne Mi­schung aus Ma­fio­si und He­xen­mei­ster.

Das Auf­bruch-Mo­tiv in Ver­bin­dung mit Ab­we­sen­heit ist sehr prä­sent in die­sem Ro­man. Per­so­nen ver­schwin­den schein­bar grund­los und oh­ne An­deu­tung. Da ist Va­len­tin, der ur­plötz­lich sei­ne Freun­de Io­an und Emil ver­ließ. Die Ab­we­sen­heit der schö­nen Kriszti­na, Emils Toch­ter, bleibt un­ge­klärt; die­ses Mo­tiv könn­te ei­nem Da­vid-Lynch-Film ent­stammen. Die ge­heim­nis­vol­le Ly­di­ja ver­lässt den Schuh­ma­cher und Bür­ger­mei­ster Io­an – und das kurz nach Ge­burt von Ni­co­lae, ih­rem ge­mein­sa­men Sohn. Erst Jahr­zehn­te spä­ter taucht sie wie­der auf – just in dem Mo­ment da der in­zwi­schen er­wach­se­ne Sohn weg­läuft, sie an­rem­pelt und ihr auf­hilft und da­bei nicht weiß, dass die­se Frau sei­ne Mut­ter ist. Das ist der schön­ste Mo­ment ih­res Le­bens – aber lei­der wird ei­nem die Schön­heit des Au­gen­blicks ver­dor­ben, weil Ly­di­ja kurz vor­her, beim An­rem­peln, ih­rem Sohn ein Flug­ticket in die Jacken­ta­sche ge­steckt hat­te – so als hät­te sie im vor­aus von ih­rer Be­geg­nung ge­wusst. Da wird die My­stik zum Stim­mungs­tö­ter.

Ein An­ker­punkt im Ro­man ist die Ehe zwi­schen der kar­rie­re­tüch­ti­gen Zahn­ärz­tin Liv und dem zum Haus­mann de­gra­dier­ten bzw. sich ein­fü­gen­den Va­len­tin. Da­bei be­gann al­les so ein­fühl­sam und un­be­darft. Va­len­tin stieg in Ber­lin aus dem Zug in der An­nah­me, er sei in Pa­ris. Er be­geg­net der ge­ra­de fer­ti­gen Ab­itu­ri­en­tin Liv auf dem Bahn­hof Zoo und es war Lie­be auf den er­sten Blick. Den ge­plan­ten Strand­ur­laub mit Freun­din­nen trat Liv nicht an und brach für sechs Wo­chen al­le Brücken hin­ter sich ab. Liv und Va­len­tin – von nun an ein Paar, als sei es das selbst­ver­ständ­lich­ste der Welt. Va­len­tin konn­te zu Be­ginn na­tür­lich kein Wort deutsch und wie­der­hol­te laut­ma­le­risch im­mer die letz­ten drei Wör­ter Livs. To­rik er­zählt die­ses zur-Spra­che-kom­men – wie so vie­les in die­sem Ro­man – in Para­taxen: Liv lach­te. Va­len­tin lach­te auch. Liv nick­te mit dem Kopf oder sie schüt­tel­te ihn, je nach Va­len­tins Aus­spra­che. In bei­den Fäl­len lach­te sie dann. Sie lach­ten häu­fig. In den er­sten Ta­gen und Wo­chen sag­te Liv oft nur drei Wor­te. Die konn­te man gut an den Fin­gern ab­zäh­len. Spä­ter gin­gen sie zu kom­ple­xe­ren Struk­tu­ren über. Aus Wor­ten wur­den Wort­rei­hen und dar­aus wur­den Sät­ze. Es ka­men ab­strak­te Ge­ge­ben­hei­ten da­zu. Die­se Form des Er­zäh­lens hat zu­wei­len et­was Me­cha­ni­sches, Kal­tes. Und nicht nur der Duk­tus er­in­nert von Fer­ne an die frü­he Mar­le­ne Stree­ru­witz.

Die Se­kun­de der wah­ren Emp­fin­dung?

Man kann ein Le­ben auf ei­ner ein­zi­gen Se­kun­de auf­bau­en re­sü­miert Liv nach mehr als 20 Jah­ren Zu­sam­men­le­ben und Ehe mit Va­len­tin und die­se Se­kun­de am Bahn­hof, als sie den Mann aus dem ost­eu­ro­päi­schen Dorf er­blick­te, war es denn auch die ihr Le­ben um­krempelte. Die­se sechs Wo­chen des pu­ren Zu­sam­men­seins – die glück­lich­ste Zeit im Le­ben der bei­den? Nach ei­ner Sei­te heißt es als Zwi­schen­fa­zit la­pi­dar: Sie leb­ten seit bei­na­he fünf Wo­chen in die­ser Ein-Zim­mer-Woh­nung. Man muss nicht Voy­eur sein, um die Er­zäh­lung des Zau­bers die­ser er­sten Wo­chen zu ver­mis­sen. Da­für gibt es Ein­blicke in den eher tri­sten All­tag der fol­gen­den Jah­re. Schließ­lich be­kommt Va­len­tin mit dem Er­wach­sen­wer­den der Toch­ter sei­ne Mid­life-Kri­se, be­sorgt sich ein Haus und baut es um zu ei­nem Bor­dell – mit Un­ter­stüt­zung Livs. Die Ehe blüht in der Pla­nungs­zeit neu auf um dann nach­her wie­der in der Nor­ma­li­tät zu ver­sin­ken. Wei­te­re fünf Jah­re spä­ter will Va­len­tin das Edel­puff von Ber­lin nach Măr­gi­ni­me ver­le­gen, kehrt in sein Hei­mat­dorf zu­rück und Liv fühlt sich ver­las­sen.

Ru­mä­ni­sche Pro­vinz ver­sus Ber­lin – (Heimat-)Dorf ver­sus gro­ße Welt: To­riks Buch spielt mit die­sen Ge­gen­sät­zen. Ei­ner­seits füh­len sich die Prot­ago­ni­sten wie ma­gisch von Groß­städten und de­ren (ver­meint­li­chen) Mög­lich­kei­ten an­ge­zo­gen. An­de­rer­seits blei­ben sie in ih­ren Ur­sprün­gen ver­haf­tet. So ent­ste­hen Un­be­haust­hei­ten und Un­zu­frie­den­hei­ten; ein Hin- und Her­pen­deln zwi­schen den Wel­ten. Es gibt ei­ne Pas­sa­ge im Buch, die die Fas­zination für die Groß­stadt il­lu­strie­ren soll. To­rik stellt ein Lie­bes­paar im Ber­li­ner Re­gen (spä­ter stellt sich her­aus, dass es sich um ei­ne in­sze­nier­te Film­auf­nah­me han­delt) und plötz­lich wird der Mo­loch Ber­lin durch sei­ten­lan­ge Auf­zäh­lun­gen zum un­be­grenz­ten (und un­fass­ba­ren) Mög­lich­keits­raum. Stra­ßen­na­men, Stadt­tei­le, Ge­bäu­de, Be­hör­den, Se­en, al­le mög­li­chen Ar­ten von Ge­schäf­ten, Ca­fés und Re­stau­rants wer­den auf­ge­zählt, als wä­ren die flir­ren­den Groß­stadt­er­zäh­lun­gen noch nicht ge­schrie­ben. Es soll wohl Si­mul­ta­ni­tät und Viel­falt, aber auch Ver­wir­rung und Über­for­de­rung aus­drücken. Da­ge­gen ste­hen die zu­wei­len my­stisch-be­droh­li­chen Dorf­schil­de­run­gen (wie bei­spiels­wei­se im eindrucks­vollen Ka­pi­tel über Cla­ra, die als neue Leh­re­rin in Măr­gi­ni­me die ge­gen­tei­li­ge Be­we­gung – von der Stadt in das Dorf – macht). Wäh­rend die Dorfer­zäh­lun­gen durch­aus stim­mungs­voll ge­ra­ten, wirkt der Ver­such, durch Ad­di­ti­on von Or­ten und Ört­lich­kei­ten ei­ne Groß­stadt­at­mo­sphä­re her­bei­zu­phan­ta­sie­ren, arg be­müht.

Ge­lun­ge­ner das Ka­pi­tel des schein­bar ver­geb­li­chen War­tens Leo­nies auf den blin­den Mann, dem sie ein­mal kurz auf der Stra­ße be­geg­net war. Sie hat­te ihn nicht an­ge­spro­chen und er war plötz­lich ent­eilt. Al­so setzt sie sich in das ge­gen­über­lie­gen­de Ca­fé, schaut auf die Stra­ße und hofft, ihn wie­der­zu­se­hen. Par­al­le­len zu Liv, ih­rer Mut­ter, deu­ten sich da an: Auch sie krem­pelt ihr Le­ben in­ner­halb ei­ner Se­kun­de um. Sie nimmt ih­ren Ur­laub und war­tet. Leo­nie ver­bringt Wo­chen in dem Ca­fé und er­wehrt sich schwe­ren Her­zens den Um­gar­nungs­ver­su­chen ei­nes vi­ri­len Kell­ners, den sie nur in ih­rer Phan­ta­sie be­schläft und da­bei ei­ne an­rüh­ren­de Treue dem Un­be­kann­ten ge­gen­über of­fen­bart. Ein tägliche[s] War­ten und Hof­fen. Und na­tür­lich gibt es ein gu­tes En­de (der Le­ser weiß das aus den An­fangs­ka­pi­teln; es geht in die­sem Ro­man nicht dar­um, im Plot ei­nen Span­nungs­bo­gen über den Fort­gang von Er­eig­nis­sen zu er­zeu­gen), al­ler­dings erst als sie die Su­che auf­gab (von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re). Da fand sie den blin­den Mann, Mari­jan, durch Zu­fall in ei­ner ganz an­de­ren Ge­gend wie­der. Die nach­fol­gen­de Lie­bes­ge­schich­te wird in zwei un­ter­schied­li­chen Ver­sio­nen er­zählt (wo­bei es auch mög­lich ist, dass es sich um zwei un­ter­schied­li­che Zeit­ebe­nen han­delt).

Puz­zle­spiel

28 Ka­pi­tel hat das Buch. Fünf da­von tra­gen den Na­men des Ro­mans – es sind Ein­drücke und die Re­de des blin­den Pho­to­gra­phen Mari­jan bei ei­ner Ver­nis­sa­ge sei­ner Pho­to­gra­phi­en in Ber­lin. Mit ein biss­chen Phan­ta­sie las­sen sich die an­de­ren Ka­pi­tel als Re­fle­xio­nen le­sen, die ihm wäh­rend die­ses Er­eig­nis­ses über­kom­men. Chro­no­lo­gie und Er­zäh­ler wech­seln in die­sem Buch sehr häu­fig; ne­ben ei­nem per­so­na­len gibt es ver­schie­de­ne Ich-Er­zäh­ler. Zwar wird das Mari­jan-Ich in An­füh­rungs­zei­chen ge­setzt und da­mit so­zu­sa­gen öf­fent­lich zi­tiert, auf ir­gend­wie ge­ar­te­te sprach­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen der di­ver­sen Er­zäh­ler je­doch weit­gehend ver­zich­tet. Fast im­mer wer­den die be­reits er­wähn­ten Haupt­sät­ze ver­wen­det. All dies för­dert, ja for­dert, das For­schen des Le­sers: Wer spricht dort? Wann spielt das jetzt? Manch­mal kann man sich die Lö­sung erst in der Mit­te ei­nes Ka­pi­tels zu­sam­men­rei­men und ge­rät dann ins Blät­tern – wenn man sich nicht vor­her ge­naue No­ti­zen ge­macht hat.

Es darf kei­ne Fra­ge der Nei­gung sein, ob die­ses post­mo­der­ne Puz­zle­spiel gou­tiert wird oder nicht. Es ist zu un­ter­schei­den, ob Rück­blen­den durch das Er­zäh­len so­zu­sa­gen er­zwun­gen wer­den, ob es sich er­gibt (in Form ei­ner Re­fle­xi­on ei­nes Prot­ago­ni­sten) und da­mit ei­nen epi­schen Bo­gen spannt oder ob es nur Ca­mou­fla­ge ist, die dem Le­ser ei­ne eher laf­fe Spei­se wür­zen soll. Zu­ge­ge­ben, der vor­lie­gen­de Ro­man ist sehr ge­nau kon­zi­piert, aber mag man ei­gent­lich der­art ab­sichts­voll durch­kon­stru­ier­te Pro­sa? Man kann zu sorg­fäl­tig pla­nen, zu ge­wollt Zeit­ebe­nen ein­schie­ben und da­bei zu deut­lich auf das pu­re Erfolgs­erlebnis des Le­sers bau­en, das Teil­chen an die ver­meint­lich rich­ti­ge Stel­le einge­ordnet zu ha­ben. Ent­schei­dend für die Be­ur­tei­lung ei­nes sol­chen Ver­fah­rens muss sein, ob es ei­ne poe­ti­sche Ern­te gibt, ei­ne durch das Kon­struk­ti­ons­prin­zip ein­tre­ten­de Er­kennt­nis oder nur lau­ni­ge Ver­wir­rung. Ich fürch­te, es han­delt sich zu­meist um Letz­te­res.

Auch das The­ma der ab­we­sen­den, eher: ver­schwun­de­nen Kriszti­na wird fast leicht­fer­tig ver­schenkt. Da er­zählt To­rik an ei­ner Stel­le von der dau­er­haf­ten und noch nach Jah­ren zeh­ren­den Trau­er der El­tern ob der Un­ge­wiss­heit des Schick­sals ih­rer Toch­ter (in teil­wei­se wun­der­ba­ren Sen­ten­zen). Und auch die Selbst­vor­wür­fe und Ver­mu­tun­gen an­de­rer Dorf­be­woh­ner wer­den im­mer ein­ge­streut. Aber am En­de wird ge­ra­de in der ab­sichts­vol­len Un­ge­wiss­heit zwi­schen der Mög­lich­keit ei­nes bis­her un­er­kann­ten Ver­bre­chens oder ein­fach nur dem ra­di­ka­len Bruch mit Fa­mi­lie und Freun­den das Ge­gen­teil von Em­pa­thie er­zeugt. Zu­mal die Fi­gur Kriszti­na kaum Kon­tu­ren hat, au­ßer, dass sie als wun­der­schön gilt und Leh­re­rin wer­den woll­te. So wird der Le­ser schließ­lich in ei­ne Art Gleich­gül­tig­keit über­führt und nach­träg­lich fast pein­lich be­rührt von den Trau­ern­den und Ver­mis­sen­den. (Das Ar­gu­ment, dass es durch­aus sol­che »Fäl­le« ge­be und die Un­ge­wiss­heit nie auf­hö­re, mag nur dem­je­ni­gen kom­men, der in Li­te­ra­tur ei­nen Rea­lis­mus ge­spie­gelt se­hen möch­te.)

Am­bi­va­lent ist die Aus­ge­stal­tung der Fi­gur des blin­den Pho­to­gra­phen Mari­jan. Das Vor­bild ist (in mehr­fa­cher Hin­sicht) na­tür­lich der Slo­we­ne Ev­gen Bav­car. Mari­jans Pro­zess der Blind­wer­dung und die an­schlie­ßen­de Blin­den­schu­le wer­den von ihm er­grei­fend er­zählt. Man glaubt für ei­nen Au­gen­blick an sich sel­ber zu be­mer­ken, wie ver­küm­mer­te Sin­ne wie­der »frei­wer­den«. Mit dem ge­nau­en Zu­hö­ren auf den Ton ei­nes Me­tro­noms, wie sich der Schall des Me­tro­nom-To­nes in dem Raum waag­recht und senkrecht…verteilte und sich die winzige[n] Dif­fe­ren­zen in den Tö­nen zeig­te, er­hal­ten Mari­jan und mit ihm die an­de­ren Teil­neh­mer der Blin­den­schu­le ei­nen syn­äs­the­ti­schen Schub, der sie aus ei­ner ve­ri­ta­blen de­pres­si­ven Stim­mung be­freit: Wir nah­men nichts an­de­res wahr als eben die­se Blind­heit. Aber das war falsch. Wir muss­ten das Ge­gen­teil ler­nen, die an­de­ren Sinnes­erfahrungen so aus­zu­wei­ten, dass sie den Ver­lust der ei­nen leich­ter machten…Wir woll­ten so blei­ben wie wir wa­ren, aber wir muss­ten uns ver­än­dern! Zu die­sen Ver­än­de­run­gen ge­hör­te eben die Ver­än­de­rung in der Wahr­neh­mung von Klän­gen. Ein Ge­fühl für den Raum, der ei­nen um­gab, für sei­ne Dich­te und sei­ne Ela­sti­zi­tät. Ein Ge­fühl für den Druck der Luft. Schließ­lich konn­ten sie die Grö­ße der Ge­gen­stän­de hö­ren – und nie­mals mehr wird man so et­was wa­gen, an­zu­zwei­feln. (Et­was är­ger­lich dann, dass die Au­torin ein oh­ne­hin auf der Hand lie­gen­des »Ge­heim­nis« in Ver­bin­dung mit der Blin­den­schu­le spä­ter lüf­tet.)

Mari­jan zieht mit sei­ner Mut­ter nach Ber­lin. Er fe­stigt sich, aber der Un­fall­tod sei­ner Mut­ter Jah­re spä­ter er­schüt­tert das zar­te Ge­flecht zwi­schen ihm und der Welt; ei­ne blei­er­ne Mü­dig­keit be­mäch­tigt sich ihm: Die Blind­heit la­ste­te schwe­rer auf mir als sonst. Ich ge­riet in ei­ne Stim­mung, in der ich schon ein­mal ge­we­sen war: in der Zeit nach dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt. Mein Le­ben schien mir nicht le­bens­wert. Ich spiel­te mit der Vor­stel­lung, es auf­zu­ge­ben. Hier glückt die Dar­stel­lung der Ab­we­sen­heit (der töd­lich ver­un­glück­ten Mut­ter), weil die ab­we­sen­de Per­son und be­son­ders de­ren An­we­sen­heit ei­ne Ge­schich­te hat­te. Mari­jan über­win­det die­se Kri­se in dem er be­ginnt, Kon­takt mit den Nach­barn zu su­chen. Er ent­deck­te ei­nen Park. Die Selbst­be­haup­tung ge­lingt und dies nach­voll­zieh­bar. Trotz­dem wird dann – lei­der – der Pho­to­ap­pa­rat ins Spiel ge­bracht und die Bav­car-Par­al­le­le auf­ge­pfropft. Viel­leicht, weil die Au­torin noch et­was aus dem Künst­ler­mi­lieu ein­bau­en woll­te?

Am En­de fällt die Fi­gur aus­ein­an­der. Als Lie­ben­der und im Ver­hält­nis zu Leo­nie schlüpft Mari­jan in ei­ne eher pas­si­ve Rol­le. Wie steht es denn nun mit sei­nen Wahr­neh­mun­gen? Fast scheint es, als sei­en sie ab­han­den ge­kom­men oder hät­ten sich ab­ge­schlif­fen. Die Ver­mark­tung von Mari­jans Pho­to­gra­phi­en über­nimmt Leo­nie bzw. der Ga­le­rist. Und wie pho­to­gra­phiert Mari­jan nun? Bav­car hat da­von aus­führ­lich Zeug­nis ab­ge­legt (nicht im­mer völ­lig über­zeu­gend, et­wa wenn er nicht auf sein Blind­sein re­du­ziert wer­den möch­te, zu­gleich je­doch sein Künst­ler­tum da­mit der­art stark ver­bun­den ist). Die Mög­lich­keit der Re­fle­xi­on über die Pa­ra­do­xie des Pho­to­gra­phie­rens ei­nes Blin­den – und die da­mit ver­bun­de­ne Re­du­zie­rung auf das Fak­tum des Blind­seins – fin­det bei Mari­jan kaum statt (fast scheint es so, dass er da­zu in­tel­lek­tu­ell nicht in der La­ge ist).

Per­so­nal und Dia­lo­ge

Ins­ge­samt ist das Per­so­nal­ta­bleau aus­ufernd und ei­ni­ge in­ter­es­san­te und po­ten­ti­ell viel­schich­ti­ge Fi­gu­ren wer­den ver­nach­läs­sigt. Da gibt es bei­spiels­wei­se ei­nen Mad­dox, der sei­nen Mund scho­nen möch­te. Da­her spricht er nicht, son­dern si­mu­liert mit zwei Ge­bis­sen – ei­nes in der rech­ten und ei­nes in der lin­ken Hand. Da­mit »spricht« er – so­wohl zu sich sel­ber als auch zu an­de­ren Men­schen. Das ist zu­nächst ein­mal wit­zig und ori­gi­nell und man kann mit viel Wohl­wol­len auch ei­ne ge­wis­se Me­ta­pho­rik er­ken­nen, aber am En­de ver­braucht sich der Ef­fekt, al­les ist selt­sam pos­sier­lich und man fragt sich, wel­chem Zweck die­se Fi­gur dient au­ßer viel­leicht zur Ver­mi­nung des Be­deu­tungs­rau­mes.

In man­chem Dia­log wir­ken die Spre­chen­den wie Si­mu­lan­ten ih­rer selbst. Die Prot­ago­ni­sten neh­men ei­ne ih­nen zu­ge­dach­te Po­se ein und spie­len ei­ne Rol­le, die von der Au­torin zuge­wiesen wur­de, aber der Fi­gur nicht ge­mäß ist (was zu­nächst pa­ra­dox klin­gen mag, da ja auch die Fi­gu­ren künst­li­che Exi­sten­zen sind). Es ent­steht ei­ne spe­zi­el­le Form ei­ner (Meta)­Künstlichkeit, die, jeg­li­ches Pa­thos ban­nend, »na­tür­lich« wir­ken soll, d. h. »rea­li­stisch« da­her­kom­men möch­te. Zu oft wird da­bei der Ton han­dels­üb­li­cher Rat­geberliteratur ge­streift (»Man geht, bis man an­ge­kom­men ist, und man ist ange­kommen, wenn man mit dem Ge­hen auf­ge­hört hat«). Und ei­ni­ge Dia­lo­ge er­in­nern an TV-So­aps (»Schö­ner Na­me, den du da hast. Steht dir gut« oder »Ich weiß nicht, was ich sa­gen soll«, sag­te ich wahr­heits­ge­mäß).

»Das Ge­räusch des Wer­dens« ist bei al­ler Kri­tik ein le­sens­wer­tes Buch. In je­dem Fall hat sich ein be­ach­tens­wer­tes schrift­stel­le­ri­sches Ta­lent ge­zeigt. Da­bei ist es ei­gent­lich (zu­nächst) un­in­ter­es­sant, ob die Bio­gra­phie der Au­torin (oder ist es ein Au­tor?) er­fun­den ist oder ob es sich um ei­ne Kunst­fi­gur han­delt, wie je­mand mit kleb­ri­gem Ehr­geiz und viel ent­täusch­ter Lieb­ha­be­rei be­haup­tet. Viel­leicht woll­te Au­tor und Ver­lag ei­ne be­son­de­re Au­then­ti­zi­tät er­zeu­gen und ei­ne Le­gen­de be­grün­den, des­sen ein mün­di­ger und ge­nau­er Le­ser (letz­te­res ist ein Pleo­nas­mus) ei­gent­lich nicht be­darf. Aber ei­ne ge­wis­se Lese­futtergemeinde hübscht da­mit ihr in­ter­kul­tu­rel­les Pan­op­ti­kum auf und ein klei­nes Skan­däl­chen kann schließ­lich je­der Ro­man ge­brau­chen. Wenn sich die Per­son, die sich Aléa To­rik nennt (und viel­leicht nicht ur­sprüng­lich aus Ru­mä­ni­en son­dern aus Bux­te­hu­de kommt), nun noch auf das Er­zäh­len kon­zen­triert und die am Ho­ri­zont (be­droh­lich) auf­kom­men­de »Neue Sub­jek­ti­vi­tät« der 1970er Jah­re zu ban­nen ver­mag, ist noch ei­ni­ges zu er­war­ten.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

6 Kommentare zu »Aléa To­rik: Das Ge­räusch des Wer­dens«:

  1. Wo­mög­lich ist der Au­toren­na­me Pro­gramm?

    #1

  2. @Ralph
    Im Sin­ne der De­fi­ni­ti­on in dem Link ist fast das Ge­gen­teil der Fall: Das Buch ist fast akri­bisch durch­kon­stru­iert, was man im deut­lich be­merkt (hier­in liegt ja mein Pro­blem).

    Die Autor/in dis­ku­tiert auf ih­rem Blog mit Le­sern. (So et­was soll­te man mit Vor­sicht ge­nie­ßen.)

    #2

  3. »Als ent­täusch­ter Lieb­ha­ber mit kleb­ri­gem Ehr­geiz aus der Le­se­fut­ter­ge­mein­de« hal­te ich Ih­re Re­zen­si­on für durch­aus ge­lun­gen. Die dia­gno­sti­zier­te Über­kon­struk­ti­on re­sul­tiert al­ler­dings mei­nes Er­ach­tens ge­ra­de aus der nur fin­gier­ten Au­tor­schaft. Wie soll denn bit­te Au­then­ti­zi­tät im Alea­to­ri­schen ent­ste­hen, wenn der Au­tor sei­ne Fi­gu­ren und die Le­ser gleich mit als Schach­fi­gu­ren be­greift? Die li­te­ra­ri­sche Gat­tung »Ro­man« hat im­mer auch Rei­bung an ei­ner emp­fun­de­nen Rea­li­tät zur Auf­ga­ben­stel­lung. Die­ses Buch und auch das fol­gen­de hät­te mit »Es war ein­mal...« an­fan­gen müs­sen, denn die Ebe­ne, auf der hier kon­stu­iert wird, ist die ei­nes Mär­chens. Die Fi­gur des Au­tors selbst ist zum Mär­chen ge­wor­den, das er (!) in Ber­lin, nicht in Bux­te­hu­de, sei­ner Le­se­fut­ter­ge­mein­de er­zäh­len will. Die Sub­jek­ti­vi­tät der sieb­zi­ger Jah­re war da­ge­gen pu­rer Rea­lis­mus. Nichts­de­sto­trotz, da ha­ben Sie auch wie­der recht, bleibt nur das War­ten auf das neue Mär­chen. Da­mit macht Go­dot dann sein End­spiel, denn der Au­tor meint, er hiel­te wie Gott al­le Fä­den in sei­ner ge­nia­len Hand.

    #3

  4. Die Au­toren­schaft hat mit der Kon­struk­ti­on die­ses Ro­mans nichts zu tun, weil To­rik dies gar nicht the­ma­ti­siert (wie das bei­spiels­wei­se Pes­soa teil­wei­se mit sei­nen He­te­ro­ny­men macht [bit­te nicht glau­ben, ich ver­glei­che A.T. mit Pes­soa]) .

    Bei der For­de­rung nach »Au­then­ti­zi­tät« zie­he ich – sa­lopp ge­spro­chen – im­mer so­fort den Re­vol­ver, weil es nichts lä­cher­li­che­res gibt, als dies für ei­ne fik­tio­na­le Ge­schich­te so­zu­sa­gen ein­zu­for­dern. Dass es den­noch als ei­nes der wich­tig­sten Kri­te­ri­en gilt hat haupt­säch­lich da­mit zu tun, dass die zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur­kri­tik kaum noch äs­the­ti­sche Ur­tei­le wagt und sich da­her lie­ber auf Rück­be­zü­ge auf den/die Autor/in stützt. Das ist im Zwei­fel ein­fa­cher und ver­spricht Fak­ten­ana­ly­sen, wie sie bei der rei­nen li­te­ra­tur­kri­ti­schen Ana­ly­se sehr schwer mög­lich sind. Es ist auch mas­sen­taug­li­cher. (Im Rah­men ei­nes kürz­lich be­gan­ge­nen Jub­li­lä­ums fällt mir da­zu Karl May sein – der zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Aben­teu­er­ge­schich­ten trotz ent­ge­gen­ste­hen­der Aus­sa­gen die ent­spre­chen­den Re­gio­nen gar nicht kann­te. Dies mach­te man ihm dann zum Vor­wurf.)

    Noch in­ter­es­san­ter als ei­ne fin­gier­te Au­to­bio­gra­phie ist im Rah­men der Bou­le­var­di­sie­rung des Feuil­le­tons na­tür­lich das aus­drück­li­che Schrei­ben un­ter Pseud­onym, wel­ches ge­heim bleibt. Da­zu gibt es zahl­rei­che Bei­spie­le. Reiz­voll ist es dann über die Iden­ti­tät zu spe­ku­lie­ren – dar­über wird ger­ne die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ab­ge­lie­fer­ten Text ver­ges­sen bzw. ni­vel­liert.

    #4

  5. Pingback: “Das Geräusch des Werdens” « Lafcadios Go-Ecke