»Fragment/e über ei­ni­ge po­pu­lä­re Songs« (3)

(Nicht) in Stein ge­hau­en

Und die Mu­sik? Das ist die, die wir auch sonst aus un­se­ren Nacht­fahr­ten hö­ren: 60er. Kei­ne Far­ben mehr, ich will, dass sie al­le zu schwarz wer­den. Als hät­ten wir, auch mu­si­ka­lisch Hei­mat­lo­se, da noch ir­gend­wel­che An­schlüs­se zu schaf­fen. (Da­bei san­gen wir längst laut­hals mit. Es war das ein biss­chen wie mit dem eher we­nig ge­schätz­ten, aber dir ein­zig ver­trau­ten Song in der Juke­box, und wenn ihn dann ei­ner drückt, kannst du sei­ne Ein­gän­gig­keit nicht ver­wei­gern.)

Weit­hin ra­gen­de Turm­auf­bau­ten über der Land­schaft, schwarz. Schwarz ver­wu­cher­te Ve­ge­ta­ti­on der Gleis­an­schlüs­se. Auf den Roll­stahl­tü­ren der Fa­bri­ken ein schwar­zer Auf­trag, der so­gar die Graf­fi­tis ver­schluckt. Noch das Quarz­glas der Ober­lich­ter in den Ma­schi­nen­hal­len war schwarz an­ge­lau­fen ge­we­sen, und je­der ver­irrt in die Au­gen tref­fen­de Licht­strahl wie ein Trä­ger der Idee, er müss­te aus jung­fräu­li­che­ren Wel­ten sein. Mit schwar­zen Fin­ger­rän­dern.

Klar, dass ei­nem auch die Gif­te, dau­ernd ein­ge­speist, zu ho­möo­pa­thi­schen Le­bens­stof­fen wer­den, nach de­nen es ei­nen ver­lan­gen muss, wer­den sie ei­nem dann ent­zo­gen. Und dass ei­ner je­der sei­nem Ver­fall auch sei­ne ei­ge­ne Poe­sie ab­ge­win­nen muss. Ra­di­um ge­win­nen. Bil­der ka­men mir von öl-schlicki­gen Herz­kam­mern mit vor Drang schwarz quel­len­dem Blut, von un­term ko­chend­hei­ßen Was­ser­strahl damp­fen­den Män­nern, die wie­der zu wei­ßen wer­den, wal­speckig wie Mana­tis, ei­ne See­kuh­art. Und zum Schicht­wech­sel ein Glei­ßen wie auf Schwarz­te­er­schin­deln an ei­nem Frost­mor­gen, wie der Glanz auf den Schu­hen, die Ma­ja­kow­ski auf der Rodt­schen­ko-Se­rie von ’24 trägt. – Aber auch das wohl schon zu pre-post re­tro-avant. Ge­sang von der Stra­ße, und dann flo­gen schon Stei­ne in un­se­re Fen­ster ...

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Frank Schirr­ma­cher

Ge­stern ist Frank Schirr­ma­cher ge­stor­ben, was mich sehr be­wegt hat. Die Art und Wei­se sei­nes To­des, die Un­ver­hoff­t­heit, die­ses Aus-dem-Le­­ben-ge­ri­s­­sen-wer­­den schockiert, weil es das ist, was man sich mit 54 Jah­ren nicht wünscht, höch­stens dann ir­gend­wann mit 80. Ich kann­te Schirr­ma­cher nicht per­sön­lich, las sei­ne Ar­ti­kel und Bü­cher, sah ihn gelegent­lich im Fern­se­hen und war ...

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Der Wald und die Bäu­me (II)

Strö­me von Schei­ße

Ein Bei­spiel für die um sich grei­fen­de Ver­blö­dung durch Such­ma­schi­nen sind die Pä­do­­phi­lie-Vor­wür­fe, die ge­gen Da­ni­el Cohn-Ben­dit um 2012/13 mas­siv er­ho­ben wur­den. Mas­siv, das heißt im di­gi­ta­len Zeit­al­ter: durch das In­ter­net in Win­des­ei­le un­kon­trol­lier­bar ver­viel­facht, ver­mil­lio­nen­facht. Man mag zu der hi­sto­ri­schen Fi­gur Cohn-Ben­dit ste­hen, wie man will; be­strei­ten wird man nicht kön­nen, daß er ein klu­ger Kopf mit ei­ner hoch­interessanten Le­bens­ge­schich­te ist, der durch sei­ne öf­fent­li­chen, oft un­kon­ven­tio­nel­len Stel­lung­nah­men zum Den­ken an­regt. Das Den­ken ist als ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men frei­lich ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­ten, wäh­rend der heu­te ver­brei­te­te Po­li­ti­ker­ty­pus rhe­to­ri­sche Flos­keln ab­son­dert, die nichts zu den­ken ge­ben, son­dern Rei­ze be­die­nen. Noch im Jahr 2014, als Cohn-Ben­dit ei­ner öster­rei­chi­schen Ta­ges­zei­tung in­ter­viewt wur­de, äu­ßert sich die »Com­mu­ni­ty« der »Po­ster« zum al­ler­größ­ten Teil nach dem Reiz-Re­ak­ti­ons­sche­ma, das durch Goog­le vor­ge­ge­ben ist: Cohn-Ben­dit ist am mei­sten – am mas­siv­sten – mit dem Be­griff Kin­der­schän­der (vul­go »Pä­do­phi­ler«) ver­knüpft, und nach sol­chen Ver­knüp­fun­gen funk­tio­nie­ren mitt­ler­wei­le die Ge­hir­ne. Im er­wähn­ten In­ter­view blickt der sieb­zig­jäh­ri­ge Cohn-Ben­dit auf sein Le­ben, das Le­ben sei­ner Fa­mi­lie und die Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te zu­rück. Die Kom­men­ta­re der mei­sten »Nut­zer« (vul­go »User«) zei­gen ein völ­li­ges Des­in­ter­es­se an die­sen In­hal­ten; ver­mut­lich wer­den län­ge­re Ar­ti­kel der In­ter­net­aus­ga­be der Zei­tung nur über­flo­gen oder auf Reiz­wörter ab­ge­ta­stet, viel­leicht mit­hil­fe ei­ner Such­ma­schi­ne. Die Wir­kung der allgegen­wärtigen Such­ma­schi­nen geht da­hin, daß de­ren Nut­zer sich kei­ner­lei Sor­gen um den Wahr­heits­ge­halt von Da­ten, die Be­rech­ti­gung von Vor­wür­fen, die Trif­tig­keit von Ur­tei­len mehr ma­chen. Was auf die­se Wei­se ver­lo­ren­geht, ist der Sinn für die An­nä­he­rung an Wahr­heit, für die Kom­ple­xi­tät von Er­kennt­nis­pro­zes­sen, ist die ge­bo­te­ne Vor­sicht beim Ur­tei­len. Un­ter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen ist es kein Wun­der, daß im In­ter­net, und das heißt: in den Köp­fen der Men­schen, Pa­ra­noia und Verschwörungs­theorien so stark wu­chern wie noch nie. Die­sen ex­trem ver­kür­zen­den Er­klä­rungs­mo­del­len (die den Na­men »Er­klä­rung« nicht mehr ver­die­nen) ent­spricht als Em­pö­rungs­re­ak­ti­on das, was seit ei­ni­gen Jah­ren als shits­torm be­zeich­net wird. Dort, wo man frü­her »Kri­tik« ge­übt hät­te, gießt man Jau­che über die Ge­gen­stän­de der Ab­nei­gung. Es liegt auf der Hand, daß sol­che Ver­hältnisse das Hoch­kom­men von au­to­ri­tä­ren Po­li­ti­kern so­wie von Po­pu­li­sten jeg­li­cher Cou­leur be­gün­stigt; Per­so­nen, die ab­wä­gen, Ge­dan­ken­gän­ge er­läu­tern, Auf­fas­sun­gen von Geg­nern mit­be­den­ken und ei­ge­ne Irr­tü­mer ein­ge­ste­hen, ha­ben da­ge­gen we­nig Chan­cen. Auf deutsch klingt der Be­fund im­mer noch deut­li­cher als im Glo­ba­li­sie­rungs­eng­lisch: an der Stel­le von Dis­kur­sen und Dia­lo­gen fließt ver­ba­le Schei­ße. Es wä­re ge­nau­er, von »Strö­men« zu re­den, nicht von luf­ti­gen Stür­men. Scheiß­flüs­se ha­ben die Ten­denz, sich in Main­streams zu ver­wan­deln. Auch dies ein Me­cha­nis­mus des In­ter­nets, sei­ner Such‑, Ver­knüp­fungs- und As­so­zi­ie­rungs­ma­schi­nen.

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Mar­tin Ge­ss­mann: Mit Nietz­sche im Sta­di­on

An­mer­kung zur Le­se­run­de:

Der Text zu Ge­ss­mann ist viel­leicht et­was lang ge­wor­den. Un­ge­dul­di­gen sei ge­sagt, dass der Pro­log »Fuß­ball und Po­li­tik« nicht zwin­gend für das Ver­ständ­nis der Äu­ße­run­gen zum Ge­ss­mann-Buch ist. Es ist viel­leicht auch ein biss­chen un­fair, noch ein zwei­tes Buch ins Spiel zu brin­gen, aber ich konn­te nicht wi­der­ste­hen. Wer möch­te, kann den Pro­log über­sprin­gen und so­fort auf Auf­tritt der Phi­lo­so­phen klicken.

Pro­log: Fuß­ball und Po­li­tik (Nor­bert Seitz)

Als bei der Fuß­ball-WM 1998 Gast­ge­ber Frank­reich Welt­mei­ster wur­de, in­iti­ier­te Da­ni­el Cohn-Ben­dit, da­mals Mo­de­ra­tor der Schwei­zer Li­te­ra­tur­sen­dung »Li­te­ra­tur­club«, ei­ne »Spe­zi­al­sen­dung«, die dann tat­säch­lich ei­nen Tag nach dem End­spiel aus­ge­strahlt wur­de. Am Ort, an dem nor­ma­ler­wei­se über li­te­ra­ri­sche Neu­erschei­nun­gen dis­ku­tiert wur­de, lud der sicht- wie hör­bar auf­ge­wühl­te Mo­de­ra­tor vier Gä­ste ein, um über Par­al­le­len zwi­schen Fuß­ball und Po­li­tik und den viel­leicht hier­aus re­sul­tie­ren­den Kon­se­quen­zen zu disku­tieren.1 Cohn-Ben­dit führ­te die Run­de ziel­ge­rich­tet in ei­ne Dis­kus­si­on um ein Buch von Nor­bert Seitz mit dem Ti­tel »Dop­pel­päs­se«. Seitz’ Buch wur­de sei­ner­zeit stark re­zi­piert Der Ti­tel ist dop­pel­deu­tig. Zum ei­nen geht um den Dop­pel­pass zwi­schen Fuß­ball und Po­li­tik (das, was man hoch­tra­bend In­ter­de­pen­den­zen nen­nen könn­te), zum an­de­ren wird auf die Mög­lich­keit der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft an­ge­spielt, die En­de der 1990er Jah­ren in Deutsch­land für gro­ße Dis­kus­sio­nen sorg­te. Ver­kürzt lau­tet die The­se des Bu­ches, dass sich der Zu­stand und die po­li­ti­sche La­ge ei­ner Ge­sell­schaft (vul­go: Na­ti­on) in de­ren Fuß­ball­spiel spie­gelt (und um­ge­kehrt!).

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  1. Zu Gast waren die Historikerin Christiane Eisenberg, der Theaterregisseur und –intendant Stephan Müller, Johnny Klinke, der als "Lebenskünstler" vorgestellt wurde (er betreibt ein Varieté-Theater in Frankfurt, der Heimatstadt Cohn-Bendits) und der Schriftsteller Thomas Hürlimann

Der Wald und die Bäu­me (I)

Se­cond li­ves

Im Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten pri­vi­le­giert Mu­sil das, was er »Mög­lich­keits­sinn« nennt, ge­gen­über dem Wirk­lich­keits­sinn. Er tut es häu­fi­ger am Be­ginn des Ro­mans als in spä­te­ren Pas­sa­gen; die Pro­ble­ma­tik tritt mit dem sta­gnie­ren­den Fort­schritt der Be­ge­ben­hei­ten in den Hin­ter­grund. Mu­sil schrieb in ei­ner Zeit, da die Aus­rich­tung auf die Wirk­lich­keit und die Be­dacht­nah­me auf die Wir­kung des ei­ge­nen Han­delns noch selbst­ver­ständ­lich, viel­leicht all­zu selbst­ver­ständ­lich wa­ren. Im drit­ten Ka­pi­tel de­fi­niert die Er­zähl­in­stanz des Ro­mans die mit Mög­lich­kei­ten spie­len­den (oder ar­bei­ten­den) Ideen als »noch nicht ge­bo­re­ne Wirk­lich­kei­ten«, er geht al­so da­von aus, daß das Mög­li­che frü­her oder spä­ter ver­wirk­licht wer­de. Ul­rich, die Zen­tral­fi­gur des Ro­mans, bleibt zwar lang­fri­stig bei sei­ner Nei­gung, Hy­po­the­sen auf­zu­stel­len und de­ren Im­pli­ka­tio­nen zu durch­den­ken, ver­liert aber mehr und mehr das von An­fang an kärg­li­che In­ter­es­se, aus dem, was er denkt, auch »et­was zu ma­chen«. Er ver­läuft sich ge­wis­ser­ma­ßen in sei­ner plu­ra­len Welt der Möglich­keiten und ver­liert die Lust, sich um Ver­wirk­li­chun­gen zu be­mü­hen (was als Se­kre­tär der Par­al­lel­ak­ti­on ei­gent­lich sei­ne Auf­ga­be wä­re).

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Es ist ein Jam­mer

Al­so jetzt noch ei­ne Be­spre­chung von Akif Pi­rin­çcis »Deutsch­land von Sin­nen«? Noch ein Text, der die Men­schen­ver­ach­tung die­ses Bu­ches her­vor­hebt, die scheuß­li­che Spra­che gei­ßelt? Die­se tat­säch­lich fürch­ter­li­chen fast 230 Sei­ten, auf de­nen Pi­rin­çci auf die »links­versiffte Pres­se« schimpft, die »Fi­gu­ren aus dem Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett« (Po­li­ti­ker), »Mul­ti­kul­ti-En­gel aus dem Rot­wein­gür­tel« (die »Kindersex«-Grünen, die­ser »kom­plett über­flüs­si­ge Ver­ein«), die »so­zi­al­päd­ago­gi­sche Witz­ju­stiz« (spä­ter leicht va­ri­iert zur »deutsche[n] Au­gen­zu­drück-Ju­stiz«) und das EU-»Gesindel«. Die­ser Rausch des Au­tors, wenn es um den Is­lam geht (»ge­walt­a­ffi­ne und lei­stungs­feind­li­che Ideo­lo­gie«, die seit Jahr­hun­der­ten kei­ne Er­fin­dung mehr zu­stan­de ge­bracht ha­be [En­zens­ber­ger lässt grü­ßen] und Deutsch­land un­wei­ger­lich in ein schreck­li­ches »Eu­ra­bia« stür­zen wird), die »Geistes­krankheit na­mens Gen­der Main­stream« (nebst »Kampf­les­ben«) und die »Ver­got­tung« der Ho­mo­se­xua­li­tät. Al­so noch ein lang­wei­lig-selbst­ge­rech­ter Ge­gen­text, der sich am En­de in der Ge­wiss­heit suhlt, ir­gend­wie doch auf der rich­ti­gen (vul­go: der an­de­ren) Sei­te zu ste­hen und den Au­tor à la »heu­te show« mit ähn­li­chem Duk­tus zer­rupft wie er dies mit der von ihm so ver­hass­ten Ge­sell­schaft, dem jour­na­li­sti­sche Estab­lish­ment, prak­ti­ziert?

Und wenn man dies ver­mei­den möch­te – was dann? Ist Pi­rin­çci ein Wie­der­keh­rer des ta­xi­fah­ren­den Tre­vis Bick­le, der sich aus lau­ter Ekel vor dem »Ab­schaum«, der ihm be­geg­net in Selbst­ju­stiz flüch­tet und da­für ur­plötz­lich in der Öf­fent­lich­keit als Held ver­ehrt wird? Oder nur ein rhe­to­ri­scher Amok­läu­fer, ein Al­fred Tetzlaff rel­oa­ded, je­ner »Ekel Al­fred« ge­nann­ten Fi­gur aus der An­ti-Fa­mi­li­en­se­rie der 1970er Jah­re »Ein Herz und ei­ne See­le«, die in­zwi­schen ei­nen Kult­sta­tus er­reicht hat? Wolf­gang Men­ge, der die Idee zu die­ser Se­rie aus Groß­bri­tan­ni­en über­nom­men und auf deut­sche Ver­hält­nis­se an­ge­passt hat­te, in­sze­nier­te die Fol­gen wie ein Kam­mer­spiel auf der Büh­ne vor Pu­bli­kum. Tetzlaff wur­de zur ex­em­pla­ri­schen Spie­ßer-Fi­gur, der schon op­tisch ein­stimm­te: klein, fast im­mer mit Pan­tof­feln, meist lie­der­lich im Un­ter­hemd her­um­sit­zend, vor al­lem je­doch mit sei­nem spe­zi­el­len Ober­lip­pen­bart und der Fri­sur durch­aus (und ge­wollt) von Fer­ne an Adolf Hit­ler er­in­nernd. Die Ge­sin­nung Al­freds war schon auf den er­sten Blick klar.

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»Ich wür­de auch Adolf Hit­ler in­ter­view­en«

Der Jour­na­list, Bio­graph und Re­por­ter Mal­te Her­wig hat­te Ra­do­van Ka­ra­džić, der als ei­ner der Draht­zie­her des Mas­sa­kers von Sre­bre­ni­ca gilt, des größ­ten Kriegs­ver­bre­chens in Eu­ro­pa nach dem Zwei­ten Welt­krieg, im Ge­fäng­nis in Sche­ven­in­gen be­sucht und in ei­ner ein­drucks­vol­len Re­por­ta­ge da­von im letz­ten »SZ-Ma­ga­zin« zu­sam­men mit Ro­nen Stein­ke be­rich­tet.1 Mal­te Her­wig war so freund­lich, ei­ni­ge Fra­gen hier­zu be­ant­wor­ten.2

Be­gleit­schrei­ben: Sie ha­ben Ra­do­van Ka­ra­džić be­sucht und ge­spro­chen. Konn­ten Sie im­mer wäh­rend des Ge­sprächs von den ihm zur Last ge­leg­ten Ta­ten ab­stra­hie­ren?

Mal­te Her­wig: Ja, ein sach­li­cher Zu­gang ist die ein­zi­ge Ge­sprächs­ba­sis für ein gu­tes In­ter­view. Ich wür­de auch Adolf Hit­ler in­ter­view­en – vor­aus­ge­setzt er ist ge­stän­dig. Es ist doch fei­ge und un­ehr­lich ge­gen­über dem Pu­bli­kum, wenn man sich em­pört und Fra­gen stellt im Duk­tus von: »Sie sind ein bö­ser Mensch, was sa­gen Sie da­zu?«. Ich ha­be Mör­der, Gei­stes­kran­ke und Ras­si­sten in­ter­viewt. Aber der In­ter­view­er ist kein Rich­ter. Mich in­ter­es­siert nicht, ob mei­ne Ge­sprächs­part­ner gu­te oder schlech­te Men­schen sind, son­dern was sie zu ih­ren Ta­ten an­ge­trie­ben hat.

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  1. "Gesichter des Todes" - "Süddeutsche Zeitung Magazin" Nr. 19, 9. Mai 2014, S. 12-18 

  2. Die Fragen und Antworten wurden per E-Mail ausgetauscht. 

Die Kri­se in der Ukrai­ne, die Rol­le der EU und das Po­si­ti­ons­pa­pier der Ne­os

Der Aus­gangs­punkt: Das Un­be­ha­gen mit Po­li­tik und Be­richt­erstat­tung

Es wä­re falsch zu be­haup­ten, dass die Me­di­en oder die Po­li­tik, die als ei­ne sol­che En­ti­tät gar nicht exi­stie­ren, in ih­rer Ge­samt­heit ein schwarz-wei­ßes Bild ge­zeich­net hät­ten und es noch im­mer tun, aber in der Brei­te der Be­richt­erstat­tung, in dem was man so hört, dem das auch der po­li­tisch we­nig In­ter­es­sier­te mit­be­kommt, tritt es deut­lich zu Ta­ge: Das Schwar­ze, das ist Russ­land oder per­so­na­li­siert: Pu­tin.

Die­ses Bild, das vie­le Bür­ger zu­min­dest ih­rem Ge­fühl nach für falsch hal­ten, be­darf der Kor­rek­tur, aber nicht im Sin­ne ei­ner Um­fär­bung, der Far­be Weiß, son­dern in der Wahl an­de­ren Dar­stel­lung, ei­ner in Grau­stu­fen: Aus­ge­wo­gen­heit statt zwei­er­lei Maß.

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