»Fragment/e über ei­ni­ge po­pu­lä­re Songs« (3)

(Nicht) in Stein ge­hau­en

Und die Mu­sik? Das ist die, die wir auch sonst aus un­se­ren Nacht­fahr­ten hö­ren: 60er. Kei­ne Far­ben mehr, ich will, dass sie al­le zu schwarz wer­den. Als hät­ten wir, auch mu­si­ka­lisch Hei­mat­lo­se, da noch ir­gend­wel­che An­schlüs­se zu schaf­fen. (Da­bei san­gen wir längst laut­hals mit. Es war das ein biss­chen wie mit dem eher we­nig ge­schätz­ten, aber dir ein­zig ver­trau­ten Song in der Juke­box, und wenn ihn dann ei­ner drückt, kannst du sei­ne Ein­gän­gig­keit nicht ver­wei­gern.)

Weit­hin ra­gen­de Turm­auf­bau­ten über der Land­schaft, schwarz. Schwarz ver­wu­cher­te Ve­ge­ta­ti­on der Gleis­an­schlüs­se. Auf den Roll­stahl­tü­ren der Fa­bri­ken ein schwar­zer Auf­trag, der so­gar die Graf­fi­tis ver­schluckt. Noch das Quarz­glas der Ober­lich­ter in den Ma­schi­nen­hal­len war schwarz an­ge­lau­fen ge­we­sen, und je­der ver­irrt in die Au­gen tref­fen­de Licht­strahl wie ein Trä­ger der Idee, er müss­te aus jung­fräu­li­che­ren Wel­ten sein. Mit schwar­zen Fin­ger­rän­dern.

Klar, dass ei­nem auch die Gif­te, dau­ernd ein­ge­speist, zu ho­möo­pa­thi­schen Le­bens­stof­fen wer­den, nach de­nen es ei­nen ver­lan­gen muss, wer­den sie ei­nem dann ent­zo­gen. Und dass ei­ner je­der sei­nem Ver­fall auch sei­ne ei­ge­ne Poe­sie ab­ge­win­nen muss. Ra­di­um ge­win­nen. Bil­der ka­men mir von öl-schlicki­gen Herz­kam­mern mit vor Drang schwarz quel­len­dem Blut, von un­term ko­chend­hei­ßen Was­ser­strahl damp­fen­den Män­nern, die wie­der zu wei­ßen wer­den, wal­speckig wie Mana­tis, ei­ne See­kuhart. Und zum Schicht­wech­sel ein Glei­ßen wie auf Schwarz­teer­schin­deln an ei­nem Frost­mor­gen, wie der Glanz auf den Schu­hen, die Ma­ja­kow­ski auf der Rodtschen­ko-Se­rie von ’24 trägt. – Aber auch das wohl schon zu pre-post re­tro-avant. Ge­sang von der Stra­ße, und dann flo­gen schon Stei­ne in un­se­re Fen­ster ...

Nach Re­gen­fäu­le und Pflan­zen­asche hat­te es ge­ro­chen, als wir ei­ne Hin­ter­trep­pe hinauf­mussten, am End­stück ei­ner Rei­he von So­zi­al­ba­racken, de­ren näch­ste ein­fach fehl­te, einge­stürzt, ab­ge­schnit­ten oder noch wäh­rend ir­gend­ei­nes Vor­kriegs da weg­ge­sprengt und nach er­sten Auf­räum­ar­bei­ten so be­las­sen wor­den war. Auf der Au­ßen­wand hat­te man an den un­ter­schied­li­chen Bleich­gra­den von Ta­pe­ten, an Ni­ko­tin- und Lebensniederschlags­färbungen in (durch die Au­ßen­ver­wit­te­rung noch ein­mal zart nach­ko­lo­rier­ten) Nu­an­cen die Pup­pen­stu­ben­um­ris­se der frü­he­ren Zim­mer er­ken­nen kön­nen. Und der Teil der Sied­lung, der vor­her, gleich an ein Ge­wer­beare­al an­schlie­ßend, viel­leicht ein­mal be­son­ders hat­te dar­ben müs­sen, bil­de­te jetzt de­ren En­de und ge­noss die Aus­sicht auf ei­ne ge­räum­te und seit­dem wild wu­chern­de Bra­che. Platt­ma­chen – ein Aus­druck von hier. Und ich hat­te die Auf­sa­ger der Ma­lo­cher in die Mi­kro­pho­ne am Werks­aus­gang nicht nur im­mer ver­däch­tig ste­reo­typ und ein­fäl­tig, son­dern auch noch wei­ner­lich ge­fun­den: Lie­ber woll­ten sie al­le ih­re stu­pi­de, le­bens­ver­kür­zen­de Fron fort­set­zen! (Und wir Heckys staub­lun­ge­nem Va­ter nach­ei­fern­den Rau­cher? Mach’ al­les schwarz!)

Ei­ne Rei­he ab­ge­wohn­ter, le­bens­ge­schwärz­ter Wohn­häu­ser al­so vor un­be­irr­ba­rem Grün. Und der Him­mel über der Ruhr ist wie­der blau? Frag nicht nach Son­nen­schein! An ei­ne Schul­stun­de mein­te ich mich schwach zu er­in­nern, in der be­spro­chen wur­de, wie das vor­zei­ten (vor Ge­nera­tio­nen), mal ein Wahl­slo­gan ge­we­sen war – und dann war es zu mei­ner Zeit zu den er­sten Smog­alar­men und Au­to­fahr­ver­bo­ten ge­kom­men. Hei­mat­kun­de. Und nie­mand weiß.

Doch hat­te ich, mit mei­nem Blick für Idyll und Re­ser­va­te, auch so­fort die Mög­lich­kei­ten ge­se­hen. Denn von die­ser teils weg­ge­haue­nen, nicht ein­mal ho­hen Bu­de, von dem jetzt wie log­gia-mä­ßi­gen Dach aus, über­blick­te man das gan­ze wei­te, von den Zu­rück­ge­blie­be­nen an­nek­tier­te Ge­län­de. Dort stan­den jetzt die Tau­ben­schlä­ge und Ka­nin­chen­stäl­le (und zwi­schen blü­hen­dem Di­stel­wald so­gar ein Bie­nen­stock). Und mit­ten­drin, in ei­ner da hin­ein ge­schla­ge­nen Lich­tung, lag ein Ver­samm­lungs­platz, mit fest­ge­stampf­ter Er­de ei­ne Art Are­na an­schei­nend auch für Schwof und Ricki­ticki. Und ein Mai­baum durf­te still ver­rot­ten.

Wohl eher ein Kral, wie Hecky ge­wohnt ab­fäl­lig mein­te. Aber für mich, erst recht am A der Welt, kam das her­an an teu­er­sten Rhein­blick. (Und von nichts lebt un­ser cha­rak­ter­lo­ses Hei­mat­städt­chen so sehr wie von dem Fluss.)

Und dann, ge­ra­de als der Typ, ein Schlönz, an­fan­gen woll­te uns auf sei­ner rui­nö­sen Ve­ran­da zu be­wir­ten – na­tür­lich muss­te es erst mal wie­der dau­ern, bis die Wa­re her­an­ge­schafft war -, hat­te Hecky mit ei­nem Hand­wisch hin zu den bis nach dort oben nach Kor­ro­si­on und Alt­öl rie­chen­den Tank­be­häl­tern zwi­schen den Grä­sern zu fra­gen sich nicht ver­knei­fen kön­nen: Und was, wenn ei­ner hier mal sein Streich­holz fal­len lässt? Mit kurz schmal wer­den­den Au­gen hat­te der an­de­re die nicht ganz aus­zu­schlie­ßen­de Les­art an Dro­hung zwar re­gi­striert, aber sie als le­dig­lich theo­re­tisch er­kannt. Und al­les war gut ge­gan­gen, im Ab­bren­nen ei­nes doch noch be­ru­hi­gend pünkt­li­chen Son­nen­un­ter­gangs. Ge­ra­de­zu hei­ter, bei ei­nem Glas Mul­ti­vit­amin­saft, hat­te ich mich ei­nem fast süd­li­chen Ge­fühl über­las­sen. (Ge­nau­so wie ich mich, wäh­rend der Vor­bei­fahrt ein­mal na­he ei­nes gi­gan­ti­schen In­du­strie­kom­ple­xes bei Ra­ven­na, wie im Ruhr­ge­biet ge­fühlt hat­te; nicht nur trägt man sein auf­dring­li­ches Ver­gleichs­wis­sen stets mit sich, es wer­den die Welt­ge­gen­den tat­säch­lich ein­an­der im­mer ähn­li­cher.)

Und jetzt, elek­tri­siert bis in die Haar­spit­zen, über­las­sen wir uns auf der Rück­fahrt die­ser Mu­sik – und da­mit um­so mehr den von ei­nem Drang auch noch nach Fa­ta­li­tät in un­se­ren Stoff­wech­seln fäl­li­gen Über­stei­ge­run­gen. (Und müs­sen in un­se­rer lär­mi­gen, von an­de­ren hoch-ok­ta­ni­gen Ab­bau­gif­ten vor­wärts ge­kick­ten Kon­ser­ven­do­se an Kar­re je­der­mann, der da drau­ßen, um­her­ir­rend in sei­nem ei­ge­nen Dun­kel, ei­nen Blick auf uns ha­ben mag, vor­kom­men wie sei­ne nie zu flie­hen ge­wuss­ten Schrecken.)

Im­mer­hin bei Din­gen wie sei­nen Ge­schäf­ten kann man sich kom­plett auf Hecky ver­las­sen. Mön­chisch, als hät­te er mit ei­nem Ge­nie für die Ge­las­sen­heit sämt­li­che ein­schlä­gig zu ab­sol­vie­ren­den (al­so zu ver­mei­den­den) Ge­sten in sich auf­ge­nom­men und zu der ei­nen an­ver­wan­delt, die zwei­fels­oh­ne sei­ne und al­so von al­len die über­zeu­gend­ste ist, be­herrscht er das Ze­re­mo­ni­ell, sein Geld hin­zu­le­gen und da­bei auf die Ge­gen­sei­tig­keit an nicht ei­gens her­vor­zu­keh­ren­den Freu­den zu zäh­len: auf die über den re­el­len Tausch wie auf die über ei­ne nicht wei­ter zu kom­pli­zie­ren­de Sa­che. Wäh­rend mir in sol­chen Mo­men­ten fast die Exi­stenz zur Ver­le­gen­heit ge­rät, mir das Sau­re der Bank­no­ten, das Ver­go­re­ne im Schweiß der ei­ge­nen Ban­gig­keit in die Na­se steigt, mir ein vor Man­gel an Ver­ar­bei­tungs­geist ge­ra­de nicht hin­rei­chend zu über­schla­gen­des Mu­ster im Tep­pich be­wusst wird, das Knar­ren ei­nes Stuhls, in dem Mo­ment, als der dar­auf sein Ge­wicht ver­la­gert, um nach et­was zu grei­fen ... mir tau­send De­tails plus die gan­ze Ab­ge­grif­fen­heit sol­cher Gen­re-Sze­nen zu Kopf stei­gen. Ich has­se das. Ama­teur!

Zu­viel Fun­ken­sprü­hen in un­se­ren Hir­nen, zu­viel fos­si­le Stof­fe in un­se­ren schwar­zen See­len. Zu­viel hu­sten­de Kurz­at­mig­keit in un­se­rer Lei­den­schaft. – Doch auch die Ver­derb­nis­se ge­hö­ren zum Le­ben! (Sol­len die Pu­ri­sten doch an ih­rer An­spruchs­lo­sig­keit ver­hun­gern!)

Oder zu viel Neo-Ex­pres­sio­nis­mus, meint Hecky. Und was ist mit dem Film, von dem du eben ge­re­det hast? – Zu­viel Kol­ben­fres­se­rei am Klein­hirn. Zu­viel schnel­ler Vor­lauf an Ge­fühl. – Da­bei füh­len sich ge­ra­de auf Speed mit sei­nen Ge­dan­ken­fluch­ten bild­haft ver­knapp­te Über­trei­bun­gen oft ir­gend­wie rich­ti­ger an. Und so­wie­so als die all­seits durch­ge­setz­te, all­zu oft an sich selbst dar­ben­de Nüch­tern­heit. Die Leu­te kön­nen eben oft nur die rich­ti­ge­ren Aus­las­sun­gen nicht den­ken.

Hecky meint Lost High­way, der mich wirk­lich mal be­ein­druckt hat, und den ich neu­lich nachts, wäh­rend ir­gend­ei­ner Wie­der­ho­lung, nicht mal mehr zu En­de an­se­hen moch­te. Auf ein­mal sag­te mir das al­les nichts mehr, ver­schro­be­ne Leit­mo­ti­ve, dop­pelt ein­ge­fal­te­te Plots, dop­pelt ver­wun­de­ne ödi­pa­le Drei­ecke. Und die konn­ten Hecky eh noch nie in­ter­es­sie­ren. (Aber es meint auch mei­nen vor­sich­tig ge­äu­ßer­ten, ge­wis­ser­ma­ßen schlei­chen­den Un­wil­len an un­se­rer Sa­che. An die­ser Au­to- als Aus­druck für un­se­re schon längst ein biss­chen leer­lau­fen­de Ner­ven-Ra­se­rei. An den klau­stro­phi­schen Plots, in de­nen wir sel­ber stecken. Oder uns manch­mal mut­wil­lig hin­ein­ma­nö­vrie­ren.)

(Und et­wa an die­ser Stel­le geht mir auf, wie auch Sil­va­na und die an­de­ren Ruf­mäd­chen, wie auch Hed­da oder die Dro­ge­rie­markt-Bo­va­ri­en, die wir sonst so auf­rei­ßen ... wie so­gar das sein Wun­der aus­neh­men­de Kind ir­gend­wie Lynch-haf­te Prot­ago­ni­sten dar­in sind. Reiß­brett-Drei­ecke auf ei­nem Mess­tisch, den nie­mand mehr über­schaut. Und das wo­mög­lich ge­nau des­halb, weil das sonst Un­aus­weich­li­che­re fehlt, das Schick­sal­haf­te. Das Hin­der­nis auf der Stra­ße, das Ge­hau­en­sein an den Stein. Tod­si­cher wie das Re­zept zum Hap­py­end: dem mit un­ent­rinn­ba­rer Paar­bil­dung. Fi-nal-men­te, wie Hecky – mit ei­ner leicht gif­ti­gen Be­to­nung der ein­zel­nen Sil­ben – gern sagt. Und ich den­ke dann wirk­lich noch manch­mal an den Ab­spann al­ter ita­lie­ni­scher Fil­me.)

Viel­leicht wä­ren Kran­ken­schwe­stern ein Kom­pro­miss? Aber ver­fügt man erst über ei­nen ver­läss­li­chen Nach­schub an Dro­gen, braucht es auch (fast) kei­ne Freun­din­nen mehr. Und gibt es über­haupt noch was an­de­res als Gen­re-Vor­la­gen, die sich un­se­ren Le­ben unter­legen? Da­bei ist Le­ben schon im­mer das Hin­ter­her al­ler Vor­gän­gig­keit: Unabwend­bar, und Lie­be, der Un­fall, das dar­in Aus­er­zähl­te­ste über­haupt.

Ja, aber die Leu­te ver­langt es trotz­dem da­nach, im­mer wie­der! Hecky schlägt ein­mal zum Nach­druck aufs Lenk­rad. Dann noch ein wei­te­res Mal we­gen mei­ner Be­griffs­stut­zig­keit. Es ist eben auch so ein Stoff – was zur Er­fri­schung und zum Wech­seln. Fürs Ner­ven­ko­stüm, dem doch auch dau­ernd das Bren­nen­de­re fehlt!

Ja, schon klar. Nur ist, mit die­sem An­schein an Aus­weg­lo­sig­keit auch in ih­ren Va­ria­tio­nen, noch un­se­rer ei­ge­nen Sto­ry neu­er­dings et­was Un­ge­sun­des un­ter­ge­mischt – und das er­klärt sich nicht mit der blo­ßen Wie­der­ho­lungs­sucht des Ner­ven­sy­stems. Und auch nicht mit der War­nung an mich, die­se Art Be­schleu­ni­gung lang­sam mal run­ter­zu­fah­ren: Ist doch auch die Über­hol­spur nur so ei­ne Re­dens­wei­se, und sind al­le Re­dens­wei­sen ih­rer­seits ver­stopft.

Wäh­rend im­mer­hin die Stra­ßen nachts frei sind, für Be­we­gung und ein paar rasch zu wech­seln­den Ku­lis­sen im Kopf. – Man müs­se die Zen­tren der Städ­te ab­rei­ßen, hat­ten ein­mal als vi­sio­när gel­ten­de Ur­ba­ni­sten ge­sagt, man müs­se zu­min­dest die Ka­pil­la­re zu Ar­te­ri­en er­wei­tern, da­mit der Ver­kehr ge­lö­ster hin­durch­flie­ßen kann. – Klingt ja fast nach ... ? Ge­nau, nach Fu­tu­ris­mus, ei­nem Vor­läu­fer­tum un­se­res fo­re­ver young, für im­mer ei­lig. Nach frü­hen Speed­kids der Theo­rie. Und dann ist es nie ge­nug mit dem Er­wei­tern, mit dem Be­schleu­ni­gen, mit dem Mo­no­ma­nen der Ma­schi­ne ... mit der To­tal­mo­bil­ma­chung dann in bald sämt­li­chen ih­rer Blut­zu­fuh­ren: Wir sind schon auf Flucht­ge­schwin­dig­keit heißt es, und noch die un­ab­seh­ba­ren Ge­gen­war­ten, dem­nächst auch sämt­lich par­al­lel ge­schal­tet, sind bald zu­sam­men­ge­presst auf das Null-In­ter­vall. Viel­leicht ist es das – und wie es sich auf nichts ei­gent­lich rich­tet -, das ei­nen ir­gend­wann auch an den Avant­gar­den so furcht­bar mü­de wer­den lässt.

Doch kann auch nie­mand, der sich vor­aus glaubt erst noch um­ständ­li­che Rück­sich­ten neh­men. Und das je­wei­li­ge Nar­ko­ti­kum der Schaf­fens­drän­ge über­schreibt al­les, noch die Wut der Ver­wirk­li­chun­gen, die Ar­beit des Auf­ein­an­der­fol­gens – al­le My­then sind ana­chro­ni­stisch, je­de Ge­schich­te ist bes­ser als kei­ne Ge­schich­te, was be­steht und be­harrt, muss im Un­recht sein.

Wie ja auch die tat­säch­li­che Dro­ge al­les über­schreibt – und noch Trieb und Ge­füh­le, lim­bi­sches Sy­stem, und da­mit fast al­les, nach dem es sonst noch das ei­ne oder an­de­re Ver­lan­gen gibt. Das ei­nen aber nur an­ders­wie un­frei macht (wenn man mal ei­ne Zeit lang her­aus ei­nem Flie­gen­win­kel dar­auf starrt). Oder eben frei­er, in­dem es das ei­ne Ver­lan­gen zu­gun­sten al­ler ni­vel­liert und da­mit ein je­des ge­gen­über al­len an­de­ren er­leich­tert? Der Vor­teil des Ei­nen ist im­mer­hin Ge­wiss­heit. Nur ra­diert sich mit dem Über­schrie­ben­sein ein für al­le Mal dann auch der neu­er­lich grund­le­gen­de Text nicht mehr so ein­fach aus. – Und ist, so­zu­sa­gen, Fun­da­men­ta­lis­mus ein Stoff-Wech­sel-Pro­blem?

Du meinst von Mo­bil zu To­tal? Wir la­chen, aber ... es bringt mich gleich wie­der auf mei­ne Angst auch vor dem Ei­nen. Auf Furcht und Zit­tern. Vor der ei­nen Lie­be, dem ei­nen Ver­lan­gen, der ei­nen Un­um­stöß­lich­keit. Da­bei ist der Drang hin zum Aus­schließ­li­chem viel­leicht so et­was wie ein Pro­gramm? Ei­ne Art Ten­denz der Or­ga­ni­sa­ti­on von Ten­den­zen, weg von der Kom­ple­xi­on hin zur wün­schens­wer­ten (oder sel­ber um­fas­send zu wer­den wün­schen­den) Ein­deu­tig­keit? Zum Fi­nalment! Ja, von mir aus. Und die ei­ne Sucht da­nach, die es mehr oder min­der stark in mehr oder min­der je­dem von uns zu ge­ben scheint, ist nicht die nach ei­nem Stoff, son­dern nach der Auf­lö­sung dar­in, in die­sem Ei­nen? Der er­ste Kick, das er­ste Schau­er­ma­chen­de als die er­ste Hor­mon­aus­schüt­tung? Im In­trau­te­ri­nen? (Hör bloß auf!, meint Hecky: Bei so was schüt­telt es ihn; er be­haup­tet, er hät­te auch sei­ne Mut­ter schon im­mer ge­hasst.) Na gut, dann eben im Ozea­ni­schen. Je­den­falls muss die­ses Ei­ne Be­weis / Pro­to-Ob­jekt / Er­satz im­mer auch für das Ver­spro­che­ne sein – ge­nau­so wie, im Ge­walt­akt der Ver­ein­sei­ti­gung, für auch im­mer wie­der das Fal­sche! (Das Un­genügende.)

Bei al­ler Über­wach­heit, bei al­ler Eu­pho­rie der Ge­dan­ken­fluch­ten zwi­schen­durch ein biss­chen trüb auch in mei­nem Schwe­be­teil­chen­bad an Sin­nie­ren, schaue ich in die Nacht, als müss­te es je­den Mo­ment von dort­her kom­men. (Die Nacht, die auch ein Meer ist, wie die Leu­te am Meer im­mer aufs Meer hin­aus­schau­en, im­mer, als müss­te es vor ih­nen, aus dem gro­ßen Au­gen­lo­sen her­auf­stei­gen.) Auf das Mor­sen der wei­ßen Fahr­bahn­strei­fen un­ter un­se­rer Fuch­tel von Schein­wer­fer­licht schaue ich, und an­schei­nend hält es mich in der Spur. So bleibt auch je­ner Film sein ein­dring­lich­stes Bild, für un­ser Ra­sen auf der Stel­le, für über­haupt un­se­re Fluch­ten und Ab­ris­se, aus ver­lo­re­nen highs und igno­rier­ten one ways ent­lang der ge­stri­chel­ten Li­ni­en ei­nes das Il­lu­sio­nä­re ver­nä­hen­den Kon­ti­nu­ums, ei­nes an­zu­neh­men­den Zu­sam­men­hangs. (Das We­sent­li­che­re der Plots ist viel­leicht doch eher, die sie tra­gen­den, die ih­re Per­fo­ra­tio­nen über­brücken­den Bil­der zu fin­den?)

An­son­sten mengt sich das Un­ge­schie­de­ne, im glei­chen Aus­tausch: Stoff, Brand, die gan­ze Koh­le da­für, Fin­ster­nis­se, Ab­bau von In­nen­le­ben, für schnel­len Wa­ren­um­schlag ra­sen­de Be­för­de­run­gen des Smack. Schmackes. Al­les ei­ne ein­zi­ge, knapp un­ter­schie­de­ne dunk­le Ma­te­rie, die wir we­gen ih­rer Schwe­re­wel­len zwar ver­mu­ten, aber kaum er­fas­sen, nicht mal or­ten kön­nen.

Viel­leicht von da­her nun auch die­se Ef­fek­te? Ei­ner im­ma­te­ri­el­len, ei­ner nach ei­ner Wei­sung der Bil­der hin auf das Dun­kel dop­pel­ten Durch­läs­sig­keit? (Oder ei­ner ge­gen­ein­an­der durch­läs­si­gen Dop­pelt­heit?) Oder es sind die Kon­ti­nu­en, es sind auch die Bil­der je und je ei­ne Art Cel­lo­phan, ein Schweiß­film her­um das Gei­sti­ge, ei­ne un­ser Hirn in raf­fi­nier­te che­mi­sche Schau­er tau­chen­de Art syn­the­ti­sier­tes Leuch­ten, das un­ser aus­schau­en­des In­ne­res auf sol­che Wei­sun­gen hin durch­läs­sig macht.

(Am lin­ken Au­gen­rand, auf dem Ar­ma­tu­ren­brett, ein Di­oden­blin­ken, und ich lo­ka­li­sie­re es als ei­ne wär­me­emp­find­li­che Stel­le gleich un­ter­halb mei­nes lin­ken Joch­beins / für mei­ne Elek­tro­sin­ne ein Trig­gern / ist es im näch­sten Wim­pern­schlag ei­ne Glut­schlie­re im Glas aus Heckys Kip­pe. / An Frucht­flie­gen muss ich den­ken, und wie sie ih­nen heu­te Bio­lu­mi­nis­zenz, ein Glüh­würm­chen­gen, ver­er­ben oder Schmet­ter­lings­füh­ler ein­set­zen, für zu­sätz­li­che Wahr­neh­mun­gen von Ge­rü­chen und Tem­pe­ra­tu­ren, dass die Flie­ge so­fort und von Grund auf wahn­sin­nig ist. / Den Im­puls muss ich hem­men, mit der Hand in dem Atem­film auf der Wind­schutz­schei­be her­um­zu­wi­schen: / Hin­ter dem Schwarz, ei­ne star­re In­si­stenz über dem zäh­be­to­nier­ten Ver­kehrs­fluss, se­he ich mich sel­ber mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen auf das Schwarz­licht vor mir star­ren: das Fen­ster / zwi­schen dem an­de­ren und mir nur ein ver­wisch­ter Si­gnal-/Rausch­ab­stand. / Mach al­les schwarz.)

Über­haupt se­he ich im­mer öf­ter un­ser Durch­ge­paust­sein hin zu ei­nem sei­ne Aus­las­sun­gen um­krei­sen­den, wo­mög­lich längst all­zu durch­läs­si­gen, Lücken auf­wei­sen­den Le­ben. Kön­nen wir auch noch un­se­re ei­ge­nen Lücken den­ken? Es ist wie beim Te­aring, wenn plötz­lich die Gra­phik­lei­stung sinkt und es ab­rupt die Po­ly­go­ne der Tex­tu­re Maps vor ei­nem zer­reißt, dass man kurz nicht weiß, wel­che der Kon­ti­nu­en um ei­nen her­um, die aus ki­ne­ma­ti­schen Sei­fen­bla­sen oder die aus Koh­len­stoff, die ent­schei­den­de ist. Je nach Per­spek­ti­ve al­les Drei­ecke. Oder eben Ge­sichts­feld­de­fek­te. Träg­heit der Über­gän­ge in den ge­stauch­ten Kopf­wel­ten der Pi­lo­ten-Hel­den, Ab­raum der un­ge­nü­gend mit­ein­an­der ver­drill­ten Hand­lungs­wel­ten, Splitt und Bruch­tei­le der Se­kun­den-Ge­gen­war­ten al­ler vor­aus de­for­mier­ten Mit­ten uns hin­durch­zu­schleu­sen.

Viel­leicht ist das der ent­schei­den­de Un­ter­schied, der zwi­schen Fah­rer und Bei­fah­rer. Wäh­rend ich noch über je­des Hol­pern, je­des hoch ge­schleu­der­te Stein­chen an den Un­ter­bo­den des Wa­gens er­schrecke und über sei­nen Nach­hall ein paar Se­kun­den brau­che, sucht Hecky schon längst nach dem Re­set. Kann sein, die Tren­nung pas­siert eben an dem Ort, an dem wir zu­sam­men kom­men: Im Au­to, in der Ra­se­rei; vor dem Bild­schirm, der Wind­schutz­schei­be. Erst vor dem Ho­ri­zont ei­ner Tisch­kan­te, ih­rer Flucht­li­ni­en an sorg­fäl­tig ge­zo­ge­nen Aschen­bah­nen, um ein biss­chen dar­über hin­aus­zu­stäu­ben, sind wir dann wie­der zu­sam­men.

Ja, ich über­trei­be. Ich soll nicht sin­nie­ren, ich soll nicht leicht­fer­tig da­her­re­den. Ich soll kei­ne Lücken las­sen. Ich soll ihm nichts er­zäh­len.

Hecky liegt Aus­druck nicht so, und mei­ne ba­rocke Ader liegt ihm schon gar nicht. Und das oh­ne, dass er, was ihm ab­geht, durch et­was Bes­se­res als sei­ne Dau­er-La­ko­nie auf­zu­he­ben schafft. Und das ist es wohl auch, was uns dem­nächst ent­zwei­en wird, sei­ne ver­meint­li­che Un­an­rühr­bar­keit, mein un­ste­ter Drang – te­ar us apart. Hecky hält sei­ne Re­den nicht mit ei­nem Mund vol­ler Stei­ne. Zwar schät­ze ich oft sei­ne Di­rekt­heit. Aber ei­gent­lich – und es will ihm nicht auf­ge­hen (und das ist mit ihm auch noch mal an­ders als nur in der unter­schwelligen Kon­kur­renz lang­jäh­ri­ger Freun­de) – ei­gent­lich ist er, mit sei­ner Nei­gung zu brüs­kem Be­schleu­ni­gen, ei­ner, der die ihm un­ge­le­ge­nen Ar­ten von Ra­se­rei viel zu oft bremst.

Man könn­te sa­gen, Hecky ist da alt­mo­disch. Man könn­te über­haupt sa­gen, Hecky ist der gu­te al­te Va­ter-Sohn-Kon­flikt-Typ. (Näm­lich der schlech­te: we­gen dem ich, da völ­lig un­be­la­stet, trotz­dem in Nach­teil ge­ra­te, weil eben al­le Welt lie­ber wei­ter die ver­trau­ten Mu­ster un­ter­stel­len will.) Man könn­te sa­gen, Hecky ist wie die­se Mu­sik, die wir aus­schließlich auf un­se­ren Nacht­crui­sings hö­ren. Ich sel­ber ha­be da­von nicht mal ei­ne al­te CD. Und ist sie auch für uns bei­de kein Selbst­ver­ge­wis­se­rungs­sound, scheint die­se Band vor al­lem auch doch ei­ne, die für Er­in­ne­run­gen steht – für sol­che, die wir sel­ber nicht mehr ha­ben kön­nen, und die doch ir­gend­wie in uns hin­ein­ver­pflanzt wur­den. Er­in­ne­run­gen an et­was, des­sen An­läs­se man nicht mehr weiß. Und trotz­dem: Nicht die lä­cher­lich ernst ge­nom­me­ne Rock’n’Roll-Arbeit mit schwar­zen Rän­dern un­ter den Fin­ger­nä­geln ist das Mo­ment an At­trak­ti­vi­tät, son­dern die­ses fos­si­le Zeit­al­ter, die­ses 60er-Jen­seits der Band. Un­der my thumb.

So wie auch in der Mu­sik je­ner Null­punkt schon er­reicht scheint, der zwi­schen all den neu­en Gen­res und Mi­kro-Gen­res, der zwi­schen all den Ver­dün­nun­gen in Re­fe­renz­kos­men oh­ne Wi­der­hall, sind die 60er ei­ne Art ewi­ge An­fäng­lich­keit, ei­ne Un­schuld. Als könn­ten wir da­mit zu­rück in ei­ne Zeit, als zu­min­dest die zu der mut­maß­li­chen Art Le­ben dar­in ge­hö­ren­den mut­maß­li­chen Ge­füh­le noch mut­maß­lich Ori­gi­na­le wa­ren. Wenn auch wohl an­ders­wie un­per­fekt. Aber dar­in, in dem, was sie zu den­ken aus­lie­ßen, mut­maß­lich doch stim­mig. Und al­so über­zeu­gen­der. (Wenn es in un­se­ren Ober­flä­chen­wel­ten doch eh eher nur um Wahr­heits­ef­fek­te geht – oder eben Affek­te: Die ein­zi­ge Kraft, die das Re­tro-Ding auf­zu­he­ben ver­mag, ist die­se Mit­rei­ßung, das Te­aring in den je und je über­zeu­gen­de­re Au­gen­blick.)

Die­se Lon­do­ner Vor­stadt­band aber, ret­tungs­los über­holt, be­harrt ein­fach auf sich. Und man kann ih­re Früh­zeit oh­ne al­le Nost­al­gie be­trach­ten, im­mer wie­der, und sie bleibt in ih­rem Bern­stein ein­ge­schlos­sen, egal ob als die­ser An­fang oder als et­was von de­fi­ni­ti­ver Nach­zeit. Ein Post-Al­lem-Dings­da, ein Af­ter­math. Ei­ne Nach­le­se und ein Scher­ben­hau­fen. Aber fi­nalmen­te.

An das ein­mal aus­ge­stellt re­vo­lu­tio­nä­re Po­ten­zi­al der Band war wohl nie zu glau­ben – ein Ma­nage­men­trick. Aber auch über die Re­vo­lu­tio­nen blin­zeln wir ja, da die Ge­schwin­dig­keit ih­res Auf­tau­chens das Be­grei­fen der Phä­no­me­ne be­grenzt, heu­te in ei­nem Fin­ger­druck auf der Fern­be­die­nung hin­weg. Wir den­ken – oder es denkt die je nach Lau­ne sich über­schlagende oder ein­schlä­fern­de Ge­schich­te sich uns – in der Fre­quenz und den Wieder­holungs­raten un­se­rer Be­lich­tun­gen. Da ist so ein al­tes Zeug an Mu­sik – da sind ein paar raf­fi­niert ver­schlepp­te Riffs -, ge­fühlt noch star­ke Fol­ge­rich­tig­kei­ten. Auch wenn man au­ßer­halb ih­res aku­sti­schen Ein­fluss­be­reichs schon nicht mehr weiß, wo­für.

Bleibt die Un­an­ge­rührt­heit. Bleibt die Un­ein­sich­tig­keit des Au­ßen, wenn es Nacht und Au­to­ge­flacker, Bild und Ge­sichts­rän­der, wenn es ein paar Hirn­tier­qua­len und noch den Rush sel­ber end­lich zer­reißt. Für die ra­di­ka­le Aus­las­sung, für ein paar dann auch nicht mehr ge­zähl­te Se­kun­den. Und wä­re auch nur ei­nem We­ni­ger je mit Er­klä­run­gen bei­zukommen? Wenn un­se­re neue­re Mu­sik die Stei­ne be­we­gen könn­te – hat­te der bei die­sen Din­gen fäl­li­ge Nietz­sche sich ge­fragt -, wür­de sie die­se zu ei­ner an­ti­ken Ar­chi­tek­tur zu­sam­men­set­zen? Kei­ne Ah­nung, ob an­ge­sichts der Kom­pli­ziert­heit der La­gen, ob mit ei­ner un­heil­ba­ren Sucht am Aus­ein­an­der­flie­gen der Ver­hält­nis­se über­haupt an Ar­chi­tek­tur noch et­was er­he­bend oder ord­nend (oder auch nur wün­schens­wert) ist. Än­dert sich die Ton­art der Mu­sik, wackeln die Mau­ern der Stadt – und das galt auch schon mit Pla­ton, nicht erst seit John Peel.

Aber wo wä­ren sie heu­te, die neu­en Bau­stof­fe, die neu­en Ver­bund­ma­te­ria­li­en? Ich wuss­te nur zu gut, wie sehr ich mich sel­ber längst auf den all­zu locker auf­ge­schüt­te­ten Rand­spu­ren be­weg­te. So­gar der dau­ernd al­les um­zu­stür­zen be­rei­te Nietz­sche hat­te sich ge­ant­wor­tet: Ich zweif­le sehr.

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(Aus­zug aus ei­ner Er­zäh­lung)

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