Er kann es ein­fach nicht

Man nennt es »Mi­ran­da-Ur­teil« oder ein­fach nur »die Rech­te«. In Hun­der­ten von Kri­mis wur­den sie dem schein­bar oder tat­säch­lich über­führ­ten Mör­der vor­ge­le­sen. Sie be­gin­nen mit »Sie ha­ben das Recht zu schwei­gen…«. Das Recht, die Aus­sa­ge zu ver­wei­gern, ist ein es­sen­ti­el­les Recht ei­nes Ver­däch­ti­gen oder An­ge­klag­ten. Mit dem Schwei­gen ver­hin­dert er un­ter an­de­rem, sich in Wi­der­sprü­che zu ver­wickeln, die dann als He­bel der Be­weis­füh­rung ge­gen ihn die­nen könn­ten, was sich im zwei­ten Satz zeigt: »Al­les was Sie sa­gen, kann und wird vor Ge­richt ge­gen Sie ver­wen­det wer­den«. Da das Recht zu schwei­gen auch be­deu­tet, dass man auf Aus­sa­gen zur Ent­la­stung ver­zich­tet, ge­hen Lai­en zu­meist da­von aus, dass Schwei­gen ei­nem Tat-Ein­ge­ständ­nis gleich- oder min­de­stens na­he­kommt.

Auch Chri­sti­an Wulff muss die­ser Mei­nung sein. Nicht, dass er bei sei­nem Pro­zess ge­schwie­gen hat. Aber im Pro­zess ging es nicht um das, was ihn nach wie vor um­treibt: Die Me­di­en­kam­pa­gne ge­gen ihn und ge­gen sei­ne da­ma­li­ge Frau Bet­ti­na. Chri­sti­an Wulff schweigt da­zu nicht. Er schreibt dar­über ein Buch. Da­bei hat er wo­mög­lich den zwei­ten Satz sei­ner Rech­te nicht be­dacht.

Der El­der Sta­tes­man

Wulff ta­stet sich in dem Buch an die Kam­pa­gne um sei­nen Rück­tritt als Bun­des­prä­si­dent her­an. Da­bei wech­selt er stän­dig zwi­schen der Be­trach­tung der di­ver­sen Pha­sen des Skan­da­lons und sei­ner po­li­ti­scher Bio­gra­phie. Bei letz­te­rem ver­fällt er schnell in ei­nen sal­bungs­voll-pa­sto­ra­len El­der-Sta­tes­man-Ton. Po­li­tik ma­che ihm »Freu­de« liest man da und wir er­fah­ren, er füh­re sei­ne Her­de lie­ber von hin­ten (wie er es von Nel­son Man­de­la ge­hört ha­be). »Ich ha­be schon im­mer gern un­ter­schied­li­che Men­schen zu­sam­men­ge­führt und mo­ti­viert« steht da und der Kä­se ist dann end­gül­tig ge­schmol­zen. Von sei­ner Zeit als Mi­ni­ster­prä­si­dent schwelgt Wulff in den höch­sten Tö­nen. Selbst­lob ist durch­aus sei­ne Sa­che. Dass aus der ge­plan­ten feind­li­chen Über­nah­me von VW durch Por­sche der Volks­wa­gen-Kon­zern ge­stärkt her­aus­ging, bucht er groß­zü­gig auf sei­ne Sei­te. Bemerkens­wert sein Po­li­tik­ver­ständ­nis die­ses Am­tes. Als de­mo­kra­tisch ge­wähl­ter Po­li­ti­ker sieht er es als sei­ne Auf­ga­be an, Un­ter­neh­men »Hil­fe auf dem Weg zu neu­en Absatz­märkten« zu lei­sten. Viel­leicht kann mir je­mand die­se Stel­le in der nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sung ein­mal zei­gen? Ich ha­be nur §37 Ab­satz 1 ge­fun­den und dort steht un­ter an­de­rem: »Die Mi­ni­ster­prä­si­den­tin oder der Mi­ni­ster­prä­si­dent be­stimmt die Richt­li­ni­en der Po­li­tik und trägt da­für die Ver­ant­wor­tung.«. So­gar der Bun­des­prä­si­dent ist für Wulff ne­ben sei­nen re­prä­sen­ta­ti­ven und pro­to­kol­la­ri­schen Pflich­ten haupt­säch­lich da­zu da, »den Zusammen­halt und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit un­se­rer Ge­sell­schaft« zu för­dern. So­mit hat­te die Bull­shit-Phra­se »Wett­be­werbs­fä­hig­keit« mit Wulff Ein­zug ins Bel­le­vue und in das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ge­hal­ten.

Wah­len als Folk­lo­re

Er­staun­lich auch Wulffs Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie. Ge­schlos­sen­heit ist für ihn ei­ne Tu­gend und »voll­kom­men selbst­ver­ständ­lich«. Und er recht­fer­tigt of­fen den Fraktions­zwang. Wo kä­me man sonst hin, wird rhe­to­risch ge­fragt. In nur zwei Fäl­len sei die ge­hei­me Wahl in der Ver­fas­sung vor­ge­schrie­ben, so Wulff. In al­len an­de­ren Fäl­len le­gen die Ge­schäfts­ord­nun­gen der Par­la­men­te, dass öf­fent­lich ab­ge­stimmt wird, da­mit der Fraktions­zwang über­prüft wer­den kann [Her­vor­he­bung von mir]. Mit die­ser selbst­ge­fäl­li­gen Sicht geht er schließ­lich auch in die Bun­des­ver­samm­lung. Dort stan­den die Mehr­hei­ten »de fac­to von vorn­her­ein fest«, wie er mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit for­mu­liert. Ge­gen­kan­di­da­ten gin­gen zwar ins Ren­nen, hät­ten aber ei­gent­lich nie ei­ne Chan­ce. Da­her spre­che man, so Wulff, von »Zähl­kan­di­da­ten«. Gauck sei 2010 nur no­mi­niert wor­den, um die Rei­hen in der schwarz­gel­ben Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu ver­un­si­chern. Die Wahl zwi­schen Kan­di­da­ten ist für Wulff al­so ei­ne Verunsicherungs­kampagne; be­sten­falls ei­ne Art De­mo­kra­tie­folk­lo­re. Die Ap­pel­le von Bie­den­kopf und von Weiz­säcker, die bei­de mit Gauck sym­pa­thi­sier­ten, den »Frak­ti­ons­zwang« für die Wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten auf­zu­he­ben, be­geg­net Wulff mit ei­ner in­ter­es­san­ten Vol­te: Es ge­be gar kei­nen Frak­ti­ons­zwang, so Wulff, weil – und das muss man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen – in der »ge­schlos­se­nen Wahl­ka­bi­ne« ei­ne sol­cher Zwang »gar nicht durch­setz­bar« sei. Er spricht al­so nicht da­von, dass es Frak­ti­ons­zwang de ju­re gar nicht gibt, son­dern nur, dass er nicht durch­setz­bar ist. Wulff hat das in­for­mel­le Ver­bie­gen de­mo­kra­ti­scher Grund­rech­te be­reits der­art in­ter­na­li­siert, dass er gar nicht merkt, mit wel­cher Ver­ach­tung er frei ge­wähl­ten Ab­ge­ord­ne­ten da­mit be­geg­net. Wenn er sich dann spä­ter für mehr Dis­kus­si­ons­pro­zes­se in Par­tei­en stark macht und nicht je­den Dis­put gleich als »Streit« in den Me­di­en de­nun­ziert se­hen möch­te, ist das kaum noch glaub­wür­dig.

Mit sei­ner ei­ge­nen Beck­mess­er­haf­tig­keit weist Wulff dar­auf­hin, dass er im 3. Wahl­gang mit der ab­so­lu­ten Mehr­heit ge­wählt wur­de, die im 1. Wahl­gang an­ge­strebt war. Er sei da­mit nicht durch die Ent­hal­tung der Links­par­tei ge­gen­über Gauck ge­wählt wor­den. In Be­zug auf den 3. Wahl­gang hat er na­tür­lich Recht: Wä­re das Er­geb­nis im 3. Wahl­gang schon im 1. Wahl­gang er­reicht wor­den, wä­re Wulff so­fort Bun­des­prä­si­dent ge­wor­den. Gleich­zei­tig ist es aber auch nur die hal­be Wahr­heit: Hät­te näm­lich – rein theo­re­tisch – die Lin­ke im 1. Wahl­gang für Gauck (statt für ih­re Kan­di­da­tin Luc Jochim­sen) ge­stimmt, wä­re es gar nicht zum 3. Wahl­gang ge­kom­men und Gauck wä­re schon im 1. Wahl­gang mit 625 Stim­men Bun­des­prä­si­dent ge­wor­den. Der Zähl­kan­di­dat hät­te re­üs­siert – für Wulff ein na­he­zu un­denk­ba­rer Vor­gang, ein Un­glück.

Die Sa­che klingt ba­nal, of­fen­bart aber Wulffs Ver­an­ke­rung im Po­lit­be­trieb. Im Ka­pi­tel über sei­ne Bun­des­prä­si­dent­schaft be­klagt er sich dann über die pro­to­kol­la­ri­schen Re­geln, die ihn ge­fes­selt hät­ten. Bei­spiels­wei­se darf ein Bun­des­prä­si­dent sei­ne Ge­sprächs­part­ner nicht auf­su­chen – die Per­so­nen müs­sen zu ihm kom­men. Da­her hät­te er sich am En­de nicht aus­rei­chend be­ra­ten kön­nen, so der Te­nor. Tat­säch­lich hat­te es Wulff doch nicht zu­letzt durch die vir­tuo­se Cho­reo­gra­phie die­ser Re­gu­la­ri­en nach »ganz oben« in der po­li­ti­schen Hier­ar­chie ge­schafft.

Kei­ne Ge­schäfts­be­zie­hung?

Auch wo Wulff im wei­te­sten Sinn Recht hat, schlei­chen sich Un­ge­reimt­hei­ten ein. »Von ei­ner ak­ti­ven Zu­sam­men­ar­beit, gar ei­ner Ge­schäfts­be­zie­hung« mit dem Sprin­ger Ver­lag bzw. »Bild« »kann…keine Re­de sein«, so Wulff wuch­tig. Er, der in sei­ner Mail­box-Nach­richt an Kai Diek­mann vom »Bruch« spricht – was droht dort denn zu bre­chen? – re­det von »kontrollierte[r] Frei­ga­be« des Pri­vat­le­bens und legt noch nach: »Home-Sto­ries gab es mit uns nicht«. Na­tür­lich ist »Home-Sto­ry« ein dehn­ba­rer Be­griff, aber wie an­ders soll­te man das und das be­zeich­nen?

Und wenn es denn kei­ne »Ge­schäfts­be­zie­hung« gab, wie nennt man das, wenn Kai Diek­mann am 30. Sep­tem­ber 2010, drei Ta­ge vor der Re­de zum Tag der Deut­schen Ein­heit mit dem spä­ter kon­tro­vers dis­ku­tier­ten State­ment, mit Wulff und sei­ner Frau beim Früh­stück in Schloß Bel­le­vue sitzt? Ha­stig be­eilt sich Wulff dar­auf hin­zu­wei­sen, dass er En­de Ju­ni 2010, »al­so noch vor mei­ner Wahl«, ei­ne Ein­la­dung in Diek­manns Haus in Pots­dam an­ge­nom­men hat­te. Dies war nun so­zu­sa­gen die »Ge­gen­ein­la­dung«, die »seit län­ge­rem« ver­ab­re­det ge­we­sen sei. Was leicht un­ter­zu­ge­hen droht: Wulff war seit 3. Ju­ni Re­gie­rungs­kan­di­dat für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten. Die Wahl fand am 30. Ju­ni statt. »En­de Ju­ni« war Wulff bei Diek­mann – al­so un­mit­tel­bar be­vor er zum Bun­des­prä­si­den­ten ge­wählt wer­den soll­te. Wulff konn­te En­de Ju­ni trotz der Dis­kus­si­on da­von aus­ge­hen, dass er Bun­des­prä­si­dent wird (sie­he »Zähl­kan­di­dat«!). Diek­mann be­kommt al­so ei­ne Ge­gen­ein­la­dung, wenn Wulff im Amt sein wür­de. So­viel zum The­ma, es ge­be ei­nen »Ab­stand« zu den »Springer«-Medien und das Ver­hält­nis sei schwie­rig ge­we­sen, wie er an an­de­rer Stel­le schreibt. Wor­in die Schwie­rig­kei­ten be­stan­den ha­ben, schreibt er nicht. Denn im­mer­hin: Diek­mann be­kam an die­sem 30.9. Wulffs Re­de zum 3.10. zu le­sen. Al­lei­ne dies ver­bie­tet sich. Dann glaub­te er noch Wulff kor­ri­gie­ren zu müs­sen und mein­te, der Satz, der Is­lam ge­hö­re zu Deutsch­land, »gin­ge in kei­nem Fall«. Wulff be­merk­te Diek­manns »Miss­fal­len«, aber sei­ne Ent­schei­dung war ge­fal­len, wie er leicht ko­kett an­fügt. Er sei heu­te noch stolz, die­sen Satz ge­sagt ha­ben.

Me­phi­sto und Faust?

Für Wulff steht rück­blickend fest: Es war die­se Re­de, die vor­her mehr­fach ge­tä­tig­ten Aus­sa­gen zur »bun­ten Re­pu­blik« und – da wird es skur­ril – sein neu­er Stil der Weih­nachts­an­spra­che ste­hend und mit Men­schen als Zu­hö­rer (hier greift er aus­führ­lich die Kri­tik des Köl­ner Kar­di­nals Meis­ner auf, als wä­re die­ser für ei­nen Bun­des­prä­si­den­ten sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig ge­we­sen), die ihn am En­de ge­stürzt hat. Die im Netz kur­sie­ren­de The­se, er ha­be mit sei­ner Lin­dau­er Re­de zur Eu­ro- und Ban­ken­kri­se an­ge­eckt, stuft er als »Ver­schwö­rungs­theo­rie« ein. Statt­des­sen wen­det er sich dann im Lau­fe des Bu­ches sei­ner ei­ge­nen Ver­schwö­rungs­theo­rie zu.

Da »Bild« und Kai Diek­mann von Wulff voll um­fäng­lich zu den Haupt­schul­di­gen er­klärt wer­den, wer­den al­le In­di­zi­en in die­se Rich­tung ge­deu­tet. Als bei ei­nem Af­gha­ni­stan-Be­such Wulffs »Bild« kei­nen Kor­re­spon­den­ten da­bei hat­te, was man an­geb­lich vor­her mit Glae­se­ker, Wulffs Pres­se­mann, ein­ge­fä­delt hat­te, bebt der Me­phi­sto des deut­schen Jour­na­lis­mus durch be­red­tes Schwei­gen in der Re­dak­ti­ons­run­de.

Al­so war es Ra­che? Kein »Ver­wei­le doch, Du bist so schön…« war Wulff als Bundes­präsident ge­gönnt? Oder nur ei­ne »fa­ta­le Ab­fol­ge ge­gen­sei­ti­ger Ir­ri­ta­tio­nen«? Wie kann man sich als Bundes­präsident von der »Bild«-Zeitung »ir­ri­tie­ren« las­sen? Und was könn­te dar­an »fa­tal« sein?

Die Hö­he­punk­te der so­ge­nann­ten »Mailbox«-Affäre er­klärt Wulff schlüs­sig – aber es bleibt in sei­ner Fi­xie­rung auf Diek­mann nur die hal­be Wahr­heit. Wenn dem dann so wä­re, wenn al­so ei­ne Fi­gur wie Diek­mann die me­dia­le Macht be­sä­ße, nicht nur in sei­ner Po­stil­le son­dern in der na­he­zu ge­sam­ten Jour­na­li­sten­schaft den wir­kungs­mäch­ti­gen Me­phi­sto ab­zu­ge­ben – was wür­de das ei­gent­lich für ei­nen Staat wie die Bun­des­re­pu­blik be­deu­ten? Wulff kommt nicht ein­mal auf die Idee, die­se Fra­ge zu stel­len, son­dern zählt statt­des­sen die in Talk­shows und Re­dak­ti­ons­stu­ben ent­stan­de­nen Seil­schaf­ten auf. Das ist aber längst be­kannt und aus­gie­big do­ku­men­tiert wor­den.

Wür­de Wulff die auf ihn an­ge­zet­tel­te Jagd auf sich und sei­ne Per­son be­zie­hen, könn­te man ihn wo­mög­lich für pa­ra­no­id er­klä­ren. Schon um sich selbst zu schüt­zen nimmt Wulff ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Ur­sa­chen für die­sen me­dia­len Krieg an. Das kann man ma­chen – aber dann darf man sich nicht in An­deu­tun­gen er­ge­hen. Wenn es um die »bun­te Re­pu­blik« ging für die Wulff ein­trat und die »Sprin­ger«-, »Spie­gel«- und »FAZ«-Journalisten ver­hin­dern woll­ten, müss­te er Be­le­ge hier­für brin­gen. So er­in­nert er sich an den Dis­put mit Diek­mann beim Früh­stück nicht mehr. Das ist scha­de, denn hier könn­te ein grö­sse­res Mo­sa­ik­stein­chen zu fin­den sein. Denn bis­her wa­ren Leu­te wie Mink­mar, Pa­trick Bahn­ers, Frank Schirr­ma­cher, Ge­org Mas­co­lo und Til­lack nicht di­rekt da­für be­kannt, Par­tei­gän­ger Diek­manns und Blo­mes zu sein. Vor al­lem Bahn­ers at­tackiert er (oh­ne ihn zu nen­nen) ziem­lich un­nö­tig und in Ver­ken­nung von des­sen In­ten­ti­on. Die grund­sätz­li­che Fra­ge ist al­so: War­um mach­ten ir­gend­wann (fast) al­le mit?

Am 13.12.2011 war ich auch der Mei­nung, dass es tat­säch­lich um Wulffs Welt­of­fen­heit ging, die ei­ni­gen Jour­na­li­sten nicht ge­passt hat. Die­se war ja auch (und vor al­lem) in­ner­halb der Uni­on nicht oh­ne Wi­der­spruch. Was mich schon da­mals – vor der »Mailbox«-Affäre – skep­tisch stimm­te war die merk­wür­di­ge Ei­nig­keit in der Pres­se­land­schaft. Plötz­lich war – in al­ler Öf­fent­lich­keit – die »Bild« als in­ve­sti­ga­ti­ves, se­riö­ses Me­di­um mit »Spie­gel«, »FAZ« und an­de­ren so­zu­sa­gen sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig ge­wor­den.

Als die Punk­te Häu­ser­kauf, Lü­ge oder Nicht­lü­ge des nie­der­säch­si­schen Par­la­ments mehr oder we­ni­ger ins Nichts ver­puff­ten, trug Wulff mit sei­ner omi­nö­sen Mail­box-Nach­richt sel­ber zur Es­ka­la­ti­on der Me­di­en­spi­ra­le bei. Die ge­naue Ab­wick­lung die­ser Kam­pa­gne, wäh­rend der Kai Diek­mann die »Bild« als Ban­ner der Pres­se­frei­heit in­sze­nier­te, ist bei Mi­cha­el Göt­schen­berg nach­zu­le­sen. Wulff lie­fert in sei­nem Buch den Wort­laut der Mail­box-Nach­richt. Sie deckt sich bis auf drei von ihm vor­ge­nom­me­ne Er­gän­zun­gen mit dem Text, der am 14.12.2012, al­so fast ge­nau ein Jahr spä­ter, auf Fo­cus-On­line pu­bli­ziert wur­de. Wulff spricht von ei­ner »Rie­sen­dumm­heit«, die­sen Text auf ei­ne Mail­box ge­sprochen zu ha­ben. Er ha­be, so sei­ne Aus­sa­ge, die Mög­lich­kei­ten, die ein sol­cher Text als un­wi­der­ruf­lich ab­ge­spei­cher­tes Me­di­um bie­tet, un­ter­schätzt. Sei­ne Er­klä­rung hier­für, in ei­ner an­de­ren An­ge­le­gen­heit ha­be man ihm ei­ni­ge Wo­chen vor­her ge­ra­ten, doch ein­fach mal an­zu­ru­fen, mu­tet reich­lich na­iv an. Und man fragt sich mehr als nur ein­mal in die­sem Buch, wie ein aus­ge­buff­ter Po­lit­pro­fi wie Wulff ei­ne der­art un­be­darf­te Hal­tung an den Tag le­gen kann. Und man fragt sich zwei­tens wo denn sei­ne Be­ra­ter, Pres­se­spre­cher und son­sti­gen Hel­fer ge­we­sen sind.

Der Sün­den­fall: Diek­manns Schmie­ren­thea­ter wird von den »Qua­li­täts­me­di­en« wil­lig be­glei­tet

De­tail­liert schil­dert Wulff, wie Diek­mann die »Bild« nun suk­zes­si­ve als »Op­fer« ei­nes Po­li­ti­kers, der durch die Hin­ter­tür ei­nen »An­schlag« auf die Pres­se­frei­heit im­ple­men­tier­te. Wulffs Wahr­neh­mun­gen der ent­schei­den­den Fern­seh­sen­dun­gen – Gün­ther Jauch und auch das In­ter­view mit Deppendorf/Schausten – decken sich weit­ge­hend mit Göt­schen­bergs Er­läu­te­run­gen. »Spie­gel« und »FAZ« hin­gen so­zu­sa­gen an den Lip­pen von »Bild«. Da­bei kann­ten nur die we­nig­sten den ge­nau­en Wort­laut der Mail­box-Nach­richt. Aber Jour­na­li­sten sind es ja eh ge­wohnt, nicht ge­nau und voll­stän­dig zu le­sen – es scheint eher stö­rend für das ei­ge­ne Welt­bild zu sein. Wulffs Nach­richt ist für sie ein Elf­me­ter oh­ne Tor­wart, wo­bei sie Schüt­zen sind, die ei­ne Au­gen­bin­de tra­gen. Aber die mar­tia­li­schen Be­grif­fe wie »Krieg« und »Ru­bi­kon« las­sen sich wun­der­bar aus dem Zu­sam­men­hang rei­ßen, ent­stel­len und durch den Zi­ta­te­wolf dre­hen.

Aber auch hier schießt Wulff zu­wei­len über das Ziel hin­aus. Et­wa wenn er über den »Lai­en­jour­na­lis­mus« wet­tert, der ihn aber doch gar nicht zu Fall ge­bracht hat. Oder, gra­vie­ren­der, auf ei­nen Ar­ti­kel in der FAZ vom 19.12.2011 hin­weist, in dem erst­mals rau­nend auf ei­ne Mail­box-Nach­richt an­ge­spielt wird und dann sug­ge­stiv schreibt: »Der Au­tor des Ar­ti­kels wur­de [Her­vor­he­bung von mir] zum 1. Ja­nu­ar Feuil­le­ton-Chef des Blat­tes.« Ge­meint ist Nils Mink­mar, der je­doch schon ei­ni­ge Mo­na­te vor­her zum Feuilleton­chef er­nannt wor­den war. Über­ra­schen­der­wei­se geht Wulff nicht en dé­tail dar­auf ein, dass je­mand wie Mink­mar, aber auch Ge­org Mas­co­lo (da­mals »Spie­gel«) den ge­sam­ten Ori­gi­nal­text der Mail­box-Nach­richt nicht ge­kannt hat­te (was in den Fern­seh­sen­dun­gen »Beck­mann« [Mink­mar] und »Gün­ther Jauch« [Mas­co­lo] sicht­bar war), aber bei­de den­noch »wuss­ten«, wie Wulffs Re­ak­ti­on zu be­wer­ten ist. Ei­ne grö­ße­re in­tel­lek­tu­el­le Verkommen­heit als sich über et­was of­fen­siv zu äu­ßern, was man nicht kennt, gibt es eigent­lich nicht.

Feind, In­tim­feind, Par­tei­freund

Al­so doch al­les »Bild« und Jour­nail­le? Ja und nein. Die Sa­che ist ver­mut­lich kom­pli­zier­ter. Die The­se von Ste­fan Nig­ge­mei­er, Wulff sei über ei­ne Falsch­mel­dung in »Bild« ge­stürzt, ist ver­kür­zend und falsch. Selbst Wulff sieht das kom­ple­xer. Die ma­ni­pu­lier­te Mel­dung der »Bild« dien­te der Staats­an­walt­schaft als In­iti­al, die Im­mu­ni­tät des Bun­des­prä­si­den­ten auf­zu­he­ben. Denn Wulff er­zählt, wer dort in­zwi­schen Platz ge­nom­men hat­te. Es sind die in­ter­es­san­te­sten Pas­sa­gen in sei­nem Buch, die man kurz mit dem Su­per­la­tiv von »Feind« zu­sam­men­fas­sen könn­te: Feind -> In­tim­feind -> Par­tei­freund. Selbst Wulffs Nach­fol­ger Da­vid McAl­li­ster gab auf dem Hö­he­punkt der Hatz auf Wulff die Di­rek­ti­ve aus, kei­ne So­li­da­ri­täts­adres­sen für den Bun­des­prä­si­den­ten ab­zu­ge­ben. Jour­na­li­sten hat­ten bei ihm sel­ber ei­ne klei­ne Ver­feh­lung ent­deckt – er hat­te ei­nen Leih­wa­gen (VW-Golf) zu ver­gün­stig­ten Kon­di­tio­nen er­hal­ten. Sei­ne Neu­tra­li­tät be­schütz­te ihn nun.

Aus McAl­li­sters Ka­bi­nett wur­de mit dem nie­der­säch­si­schen Ju­stiz­mi­ni­ster Bernd Bu­se­mann (CDU) ein In­tim­feind Wulffs tä­tig. Bu­se­mann hat­te sich ge­gen­über dem Mi­ni­ster­prä­si­den­ten Wulff öf­fent­lich ei­ne Il­loya­li­tät ge­lei­stet. Jah­re spä­ter wur­de Bu­se­mann im Rah­men ei­nes Ka­bi­net­t­re­vi­re­ments 2008 vom Kul­tus­mi­ni­ster auf das Amt des Ju­stiz­mi­ni­sters ge­lotst. Da­bei muss man wis­sen, dass Kul­tus­mi­ni­ster in den Bun­des­län­dern durch­aus wich­ti­ge Auf­ga­ben zu er­fül­len ha­ben, wäh­rend Länderjustiz­minister ei­gent­lich ziem­lich über­flüs­sig sind. Ihr »Hand­lungs­spiel­raum« sei »normaler­weise be­schränkt«; sie, die Län­der­ju­stiz­mi­ni­ster »füh­ren in er­ster Li­nie Auf­sicht über Ge­fäng­nis­se und Staatsanwalt­schaften«, so Wulff leicht sar­ka­stisch. Letz­te­res wird ihm dann tat­säch­lich noch zum Ver­häng­nis wer­den. Bu­se­mann, der schon frü­her auf Kon­fron­ta­ti­on zu Wulff ge­gan­gen war, be­kommt ur­plötz­lich auf sei­ner »ab­ge­scho­be­nen« Po­si­ti­on ei­nen He­bel in die Hand. Die Rech­nung lag schon lan­ge in der Schub­la­de – jetzt wird sie prä­sen­tiert.

Die zwei­te Per­son, die bei der Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt, ist Frank Lüt­tig, der da­ma­li­ge Lei­ter der Ab­tei­lung IV im nie­der­säch­si­schen Justiz­ministerium. Wulff hat­te durch Ein­spa­rungs­maß­nah­men Lüt­tigs Kar­rie­re »blockiert«. Erst nach des­sen Weg­gang wur­de Lüt­tig Ab­tei­lungs­lei­ter. Und kurz vor Bu­se­manns Aus­scheiden aus dem Ju­stiz­mi­ni­ste­ri­um (An­fang 2013 ver­lo­ren CDU/FDP die Landtags­wahlen) er­nann­te er Lüt­tig noch zum Lei­ter der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft in Cel­le, der vor­ge­setz­ten Be­hör­de der Staats­an­walt­schaft Han­no­ver. »Da­mit über­nahm Frank Lüt­tig die Auf­sicht über das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen mich, des­sen Er­öff­nung er als Ab­tei­lungs­lei­ter mit zu ver­ant­wor­ten ge­habt hat­te«, so Wulff. Merk­wür­dig, dass er nur am Ran­de fest­stellt, dass die Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät des Bun­des­prä­si­den­ten for­mal gar nicht durch ei­ne Staats­an­walt­schaft er­fol­gen kann. Das Grund­ge­setz sieht vor, dass nur das Bundesverfassungs­gericht ak­tiv wer­den kann – und auch nur für ei­ne gra­vie­ren­de Ver­feh­lung im Amt.

Man muss jetzt nicht sel­ber in dunk­le Mäch­te her­auf­be­schwö­ren, um die wach­sen­de Un­ver­hält­nis­mä­ssig­keit der Er­mitt­lun­gen ge­gen Wulff und sei­ne Fa­mi­lie zu ent­decken. Vor­wür­fe und an­geb­li­che Fund­stücke wa­ren zum Teil bi­zarr. So folg­te man dem Hin­weis, Wulff ha­be 1976 bei der Wahl zum Schü­ler­spre­cher sei­ne Mit­schü­ler mit »Af­ter eight« »be­sto­chen«. Die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen den er­mit­teln­den Be­hör­den und den Me­di­en führ­te zu die­sem Er­mitt­lungs­wahn­sinn, der dem Steu­er­zah­ler am En­de Mil­lio­nen Eu­ro ge­ko­stet hat. Man kann sich vor­stel­len, wie groß der Druck ge­we­sen sein mag, »et­was« zu »fin­den«. So­wohl für die Er­mitt­lungs­be­hör­den als auch für die An­klä­ger aus dem Jour­na­lis­mus stand viel auf dem Spiel. Am En­de wur­de Wulff »un­ein­ge­schränkt un­schul­dig« ge­spro­chen, was er gleich zu Be­ginn des Bu­ches er­wähnt.

Den­noch: Wulffs Wort­mel­dung ist fa­tal. Es be­ginnt schon beim Ti­tel des Bu­ches: »Ganz oben Ganz un­ten«. Jür­gen Kau­be weist rich­ti­ger­wei­se dar­auf hin, dass »Ganz oben« nicht pe­ku­ni­är ge­meint sei und Em­pö­rung über das »Ganz un­ten« da­her nicht an­ge­bracht sei. Dem stim­me ich zu. Aber nie­man­dem ist auf­ge­fal­len, dass der Ti­tel ei­ne An­ma­ßung ent­hält. Wulff spielt auf Gün­ter Wall­raffs Buch »Ganz un­ten« an, in dem Wall­raff An­fang der 1980er Jah­re in der Rol­le als tür­ki­scher Gru­ben­ar­bei­ter die Ar­beits­be­din­gun­gen und das so­zia­le Um­feld im Ruhr­ge­biet be­schrieb. (Man sa­ge mir nicht Wulff kennt Wall­raff nicht – er zi­tiert aus des­sen Buch »Der Auf­ma­cher. Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Es­ser war«.) Spä­ter im Buch er­zählt Wulff in höch­sten Tö­nen von sei­nem Be­such beim tür­ki­schen Staats­prä­si­den Gül und sei­nem freund­schaft­li­chen Ver­hält­nis zu ihm. Wulff sieht sich »Ganz un­ten«, da er für die Tür­ken Par­tei er­grif­fen hat, ja, er sieht sich wo­mög­lich als ei­ne Art Ali Le­vent, je­ner, für den sich Wall­raff aus­gab.

Ich ha­be in­zwi­schen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass Wulff in ei­ner Mi­schung aus selbst­verschuldetem Un­glück und nar­ziss­ti­schem Jagd­trieb ei­ni­ger wild­ge­wor­de­ner Ego­ma­nen ei­nem eben auch qua­li­täts­me­dia­len Blut­rausch er­lag, in dem sich zu Be­ginn meh­re­re Jä­ger gleich­zei­tig auf das glei­che Ob­jekt kon­zen­trier­ten. Zu­nächst be­gann ein Wett­kampf (»Bild«, »stern«, »Spie­gel«). Als »Bild« durch die Mail­box-Nach­richt prak­tisch über Nacht ein Faust­pfand in der Hand hat­ten, über­nahm »Bild« die Füh­rungs­rol­le. Wil­lig lie­ssen sich na­he­zu al­le selbst­er­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en vor den Kar­ren span­nen. Zu ver­lockend schien die Tro­phäe. Da nach der Eu­pho­rie die Vor­wür­fe nicht für ei­ne fort­lau­fen­de Skan­da­li­sie­rung taug­ten, wur­den nun al­le He­bel, auch die ab­sur­de­sten, in Be­we­gung ge­setzt. Gä­be ei­nen sol­chen Straf­tat­be­stand könn­te man von ei­ner Art in­for­ma­tio­nel­len Be­lä­sti­gung durch die Me­di­en spre­chen.

Wulff stol­per­te da­bei wie ein waid­wun­des Tier im­mer wie­der mit gro­ßem Schwung in die auf­ge­stell­ten Fett­näpf­chen, die aber, um im Bild zu blei­ben, nur leer wa­ren. Dass er 2010 di­rekt von der ak­ti­ven Po­li­tik in die re­prä­sen­ta­ti­ve Auf­ga­be wech­sel­te, stell­te sich als Ma­lus statt als Bo­nus her­aus. Zu tief war er in lan­des­po­li­ti­sche Ka­ba­le ver­strickt, in de­nen er sich in all den Jah­ren auch Fein­de ge­schaf­fen hat­te. Ihm ist übel mit­ge­spielt wor­den, aber er hat auch als Kri­sen­ma­na­ger ver­sagt, weil er zu lan­ge dar­auf bau­te, dass das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ihn schüt­zen wer­de. Am En­de ist es ver­rückt: Es ging gar nicht mehr di­rekt um die Per­son Wulff, son­dern um das Jagd­ob­jekt Bun­des­prä­si­dent. Wä­re Wulff Prä­si­dent ei­ner mitt­le­ren Be­hör­de ge­we­sen, wä­re die An­ge­le­gen­heit früh zu En­de ge­we­sen. Dass Wulff den Pro­zess durch­zog und nicht auf ei­nen Deal der Staats­an­walt­schaft ein­ging, hat die teil­neh­men­den Jour­na­li­sten ver­är­gert.

Ei­ne Auf­ar­bei­tung fand in ei­ni­gen Me­di­en durch­aus statt. Zag­haft be­gann bei ei­ni­gen Jour­na­li­sten ei­ne Art Re­fle­xi­ons­pro­zess. Mit dem Un­schulds­spruch des Ge­richts wur­de ih­nen der Wind aus den von ih­nen auf­ge­bläh­ten Se­geln ge­nom­men und aus den leer­gepusteten Backen jap­sten sie un­deut­lich, aber be­merk­bar um Ver­ge­bung. (Dies gilt und galt frei­lich nur für je­ne die noch nicht be­sof­fen sind in ih­rem Selbstheroisierungs­wahn.) Die Sach­ver­hal­te hät­ten in den näch­sten Jah­ren von neu­tra­len Pu­bli­zi­sten in Ru­he auf­ge­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Mit »Ganz oben Ganz un­ten« ist die­ses zar­te Pflänz­chen der De­mut wie­der akut vom Aus­ster­ben be­droht. Der Korps­geist be­ginnt sich zu re-for­mie­ren. Denn ei­nes hat die Af­fä­re ganz deut­lich ge­zeigt: Wenn es um Auf­la­ge und Ruhm geht, fin­den sich auch in der Pres­se­land­schaft für un­mög­lich ge­hal­te­ne Al­li­an­zen. Wulff hät­te aus dem Recht zu Schwei­gen ei­ne Pflicht ma­chen sol­len. Er hät­te sich mit ziel­ge­rich­te­ten po­li­ti­schen und/oder so­zia­len En­ga­ge­ments wie­der vor­sich­tig in das po­li­ti­sche Be­wusst­sein des Lan­des ein­brin­gen sol­len. Statt­des­sen bie­tet er mit teil­wei­se un­ge­nau­en und un­ge­len­ken For­mu­lie­run­gen wie­der neue An­griffs­flä­chen. So lang­sam ver­fe­stigt sich der Ein­druck: Er kann es ein­fach nicht.

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20 Kommentare zu »Er kann es ein­fach nicht«:

  1. Jürgen Gerrhard sagt:

    @ Gre­gor Keu­sch­nig
    »Den­ken ist vor al­lem Mut…« (L. Hohl)
    Kom­pli­ment, Sie ge­hö­ren zu den We­ni­gen, die das Buch kri­tisch ge­le­sen und durch Ih­re ein­sei­ti­ge Bril­le kom­men­tiert ha­ben. Ihr Kom­men­tar ge­hört als Pflicht­lek­tü­re zum Buch:
    » Die The­se von Ste­fan Nig­ge­mei­er, Wulff sei über ei­ne Falsch­mel­dung in »Bild« ge­stürzt, ist ver­kür­zend und falsch. Selbst Wulff sieht das kom­ple­xer. Die ma­ni­pu­lier­te Mel­dung der »Bild« dien­te der Staats­an­walt­schaft als In­iti­al, die Im­mu­ni­tät des Bun­des­prä­si­den­ten auf­zu­he­ben. Denn Wulff er­zählt, wer dort in­zwi­schen Platz ge­nom­men hat­te. Es sind die in­ter­es­san­te­sten Pas­sa­gen in sei­nem Buch, die man kurz mit dem Su­per­la­tiv von »Feind« zu­sam­men­fas­sen könn­te: Feind -> In­tim­feind -> Par­tei­freund… «
    Die The­se von SN ist nicht falsch, son­dern nur ein klei­ner Mo­sa­ik­stein aus dem kom­ple­xen Ge­samt­bild, das die ‘Wuff-Af­fä­re’ zur größ­ten Staats­af­fä­re seit Be­stehen der BRD macht, mit Hin­ter­män­nern hin­ter Hin­ter­frau­en im Kanz­le­ri­n­amt in Ber­lin. Die­se Staats­af­fä­re ist bis heu­te nicht auf­ge­ar­bei­tet wor­den: Zu­sam­men mit dem Rat­ten­nest ‚Han­no­ver‘ ha­ben sie das Wahl­er­geb­nis vom 22.09.2013, mit dem Frau Mer­kel von den 62 Mio. deut­schen Wahl­be­rech­tig­ten nach den Re­geln un­se­rer Par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie mit 311:320 Man­da­ten als Kanz­le­rin ab­ge­wählt wor­den war, in 83 Ta­gen Po­sten­scha­chers zu ei­ner Par­tei­en-Olig­ar­chie na­mens Gro­ße Ko­ali­ti­on per­ver­tiert, wie zu DDR-Zei­ten, mit der Gro­ßen Vor­sit­zen­den An­ge­la Mer­kel. Sie wur­de erst am 17.12.2013 von 462 Ab­ge­ord­netIn­nen von 621 Stimm­ab­ge­ben­den ge­gen den mehr­heit­li­chen Wil­len der 62 Mio. Wahl­be­rech­tig­ten er­neut als Kanz­le­rin des 18. Bun­des­ta­ges ge­wählt. Ih­re Amts­zeit war am 22.09.2013 vom Sou­ve­rän nicht ver­län­gert wor­den.
    http://www.dw.de/merkel-erneut-zur-bundeskanzlerin-gew%C3%A4hlt/a-17301547
    Kla­res Vo­tum mit ei­ni­gen Ge­gen­stim­men
    Als der Bun­des­tags­prä­si­dent um kurz nach 10 Uhr das Er­geb­nis ver­kün­de­te, brach er­neut lan­ger Bei­fall los. Noch be­vor Mer­kel die Wahl of­fi­zi­ell an­ge­nom­men hat­te, fiel ihr der Chef der Uni­ons­frak­ti­on, Vol­ker Kau­der, um den Hals und drück­te ihr ei­nen gro­ßen Blu­men­strauß in die Hand.
    Dann eil­ten SPD-Chef Sig­mar Ga­bri­el und der neue Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der SPD, Tho­mas Op­per­mann, auf die Kanz­le­rin zu. Nach an­fäng­li­chen Wi­der­stän­den an der Par­tei­ba­sis sind die So­zi­al­de­mo­kra­ten nun zu ei­ner ge­deih­li­chen Zu­sam­men­ar­beit mit der mäch­ti­gen Kanz­le­rin fest ent­schlos­sen. 76 Pro­zent der SPD-Mit­glie­der hat­ten für die gro­ße Ko­ali­ti­on ge­stimmt. Bei der Über­ga­be ih­res Gra­tu­la­ti­ons-Strau­ßes dräng­ten die bei­den So­zi­al­de­mo­kra­ten CSU-Chef Horst See­ho­fer kurz­zei­tig ab, des­sen Par­tei von An­ge­la Mer­kel mit drei we­ni­ger wich­ti­gen Mi­ni­ste­ri­en be­dacht wur­de, dar­un­ter Ver­kehr und Land­wirt­schaft.
    Ins­ge­samt be­kam Mer­kel 42 Stim­men we­ni­ger, als Uni­on und SPD Ab­ge­ord­ne­te im Bun­des­tag ha­ben.
    Zi­tat En­de
    ««
    Wah­len als Folk­lo­re
    Er­staun­lich auch Wulffs Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie. Ge­schlos­sen­heit ist für ihn ei­ne Tu­gend und »voll­kom­men selbst­ver­ständ­lich«. Und er recht­fer­tigt of­fen den Fraktions­zwang. Wo kä­me man sonst hin, wird rhe­to­risch ge­fragt. In nur zwei Fäl­len sei die ge­hei­me Wahl in der Ver­fas­sung vor­ge­schrie­ben, so Wulff. In al­len an­de­ren Fäl­len le­gen die Ge­schäfts­ord­nun­gen der Par­la­men­te, dass öf­fent­lich ab­ge­stimmt wird, da­mit der Frak­ti­ons­zwang über­prüft wer­den kann [Her­vor­he­bung von mir]. Mit die­ser selbst­ge­fäl­li­gen Sicht geht er schließ­lich auch in die Bun­des­ver­samm­lung. Dort stan­den die Mehr­hei­ten »de fac­to von vorn­her­ein fest«, wie er mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit for­mu­liert. Ge­gen­kan­di­da­ten gin­gen zwar ins Ren­nen, hät­ten aber ei­gent­lich nie ei­ne Chan­ce. Da­her spre­che man, so Wulff, von »Zähl­kan­di­da­ten«. Gauck sei 2010 nur no­mi­niert wor­den, um die Rei­hen in der schwarz­gel­ben Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu ver­un­si­chern. Die Wahl zwi­schen Kan­di­da­ten ist für Wulff al­so ei­ne Ver­un­si­che­rungs­kam­pa­gne; be­sten­falls ei­ne Art De­mo­kra­tie­folk­lo­re. Die Ap­pel­le von Bie­den­kopf und von Weiz­säcker, die bei­de mit Gauck sym­pa­thi­sier­ten, den »Frak­ti­ons­zwang« für die Wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten auf­zu­he­ben, be­geg­net Wulff mit ei­ner in­ter­es­san­ten Vol­te: Es ge­be gar kei­nen Frak­ti­ons­zwang, so Wulff, weil – und das muss man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen – in der »ge­schlos­se­nen Wahl­ka­bi­ne« ei­ne sol­cher Zwang »gar nicht durch­setz­bar« sei. Er spricht al­so nicht da­von, dass es Frak­ti­ons­zwang de ju­re gar nicht gibt, son­dern nur, dass er nicht durch­setz­bar ist. Wulff hat das in­for­mel­le Ver­bie­gen de­mo­kra­ti­scher Grund­rech­te be­reits der­art in­ter­na­li­siert, dass er gar nicht merkt, mit wel­cher Ver­ach­tung er frei ge­wähl­ten Ab­ge­ord­ne­ten da­mit be­geg­net. Wenn er sich dann spä­ter für mehr Dis­kus­si­ons­pro­zes­se in Par­tei­en stark macht und nicht je­den Dis­put gleich als »Streit« in den Me­di­en de­nun­ziert se­hen möch­te, ist das kaum noch glaub­wür­dig.
    ««
    Quel­le: https://www.begleitschreiben.net/er-kann-es-einfach-nicht/
    Die Be­schrei­bung der re­al-exi­stie­ren­den Par­tei­en-Olig­ar­chie in Ber­lin nach Vor­bild von Ost­ber­lin seit der schlei­chen­den Macht­über­nah­me durch Mer­kel-Schäub­le nach Kohls Sturz.

    #1

  2. Frank sagt:

    [Psst, Ty­po:
    Dann glaub­te er noch Wulff kor­ri­gie­ren zu mein­te [?] und mein­te, der Satz, der Is­lam ge­hö­re zu Deutsch­land, »gin­ge in kei­nem Fall«]
    [Kom­men­tar kann ge­löscht wer­den.]

    #2

  3. Klaus sagt:

    »Als bei ei­nem Af­gha­ni­stan-Be­such Wulffs »Bild« kei­nen Kor­re­spon­den­ten da­bei hat­te, was man an­geb­lich vor­her mit Glae­se­ker, Wulffs Pres­se­mann, ein­ge­fä­delt hat­te, bebt der Me­phi­sto des deut­schen Jour­na­lis­mus durch be­red­tes Schwei­gen in der Re­dak­ti­ons­run­de. «
    Ein­ge­fä­delt wur­de was? Dass KEINER da­bei sein durf­te? oder DASS ei­ner da­bei sein soll­te? Und wie­so beb­te (beb­te?) der Me­phi­sto (Diek­mann?) in der (wel­cher?) Re­dak­ti­ons­run­de?
    .
    Aber schön, dass aus­ge­rech­net Sie sich den Spaß ge­macht ha­ben und sich dies Mach­werk vor­ge­nom­men ha­ben. Dan­ke. Li­te­ra­tur ist es ja nicht. Die Bü­cher von Con­rad oder Na­bo­kov (und vie­le mehr) le­sen sich mit viel mehr Ge­nuss und Ge­winn. Doch wem sag’ ich das ...

    #3

  4. Anonymous sagt:

    Klei­ner Ein­wurf:

    »Er­staun­lich auch Wulffs Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie. Ge­schlos­sen­heit ist für ihn ei­ne Tu­gend und »voll­kom­men selbst­ver­ständ­lich«. «

    Wun­dert mich nicht, denn schon im Deutsch­land­lied steht die »Ei­nig­keit« vor dem »Recht« und der »Frei­heit«.

    #4

  5. Gast sagt:

    Das Ur­teil heißt »Mi­ran­da« (mit »a« in der Mit­te) und gilt, da es sich um ein Ur­teil des Ober­sten Ge­richts­hofs der USA han­delt, na­tür­lich auch nur dort.

    In Deutsch­land gilt § 136 Abs. 1 StPO: »Bei Be­ginn der er­sten Ver­neh­mung ist dem Be­schul­dig­ten zu er­öff­nen, wel­che Tat ihm zur Last ge­legt wird und wel­che Straf­vor­schrif­ten in Be­tracht kom­men. Er ist dar­auf hin­zu­wei­sen, daß es ihm nach dem Ge­setz frei­ste­he, sich zu der Be­schul­di­gung zu äu­ßern oder nicht zur Sa­che aus­zu­sa­gen und je­der­zeit, auch schon vor sei­ner Ver­neh­mung, ei­nen von ihm zu wäh­len­den Ver­tei­di­ger zu be­fra­gen. Er ist fer­ner dar­über zu be­leh­ren, daß er zu sei­ner Ent­la­stung ein­zel­ne Be­weis­erhe­bun­gen be­an­tra­gen und un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 140 Ab­satz 1 und 2 die Be­stel­lung ei­nes Ver­tei­di­gers nach Maß­ga­be des § 141 Ab­satz 1 und 3 be­an­spru­chen kann. In ge­eig­ne­ten Fäl­len soll der Be­schul­dig­te auch dar­auf, dass er sich schrift­lich äu­ßern kann, so­wie auf die Mög­lich­keit ei­nes Tä­ter-Op­fer-Aus­gleichs hin­ge­wie­sen wer­den.«

    #5

  6. Jun sagt:

    Ich glau­be ja im­mer noch, die gan­ze Af­fä­re war ein Schuss, der Qua­li­täts Jour­na­li­sten, vor den Bug der gro­ßen Par­tei­en.
    Nach dem Mot­to: guckt mal was mit un­lieb­sa­men Po­li­ti­kern pas­siert, üb­ri­gens könnt ihr euch, mit der rich­ti­gen Ab­stim­mung zum Lei­stungs­schutz­ge­setz, be­liebt ma­chen.

    #6

  7. @Klaus
    Vie­len Dank für den Feh­ler­hin­weis.

    »Bild« soll­te bei der Af­gha­ni­stan-Rei­se Wulffs da­bei­sein, weil man über ei­nen aus Si­cher­heits­grün­den ver­scho­be­nen Ter­min nicht be­rich­tet hat­te. Man muss sich das auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: Ein Ter­min für ei­nen Staats­be­such wird ver­scho­ben – die Grün­de lie­gen klar auf der Hand. Und dann dealt man mit »Bild«, dass man, wenn man das nicht ver­öf­fent­licht, dann beim näch­sten Be­such ei­nen Re­por­ter da­bei hat. Wulff schreibt in dem Buch nach­voll­zieh­bar, das er ei­nen »Bild«-Reporter gar nicht da­bei­ha­ben woll­te aus Furcht da­vor, dass sein Be­such so­zu­sa­gen in Echt­zeit pu­blik wird. Der »Spie­gel« be­rich­te­te dann von der Ab­sa­ge. – Als der Be­such statt­fand und Diek­mann in der Re­dak­ti­ons­kon­fe­renz frag­te, wer von »Bild« da­bei war, kam die Ant­wort »nie­mand«. Göt­schen­berg er­zählt dann von Diek­manns Schwei­gen – und der Be­deu­tung die­ses be­red­ten Schwei­gens. Es liest sich wie die be­lei­dig­te Ma­rot­te ei­nes Pa­ten.

    @Gast
    Auch Ih­nen Dank für die Kor­rek­tur.

    @Jun
    Das ist ei­ne in­ter­es­san­te The­se.

    #7

  8. Doktor D sagt:

    Ich hat­te ge­hofft, Wulff hät­te we­nig­stens an­satz­wei­se ein biss­chen Di­stanz zu sich selbst be­kom­men und könn­te uns ein biss­chen was über die Me­cha­nis­men der B- und C-Pro­mi-Wer­dung und -Selbst­ver­hun­zung er­zäh­len. Aber das scheint ja lei­der gar nicht der Fall zu sein.
    @Jun:
    Nein, eher nicht. Die gan­ze Wulff-Hatz le­se ich als Ver­such der Me­di­en, sich die ei­ge­ne po­li­ti­sche Macht noch ein­mal zu be­wei­sen bzw. als ei­ne Ein­fluss-Si­mu­la­ti­on. Und die hat in Wulff das idea­le Ob­jekt ge­fun­den: kaum rea­le Macht, schlech­te Ver­net­zung in der ei­ge­nen Par­tei, spek­ta­ku­lär schlech­tes Ur­teils­ver­mö­gen und Sta­tus-Un­si­cher­hei­ten so­wie Nar­ziss­mus – al­so ge­nau das, was ei­nem zum idea­len Op­fer der Bou­le­vard-Pres­se macht und das noch per Selbst­ein­lie­fe­rung zum Schlach­ten.
    Mit ei­nem Po­li­ti­ker, den sie selbst als mäch­tig an­se­hen, wür­den sie die­se Spiel­chen noch nicht mal ver­su­chen. Ge­ra­de nicht die Sprin­ger-Me­di­en. Die wis­sen sehr gut, wo Bar­tel den Most holt.
    Wirk­lich be­fremd­lich ist, was Gre­gor Keu­nig schon be­schrie­ben hat: pro­fes­sio­nel­le Be­ra­tung in Sa­chen Me­di­en­ar­beit scheint Herr Wulff ja nicht ge­sucht zu ha­ben. Ich ver­mu­te, wie­der so ein klas­si­scher Fall von Selbst­über­schät­zung, die zur Be­ra­tungs­re­si­stenz führt.

    #8

  9. @Doktor D
    Ein­mal schreibt Wulff: »Ich folg­te den Emp­feh­lun­gen mei­ner Be­ra­ter, die mich über­zeug­ten, dass ich mit ei­ner of­fen­si­ven Stra­te­gie schei­tern wür­de. Aber ich be­schloss, durch­zu­hal­ten.« (Die­ses »Aber« ist in die­sem Zu­sam­men­hang in­ter­es­sant.) Spä­ter noch ein­mal: »Im Nach­hin­ein be­trach­tet, wä­re es viel­leicht rich­tig ge­we­sen, da­mals in die Of­fen­si­ve zu ge­hen...« Es geht hier um die Skan­da­li­sie­rung sei­ner mit­tel­lo­sen Halb­schwe­ster.

    Un­klar bleib: Wer wa­ren die­se Be­ra­ter? (Ver­mut­lich eben kei­ne pro­fes­sio­nel­len, son­dern eher aus dem po­li­ti­schen bzw. in­sti­tu­tio­nel­len Um­feld.) Was be­deu­tet »of­fen­siv«? (Im Fall der Halb­schwe­ster schreibt er von ei­nem In­ter­view in SZ oder Zeit – auch be­mer­kens­wert: Das In­ter­view als ei­ne Art Hof­be­fra­gung?) Tat­säch­lich scheint sich Wulff auf das in ver­meint­lich Dra­chen­blut ge­ba­de­te Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ver­las­sen zu ha­ben. Viel­leicht war es die­ses brä­si­ge Ab­war­ten Wulffs, was zu­sätz­lich als Pro­vo­ka­ti­on ge­wer­tet wur­de.

    #9

  10. Richard Kotlarski sagt:

    All die­se Dis­kus­sio­nen ge­hen am Kern des Skan­dals vor­bei. Laut Grund­ge­setz ist wer min­de­stens 40 Jah­re alt ist, das pas­si­ve Wahl­recht be­sitzt und von der Bun­des­ver­samm­lung mit Mehr­heit ge­wählt wird – Bun­des­prä­si­dent – Punkt.
    Und laut Grund­ge­setz kann ein Bun­des­prä­si­dent nur vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des Am­tes ent­ho­ben, falls er ein schwe­res Ver­ge­hen oder ei­nen Ver­fas­sungs­bruch be­geht.
    Dass bei Wulff die Me­di­en mit ei­nem Bob­by­car und ei­nem Ok­to­ber­fest­be­such als Kor­rup­ti­ons­vor­wurf ei­nen Bun­des­prä­si­den­ten stürz­te ist der ei­gent­li­che Skan­dal.

    #10

  11. Doktor D sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig:
    »Tat­säch­lich scheint sich Wulff auf das in ver­meint­lich Dra­chen­blut ge­ba­de­te Amt des Bun­des­prä­si­den­ten ver­las­sen zu ha­ben.« – Das mei­ne ich mit spek­ta­ku­lär schlech­tem Ur­teils­ver­mö­gen: Wer nach dem Ab­ge­gan­gen wer­den von Horst Köh­ler glaubt (und nach den ei­ge­nen 3 Wahl­gän­ge, das Amt schüt­ze ihn, der hat er­staun­lich we­nig von Po­li­tik und Me­di­en ver­stan­den. Dass ei­gent­lich ver­wun­der­li­che ist für mich, dass Wulff es über­haupt bis zum Mi­ni­ster­prä­si­den­ten von Nie­der­sach­sen ge­schafft hat.

    #11

  12. @Richard Kot­lar­ski
    Den von Ih­nen ge­nann­ten Punkt streift Wulff im Buch nur sehr am Ran­de. Was be­deu­tet das? Dass Ge­set­ze ge­gen­über in­for­mel­len Re­gu­la­ri­en, die durch Me­di­en in­iti­iert und von po­li­ti­schen Geg­nern exe­ku­tiert wer­den, Vor­rang ha­ben?

    #12

  13. Doktor D sagt:

    @Kotlarski:
    Ge­stürzt hat ihn die ei­ge­ne Ei­tel­keit und Blöd­heit – und Fein­de in der ei­ge­nen Par­tei. Man macht es ihm viel zu leicht, wenn man die Ver­folg­ter der Me­di­en-Num­mer glaubt. Und über­schätzt enorm, was Me­di­en in der Po­li­tik (und auch in der Wirt­schaft) kön­nen und was nicht.

    #13

  14. @Doktor D
    Es im drit­ten An­lauf ge­schafft zu ha­ben – dar­auf ist Wulff stolz. Das merkt man dem Buch an. Sein Be­har­rungs­ver­mö­gen – ähn­lich dem von Hel­mut Kohl beim Kanz­ler wer­den. Die SPD war 2003 in Nie­der­sach­sen per­so­nell am En­de; Ga­bri­el wohl nicht so’n Men­schen­fi­scher wie Schrö­der (der den skan­da­li­sier­ten Glo­gow­ski zu­rück­ließ, der dann schnell »zu­rück­ge­tre­ten« wur­de). Die Er­geb­nis­se hat­ten sich zu 1998 um­ge­kehrt. Da­mals 48:36 (SPD:CDU), hieß es 2003 33:48 (SPD:CDU).

    #14

  15. Doktor D sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig: Dass macht es um­so selt­sa­mer, dass er ge­nau die­se be­währ­te Tech­nik (Schmerz­frei­heit und Sitz­fleisch) nicht beim Auf­ko­chen des Häus­le­bau-Kre­dits an­ge­wen­det hat. Oder tat­säch­lich nach vor­ne ver­tei­digt hat: Mit der er­bau­li­chen Ge­schich­te, wie er sei­ner jun­gen Frau und der neu­en Fa­mi­lie ein­fach ei­nen Traum ver­wirk­li­chen woll­te – und da­bei gar nicht dar­an ge­dacht hat, dass die­ser Kre­dit ein biss­chen ko­misch aus­se­hen könn­te. Das hät­te in ei­ner Na­ti­on von Men­schen, die sich für schlim­me Ein­fa­mi­li­en­häu­ser in schlim­men Vor­or­ten bis über bei­de Oh­ren ver­schul­den ei­ne Sym­pa­thie­wel­le aus­ge­löst – und gut war’s.
    Tja, aber das ist nun lei­der ver­gos­se­ne Milch – und das Buch von Wulff zeigt, dass er nicht ganz zu un­recht zu­rück­ge­tre­ten ist. Er hat ein­fach über­haupt nix ver­stan­den.

    #15

  16. Ja, ge­nau. Das Haus wur­de ja so­gar aus­gie­big be­spot­tet. Das hät­te man ja zu Gun­sten Wulffs wen­den kön­nen.

    #16

  17. Richard Kotlarski sagt:

    Chri­sti­an Wulff wur­de von den Me­di­en über Mo­na­te vor­ge­wor­fen, kor­rupt und be­stech­lich zu sein. Das ist ein Straf­tat­be­stand und da­mit ei­ne äu­ßerst schwer­wie­gen­de An­schul­di­gung. Am En­de stell­te sich her­aus, dass es für fast al­le Vor­wür­fe nicht ein­mal ei­nen An­fangs­ver­dacht gab und im ein­zi­gen Fall, der vor Ge­richt lan­de­te, das Ur­teil auf »Un­schul­dig« lau­te­te. Das heißt – al­le die­se Vor­wür­fe wa­ren falsch und teils so­gar er­lo­gen – wie et­wa der Vor­wurf der BILD, Gro­ene­wold hät­te Be­weis­mit­el be­sei­ti­gen wol­len.
    Nun hört man von vie­len Jour­na­li­sten als Ent­schul­di­gung, Wulff sei sei­nen ei­ge­nen mo­ra­li­schen An­sprü­chen nicht ge­recht ge­wor­den. Dar­über kann man dis­ku­tie­ren – nur ist das kein Straf­tat­be­stand, kei­ne Staats­an­walt­schaft hät­te des­halb er­mit­telt, es hät­te des­halb nie ei­ne Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät und da­mit auch kei­nen Rück­tritt ge­ge­ben.
    Das Grund­ge­setz kennt auch kei­ne »mo­ra­li­schen« Re­geln, son­dern nur »gel­ten­des Recht«. Und wer soll­te denn die­se »mo­ra­li­schen« Re­geln be­stim­men – doch nicht et­wa die BLD!

    #17

  18. Doktor D sagt:

    @Kotlarski: Of­fen­sicht­lich hat­te die Staats­an­walt­schaft Han­no­ver den Ein­druck ge­won­nen, dar­auf ei­ne An­kla­ge auf­bau­en ei­ni­ger­ma­ßen er­folg­reich auf­bau­en zu kön­nen.
    Man kann die Ge­schich­te ja auch ganz an­ders er­zäh­len: Ein Ge­richt, das auf die An­ti-Me­di­en-Pro­pa­gan­da der Wulff-Kanz­lei an­ge­sprun­gen ist, und Zeu­gen, die sich aus Grün­den nicht er­in­nern konn­ten, ha­ben Wulff die bür­ger­li­che Re­pu­ta­ti­on halb­wegs ge­ret­tet.
    Wo­bei ich die Me­di­en gar nicht in Schutz neh­men will – ganz und gar nicht: Wie schon ge­sagt, da ha­ben sich Jour­na­li­sten in ei­nen Macht­rausch rein­ge­schrie­ben – dass sie das über­haupt konn­ten, ver­dan­ken sie zu sehr gro­ßen Tei­len dem Un­ver­mö­gen Wulffs, sei­ne Po­si­ti­on rea­li­stisch ein­zu­schät­zen.

    #18

  19. h.z. sagt:

    @Doktor D

    Wulff trägt in­so­fern per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung, als er durch sei­nen Rück­tritt vom Amt des Bun­des­prä­si­den­ten die po­li­ti­sche Be­ur­tei­lung durch den Bun­des­tag ver­hin­dert hat­te. Nach des­sen Ge­schäfts­ord­nung hat aus­schließ­lich der Bun­des­tag ab­zu­wä­gen, ob sich das öf­fent­li­che In­ter­es­se ei­ner Er­mitt­lung durch Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den ge­gen das öf­fent­li­che In­ter­es­se ei­ner un­ge­stör­ten Amts­aus­übung durch­setzt. Die Ent­schei­dungs­be­grün­dung hät­te ich ger­ne ge­se­hen, weil sie im be­sten Fal­le als Ge­gen­ge­wicht zur ge­üb­ten ir­ra­tio­na­len Aus­le­gung des Be­griffs »Pres­se­frei­heit« hät­te wir­ken kön­nen.

    Wulff hat al­so ei­nen de­mo­kra­tie­po­li­tisch un­ver­zicht­ba­ren Me­cha­nis­mus un­ter­lau­fen und dem Rechts­staat da­mit ei­nen Bä­ren­dienst er­wie­sen. Die­se Ei­gen­mäch­tig­keit ist ihm un­ter gar kei­nen Um­stän­den nach­zu­se­hen. (Öf­fent­li­ches In­ter­es­se ei­ner un­ge­stör­ten Amts­aus­übung. Ich ver­wet­te den lin­ken Teil mei­nes Ge­sä­ßes, dass sol­ches In­ter­es­se in der Öf­fent­lich­keit voll­kom­men un­be­kannt ist.)

    #19

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