In den letzten Jahren schien Egon Bahr eine gewisse Renaissance zu erfahren. Er war Gast in Talkshows und nicht nur, wenn es um Willy Brandts 20. Todestag oder 100. Geburtstag ging. Sein Urteil über geopolitische und strategische Fragen wurde immer noch geschätzt. Liest man seine »Tutzinger Rede« heute nach könnte man ungeachtet der Situation 1963 durchaus Handlungsanweisungen für aktuelle politische Konflikte ableiten. Wie erfolgreich zähe politische Verhandlungen sein können, zeigte sich unlängst als es um das iranische Atomprogramm ging. Sogar Hardliner wie Zbigniew Brzezinski mutieren plötzlich zu Entspannungspolitikern. Die Parallelen zur sogenannten Ostpolitik der 1970er Jahre sind verblüffend. Die damalige Sowjetunion und der heutige Iran galten und gelten in bestimmten politischen Kreisen als Feinde, was diesen als Rechtfertigung gilt, jegliche Kontakte oder gar Verhandlungen auszuschließen. Bahr durchbrach dieses Denken in Bezug auf das »Reich des Bösen«, weil er überzeugt war, dass auch das politische Gegenüber – mochten auch die ideologischen Differenzen noch so gross und scheinbar unüberbrückbar sein – eine Sehnsucht nach Koexistenz mit den Nachbarn suchte.
»Wandel durch Annäherung« war keine Phrase, wobei es allerdings ein großes Missverständnis war, dieser Wandel bezöge sich ausschließlich auf die Bundesrepublik.
In seinem Buch »Die Flakhelfer« versuchte der Publizist Malte Herwig nicht nur die Verstrickungen der Generation der um 1927 geborenen in den Nationalsozialismus zu dokumentieren und aufzubereiten, sondern auch zu verstehen. Es war die Generation, die »ihre Jugend im ‘Dritten Reich’ verbracht« hatte, eine, wie es in Heinz Reins Roman »Finale Berlin« aus dem Jahr ...
Spätestens in der Schule kam man an ihnen nicht mehr vorbei. Da war der Kriegsheimkehrer Beckmann aus Borcherts »Draußen vor der Tür«, der Soldat Feinhals und die Architektenfamilie Fähmel aus Bölls Werken, später noch Clown Schnier und dessen Ansichten. Oskar Matzerath kannte jeder (meist allerdings ohne das Werk en détail gelesen zu haben). Seltener waren schon die Erlebnisse mit dem desillusionierten Bundestagsabgeordneten und Schöngeist Keetenheuve (Koeppens »Treibhaus«) oder dem Maler Ludwig Nansen aus der 60er Jahre »Deutschstunde« (Siegfried Lenz). All diesen Figuren ist gemein, dass sie heute noch Erinnerungen hervorrufen und Referenzgrößen der deutschen Nachkriegsliteratur wie selbstverständlich herbeizitiert werden. Aber wer kennt eigentlich Joachim Lassehn, den Deserteur aus Heinz Reins »Finale Berlin«? und wer kennt dieses Buch, das bereits 1947 erschienen war und vehement-drastischer Sprache die Schrecken des Krieges nicht nur erzählte, sondern vor dem Leser fast ausspie?
Sicherlich, vergessene Bücher mit vergessenen Schriftstellern aus dieser Zeit gibt es viele. Neben Heinz Rein fallen einem auf Anhieb Hans Scholz (»Am grünen Strand der Spree« [dieses Buch wurde in den 1960er Jahren erfolgreich für das Fernsehen verfilmt]), Peter Bamm und Hans Hellmut Kirst ein, die allesamt mit dem Vorwurf des Trivialautors zu kämpfen hatten. Aber auch ästhetisch anspruchsvollere Autoren wie Gert Ledig und Josef W. Janker gingen im Literaturbetrieb unter, vor allem weil sie nicht in das ästhetische Konzept der Gruppe 47 hineinpassten, einer informellen Vereinigung, die sukzessive die Hoheit über die deutsche Nachkriegsliteratur übernahm und schon vor der Usurpierung durch die Kritiker-Viererbande (Reich-Ranicki, Mayer, Kaiser, Jens) eine machtvolle Position einnahm. Wer heute den Kanon durchschaut, den diese Wenigen aufgestellt haben, entdeckt überall die immergleichen Namen: Heinrich Böll, Günter Eich, Günter Grass, Alfred Andersch, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser (der eigentlich als »gruppenfremder« Autor galt), ein bisschen Wolfdietrich Schnurre und Walter Höllerer noch. Allesamt Autoren, die an den Sitzungen der Gruppe 47 zum Teil regelmässig teilnahmen und dadurch bis heute das literarische Bild der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland prägten.
Achtete man peinlichst darauf, keine nazibelasteten Schreiber in der Gruppe zu haben (was, wie sich später herausstellte, gründlich misslang), so konnte man jedoch als Opfer, das nicht den soldatischen Weg eingeschlagen hatte, kaum reüssieren, wie am Beispiel Paul Celan deutlich wurde. Exilanten mied man offiziell aus ästhetischen Gründen – in Wahrheit wollten sich diese in der Regel nicht mit Wehrmachtsoldaten oder »Inneren Emigranten« messen. Ambitionierte Prosa, die sich von der dem Realismus verpflichteten sogenannten Trümmerliteratur abwichen, hatte ebenfalls keine Chance; sie waren auf Fürsprache außerhalb der Gruppe angewiesen, was bei einigen Ausnahmen (Koeppen, Siegfried Lenz) gelang.
Höllengewitter ohne Scheu vor Pathos
So ist es nicht überraschend, dass Heinz Rein, der Autor von »Finale Berlin«, niemals in der Gruppe 47 gelesen hat. Sein Roman entsprach mit seinem derben Splatter-Expressionismus nicht dem Geschmack der Gruppe, die es vorzog, den deutschen Soldaten nach dem Krieg als Opfer der Umstände darzustellen. Reins Buch dagegen zeigt in expressiven, zum Teil pathetisch-brutalen Bildern ein Berlin vom 15. April 1945 bis zur Kapitulation am 2. Mai. Es ist ein Berlin der Straßen- später sogar Häuserkämpfe – eine Bevölkerung eingepresst zwischen Roter Armee und rücksichtslos gegen die eigene Zivilbevölkerung vorgehender SS-Truppen. Es ist ein Berlin der bis zum Schluss an den Sieg Glaubenden, ein Berlin, das am Ende großflächig in Schutt und Asche liegt, übersät mit Leichen bzw. Leichenteilen. Rein entwickelt eine Topographie des Schreckens; wer möchte, kann Truppen- und Kampfbewegungen auf einer Karte genau nachvollziehen. Berlin wird zur Hölle, bar jeder Zivilisation.
»Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.« So beginnt Ralf Rothmann seinen Roman »Im Frühling sterben«. Man sieht vor seinem geistigen Auge förmlich den prätentiösen Ausdruck des Dichters oder Vorlesers, der bedeutungsschwere Duktus, der den Leser, die Leserin, auf diese Literatur vorbereiten soll und unumwunden signalisiert: Hier entsteht etwas ganz Besonderes, ein Meisterwerk. Das Schweigen, »wenn es Tote meint«, füllt das Leben mit »Wahrheit«. Fragen, wessen Leben mit Wahrheit gefüllt werden soll und wie dies mit dem »tiefen Verschweigen« gemeint sein könnte, wirken da eher störend, nach dem Sinn dieses Satzes zu suchen erst recht.
Sechseinhalb Seiten skizziert ein Ich-Erzähler mit starken Strichen das Leben seines Vaters Walter Urban. Das schweigsame Wesen, seine Hilfsbereitschaft (»das Wort hochanständig fiel oft«), die Jacken von C & A, die er gerne trug. 30 Jahre arbeitete er als Hauer im Bergwerk in Essen, ohne Gehörschutz. Er ertaubte und verstand nur noch seine Frau, »ob es ihre Stimmfrequenz war oder die Art der Lippenbewegung« weiß der Erzähler nicht. Nach der Frühverrentung, die ihn kränkte, war das Leben praktisch schon zu Ende. Es gab die Zeitung, Heftchenromane und, leider, den Alkohol. Schließlich der Krebs mit 60, das war 1987. Der Erzähler schenkt ihm ein Heft, in dem er etwas vom Krieg, von seinem Leben aufschreiben soll, aber außer ein paar Ortsnamen schreibt Walter Urban nichts hinein. Der Schriftsteller sei doch er, bemerkt er spitzbübisch. Auf dem Sterbebett beginnt er im Schlaf zu sprechen. Er sei jetzt »wieder im Krieg« sagt dann seine Frau.
Und dann, auf Seite 13, beginnt eine Geschichte von Walter Urban ab Februar 1945. Er ist Melkerlehrling in Norddeutschland, der Prügel-Vater im Feld irgendwo auf dem Balkan (strafversetzt, weil er Gefangenen Zigaretten gegeben haben soll), die Mutter mit seiner Schwester in Essen. Es ist Sonntag und es gibt ein Fest. Der »Reichsnährstand« gibt einen aus. Man trifft sich im »Fährhof«, die Kapelle, die aus Kriegsversehrten besteht, spielt Hans Albers, Zarah Leander und Heinz Rühmann. Irgendwo steht auch ein SS-Mann mit der Aufschrift »Frundsberg« – schöner Gruss von Rothmann an Günter Grass.
»Der Primus« lautete der Titel der Dokumentation von Erica von Moeller, die gestern in der ARD zu später Stunde (22.50 Uhr) lief. Gezeigt werden sollte das private und politische Leben von Franz Josef Strauß, dessen 100. Geburtstag im September ansteht.
Die Klammer des Films bildete der Wahlkampf Strauß’ als Kanzlerkandidat 1980. Darum herum wurde das Leben von den 1920er Jahren an chronologisch behandelt. Der lateinkundige Ministrant, der antinazistische Vater, der schweren Herzens dem Gymnasium für seinen Sohn zustimmte, schließlich der Musterschüler Franz Josef, der als Oberleutnant der Wehrmacht in den letzten Tagen kleine und größere Heldentaten vollbrachte. Schließlich der bayrische Politiker, der bereits 1949 bei der legendären Einladung Adenauers in Rhöndorf dabei war. Zur Sicherheit und um den Zuschauer nicht zu überfordern wurden etliche Szenen nachgespielt; teilweise wurde das Material aus dem Film »Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung« von 2012 verwendet. Strauß ist im politischen Bonn ein Karrierist. Adenauer bremst ihn zunächst, macht ihn dann aber doch zum Verteidigungsminister. In der »Spiegel«-Affäre lässt der Alte ihn fallen. Verblüffend dabei, dass Strauß loyal blieb, d. h. die Rückversicherung Adenauers für seine umstrittene Verhaftungsaktion zu Conrad Ahlers in Spanien hat Strauß öffentlich nie erwähnt.
Wolfram Bickerich, ehemaliger »Spiegel«-Redakteur, und Augstein-Biograph Peter Merseburger kommen zu Wort und analysieren Augsteins fast obsessiv-pathologischen Hass auf (den politischen) Strauß, der zuweilen mit Journalismus nichts mehr zu tun hatte. Zu Wort kommen Franz-Georg Strauß und Monika Hohlmeier, zwei von drei Strauß-Kindern und Edmund Stoiber. Politische Gegner wie auch der in solchen Filmen zumeist übliche Historiker fehlen. Strauß’ Wahlkampf von 1980 wird als teilweise Hasskampagne gegen ihn interpretiert, wenn er Störer als »Gehirnprothesenträger« bezeichnet, heißt es im Film, er habe schlagfertig und witzig reagiert und nicht verbissen. Zur Sicherheit fehlt dann aber das schweißnasse Strauß-Redegesicht dann doch nicht.
Warum Augstein Strauß als »gefährlich« einschätzte, bleibt erstaunlicherweise unerwähnt. Strauß war in seiner Eigenschaft als »Atomminister« nämlich mitnichten alleine für die friedliche Nutzung der damals als Segen gepriesenen Kernenergie befasst. Er interpretierte sein Amt auch militär-strategisch dahingehend die frisch gegründete Bundeswehr atomar zu bewaffnen. Für Augstein et al. war die Vorstellung eines Deutschlands mit Atomwaffen ein Alptraum, den es unter allen Umständen zu verhindern galt.
Friedrich Helms wurde 1883 geboren. Er lebte in Berlin, wurde dann, 1945, ausgebombt und zog in sein Gartenhaus nach Wilhelmshorst bei Potsdam. Helms war damals über 40 Jahre in Diensten der Deutschen Bank, zum Schluss als »Direktor«. Seine Frau Marie war 12 Jahre jünger als er. Sie war »Pg«, also Mitglied der NSDAP. Helms selber wird als deutschnationaler Sozialdemokrat beschrieben; er war Freimaurer. Das Paar hatte zwei Töchter. Viel weiß man über diese Familie nicht. Friedrich Helms führte Tagebuch. Dies kam irgendwann in den Besitz von Walter Kempowski, der in seinem »Echolot« »Abgesang’45« ein kleines Stück aus Helms’ Tagebuch zitierte. Der Publizist und Verleger Tobias Wimbauer nahm sich des Tagebuchs an und gab in seinem leider kürzlich geschlossenen »Eisenhut«-Verlag bisher zwei Bände heraus. Der erste umfasst die Zeit von April bis Dezember 1945; er setzt fast mit der Kapitulation des Deutschen Reichs ein. Der zweite Band umfasst die Jahre 1946 und 1947.
In Anbetracht des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs wurde man medial umfangreich versorgt. Bei aller Ausführlichkeit in den Schilderungen der letzten Tage des Nazi-Regimes und der anschließenden Besatzung nebst geopolitischer Situation blieb die Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende seltsam dunkel. Zwar gilt die Phrase der »Stunde Null« längst als widerlegt, aber was tatsächlich damals geschah wurde in der populären und publizistischen Geschichtsschreibung kaum behandelt. Es ging dann irgendwie mit der Währungsreform 1948 und dem Grundgesetz der Bundesrepublik 1949 weiter.
Der Grund für diese Leerstelle liegt auch darin, dass die Schilderungen der Probleme der Bevölkerung unmittelbar nach dem Krieg sehr schnell als Geschichtsrevisionismus hätte ausgelegt werden können. Diese Befürchtungen gab es ja auch bei anderen Themenbereichen wie Vertreibung und Bombenkrieg. Alles, was nur im Entferntesten das Tätervolk hätte als Opfer darstellen können, galt es zu vermeiden. Hinzu kam, dass die nachfolgenden Generationen oft genau diese Erzählungen von ihren Eltern und Großeltern hörten und als Ablenkungsmanöver einer eventuellen Mitschuld interpretierten.
Philippe Jaccottet zugeeignet ZIEGEN AM BERG Wie dargebracht, ein Schwung Milch, erschien ihm eine Ziegenherde am Berg, immer breiter zerstreut. Nicht dass wir zusammen jemals hinüberblickten. Doch wie ich lange spähte auf jene andere Seite, sah ich (und wusste nicht, wodurch dann jäh erfreut), wie dort am Gegenhang, im Steigen, die einzelnen, die ganz am ...
Joachim Lottmann: Happy EndIrgendwann hat das jeder einmal erlebt. Man steht am Tresen in einer Kneipe und wartet auf ein Bier. Da kommt ein Mensch (es ist immer ein Mann), nicht unsympathisch, stellt sich neben einem und beginnt, zu erzählen. Über das Bier hier in der Kneipe, die Bedienung, seine Arbeit, über Politik, seinen Urlaub, seine Beziehung, die Ungerechtigkeit in der Welt – es geht einfach um Alles. Erst ist man nett abgelenkt, nickt zuweilen aus Höflichkeit, aber irgendwann wünscht man sich, dass ein ehemaliger Schulfreund das Lokal betritt, das leise im Hintergrund dudelnde Radio eine weltbewegende Nachricht verkündet oder mindestens dass das Mobiltelefon klingelt – inständig ersehnt man einen sozial halbwegs glaubwürdigen Grund, dem Redeschwall zu entfliehen.
In etwa ist das die Situation mit Joachim Lottmanns neuem Buch »Happy End«. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich, der Leser, mich sozusagen an Lottmanns Tresen gestellt habe. Und das da jemand nicht über Beziehungsprobleme erzählt, sondern bereits auf den ersten Seiten seine Frau Elisabeth, genannt Sissi, eine 38jährige erfolgreiche Linksintellektuelle, die über das Elend in der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zielsicher schreiben kann und in »geriatrischen« Filmen heult, in den höchsten Tönen lobt. Weiter geht es um Urlaubsreisen, Lektüreeindrücke, Kolumnenschreiberei (Schwerpunkt Tierkolumnen), seine Magenschmerzen, die auf eine zu starke Vereinnahmung durch die so vergötterte Frau hindeuten und eine Geheimwohnung in Wien. Dass einem bei der Lektüre der Kopf vor lauter Müdigkeit nicht auf das E‑Book-Lesegerät fällt vermag man nur zu vermeiden, indem man diesen gelegentlich schüttelt. Eine Melange aus Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Masochismus führt dazu, dass man bis zum Ende liest.