Leo Pe­rutz: Zwi­schen neun und neun

Tat­säch­lich ei­ne ge­lun­ge­ne Neu­auf­la­ge von Leo Pe­rutz’ 1918 er­schie­ne­nem Buch »Zwi­schen neun und neun«. Ne­ben der tem­po­rei­chen Er­zäh­lung gibt es ei­nen klei­nen aber fei­nen, fünf­sei­ti­gen An­mer­kungs­teil und ein kennt­nis­rei­ches,

Leo Perutz: Zwischen neun und neun
Leo Pe­rutz: Zwi­schen neun und neun
be­hut­sam er­gän­zen­des Nach­wort von Tho­mas Bleit­ner. Das al­lei­ne wä­re schon Grund zur Freu­de, aber da sind auch noch die wun­der­ba­ren, die Stim­mung des Bu­ches und der Prot­ago­ni­sten kon­ge­ni­al tref­fen­den me­lan­cho­lisch-ex­pres­sio­ni­sti­schen Il­lu­stra­tio­nen von Ra­sha El Sa­wiy, die er­staun­li­cher­wei­se die Phan­ta­sie des Le­sers nicht ein­engen, son­dern so­gar er­wei­tern. (Klei­ner Wer­muts­trop­fen: Lei­der wird der Na­me der Künst­le­rin aus­ge­rech­net auf Sei­te 3 falsch ge­schrie­ben.)

»Zwi­schen neun und neun« – das sind zwölf Stun­den im Le­ben des Sta­nis­laus Dem­ba im Mai 1917. Dem­ba lebt als Stu­dent in Wien und ist ein kau­zi­ger, zu­wei­len cho­le­ri­scher Ge­sel­le, der sich als Nach­hil­fe- bzw. Haus­leh­rer in den bes­se­ren Krei­sen ver­dingt. Er hat her­aus­be­kom­men, dass sei­ne Freun­din Son­ja ei­nen neu­en Lieb­ha­ber hat, mit dem sie am näch­sten Tag nach Ve­ne­dig fah­ren will. Dem­ba will dies un­be­dingt ver­hin­dern, ak­zep­tiert Son­jas Ab­wen­dung nicht und glaubt, sie um­stim­men und mit ihr die Rei­se ma­chen zu kön­nen, wenn er ihr das Geld in den näch­sten Stun­den vor­legt. So ha­stet er nun durch die Groß­stadt, möch­te ein (ge­stoh­le­nes) Buch ver­kau­fen, treibt Schul­den ein, er­bit­tet Vor­schüs­se und fin­det sich so­gar am Bu­ki­do­mi­no-Spiel­tisch wie­der, ob­wohl er die Re­geln gar nicht kennt.

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Das un­wür­di­ge Count-Up

Als im Lau­fe des heu­ti­gen Vor­mit­tags (27. Fe­bru­ar 2010) die Mel­dun­gen über das schreck­li­che Erd­be­ben vor der Kü­ste Chi­les auf­ka­men, wur­de dies na­tür­lich auch Ge­gen­stand di­ver­ser Me­di­en. Das bei die­sen Ge­le­gen­hei­ten er­bärm­li­che und wür­de­lo­se »Count-Up« be­gann fast so­fort: Trotz un­si­cher­ster Nach­rich­ten­la­ge wer­den im­mer wie­der sinn­lo­se Zah­len von To­des­op­fern wei­ter­ge­mel­det.

Es be­gann mit ver­meint­lich 16 Op­fern, die auch bei SWR1 ge­mel­det wur­den. Die Geo­gra­phie­kennt­nis­se des Re­dak­teurs wa­ren je­doch eher be­schei­den, wie man se­hen kann:

SWR1

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Kai­ser­quar­tett

Als Hel­mut Kohl ans Ru­der ge­wählt wur­de, wir wa­ren da­mals so et­wa 17 Jah­re alt, stieg der Trom­pe­ter un­se­rer Schü­ler­band auf das Dach sei­nes Hau­ses und spiel­te das Kai­ser­quar­tett in Moll. Un­se­re Schü­ler­band war die cool­ste Schü­ler­band al­ler Zei­ten, und das Kai­ser­quar­tett in Moll wur­de ein recht­schaf­fe­ner Kat­zen­jam­mer.

Die El­tern des Trom­pe­ters wa­ren bei der ört­li­chen SPD-Ver­an­stal­tung, und wir al­le hat­ten uns des­halb bei ihm ge­trof­fen. Nach der Be­kannt­ga­be des Wahl­er­geb­nis­ses im Fern­se­hen war er ein­fach oh­ne was zu sa­gen in sein Zim­mer rü­ber ge­gan­gen, hat­te die Trom­pe­te ge­nom­men und war aufs Dach ge­stie­gen. Na­tür­lich dach­ten wir zu­erst, dass er aufs Klo oder noch Chips aus der Kü­che ho­len wol­le, aber dann hör­ten wir ihn auf der Trep­pe. Sei­ne klei­ne Schwe­ster schrie so­fort: »Wo gehstn du hin?!!!«.

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Bar­ba­ra Hoff­mei­ster: S. Fi­scher, der Ver­le­ger

Barbara Hoffmeister: S. Fischer - Der Verleger
Bar­ba­ra Hoff­mei­ster: S. Fi­scher – Der Ver­le­ger
In den 70er Jah­ren gab es im deut­schen Fern­se­hen ei­ne Sen­dung mit dem Ti­tel »Das ist ihr Le­ben«. Pro­mi­nen­te wur­de un­ter ei­nem Vor­wand in ein Stu­dio ge­lockt. Dort war­te­te ein auf­ge­kratz­ter Mo­de­ra­tor mit ei­nem Mäpp­chen auf sie, ging die ein­zel­nen Sta­tio­nen des Le­bens die­ses Pro­mi­nen­ten durch, lud ehe­ma­li­ge Freun­de und so­ge­nann­te Weg­ge­fähr­ten des Ga­stes ein (ty­pi­sche Kör­per­be­we­gung: die Um­ar­mung des seit Jah­ren nicht mehr Ge­se­he­nen) und frisch­te die Kar­rie­re­hö­he­punk­te auf (sel­te­ner die Rück­schlä­ge). Das hat­te ir­gend­wie den Charme von Klas­sen­tref­fen, Stamm­tisch und vor­weg­ge­nom­me­ner Grab­pre­digt. Un­ver­ges­sen die Per­si­fla­ge von Lo­ri­ot auf die­se Sen­dung, in der der Mo­de­ra­tor dem fik­ti­ven Schau­spie­ler »Ted Brown« man­gels Ver­füg­bar­keit kei­nen Schul­ka­me­ra­den aus der ei­ge­nen Klas­se prä­sen­tie­ren konn­te, son­dern nur je­man­den, der zur glei­chen Zeit in ei­ner an­de­ren Stadt zur Schu­le ging. »Er ist Ih­nen al­so völ­lig un­be­kannt« – und trotz­dem heu­te im Stu­dio. »Kön­nen wir jetzt ge­hen« fragt dann ir­gend­wann Ted Brown, als die Re­kon­struk­tio­nen im­mer ab­stru­ser wur­den.

Ein biss­chen er­in­nert Bar­ba­ra Hoff­mei­sters Buch »S. Fi­scher, der Ver­le­ger« an die­se Si­tua­ti­on. Da wer­den Zi­ta­te von Im­re Kér­tesz und Sieg­fried Un­seld in ei­ne Le­bens­ge­schich­te des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts ein­ge­streut und man fragt sich wo­zu. Zwar ver­mei­det Hoff­mei­ster die Gat­tungs­be­zeich­nung »Bio­gra­fie« und ver­wen­det statt­des­sen den Be­griff der »Le­bens­be­schrei­bung«, aber so ganz ver­mag sie den bio­gra­fi­schen An­spruch nicht auf­zu­ge­ben. Die di­rek­te Quel­len­la­ge scheint al­ler­dings min­de­stens zu be­stimm­ten Le­bens­pha­sen Fi­schers eher dürf­tig. Hin­zu kommt ei­ne ver­tief­te Ver­schwie­gen­heit Fi­schers. Er hat­te we­der Ta­ge­buch ge­schrie­ben, noch äu­ßer­te er sich re­gel­mä­ßig in der Öf­fent­lich­keit. Da­her übt sich die Au­torin in Spe­ku­la­tio­nen, die sie je­doch im­mer­hin als sol­che kenn­zeich­net. Den­noch be­frem­den ir­gend­wann die zahl­los er­schei­nen­den Kon­junk­ti­ve. Na­tür­lich könn­te sich Fi­scher auf der Welt­aus­stel­lung am Stand der »Fir­ma S. Reich & Co.« be­fun­den ha­ben. Oder wo­mög­lich un­ter den Schau­lu­sti­gen ir­gend­ei­ner Ver­an­stal­tung ge­we­sen sein. Wahr­schein­lich war Fi­scher am 29. Ju­li 1890 bei der Grün­dungs­ver­samm­lung der »Frei­en Büh­ne« da­bei und wenn ja, so weiß Hoff­mei­ster zu­ver­läs­sig, dürf­te ihm die Mas­sen­ver­an­stal­tung nicht be­hagt ha­ben. Aber was wür­de dies be­deu­ten? Und war­um ver­stei­fen sich die­se Ver­mu­tun­gen ab und an fast zu Un­ter­stel­lun­gen?

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Ver­such über die Dicht­kunst im In­ka­reich (IV)

««< Fol­ge III Fol­ge II Fol­ge I

Acht: Ly­ri­sche Gat­tun­gen; mit Schwer­punkt auf dem Lie­bes­lied so­wie ei­nem Ex­kurs über den Um­gang mit Lie­bes­leid und über an­di­ne Hoch­zeits­bräu­che.

Da uns die Chro­ni­sten Ge­be­te und Hym­nen in Pro­sa über­setzt ha­ben, zwei­feln man­che Au­toren an, dass der Vers über­haupt exi­stiert hat. Dies steht nun für mich au­sser Fra­ge; man weiss nur nicht, in­wie­weit die Über­tra­gun­gen an spa­ni­sche Me­tren an­ge­passt wur­den. Gar­ci­la­so spricht von „kur­zen und lan­gen Ver­sen“ und von „Sil­ben als Mass“. Wei­ter sagt Gar­ci­la­so: „No us­aron de con­so­nan­te en los versos, to­dos eran suel­tos.” Ich kann mir dar­auf nur ei­nen Reim ma­chen, wenn ich “con­so­nan­te” als “Gleich­klang“ über­set­ze, was dann hie­sse, dass kein Reim ver­wen­det wur­de.

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Lasst doch mal die Klei­nen nach vor­ne *

Ein Schmie­ren­thea­ter

Va­ter und Toch­ter in der Kü­che. Er hat ge­ra­de die Ja­va-Ma­schi­ne pro­gram­miert und in we­ni­gen Se­kun­den spru­delt ein Lat­te-Mac­chia­to in ein Ro­sen­thal-Glas. Die Toch­ter dreht ih­re Haar­spit­zen.

  • Ver­fick­te Schei­ße!
  • Bit­te?
  • Schei­ße.
  • Was ist, Klein­chen?
  • Ey, ich hab kei­nen Schul­ab­schluss, bin zwar ein Wun­der­kind, kann mir aber nix mer­ken, al­so mit dem Gott­schalk bei Wet­ten, dass, das geht auch nicht, au­sser ich könnt’ da mo­geln oder so.
  • Hm.
  • Was soll ich bloss ma­chen? Ich hab’ kei­nen Bock auf die­ses be­schis­se­ne Volks­büh­nen-Le­ben hier. Nur so als Grou­pie rum­tur­nen.

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Flü­ge und Sprün­ge

Zwei Schrit­te, dann... Punkt­ge­nau lan­de­te sei­ne Hand auf dem Ge­län­der, im sel­ben Mo­ment stieß er sich wie­der ab, nahm die letz­ten, ver­blei­ben­den Zen­ti­me­ter an Hö­he, und glitt zwi­schen den bei­den Pfei­lern, die die paw­lat­schen­ähn­li­chen Auf­gän­ge tru­gen, ab­wärts ins Freie.

Ein Ge­men­ge von Er­de, Blät­tern und Stei­nen, von Mau­er­werk und feucht­war­mer Luft schlug ihm ent­ge­gen, und er lan­de­te, wie im­mer vor dem Schleh­dorn, und ei­nen Schritt weit hin­ter der lang­ge­streck­ten Pfüt­ze, ei­ner Ver­tie­fung im Asphalt, in der sich das ab­flie­ßen­de Was­ser sam­mel­te. Noch ein‑, zwei­mal wei­te­te sich sein Brust­korb ver­geb­lich, dann at­me­te er glatt und wie ge­wohnt.

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Bar­ba­ra Gress­leh­ner: Der Ge­ruch der Stil­le

Barbara Gresslehner: Der Geruch der Stille
Bar­ba­ra Gress­leh­ner: Der Ge­ruch der Stil­le

Wie kurz­wei­lig und quä­lend, wie aus­ufernd und auf­put­schend, wie fremd und auf­wüh­lend kön­nen doch knapp ein­hun­dert­vier­zig Sei­ten mit ein­und­zwan­zig Er­zäh­lun­gen sein. Na­tür­lich gibt es be­rüh­ren­de und kit­schi­ge, groß­ar­ti­ge und sche­ma­ti­sche, gu­te und we­ni­ger gu­te. Im­mer er­zählt ei­ne Frau oder es wird aus der Sicht ei­ner Frau er­zählt; mei­stens in der Ich-Form. Aber es wan­delt sich im Lau­fe des Bu­ches et­was Grund­sätz­li­ches. Nicht nur der zu­nächst la­ko­ni­sche, ja fast coo­le Ton. Die Er­zäh­lung vom her­un­ter­fal­len­den, auf das Stra­ßen­pfla­ster nie­der­knal­len­de Kla­vier ist lu­stig, die Re­de an den ima­gi­nä­ren Fö­tus im Mut­ter­leib dü­ster und die Er­zäh­lung der selbst­er­füll­ten Mord-Pro­phe­zei­ung skur­ril und sie treibt ei­nem den er­sten Schau­er über den Rücken, aber das war nicht al­les. Schon am An­fang heißt es fast pro­gram­ma­tisch: Es ist im­mer noch al­les viel grau­er, als es sein soll­te.

Un­merk­lich ge­rät der Le­ser in die­sen Stru­del. Es ist kein Ro­man und dann gibt es doch plötz­lich die­se Klam­mer. Die­ses ge­mein­sa­me The­ma. Die Hö­rig­keit. Die Prot­ago­ni­stin­nen kön­nen nicht an­ders. Sie ge­ben sich als Die­ne­rin, Skla­vin, Ser­va hin. Sie er­le­ben das al­les nicht, es er­lebt sie. Es sind kei­ne Ge­walt­phan­ta­sien mehr, es ist Ge­walt. Es sind Träu­me, die ech­ter sind als die Wirk­lich­keit.

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