Flü­ge und Sprün­ge

Zwei Schrit­te, dann... Punkt­ge­nau lan­de­te sei­ne Hand auf dem Ge­län­der, im sel­ben Mo­ment stieß er sich wie­der ab, nahm die letz­ten, ver­blei­ben­den Zen­ti­me­ter an Hö­he, und glitt zwi­schen den bei­den Pfei­lern, die die paw­lat­schen­ähn­li­chen Auf­gän­ge tru­gen, ab­wärts ins Freie.

Ein Ge­men­ge von Er­de, Blät­tern und Stei­nen, von Mau­er­werk und feucht­war­mer Luft schlug ihm ent­ge­gen, und er lan­de­te, wie im­mer vor dem Schleh­dorn, und ei­nen Schritt weit hin­ter der lang­ge­streck­ten Pfüt­ze, ei­ner Ver­tie­fung im Asphalt, in der sich das ab­flie­ßen­de Was­ser sam­mel­te. Noch ein-, zwei­mal wei­te­te sich sein Brust­korb ver­geb­lich, dann at­me­te er glatt und wie ge­wohnt.

Er trat zu den Sträu­chern, be­trach­te­te die Blät­ter, die sich wie­der und wie­der un­ter ih­rer Last neig­ten, und spä­ter hoch­schnell­ten, als sich ein­zel­ne Trop­fen von ih­ren Rän­dern lö­sten, und zu Bo­den fie­len, und dann er­kann­te er, dass es das er­ste Mal war, dass die Ge­wohn­heit, nach ei­ner Se­kun­de des Zö­gerns, den Aus­schlag ge­ge­ben hat­te.

Be­reits wäh­rend des Flu­ges, wie er sei­ne Sprün­ge nann­te, hat­te er ei­ne Un­stim­mig­keit be­merkt, aber erst jetzt, in Ru­he, und mit den Fü­ßen auf dem Bo­den, spür­te er ei­nen Zu­sam­men­hang. Er war von et­was Al­tem weg, hin zu et­was Neu­em ge­sprun­gen, aber es war mehr, als die simp­le Tat­sa­che ei­nes Sprun­ges über ei­nen Gra­ben, oder ei­nen Ab­schnitt hin­weg, der sie über­win­det und be­schließt.

Ei­gent­lich war er zu alt, zu alt für die­sen Un­fug, und von An­fang an hat­te er dar­auf ge­ach­tet, dass er al­lei­ne war, dass nie­mand den Hof, vom Haus­tor oder dem Ne­ben­haus kom­mend, ent­lang spa­zier­te, und sei­ne Blicke, die Haus­fas­sa­de auf­wärts, ob ein Fen­ster­flü­gel nach au­ßen hin of­fen­stand, be­ru­hig­ten ihn, auch wenn man­che ih­re Be­ob­ach­tun­gen aus dem Ver­bor­ge­nen her­aus an­stell­ten.
Sie wa­ren stolz auf ih­re Auf­ga­be, die in Zei­ten wie die­sen ein­fach not­wen­dig war, wie sie ger­ne ver­si­cher­ten, aber für ihn blie­ben sie Flur- oder Hof­wäch­ter, de­nen er mehr mit­lei­dig als ver­ach­tend be­geg­ne­te, und wahr­schein­lich, so dach­te er, hät­ten sie noch an sei­ner Na­mens­ge­bung Ge­fal­len ge­fun­den.

Die Au­ßen­wän­de, an de­nen die Auf­gän­ge vor­bei­führ­ten, wa­ren grob ver­putzt, und an vie­len Stel­len hat­te sich Staub an­ge­la­gert, der den ehe­mals matt­gel­ben Farb­ton, grau und schmut­zig er­schei­nen ließ. Ein­mal folg­te er ih­nen bis in den fünf­ten Stock, aber da war nichts, und da­nach ging er nie wei­ter, als über die Stu­fen der er­sten Trep­pe.

Ne­ben ihr und den Pfei­lern hin­gen zu Fä­den ver­kleb­te Spinn­we­ben, fast schwarz, und wenn der Wind über das Git­ter hin­weg dar­an zog, und sei­ne Au­gen zwi­schen den mo­no­to­nen Flie­sen, und den zit­tern­den Fä­den hin und her spran­gen, dann mein­te er, dass die­ser Ort aus der Zeit ge­fal­len war. Aber tags dar­auf ging er ver­gnügt sei­ner We­ge, wenn er ent­deck­te, dass der Lack wei­ter ab­ge­split­tert, oder ein Riss im Ver­putz grö­ßer ge­wor­den war.

Die Tech­nik, sei­ne Tech­nik, die er wäh­rend vie­ler Wie­der­ho­lun­gen im­mer wei­ter ver­fei­nert hat­te, stimm­te, sie war prä­zi­se, und na­he­zu per­fekt. Trotz­dem blie­ben die Sprün­ge ei­ne fort­ge­setz­te Übung, denn je­de Wit­te­rung er­for­der­te ei­ne an­de­re Ge­schick­lich­keit, und er ent­wickel­te, wenn das Ge­län­der von Eis über­zo­gen war, wenn im Hof feuch­tes Herbst­laub, oder Schnee lag, je­weils un­ter­schied­li­che Va­ri­an­ten. Aber all das er­gab sich erst mit der Zeit, von selbst, und ne­ben­her.

Er sprang so­oft er ihn be­such­te, ob­wohl man es ei­gent­lich kei­nen Be­such nen­nen konn­te, wenn er ein­fach vor­bei kam, oder er ihm zu­rief, denn sei­ne Woh­nungs­tür stand im Som­mer im­mer zum Hof hin of­fen. Und er lieb­te die Däm­me­rung, und die Nacht, wenn sie nach Hau­se ka­men, be­trun­ken, und trotz­dem in der Woh­nung im Halb­stock wei­ter fei­er­ten, und tran­ken, im­mer Wein, denn er hat­te nur Wein zu Hau­se, kein Bier, und kei­nen Schnaps. Aber erst nach­dem die Tür hin­ter ihm ins Schloss ge­fal­len war, maß er sei­nen An­lauf aus.

Kam er nicht mehr mit, weil ihr un­wohl war, und er sie auf kei­nen Fall stö­ren woll­te, und sie sich, er im Hof, und sie bei­de auf der Stie­ge ste­hend, von ein­an­der ver­ab­schie­de­ten, dann rief ihn, nach kur­zer Zeit, ein lei­ses Knacken aus der Dun­kel­heit in den schma­len, lang­ge­streck­ten Hof, durch den er mit be­däch­ti­gen Schrit­ten ge­gan­gen war, zu­rück, und er sprang von der an­de­ren Sei­te auf den Be­ton­sockel, der nur et­wa fünf­zehn Zen­ti­me­ter un­ter dem Git­ter her­vor­rag­te, um­fass­te mit bei­den Hän­den die me­tal­le­ne Stan­ge, und über­quer­te halb stem­mend, halb sprin­gend, sein Hin­der­nis.

Nur ein ein­zi­ges Mal hat­te er dar­auf ver­ges­sen. Ei­ne dunk­le Li­nie war vor ihm auf dem Ge­län­der auf­ge­taucht, und als er sich ihr nä­her­te, wuchs sie zu ei­ner brau­nen, dicht be­bor­ste­ten Rau­pe her­an, die ih­re Füß­chen und Häk­chen auf das Me­tall stemm­te, und spä­ter in die Pa­pil­len und Fal­ten sei­ner Haut, als er sei­nen Fin­ger vor ihr auf­setz­te, und sie zu klet­tern be­gann.
Er hob den Fin­ger samt Rau­pe, und sie zog ihr in der Luft hän­gen­des Hin­ter­teil zu sich, und erst nach vie­len Se­kun­den dehn­te sich ihr Kör­per, lang­sam und zö­ger­lich, und mit ei­nem Mal lie­fen ih­re Bei­ne wie­der in Wel­len vor­wärts, wie Sol­da­ten, die nach­läs­sig auf ein Kom­man­do re­agier­ten. Da­nach kroch sie sei­nen Fin­ger ent­lang, aber nicht oh­ne den Un­ter­grund, sei­ne Haut, mit ih­ren Mund­werk­zeu­gen zu prü­fen und zu be­ta­sten, und war sie zu­frie­den, setz­ten die Wel­len wie­der ein, und der Marsch fand sei­ne Fort­set­zung.

Dann hör­te er Schrit­te – hin­ter ihm, un­ter ihm. Er drück­te sich an den Pfei­ler, schob sich hin­ter sei­ne Kan­te, an das Git­ter, und hielt die Luft an. Gleich wür­den sie sich ent­fer­nen, in Rich­tung der obe­ren Stock­wer­ke.
Aber mit ei­nem Mal stand sie, mit dem Rücken zu ihm, ent­sperr­te ih­re Tür, und wäh­rend er sei­nen ta­sten­den Blick ge­wahr­te, schwapp­te der Ge­ruch, der wohl­be­kann­te, aus der Woh­nung, und dann er war wie­der al­lein.

Er rutsch­te, den Rücken an den Pfei­ler ge­lehnt, zu Bo­den, und spreiz­te sei­ne Fü­ße ge­gen den zwei­ten, leg­te den Kopf an das Git­ter, links ne­ben ihm, und sei­ne Ar­me hin­gen schlaff über die Knie.

Es be­gann zu däm­mern, als er wie­der zu sich fand, und er trug die Rau­pe, die ge­ra­de ver­such­te sein Kinn hoch­zu­klet­tern, hin­über zu den Sträu­chern. Ih­re Bor­sten hat­ten ihn ge­kit­zelt, wie fei­ne, ne­steln­de Fin­ger.

Dein Git­ter, hat­te sie am näch­sten Tag ge­sagt, du und dein Git­ter, mit ei­nem ver­schmitz­ten Lä­cheln, und ihn da­bei von der Sei­te an­ge­se­hen, halb an­ge­se­hen und halb nicht.
Doch er schwieg, deu­te­te auf die Gold­am­mer, die im Sing­flug den Hof durch­stieg, und auf den Klei­ber, der sich nicht ent­schei­den konn­te, ob er den Baum­stamm nun auf- oder ab­wärts lau­fen soll­te, und sich nur merk­wür­dig im Kreis dreh­te. Und im­mer noch schwei­gend gin­gen sie wei­ter, ans hin­te­re En­de, denn sie woll­te sich ein Buch, von dem er er­zählt hat­te, bor­gen.

Wie­der sah er ei­nen Trop­fen fal­len, aber dies­mal war er ganz na­he, und er lief, oh­ne sich um­zu­se­hen, in die hin­ter­ste Ecke des Ho­fes, zu der ab­ge­wa­sche­nen, mor­schen Bank, und dem eben­glei­chen Tisch, die man von nir­gends ein­se­hen konn­te.

Es war kein ge­müt­li­cher Ort, ei­ner, an dem be­nut­ze Ta­schen­tü­cher auf der Er­de la­gen, und ver­beul­te Do­sen, aber jetzt war es ge­nau der rich­ti­ge. Er ver­grub sei­nen Kopf un­ter den Ar­men, oder hät­te es ger­ne ge­tan, und leg­te statt­des­sen die Ell­bo­gen auf den Tisch, Arm auf Arm, dar­auf die Stirn, und schloss die Au­gen.

Er war al­lei­ne, weit ent­fernt von Hof und Haus, und dem Tisch, mit sei­nem schlei­mi­gen Über­zug. Und doch hät­te er auch wei­ter vor­ne, in der Mit­te des Ho­fes, so auf den Stu­fen sit­zen, und sei­ne Ell­bo­gen auf die Knie stüt­zen kön­nen.

Noch ein Bier, ei­nes, bit­te. Aber er war be­reits auf­ge­stan­den, fühl­te die ent­täusch­ten Er­war­tun­gen, und blieb ge­bun­den, an sei­nen wi­der­sin­ni­gen Ent­schluss. Er schob sich vor­bei, an Ma­nue­la und an Ju­lia, trat von dem ka­bi­nen­haft um­grenz­ten, und ei­ner Rauch­glocke über­han­ge­nen Tisch, und schlich da­von.
Wie es ge­we­sen war? Aber Joa­chims Er­in­ne­rung war lücken­haft, oder es war et­was an­de­res, aber der Aus­klang des Abends er­trank in vie­len ähs, hms und ahs.

Und des­we­gen, und nur des­we­gen, ging man im­mer wie­der hin. Weil es die an­de­ren Aben­de auch gab, trotz des Rau­ches, der hoch­ge­spül­ten Lee­re, und den sinn­lo­sen Ge­sprä­chen. Das Ein­ver­ständ­nis, das mit Ein­ver­ständ­nis Er­leb­te, hol­te ihn im­mer wie­der zu­rück. Und sei­ne Freun­de, die er moch­te, al­le­samt.
Er hat­te kurz ge­zö­gert, ei­nen Bier­deckel mit dem Zei­ge­fin­ger ge­stützt, und ihn an­ge­sto­ßen. Ja ich weiß, hat­te er ge­sagt. Und dann ge­riet der Bier­deckel aus dem Gleich­ge­wicht, und roll­te noch ein- oder zwei­mal auf und ab, be­vor er still da lag.

Nach­her war es be­deu­tungs­los, nach­her war im­mer al­les be­deu­tungs­los, und viel­leicht schon, nach­dem er das Lo­kal ver­las­sen hat­te.

Es war un­be­deu­tend. Fast war er auf­ge­schreckt, über die Be­stimmt­heit mit der er in die Stil­le sprach. Aber er hat­te nicht ge­spro­chen… Ei­ni­ge Son­nen­strah­len spiel­ten im Blatt­werk über ihm, und ir­gend­wo träl­ler­te ei­ne Am­sel. Dann war al­les wie­der schwarz und still.

Und an ei­nem der näch­sten Ta­ge, als er wie­der an sei­nem Platz stand, sich be­reit mach­te, aber die Tür auf­sprang, und ein al­ter Mann her­vor­trat, der ihn, der an der Wand lehn­te und Thea­ter spiel­te, höf­lich grüß­te, und dem er noch lan­ge hin­ter­her sah, als er über die Stu­fen ab­wärts ge­gan­gen war… und dann, dann war ihm, als ob sein Ein­ver­ständ­nis ein Irr­tum, und sei­ne Sprün­ge im­mer bloß Sprün­ge ge­we­sen wa­ren.

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  1. Um Dir...
    ...hier­bei zu hel­fen.

    We­gen des Res­sorts bin ich mir un­si­cher, und ei­gent­lich woll­te ich nur den er­sten Ab­satz ein­blen­den, ha­be aber nicht ent­decken kön­nen wie man das re­gelt.

  2. Ver­such, „Flü­ge und Sprün­ge“ zu ver­ste­hen
    Flü­ge und Sprün­ge be­sit­zen sehr prak­ti­sche Di­men­sio­nen: ei­ner­seits drücken sie ei­ne ge­wis­se Ri­si­ko­be­reit­schaft aus, zu­dem sind sie Aus­druck von Frei­heit und Selbst­be­stim­mung. Mut ge­hört da­zu, auch Ent­schei­dungs­kraft und Spon­ta­ni­tät ( ich den­ke da ganz prak­tisch an mei­nen jüng­sten Sohn, als er vor Jah­ren mit dem Skate­board Flü­ge mach­te, je hö­her de­sto bes­ser).
    Mir fällt auch der Flug des Ika­rus ein, oder die un­voll­ende­te Tra­gö­die von Höl­der­lin „Der Tod des Em­pe­do­kles“ oder in der Neu­zeit die Sprün­ge von Ski­schan­zen usw.. Es heißt, Din­ge hin­ter sich zu las­sen, wenn man springt. Zwi­schen Aus­gang und Ziel gibt es ei­ne Lee­re, ei­ne Grenz­über­schrei­tung.
    Die Sprünge/Flüge der obi­gen Er­zäh­lung wird von ei­ner Per­son voll­zo­gen, die sich be­wusst ist, „von et­was Al­tem weg, hin zu et­was Neu­em zu sprin­gen“ ( zwei­ter Ab­satz). Und wei­ter hat die Per­son im Lau­fe der Zeit er­fah­ren, dass nur der, der den Sprung voll­zieht, über die Er­fah­rung der an­de­ren Sei­te ver­fügt.

    Jetzt ha­be ich mit dem „In­nen­le­ben“ an­ge­fan­gen, da mir die­se an der Er­zäh­lung be­son­ders wich­tig ist, denn es ist in mei­nen Au­gen ei­ne phi­lo­so­phi­sche Er­zäh­lung. Ei­ne stil­le Er­zäh­lung mit Tief­gang.
    Man­ches hat sich mir aber auch nach mehr­ma­li­ger Lek­tü­re nicht er­schlos­sen, z.B. wer die Person/Personen ist/sind, die im sech­sten Ab­schnitt auf­taucht-en. „Be­such­te“ er je­man­den? Wer ist „sie“? Lebt er „al­lei­ne ge­mein­sam“ mit den Nach­barn, plötz­lich tau­chen zwei Na­men auf, Ma­nue­la und Ju­lia, vor­her wa­ren die Per­so­nen al­le na­men­los. Das emp­fin­de ich als et­was ver­wir­rend.

    Nicht nur an die­sen Stel­len mer­ke ich, dass die­ser Text ein Aus­schnitt von et­was Län­ge­rem sein müss­te. Da auch an Hand­lung oder Kon­flik­ten sehr we­nig im In­halt zu fin­den ist, stellt sich mir dies als der An­fang ei­ner län­ge­ren Er­zäh­lung dar. Sie be­sitzt bis da­hin ei­nen be­schrei­ben­den Cha­rak­ter.
    Der Schluß­satz deu­tet al­ler­dings wie­der auf ein En­de der Er­zäh­lung hin. Auch das hat mich ein we­nig ir­ri­tiert, was die Ein­ord­nung der Text­sor­te an­be­langt.

    Sie pro­ji­zie­ren üb­ri­gens sehr schö­ne Bil­der, Bil­der die mir rich­tig gut ge­fal­len: so z.B. das Bild mit der Rau­pe. Sie macht kei­ne Sprün­ge, sie ist mit ih­ren Füß­chen und Häk­chen bo­den­stän­dig, geht ih­ren Weg. Oder die Be­ob­ach­tung des Klei­bers, der Was­ser­trop­fen, der Bier­deckel, die hin­te­re schmud­de­li­ge Hof­ecke.
    Was mich in­ter­es­sie­ren wür­de, für wel­ches Pu­bli­kum Sie die­se Er­zäh­lung schrei­ben möch­ten.
    Ich bin auf wei­te­re Bei­trä­ge und an­de­re Per­spek­ti­ven ge­spannt.

  3. Im ernst He­le­ne He­ge­mann schreibt we­sent­lich bes­ser und ich weiß schon dass man das in Zei­ten von »der Mob ist im­mer im Recht« nicht schrei­ben darf, aber das ist ech­te deut­sche Lan­ge­wei­le und wird es auch blei­ben, ob der Kom­men­tar nun ge­löscht wird oder nicht.

  4. @lou-salome #2
    Zu­nächst ein­mal vie­len Dank für Ih­ren Kom­men­tar. Es freut mich sehr, dass Sie den Text mehr­mals ge­le­sen ha­ben, und dass er Ih­nen (zu­min­dest stel­len­wei­se) ge­fal­len hat.

    Ich ver­su­che mit mei­ner Ant­wort ei­ne Grat­wan­de­rung, d.h. ich möch­te nicht er­klä­ren wie et­was ge­meint ist, an­de­rer­seits aber auf­spü­ren, ob Ver­wir­run­gen dar­auf be­ru­hen könn­ten, dass mir Feh­ler un­ter­lau­fen sind.

    Dass ich ein­mal Na­men ver­wen­de, und ein­mal nicht er­scheint mir (na­tür­lich) lo­gisch, und ich glau­be, dass ich dem Text et­was näh­me, wenn ich das än­de­re. Dass da­mit der Ab­satz vor der Rau­pe zu ver­wir­rend sein könn­te ha­be ich be­fürch­tet, an­de­rer­seits er­scheint es mir nicht un­mög­lich, ei­ne brauch­ba­re Le­se­rich­tung zu ge­win­nen (aber ich bin selbst­ver­ständ­lich kein »neu­tra­ler« Le­ser). Mei­ne Fra­ge wä­re da­her, ob es Ih­nen ge­ne­rell nicht mög­lich ist ei­ne Lö­sung zu fin­den, oder ob es nur kei­ne ein­deu­ti­ge ist.

    Er­zäh­lung, Kurz­ge­schich­te, Mi­nia­tur, et­was in die­ser Rich­tung soll­te es sein. Der Text ist so wie er hier steht kom­plett, es gibt kei­ne Fort­set­zung o.ä., was nicht heißt, dass ich ihn nicht ir­gend­wann um­ar­bei­te, aber zur Zeit ist das kein The­ma (ich fürch­te, dass ei­ne Ver­län­ge­rung kon­tra­pro­duk­tiv wä­re, und ich wüss­te auch nicht wo­mit ich ver­län­gern soll­te).

    Ei­ne Ant­wort auf die »Pu­bli­kums­fra­ge« muss ich lei­der schul­dig blei­ben, da ich mir dar­über kei­ne Ge­dan­ken ge­macht ha­be, aber war­um, wenn ich ge­gen fra­gen darf, in­ter­es­siert Sie das?

  5. Pro­sa + Mi­nia­tur = Pros­ami­nia­tur
    Ja, das ist es. Ei­ne klei­ne Pros­ami­nia­tur. Das passt. Sie ha­ben vie­le far­bi­ge Bil­der in ei­nen kur­zen Text ein­ge­ar­bei­tet. Mir kam ja noch das Bild ei­nes Azu­le­jos in den Kopf, als Sie den Trep­pen­auf­gang und die Haus­wand be­schrie­ben ha­ben. Ei­nes al­ten Azu­le­jos, das Geschichte(n) „er­zählt“. Dann noch die ver­kleb­ten Spin­nen­we­ben; al­te Zei­ten ... Ge­gen­wart...

    Ih­re Mi­na­tur kenn­zeich­net ei­nen aukt­oria­len Er­zähl­stil. Und da den­ke ich mir, da dürf­ten Sie dem Le­ser ein klein we­nig hel­fen, da Sie ja als der „all­wis­sen­de“ Er­zäh­ler über den Din­gen ste­hen, in dem Sie von den Per­so­nen viel­leicht ein we­nig mehr „ver­ra­ten“ oder Ih­ren Prot­ago­ni­sten plus nur ei­ne wei­te­re Fi­gur be­schrei­ben. Das wür­de in mei­nen Au­gen dann kla­rer wer­den. Nicht so ver­wir­rend. Denn auch nach noch­ma­li­ger Lek­tü­re weiß ich im­mer noch nicht, lebt der Prot­ago­nist al­lei­ne, mit der Mut­ter, mit Frau und viel­leicht Kin­dern ( Ma­nue­la und Ju­lia ) oder mit ei­nem Mit­be­woh­ner in dem Haus mit den paw­latsch­ähn­li­chen Auf­gän­gen.

    Und noch hin zu mei­ner Fra­ge, wel­ches Pu­bli­kum Sie an­spre­chen möch­ten.
    Die­se Fra­ge stell­te sich mir au­to­ma­tisch, da Sie die Mi­nia­tur in Be­gleit­schrei­ben ver­öf­fent­licht ha­ben. D.h. ein grö­ße­res Pu­bli­kum wird sie le­sen. Und da Ihr Pro­sa­stück ganz si­cher nicht in die Spar­te Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur passt, mei­nem Ver­ständ­nis aber auch auch noch nicht fer­tig ist, Sie das viel­leicht auch so se­hen, wer­den Sie ja evt. noch dar­an ar­bei­ten, und dann ist das Ziel si­cher nicht un­wich­tig.
    Ich hof­fe, ich war mit mei­ner Fra­ge nicht in­dis­kret, manch­mal ver­ges­se ich, dass sich das Gan­ze hier auf grö­ße­rem öf­fent­li­chem Raum„abspielt“. :) LG lou-sa­lo­me

  6. Pros­ami­nia­tur, ein­ver­stan­den.
    Ich möch­te noch ein­mal be­to­nen, dass ich den Text als fer­tig be­trach­tet ha­be (und nach wie vor tue), und ihn auch in die­sem Be­wusst­sein ein­ge­stellt ha­be. Was Ver­än­de­run­gen nicht hun­dert­pro­zen­tig aus­schließt, wenn ich de­ren Not­wen­dig­keit ein­se­he (auch na­tür­lich auf Grund der Rück­mel­dun­gen, die ich er­hal­te). Ich be­fürch­te nur, dass ein we­sent­li­ches Ele­ment ver­lo­ren geht, wenn ich »die Han­deln­den« (und da­mit ihr Ver­hält­nis zu­ein­an­der) kla­rer zeich­ne­te. Was blie­be dann noch? Es ver­lö­re je­des Bild, je­de An­deu­tung et­was von ih­rer Kraft.

    Noch ein­mal zum Pu­bli­kum: Ich ha­be hier erst ein­mal ei­nen Kom­men­tar ver­öf­fent­licht, das ist lan­ge her, und ich woll­te es wie­der ein­mal tun, weil ich die­sen Ort schät­ze (und mit ein Grund ist, dass ich er­hof­fe hier mehr Rück­mel­dun­gen zu er­hal­ten, als an­dern Orts). Nein, in­dis­kret war das auf kei­nen Fall. Vie­le Grü­ße!

  7. Ein­druck des Le­sers
    Ich möch­te mich nicht da­von di­stan­zie­ren, dass ich die­sen Text an ei­ni­gen Stel­len nicht auch ver­wir­rend und/oder et­was un­durch­sich­tig fin­de, aber ich möch­te ei­nes in vol­ler Brei­te be­to­nen und das zielt an al­le, die die­ses be­män­geln soll­ten: Un­ver­ständ­nis des Le­sers kann auch ein Stil­mit­tel sein, ein sehr star­kes so­gar. Denn es er­zeugt Span­nung, er­mög­licht mehr In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum, Neu­gier und da­mit Dis­kus­si­ons­an­reiz etc.
    Wenn ich die­sen Text auf An­hieb ver­ste­hen wür­de, sä­he ich mög­li­cher­wei­se auch kei­nen Grund, ihn mir noch wei­te­re Ma­le durch­zu­le­sen.

    Der Ein­druck des Le­sers de­fi­niert sich m.E. nicht aus dem mo­men­ta­nen Ge­fühl (ich könn­te et­wa auch Tex­te le­sen, die mich schwer­mü­tig oder wü­tend stim­men), son­dern aus dem län­ger­fri­sti­gen Emp­fin­den, aus den »Spu­ren«, die der Au­tor beim Spiel mit den Emo­tio­nen des Le­sers im Kopf des­sel­bi­gen hin­ter­las­sen hat. Ich ha­be es zwar noch nie aus­pro­biert, aber ich kann mir gut vor­stel­len, dass man beim Le­sen ei­nes Tex­tes mit ei­ner et­was un­kla­ren oder un­durch­sich­ti­gen Hand­lung un­ter an­de­ren Be­din­gun­gen (bspw. der Ge­müts­stim­mung) auch ei­ne ANDERE Wir­kung auf den Le­ser er­zielt wird. Des­we­gen schät­ze ich u.a. die Ab­strak­ti­on in je­der Form der Kunst.

    Gu­te Ar­beit!

    [EDIT: 2010-02-17 13:52]

  8. Ich ha­be Ih­ren 9.257 Zei­chen um­fas­sen­den Text auf 698 re­du­ziert, um ihn le­sen so zu ko­en­nen, wie ich es auch bei Bue­chern tue: na­em­lich im­mer mit dem er­sten und dem letz­ten Ab­satz be­gin­nend, um dann zu ent­schei­den, wie ich wei­ter ver­fah­ren wer­de.

    Die Na­gel­pro­be be­steht dar­in, ob die­se „Klam­mer“ et­was ent­ha­elt, was mich da­zu brin­gen ko­enn­te, auch den „Con­tent“ zu le­sen.

    Zwei Schrit­te, dann... So­fort die Fra­ge: War­um Ita­lic? War­um drei Punk­te? ... Drei Punk­te – ge­ben sie mir Zeit zum Nach­den­ken, schon jetzt? Drei: wenn ich drei Schrit­te ma­che, sind das nicht ein­mal 2 m, und ich brau­che noch wei­te­re zwei, um bei der Tu­er zu lan­den, die ue­b­ri­gens an­ge­lehnt ist, da­mit nicht die Ka­el­te von drau­ssen ein­dringt.

    Aber: ich ha­be mich ver­le­sen, es sind zwei Schrit­te! So fa­engts al­so an – mit ei­nem Ver­le­ser. Ver­wun­dert? Nein, zwei oder drei: was za­ehlt mehr Dua­li­ta­et oder Tri­ni­ta­et? Das DWDS gibt bei zwei im­mer­hin 48.226 Tref­fer an, bei drei nur 33.294!

    Drei Punk­te, dann „Punkt­ge­nau“, ja. „Punkt­ge­nau lan­de­te“ – das Flug­zeug, das Boot, ich? „Punkt­ge­nau lan­de­te sei­ne Hand“ – noch im­mer die Fra­ge, war­um denn Ita­lic da­vor. Und jetzt, war­um „Punkt­ge­nau... sei­ne Hand“. Und wo? „auf dem Ge­län­der“.

    „Er“ be­fin­det sich auf ei­ner Trep­pe und geht hin­un­ter. „Er“. Vor ihm kommt die Hand, pars pro to­to.

    „im sel­ben Mo­ment stieß er sich wie­der ab“ – geht das: punkt­ge­nau lan­den und sich – „er“ sich als Gan­zes – wie­der ab­sto­ssen? War­um? Tut das ein die Trep­pe Hin­ab­ge­hen­der? Falls ich die Not­wen­dig­keit ver­spue­ren wu­er­de, mich an ei­nem Ge­la­en­der an­zu­hal­ten, wu­er­de ich die Hand dem Ge­lan­der ent­lang – ein Stu­eck zu­min­dest – schlei­fen las­sen. Die­ses Schlei­fen ver­mit­telt ein schoe­nes di­rek­tes Ma­te­ri­al­ge­fuehl.

    „Er“ hat sich als Gan­zes mit der Hand vom Ge­la­en­der ab­ge­sto­ssen – „nahm die letz­ten, ver­blei­ben­den Zen­ti­me­ter an Hö­he“ – ok, „er“ geht dem­nach hin­auf: da wu­er­de ich die Hand schon gar nicht vom Ge­la­en­der neh­men, son­dern es um­fas­sen, mich hoch­zie­hen, die Hand wei­ter­schlei­fen usw.

    „und glitt zwi­schen den bei­den Pfei­lern, die die paw­lat­schen­ähn­li­chen Auf­gän­ge tru­gen, ab­wärts ins Freie.“ Et­was ver­wir­rend, nur fu­er mich? Al­so zu­ru­eck: „Zwei Schrit­te, dann...“ Paw­lat­sche wae­re fu­er mich ein Lau­ben­gang in ei­nem In­nen­hof. Was soll ich mir aber un­ter ei­nem „paw­lat­schen­a­ehn­li­chen“ Auf­gang vor­stel­len? Und – ehr­lich – ich bin ue­ber­rascht, dass es jetzt „ab­wa­erts in Freie ge­hen“ soll. Nur we­gen mei­ner falsch ge­lei­te­ten Er­war­tun­gen?

    Zu­sam­men­ge­fasst: der er­ste Ab­satz macht neu­gie­rig, ver­wirrt mich aber auch durch die ei­gen­tu­em­li­che Mi­schung aus De­tail­an­ga­be und Un­ge­nau­ig­keit. Fuehrt ein, be­nennt aber nichts.

    Der Text en­det an „ei­nem der na­ech­sten Tag“ – schoen, dass ich gar nicht weiss, wie vie­le Ta­ge ver­gan­gen sind! – und „er“ steht „wie­der an sei­nem Platz“ – ich wu­ess­te na­tu­er­lich, wo „sein Platz“ ist (je­der an sei­nem Platz!), „er“ macht sich „be­reit“ – wo­fu­er?

    „aber die Tu­er“ springt auf: wann springt ei­ne Tu­er auf? Die hin­ter mir tuts nicht, tae­te es nur, wenn ein Fen­ster of­fen wae­re usw.

    Je­den­falls tritt „ein al­ter Mann her­vor“ – „er“ ist al­so ein ju­en­ge­rer, ein jun­ger?, an der Wand leh­nend (in die­sem Haus mit den „paw­lat­schen­ähn­li­chen Auf­gän­gen“), gru­esst hoeflich und „spielt Thea­ter“. Was dar­an ist so be­deu­tungs­voll, dass es Ita­lic ge­schrie­ben wer­den muss? Ok, „er“ sagt sich das vor: Ich spie­le jetzt Thea­ter? Wo­vor muss „er“ sich mit sei­nem „Thea­ter“ schuet­zen?

    Frau­en spie­len Thea­ter, wenn ih­nen an Ma­en­nern viel liegt, sie un­ter oder auf ih­nen lie­gen wol­len und von ih­nen et­was wie Zu­stim­mung, Bei­fall oder gar ei­ne Lie­bes­er­klae­rung er­war­tet wird. Hier spielt ein jun­ger oder ju­en­ge­rer Mann in ei­nem Trep­pen­haus Thea­ter und schaut dem al­ten Mann nach, „als er ue­ber die Stu­fen ab­wa­erts ge­gan­gen war…“ Wie­der die­se drei Punk­te, die vom Ein­lei­tungs­satz nach dem „dann ...«

    Nor­ma­ler­wei­se gibt es die­se Le­se­ent­schei­dungs­hil­fe nicht in sol­che Mi­kro­schrit­ten. Klar, ich ha­be das jetzt et­was ze­le­briert. Aber da­fu­er ist das Er­geb­nis ein­deu­tig: ich le­se den „Con­tent“ da­zwi­schen nicht, nicht jetzt. Der Grund: auch die­ser letz­te Satz laesst mich ver­mu­ten, dass es sich um ei­nen im De­tail um Ge­nau­ig­keit be­mueh­ten, aber in der Ab­sicht et­was ver­wisch­ten, das heisst: selbst­sthe­ra­pu­ti­schen Text han­delt, der an­stel­le des „ich“ ein „er“ ver­wen­det, um sich be­deckt hal­ten zu ko­en­nen. Al­so kein Ou­ting, was auch nicht not­wen­dig ist, um das In­ter­es­se an­zu­feu­ern. Das ist gar nicht die Fra­ge, denn ich den­ke, es geht um ein Ge­heim­nis, das nur an­ge­deu­tet wer­den kann. Aber ich fin­de es schoen, dass in mir die­se Ver­mu­tung be­stehen bleibt, und rich­tig, die­ser jetzt nicht nach­zu­ge­hen.

  9. Auch Ih­nen herz­li­chen Dank. Um gleich das ent­schei­den­de Miss­ver­ständ­nis aus­zu­räu­men, aber das mag re­gio­na­le Ur­sa­chen ha­ben, ei­ne Paw­lat­sche ist kein Lau­ben­gang. Das ist ei­ne Paw­lat­sche.

    Wenn Ih­nen man­che Din­ge un­ver­ständ­lich blei­ben, sie aber nicht den ge­sam­ten Text ge­le­sen ha­ben, nun ja, dann tue ich mir ein we­nig schwer, das auf mei­ne Kap­pe zu neh­men, das wer­den Sie si­cher ver­ste­hen.

    Selbst­the­ra­peu­tisch im Sin­ne, dass der Text ir­gend­wie mit er­leb­tem ver­bun­den ist? Aber ja (Geht das an­ders?). In dem Sin­ne, dass es sich so er­eig­net hat? Si­cher nicht. Aber ich will Sie zu nichts über­re­den.

  10. Zu­erst zu „Paw­lat­sche“: ich hat­te das ge­nau­so in Er­in­ne­rung wie auf dem Fo­to; doch in der von Ih­nen an­ge­ge­be­nen Wi­ki­pe­dia-Ein­trag steht ja auch: „Im Wie­ne­ri­schen wird der Be­griff für die um­lau­fen­den Lau­ben­gän­ge der ty­pi­schen Wie­ner Hin­ter­hö­fe be­nutzt.“ Und wenn man dem Link zu „Lau­ben­gang« ver­folgt, ei­ne na­e­he­re Er­laeu­te­rung: „Bei Ap­part­ment­häu­sern oder Wohn­ge­bäu­den ist der Lau­ben­gang ei­ne au­ßen lie­gen­de Er­schlie­ßung der ober­halb des Erd­ge­schos­ses lie­gen­den Wohn­ein­hei­ten, die seit der Mo­der­ne in der Ar­chi­tek­tur Ver­brei-tung fand. Mit ei­nem all­ge­mei­ne­ren Aus­druck wird die­ser Bau­teil auch als Ga­le­rie be­zeich­net. Wie der Kor­ri­dor ist der Lau­ben­gang ein ho­ri­zon­ta­les Er­schlie­ßungs­ele­ment in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner ver­ti­ka­len, oft eben­falls äu­ße­ren Er­schlie­ßung, zum Bei­spiel ei­nem Trep­pen­turm.“

    Bei der von mir an­ge­wand­ten Me­tho­de kann sich na­tu­er­lich nicht der gan­ze Text er­schlie­ssen. Es ging ja um die Selbst­dar­stel­lung – in dem Fall – der Le­se­rin in die­sem Mo­ment, die sich da vom Au­tor – al­so Ih­nen – ab­ge­kop­pelt hat, den Text so­zu­sa­gen als Trep­pe be­nuet­zend. Auf der ei­nen Sei­te der Au­tor als Sou­ver­a­en, auf der an­dern die Le­se­rin.

    De­ren Sou­ver­ae­ni­ta­et zeigt sich auch dar­in, dass sie sich ent­schliesst, nur ei­nen Teil des Tex­tes zu le­sen, was sich vor al­lem ge­gen die uebli­che Hast, Gier und Neu­gier rich­tet. Man kann sich ei­ne Trep­pe in ei­nem hin­auf­schwin­gen; oder eben auf ver­schie­de­nen Pla­teaus ste­hen­blei­ben wol­len; oder sich ei­nen wei­te­ren Auf­schwung gar nicht vor­stel­len wol­len; oder – kei­ne schlech­te Me­tho­de – da­von nur trae­u­men.

    „Selbst­the­ra­peu­tisch“ ko­enn­te auch durch „zwang­haft“ er­setzt wer­den. „Zwang­haft“ wu­er­de be­deu­ten, es gibt kei­ne Luecke zwi­schen dem Schreib­druck und den Schreib­in­ten­tio­nen. Welch ein Un­ter­schied zwi­schen ei­nem „au­then­ti­schen“ und ei­nem selbst­in­sze­nier­ten Text be­steht, ist mir schon klar. Ich ha­be nicht un­ter­stellt, Sie ha­et­ten ei­nen Be­richt ue­ber et­was schrei­ben wol­len, dass sich ge­nau „so“ er­eig­net hat.

    Ich glau­be, dass sich in ei­nem Text nichts ver­ber­gen laesst, wirft man ei­nen be­harr­li­chen und schar­fen Blick dar­auf. In­so­fern ge­nue­gen auch we­ni­ge Saet­ze, um zu­tref­fen­de Aus­sa­gen auch ue­ber Stil­merk­ma­le und da­mit den Au­tor selbst ma­chen zu ko­en­nen.

    Zum Bei­spiel war der fol­gen­de Satz, mit dem der Rau­pen­ab­schnitt be­ginnt, schon in den von mir ge­le­se­nen Saet­zen vor­be­rei­tet, nicht nur rhyth­misch, son­dern auch da­durch, dass das Ge­la­en­der schon ein­gangs be­deut­sam er­scheint („Punkt­ge­nau“). Was will man mehr: „dunk­le Li­ni­en“ gibt es im­mer und ue­ber­all. Aber hier ent­puppt sich ei­ne im Nah­blick als „brau­ne, dicht be­bor­ste­te Rau­pe“ und das Ge­la­en­der als ei­nes aus Ei­sen. (Wa­eh­rend ich ei­nes aus Holz ver­mu­te­te, so spielt mir mei­ne Ab­nei­gung ge­ge­nu­e­ber Me­tall eben auch beim Le­sen ei­nen Streich).

    Za­ert­li­che Be­geg­nung der Glied­ma­ssen ei­nes Zwi­schen­we­sens (aber die Schmet­ter­lings­flue­gel ent­fal­ten da­zu sich von selbst) mit dem mensch­li­chen Un­ter­grund, na­em­lich der Haut ei­nes auf die Ober­flae­che des Ge­la­en­ders als Hin­der­nis hin­ge­setz­ten (Zeige-)Fingers. Dar­um geht es: De­tail­blick, Be­ruehr­fa­e­hig­keit. Zeit­deh­nung zu ge­wis­sen Au­gen­blicken!

    PS: Was die Rau­pe be­trifft, so ha­be ich lan­ge ue­ber­legt, um wel­che es sich han­deln ko­enn­te. Die­je­ni­gen, an die ich jetzt den­ken muss, wa­ren nicht bor­stig, son­dern gru­en oder grell ge­zeich­net.

  11. Paw­lat­schen
    Man kann ver­mut­lich sehr lan­ge dar­über strei­ten, viel­leicht von mei­ner Sei­te ab­schlie­ßend; Sie schrie­ben: Paw­lat­sche wae­re fu­er mich ein Lau­ben­gang in ei­nem In­nen­hof. Lau­ben­gän­ge sind Teil ei­ner Paw­lat­sche, ja, aber des­we­gen ist nicht je­der Lau­ben­gang (auch in ei­nem In­nen­hof; und vor al­lem nicht ein Lau­ben­gang) schon ei­ne Paw­lat­sche, denn Lau­ben­gän­ge kön­nen z.B. auf das Erd­ge­schoss be­schränkt sein; der Be­griff Lau­ben­gang ist zu­dem viel wei­ter ge­fasst (Tra­di­tio­nell be­zeich­net der Be­griff Lau­ben­gang ei­nen of­fe­nen Bo­gen­gang an Ge­bäu­den. Auch der Be­griff Ar­ka­den wird syn­onym ge­braucht. Er um­fasst als städ­te­bau­li­ches Ele­ment oft das Erd­ge­schoss­ni­veau gan­zer Stra­ßen­zü­ge oder Plät­ze, wo­durch ein wet­ter­ge­schütz­ter öf­fent­li­cher Ver­kehrs­raum ge­schaf­fen wird.), und wohl nicht sau­ber de­fi­niert – viel­leicht auch da­her die Dif­fe­ren­zen.

    Viel­leicht kön­nen Sie mir noch das ei­ne oder an­de­re er­läu­tern, ich se­he noch nicht ganz klar. Wie mei­nen Sie kei­ne Lücke? Dass Schreib­druck und In­ten­ti­on zu­sam­men­fal­len? Dass wür­de aber wie­der auf »au­then­tisch – nicht au­then­tisch« hin­aus­lau­fen, dass ich eben nicht dar­auf ge­ach­tet hät­te, was ich schrieb... Und ganz all­ge­mein wol­len Sie mir sa­gen, dass mein Text für den Le­ser nicht funk­tio­niert (Das ist völ­lig in Ord­nung, ich se­he nur nicht auf wel­chen Punkt, Sie mit Ih­rer Kri­tik hin­aus­wol­len)?

  12. „Von mei­ner Sei­te“, nicht un­be­dingt ab­schlie­ssend:
    — Ich dach­te, es schon ge­sagt zu ha­ben: ich woll­te Ih­nen mit­tei­len, wie ich als Le­se­rin – manch­mal – an ei­nen Text her­an­ge­he und was Ihr Text – in die­sem Schnecken­tem­po und mit die­ser Aus­spa­rung ge­le­sen – bei mir be­wirkt hat.
    — Das ist al­so ei­ne Mit­tei­lung ue­ber mich, kein Ur­teil ue­ber Sie als Schrei­ben­den. Ok?
    — Ih­re Be­fu­erch­tung, ich wu­er­de mir ein Ur­teil daru­e­ber ge­stat­ten, ob Ihr Text fu­er DEN Le­ser „funk­tio­niert“, ist nicht zu­tref­fend.
    — „Be­ob­ach­tun­gen“ – wie sie ja auch Lou-Sa­lo­me glo­ba­ler for­mu­liert hat – wu­er­de ich an Ih­rer Stel­le nicht als Kri­tik auf­fas­sen, son­dern als Im­puls, die­se Pro­sa­skiz­ze aus ei­nem an­de­ren Blick­win­kel zu be­trach­ten und zu ei­nem an­de­ren Zeit­punkt, wenn es dann noch von Be­deu­tung fu­er Sie, noch ein­mal her­an­ge­hen.
    — Ich ha­be ei­ne Wei­le in ei­nem sehr ge­brech­li­chen Paw­lat­schen­haus ge­wohnt, das dann ab­ge­ris­sen wur­de, und kann da­her des­sen Vor- und Nach­tei­le recht gut ein­zu­schaet­zen. Viel­leicht war des­halb mei­ne Phan­ta­sie, die Ihr er­ster Ab­satz ge­weckt hat, fehl­ge­lei­tet, was das Be­we­gungs-Auf und Ab be­trifft.

    PS: Ue­b­ri­gens sind Sie dar­auf nicht ein­ge­gan­gen (was nicht heisst, dass Sie sich selbst in­ter­pre­tie­ren sol­len): „Frau­en spie­len Thea­ter, wenn ih­nen an Ma­en­nern viel liegt, sie un­ter oder auf ih­nen lie­gen wol­len und von ih­nen et­was wie Zu­stim­mung, Bei­fall oder gar ei­ne Lie­bes­er­klae­rung er­war­tet wird. Hier spielt ein jun­ger oder ju­en­ge­rer Mann in ei­nem Trep­pen­haus Thea­ter ...«

    PPS: Und hier ein Fo­to ei­ner mei­ner „Lieb­lings­rau­pen“ (der des Tag­pfau­en­au­ges), auf dem die „Fort­be­we­gungs­wer­keu­ge“ (»Fues­schen und Haek­chen«?) gut zu er­ken­nen sind.

  13. Nein, nein, ich dis­ku­tie­re ger­ne wei­ter.
    Ab­schlie­ßend be­zog sich nur auf die Paw­lat­schen (ich den­ke es ist nicht der Mü­he wert, sich da wei­ter zu ver­zet­teln, wir mei­nen bei­de das glei­che, und da­mit ist es er­le­digt).

    Ich mein­te Kri­tik gar nicht ne­ga­tiv (und, dar­über kann man auch schön dis­ku­tie­ren, wert­vol­le Kri­tik tut m.E. im­mer »weh«, weil sie Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in Fra­ge stellt, da­für aber kommt man »wei­ter«), und ich ha­be von ih­ren (und den An­mer­kun­gen der an­de­ren) viel ge­lernt – da­für auch mein Dank. Ich fin­de Ih­re Her­an­ge­hens­wei­se an Tex­te un­ge­wöhn­lich, aber durch­aus frucht­bar (es war für mich im er­sten Mo­ment nur in­so­fern »pro­ble­ma­tisch«, weil Sie nicht den ge­sam­ten Text ge­le­sen hat­ten und man­ches un­ver­ständ­lich blei­ben muss­te, z.B. die Sa­che mit der Schräg­stel­lung und den drei Punk­ten zu Be­ginn, die sich erst spä­ter er­schließt [es wür­de mich in­ter­es­sie­ren, ob sie »an­ge­kom­men« ist.]).

    Es ist für mich es­sen­ti­ell, ob der Text funk­tio­niert, oder nicht, wie soll­te ich ihn sonst ver­bes­sern? In­so­fern sind Ih­re An­sich­ten schon ein Ur­teil über den Text, re­spek­ti­ve mei­ne Fä­hig­kei­ten, was aber nicht schlimm ist, oder(Sie sag­ten selbst:Ich glau­be, dass sich in ei­nem Text nichts ver­ber­gen laesst, wirft man ei­nen be­harr­li­chen und schar­fen Blick dar­auf. In­so­fern ge­nue­gen auch we­ni­ge Saet­ze, um zu­tref­fen­de Aus­sa­gen auch ue­ber Stil­merk­ma­le und da­mit den Au­tor selbst ma­chen zu ko­en­nen.)? Mein Schluss wä­re, dem Text zu­min­dest pro­be­wei­se ei­ne Über­ar­bei­tung (es ist von Be­deu­tung, auch wenn ich es nicht so­fort tun wer­de) zu gön­nen, und dann ei­nen Ver­gleich der Fas­sun­gen zu be­werk­stel­li­gen, wenn Sie mir aber jetzt sa­gen, dass dem nicht so ist, in­dem Sie ihr Ur­teil – miss­ver­ste­he ich Sie? – ir­gend­wie in den Be­reich Mei­nung ver­schie­ben. Dann ste­he ich mit lee­ren Hän­den da, und weiß nicht was ich von dem hal­ten soll, was Sie oben schrie­ben. Viel­leicht der Klar­heit we­gen: Ein be­grün­de­tes Ur­teil über ei­nen Text, geht im­mer über ei­ne blo­ße Mei­nung hin­aus, und tritt auf ei­ne all­ge­mei­ne­re Ebe­ne – des­we­gen der Le­ser.

    „Frau­en spie­len Thea­ter, wenn ih­nen an Ma­en­nern viel liegt, sie un­ter oder auf ih­nen lie­gen wol­len und von ih­nen et­was wie Zu­stim­mung, Bei­fall oder gar ei­ne Lie­bes­er­klae­rung er­war­tet wird. Hier spielt ein jun­ger oder ju­en­ge­rer Mann in ei­nem Trep­pen­haus Thea­ter ...« Die Über­ge­hung war kei­ne Ab­sicht. So­viel: Das ist ei­ne Le­se­rich­tung, und sie sagt mir, dass der Text stel­len­wei­se funk­tio­niert, denn es gibt zu­min­dest ei­ne wei­te­re (aber dann in­ter­pre­tie­re ich mich).

    Schö­nes Fo­to – zur Rau­pen­fra­ge möch­te ich nichts sa­gen, das soll der Le­ser ent­schei­den.

  14. Ich ha­be die Er­zäh­lung mehr­fach le­sen müs­sen, weil sie sehr dicht ist. Aber es lohnt sich; der Au­tor treibt nicht nur ein necki­sches Spiel mit dem Le­ser (das mag ich gar nicht), son­dern zwingt, ja er­zeugt so­gar (das ist sel­ten!) Kon­zen­tra­ti­on und – Ge­duld.
    Aber – und das muss auch kein Feh­ler sein: so ganz er­schliesst es sich nicht. Es blei­ben Leer­stel­len, Frei­räu­me, so­gar Fra­gen.

    Die­ses Sprin­gen im Haus­flur, von ei­ner Trep­pe ir­gend­wo hin, spä­ter viel­leicht so­gar ein Klet­tern (wirk­lich?): Rück­kehr für ei­nen Mo­ment in ei­ne Kind­heit oder ei­ne »bes­se­re« Zeit, die da­mit her­vor­ge­holt, wie­der-holt wird. Und doch: es bleibt nur flüch­tig, was am Rau­pen­sym­bol deut­lich wird und am En­de ist die­se Zeit nicht ein­mal mehr evo­zier­bar – viel­leicht weil man es nicht mehr will oder ein­fach nur der Zau­ber ver­flo­gen ist.

    Ach, was für ei­ne Fra­ge, ob Li­te­ra­tur »funk­tio­niert«. Ha­ben wir nicht ge­nug Funk­ti­ons­ap­pa­ra­te um uns her­um? Die Er­zäh­lung hier ist Lek­tü­re für Sonn­tag­nach­mit­ta­ge, in de­nen die Son­ne auf die Au­ßen­wän­de scheint; ein Spät­som­mer-Sonn­tag. Et­was ent­fernt hört man spie­len­de Kin­der. Und kurz über­kommt ei­nem ei­ne Me­lan­cho­lie.

  15. Dan­ke für Dei­ne Ein­schät­zung.
    Dass Fra­gen blei­ben, ist viel­leicht et­was »zu viel« ... ich den­ke es wird ei­ne über­ar­bei­tet Fas­sung ge­ben (aber nicht all­zu bald), wenn sie Dich in­ter­es­siert, las­se ich sie Dir zu­kom­men.

    -

    Me­lan­cho­lie hal­te ich für ei­nen durch­aus wert­vol­len Zu­stand (wor­in wir wahr­schein­lich über­ein­stim­men).

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