Inzwischen kommt kaum noch eine Diskussion über den Euro und die entsprechenden (sogenannten) Stabilisierungsmaßnahmen ohne warnende Hinweise aus. Bereits vor einigen Monaten beschwor der Vorsitzende der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker (der auch gleichzeitig Ministerpräsident einer europäischen Steueroase ist), wenn der Euro scheitere, würde Europa wieder drohen, in die Barbarei des Krieges zurückzufallen (»Ein Tag Krieg in Europa ist teurer als uns die ganze Euro-Rettungsaktion jemals kosten wird«). Als hätte man bis 2000 im Kriegszustand mit Frankreich gelebt und aktuell deutsche Truppen an den dänischen und schweizer (Nicht-EU!) Grenzen stehen würden. Diese Drohung wird in unterschiedlichen Nuancen artikuliert. Wenn der Euro scheitere, so die noch harmloseste Variante, scheitere die europäische Integration. Darf man daran erinnern, dass die Gründer der EWG eine gemeinsame Währung gar nicht intendierten?
Bildung und bilden. Gedanken.
Im Unterschied zu Wissen und Information, die als statisch oder festgefügt angesehen werden, assoziiert man „bilden“ und „Bildung“ mit einem Vorgang kontinuierlicher Veränderung. Es ist sinnvoll, von einem derzeitigen Stand des Wissens auszugehen, jedoch nicht von einer aktuellen, zeitgemäßen Form von Bildung, die immer über das bloße Sammeln und Ordnen in einer Art Setzkasten, einer Kartei oder einem Lexikon, hinausgeht, aber ohne den Erwerb von Wissen nicht denkbar ist: Bildung liegt eine bestimmte Art und Weise der Handhabung von Information und Wissen zu Grunde, die sie erst konstituiert. Die Inhalte des Bildungsprozesses, die Art und Relevanz des beteiligten Wissens, können (und sollten) unter dem Aspekt des Verfalls und der Erneuerung betrachtet werden.
Es liegt nahe, Bildungsprozesse als vorläufige, nie abgeschlossene Formung und Gestaltung aufzufassen. Aber was verändert sich eigentlich, worin nimmt es seinen Ausgang und welchen Zielen dient es? In welchen Relationen muss ein Wissenserwerb stehen, um Bildung genannt zu werden? Und was macht das zweite gegenüber dem ersten besonders?
Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County
Ein silbernes Fast-Quadrat und grau-silberfarbene, vertiefte Buchstaben auf weißem Grund: Selten hat ein Cover die Stimmung eines Buches derart kongenial bebildert. Denn derart aseptisch erscheint das Leben in der fiktiv-utopischen Stadt CobyCounty in Leif Randts Roman.

Tatsächlich heißt es auf den Titelseiten noch »Coby County« – im Buch gibt es dann überall diese schicken Binnenmajuskeln, vom Kuchenbringdienst BakeryExpress über das Museum ConyCountyArthouse, einer ehemaligen Fabrik (Coleman&Aura), den Hügeln der Stadt (ColemanHills) und der Eisenbahngesellschaft CC.MetroExpress. Und natürlich heißt es jetzt CobyCounty, dieser im geografischen Niemandsland angesiedelte Ort, weder USA noch Europa. Ein Ort, in dem der Frühling Ende Februar beginnt und eine ganz spezielle Jahreszeit zu sein scheint – warm, mit vielen Touristen und Unmengen von Partys und Veranstaltungen.
Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Der Hals der Giraffe
Inge Lohmark ist Lehrerin am »Charles-Darwin-Gymnasium« in einem nicht näher genannten Ort in Vorpommern – scheinbar eine Region zwischen Wildostphantasien und deutschem Mezzogiorno. Lohmark gibt als Klassenlehrerin Biologie und Sport in der neunten Klasse – für nur noch zwölf Schüler – fünf Jungen, sieben Mädchen. Es gibt keine Kinder mehr; erst recht keine Gymnasium-Tauglichen. Es ist die letzte neunte Klasse dieser Schule, die in einigen Jahren geschlossen werden soll. Nachmittags beherbergt das Gebäude heute schon die Volkshochschule (was von teilen des Kollegiums nicht gern gesehen ist).
Inge Lohmark ist seit dreißigeinhalb Jahren Lehrerin und vom alten Schlag. Wenn sie »Setzen« sagt, setzen sich die Schüler; die Sportstunde beginnt sie mit einem zünftigen »Stillgestanden«. Ihr Unterricht ist kreidelastig und frontal. Sie kennt keine zärtliche Nachgiebigkeit, denn es lohnt sich nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper. Nach wenigen Seiten erkennt man, wie der Name der Schule etwas mit dem Weltbild von Inge Lohmark zu tun haben soll (erste Skepsis).
Das große Versagen
Charlotte Roches Schlampenpalaver »Schoßgebete«, der neue Neo-Realismus der Literaturkritik und ein kleiner Ausflug
»Schoßgebete« berichtet von drei Tagen aus dem Leben der Elizabeth Kiehl (33), die mit ihrem Mann Georg (50) und 7jähriger Tochter Liza in einer »anale[n] Wohnung« in einer deutschen Großstadt in der »Jonathan-Safran-Foer-Ära« (d. i. die Gegenwart) lebt. Lizas Vater ist Elizabeths Fast-Ehemann Stefan. Fast-Ehemann, weil drei Brüder von Elizabeth bei der Anreise zur Hochzeit tödlich verunglückten; die Mutter wurde schwerverletzt. Die Hochzeit wurde abgesagt; die Beziehung zerbrach. Liza wurde, wie Elizabeth erzählt, praktisch als letztes Miteinander zwischen den beiden gezeugt. Fast gleichzeitig lernte Elizabeth den Galeristen Georg kennen, der damals noch mit einer anderen Frau verheiratet war und Vater vom fast gleichaltrigen Max ist. (Die Verwandtschaftsverhältnisse von Elizabeth sind noch komplizierter, weil ihre Mutter Liz mit drei Männern verheiratet war.)
»Gruß aus dem Zeitalter der Gleichmachung«
In George Orwells Roman »1984« gibt es im Wahrheitsministerium, dass sich dem Leser durch die Sicht auf den Protagonisten Winston Smith langsam erschließt, eine Figur mit dem Namen Ampleforth. Er ist ein »verträumter« Mensch mit »stark behaarten Ohren«. Seine Aufgabe besteht darin, geänderte Texte von Gedichten hin zu » ‘endgültigen Fassungen’ « zu erstellen. Er besaß bei aller Untüchtigkeit, die ihm attestiert wird, immerhin das Talent, »mit Reimen und Versmaßen zu jonglieren«. Derart verändert konnten Gedichte, die »ideologisch anstößig« geworden waren, in den Gedichtsammlungen beibehalten werden. Mit Zeitungen und allen anderen literarischen Texten verfuhr man ähnlich: Sie waren einem »dauernden Umwandlungsprozeß« unterzogen. »Auch Bücher wurden immer wieder aus dem Verkehr gezogen und neu geschrieben und ohne jeden Hinweis auf die vorgenommenen Veränderungen neu aufgelegt.«
Bei Orwell heißt das »Wirklichkeitskontrolle«. Winston führt ein Tagebuch, welches er vor den allgegenwärtigen Apparturen der Überwachung verstecken muss. Winston will dieser Kontrolle etwas entgegensetzen. Dabei ist das Führen des Tagebuchs eigentlich sinnlos, da es niemand jemals lesen wird. Der »Gruß aus dem Zeitalter der Gleichmachung«, den er dort eines Tages niederschreibt, wird mit größter Wahrscheinlichkeit verhallen – oder sogar bestraft werden.
Orwell schrieb seine Dystopie bekanntermaßen um 1948. 1951 veröffentlichte Ray Bradbury die Erzählung »Der Feuerwehrmann«, aus der zwei Jahre später der Roman »Fahrenheit 451« hervorging. Bei Bradbury werden die Bücher nicht mehr umgeschrieben und der jeweiligen Ideologie angepasst. Sie werden verboten und von Feuerwehrleuten mit Flammenwerfern vernichtet. Die vereinzelten Widerständler gegen diese Tyrannei sind diejenigen, die sie auswendig lernen, bevor sie vernichtet werden.
In beiden fiktiven Geschichten (aber nicht nur in diesen) gibt es einen emphatischen Glauben an die Wirkung des geschriebenen, freien Wortes. Daher muss es von den jeweiligen Machthabern wenn nicht unterdrückt, so doch mindestens im Sinne des Systems manipuliert werden.
Orwells Wahrheitsministerium ist dabei zum Inbegriff eines im verborgenen agierenden manipulativen Propagandaapparates geworden. Anatol Stefanowitsch ist zweifellos nicht für einen solchen Apparat tätig. Er ist Sprachforscher, was man seinen Artikeln ansieht. Er beschäftigt sich in seinem Aufsatz »Pippi Langstrumpf, Negerprinzessin und Übersetzungsproblem« mit Passagen aus Astrid Lindgrens Büchern »Pippi Langstrumpf geht an Bord« und »Pippi in Taka-Tuka-Land«.
Politik oder Wirtschaft?
Zugegeben, es ist keine sehr wichtige Frage in diesen Zeiten. Aber ich hätte schon gerne gewusst, wer denn der Mann dort ist, der über die Lecks der Shell-Bohrinsel semi-optimistische Aussagen tätigt.
Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus
Ist es nicht merkwürdig, dass bis heute einige der schlimmsten Diktaturen ein »demokratisch« in ihren Staatenbezeichnungen führen? Und/oder als »Volksrepublik« so etwas wie Pluralismus suggerieren? Warum werden so häufig bestimmte Termini ausgerechnet dann verwendet, wenn sie exakt das Gegenteil dessen bedeuten, was man gemeinhin damit verbindet? Und was hat das dauerhaft für Auswirkungen auf das ...