Ob­szö­ne Durch­halter­he­to­rik

In­zwi­schen kommt kaum noch ei­ne Dis­kus­si­on über den Eu­ro und die ent­spre­chen­den (so­ge­nann­ten) Sta­bi­li­sie­rungs­maß­nah­men oh­ne war­nen­de Hin­wei­se aus. Be­reits vor ei­ni­gen Mo­na­ten be­schwor der Vor­sit­zen­de der Eu­ro-Grup­pe Jean-Clau­de Juncker (der auch gleich­zei­tig Mi­ni­ster­prä­si­dent ei­ner eu­ro­päi­schen Steu­er­oa­se ist), wenn der Eu­ro schei­te­re, wür­de Eu­ro­pa wie­der dro­hen, in die Bar­ba­rei des Krie­ges zu­rück­zu­fal­len (»Ein Tag Krieg in Eu­ro­pa ist teu­rer als uns die gan­ze Eu­ro-Ret­tungs­ak­ti­on je­mals ko­sten wird«). Als hät­te man bis 2000 im Kriegs­zu­stand mit Frank­reich ge­lebt und ak­tu­ell deut­sche Trup­pen an den dä­ni­schen und schwei­zer (Nicht-EU!) Gren­zen ste­hen wür­den. Die­se Dro­hung wird in un­ter­schied­li­chen Nu­an­cen ar­ti­ku­liert. Wenn der Eu­ro schei­te­re, so die noch harm­lo­se­ste Va­ri­an­te, schei­te­re die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on. Darf man dar­an er­in­nern, dass die Grün­der der EWG ei­ne ge­mein­sa­me Wäh­rung gar nicht in­ten­dier­ten?

Man muß da­von aus­ge­hen, dass das wah­re Aus­maß der Schwie­rig­kei­ten dem »nor­ma­len« Bür­ger nicht be­kannt ist. Das In­diz da­für ist die­se fast ob­szö­ne Durch­halter­he­to­rik, die so­fort de­nun­zia­to­risch da­her­kommt: Wer ge­gen die in EU-Run­de be­schlos­se­nen Maß­nah­men sei, sei im Kern ein An­ti-Eu­ro­pä­er. Wie im­mer ist der­je­ni­ge, der nicht mit dem Ru­del läuft, im­mer auch der Ver­rä­ter. Wer ei­ne ab­wei­chen­de Mei­nung ver­tritt, macht sich so­fort der Apost­asie schul­dig. In die­sen Ta­gen be­ginnt man zu ah­nen, wie Dik­ta­tu­ren funk­tio­nie­ren. Da­ge­gen wa­ren die grie­chi­schen Na­zi-Ka­ri­ka­tu­ren über Deutsch­land und Mer­kel aus dem Jahr 2010 fast nied­lich.

Die deut­sche Bun­des­re­gie­rung ist gleich mehr­fach ei­ne Ge­trie­be­ne. Ei­ner­seits wird sie als Ver­tre­ter der (noch) größ­ten und (noch) po­ten­te­sten Wirt­schaft­macht Eu­ro­pas hof­fiert – an­de­rer­seits kann sie in­zwi­schen längst in den Gre­mi­en der EZB über­stimmt wer­den. Hin­zu kommt, dass ins­be­son­de­re die Ab­ge­ord­ne­ten des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments in ei­ner selt­sa­men Sym­bio­se mit ei­ni­gen Jour­na­li­sten der Kanz­le­rin zu we­nig Pa­thos für Eu­ro­pa un­ter­stell­ten. Man kann nicht ver­ste­hen, war­um die Kanz­le­rin kei­ne Freu­de da­bei emp­fin­det, stän­dig er­presst zu wer­den.


Wäh­rend sich der EZB-No­ten­bank­prä­si­dent Tri­chet mit di­ver­sen Or­den be­hän­gen lässt, bricht er durch den Zu­kauf von Staats­pa­pie­ren an­ge­schla­ge­ner Län­der die Sta­tu­ten sei­nes In­sti­tuts. Die EP-Ab­ge­ord­ne­ten ficht das nicht an – sie ste­hen zu Tri­chet. Rechts­brü­che sind bei ih­nen durch die Ge­sin­nung ge­adelt. Wer glaubt, in Ber­lin exi­stie­ren Par­al­lel­wel­ten zwi­schen tür­kisch do­mi­nier­ten und deut­schen Stadt­tei­len, muss in punk­to EU-Par­la­ment und öko­no­mi­scher Rea­li­tät von Par­al­lel­uni­ver­sen re­den. Die Treib­häu­ser ste­hen in Brüs­sel, Straß­burg und Lu­xem­burg. Da­für muss man nicht En­zens­ber­ger le­sen. Ex­em­pla­risch: Fast hät­te man bei der An­hö­rung Tri­chet auf den Schul­tern aus dem Eu­ro­päi­schen Par­la­ment ge­tra­gen.


Zur Rea­li­tät ge­hört auch: Der Eu­ro war in Deutsch­land nie be­liebt. Das lag nur zum Teil dar­an, dass er kei­ne ba­sis­de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on in Deutsch­land hat­te. Die Deut­sche Mark war zu sehr Er­satz­sym­bol ei­ner Na­ti­on, der ein »nor­ma­ler« Pa­trio­tis­mus in An­be­tracht der Mil­lio­nen To­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges aus­ge­trie­ben wur­de. Kohl hat­te kei­ne an­de­re Wahl – er ahn­te, dass er die Kon­se­quen­zen aus sei­nem Eu­ro­tum nicht mehr zu tra­gen hat. Die In­dok­tri­na­ti­on, die nach­wei­sen soll­te, dass der Eu­ro kein »Teu­ro« ist, ver­fing nicht. Zu durch­sich­tig wa­ren die Ma­ni­pu­la­tio­nen. Trotz Wohl­stand ist die Re­al­lohn­ent­wick­lung in Deutsch­land seit Ein­füh­rung des Eu­ro rück­läu­fig. So konn­te kei­ne Lie­be auf­kom­men. Die Fi­nanz­kri­se 2008 hat­ten wir, so die Po­li­tik, auf­grund des Eu­ro so gut über­stan­den. Kurz schien ei­ne An­nä­he­rung mög­lich. Aber dann kam Grie­chen­land.

Über­all schallt es: Deutsch­land als Ex­port­na­ti­on pro­fi­tiert vom Eu­ro. Als hät­te Deutsch­land vor­her nichts ex­por­tiert. Ver­ges­sen wird da­bei auch, dass die Pro­duk­te nicht we­gen des Eu­ro ge­kauft wer­den, son­dern ver­mut­lich we­gen ih­rer Qua­li­tät. Mehr als 60% der deut­schen Ex­por­te ge­hen in EU-Län­der, de­ren Wech­sel­kur­se vor dem Eu­ro be­reits ziem­lich sta­bil wa­ren. Im üb­ri­gen ist der seit fast drei Jah­ren star­ke Eu­ro (im Ver­hält­nis zur Welt­leit­wäh­rung US-Dol­lar) eher ei­ne Ex­port­brem­se ge­we­sen.


Der Eu­ro wird mit schein-pa­the­ti­schem Ge­re­de zur Schick­sals­fra­ge über Krieg und Frie­den sti­li­siert und da­mit aber­mals in po­li­ti­sche Gei­sel­haft ge­nom­men. Die Mo­ra­li­sie­rung des Eu­ro wirkt über­ra­schend ver­zwei­felt. Schon die Maas­tricht-Ver­trä­ge wa­ren po­li­ti­sche Kon­trak­te, die es­sen­ti­el­le öko­no­mi­sche De­tails non­cha­lant aus­blen­de­ten. Als der da­ma­li­ge Bun­des­bank­prä­si­dent Pöhl ge­gen­über Kohl Ein­wän­de for­mu­lier­te, bür­ste­te die­ser ihn ab. Dies sei sei­ne Auf­ga­be. Pöhl trat zu­rück; wie ak­tu­ell We­ber und Stark. Da­mals wie heu­te wa­ren Be­den­ken­trä­ger un­er­wünscht. Je­der Zweif­ler ist »un­eu­ro­pä­isch« (Juncker).

Das Sy­stem hat ge­ra­de ein­mal zehn Jah­re funk­tio­niert. Jetzt bricht sich ei­ne ent­fes­sel­te Re­al­öko­no­mie Bahn; ei­ne Ver­schleie­rung der Pro­ble­me ist nicht mehr mög­lich. Man kann kei­ne Wäh­rungs­uni­on ha­ben und gleich­zei­tig be­trei­ben 17 Volks­wirt­schaf­ten ei­ne ei­ge­ne Po­li­tik. Der Eu­ro schei­tert im Zwei­fel nicht an zu viel son­dern an zu we­nig Eu­ro­pa. Wenn man al­ler­dings das ak­tu­el­le po­li­ti­sche Per­so­nal Eu­ro­pas be­trach­tet, weiss man nicht so recht, ob man da­mit mehr Eu­ro­pa ha­ben möch­te.


Die Er­hal­tung des un­halt­ba­ren Sta­tus quo zwingt schon zu Ver­trags­brü­chen. An­de­re Ver­trags­brü­che wer­den mit dem Ar­gu­ment ab­ge­wehrt, dass es sich um Ver­trags­brü­che han­de­le. Um buch­stäb­lich je­den Preis wer­den die po­li­ti­schen Wol­ken­kuckucks­hei­me mit der Im­ple­men­tie­rung neu­er bü­ro­kra­ti­scher In­sti­tu­tio­nen wei­ter ge­pflegt und die Durch­hal­te­pa­ro­len mit bös­ar­ti­gen End­zeit­sze­na­ri­en gar­niert.

Tat­säch­lich wer­den ja längst nicht die Staa­ten ge­ret­tet. Die De­mon­stran­ten in Grie­chen­land spü­ren das. Sie sind mit­nich­ten An­ti-Eu­ro­pä­er. Sie ha­ben nur kei­ne Lust, für die Ver­säum­nis­se der po­li­ti­schen Kla­se ih­res Lan­des und Grie­chen­lands al­lei­ne zu haf­ten. Da­bei geht schon längst nicht mehr um Grie­chen­land. Es geht um die Ban­ken, die mit grie­chi­schen An­lei­hen (und auch an­de­ren EW­WU-An­lei­hen) spe­ku­liert ha­ben. Die po­li­ti­sche Kraft, Ban­ken zu zäh­men (mit­tels neu­er Ei­gen­ka­pi­tal­re­geln), sie auf­zu­tei­len (in aut­ar­ke Ge­schäfts- und In­vest­ment­ban­ken), fehlt. In al­len Rol­len­spie­len geht es im­mer auch um die Fra­ge, wie man die Ban­ken ret­tet. Dass die­se ge­nu­in pri­va­te Un­ter­neh­men sind, scheint nur für die Ge­win­ne zu gel­ten; Ver­lu­ste wer­den wie selbst­ver­ständ­lich als so­zia­le Auf­ga­ben­stel­lung be­trach­tet.


Die Me­tho­den, die man ak­tu­ell zur »Sa­nie­rung« Grie­chen­lands an­wen­det, sind schon in den 1990er Jah­ren in Ju­go­sla­wi­en ge­schei­tert. Es wur­de ver­sucht zu spa­ren – mit dem Er­geb­nis, dass die Volks­wirt­schaft voll­stän­dig kol­la­bier­te. Dann bra­chen dort die Krie­ge aus – nicht zu­letzt weil die ver­gleichs­wei­se wohl­ha­ben­den Län­der nicht mehr für die ma­ro­den ein­ste­hen woll­ten.


Die Ent­schei­dung über den EFSM-Ret­tungs­schirm sei kei­ne »Ge­wis­sens­ent­schei­dung« pol­tert der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Kau­der in sei­ne Frak­ti­on. Will sa­gen: Ihr habt ab­zu­stim­men wie ei­ne Vieh­her­de – ein­heit­lich. Das Grund­ge­setz wird – wie­der ein­mal – sanft, aber be­stimmt au­ßer Kraft ge­setzt. Was Ge­wis­sens­ent­schei­dung ist, be­stim­men wir. Prin­zip Nord­ko­rea, so­zu­sa­gen. Wie­so wun­dert man sich ei­gent­lich noch über ei­ne sin­ken­de Wahl­be­tei­li­gung?

En­de Sep­tem­ber stellt die Kanz­le­rin viel­leicht so­gar noch die Ver­trau­ens­fra­ge. Letz­tes Auf­bäu­men um die Un­ver­nunft doch noch zum Pyr­rhus­sieg zu ver­hel­fen. Die­je­ni­gen, die heu­te am lau­te­sten »Eu­ro­pa« ru­fen könn­ten am En­de als die­je­ni­gen iden­ti­fi­ziert wer­den, die es un­ge­wollt zer­stört ha­ben. Es ist ja sel­ten, dass der gu­te Wil­le im­mer mit gu­tem Han­deln in Zu­sam­men­hang steht.

Man soll­te viel­leicht wie­der ein­mal Do­ris Les­sings »Me­moi­ren ei­ner Über­le­ben­den« le­sen.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das oben be­schrie­be­ne Un­be­ha­gen, die Ver­är­ge­rung, ja, die sich mehr und mehr bahn­bre­chen­de Wut über die gro­tes­ke Hilf­lo­sig­keit der po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen, ist ja mitt­ler­wei­le mehr als ver­ständ­lich. Wir, al­so die ge­mei­nen Bür­ger, ha­ben von den fi­nanz- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen kei­ne Ah­nung und stel­len nun fest, dass die­je­ni­gen, auf die wir uns ver­las­sen ha­ben, de­ren „Ver­traue mir!“- Rhe­to­rik wir man­gels bes­se­ren Wis­sens, skep­tisch zwar, aber den­noch ver­trau­ten, im be­sten Fal­le ge­nau­so un­be­darf­te Lai­en sind. Im be­sten Fall, denn ganz si­cher gibt es un­ter den „Volks­ver­tre­tern“ ei­ne er­kleck­li­che An­zahl, die als Die­ner be­stimm­ter Her­ren aus­ge­sandt wur­den, die pe­ku­niä­ren In­ter­es­sen Letz­te­rer zu wah­ren. De­nen ist kei­ne Lü­ge zu blöd, kein Kriegs- und Hor­ror­sze­na­rio zu ab­surd, wenn nur die Angst die Be­reit­schaft för­dert, Steu­er­mil­li­ar­den in pri­va­te Ta­schen um­zu­lei­ten.
    Bei Tagesschau.de fin­det man heu­te ei­ne Be­schrei­bung der Even­tua­li­tä­ten im Fal­le ei­ner Grie­chen­land-Plei­te. Die ist ja, glaubt man den mei­sten „Fach­leu­ten“, nicht mehr ab­zu­wen­den. Na dann, viel Spaß.

  2. Wenn es nicht ei­ne Plat­ti­tü­de wä­re könn­te man sa­gen, die Po­li­tik ver­hal­te sich wie der be­rühm­te Zau­ber­lehr­ling:

    Nein, nicht län­ger
    kann ichs las­sen;
    will ihn fas­sen.
    Das ist Tücke!
    Ach! nun wird mir im­mer bän­ger!
    Wel­che Mie­ne! wel­che Blicke!

    O du Aus­ge­burt der Höl­le!
    Soll das gan­ze Haus er­sau­fen?
    Seh ich über je­de Schwel­le
    doch schon Plei­teströ­me lau­fen.

    Das En­de ist dann durch den »al­ten Mei­ster« ver­söhn­lich:

    “In die Ecke,
    Be­sen! Be­sen!
    Seids ge­we­sen.
    Denn als Gei­ster
    ruft euch nur, zu die­sem Zwecke,
    erst her­vor der al­te Mei­ster.”

  3. »Die po­li­ti­sche Kraft, Ban­ken zu zäh­men (mit­tels neu­er Ei­gen­ka­pi­tal­re­geln), sie auf­zu­tei­len (in aut­ar­ke Ge­schäfts- und In­vest­ment­ban­ken), fehlt. In al­len Rol­len­spie­len geht es im­mer auch um die Fra­ge, wie man die Ban­ken ret­tet. Dass die­se ge­nu­in pri­va­te Un­ter­neh­men sind, scheint nur für die Ge­win­ne zu gel­ten; Ver­lu­ste wer­den wie selbst­ver­ständ­lich als so­zia­le Auf­ga­ben­stel­lung be­trach­tet.« (Gre­gor Keu­sch­nig)

    Die­ses. Wenn es nach mir gin­ge, kann über ei­ne Ver­staat­li­chung von Ban­ken als rei­ne Gut­ha­ben- und Kre­dit­ver­wal­tun­gen mit ge­rin­gen, aber si­che­ren Pro­fi­ten nach­ge­dacht wer­den. So gilt lei­der das Marx­sche Wort von den Ka­pi­ta­li­sten, die sich ganz zu­letzt wech­sel­sei­tig den Strick ver­kau­fen wer­den, an dem sie sich auf­hän­gen. Nicht oh­ne zu­vor al­les ver­äu­ßert und im Markt­wert ver­schlis­sen zu ha­ben: Mensch, Tier, Bo­den. Ar­beits­kraft und Pro­dukt.

    Es schaut wirk­lich nicht gut aus. Der (Bürger-)Krieg in ei­nem ver­arm­ten Eu­ro­pa und die Zu­nah­me der seit 2001 staat­lich ge­för­der­ten Au­to­kra­tie im Ge­wand des Über­wa­chungs- und »Prä­ven­tiv­staa­tes« – durch­aus auch auf ge­samt­eu­ro­päi­scher Ebe­ne – sind kei­ne Schreckens­sze­na­ri­en – es sind mit­tel­fri­sti­ge Kon­se­quen­zen. So­gar kurz­fri­sti­ge, da schnel­le Sy­ste­me schnell kol­la­bie­ren.

    Scho­nungs­lo­se, gu­te Ana­ly­se, Herr Keu­sch­nig.

  4. Ein we­nig ver­blüfft mich doch der blin­de Fleck, was die Be­wer­tung der Wirt­schafts­kraft Deutsch­lands be­trifft. Im Jahr 2010 ex­por­tier­te Deutsch­land Wa­ren und Dienst­lei­stun­gen im Wert von knapp ei­ner Bil­li­on Eu­ro bei ei­nem Brut­to­in­lands­pro­dukt (no­mi­nal) von knapp 2,5 Bil­lio­nen Eu­ro. Die Ex­port­quo­te be­trug fast 40%. Da­bei er­gab sich ein Über­schuss der Ex­por­te über die Im­por­te von gut 153 Mil­lar­den Eu­ro. Im Vor­kri­sen­jahr 2007 wa­ren es mehr als 195 Mil­lar­den Eu­ro (al­le Zah­len aus Ver­öf­fent­li­chun­gen des Sta­ti­sti­schen Bun­des­am­tes, Wies­ba­den – 2010 be­tref­fend: vor­läu­fig) Zum Ver­gleich: das BIP Grie­chen­lands wur­de im Jahr 2007 mit rund 227 Mil­lar­den Eu­ro be­wer­tet und 2010 mit 230 Mil­lar­den (Quel­le: Eu­ro­stat) Was des ei­nen Über­schuss, sind der an­de­ren Schul­den, das soll­te nicht über­se­hen wer­den. Dar­an lie­ßen sich noch ei­ni­ge wei­te­re un­be­que­me Schluss­fol­ge­run­gen knüp­fen.

    Wür­den die »Oli­ven­staa­ten« aus der Wäh­rungs­uni­on aus­tre­ten, be­deu­te­te das ein er­sehn­tes En­de der Stüt­zun­gen durch die ver­blei­ben­den Eu­ro­län­der. Denn die­se Staa­ten könn­ten sich dann mit Ab­wer­tun­gen der ei­ge­nen Wäh­run­gen und Um­schul­dun­gen aus ei­ge­ner Kraft sa­nie­ren. Die ei­ge­ne Wäh­rung ist üb­ri­gens ei­ne un­schein­ba­re Zu­gangs­vor­aus­set­zung für Ge­sprä­che im »Club de Pa­ris« und in des­sen Ban­ken-Pen­dant, dem »Club of Lon­don«. Mit ei­ner Ge­mein­schafts­wäh­rung ist das schlicht un­mög­lich.
    Wür­de hin­ge­gen Deutsch­land aus der Wäh­rungs­uni­on aus­tre­ten, wä­re das ei­ne Wohl­tat für die Ex­port­wirt­schaft al­ler üb­ri­gen Eu­ro­staa­ten. Denn ei­ne wie­der­ein­ge­führ­te Deut­sche Mark wä­re mit ei­nem Auf­wer­tungs­druck von ge­schätzt we­nig­stens 50% ge­gen­über dem Eu­ro kon­fron­tiert und wür­de Im­por­te aus Deutsch­land dem­zu­fol­ge emp­find­lich ver­teu­ern. Ge­nau dar­in näm­lich liegt der Vor­teil des Eu­ro für Deutsch­land: er ver­leiht dem Wolf den sprich­wört­li­chen Schafs­pelz.
    Bei­de Vor­gän­ge üb­ri­gens, der Aus­tritt der »Oli­ven­staa­ten«, wie je­ner Deutsch­lands aus der Wäh­rungs­uni­on wür­de den ver­blei­ben­den Eu­ro­raum nach­hal­tig sta­bi­li­sie­ren.
    Ein pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter der »Nord/Süd«-Teilung des Eu­ro­raums ist Hans-Olaf Hen­kel.

    Die Re­al­lohn­ver­lu­ste in Deutsch­land dem Eu­ro an­la­sten zu wol­len, ist mei­nes Er­ach­tens halt­los. Denn die­se Ent­wick­lung ist wirt­schaft­lich (in der star­ren Fol­ge po­li­tisch) so ge­wollt und von ängst­li­chen Ar­beit­neh­mern fast wi­der­stands­los hin­ge­nom­men. Die­se Rand­no­tiz sei mir ge­stat­tet.

    Dass im Bei­trag von Re­al­öko­no­mie ge­spro­chen wird, die sich ent­fes­selt Bahn bre­che, hal­te ich in­des für ei­nen Schreib­feh­ler. Tat­säch­lich ist es die Fi­nanz­öko­no­mie, die sich zü­gel­los ver­hält – wes­halb, ist satt­sam be­kannt (man den­ke an die un­ge­re­gel­ten Fi­nanz­plät­ze au­ßer­halb des EU-Raums, wel­che mit ei­nem mick­ri­gen Ru­der­boot er­reicht wer­den könn­ten). Wäh­rend in der Re­al­wirt­schaft greif­ba­re Wa­ren und Dienst­lei­stun­gen er­zeugt und be­wegt wer­den, han­delt die Fi­nanz­wirt­schaft, z.B. In­vest­ment­ban­ken, aus­schließ­lich mit Phan­ta­si­en. Letz­te­re sind’s auch, die fälsch­li­cher­wei­se für »sy­stem­re­le­vant« ge­hal­ten und des­halb we­gen ih­rer En­ga­ge­ments in grie­chi­schen Staats­an­lei­hen (mit Ren­di­te­er­war­tun­gen von 18%, man las­se sich das auf der Zun­ge zer­ge­hen) ge­stützt wer­den. Von die­sen Phan­ta­si­en sind die Hir­ne füh­ren­der Po­li­ti­ker und Eli­ten schlecht­hin durch­setzt, was auch als krank­heits­wer­tig be­ur­teilt wer­den könn­te. Aus die­sem Um­stand ei­ner­seits er­klärt sich mir das schwül­sti­ge Po­li­ti­ker­ge­schwa­fel in Be­zug auf die Un­ver­zicht­bar­keit des Eu­ro für die Eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on (da sind noch neun an­de­re EU-Staa­ten, die im­mer noch ih­re ei­ge­nen Wäh­run­gen ha­ben – das nur zur Er­in­ne­rung). An­de­rer­seits trägt zur tra­gi­schen Ent­wick­lung bei, dass kaum je­mand mehr wil­lens ist, selb­stän­dig zu den­ken. Denn wir Mit­tel­schicht­ler ha­ben ja auch so un­se­re Er­war­tun­gen an Zu­kunfts­vor­sor­ge, Le­bens­stan­dard­si­che­rung im Al­ter, mit Le­bens­ver­si­che­run­gen als Til­gungs­trä­ger un­ter­leg­te Fremd­wäh­rungs­kre­di­te, nicht wahr?

    In Grie­chen­land, aber ganz ge­wiss nicht dort al­lein (sie­he Spa­ni­en, Por­tu­gal und Ir­land) er­wacht die­se kri­ti­sche Denk­fä­hig­keit. Dar­auf wei­sen Sie völ­lig zu­tref­fend hin. De­ren Kri­tik­fä­hig­keit trifft aber auch Deutsch­land. Schmerz­haft. Das soll­te in die­sem Zu­sam­men­hang nicht so ein­fach über­gan­gen wer­den.

  5. @Michael Platt­ner #4
    Hin­ter dem Ge­dan­ken der Ver­staat­li­chung von Ban­ken steckt die Prä­mis­se, dass staat­li­che »Un­ter­neh­men« per se bes­ser wirt­schaf­ten. Die­ser Be­weis ist in die­ser Kon­se­quenz bis­her nicht er­bracht wor­den (auch wenn Frau Wa­gen­knecht dies an­ders sieht). Ich hal­te es im Fal­le der Ban­ken auch für nicht wün­schens­wert.

    Ein wich­ti­ger Schritt wä­re es, wenn Ban­ken ge­zwun­gen wä­ren, sich ent­we­der als »nor­ma­le« Ge­schäfts­ban­ken »auf­zu­stel­len« oder In­vest­ment­ban­king zu be­trei­ben. In den USA war das seit den 1930er Jah­ren per Ge­setz ge­trennt (Glass-Ste­a­gall-Act). Clin­ton hat­te das En­de der 90er Jah­re auf­ge­ho­ben (die Kon­se­quen­zen hier­aus er­kennt er nicht). Be­ach­ten Sie, dass in­zwi­schend ie Deut­sche Bank bis zu 90% ih­res Ge­winns der In­vest­ment­spar­te ver­dankt. Gibt es hier Ein­brü­che oder gar an­de­re Be­wer­tungs­grund­la­gen reisst es die ge­sam­te Deut­sche Bank – al­so auch das Spar- und Kre­dit­ge­schäft – in den Or­kus. Das macht Ban­ken ganz schnell »sy­stem­re­le­vant« und so­mit qua­si sa­kro­sankt. Gä­be es ge­trenn­te Häu­ser (die nicht mit ir­gend­wel­chen Hol­ding-Tricks mit­ein­an­der ver­bun­den sind), wä­re der Ab­sturz der In­vest­ment­bank ir­rele­vant für die Spar­gut­ha­ben der Bür­ger und Kre­dit­ver­trä­ge der Un­ter­neh­men. Ver­lu­ste könn­ten end­lich pri­va­ti­siert wer­den. (Leh­man ließ man von sei­ten der US-Re­gie­rung plei­te ge­hen, weil es sich um ei­ne fast »rei­ne« In­vest­ment­bank han­del­te. Es war mehr als Fa­nal ge­dacht, wo­bei man schon beim Ver­si­che­rungs­kon­zern AIG ein­knick­te.)

    @Kienspan #5
    Vie­len Dank für die­se Er­läu­te­run­gen.

    Zwei Klar­stel­lun­gen: Wenn ich von »Re­al­öko­no­mie« spre­che, die sich ent­fes­selt Bahn bricht, so re­de ich von der ge­ne­rell glo­ba­li­sier­ten Öko­no­mie, die sich zum Teil nicht so ent­wickelt, wie man sich das durch die De­re­gu­lie­run­gen er­hoff­te. Statt »Re­al­öko­no­mie« hät­te viel­leicht bes­ser »Rea­li­tät« ge­schrie­ben, um dies zu ver­deut­li­chen.

    Na­tür­lich la­ste ich dem Eu­ro nicht an, dass in Deutsch­land die Re­al­lohn­ein­kom­men nicht ge­stie­gen sind. Aber es ha­ben sich eben die voll­mun­di­gen Ver­spre­chun­gen, die man mit der Eu­ro-Ein­füh­rung den Leu­ten mach­te, nicht er­füllt. Eher im Ge­gen­teil: Ge­fühlt wur­de der Eu­ro zum »Teu­ro« (und manch­mal ist das nicht für »ge­fühlt« son­dern Rea­li­tät und wird nur mit al­ler­lei Sta­ti­stik­tricks ni­vel­liert). Ei­ne Lie­be konn­te so nicht auf­kom­men. Prak­tisch von An­fang an wur­de den Ver­brau­chern sug­ge­riert, wie toll und wie un­ver­zicht­bar wich­tig der Eu­ro sei – an der Le­bens­wirk­lich­keit hat sich je­doch nichts ver­än­dert, au­ßer dass man beim ur­laub nach Spa­ni­en, Ita­li­en oder Öster­reich kein Geld mehr tau­schen muss­te (und sich wun­der­te, wie teu­er die­se Län­der ge­wor­den wa­ren).

    Dass der Eu­ro die deut­schen Ex­por­te ver­bil­ligt bzw. ein Aus­sche­ren Deutsch­lands aus der Eu­ro­zo­ne die an­de­ren Ex­port­wirt­schaf­ten auf­at­men lie­ße, glau­be ich so nicht. Ita­li­en ex­por­tiert nun ein­mal an­de­re Pro­duk­te als Deutsch­land. Deut­sche Pro­duk­te wer­den in der Re­gel nicht aus Preis- son­dern aus Qua­li­täts­grün­den ge­kauft. Na­tür­lich kommt im­mer das Ar­gu­ment mit der Au­to­mo­bil­in­du­strie – ei­ner der we­ni­gen In­du­strie­zwei­ge, in dem die deut­sche Ex­port­wirt­schaft mas­si­vem Wett­be­werb aus­ge­setzt ist (die Che­mie­in­du­strie wä­re ei­ne an­de­re Bran­che – aber hier ist die Fer­ti­gung auch dank der EU-Ge­setz­ge­bung schon sehr stark in Dritt­län­der ge­wan­dert). Aber hier dürf­te ein ver­schärf­ter Wett­be­werb um um­welt­ver­träg­li­che­re Pro­duk­te nicht scha­den.

    Ihr ab­schlie­ßen­der Hin­weis auf die Zu­kunfts­vor­sor­ge wirft bei mir die Fra­ge auf, ob man ge­ra­de des­halb nicht in an­de­re Rich­tun­gen den­ken soll­te. ge­ra­de dar­um geht es doch zur Zeit über­haupt nicht. Zu­kunfts­vor­sor­ge wä­re, dem lecken­de Dach nicht da­durch zu be­geg­nen grö­ße­re Ei­mer zu kau­fen, da­mit das Re­gen­was­ser län­ger auf­ge­fan­gen wer­den kann, son­dern von er­fah­re­nen Dach­deckern An­ge­bo­te ein­zu­ho­len, wie man das Dach dau­er­haft re­pa­rie­ren könn­te, oh­ne dass beim näch­sten Sturm die Zie­gel er­neut ab­ge­tra­gen wer­den.

  6. Und man fühlt sich nur noch hilf­los an­ge­sichts der nicht er­füll­ten Ver­spre­chen. Und für mich ist der Teu­ro auch nicht nur ge­fühlt, son­dern re­al er­leb­bar. Bei­spiels­wei­se was die Ga­stro­no­mie, ins­be­son­de­re Ge­trän­ke, be­trifft – kann sich je­mand er­in­nern, in ei­nem 08–15 Lo­kal für ei­ne gro­ße Ap­fel­schor­le 8 DM be­zahlt zu ha­ben? Ich den­ke nicht. Man darf al­so ge­spannt sein...

  7. Glau­bens­fra­gen woll­te ich ganz be­stimmt nicht zur Dis­kus­si­on ge­stellt ha­ben. Ich re­ge al­so er­gän­zend an, fol­gen­des zu über­le­gen: zum Zeit­punkt der Eu­ro­aus­ga­be vor zehn Jah­ren wa­ren die Wech­sel­kur­se so, dass
    1 CHF = 1,21 DEM = 0,66 EUR
    1 EUR = 1,96 DEM

    Heu­te gilt
    1 CHF = 0,83 EUR

    Da wir vor der Wäh­rungs­uni­on prak­tisch sta­bi­le Wech­sel­kur­se zwi­schen den Hart­wäh­rungs­län­dern kann­ten, die oh­ne jeg­li­che ver­trag­li­che Ver­pflich­tung ein­ge­hal­ten wur­den, stellt sich nun die Fra­ge, wie­viel DEM ein EUR heu­te kau­fen könn­te. Es wä­ren nur mehr 1,46. In der Ecke war­tet je­ner Auf­wer­tungs­druck, von dem ich sprach, denn schon al­lein we­gen die­ses ein­fa­chen Zu­sam­men­hangs wä­ren heu­te deut­sche Ex­por­te um 34% teu­rer. Dass die Ex­por­te an­de­rer Volks­wirt­schaf­ten da­durch sprung­haft an Wett­be­werbs­fä­hig­keit ge­win­nen wür­den, liegt auf der Hand – Ihr Qua­li­täts­ar­gu­ment in Eh­ren.

    Man füh­re sich wei­ters Deutsch­lands seit dem Jahr 2000 bei­na­he ste­tig stei­gen­de Au­ßen­bei­trags­qou­te (das ist der Lei­stungs­bi­lanz­über­schuss ge­mes­sen am BIP) vor Au­gen, wel­che im Vor­kri­sen­jahr 2007 stol­ze 8% be­trug, und be­den­ke, dass an­de­re Volks­wirt­schaf­ten da­mit im­mer in­ten­si­ver an der Fi­nan­zie­rung des ei­ge­nen Haus­halts be­tei­ligt wer­den. Zu die­ser Tat­sa­che hal­te man die Ent­wick­lung der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung in Deutsch­land hin­zu, be­trach­te das Gan­ze vor dem Hin­ter­grund sta­gnie­ren­der In­lands­nach­fra­ge und man be­kommt ei­nen recht gu­ten Ein­druck da­von, wo das Geld ins­ge­samt ab­bleibt. Welch ver­hee­ren­de Fol­gen das für das Ge­mein­we­sen ha­ben wird, ist nicht mehr un­ab­seh­bar, weil in Tei­len Eu­ro­pas be­reits dau­er­haft be­ob­acht­bar. Das hat aber mit Wäh­rung nichts zu tun, son­dern mit dem ma­the­ma­ti­schen Ka­min­ef­fekt von Ka­pi­tal, wel­ches ver­mit­tels Zin­sen und der da­mit not­wen­di­ger­wei­se ein­her­ge­hen­den In­fla­ti­on Kauf­kraft aus der All­ge­mein­heit ab­saugt – und na­tür­lich man­geln­dem po­li­ti­schen Ge­stal­tungs­wil­len, das hat­ten Sie ja ver­merkt. In­so­fern neh­me ich mei­ne Äu­ße­rung zu­rück, dass ein ver­blei­ben­der Eu­ro­raum nach­hal­tig sta­bi­li­siert wer­den könn­te. Das ist oh­ne wei­te­re Maß­nah­men, ein an­de­rer Kom­men­ta­tor deu­te­te hier die Mög­lich­keit der Ver­staat­li­chung von Ban­ken an, schlicht Un­sinn.

    Es ist das Geld­sy­stem als sol­ches, das in Fra­ge ge­stellt wer­den müss­te, nicht bloß die Wäh­rungs­uni­on we­gen der un­ein­heit­li­chen Volks­wirt­schaf­ten (den­noch ha­ben Sie da­mit voll­kom­men recht). Die Ent­wick­lung geht näm­lich da­hin, dass der Ka­pi­ta­lis­mus die Men­schen am En­de be­zah­len muss, da­mit die­se kon­su­mie­ren kön­nen – wo­mit wir letzt­lich auf ku­ri­os an­mu­ten­dem Um­weg bei der Idee des be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens an­kom­men wür­den. Das wä­re durch­aus ei­ne span­nen­de Mög­lich­keit ne­ben an­de­ren, das un­dich­te Dach dau­er­haft re­pa­riert zu be­kom­men.
    (ich hof­fe, dass mei­ne An­mer­kun­gen nicht als Kri­tik am Bei­trag da­her kom­men, son­dern viel­mehr als denk­ba­re Er­wei­te­rung)

  8. @Kienspan
    Glau­bens­fra­gen spie­len auch (oder ge­ra­de?) in De­mo­kra­ti­en ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Tat­säch­lich sind ja die po­si­ti­ven Aus­wir­kun­gen des Eu­ro auf die deut­sche Ex­port­wirt­schaft nicht di­rekt spür­bar und wer­den all­zu leicht als Selbst­ver­ständ­lich­keit hin­ge­nom­men.

    Dass der Eu­ro seit sei­ner Ein­füh­rung der­art an Wert zu­ge­nom­men hat, ist al­ler­dings nicht zu­letzt der Schwä­che ei­nes fast sie­chen­den US-Dol­lar zu ver­dan­ken. Be­den­ken Sie, dass die Ex­port­wirt­schaft nicht we­gen son­dern trotz des star­ken EUR (Wech­sel­kurs teil­wei­se bei > 1,50) fast un­ver­än­dert wei­ter­boom­te. Zu­mal die so­ge­nann­ten Hoch­tech­no­lo­gie-Ex­por­te Deutsch­lands auch wei­ter­hin funk­tio­nier­ten.

    Was jetzt pas­sie­ren soll ist ja nichts an­de­res als ei­ne Art Sub­ven­tio­nie­rung ei­nes Sta­tus quo an­te. Die Bürg­schaf­ten für Ban­ken, die in Grie­chen­land (Ir­land, Ita­li­en...) »in­ve­stiert« ha­ben (al­so Kre­di­te ver­ge­ben ha­ben) soll­te man in die Rech­nung des Wirt­schafts­wun­der­lands Deutsch­lands mit ein­flie­ssen las­sen – schon sä­he die Bi­lanz nicht mehr so ro­sig aus. Wenn Prof. Hickel neu­lich den Satz »Wer bürgt, wird ge­würgt« als pro­vin­zi­ell be­zeich­ne­te (ob­wohl er oft zu­tref­fend ei­ne Si­tua­ti­on be­schreibt), zeigt dies das Aus­maß der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung deut­lich an. Da­bei müss­te er wis­sen, dass je­der or­dent­li­che Buch­hal­ter die Ri­si­ken in sei­ner Bi­lanz nach den ak­tu­el­len Ge­ge­ben­hei­ten zu be­wer­ten hat. De fac­to ha­ben wir mit der Trans­fer­uni­on al­so ei­ne Sub­ven­tio­nie­rung der deut­schen Ex­por­te vor­lie­gen. Ich bin ge­spannt, wann dies mal rich­tig durch­ge­rech­net wird, d. h. wann sich die Er­kennt­nis durch­setzt, dass et­li­cher die­ser Ex­por­te auf Sand ge­baut sind (was ih­re Fi­nan­zier­bar­keit durch den Kun­den an­geht). Dass der Staat im­mer schon mit­tels Kre­dit­aus­fall­bürg­schaf­ten un­ter­stüt­zend tä­tig war, ist klar. Aber das Län­der­ri­si­ko spiel­te da­bei zu­meist ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Hier ist es do­mi­nant.

    Die­se Über­le­gung streift die Aus­sa­ge, dass der Ka­pi­ta­lis­mus die Men­schen für ih­ren ei­ge­nen Kon­sum be­zah­len lässt. Das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men wür­de dar­an nichts än­dern – letzt­lich muss das Geld bzw. der Wert, den das Geld dar­stel­len soll, er­wirt­schaf­tet wer­den.

    Ban­ken zu ver­staat­li­chen hal­te ich nicht für den Aus­weg, weil die Po­li­tik, die dann das »Ma­nage­ment« der Ban­ken be­trei­ben müss­te, den ge­ris­se­nen Ban­kern hoff­nungs­los un­ter­le­gen wä­re. Der Staat ist nicht un­be­dingt der bes­se­re Un­ter­neh­mer; er neigt zur Ver­kru­stung und zur In­no­va­ti­ons­feind­lich­keit. Zu­dem wä­re es für ein staat­li­ches Ban­ken­we­sen ver­füh­re­risch in un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dun­gen ein­zu­grei­fen, in dem In­ve­sti­tio­nen nach Guts­her­ren­art ver­ge­ben wür­den. Ei­ne Öko­dik­ta­tur wä­re dann bei­spiels­wei­se über die Geld- und In­ve­sti­ti­ons­po­li­tik mög­lich. Es droh­te, die ei­ne Dik­ta­tur durch die an­de­re zu er­set­zen.

    Man muss Ban­ken ver­pflich­ten ent­we­der als In­vest­ment­ban­ken oder als Ge­schäfts­ban­ken für die »Re­al­wirt­schaft« tä­tig zu sein. Die Geld­kreis­läu­fe müs­sen ge­trennt wer­den – wie bei aut­ar­ken Strom­sy­ste­men. Wenn ein Sy­stem aus­fällt, lie­fert das an­de­re wei­ter Strom. Die Spar­ein­la­gen und Kre­dit­ver­ga­be wä­re ge­si­chert, selbst wenn ei­ne In­vest­ment­bank zu­sam­men­kracht. Ver­quickun­gen müss­ten un­ter­sagt wer­den. Für den An­le­ger wä­re es leicht, sei­ne Ri­si­ken sel­ber zu be­stim­men. Ak­ti­en wer­den bei ei­ner In­vest­ment­bank ge­kauft. Spar­brie­fe bei der »nor­ma­len« Bank. Das ist na­tür­lich nur ein As­pekt, aber ei­ner, der nichts ko­stet, au­ßer ein ge­wis­ser Mut, sich der Ban­ken­macht ent­ge­gen zu stem­men. Ob ei­ne Phy­si­ke­rin die­sen Mut auf­bringt, ist sehr frag­lich.

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  10. Man könn­te ei­ne Wet­te star­ten: Was bricht eher aus­ein­an­der, die Bun­des­re­gie­rung oder die Wäh­rungs­uni­on? (Die­se Form der Fra­ge­stel­lung im­pli­ziert üb­ri­gens, dass der Fra­ge­stel­ler von bei­dem aus­geht. ;-) ).

    Dass die Grie­chen­land­ret­tung un­ter den jetzt gel­ten­den Be­din­gun­gen nicht funk­tio­nie­ren kann, zeigt ei­nem schon die fol­gen­de ein­fa­che Lo­gik: Die Grie­chen kön­nen ih­re Schul­den nicht be­zah­len, weil der ge­for­der­ten Geld­men­ge kei­ne Wa­ren oder Dienst­lei­stun­gen ge­gen­über­ste­hen. Das ist ein ge­ne­rel­les Pro­blem, weil das Wachs­tum der Geld­men­gen über lan­ge Zeit grö­ßer als das der Re­al­wirt­schaft war. Ei­ne Lö­sung ala »wir drucken neu­es Geld« ver­grö­ßert die Geld­men­ge.

    Viel­leicht kä­men da­durch jetzt die Grie­chen da­von – aber die ver­grö­ßer­te Geld­men­ge schafft nie­mand mehr fol­gen­los aus der Welt. Das Ein­zi­ge, das funk­tio­niert, ist das Ein­ge­ständ­nis, dass ei­nem gro­ßen Teil des Gel­des kei­ne Wer­te ge­gen­über­ste­hen. Folg­lich ist die ein­zig nach­hal­ti­ge Lö­sung die Strei­chung von For­de­run­gen – und das fast oh­ne Be­dinun­gen. Das ver­rin­gert die Geld­men­ge und ist das ge­naue Ge­gen­teil der jet­zi­gen Ak­ti­vi­tä­ten.