Fré­dé­ric Schwil­den: Gu­te Men­schen

Frédéric Schwilden: Gute Menschen
Fré­dé­ric Schwil­den:
Gu­te Men­schen

Fré­dé­ric Schwil­den ist Re­por­ter und Ko­lum­nist bei der Welt. Auf X po­stet er un­ter @totalreporter. Manch­mal sieht man ihn dort, wenn er un­ter­wegs ist, im Zug, in atem­be­rau­bend bun­ten Sak­kos. Vor ei­ni­gen Wo­chen er­schien ei­ne groß­ar­ti­ge In­ter­ven­ti­on zu De­pres­sio­nen und dem Brief von Wolf­gang Grupp nach des­sen Sui­zid-Ver­such. Da­vor las ich sei­ne Be­suchs­be­rich­te bei Rai­ner Lang­hans und Uwe Tell­kamp. Schwil­den ist neu­gie­rig und über­lässt dem Le­ser das Ur­tei­len; ein Re­por­ter im alt­mo­di­schen Sinn. Jetzt legt er mit Gu­te Men­schen sei­nen zwei­ten Ro­man vor.

Er han­delt von Jan und Jen­ni­fer. Bei­de sind 1988 ge­bo­ren, ver­hei­ra­tet und le­ben in Mün­chen. Sie ist Part­ne­rin ei­ner Kar­tell­rechts­kanz­lei (da­her der Ehe­ver­trag), er Gym­na­si­al­leh­rer. Gu­te Men­schen be­ginnt mit dem Aus­zug von Jen­ni­fer aus der ge­mein­sa­men Woh­nung. Es ist der 18. De­zem­ber 2023. Jan ist bei der Groß­mutter in Kre­feld. Jen­ni­fers Ha­be füllt ein V‑Klas­se-Ta­xi zur Hälf­te. Sie hat ih­re Kanz­lei­an­tei­le ver­kauft, hin­zu kommt ein Er­be. 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro hat sie auf dem Kon­to. Sie lässt sich zu ih­rer neu­en 144 m² gro­ßen Woh­nung fah­ren. Der La Chai­se von Ea­mes wird ge­lie­fert; mehr als 8.000 Eu­ro. Die an­de­ren Mö­bel kom­men in den näch­sten Ta­gen. Sie hat Jan ei­nen Brief ge­schrie­ben und in den Brief­ka­sten ge­wor­fen. Sie be­en­det die Ehe. Man stritt über Geld. Geld, das man hat­te. Man stritt dar­über, wie man es aus­gibt. »Ich will raus« schreibt sie. Will sei­ne Freun­din blei­ben. Die ehe­li­che Woh­nung über­lässt sie ihm.

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Hin­rich von Haa­ren: Wild­nis

Hinrich von Haaren: Wildnis
Hin­rich von Haa­ren:
Wild­nis

Zu­nächst ist man ver­wirrt. Ein ge­wis­ser Schult er­wacht im Kran­ken­haus aus dem Ko­ma und ist zor­nig. Er will nie­mand ge­be­ten ha­ben, ihn ins Roy­al Lon­don Hos­pi­tal in Whitecha­pel ein­zu­lie­fern und phan­ta­siert, er sei bis ge­ra­de zum zwei­ten Mal tot ge­we­sen, das er­ste Mal 1943, als Sechs­jäh­ri­ger, in der Nacht vom 27. auf den 28. Ju­li, in Ham­burg, Stadt­teil Ham­mer­brook, am Grü­nen Deich. Wer ein we­nig Ge­schichts­kennt­nis­se hat, weiß, was in die­ser Nacht in Ham­burg ge­schah. Es wird spä­ter als der Ham­bur­ger Feu­er­sturm be­zeich­net wer­den. Gott­fried Schult und sei­ne Mut­ter über­le­ben; der Va­ter war be­reits 1941 in Russ­land ge­fal­len.

Der 61jährige, in Lon­don le­ben­de, deut­sche Au­tor Hin­rich von Haa­ren bleibt in sei­nem Ro­man Wild­nis bei die­sem Gott­fried Schult, nennt ihn stets nur »Schult«, was be­wusst ei­ne Di­stanz er­zeugt. Die Mut­ter woll­te, dass Schult nach der Schu­le ei­ne Bank­leh­re macht, aber der schrieb sich zum Stu­di­um für Ge­schich­te ein. Es war nach­träg­li­che Op­po­si­ti­on zu sei­nem Na­zi-Leh­rer auf der Schu­le, der das »Drit­te Reich« schlicht über­gan­gen hat­te. Schult woll­te es ge­nau­er wis­sen. Nach dem Stu­di­um be­warb er sich auf ei­ne Do­zen­ten­stel­le in Eng­land, wur­de zu sei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung an­ge­nom­men und aus Gott­fried wur­de Ge­off. Zwan­zig Jah­re nach dem Feu­er­sturm war er al­so nun in Cam­bridge, wenn es auch nur das nicht so be­rühm­te »Dow­ning Col­lege« war.

Der aka­de­mi­sche Be­trieb er­zeug­te bei Schult ein Phleg­ma; er fand sich früh da­mit ab, kei­ne Kar­rie­re ma­chen zu kön­nen. Zu Be­ginn lern­te er die Non­kon­for­mi­sten Tom und Liz ken­nen, die sel­ber kaum Am­bi­tio­nen he­gen. Ei­ne der we­ni­gen Freund­schaf­ten, die Schult ein­ging, denn er war kon­takt­scheu. Um dem Uni-Be­trieb zu ent­flie­hen, mie­te­te er sich ei­ne klei­ne Woh­nung am Ar­nold Cir­cus, ei­nem der äl­te­sten Stadt­vier­tel Lon­dons; da­mals, 1964 beim Ein­zug, an­zie­hend schä­big. Hier konn­te er sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät ab­seits von Cam­bridge aus­le­ben, be­such­te ab und zu das »Ge­or­ge and Dra­gon«, ei­ne eher ver­gam­mel­te Knei­pe mit ei­ner herz­li­chen Wir­tin. Und hier fand er die Stri­cher, die er be­zahl­te und da­bei froh war, kei­ne wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen zu ha­ben. Die hy­po­chon­dri­sche Mut­ter in Ham­burg wird zwei Mal im Jahr be­sucht; man hat­te sich we­nig zu sa­gen. Den Weih­nachts­be­such brach Schult im­mer am 23.12. ab. Nur ein­mal, wäh­rend ei­nes Kur­auf­ent­halts, leb­te das Ver­hält­nis der bei­den für kur­ze Zeit auf.

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Pa­trick Mo­dia­no: Die Tän­ze­rin

Patrick Modiano: Die Tänzerin
Pa­trick Mo­dia­no:
Die Tän­ze­rin

Un­längst fei­er­te der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Pa­trick Mo­dia­no sei­nen 80. Ge­burts­tag. Seit Mit­te der 1970er Jah­ren wer­den sei­ne Bü­cher in Deutsch­land pu­bli­ziert – in meh­re­ren Ver­la­gen und von ei­ni­gen Über­set­zern, un­ter an­de­rem auch Pe­ter Hand­ke, der zeit­wei­se die Mo­dia­no-Bü­cher nach Suhr­kamp brach­te, be­vor sie bei Han­ser und Über­set­ze­rin Eli­sa­beth Edl ei­ne Heim­statt be­kom­men ha­ben. Mit den Jahr­zehn­ten sind sei­ne Ro­ma­ne zu klei­nen, luf­tig-duf­ti­gen Er­zäh­lun­gen ge­wor­den, die um Er­in­ne­rung, Zä­su­ren und ge­schei­ter­te (oder ge­lun­ge­ne) Le­bens­ent­wür­fe krei­sen. Auch im neu­en Ro­man Die Tän­ze­rin (wie ge­habt über­setzt von Eli­sa­beth Edl) spielt die Er­in­ne­rung und de­ren Un­zu­ver­läs­sig­keit ei­ne wich­ti­ge, ei­gent­lich die ent­schei­den­de Rol­le. Zeit und Bil­der ver­wi­schen, aber ge­ra­de hier­in scheint der Reiz zu lie­gen, der we­ni­ger dar­in be­steht, sich prä­zi­se zu er­in­nern, son­dern trotz oder ge­ra­de mit den bruch­stück­haf­ten Bil­dern so et­was wie ei­ne »ewi­ge Ge­gen­wart« zu er­zeu­gen, wie es fast eu­pho­risch am En­de des Bu­ches heißt.

Es be­ginnt mit ei­nem Mann, den der Ich-Er­zäh­ler zwi­schen all den Touristen-»Horden« in Pa­ris zu ent­decken glaubt: sei­nen ehe­ma­li­gen Ver­mie­ter von vor 50 (oder mehr) Jah­ren. Lei­der kann sich der der­art an­ge­spro­che­ne Mann we­der an ihn noch an die vor­ge­brach­ten Er­eig­nis­se er­in­nern, gibt ihm aber ei­nen Zet­tel mit Te­le­fon­num­mern und Adres­se.

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Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wo­chen mit Tho­mas
Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos

Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos
Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wo­chen mit Tho­mas Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos

Am 27. No­vem­ber 1988, drei Wo­chen nach der skan­dalum­to­sten Pre­mie­re von Hel­den­platz am Wie­ner Burg­thea­ter (in­sze­niert vom un­längst ver­stor­be­nen Claus Pey­mann), flog Su­san­ne Kuhn, ge­bo­re­ne Fab­jan, mit ih­rem Halb­bru­der Tho­mas Bern­hard nach Tor­re­mo­li­nos. Von da aus ging es mit dem Ta­xi zum Ho­tel La Bar­ra­cu­da an die Co­sta del Sol. Der Rück­flug für Su­san­ne Kuhn war am 18. De­zem­ber vor­ge­se­hen. Die ge­nau­en Rei­se­da­ten in­klu­si­ve Prei­se kann man auf der ab­ge­druck­ten Rech­nung im so­eben im Kor­rek­tur Ver­lag er­schie­ne­nen Buch Drei Wo­chen mit Tho­mas Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos nach­le­sen.

Es dau­er­te fast 37 Jah­re bis Su­san­ne Kuhn sich auf­raff­te zu­sam­men mit dem Zeich­ner Ni­co­las Mahler und dem ex­zel­len­ten Bern­hard-Ken­ner und ‑Bio­gra­fen Man­fred Mit­ter­may­er die­ses Er­leb­nis ei­ne Form zu ge­ben. Her­aus­ge­kom­men ist ein ehr­li­cher Text, der schnör­kel­los hei­te­re und är­ger­li­che Mo­men­te be­schreibt, il­lu­striert in be­kann­ter Ma­nier von Ni­co­las Mahler (Tho­mas Bern­hard mit ein biss­chen an Lo­ri­ot er­in­nern­der Knollennase).Vermutlich wuss­ten nur sehr we­ni­ge, wie krank Tho­mas Bern­hard da­mals wirk­lich war. Er konn­te z. B. nur noch im Sit­zen schla­fen; Su­san­ne Kuhn muss­te ihm mit ei­ner Schreib­tisch­schub­la­de im Rücken das Bett her­rich­ten, da­mit das mög­lich war. Ein­mal konn­te sie ei­ne Atem­not Bern­hards nur mit Ni­tro­gly­ce­rin-Spray lin­dern. War­um die­se Rei­se? Aus ei­nem Be­dürf­nis, dem sehr kran­ken, aber auch im­mer et­was un­nah­ba­ren Bru­der bei­zu­ste­hen? Su­san­ne Kuhn war sel­ber nicht ge­sund, hat­te ge­ra­de ih­re vor­zei­ti­ge Ren­te durch­be­kom­men, litt un­ter zahl­rei­chen Äng­sten und Pho­bien, wie et­wa Flug- oder Platz­angst. Als die bei­den ih­re Zim­mer im 9. Stock zu­ge­wie­sen be­kom­men, drängt sie für sich auf ein Zim­mer auf der 2. oder ma­xi­mal 3. Eta­ge.

Da man sich noch nie der­art na­he ge­kom­men war, gab es be­son­ders zu Be­ginn Span­nun­gen und Miss­ver­ständ­nis­se. Et­wa als der »pas­sio­nier­te Schuh­käu­fer« Bern­hard mit ihr in ein Schuh­ge­schäft ging und dort auch zwei Paar Schu­he für sie kau­fen woll­te. Sie muss­te je­doch vor ihm wie auf ei­nem Lauf­steg im­mer wie­der ge­hend über­prü­fen, ob sie auch wirk­lich pass­ten. Kurz dar­auf er­wog sie ernst­haft, vor­zei­tig ab­zu­rei­sen, blieb dann je­doch bis zum Schluss. Da­nach über­nahm Pe­ter Fab­jan.

Es gibt auch an­ek­do­ti­sches vom lei­den­schaft­li­chen Über­schrif­ten­le­ser Tho­mas Bern­hard (die Stö­ße der ge­kauf­ten Zei­tun­gen trug sie ihm hin­ter­her). Bei­spiels­wei­se über den eher un­be­frie­di­gen­den Aus­flug nach Gi­bral­tar. Oder der Be­such von Jo­chen Jung (mit ei­ner merk­wür­di­gen Sitz­ord­nung im Re­stau­rant). Dann von Bern­hards Freu­de mit ihr im Du­ett In the sum­mer­ti­me zu sin­gen. Oder die Schwe­ster im 12 Grad kal­ten Ho­tel­pool schwim­men zu se­hen. Aus Spar­sam­keits­grün­den soll­te sie ei­nen öf­fent­li­chen Münz­fern­spre­cher ver­wen­den; das Te­le­fon im Ho­tel war ihm zu teu­er. Bern­hard sel­ber war­te­te auf ei­nen An­ruf von Sieg­fried Un­seld. Der kam nicht. Was er wohl nicht wuss­te: Der war mit Pe­ter Hand­ke zur glei­chen Zeit in Ma­drid.

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Hu­bert Win­kels: Die Hän­de zum Him­mel

[...weit aus­ho­lend] Nie­mand, der sich für zeit­ge­nös­si­sche deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur in­ter­es­siert, kam am in die­sem Jahr 70 Jah­re alt wer­den­den Hu­bert Win­kels vor­bei. Er schrieb nicht nur für zahl­rei­che Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten Kri­ti­ken und Es­says (vom Düs­sel­dor­fer Stadt­ma­ga­zin Über­blick über Tem­po, stern, ZEIT, Süd­deut­sche Zei­tung und Spie­gel), son­dern war mehr als 25 Jah­re im Li­te­ra­tur­res­sort des ...

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Pe­ter Traw­ny: Aschen­plät­ze

Peter Trawny: Aschenplätze
Pe­ter Traw­ny: Aschen­plät­ze

Char­lie Brown, Li­nus und Lu­cie lie­gen auf ei­nem klei­nen Hü­gel und schau­en in die Wol­ken. Wenn man sei­ne Vor­stel­lungs­kraft be­mü­he, kön­ne man, so Lu­cie, ei­ni­ges in den Wol­ken­ge­bil­den er­ken­nen. Li­nus sieht dann in ei­ner Wol­ke die Land­kar­te von Bri­tisch Hon­du­ras1. Ei­ne an­de­re äh­ne­le dem Pro­fi von Pa­blo Pi­cas­so. Und da­hin­ter dann er­kennt er die Stei­ni­gung des Hei­li­gen Ste­pha­nus mit dem Apo­stel Pau­lus. Lu­cie lobt ihn und fragt Char­lie Brown, was er so se­he. Er woll­te was von Schäf­chen und Pferd­chen sa­gen, aber er las­se es dann lie­ber sein, meint er leicht re­si­gniert.

Mir geht es wie Char­lie Brown, ich be­trach­te Pe­ter Traw­nys Aschen­plät­ze und woll­te et­was über die Un­ter­schie­de zwi­schen Au­to­bio­gra­phie und Au­to­fik­ti­on und den Au­then­ti­zi­täts­fe­tisch des Feuil­le­tons schrei­ben, aber ich las­se das. Denn es gibt es sehr gu­te, un­ter­schied­li­che und doch sich er­gän­zen­de Be­trach­tun­gen über die­ses Buch von Jür­gen Niel­sen-Si­ko­ra und Mi­cha­el Chig­hel. Jür­gen Niel­sen-Si­ko­ra lobt »Kraft, Ent­schlos­sen­heit und Über­win­dung« des Au­tors, das Chan­gie­ren zwi­schen Au­to­bio­gra­phi­schem und Phi­lo­so­phi­schem. Mi­cha­el Chig­hel de­kla­riert es als ein jü­di­sches Buch, de­chif­friert die ver­wen­de­ten Pseud­ony­me der Ge­lieb­ten aus der jü­disch-my­sti­schen Kosmo­go­nie und fragt sich, ob Traw­ny nicht zu weit ge­he in sei­ner Ad­ap­ti­on des Ju­den­tums. Was kann ich die­sen bei­den stu­pen­den Deu­tun­gen noch hin­zu­fü­gen?

Ver­set­ze ich mich kurz in mein kauf­män­nisch ge­präg­tes, be­ruf­li­ches Um­feld (ich ver­ließ es 2015), so bin ich si­cher, dass Pe­ter Traw­ny dort weit­ge­hend un­be­kannt ist. Phi­lo­so­phie galt (und gilt) in die­sem Mi­lieu ma­xi­mal als Stecken­pferd und wird al­len­falls von fin­di­gen Fi­gu­ren, die sich »Coa­ches« nen­nen, als Stein­bruch für Ma­na­ger­se­mi­na­re aus­ge­schlach­tet, die schlag­wort­haf­te Ka­cheln mit (mo­ra­lisch da­her­kom­men­den) Hand­lungs­an­wei­sun­gen kon­stru­ie­ren, um Hil­fe­stel­lun­gen bei der Un­ter­schei­dung von Gut und Bö­se zu ge­ben. Die Fra­ge, die sich al­so stellt, ist die nach dem Pu­bli­kum für ei­ne Au­to­bio­gra­phie ei­nes Phi­lo­so­phen, der sich schwer­punkt­mä­ßig vor al­lem mit Mar­tin Heid­eg­ger, Fried­rich Nietz­sche und, im­mer wie­der, Ge­org Fried­rich Wil­helm He­gel be­fasst (die Phä­no­me­no­lo­gie des Gei­stes nennt Traw­ny »ei­ne Art phi­lo­so­phi­scher Bil­dungs­ro­man«) und da­mit, wie es im Wirt­schafts­deutsch heißt, ei­ne »Ni­sche be­dient«.

Der die­sen Leu­ten ver­mut­lich schwer ver­mit­tel­ba­re Clou die­ses Bu­ches be­steht dar­in, über den Um­weg (auto-)biographischer Schil­de­run­gen ei­ne Chan­ce zu phi­lo­so­phi­schen Zu­gän­gen jen­seits von Glücks­keks­weis­hei­ten zu er­hal­ten. Man könn­te al­so bei der Lek­tü­re so tun, als sei ›Pe­ter Traw­ny‹ ei­ne fik­ti­ve Fi­gur. Die schreibt über ihr Le­ben, ver­knüpft je­doch Bio­gra­phie mit phi­lo­so­phi­schen Pro­blem­stel­lun­gen. Das führt bis­wei­len zu Wi­der­sprü­chen, die kei­ne sind, weil den Er­kennt­nis­sen fort­lau­fen­de Er­fah­run­gen zu Grun­de lie­gen, die ein­sti­ge Ur­tei­le nicht re­vi­die­ren, son­dern wei­ter ent­wickeln oder er­gän­zen. Stel­len­wei­se mün­den sei­ne Er­leb­nis­se in aus­ufern­de Schil­de­run­gen, die bis­wei­len wie Recht­fer­ti­gun­gen klin­gen, mehr her­aus­ge­ar­bei­tet als er­zählt wer­den. Traw­ny ist das be­wusst, er sei kein Dich­ter, schreibt er und spä­te­stens hier be­kommt die Les­art als Fik­ti­on Ris­se. Im­mer­hin ge­lin­gen im­mer wie­der ge­lun­ge­ne (au­ßer­phi­lo­so­phi­sche) Bil­der, et­wa über die Er­leb­nis­se un­ter Ta­ge oder über die Mu­sik- und Kunst­sze­ne um Wan­ne-Eickel der Sieb­zi­ger­jah­re, über die er mit weh­mü­ti­ger Sym­pa­thie rä­so­niert.

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  1. Der Film entstand 1969 - das Land heißt heute Belize 

Til­mann Lah­me: Tho­mas Mann – Ein Le­ben

Tilmann Lahme: Thomas Mann - Ein Leben
Til­mann Lah­me: Tho­mas Mann – Ein Le­ben

Man sucht nach ei­nem Be­griff, mit dem ad­äquat be­schrie­ben wer­den kann, was das neue­ste Buch des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Go­lo-Mann-Bio­gra­phen Til­mann Lah­me mit dem harm­lo­sen Ti­tel Tho­mas Mann aus­ge­löst hat. Wä­re »Erd­be­ben« viel­leicht recht? Wenn ja, wel­che Stär­ke hat die­ses Be­ben auf der nach oben of­fe­nen Feuil­le­ton-Ska­la? Da­bei mu­tet der auf dem Co­ver in klei­ne­rer Schrift ge­druck­te Un­ter­ti­tel harm­los an: »Ein Le­ben« steht dort. Der Ver­lag greift in sei­ner Wer­bung ei­ne Spur hö­her und tex­tet »Tho­mas Mann und sein wirk­li­ches Le­ben«. Ent­hül­lun­gen wer­den an­ge­droht. Wer der­art auf­trumpft, muss lie­fern. Und Lah­me ver­sucht das. Sein Buch ist kei­ne Bio­gra­phie, er wie­der­holt nicht auf Voll­stän­dig­keit zie­lend die längst be­kann­ten Da­ten, Fak­ten, Epi­so­den und An­ek­do­ten, Lah­me lie­fert auch nur eher spar­sa­me In­ter­pre­ta­tio­nen von Tho­mas Manns Pro­sa – und dort, wo er es macht, wird es min­de­stens ein­mal pein­lich, doch da­zu spä­ter.

Lah­me schreibt nicht über Tho­mas Manns Le­ben, son­dern vor al­lem über Tho­mas Manns Se­xu­alle­ben. Er be­treibt das, was Die­ter Borchmey­er nicht ganz ab­we­gig »Bio­gra­phis­mus« nennt. Und er stellt sich die­sen Ex­ege­ten mit of­fe­nem Vi­sier ent­ge­gen. Am En­de bi­lan­ziert Lah­me, dass »die im li­te­ra­ri­schen An­spie­lungs­raum ver­bor­ge­ne gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be bei Tho­mas Mann als ein we­sent­li­ches Ele­ment sei­ner li­te­ra­ri­schen Kunst zu be­trach­ten« sei. Nach der Lek­tü­re ver­mit­telt sich ei­nem der Ein­druck, es sei DAS we­sent­li­che Ele­ment.

Dass Tho­mas Mann ho­mo­se­xu­el­le Nei­gun­gen hat­te, die sich in heu­te eher als lä­cher­lich zu be­trach­ten­den Schwär­me­rei­en äu­ßer­ten, ist na­tür­lich kein Ge­heim­nis mehr. Und das er un­ter der zeit­ge­mä­ßen Not­wen­dig­keit, die­se zu ver­ber­gen ge­lit­ten hat, ist eben­so be­kannt. Aber Lah­me will mit sei­nen Re­cher­chen zei­gen, dass die Un­ter­drückung der Ho­mo­se­xua­li­tät mehr war als nur ein sich Ar­ran­gie­ren mit und in den Zwän­gen der Ge­sell­schaft, son­dern ein le­bens­lan­ger Kampf ge­gen die »Hun­de im Sou­ter­rain« sei­nes We­sens, wie er sei­nem Freund Ot­to Grau­toff 1896, 21jährig, in An­leh­nung an ei­ne For­mu­lie­rung von Fried­rich Nietz­sche schrieb.

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Da­nie­la Stri­gl: Zum Trotz

Daniela Strigl: Zum Trotz
Da­nie­la Stri­gl: Zum Trotz

Er­kun­dung ei­ner zwie­späl­ti­gen Ei­gen­schaft un­ter­ti­telt die re­nom­mier­te öster­rei­chi­sche Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl ih­re nun in Schrift­form vor­ge­leg­ten Vor­le­sun­gen Zum Trotz vom No­vem­ber 2024. Es be­ginnt mit ei­nem kur­zen ety­mo­lo­gisch-ge­schicht­li­chen Aus­flug über den Be­griff »Trotz«. Erst im 19. Jahr­hun­dert ver­än­der­te sich die Be­wer­tung und Trotz galt als eher ne­ga­ti­ve Ei­gen­schaft, be­son­ders bei Frau­en. Der Zwie­spalt, der sich zwi­schen »kin­disch« und »Mo­vens des Wi­der­stands« auf­tut, zeigt zahl­rei­che Fa­cet­ten. Be­vor die Ty­po­lo­gie der Trotz‑, Rap­pel- oder Quer­köp­fe in der Li­te­ra­tur (mit Sei­ten­blicken aufs rich­ti­ge Le­ben) er­folgt, wird die so­ge­nann­te »Trotz­pha­se« des Kin­des un­ter­sucht. Hier er­lebt »das Kind den Kon­flikt zwi­schen Wol­len und Kön­nen als Quel­le der Fru­stra­ti­on.« Vor ein­hun­dert Jah­ren wur­de die­ses Ver­hal­ten ne­ga­tiv be­ur­teilt und mit Au­to­ri­tät be­kämpft, in­zwi­schen neigt man da­zu, es als wich­ti­ge Ent­wick­lung zu se­hen, und emp­fin­det neu­er­dings nur den Ter­mi­nus als dis­kri­mi­nie­rend. Er heißt jetzt auf neu­kor­rekt »Au­to­no­mie­pha­se«, was Stri­gl kri­ti­siert. Aber viel­leicht hat »Trotz« in an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen doch et­was mit »Au­to­no­mie« zu tun?

Stri­gl er­nennt Hein­rich von Kleists Mi­cha­el Kohl­haas zum »Ar­che­typ des Trot­zes«. Er ist ei­ner, der »su­spekt, recht­schaf­fen und ent­setz­lich« han­delt, der nicht ak­zep­tiert, dass man ihm die bei­den an der Zoll­sta­ti­on zum Pfand über­ge­be­nen Pfer­de in ei­nem er­bärm­li­chen Zu­stand ent­schä­di­gungs­los zu­rück­ge­ben will. Die Ra­di­ka­li­sie­rung von Kohl­haas ent­wickelt sich. Die er­ste Stu­fe ist der Tod (ge­nau­er: die Tö­tung) sei­ner Frau durch die Re­gie­rungs­macht des Kur­fürsts, als sie ei­ne Bitt­schrift ih­res Ehe­manns über­brin­gen woll­te. Kohl­haas über­nimmt nun das »Ge­schäft der Ra­che«, re­kru­tiert Söld­ner, wird zum Plün­de­rer und Mord­bren­ner, oh­ne die un­mit­tel­bar Ver­ant­wort­li­chen di­rekt zu tref­fen. Glück­li­cher­wei­se er­läu­tert Stri­gl die Ge­schich­te über das hin­läng­lich be­kann­te er­ste Vier­tel der No­vel­le hin­aus und ent­wickelt die ein­zel­nen Pha­sen des (ju­ri­sti­schen) Fal­les und der Es­ka­la­tio­nen. Ist doch die »wei­te­re Hand­lung ist…von Hoff­nungs­schim­mern, Bei­na­he-Lö­sun­gen, Um­schwün­gen, Zu­fäl­len, Wie­der­ho­lun­gen und Va­ria­tio­nen be­stimmt.« Das Ge­spräch mit Mar­tin Lu­ther, der Kohl­haas ins Ge­wis­sen re­det, lässt Kohl­haas in­ne­hal­ten. Die An­ge­le­gen­heit scheint nach ei­ni­gen Ver­hand­lun­gen kurz vor ei­nem halb­wegs ver­söhn­li­chen En­de zu ste­hen, aber Kohl­haas’ Auf­ent­halt in Dres­den wan­delt sich zum Haus­ar­rest, schließ­lich zur Haft. Am En­de »wird der Ge­rech­tig­keit rund­um ge­nü­ge ge­tan«. Der klei­ne Schön­heits­feh­ler: Kohl­haas wird ge­henkt.

Im wei­te­ren Ver­lauf der Er­kun­dun­gen Stri­gls wird Kohl­haas auch un­ter an­de­re Ty­pen des Trot­zes ein­ge­ord­net. Je nach Stand der Ge­schich­te be­kommt er dann Zü­ge des Re­bel­len, Ter­ro­ri­sten, De­spe­ra­dos, Amok­läu­fers oder Que­ru­lan­ten. Nicht im­mer glücken da­bei die Trans­for­ma­tio­nen auf Phä­no­me­ne der Ge­gen­wart. So ist es schwie­rig, Kohl­haas’ »Rebellion…gegen ade­li­ge Will­kür«, die in Selbst­ju­stiz und Raub­zü­gen mün­de­te, mit Trumps Ver­hal­ten nach der ver­lo­re­nen Wahl 2020 zu ver­glei­chen, und zu kon­sta­tie­ren, Trump ha­be mit sei­ner Bil­li­gung der Stür­mung des Ka­pi­tols am 6. Ja­nu­ar 2021 den bür­ger­li­chen Un­ge­hor­sam in Miss­kre­dit ge­bracht. Trump als »trot­zi­gen Po­li­ti­ker« zu be­zeich­nen ist ein Eu­phe­mis­mus, weil da­mit die Mo­ti­ve Trumps un­ter­schätzt wer­den.

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